Montag, 25. August 2008

Vynwry: Der Hund und das Mädchen

Kaum Liebe zwischen Mensch und Tier

C'est de cette facon que l'homme se distingue des primates et va, de découverte en découverte, toujours plus haut, vers la lumière.

Zu sagen, Sebald Bücher seien kaum weniger von Tieren als von Menschen bevölkert, wäre, nimmt man die schiere Zahl der auftauchenden Motten, Heringe und Seidenwürmer, eine mörderische Untertreibung. Auch wer diese Art der Rechnung mit gutem Grund zurückweist, wird nicht bestreiten wollen, daß Tiere eine eigene und sehr starke Bedeutungsschicht im Werk darstellen. Bevor wir im Austerlitzbuch mit den Augen des Selysses den ersten Menschen sehen, haben wir schon Fleder- und Springmäuse, Igel, Uhus und Eulen, australische Baummarder, Siebenschläfer, Halbaffen und einen Waschbären getroffen. Die ersten beiden Bilder im Buch zeigen Tieraugen, erst dann folgt ein Doppelphoto mit Menschenaugen. In der großen Masse der Tiere ist auffällig, daß Gefährten von Effi Briests Rollo und Thomas Manns Bauschan, individuelle Tiere als Freunde und Gefährten der Menschen also, weitgehend fehlen.


Den vielleicht nachhaltigsten Eindruck unter den Hunden hinterläßt der hellfarbige, der Selysses für eine Wegstrecke durch Verona folgt mit seinem schwarzen Fleck wie eine Klappe über dem linken Auge. Es ist kein Rollo oder Bauschan, es ist ein herrenloser Hund, und wie alle herrenlosen Hunde schien er schräg zu der Richtung zu laufen, in der er sich fortbewegte. Blieb ich stehen, so hielt auch er ein und schaute versonnen auf das fließende Wasser der Etsch. Ging ich weiter, so machte auch er sich wieder auf den Weg. Als ich aber am Castelvecchio den Corso Cavour überquerte, blieb er an der Bordsteinkante zurück, und ich wäre, weil ich mitten auf dem Corso mich umwandte nach ihm, um ein Haar überfahren worden (SG 139).

Hunden mit einem sogenannten menschlichen Zuhause geht es keineswegs zuverlässig besser: Ein Hund warf sich an ein grüngestrichenes eisernes Gartentor, völlig außer sich, als sei er um seinen Verstang gekommen. Es war ein großer schwarzer Neufundländer, dessen angeborene Sanftmut durch Mißhandlungen, lange Einsamkeit oder das glasklare Wetter zerstört worden war. In immer neuen Anläufen rannte das Tier gegen das Gitter. Nur manchmal hielt es inne und richtete seine Augen auf uns, die wir stehengeblieben waren. Ich warf einen Schilling als Seelenopfer in den am Gartentor angebrachten blechernen Briefkasten. Beim Weitergehen fühlte ich die Kälte des Schreckens in meinen Gliedern. Der Hund war nun verstummt und stand bewegungslos im Mittagslicht. Vielleicht hätten wir ihn einfach auslassen sollen (SG 50).

Dem ausdrücklichen Zwang, Joyces Buch vom Leopold Bloom als Neuauflage der Odyssee zu lesen, entspricht die leise Erlaubnis, im Austerlitzbuch eine Neuauflage der Divina Comedia zu sehen, und es bedarf schon des Paradieses, das im Buch die Gestalt und das Aussehen von Andromeda Logde annimmt, um in der Gestalt des Hündchens Toby auf einen Gefährten Rollos und Bauschans zu treffen (AUS 144). Toby, der den gleichen seltsamen Haarkranz um das Gesicht hat, ist der ins Paradies gerettete Engel des kleinen Hundes auf dem Schoß des Mädchens von Vynwry, so wie ja das überflutete, untergegangene Vynwry (AUS 81) so etwas wie die untergründige Spiegelung von Andromeda Logde ist. Auch im Paradies freilich tritt Toby kaum markant hervor in der Masse der Papageien und weißen Kakadus, die seufzten, lachten, niesten und gähnten wie die Menschen und sich räusperten, ehe sie in ihrer Kakadusprache zu reden anfingen (122f) und der Motten und Falter, den Porzellan- und Pergamentspinnern, den spanischen Fahnen und schwarzen Ordensbändern, Messing- und Ypsiloneulen, Wolfsmilch- und Fledermausschwärmern, Jungfernkindern und alten Damen, Totenköpfen und Geistermotten (136).

Den dicken, fuchsfarbenen Dackel, der nicht mehr gut auf den Beinen war und ab und zu stehenblieb, um mit gefurchter Braue vor sich hin in den Erdboden zu starren, Repräsentant einer ganzen Gattung griesgrämiger kleiner Hunde, die fast alle einen Maulkorb aus Draht trugen und vielleicht deshalb so verstummt und böse geworden sind (AUS 237f), diesen Dackel müssen wir hier nicht weiter beachten. Bleibt als weiterer möglicher Kandidat auf den Bauschanposten der Hund Waldmann des Jägers Hans Schlag aus den Schwindel.Gefühlen. Der Name Waldmann individualisiert den caninen Begleiter eines Jägers nicht ernstlich, typisiert ihn vielmehr scherzhaft. Wir sehen ihn festgebunden an Hans Schlags über die Stuhllehne hängenden Rucksack für Stunden in der Engelwirtschaft liegen (SG 259), wir sehen Waldmann wie er, angebunden wie immer an den Rucksack seines Herrn, still hinter diesem an der Erde stand und teilnahmslos dem ablaufenden Geschlechtsverkehr mit der Romana Gesellschaft leistet (261) und man hört schließlich, daß der Dachshund, als man ihm und dem Leichnam sich annäherte, auf einmal und obschon nur noch ein Hauch Leben in ihm gewesen war, toll geworden sei, so daß man ihn auf der Stelle habe erschießen müssen (271). Von einer sozusagen humanen Beziehung zwischen Herr und Hund wird nicht berichtet, von Bauschan sind wir Meilen entfernt.

Sebald sucht nicht die Nähe der uns nahen, sondern die Nähe und Ferne der uns fernen Tiere. Zu einem guten Teil sind sie flugbegabt, Hühner- und Wasservögel verschiedener Art, Tauben, Falter und Motten. Sie bescheren uns metaphysische Augenblicke, den schönsten erzeugt Sebald in unnachahmlichen Art, indem er ihn einfach und möglichen Widerstand gar nicht beachtend als solchen deklariert: Einmal fielen mir ein paar Hühner auf mitten in einem grünen Feld, die sich, obschon es doch noch gar nicht lang zu regnen aufgehört hatte, ein für die winzigen weißen Tiere, wie mir schien, endloses Stück von dem Haus entfernt hatten, zu dem sie gehörten. Aus einem mir nach wie vor nicht ganz erfindlichen Grund ist mir der Anblick dieser so weit ins offene Feld sich hinauswagenden Hühnerschar damals sehr ans Herz gegangen. Überhaupt weiß ich nicht, was es ist an bestimmten Dingen und Wesen, das mich manchmal so rührt (SG 192). Die Vögel erlauben uns mystische Versenkung: Immer habe ich Enten gehalten, schon als Kind, und immer ist mir die Farbgebung ihres Federkleids, insbesondere das Dunkelgrüne und das Schneeweiße, als die einzig mögliche Antwort erschienen auf die Fragen, die mich von jeher bewegten (RS 294f). Sie entführen uns ins Reich der Phantastik: Le Strange, der immer schon einen zahmen Hahn auf seinem Zimmer gehalten hatte, sei nachmals ständig umschwärmt gewesen von allem möglichen Federvieh, von Perlhühnern, Fasanen Tauben und Wachteln und den verschiedenen Garten und Singvögeln, die teils am Boden um ihn herumliefen, teils in der Luft ihn umflogen (RS 82). Vor allem anderen aber sind sie Gefährten der Höhe, wie die Tauben des Fliegers Gerald (AUS 168 u.a.), und so vorbereitet ist man fast versucht, auch die Engel, insbesondere Giottos angeli visitanti la scena della disgrazia (SG 96), einfach zu den hochfliegenden Gefährten hinzuzuzählen, und ebenso die in einem in Goldfarbe gemalten ornamentalen Bildnis erscheinende Taube, die gerade zurückkehrt zu der unter einem Regenbogen schwimmenden dreistöckigen Arche, in ihrem Schnabel den grünen Zweig (AUS 67).

Die Tiere dienen als Dekor menschlicher Behausungen, und nach dem Niedergang der prächtigen Zeit finden wir sie in einem Zustand kläglicher Verwahrlosung: Freilich bedrückte es mich, in einer der größtenteils aufgelassenen Volieren eine einsame chinesische Wachtel zu sehen, die – offenbar in einem Zustand der Demenz – in einem fort am rechten Seitengitter ihres Käfigs auf und ab lief und jedesmal, bevor sie kehrt machte, den Kopf schüttelte, als begreife sie nicht, wie sie in diese aussichtslose Lage geraten sei (RS 50). Der Erdboden im Inneren des gemauerten Kogels war bedeckt mit dem unter seinem eigenen Gewicht zusammengepreßten und doch bereits bis zu einer Höhe von mehr als zwei Fuß angewachsenen Taubendrecks, einer in sich verbackenen Masse, auf der zuoberst die Kadaver der todkrank aus ihren Nischen abgestürzten Vogeltieren lagen, während ihre noch lebendigen Genossen, in einer Art von Alterdemenz, in der Düsternis unter dem Dach, wo man sie kaum sehen konnte, leise klagend durcheinandergurrten und ein paar Flaumfedern, in einem Wirbel um sich selber sich drehend, langsam herabsanken durch die Luft (AUS 310). Aber auch nach moderner Terminologie artgerecht gehaltene Tiere befinden sich in einer falschen Welt, der unsrigen offenbar: Lange beobachtete ich den Waschbären, wie er mit ernstem Gesicht bei einem Bächlein saß und immer wieder den denselben Apfelschnitz wusch, als hoffe er, durch dieses, weit über jede Gründlichkeit hinausgehende Waschen entkommen zu können aus der falschen Welt, in die er gewissermaßen ohne sein eigenes Zutun geraten war (AUS 10). Ich entsinne mich, in einer graslosen, staubigen Einfriedung eine Damwildfamilie in schöner Eintracht und zugleich verängstigt unter einer Heuraufe beieinander gesehen zu haben. Unvergeßlich ist mir geblieben, daß die eingesperrten Tiere und wir, ihr menschliches Publikum, einander anblickten à travers une brèche d’incompréhension (AUS 375).Der geringen Rolle der Tiere als Stubengenossen entspricht die weitgehende Absenz der üblichen Nutztiere.

