Sonntag, 11. Dezember 2011

Neger

Lichte Welt



Wer schon immer besonders die deutschen Wörter geliebt hat, die neben den Konsonanten als Vokal in Klang und Wortbild ausschließlich das E in seinen verschiedenen Schattierungen enthalten, kann denen nur die kalte Schulter weisen, die meinen, sie müßten im schützenden und ja wirklich tiefen Dunkel der sogenannten neuen Rechtschreibung dem wohl schönsten, in jedem Fall aber behendesten aller deutschen Worte: BEHENDE, ein bräsiges Ä einpflanzen, um dann auf die gleiche Weise die Gemse ihrer Sprungkraft zu berauben. Er fühlt sich auch persönlich betrogen und beraubt von den dunklen Mächten, die den NEGER abgeschafft haben, bei dem er nie etwas Schlimmes gedacht hatte, ganz im Gegenteil. Es ist ihm daher eine Genugtuung, wenn der Neger bei Sebald, dem er sich ohnehin nahe fühlt wie sonst kaum jemandem, unbeirrt weiterlebt. Wie aber ist ihm, dem Neger, dieses Überleben möglich im Schutz der Texte Sebalds zwar, aber damit dann doch den Augen einer ihm extrem feindlich gesonnenen Öffentlichkeit preisgegeben? Uwe Schütte ist dem Problem bereits in seinem Aufsatz Sebalds Neger nachgegangen, allerdings mit Blick auch auf diverse andere Widerborstigkeiten des Autors, so daß noch Raum bleibt für Feinuntersuchungen in dieser speziellen Frage.

Zum einen erinnert bereits U. Schütte an den bekannten Umstand, daß Sebald aus ästhetischen Gründen, denen hier im einzelnen nicht nachzugehen ist, ab einem bestimmten historischen Zeitpunkt sein Lexikon der deutschen Sprache für Neuaufnahmen geschlossen und sich daher auch auf die langen Kette sprachlicher Neufassungen für den Hinweis auf die Empirie dunkler Hautfarbe nicht eingelassen hat. Die Wächter wird das nicht zufriedenstellen, in einer derart wichtigen Frage hätte Sebald, so die Wächter, Zugeständnisse machen müssen, zumal bei ihm zu den Negern, offenbar ermutigt durch deren schlechtes Beispiel, dann auch noch die Zigeuner treten. Principiis obsta.


Zum anderen sind Gründe zu vermuten ähnlich denen, die Luhmann zu dem Stoßseufzer veranlaßt haben: Nie wieder Vernunft! Der Theoretiker wollte damit keineswegs eigenem Vernunftgebrauch für die Zukunft abschwören und auch seinen Lesern nicht abraten von vernünftiger Lebensführung. Es ging ihm darum, auch vom mächtigsten Instrument, das dem Menschen zur Begradigung der Welt nach seinen Vorstellungen zur Verfügung steht, nicht allzuviel zu erwarten, die Vernunft also nie wieder im Sinne Kants zur Grundlage einer allgemeinen Theorie zu machen. Was aber können, wenn schon die Planierraupe Vernunft im großen und ganzen versagt, die kleinen Hämmerchen und Schraubenzieherchen der Sprachbereinigung anderes bewirken als die Aufrechterhaltung unbegründeter und daher schädlicher Illusionen.

Betrachten wir aber die konkreten Stellen, wo bei Sebald der NEGER in Erscheinung tritt. Die Suche wird einsetzen im Fünften Teil der Ringe des Saturn, als Selysses Joseph Conrad in den Kongo folgt. Hier sollte der NEGER zu Hauf vertreten sein und auch mit gutem Recht, nämlich als sprachliche Spiegelung der Epoche. Er fehlt aber. Die Rede ist von Eingeborenen, schwarzen Figuren und Schattenwesen, wobei die letztgenannte Bezeichnung keineswegs die Hautfarbe der schwarzen Bevölkerung, sondern allein ihr Martyrium vor Augen hat. Wer nach der quälenden Lektüre dieser Textstelle noch der Auffassung sein sollte, Sebald habe dem dunkelhäutigen Teil der Menschheit übel gewollt, ist offenkundig nicht bei Trost. Übel will er, wenn man es so sieht, den Verursachern des Martyriums, den Belgiern, denen er in der direkt anschließenden, ihrerseits oft gescholtenen Passage eine bis auf den heutigen Tag andauernde auffallende Häßlichkeit und Verkrüppelung bestätigt, wie man sie anderwärts nur selten antrifft. Naturgemäß befinden wir uns dabei nicht im Raum wahrheitsgetreuer Alltagsbeobachtung, sondern im Inneren eines im Tonfall schwarzen Humors ausgemalten poetischen Bildes von der Verkrüppelung der europäischen Seele, denn Brüssel ist, das sollten wir nicht vergessen, schon seit langem unserer aller Hauptstadt.

