
Sebald bin ich erst spät begegnet. Noch die Nachrufe wurden unter De mortuis nihil nisi abgelegt, bei jedem der zahlreichen achtbaren aber nicht notwendigen Kollegen hätten sie kaum anders geklungen. Einer von ihnen hat sich unlängst in einem Zeitungsaufsatz als Pygmäe im Vergleich zu Kafka bezeichnet, daran ist für ihn sicherlich nichts Ehrenrühriges. Der Leser muß sich aber angesichts begrenzter Lebenszeit immer wieder entscheiden, ob er lieber den Riesen zum dritten oder den Zwerg zum ersten Mal treffen möchte.

Zur Begegnung mit Sebald kam es dann unter Zwang, wir hatten in einem Freundeskreis verabredet, Austerlitz zur gemeinsamen Besprechung zu lesen. Der Umschlag des anfänglichen Unbehagens in ungläubige Begeisterung schon nach kürzester Zeit ist im Sebaldstück Leaving Prague festgehalten.
Der Unglaube mußte weichen, die Begeisterung ist geblieben. Sebalds Werke habe ich kreisförmig immer wieder abgelesen, Erinnerungsnotizen über eine Wallfahrt nach Wertach aufgeschrieben und Zorn entwickelt gegen Joseph Quack den Bruchpiloten, der öffentlich an meinem Verstand zweifelt. Auslöser für die Kleinen Sebaldstücke war dann aber der Band Verschiebebahnhöfen der Erinnerung (Würzburg 2007) mit durchweg gelungenen Beiträgen, lediglich an einigen kleinen Ecken hatte ich den Eindruck, es inzwischen vielleicht besser zu wissen.
Zunächst war als ein gewisser Rückstau abzuarbeiten, auch verursacht durch die immer wieder auftauchende Behauptung, Sebald kenne keinen Humor. Ich hatte dann jeweils wieder einzelne Stellen aus den Schwindel.Gefühlen gelesen oder auch die Moment musicaux und ratlos gegrübelt über die dunkle Unverständlichkeit des Menschengeschlechts. Im weiteren war der Plan dann, in ufernahen Nebenströmungen zu segeln, Heilige, Uhren, Empfangsdamen, Sehfehler, Tiere u.a., unter Vermeidung der Gefahren des Hauptstroms. Dann wurde der Lyrikband aus dem Nachlaß herausgegeben, die Ausstellung in Marbach, die ich im übrigen noch nicht besuchen konnte, wurde eröffnet.

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