
Andreas Isenschmid schreibt in der ZEIT anläßlich der Eröffnung der Sebaldausstellung in Marbach auf der einen Seite und des Erscheinens des Gedichtbandes Über das Land und das Wasser auf der anderen: Wie oft hat Sebald sich nicht verwandelt – um dann zu bemerken, daß er sich dabei immer nur ähnlicher wurde. Der Sebaldianer wird dem zweiten Teil, der auf Bewegung im Gleichen und Annäherung an einen verborgenen Identitätskern zielt, leichter zustimmen können und sich denken, das Lob des multiplen Wandels sei womöglich ein Reflex noch aus der Zeit, als die Umplazierung der Goldenen Zeit aus der Vergangenheit in die Zukunft Neuwert hatte, alle sich im Fortschritt glaubten und einem Künstler nicht Schlimmeres vorgeworfen konnten als das Ausbleiben einer kompletten Neugeburt zwischen einem Werk und dem nächsten. Nicht alle haben sich davon beeindrucken lassen, und Jahrhunderte zuvor hatte man als Künstler ohnehin versucht, unverändert und still um die Ewige Wahrheit zu kreisen und eben dabei gediegene Individualität gefunden. Auf einer gedachten Skala, die sich von Feofan Grek bis hin zum üblicherweise nach farblichen und geometrischen Gesichtspunkten periodisierten Picasso erstreckt, wäre Sebald deutlich näher bei Feofan zu finden, mit der Maßgabe freilich, daß sein Schaffen um die für immer verlorene Wahrheit kreist.
Der Sebaldianer ist geneigt, den bereits in jungen Jahren einsetzenden Germanisten und Literaturwissenschaftler Sebald und Sebald, den erst spät beginnenden Prosakünstler, als zwei Personen wahrzunehmen, um dann fasziniert zu verfolgen, wie der Philologe dem Dichter immer ähnlicher wurde. Logis in einem Landhaus ist auf der gemeinsamen Schwelle von Essay und Belletristik zu sehen, und zumindest der Rousseauaufsatz J'aurais voulu que ce lac eut été l'Océan ließe sich, so wie er ist, als weitere Schriftstellervignette in die Ringe des Saturn transferieren. Der Lyriker Sebald, als dritter im Bunde, scheint zumindest in einigen Fällen dem Prosaisten vorauszueilen mit einer ersten dichterischen Beruhigung des auf die aufwendige Prosagestaltung noch wartenden Materials. Der Lyriker wäre insofern ein Gehilfe des Prosaisten, ein Gehilfe, der sich bei der Abfassung von Nach der Natur noch als selbständig einschätzen konnte, angesichts der Prosanähe dieses Werks das Ende der Freiheit gleichwohl schon kommen sah. Auch in dem Lyrikband finden sich schöne Dichtervignetten von Goethe und Tschechow, deren Prosapendant man gleichwohl gern sähe. Zu verschiedenen anderen Gedichten gibt es unmittelbar entsprechende Prosaversionen. Nach dieser Sicht also weniger fortlaufende Neuerungen als eine Hierarchie der Äußerungsebenen und auf der bestimmenden Ebene, der Prosa, keine umstürzlerischen Wandlungen. Das besagt natürlich nicht, es würde Eintönigkeit herrschen.
Das Prosawerk besteht im wesentlichen aus den vier Bänden Schwindel.Gefühle (SG), Die Ausgewanderten (AW), Die Ringe des Saturn (RS) und Austerlitz (AUS); vier Erzählikonen in jeweils einer anderen Bildgattung – oder doch nicht? In den kleinen Sebaldstücken wurden einige insistierende Motive quer durch die vier Prosabände verfolgt in der Hoffnung, sie würden von der Peripherie aus auf das Zentrum verweisen. Eine ausgewogene Distribution trat dabei nicht zu Tage. Nur das Motiv der Empfangsdamen, als Teil des Wander-/Selyssesmotivs, ist ungefähr gleichmäßig über die vier Bände verteilt ist. Das Tiermotiv, um ein anderes Beispiel aufzugreifen, prägt SG, RS und AUS nicht unerheblich, AW dagegen kaum. Heilige trifft man zahlreich in SG und RS aber kaum in AW und AUS. Die beiden einzigen Kopulationsszenen des Gesamtwerkes sowie die beiden auffälligen Essensszenen konzentrieren sich mit je einem Exemplar auf SG und RS, AW und AUS gehen leer aus. Vielleicht lassen sich damit auch die Linien einer Einteilung des Prosawerks nachziehen.
Der Untertitel von AW, Vier lange Erzählungen, ließe sich auch für SG verwenden und scheint damit eine Verwandtschaft anzudeuten. Ebenso gut aber ließe sich der Untertitel von RS Eine englische Wallfahrt als Eine alpine Wallfahrt für SG variieren. Offenbar trägt die zweite Möglichkeit weiter. Sowohl in SG als auch in RS durchstreift ein Sebaldscher Wanderer, Selysses, ein begrenztes Areal in Europa und wechselt sich im Fokus der Erzählung ab mit Schriftstellerkollegen der Vergangenheit und anderen historischen Figuren.
Man kann also unterscheiden zwischen zwei Wallfahrtsbänden, die weit in die Geschichte zurückgreifen und mithin u.a. auch Heilige aufweisen, und zwei Holocaustbänden mit Beschränkung auf die jüngere Geschichte von Verbrechen und Leid. Die Holocaustbände sind in der Gestaltungsart näher an üblichen Erzählformen, Austerlitz läßt sich mit einigem Zwang als Roman verstehen. Dabei kann der jeweils zweite Band als Steigerung in seiner Reihe und Übertrumpfung des ersten verstanden werden. RS ist mit seinen zehn Kapiteln dichter und reicher noch als SG, AUS deutlich üppiger als die Erzählung Max Aurach, zu der der Roman in einer direkten Linie steht. Das hindert natürlich keinen Leser, das jeweils erste Werk mit oder ohne Grund vorzuziehen, und manch einer wird die Schwindel.Gefühle, das erste große Prosawerk Sebalds überhaupt, besonders gern immer wieder aus Neue öffnen. AUS unterscheidet sich von AW unter anderem durch die starke Berücksichtigung des Tierthemas und überbrückt damit auch die Trennung von den Wallfahrtsbänden.
Diese Sichtweise erklärt vielleicht zusätzlich, warum das Korsikaprojekt, das auf eine Korsische Wallfahrt zulief, zunächst aufgegeben wurde. Sebald hätte sich hier wohl eine zweite Steigerung in derselben Reihe zugemutet, auch für ihn keine leichte Aufgabe angesichts des schon erreichten Niveaus. Hätte er, so gesehen, das Korsikaprojekt nach Fertigstellung des Austerlitzbuches wohl erneut aufgegriffen? Immerhin haben wir das von Christian Scholz geschossene Photo vor Augen, das den Dichter in seinen späten Jahren zeigt, souverän und seiner Sache offenbar gewiß: Was könnte mir widerstehen, was wäre mir, mit Hilfe einer Zigarette, nicht möglich?

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