Wenn die NEGER also dort fehlen, wo sie allenfalls zulässig wären, im Kongo des neunzehnten Jahrhunderts, so treten sie am Orten auf, wo sie nicht hingehören, im Allgäu, in den USA und in der Londoner U-Bahn.

Die Weiber gingen in Hosen, heißt es von der amerikanischen Besatzungsmacht in Bayern, die Männer hatten die Füße auf dem Tisch, die Kinder ließen die Fahrräder in der Nacht im Garten liegen, und was man von den Negern halten sollte, das wußte sowieso kein Mensch. - Auch wer die Strenge des wahren Sprachgebrauchs vertritt, wird hier mildernde Umstände gelten lassen, denn Selysses spricht ersichtlich nicht mit den eigenen Worten, sondern im Tonfall seiner damaligen Volksgenossen, gestaltet also das Zeitkolorit.

Mildernde Umstände dieser Art können nicht auf den amerikanischen Highways gelten: Die Überholvorgänge verliefen so langsam, daß man, während man Zoll für Zoll sich nach vorn schob oder zurückfiel, sozusagen zu einem Reisebekannten seines Spurnachbarn wurde.Beispielsweise befand ich mich einmal eine gute halbe Stunde in Begleitung einer Negerfamilie, deren Mitglieder mir durch verschiedene Zeichen und wiederholtes Herüberlächeln zu verstehen gaben, daß sie mich als eine Art Hausfreund bereits in ihr Herz geschlossen hatten, und als sie an der Ausfahrt nach Hurleyville in einem weiten Bogen von mir sich trennten, da fühlte ich mich eine Zeitlang ziemlich allein und verlassen. - Einerseits ist unzulässigerweise von einer NEGERFAMILIE die Rede, andererseits ist es vielleicht die schönste und liebevollste aller Begegnungen mit Menschen, die Sebald gestaltet hat. Die Wächter wird das nicht überzeugen.

Vollends heikel wird die Situation in der Londoner U-Bahn: Jetzt also stand ich auf dem Trottoir vor dem Eingang zu der fraglichen Station und brauchte, um mir die Mühe des letzten Wegstücks zu ersparen, bloß einzutreten in die dunkle Vorhalle, in der außer einer sehr schwarzen, in einer Art Schalterhäuschen sitzenden Negerfrau nicht ein lebendiges Wesen zu sehen war. - Hier wird nun offenkundig und horribile dictu, ganz abgesehen von der Verwendung des geächteten Wortes, die schwarze Hautfarbe ästhetisch instrumentalisiert, und das, wie man auf den ersten Blick zumindest befürchten muß, nicht zum Guten! Aber ist das richtig? Wir befinden uns außerhalb der Realität in einem gänzlich symbolischen Raum. Selysses folgt den Lockungen der Unterwelt, traut sich aber nicht einzutreten. Ein Vergil, der ihn leiten könnte, ist nicht in Sicht. Falls es sich bei der sehr schwarzen Frau um Beatrice handeln sollte, so ist das noch nicht ihre Stunde, ihr Revier ist das Paradies. Es mag so sein oder auch anders, sicher aber erfährt die dunkle Dame in ihrem Häuschen vom Text mehr Liebe und Gerechtigkeit, als mancher sich träumen läßt.

Immer wieder erlebt Selysses die momentane Entvölkerung der Welt. Auch auf dem Highway ist er plötzlich allein mit der Negerfamilie im Nachbarauto, dann, als er abbiegt, nun gänzlich allein und verlassen, liegt nur noch das Grauen des Sanatoriums in Ithaca vor ihm. Noch deutlicher ist die Negerfrau in der U-Bahn der letzte Mensch für ihn. Sowohl die Negerfamilie als auch die Negerfrau sitzen abgeschirmt in Käfigen, sei es in einem Autos, sei es in einem Schalterhäuschen. Eine diese Grenze überschreitende weitere Annäherung ist Selysses und damit uns untersagt. Die angestrengte Vermeidung des Wortes NEGER wäre nicht als Anmaßung und Anbiederung, Mißachtung der Grenze, unerwünschte Verabreichung von Almosen. Die Verwendung des geächteten Wortes ist ein Akt der Diskretion. Wie immer hat Sebald auch hier das bessere Ohr. Folgen sollte ihm aber vielleicht nur, wer glaubt, über ähnliche gute Ohren zu verfügen, und wer kann das schon von sich sagen. Ein hohes Risiko bleibt es in einer Welt überwiegend verstopfter Ohren in jedem Fall.