In den Ringen des Saturn freilich trifft Selysses auf eine an die hundert Stück zählende Schweineherde. Eines der Tiere öffnete, als ich mich niederbeugte zu ihm, sein kleines von hellen Wimpern umsäumtes Auge. Ich fuhr im mit der Hand über den staubbedeckten, unter der ungewohnten Berührung erschauernden Rücken und kraulte ihm die Kuhle hinter dem Ohr, bis es aufseufzte wie ein von endlosen Leiden geplagter Mensch (RS 85). Von den realen Schweinen, deren Nutzwert völlig außer Acht gelassen bleibt, gleitet die Erzählung zum biblischen Bericht von der Schweineherde beim Evangelisten Markus. Der Herr befiehlt den bösen Geistern hineinzufahren in die Sauherde, die daselbst auf der Weide ist. Haben wir hier, fragte ich mich, eine von dem Evangelisten bloß erfundene Parabel, die, wenn man es recht bedenkt, darauf hinausläuft, daß wir unseren kranken Menschenverstand immer wieder auslassen müssen an einer anderen, von uns für niedriger gehaltenen und für nichts als zerstörenswert erachteten Art? (RS 86)

Als vollendete Perversion erscheint die Jagd. Obgleich das in früherer Zeit so zahlreich in den Inselwäldern wohnende Wild nahezu restlos ausgerottet ist, bricht auf Korsika nach wie vor jeden September das Jagdfieber aus. Es schien, als sei die gesamte männliche Bevölkerung beteiligt an einem längst ziellos gewordenen Zerstörungsritual. Unrasiert, mit schweren Gewehren und bedrohlichen Gehabe sehen die Jäger aus wie die kroatischen und serbischen Milizen, die ihre Heimat zugrunde gerichtet haben, verstehen auch die korsischen Jäger, wenn man sich auf ihr Territorium verirrt, keinen Spaß. Als ich einen von ihnen fragte, worauf er hier warte, antwortete er bloß sangliers, als müsse das allein genügen, mich zu verscheuchen (CS 43f). Ihren Kulminationspunkt, zu hoch, als das wir ihn hier ersteigen könnten, findet die Jagdim großen Bericht vom Heringsfang, der dem von der Schweineherde unmittelbar vorausgeht (RS 69ff). Nur soviel, daß die Annahme bestand, die besondere physiologische Organisation der Fische sie schütze vor der Empfindung der Angst und der Schmerzen, die beim Todeskampf durch die Körper und die Seelen der höher ausgebildeten Tiere gehen. Doch in Wahrheit wissen wir nichts von den Gefühlen des Herings (RS 75).

Ein Nutztier freilich, das uns weniger gegenwärtig ist als Ochs, Schwein und Rind, spinnt sich durch alle Ringe des Saturn, der Seidenwurm, unmittelbarer Verwandter der Motten im Austerlitzbuch und ihre Nutzvariante, der es verwehrt ist, das Falterstadium auch nur zu erreichen. Es ist nicht annähernd möglich, all die Fäden hier aufzuhaspeln, nicht vergessen lassen sich aber die der Kaiserwitwe Tz’u-hsi zugeschriebenen Sehnsüchte: Diese blassen, beinahe transparenten Wesen, die bald ihr Leben lassen würden für den feinen Faden, den sie spannen, betrachtete sie als ihre wahren Getreuen. Sie erscheinen ihr als das ideale Volk, dienstfertig, todesbereit, in kurzer Frist beliebig vermehrbar, ausgerichtet nur auf den einzigen ihnen vorbestimmten Zweck, völlig das Gegenteil der Menschen, auf die grundsätzlich kein Verlaß war (RS 183).

Natürlich geht es hier, wie in einem Untertitel des Kapitels VI vermerkt, um die Geheimnisse der Macht und um ihre Perversionen, aber geht es nur darum? Sebald ist kein Humanist in dem Sinne, daß ihm der Mensch unbehelligt im Mittelpunkt stünde, der Rest der Welt ihm nur zugeordnet. Gerade aus der weitgehenden Überspringung der dem Menschen nach dessen eigenen Verständnis zur Freude oder zum Nutzen zugeordneten Tiere und der Aufmerksamkeit, die er fernen und uns gänzlich verschlossenen Geschöpfen wie den Motten oder den Heringen widmet, gewinnt er Abstand von diesem falschen Zentrum. Jeder Luhmannadept weiß, daß dem normalen Humanismus das intellektuelle Fundament längst völlig abhanden gekommen ist und daß er umso wüster seine gewonnenen Positionen verteidigt. Nur so ist es verständlich, daß nicht wenige Rezensenten, die ja auf die eine oder andere Weise auch die ersten drei Seiten des Buches gelesen haben müssen, im Austerlitz nichts anderes sehen können als einen "halbdokumentarischen" Roman "über den Holocaust". In bestimmter Hinsicht aber sind in dem Roman und in der Welt, in die wir verloren sind, die Motten nicht weniger wichtig als Theresienstadt, die ständigen Anlehnungen in Sebalds Werk an den Schmetterlingsfänger Nabokow unterstreichen das nur.

Es sollten sich Reflexionen anschließen über die toten Motten in den Schächtelchen, über das Veterinärmuseum in Paris und das Quincunx und Bestiarium der Abnormitäten des Thomas Browne.

Samstag, 16. August 2008

Bedürfnislosigkeit und Luxus

Des objets de toilette, dit Mercier
Luxe inutile, dit Camier.
Et des provisions de bouche, dit Mercier.
Juste bonnes à jeter, dit Camier

Logis in einem Landhaus ist nicht in eine Reihe mit Sebalds professoralen Essaybänden Unheimliche Heimat und Unglück und Beschreibung des Unglücks zu stellen, sondern den Prosawerken zuzurechnen. Natürlich ist de Grenzverlauf nicht so klar geregelt wie der zwischen modernen Staaten, im Landhaus wohnen aber ausschließlich Dichter und Maler, denen Sebald sich aus dem einen oder anderen Grund verwandt gefühlt hat, und der Gestus des Vortrags entspricht weitgehend dem der Vignetten Conrads, Chateaubriands und anderer in den Ringen des Saturns. Die Urszene des in Sebalds Werk an den verschiedensten Stellen auftauchenden, insgesamt für die Farbe der Prosa nicht unmaßgeblichen Motivs der Bedürfnislosigkeit finden wir im Aufsatz über Gottfried Keller, und sie ist dessen Werk entnommen: Durch den Tod des Vaters früh mit dem Mangel vertraut, wird die winzige, im Grunde bloß noch aus Sparsamkeit bestehende Hauswirtschaft der Mutter Keller in der Rückschau zum Sinnbild einer so gut wie restlos reduzierten Existenz. Am Abend nach meiner Abreise hatte meine Mutter sogleich die Wirtschaft geändert und beinahe vollständig in die Kunst verwandelt, von nichts zu leben. Sie erfand ein eigentümliches Gericht, welches sie jahraus, jahrein, einen Tag wie den anderen um die Mittagszeit kochte, auf einem Feuerchen, welches gleichermaßen von nichts brannte (LL 101).

Das bedürfnislose Feuerchen findet sich wieder, sozusagen brennend nach Wales getragen und in einen sarkastischen Kontext gestellt, im Austerlitzbuch: Nur wenn mehrere Tage hintereinander die Temperatur auf dem Thermometer am Fensterrahmen zur Mittagszeit unter fünfzig Grad Fahrenheit sank, durfte die Haushälterin im Kamin ein winziges Feuerchen anschüren, das von fast gar nichts brannte (AUS 131). Vom Onkel Evelyn, der schwer von der Bechterewschen Krankheit gezeichnet ist, heißt es erbarmungslos, er sei so krumm geworden aus reinem Geiz, den er vor sich selbst damit rechtfertigte, daß er allwöchentlich das von ihm nicht ausgegebene Geld an die Kongomission überweisen ließ zur Errettung der dort im Unglauben schmachtenden schwarzen Seelen (AUS 130). Jedem halbwegs eingeführten Sebaldleser steigt sofort das Kongokapitel aus dem Saturnbuch in den Sinn mit der grauenvollen Evidenz, daß es nicht um die schmachtenden Seelen, sondern nur um die gemarterten Leiber der Schwarzen im Herzen der Finsternis gehen kann.

Die Mutter bei Keller ist bedürfnislos aus Armut, notgedrungen, der Onkel Evelyn aus Krankheit und Verschrobenheit, der eigentliche Sebaldsche Held ist bedürfnislos aus geistiger Notwendigkeit. Im Austerlitzbuch repräsentiert der Titelheld selbst diesen Typus, über eine Reihe von Schaltungen ist er mit der asketischen Gestalt Ludwig Wittgensteins verbunden. Das auffälligste gemeinsame Merkmal ist der für beide unverzichtbare Rucksack, Sinnbild des omnia mea mecum. Der Rucksack ist abgebildet auf Seite 63, bereits das nächste Bild zeigt die Kuppel des Great Eastern Hotels, einer Luxusunterkunft der Jahrhundertwende, jetzt größtenteils stillgelegt. Der Diningroom umfasste dreihundert Gäste, es gab Rauch- und Billardsalons, Zimmerfluchten und Stiegenhäuser, ein kühles Labyrinth zu Lagerung von Rheinwein, Bordeaux und Champagner, allein der Fischkeller, wo Barsche, Zander, Schollen, Seezungen und Aale zuhauf auf den aus schwarzen Schiefer geschnittenen, unablässig von frischem Wasser überflossenen Tischflächen lagen, war ein kleines Totenreich für sich.

Wittgensteineske Gestalten bestimmen den Ton in drei der vier großen Bücher Sebalds, aber auch Proust und seine Guermantes, Trümmerbrocken der Belle Epoque, geistern ständig durch das Blickfeld. In den Schwindel.Gefühlen ist diese Texteinfärbung nicht in auffälliger Weise vorhanden, immerhin aber irrlichtert das Jahr 1913, das allerletzte der Belle Epoque durch das gesamte Buch. 1913 war für Sebald offenbar auch der letzte Augenblick, zu dem sich die Menschheit noch Illusionen über sich selbst machen konnte. Professionelle Leser haben herausgefunden, daß der Dichter sein Wörterbuch der deutschen Sprache 1933 geschlossen und Neueingänge ins Vokabular nicht mehr berücksichtigt hat - oder war das schon zwanzig Jahre zuvor geschehen?

Heruntergekommene Luxushotels und zerfallende Herrenhäuser stehen in der vordersten Front Sebaldscher Erzählkunst. In der Erzählung Ambros Adelwarth wird bei einem Besuch des alten mondänen Seebads Deauville in der Normandie, Terre de Proust, auf fünfzehn Seiten (AW 171 bis 186), überwiegend in einer Traumsequenz, die Proustsche Morbidität ohne Abstriche eingefangen. Es schien, als habe sich hier in Deauville im Sommer 1913 die gesamte Welt versammelt. Ich sah die Comtesse de Montgomery, die Comtesse Fitz James, die Baronne d’Erlanger und die Marquise de Massa, die Rothschild, die Deutsch de la Meurthe, die Peugeot und die Orlovs, Künstler und Künstlerinnen und die Demimondäne, griechische Reeder, mexikanische Petroleummagnaten und Baumwollpflanzer aus Louisiana. Ein wunderbar rosarot durch die gedämpfte Atmosphäre leuchtendes Hummertier, das langsam manchmal eines seiner Glieder rührte, lag zwischen ihnen auf einer silbernen Platte. Von der wie von einem leichten Seegang bewegten Menge der dinierenden Gäste waren nur die glitzernden Ohrringe und Halskettender Damen und die weißen Hemdbrüste der Herren zu sehen. Eine österreichische Gräfin, femme au passé obscur, von unvergleichlicher Unergründlichkeit, hielt Hof in einer der etwas abgelegenen Ecken. Eine ungeheuer feingliedrige, beinahe transparente Person in grau- und braunseidenen Moirékleidern. Niemand kannte ihren wirklichen Namen, niemand vermochte ihr Alter zu schätzen oder wußte, ob sie ledig, verheiratet oder verwitwet war. Zum letzten Mal erblickte ich sie, als ich, aus dem Deauviller Traum wieder erwacht, ans Fenster meines Hotelzimmers getreten war. Auf das geschmackloseste zusammengerichtet und auf das entsetzlichste geschminkt kam sie daher, mit einem hoppelnden weißen Angorakaninchen an der Leine. Außerdem hatte sie einen giftgrün livrierten Clubman dabei, der immer, wenn das Kaninchen nicht mehr weiterwollte, sich hinunterbeugte zu ihm, um es ein wenig zu füttern von dem riesigen Blumenkohl, den er in der linken Armbeuge hielt.

Die beiden Erzählbände von den Ausgewanderten und von den Ringen des Saturn lassen sich lesen, neben zahllosen anderen Lesarten, die sie ermöglichen, als eine durchgehende Wellenbewegung aus Bedürfnislosigkeit und Luxus. Paul Bereyter ist ein Permanentasket aus der Wittgensteinschule. Dr. Henry Selwyn, den Selysses und seine Begleiterin Clara als praktizierenden Asketen antreffen, gibt an, in den zwanziger und dreißiger Jahren in großem Stil gelebt zu haben (AW 34). Ambros Adelwarth nimmt als Begleiter des Cosmos Salomon an dessen mondänen Ausschweifungen teil und sucht dann selbst seine psychiatrischen Folterknechte auf zum Zweck der planvollen Selbstzerstörung. Max Aurach kennt nur die künstlerische Arbeit, ohne sie irgend zu lieben oder zu achten, allenfalls liebt er den durch das Ausradieren erzeugten Staub. Als sich der nicht gesuchte und unerwünschte Erfolg einstellt, mietet er eine Suite hinter der an ein phantastisches Befestigungswerk erinnernden Fassade des Midland Hotels (AW 348), von dem ganze Teile schon abgesperrt sind, so daß es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis der Betrieb eingestellt wird, nur um seinem Zustand, den er als schandbar empfand, schon möglichst bald zu entkommen auf die eine oder andere Weise.

In den Ringen des Saturn treffen wir schon bald (RS 14) Michael Parkinson, den mehr als alles andere eine Bedürfnislosigkeit auszeichnete, von der manche behaupteten, daß sie ans Exzentrische grenzte. Jahraus, jahrein trug er abwechslungsweise eine dunkelblaue und eine rostfarbene Jacke, und wenn die Ärmel abgestoßen oder die Ellbogen durchgewetzt waren, hat er selber zu Nadel und Faden gegriffen. Im Kapitel II lernen wir dann Morton Peto und seinen im anglo-italienischen Stil gehaltenen Prinzenpalast kennen. Es gab Korridore, die in einer Farngrotte mit immerzu plätschernden Brunnen zusammentrafen, überlaubte Gartengänge, die sich kreuzten unter der Kuppel einer phantastischen Moschee. Versenkbare Fenster öffneten den Raum nach draußen, während inwendig auf den Spiegelwänden die Landschaft erschien. Palmenhäuser und Orangerien, der einem grünsamtenen Tuch gleichende Rasen, die Bespannung der Billardtische, die Bouquets in den Morgen- und Ruhezimmern und die Majolikavasen auf der Terrasse, die Paradiesvögel und Goldfasane auf den Seidentapeten, die Stieglitze in den Volieren und die Nachtigallen im Garten, die Teppicharabesken und die von Buchsbaumhecken eingefassten Blumenparterres. – Und so fort, auf und ab, das ganze Buch hindurch. Die schönste und phantastischste Verbindung von Bedürfnislosigkeit und Luxus stellt im Kapitel III der über ein Vermögen von mehreren Millionen Pfund verfügende Major George Wyndham Le Strange dar. Er nimmt an der Befreiung von Bergen Belsen teil und zieht sich anschließend in noch recht jungen Jahren auf seine Landgüter zurück, um eine eigenwillige Logis in einem Landhaus zu beziehen. Als Haushälterin verschreibt er sich eine einfache junge Frau namens Florence Barnes unter der ausdrücklichen Bedingung, daß sie die von ihr zubereiteten Mahlzeiten mit ihm gemeinsam, aber unter Wahrung absoluten Stillschweigens einnimmt (RS 80). Le Strange sei in seinem späteren Alter, weil er seine Garderobe völlig abgetragen hatte und neue Stücke sich nicht mehr zulegen wollte, in Kleidern aus früheren Zeiten herumgegangen, die er bei Bedarf aus den Kästen auf dem Dachboden seines Hauses hervorholte. Es gab Leute, die behaupteten, ihn gelegentlich gesehen zu haben in einem kanarienfarbenen Gehrock oder einer Art Trauermantel aus verschossenem veilchenfarbenen Taft mit vielen Knöpfen und Ösen. Auch hieß es, Le Strange, der immer schon einen zahmen Hahn auf seinem Zimmergehalten hatte, sei nachmals ständig umschwärmt gewesen von allem möglichen Federvieh, von Perlhühnern, Fasanen Tauben und Wachteln und den verschiedenen Garten- und Singvögeln, die teils am Boden um ihn herumliefen, teils in der Luft ihn umflogen. Einmal im Sommerhabe Le Strange in seinem Garten eine Höhle ausgehoben, in der er tage und nächtelang gesessen sei gleich dem heiligen Hieronymus in der Wüste.

Wittgenstein und Proust könnten sich vielleicht einigen auf Sebalds Feldern, aber Józef Korzeniowski, später Joseph Conrad genannt, läßt das nicht zu. Sebald ist der Vorwurf gemacht worden, im Austerlitzbuch die Belgier nicht mit dem nötigen Respekt behandelt zu haben. Die Schuld, in Wahrheit natürlich das Verdienst liegt aber bei Joseph Conrad, der mit The Heart of Darkness das konzentrierteste und eindringlichste zeitgenössische Buch geschrieben hat über die Verheerungen des Kolonialismus, der das wahnwitzigen Aufbrausen des Reichtums in Europa erst ermöglichte. Wenn aber das Herz der Finsternis am Kongofluß liegt, so ist Brüssel der Kopf der Finsternis, und Brüssel ist inzwischen die Hauptstadt Europas. Angesichts solcher Zusammenhänge kann der Dichter auf die empirischen Belgier unserer Tage keine große Rücksicht nehmen. Proust hat eine gewaltige Kathedrale der vergangenen Zeit errichtet, in deren Bau die großen mondänen Hotels samt der sie ermöglichenden fernen afrikanischen Marter nur als kleine Bausteine oder als Flecken im Mauerwerk eingegangen sind. Wie der Dichter Bergotte in den Mauerfleck auf Vermeers Gemälde, so mag sich auch Sebald in die Mauerflecken der Proustschen Kathedrale versenken, Wittgenstein, Austerlitz und der Major Le Strange werden dafür vielleicht schon keinen Blick mehr haben.

Freitag, 8. August 2008

Sehfehler

I'm blind and you can see
I've been blinded totally


Viele Leser haben die Bekanntschaft mit Sebald über das Buch Austerlitz gemacht und waren vielleicht ein wenig schockiert, sich bereits auf der dritten Seite mit vier ausgeschnittenen Augenpaaren konfrontiert zu sehen, zwei tierischen und zwei menschlichen, in dieser Abfolge. Der erzählerische Kommentar zu den photoähnlichen Abbildungen macht gleich deutlich, daß es hier hineingeht in einen zentralen Motivkomplex: Von den in dem Nocturama behausten Tieren ist mir sonst nur in Erinnerung geblieben, daß etliche von ihnen auffallend große Augen hatten und jenen unverwandt forschenden Blick, wie man ihn findet bei bestimmten Malern und Philosophen, die vermittels der reinen Anschauung und des reinen Denkens versuchen, das Dunkel zu durchdringen, das uns umgibt (AUS 11f). Posthum ist der Band Unerzählt erschienen mit gut dreißig solcher von Augenpaare, präpariert von Jan Peter Tripp, darunter solche von Größen wie Beckett oder Onetti, von nicht ganz so bekannten Leuten, und auch die Augen eines Hundes, jeweils unterlegt mit einem Kürzestprosatext von Sebald. Das Thema der Augen schließt unmittelbar an an das der Photographie, die Sebalds Prosa in zwei Formen durchzieht, als Thema und, auffälliger noch, als "Illustration", dies sicher ein falscher Begriff, die Suche nach einer angemessenen Kennzeichnung würde aber zu tief in die Verknüpfungen semantischer Großkomplexe bei Sebald führen. Hier soll es wieder um ein abzweigendes Nebenthema gehen, das der Augenerkrankungen.

Die reichhaltigste Darstellung eines Augenleidens findet sich im Austerlitzbuch selbst. Ich befand mich damals gerade in einiger Unruhe, weil ich beim Heraussuchen einer Anschrift in einem Telephonbuch bemerkt hatte, daß, sozusagen über Nacht, die Sehkraft meines rechten Auges fast gänzlich verschwunden war. Die mir bis ins einzelne vertrauten Figuren und Landschaften hatten sich aufgelöst, unterschiedslos, in eine bedrohliche schwarze Schraffur. Ich ängstigte mich um die Fortführung meiner Arbeit, war aber zugleich erfüllt, wenn ich so sagen darf, von einer Vision der Erlösung, in der ich mich, befreit von dem ewigen Schreiben- und Lesenmüssen, in einem Korbsessel in einem Garten sitzen sah, umgeben von einer konturlosen, nur an ihren schwachen Farben noch zu erkennenden Welt (AUS 54f). Befreit zu sein vom Sehen, Denken, Lesen und Schreiben ist ein wiederkehrendes Motiv bei Sebald, insbesondere aufblühend in dem Prosastück J'aurais voulu que ce lac eut été l'Océan LL 43 ff). Es ist eine Ausweitung der Augenkrankheit und zugleich eine Umkehrung von Krankheit und Gesundheit. Eingelassen in diese Umkehrung ist in der Szene im Austerlitzbuch die Umkehrung von sehen zu gesehen werden: Den Opersängerinnen ebenso wie den jungen Frauen, wenn man sie einem Freier vorführte, gab man ein paar Tropfen einer aus dem Nachtschattengewächs Belladonna destillierten Flüssigkeit auf die Netzhaut, wodurch ihre Augen erstrahlten in einem hingebungsvollen, quasi übernatürlichen Glanz, sie selber aber so gut wie gar nichts mehr wahrnehmen konnten.

Über die ganze Strecke leitmotivisch durchsetzt von Augenschwäche und Sehfehlern ist die Erzählung Paul Bereyter. Bis in den Tod ist die Brille ein festes Merkmal Bereyters. Ich sah ihn hingestreckt auf dem Gleis. Er hatte in meiner Vorstellung die Brille abgenommen und zur Seite in den Schotter gelegt (AW 44). Nicht selten nahm er dabei auch sein Sacktuch heraus und biß, vor Zorn über unsere, wie er vielleicht nicht zu Unrecht meinte, vorsätzliche Dummheit, in es hinein. Regelmäßig tat er nach solchen Rappeln seine Brille herunter, blieb blind und wehrlos mitten in der Klasse stehen, hauchte auf die Linsen und putzte sie so hingebungsvoll, als sei er froh, uns eine Zeitlang nicht sehen zu müssen (AW 52f).Trotz seines schwächer werdenden Augenlichts habe er tagelang in den Archiven gesessen und sich endlose Notizen gemacht (AW 80). Ein ruhiges Sichversenken in bewegte Blätter zur Schonung und Besserung seines Auges war ihm ja angeraten worden von dem Arzt, der ihm den Star gestochen habe (AW 85). Schon als Kind sei er vom sogenannten Mückensehen geplagt worden und habe immer befürchtet, die kleinen dunklen Flecken und perlartigen Figuren, die durch sein Gesichtsfeld huschten, würden nächstens zu seiner Erblindung führen. Tatsächlich redete Paul in jenen Tagen mit der größten Ausgeglichenheit über den, wie er sich ausdrückte, mausgrauen Prospekt, welcher nun vor ihm sich erstreckte, und er stellte die Hypothese auf, die neue Welt, in die er nun im Begriff sei einzutreten, wäre zwar enger als die bisherige, doch verspreche er sich davon ein gewisses Gefühl des Komforts (AW 88). Also das gleiche Motiv des freudige Sichschickens in die Erblindung, hier allerdings mit einem langen, etappenweisen Vorlauf der Sehbehinderung, darin das Motiv der (wenn auch unwirksam) als Waffe gegen die Dummheit eingesetzten Blindheit, und verlängert in den Selbstmord auf den Gleisen mit zuvor sorgsam zusammengelegter Brille. Die Rückgabe des Sehens geht der Rückgabe des Lebens nur um eine sehr geringe Zeit voraus.

Angesichts der immer weiter ausufernden und immer gründlicheren Arbeit am Modell des Jerusalemer Tempels fragt sich Alec Garrad jetzt, wo es allmählich dunkel zu werden beginnt an den Rändern des Gesichtsfelds, ob er den Bau jemals zu Ende führen werde, und ob nicht alles, was er bislang geschaffen habe, bloß ein Machwerk sei (RS 291). Hier verschwimmen befürchtetes Scheitern des Lebenswerks und fortschreitende Erblindung zu einem unauflöslichen Grau.

In den Schwindel.Gefühlen verhalten sich die Dinge anders und doch ähnlich. Es ist mir gewesen, als spürte ich ihre Hand auf meiner Schulter. Selten genug ist es vorgekommen in meinem Leben, daß ich von einer mir an sich fremden Frau angerührt worden bin. Ich erinnere mich beispielsweise, vor Jahren einmal in der verdunkelten Konsultationskammer eines Optikergeschäftes in Manchester gesessen zu sein. Neben mir stand eine chinesische Optikerin, die, wie ein kleines Schild an ihrem Berufskittel anzeigte, wunderbarerweise Susi Ahoi hieß. Wenn sie sich zu mir neigte, um die Linsen auszuwechseln, spürte ich die kühle, von ihr ausgehende Fürsorglichkeit, und einmal rührte sie sogar, viel länger, wie ich mir einbildete, als nötig gewesen wäre, mit ihren Fingerkuppen an meine wie so oft vor Schmerz klopfenden Schläfen (SG 111).

Zum einen scheint Sebald hier in Wettstreit zu treten mit einem Großteil der modernen Literatur, die ihr Heil sucht in einer sich stetig steigernden sexuellen Drastik, indem er ihr ein intensives erotisches Sordino kaum oberhalb der Wahrnehmungsschwelle zurückspielt, und zum anderen ist es das Thema des Repos du guerrier, verwandelt durch die weibliche Zauberberührung zum Repos du penseur. In der Gegenwart Lucianas verläuft das Schreiben schmerzlos, die Chinesin Ahoi lindert die Qual hinter den Augen.

Fraglos ist die Labilität des Auges eine Verästelung der Großthemen Ambivalenz des Denkens, Ambivalenz des Lebens. Um die Nachzeichnung dieser Verästelung sollte es gehen, und keineswegs soll sich ein interpretatorischer Großangriff anschließen. In einer seiner Glossen zu Fontane macht Blumenberg des bloße Gedanke schaudern, eine gerade entdeckte ebenso schöne wie rätselhafte Grabinschrift könne einem der zeitgenössischen theologischen Meisterdenkern zur Auslegung in die Hände fallen. Sebalds Prosa täuscht ständig ein intensives Bemühen um Selbsterläuterung vor, immer noch ein weiterer erhellender Halbsatz wird aufgeklappt. Im Rücken aber dieser fingierten Bemühung um Erhellung breitet sich das Dunkel aus. Wollte man darein mit der interpretatorischen Grubenlampe vordringen, würde man kein semantisches Erz zu Tage fördern, sondern den semantisches Tod beim Grubeneinsturz hervorrufen.

Dienstag, 29. Juli 2008

Selysses und die Empfangsdamen - Gesammelte Empfänge

Penelope und die fernen Wirtinnen

Pocas mujeres encontré

Penelope Peacefull, London
Die Inhaberin des Antiquariats, Penelope Peacefull, eine sehr schöne, von mir seit vielen Jahren bewunderte Dame, saß, wie es stets ihre Gewohnheit gewesen war in den Morgenstunden, leicht seitwärts an ihrem mit Papiersachen und Büchern befrachteten Schreibsekretär und löste linkshändig das Kreuzworträtsel auf der letzen Seite des Telegraph. Ab und zu lächelte sie zu mir herüber, dann wieder blickte sie tief in Gedanken auf die Gasse hinaus. (AUS 207)



Luciana Michelotti, Hotel Sole Limone
... und drinnen, im Dunkel hinter der Theke, stand die Wirtin Luciana Michelotti, gleichfalls allein, und stocherte mit einem kleinen Silberlöffel gedankenverloren in der Espressotasse, die sie gerade ausgetrunken hatte. Die mir als resolut und lebensfroh in Erinnerung gebliebene Frau machte an diesem Tag, der, wie ich später erfuhr, ihr 44. Geburtstag gewesen war, einen schwermütigen, wo nicht gar untröstlichen Eindruck. Mit auffälliger Langsamkeit nahm sie das Registrationsgeschäft vor, blätterte in Verwunderung vielleicht über meine Gleichaltrigkeit mit ihr, in meinem Paß, verglich mehrmals mein Gesicht mit der Photographie, wobei sie mir einmal lang in die Augen schaute, verschloß das Dokument zuletzt bedachtsam in seiner Lade und händigte mir den Zimmerschlüssel aus. (SG 104 )

Engelwirtin, Wertach
Hinter der Rezeption im Engelwirt war, nachdem sich auf mein Läuten lang nichts gerührt hatte, eine sehr wortkarge Dame aufgetaucht. Ich hatte nirgends eine Tür gehen hören, nirgends sie hereinkommen sehen, und doch war sie auf einmal dagewesen. Mit unverhohlener Mißbilligung musterte sie mich, sei es wegen meiner von der langen Wanderschaft in Mitleidenschaft gezogenen äußeren Erscheinung, sei es wegen meiner ihr unerklärlichen Geistesabwesenheit. Ich verlangte ein Zimmer zur Straße hinaus im ersten Stock, vorerst auf unbestimmte Zeit. Obzwar es ohne weiteres möglich sein mußte, meinem Wunsch zu entsprechen, weil auch im Gastgewerbe im November der Totenmonat ist, in welchem das in dem leeren Haus verbliebene Personal den abgewichenen Gästen nachtrauert, als seien sie wirklich auf ewig abgereist, obzwar also ein zur Straße hinaus gelegenes Zimmer im ersten Stock ohne jeden Zweifel verfügbar war, blätterte die Rezeptionsdame vorwärts und rückwärts in ihrem Register herum, ehe sie mir die Schlüssel aushändigte. Dabei hielt sie, als sei es ihr kalt, mit der Linken die Strickjacke zusammen und erledigte umständlich und ungeschickt alles nur mit der anderen Hand, wodurch sie, wir mir schien, sich Bedenkzeit gewinnen wollte diesem eigenartigen Novembergast gegenüber. Den ausgefüllten Anmeldezettel, auf dem ich als Berufsbezeichnung "Auslandskorrespondent" und meine komplizierte englische Adresse angegeben hatte, studierte sie mit hochgezogenen Augenbrauen ... (SG 208)

Namenlos, Kissingen
Das Hotel war soeben von Grund auf renoviert worden in dem in Deutschland unaufhaltsam sich ausbreitenden neuimperialen Stil, welcher diskret mit Blaßgrün und Blattgold die Geschmacksverirrungen früherer Jahre überblickt. Die Empfangsdame, die etwas von einer Oberin an sich hatte, maß mich mit ihren Blicken, als befürchte sie einen Hausfriedensbruch, und als ich den Lift betrat, befand ich mich einem gespenstischen alten Ehepaar gegenüber, das mich mit einem Ausdruck unverhohlener Feindseligkeit, wo nicht gar des Entsetzens anstarrte.

Namenlos, Viktoriahotel Lowestoft
Eine ganze Zeitlang habe ich in dem leeren Entree gestanden und bin durch die sogar mitten in der Saison – wenn von einer Saison in Lowestoft überhaupt die Rede sein kann – völlig verlassenen Räume gewandert, ehe ich auf eine verschreckte junge Frau stieß, die mir nach einigem zwecklosen Herumsuchen im Register der Rezeption, einen mächtigen, an einer hölzernen Birne hängenden Zimmerschlüssel reichte. (RS 57)

Dame mit Schwein, Café des Sports Evisa
Eine Stunde später, als ich gerade beim Ausbrechen des Unwetters Evisa erreichte und dort im Café des Sports Zuflucht gefunden hatte, schaute ich lange durch die offene Tür hinaus auf den schräg in die Gasse rauschenden Regen. Der einzige Gast außer mir war ein greiser, mit einem wollenen Kittel und einem ausgedienten Armeeanorak bereits für die Wintermonate gerüsteter Mann. Seine vom Star getrübten Augen, die er gleich einem Blinden etwas aufrecht gegen die Helligkeit gerichtet hielt, waren von derselben eisgrauen Farbe wie der Pastis in seinem Glas. Es schien mir nicht, als ob er die seltsam theatralisch wirkende weibliche Person wahrgenommen hätte, die nach einiger Zeit unter ihrem Regenschirm draußen vorbeiging, oder auch das halbwüchsige Schwein, das ihr auf dem Fuß folgte. Er blickte nur immer unverwandt nach oben und drehte dabei gleichmäßig mit dem Daumen und dem Zeigefinger seiner rechten Hand den sechskantigen Stiel seines Glases Ruck für Ruck weiter, so gleichmäßig, als habe er in seiner Brust statt eines Herzens das Räderwerk einer Uhr. Aus dem Kassettenrekorder hinter der Theke drang eine Art von türkischem Trauermarsch und zwischendurch eine hohe, aus dem Kehlkopf hervorgepreßte Männerstimme ... (CS 223)

Mrs. Irlam, Manchester
... und wirklich mußte ich mehrmals und anhaltend den Klingelknopf drücken, ehe drinnen etwas in Bewegung geriet und nach einigem Rasseln und Riegelschieben die Tür aufgetan wurde von einer vielleicht nicht ganz vierzigjährigen, blondgelockten, auch sonst irgendwie gewellt und loreleiartig wirkenden Dame. Eine Zeitlang standen wir uns wortlos und wohl beide mit dem Ausdruck des Unglaubens im Gesicht gegenüber, ich neben meinem Reisegepäck und sie in ihrem rosafarbenen Morgenmantel, der geschneidert war aus einem frotteeähnlichen, einzig in den Schlafzimmern der unteren englischen Klassen Verwendung findenden und unerklärlicherweise mit dem Wort candlewick bezeichneten Stoff. Mrs. Irlam – Yes, Irlam like Irlam in Manchester, hörte ich sie später immer wieder am Telefon sagen -, Mrs. Irlam brach das Schweigen zwischen uns mit der ihre Aufgeschrecktheit und ihre Belustigung über meinen Anblick in eins zusammenfassenden Frage: And where have you sprung from?, die sie gleich selbst beantwortete, daß es nur ein Ausländer – an alien, wie sie sagte – sein könne, der mit solchem Koffer und zu einer solchen Unzeit am heiligen Freitagmorgen vor der Tür stehe. Und dann wandte sich Mrs. Irlam mit einem geheimnisvollen Lächeln, das ich als ein Zeichen auffaßte, ihr folgen zu dürfen, ins Innere des Hauses ... (AW 223)

Namenlos, Goldene Taube Verona
... in die Goldene Taube gefahren, wo, wider alles Erwarten, ein mir in jeder Hinsicht zusagendes Zimmer zu haben war und wo ich, der ich doch zumeist schlecht bedient werde, von einem an Ferdinand Bruckner mich erinnernden Portier und der anscheinend eigens in der Halle sich einfindenden Geschäftsführerin des Hotels mit der ausgesuchtesten Zuvorkommenheit behandelt wurde, nicht anders als hätten sie in mir einen seit langem ihnen in Aussicht gestellten und nun endlich eingetroffenen Ehrengast vor sich. (SG 131)

Namenlos, Palace Hotel Marienbad
Es brauchte eine geraume Zeit, bis der Empfangsportier, der in seiner engen Loge an einem Stehpult stand, von seiner Lektüre aufblickte, um sich den späten Gästen zuzuwenden mit einem kaum hörbar gemurmelten Dobry vecer. Dieser ungemein magere Mann, an dem einem als erstes auffiel, wie sich, trotzdem er nicht mehr als vierzig sein konnte, seine Stirne fächerförmig in Falten legte, erledigte mit der größten Langsamkeit, beinahe so als bewegte er sich in einer dichteren Atmosphäre, ohne ein weiteres Wort die notwendigen Formalitäten, verlangte unsere Visa zu sehen, blätterte in den Pässen und in seinem Register herum, machte mit einer kraxligen Schrift einen längeren Eintrag in ein kariertes Schulheft, ließ uns einen Fragebogen ausfüllen, kramte in seiner Schublade nach dem Schlüssel und brachte schließlich durch das Läuten einer Klingel einen krummen Dienstmann herbei, der einen mausgrauen, ihm bis zu den Knien reichenden Nylonkittel trug und, nicht anders als der Empfangschef des Hauses, geschlagen war von einer seine Glieder lähmenden krankhaften Müdigkeit. (AUS 300)

Signora mit Vogelblick und Orlando, Hotel Boston Mailand
Wir hielten vor dem Hotel Boston, einem ungut und schmalbrüstig aussehendem Haus. Ich stieg die paar Stufen zu dem seltsamen Hospiz hinauf und wartete drinnen in dem kaum beleuchteten Foyer, bis die Signora, ein fast völlig ausgetrocknetes Wesen von sechzig oder siebzig Jahren, aus dem Fernsehzimmer hervorgekommen war. Skeptisch hielt sie den Vogelblick auf mich gerichtet und rief ihren Mann, der auf den Namen Orlando hörte und nun ebenfalls aus dem Fernsehzimmer herauswankte, wo er, wie die Signora, in tiefem Dämmer versunken gesessen war. Eine ungeheuer lange Zeit schien es mir zu dauern, bis er den kleinen Vorraum durchquert und neben seiner Frau hinter dem hohen, den beiden nahezu bis zu den Schultern reichenden Rezeptionspult Aufstellung genommen hatte. (SG 124f)

Namenlos, Guesthouse Ithaca
Es dauerte eine beträchtliche Zeit, bis aus dem Inneren des offenbar schon schlafenden Hauses ein greiser Portier herbeikam, der so stark vornübergebeugt ging, daß er mit Sicherheit nicht imstand war, von seinem Gegenüber mehr als die Beine und den Unterleib wahrzunehmen. Aufgrund seiner Behinderung hatte er, bereits vor er sich anschickte, die Halle zu durchqueren, den draußen vor der halbverglasten Türe wartenden späten Gast von unten herauf mit einem kurzen, aber um so durchdringenderen Blick ins Auge gefaßt. Wortlos begleitete er mich über eine wunderbare Mahagonistiege – man hatte auf ihr gar nicht das Gefühl des Treppaufgehens, sondern schwebte gewissermaßen hinan – in die oberste Etage, wo er mir ein geräumiges, nach hinten hinaus gelegenes Zimmer anwies. (AW 156 )

Empfangsdamen in Archiven und Museen

Namenlos, Ghettomuseum Theresienstadt
Ich stieg die Stufen hinab und betrat den Vorraum, in dem hinter einer Art Kassentisch eine Dame unbestimmten Alters saß in einer lilafarbenen Bluse und mit einer altmodisch gewellten Frisur. Sie legte die Häkelarbeit, mit der sie beschäftigt war, beiseite und reichte mir, indem sie sich ein wenig verneigte, das Eintrittsbillet. (AUS 285)

Namenlos, Casa Bonaparte Ajaccio
Die dämmrige Vorhalle war verlassen. Auch der Platz an der Kasse schien leer. Erst als ich unmittelbar am Tresen stand und gerade meine Hand ausstreckte nach einer der dort ausgestellten Ansichtskarten, sah ich, daß hinter dem Tresen in einem schwarzledernen zurückgekippten Bürosessel eine jüngere Frau saß, ja, beinahe hätte man sagen können, lag. Man mußte förmlich über den Tresenrand zu ihr hinunterschauen, und dieses Hinunterschauen auf die wahrscheinlich nur vom vielen Stehen ausruhende und vielleicht ein wenig eingeschlummerte Kassiererin der Casa Bonaparte war einer jener seltsam zerdehnten Augenblicke, an die man sich Jahre später noch manchmal erinnert. Als die Kassiererin sich erhob, zeigte sich, daß sie eine Dame war von sehr stattlichem Format. Man konnte sie sich vorstellen auf einer Opernbühne, wie sie, erschöpft vom Drama ihres Lebens, lasciate mi morir oder sonst eine letzte Arie singt. (CS 12)

Tereza Ambrosova, Staatsarchiv Prag
Man mußte sich weit hinabbeugen zu dem viel zu niedrigen Schalter, wenn man mit dem Türhüter sprechen wollte, der allem Anschein nach in seinem Verschlag auf dem Fußboden kniete. Obzwar ich meinerseits bald dieselbe Stellung einnahm, gelang es mir auf keine Weise, mich verständlich zu machen, sagte Austerlitz, weshalb der Türhüter schließlich mit einer langen Suada, aus der ich nichts als die mehrmals mit besonderem Nachdruck wiederholten Worte anglicky und Anglican heraushörte, aus dem Inneren des Hauses eine der Archivangestellten herbeitelephonierte, die tatsächlich gleich darauf, noch während ich auf dem Pult eines der Besuchsformulare ausfüllte, wie aus dem Boden gewachsen, wie man sagt, sagte Austerlitz, neben mir stand. Tereza Ambrosova, so stellte sie sich mir vor, indem sie mich zugleich in ihrem etwas ungelenken aber sonst durchaus korrekten Englisch nach meinem Anliegen fragte, Tereza Ambrosova war eine blasse, beinahe transparente Frau von vielleicht vierzig Jahren. (AUS 213)

Funktionärinnen des Verkehrs

Namenlos und dunkel, U-Bahnschacht in London
Jetzt also stand ich auf dem Trottoir vor dem Eingang zu der fraglichen Station und brauchte, um mir die Mühe des letzten Wegstücks zu ersparen, bloß einzutreten in die dunkle Vorhalle, in der außer einer sehr schwarzen, in einer Art Schalterhäuschen sitzenden Negerfrau nicht ein lebendiges Wesen zu sehen war. (SG 283 )

Namenlos und unsichtbar, Flughafen Schiphol
Ab und zu wurde von den offenbar körperlosen, engelsgleich ihre Botschaften intonierenden Stimmen jemand aufgerufen. Passagiers Sandberg en Stromberg naar Copenhagen. Mr. Freeman to Lagos. La senora Rodrigo, por favor. Über kurz oder lang würde die Reihe an jeden der hier Versammelten sein. (RS 111)

Sonntag, 27. Juli 2008

Selysses und die Empfangsdamen - Besprechung

Wie Grillparzer finde ich an nichts Gefallen, bin
von allen Sehenswürdigkeiten maßlos enttäuscht
und wäre, wie ich oft meine, viel besser
bei meinen Landkarten und Fahrplänen
zu Hause geblieben.


Penelope und die fremden Wirtinnen
Gewohnt an die Bebilderung von Sebalds Bücher, mag man sich einen Augenblick wünschen, all diese Menschen im Empfang nicht nur mit den inneren Augen zu sehen. Als darstellenden Künstler wird man dann sozusagen naturgemäß an Jan Peter Tripp denken, aber eine solche Aufgabe läge wohl nicht auf seiner Linie. Robert Crumb hat uns Kafkas Frauen gezeichnet, für Sebalds flüchtige, oft durchsichtige Frauengestalten wäre er wohl zu grob. Der Wunsch nach optischer Vergegenwärtigung wird auch kaum Bestand haben, Sebald selbst gehört zweifellos zu den Malern, Philosophen und Dichtern, die mit unverwandt forschendem Blick und vermittels der reinen Anschauung und des reinen Denkens versuchen, das Dunkel zu durchdringen, das uns umgibt. Der Blick des Dichters ist der Blick des Weltenwanderers, to vlemma tou Odyssea. Sebalds Blick wird, so scheint es, unmittelbar in Worte umgeprägt, die Bebilderung seiner Bücher ist eine hinzukomponierte Zweitstimme, die zum Worttext in einer wechselnden, aber kaum je in der einfachen Beziehung bloßer Illustration steht. Die aufgeführten Empfangsszenen sind durchweg solche einer geradezu hilflos ihrer eigenen Intensität ausgelieferten Wahrnehmung, in deren Licht Blickwechsel und erwiderter Blick allerdings kaum aufscheinen oder jedenfalls oft verschwiegen bleiben.


Die Empfangszenen weisen leicht erkennbare Züge der Verwandtschaft auf, allerdings ist kaum ein Merkmal durchgehend anzutreffen, auch nicht das für diesen Aufsatz titelgebende. Nicht in jedem Fall sind es Frauen an der Rezeption. Sofern wir aber auf Männer treffen, sind sie irgendwie fehl am Platz, fast durchweg stark verkrüppelt und beinahe schon eher Fabelwesen. In zwei Szenen (Prag und Verona) sind sie zudem nur vorbereitend da und übergeben, nachdem ihr Ungenügen sich erwiesen hat, an eine Frau. Mailand, Hotel Boston, scheint die Umkehrung zu sein, die Frau ruft den Mann herbei, tatsächlich aber handelt es sich um zwei geschlechtslose Gespenster, die bei einem insgesamt gespenstischen Aufenthalt in der Stadt Selysses für eine gespentische Nacht erwarten. In den anderen Szenen ist männliche Anwesenheit jeweils aus der Erzählung heraus nicht nur besonders begründet, sondern zwingend. In der Marienbader Empfangsszene ist Selysses für einmal nicht allein, sondern in Begleitung einer Frau, Marie de Verneuil, und aus erzählerischer Notwendigkeit nicht für die nie unerotisch verlaufende Begegnung mit einer weiteren Frau an der Rezeption des Hotels eingestellt. Ithaca schließlich ist Geschehensort in der von einer gelinden, in den Luxushotel- und Casinoszenen gegen Proust und in der Orientpassage gegen Gide hin verdichtenden Homosexualität überschwebten, von Heterosexualität aber gänzlich freien Erzählung vom Ambros Adelwarth. Die in dieser Erzählung auftretenden Frauen sind ausschließlich Verwandte des Icherzählers, die Tanten Fini, Theres und Lina sowie Rosa, die Mutter, und es bleibt offen, ob das Inzestgebot sie zu asexueller Tantenhaftigkeit bewegt, oder ob eine spontane Tantenhaftigkeit das Inzestverbot überflüssig macht. Jedenfalls ist in der Rezeptionsszene in Ithaca ist jeder heteroerotische Funken zu vermeiden, Selysses, auf den Spuren des Ambros Adelwarth reisend, darf von daher nicht behelligt werden.

Reisen ist gegenüber dem Daheimbleiben immer der unwahrscheinlichere Zustand. Daß man zu diesem Ort gelangt und nicht zu einem anderen, in dieses Hotel oder diesen Gasthof eintritt und nicht in einen anderen, dort auf diesen Mann oder diese Frau trifft und nicht auf eine andere, erhöht die Unwahrscheinlichkeit jeweils immens. Selysses, wie wir begonnen haben, Sebalds Wanderer, seine verschiedenen Erzählinkarnationen übergreifend zu nennen, läßt sich meistens nicht anmerken, die Verarbeitung der Unwahrscheinlichkeit wird auf die andere Seite verlegt, wo sie in der Tat nicht geringer ist: Diese Person, Selysses, konnte nicht daheim bleiben, mußte in diese Stadt reisen, mußte bei uns, in diesem Gasthof absteigen und, um das Maß voll zu machen, nun gerade auf mich treffen.

Dieser sich in dem Augenblick bündelnden hohen Unwahrscheinlichkeit entsprechen in fast allen Rezeptionsszenen Momente der Verzögerung. Die Damen und Herren stellen sich nicht gleich ein, haben Schwierigkeiten, die räumliche Distanz zum Gast zu überwinden, können sich von einer anderen Beschäftigung nicht lösen, verrichten die Rezeptionsformalitäten mit äußerster Umständlichkeit. Die Wirkung dieser Verzögerungselemente ist ambivalent. Einerseits scheint Zeit gewonnen, den Unwahrscheinlichkeitsaugenblick in die Wirklichkeit einzupassen, andererseits gewinnt aber auch der unwahrscheinliche Augenblick Raum zu atmen, entfaltet sich und entschwebt ins unwirklich Phantastische, dies wiederum Entfaltungsraum für erotische Unterströmungen. Wir befinden uns in Übergangsräumen, in einer Art von Raum- und Zeitschleusen. Die Empfangsdamen, mehr noch die phantastischen Männer sind wie eingeschlossen in kleine Sicherheitskuben, man spürt das archaische Motiv der Gastfreundschaft und des Gastrechts, eine der frühesten zivilisatorischen Leistungen, entwickelt, um der Begegnung von Fremden das Mörderische zu nehmen.

Die bereits erwähnte Verschwiegenheit des Blicks bei den Empfangsdamen (die nur durch die geringfügigste Senkung der unteren Lidgrenze angedeuteten Beschlossenheit der weiblichen Auges, SG 87) ist ein erstes Element der Erotisierung. Bei den männlichen Personen in der Rezeption treten dagegen durchweg offene Wahrnehmungsschwierigkeiten auf. Sie scheinen sich zu verstecken, in ihrem Verschlag zu knien (Prag), wollen von ihrer Lektüre nicht aufblicken (Marienbad), sind so gebeugt, daß sie den Oberkörper und das Gesicht ihres gegenüber gar nicht ins Auge fassen können (Ithaca). Der Unterschied im Schauen von Frauen und Männern ist eine dichterische Obsession, die Sebalds Gesamtwerk durchzieht, siehe auch schon in Nach der Natur, die drei Nothelferinnen Barbara, Katharina und Margarethe stecken ihre Köpfe zusammen und sind im Blick verschworen gegen Blasius, Achaz und Eustach, Pantaleon, Aegidius, Cyriax, Christophorus und dem wirklich schönen heiligen Veit mit dem Hahn.

Wo immer es ihn hinträgt, erhofft und fürchtet der Sebaldsche Wanderer Selysses die Nymphe Kalypso oder die Göttin Kirke, erhofft Nausikaa, fürchtet die Sirenen. Um ihnen allen zu begegnen, heißt es aber zunächst Abschied nehmen von Penelope. Das findet statt, in überraschender Direktheit, im Austerlitzbuch auf Seite 207. Penelope hat den Familiennamen Peacefull, und geschildert wird nichts anderes als ein letzter friedvoller Augenblick ehelichen Zusammenlebens. Die beiden, Penelope und Selysses, gehen in einer Atmosphäre tiefer Vertrautheit, aufgehoben in der liebevollen Nähe des anderen still ihrer jeweiligen Beschäftigung nach. Dann und wann geht der Blick auf die Gasse hinaus, offenbar, wenn schon nicht Ithaka so doch eher Delft als London, ein Interieur a la Vermeer oder de Hoch. Penelope Peacefull ist nicht nur ein spaßiger Name, sondern gleichsam auch der Titel eines kleinen spaßigen Gemäldes, angebracht an der Stelle und in dem Augenblick, als Selysses aufbricht zu seiner Höllenfahrt (man sollte ihn in seiner Inkarnation als Austerlitz vielleicht Sedante nennen, zumal er sich über längere Strecken in der Obhut seiner Beatrice Marie de Verneuil bewegt). Man darf sicher sein, daß Sebald dieser extreme stilistische Kontrast nicht etwa nur unterlaufen ist, wer in den überwiegend elegischen, vom Lamento geprägten Tonlagen diese ständigen kleinen Gegenmelodien nicht wahrnimmt, hört allenfalls die halbe Musik.

Die größte Gefahr, Penelope untreu zu werden, erlebt Selysses offenbar, möchte man meinen, in der Begegnung mit Luciana Michelotti, immerhin kommt es zur Trauung der beiden (116). Die Szene weist aber wesentliche Merkmale der anderen nicht auf und fällt insofern aus dem Rahmen. Luciana bleibt nicht eingeschlossen in einen kurzen Augenblick des Empfangs, das Zusammensein mit Selysses erstreckt sich über mehr als zehn Seiten. Auch war man offenbar schon bekannt und kommt sich zum einem durch die momentane schwermütige Stimmung Luciana näher, während Selysses im weiteren dann von ihrer im Grunde lebensfrohen Art profitiert. Auch Lucianas zunächst verschwiegener Blick öffnet sich, nachdem er gleichsam hinter das schemenhafte Abbild der Photographie gelangt ist, in vollem Umfang und übertrumpft für einmal den Blick des Selysses. Hat hier schon der Ritorno, die Rückkehr nach Wertach-Ithaka begonnen, dämmert Penelope etwas?

Die Engelwirtin in Wertach ist jedenfalls nicht Penelope, eher schon eine der lockeren Mägde des heimkehrenden Weltendurchmessers. Die erotischen Implikationen der Engelwirtszene sind für Sebalds Verhältnisse schon geradezu drastisch zu nennen. Die ambivalente Geste der über der Brust zusammengenommenen Jacke der Dame im Gast-Gewerbe, Abwehr und Einladung zugleich, die daraus resultierende Einhändigkeit, die zur endlosen Dehnung des Augenblicks führt. Auf der anderen Seite Selysses mit allen Merkmalen des potentiellen Vergewaltigers, heruntergekommen von langer Reise, mittellos wie ein Bettler, offenbar listenreiche Lügengeschichten (Auslandskorrespondent) erzählend, bartstoppelig, den Jäger Hans Schlag schon vorwegnehmend und die wüste Geschichte, die er auslöst. Indem Selysses mit dem Jäger Hans Schlag verschmilzt, verschmilzt er auch mit dem ewigen Jäger Gracchus, der im Jäger Schlag in Wertach seinen Tod findet, soweit nicht entfernt vom Schwarzwald, wo er ihn zunächst verfehlt hatte. Aber hatte Selysses nicht schon sehr früh seine Nachfolge angetreten? Unmittelbar nach dem Tod des Jägers Schlag-Gracchus war der Knabe einer lebensbedrohlichen Krankheit verfallen und als Selysses-Schlag-Gracchus: Seracchus vom Tode wieder auferstanden. – Mit unserem Blick aus der Peripherie der Erzählung wollen wir nicht versuchen, zu tief in ihr Inneres einzudringen. Allerdings besteht auch keine besondere Gefahr. Sebalds Bedeutungsgewebe sind so luftig und unverwüstlich zugleich, daß sich, anders als beim Totentuch des Laertes, in der Nacht und auch am Tage beliebig viele und lange Fäden ziehen lassen, ohne das Prosakleid nur irgend zu mindern.

Die Szene in Kissingen ist, bei all ihrer Herrlichkeit, in unserem Zusammenhang eher unergiebig, hier geht es vordringlich um das Feindschaftsverhältnis zwischen Deutschland und Selysses. Auch von einer Verschwiegenheit des Blicks kann bei einer derart offenen Konfrontation nicht die Rede sein.

Die Lowestoftszene ist in gewissem Sinn eine Kurzfassung der Engelwirtszene. Auch hier ruft der Wanderer Schrecken hervor. Das Bild wird nicht weiter vertieft. Während aber die Engelwirtin nach Aushändigung des Zimmerschlüssels aus der Erzählung verschwindet oder allenfalls in älteren Inkarnationen von Engelwirtinnen und Engelwirtsbedienerinnen fortlebt, reicht die Victoriawirtin Speis und Trank, ist also nicht nur Wirtin der Nacht, und leitet damit eine der für die Wanderungen des Selysses in ihrem katastrophalen Verlauf typischen Mahlzeiten ein.

Die Szene im Café des Sports von Evisa bringt die letzte Steigerung der mehr oder weniger desolaten Szenerien. Sünde und die Strafe Gottes liegen über dem Land. Sergio Leones Bild- und Sebalds Sprachvisionen scheinen verschmolzen. Es könnte die Eingangsszene zum Lied vom Tode sein, und es ist die Eingangsszene zu den Moments Musicaux, also durchaus verwandt. Es ist ein Augenblick völliger Verlorenheit. Der Tod dreht ein mit Pastis gefülltes Stundenglas, das Cafe ist ohne Bedienung, die Bedienerin Kirke ist offenbar durch die Hintertür verschwunden und zieht nun mit einem Schwein am Fenster vorbei, wer mag der so schrecklich Verzauberte sein?

In Manchester klopft ein noch nicht wettergegerbter Selysses an die Tür des Nachtquartiers, seine Name ist vermutlich Joseph und es dürfte Potiphars Weib sein, das ihn mit einem geheimnisvollen Lächeln ins Innere des Hauses lockt, obwohl es keinerlei Anzeichen eines Mr. Potiphars gibt. Der unerklärlicherweise mit dem Wort /candlewick/ bezeichnete rosarote und frotteeähnliche, einzig in den Schlafzimmern der unteren englischen Klassen Verwendung findende Stoff, dürfte die Unschuld besser als jeder Panzer schützen und wird Joseph auch von den von Potiphars Weib ohne das geringste Anzeichen von Ironie mit dem von ihr selbst geprägten Sammelbegriff the gentlemen's travelling companions bedachten bunten Damen fernhalten. Keuschheit leicht gemacht im Bordell. – Gracie Irlam kehr im übrigen noch einmal zurück in der Erzählung, zunächst in dem Gemälde G.I. on her Blue Candlewick Cover (AW 264) und dann, kurz darauf und ohne weitere Erklärung, als die Flügelhornistin Gracie Irlam; eine Karriere wie die der Rachel im Temps Perdu, freilich im Miniaturformat.

In der Goldenen Traube zu Verona wird dem überwiegend höllennah wandernden Selysses/Sedante für einmal ein überwältigender Empfang bereitet. Die Geschäftsführerin des Etablissements kommt nur ganz flüchtig ins Bild, es muß gleichwohl Nausikaa sein. Sie breitet das Dach der Goldenen Traube als einen in den schönsten Braun- und Ziegeltönen gefärbten Fittich über den Schlaf des Wanderers und kredenzt ihm ein ans Wunderbare grenzendes Frühstück. Er wird nun keinen Fuß mehr verkehrt setzen.

Die Empfangsdamen und ihre fabulösen männlichen Substitute stellen innerhalb der Reisebekanntschaften eine klar umrissene Sondergruppe dar. Die hohe Unwahrscheinlichkeit des Zusammentreffens ist gleichwohl erheblich herabgesetzt, da sie sich an professionellen Treffpunkten befinden. Wie Kalypso, Kirke und Nausikaa sind sie von den Reisegöttern vorbestimmt. Innerhalb der Gruppe der Empfangsdamen sind wiederum mehrere Untergruppen zu unterscheiden. Die weitaus tiefste Beziehung ergibt sich zweifellos zu den Wirtinnen, die den Gast immerhin für die Nacht in ihr Haus nehmen. Kein Wunder also, wenn sie die Identität des Reisenden zu ergründen suchen, die Selysses aber kaum je preisgibt und die auch Penelope nur erahnt. In der Goldenen Traube in Verona trägt er sich als der Historiker und Weltenwanderer Jakob Philipp Fallmerayer ein, verstorben bereits 1861, in Wertach als Auslandskorrespondent. Dabei handelt es sich kaum um Lug und Trug, denn eine stabile Identität hat Selysses nicht.

Empfangsdamen in Museen und Archiven

Die Begegnung mit Empfangsdamen in Museen und Archiven ist weitaus unverfänglicher. Auf keiner der beiden Seiten ist eine besondere Verpflichtung erforderlich oder angebracht. Man trifft sich bei Tageslicht und wird bei Tageslicht wieder auseinander gehen. Die Damen tragen altmodisch gewelltes Haar oder sind beinahe transparent. Wir können noch die blaßblau ondulierte Dame an der Rezeption der nervenärztlichen Praxis hinzuzählen, die freilich angesichts der umgebenden mental disease sichtlich entsetzt ist. (AW 158)

Die Szenen Staatsarchiv Prag und Casa Bonaparte Ajaccio weisen eine eigenartig sich kreuzende Parallelität auf. Die beiden Empfangsmenschen sind für den Besucher wegen ihrer niedrigen Position zunächst unsichtbar, der eine kniet in seinem Verschlag, die andere liegt in einem schwarzledernen zurückgekippten Bürosessel. Der Mann wird gegen eine Frau, Tereza Ambrosova, ausgetauscht, die Frau erweist sich als der Mann Bonaparte.

Verkehrsfunktionärinnen

Man sollte meinen, an den Knotenpunkten des modernen Massenverkehrs kommt es wegen der Überfülle hastender Menschen nicht zu nennenswerten Begegnungen. Sebald hat mitten in London eine namenlose U-Bahnstation ersonnen, an der niemals jemand ein- oder aussteigt, ein schwarzes Loch, eine Gegenwelt. Zum ersten Mal nähert sich Selysses der Station von außen und sieht sich Auge in Auge mit der Negerin in ihrem engen Schalterhäuschen. Die Begegnung scheitert nicht an einer Menschenmasse, sondern an einer unerträglichen dunklen Einsamkeit.

Die Schwärze der Negerin ist ästhetisch, sozusagen farbtechnisch instrumentalisiert. Zugleich aber ist es eine Szene der Einkerkerung und Versklavung die damit einerseits vor dem Hintergrund des großen Kongokapitels im Saturnbuch steht, während sie andererseits sich abhebt von den befreiten, in großen Limousinen und Vans dahinrollenden Negern, Freunde des Selysses, die eine Lebensfreude ausstrahlen, die Europa vergessen und auf die es auch kein Anrecht mehr hat. Im selben Buch, nur wenige Seiten zuvor (SG 267) war es eine allseits weitausladende lila Limousine mit einem hellgrünen Dach, und drinnen an dem elfenbeinfarbenen Lenkrad saß ein Neger, der mir, als er vorbeifuhr, lachend seine gleichfalls elfenbeinfarbenen Zähne zeigte. In der Adelwartherzählung (AW 154) befindet sich Selysses auf dem Highway 17 einmal eine gute halbe Stunde in Begleitung einer Negerfamilie, deren Mitglieder ihm durch verschiedene Zeichen und wiederholtes Herüberlächeln zu verstehen gaben, daß sie ihn als eine Art Hausfreund bereits in ihr Herz geschlossen hatten.

Der Flughafen Schiphol scheint das genaue Gegenteil der Londoner U-Bahn. Licht durchflutet den Terminal. Die Funktionärinnen des Flugverkehrs sind unsichtbar und vorhanden nur als engelhafte Stimmen. Der da über kurz oder lang jeden aufruft kann aber nur der Tod sein. Auch Selysses wird schließlich beim Namen gerufen und nach dem Start trägt ihn der Flug über ein Gelände nicht weniger menschenfrei als die U-Bahn aus Antimaterie. Offenbar sind die Sammelplätze des Massenverkehrs Todeszonen und der Gegensatz besteht nicht zwischen London und Amsterdam, zwischen Verkehr unterhalb oder oberhalb der Erde, sondern zwischen den reisenden Massen und dem einsamen Wanderer Selysses.

Auch wenn man an anscheinend belanglosen Nebeneingängen der Sebaldschen Prosa nestelt, erweist sie die gleiche Dichte und Unauflösbarkeit der Textur wie in den zentralen Themenbereichen. Das Pisanello abgewonnene Ideal, allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zuzusprechen (SG 84), ist in Sebalds Worttableaus realisiert. Wie ist das möglich, wie läßt sich ein Text bis in die letzten Einzelheiten beherrschen? Einerseits sind Sebalds Arbeiten extrem durchdacht und kalkuliert, andererseits aber ergibt sich ab einer bestimmten semantischen Dichte über die geplanten Beziehungen hinaus durch die Systemaktivität des Textes ein immenser, letztlich unendlicher Überschuß weiterer Beziehungen, man könnte sagen, die semantische Dichte verdichtet sich selbständig weiter. Wo diese Schwelle erreicht und überschritten wird, wird man auch heute noch von Dichtung sprechen wollen.

Dienstag, 15. Juli 2008

Uhren

devant de la filera de rellotges
que marcaven h'horari de les ciutats del món.

Oh sans cette affreuse bougeotte que j'ai toujours eue
j'aurais vécu ma vie enfermé dans uns grande
pièce vide à échos, avec une grande pendule
ancienne, rien à écouter et à somnoler, lecoffre ouvert pour que je puisse voir le balancier,suivant des yeux son va-et-vient, et les poids de plomb
pendillant et plus en plus bas jusqu'à ce que jeme lève de ma bergère et les remonte, une fois par semaine.


Wir ziehen weiter an kleinen Fäden, um herauszufinden, ob das Gewebe irgendwo Schwachstellen aufweist. Mit dem Thema der Uhr halten wir uns allerdings nicht durchweg in Randbereichen der Textur, insbesondere im Austerlitzbuch können wir die Fäden hin bis zu den dichten Verknotungen der Erzählung verfolgen. Das Hauptstück des Buffetsaals des Antwerpener Bahnhofs war eine mächtige Uhr, an deren einst vergoldeten, jetzt aber vom Eisenbahnruß und Tabaksqualm eingeschwärzten Zifferblatt der circa sechs Fuß messende Zeiger in seiner Rund ging. Es dauerte unendlich lang, bis wieder eine Minute verstrichen war, und wie schrecklich jedes Mal, trotzdem doch erwartet, das Vorrücken dieses, einem Richtschwert gleichenden Zeigers schien, wenn er das nächste Sechzigstel einer Stunde von der Zukunft abtrennte mit einem derart bedrohlichen Nachzittern, daß einem beinahe das Herz aussetzte dabei (AUS 16f). Der Bergbau, die Industrie, der Verkehr, der Handel und das Kapital: und unter all diesen Symbolbildern stehe an höchster Stelle die durch Zeiger und Zifferblatt vertretene Zeit (AUS 21).

Im weiteren Verlauf des Buches besuchen die beiden Wanderer in der Zeitmetropole London Greenwich, das Zentrum der Weltzeit. Stundenlang studieren sie im königlichen Observatorium, jeder für sich, die in den Vitrinen ausgestellten kunstreichen Beobachtungs- und Meßgeräte, Quadranten und Sextanten, Chronometer und Regulatoren. Austerlitz, so wird betont, hat nie eine Uhr bei sich. Die Zeit, so sagte Austerlitz in der Sternenkammer von Greenwich, sei von allen unseren Erfindungen die weitaus künstlichste. Tatsächlich habe er nie eine Uhr besessen, weder einen Regulator, noch einen Wecker, noch eine Taschenuhr, und eine Armbanduhr schon gar nicht (AUS 148 ff). – Wir wollen uns aber nicht länger an diesem zentralen Ort aufhalten, an dem eine wahre Zeittheorie in ihrer Verbindung zu Erinnerungsstrukturen und dem Verhältnis von Lebenden und Toten entwickelt wird. Auch halten wir uns vor Augen, daß die Uhr das Gerät der kleinen Zeiteinheiten ist. Eine Sebaldsche Erzählung beginnt üblicherweise mit einer Jahres- und Monatsangabe und der folgende Text ist häufig von Angaben dieser Art geradezu perforiert. Von diesen höheren Ebene der Zeiteinheiten halten wir uns weitgehend fern.


Uns soll es also um die kleinformatige Durchsetzung der Texte mit dem Uhrenmotiv gehen. Dabei läßt sich bereits die Erwartung formulieren, daß die Uhr angesichts ihrer unterstellten Herrschaft über die Welt einerseits ständig vorhanden, andererseits angesichts des falschen und üblen Charakters dieser Herrschaft aber auch ständig unterdrückt bleibt in den Texten, die untergründig ein Bild der richtigen Welt suggerieren wollen.

Die Erzählung Max Aurach scheint Erwartungen dieser Art in besonderem Maße zu bestätigen. Ziemlich zu Anfang tritt eine äußerst auffällige Uhr in Erscheinung, die sogenannte teas-maid, Weckeruhr und Teemaschine zugleich. Anhand eines Photos können wir uns ein Bild machen von diesem Miniaturkraftwerk. Eingelassen in die Gesamtapparatur ist der Uhr trotz ihrer beängstigender Größe nicht nur jeder Schrecken genommen, das Zifferblatt phosphoresziert nachts in einem vertrauten Lindgrün, wie es schon in der Kindheit immer ein unerklärliches Gefühl des Behütetseins hervorgerufen hatte, und das ebenso dienstfertige wie absonderliche Gerät ist es womöglich gewesen, das durch sein nächtliches Leuchten, sein leises Sprudeln am Morgen und durch sein bloßes Dastehen untertags den Neuankömmling in Manchester am Leben festhalten ließ (AW 227f). Nach diesem denkwürdigen Auftritt verschwinden die Zeitmesser für lange Zeit von der Erzählbühne. Als es aber um die Einwandererstadt Manchester und die zugewanderten Menschen geht, werden nach einigen übergreifenden Berufsgruppen, wie Handwerker und Händler die Vertreter von zwanzig konkreten Berufen aufgezählt wie Kappenmacher, Buchbinder oder Silberschmiede, an erster Stelle aber die Uhrmacher; nicht unbedingt eine bewußte Setzung des Autors, sicher aber auch kein Zufall (AW 286).


Bei aller Absicht, uns im dichten Geflecht der Textur nicht zu verlieren, dürfen wir doch das Phänomen der versteckten oder natürlichen Uhren nicht übergehen. Ein besonders schönes Exemplar finden wir in Gestalt der Hirschkäfer. Manchmal fährt in scheinbar ein Schreck in die Glieder. Sie haben eine Art Ohnmachtsanfall. Reglos liegen sie da, und mir ist es, als hätte das Herz der Welt ausgesetzt. Erst wenn man selber den Atem anhält kehren sie aus dem Tod wieder zurück ins Leben und nimmt die Zeit ihren Lauf (AW 310). Die szenische Verwandtschaft zur oben besprochenen Uhr mit dem Richtschwertzeiger im Bahnhof Antwerpen ist offensichtlich, und nicht von ungefähr schließt sich auch an dieser Stelle eine Reflexion auf das Wesen der Zeit an. Es ist die Zeit der Kindheit, und die steht, wie sich auch schon an der Teemagd gezeigt hatte, unter dem besonderen Schutz der Uhr und dem Gleichmaß der Tage. Aufstehen kurz vor sechs, dann dies und jenes, um vier Uhr mit Stopf- und Häkelzeug im Schweizerhäuschen etc, um zehn Uhr ist der Zauber zu Ende. An besonderen Tagen Aufstehen schon vor fünf Uhr (AW 315 f). - Die Erzählung endet mit einem Bild der letztendlichen Uhr: Nona, Decuma und Morta, die Töchter der Nacht, mit Spindel und Faden und Schere.

In der Erzählung Ambros Adelwarth vergehen nahezu zwanzig uhrenlose Seiten, bis der Ambros in der Wirtschaft in Gopprecht einem durchreisenden Uhrmacher voller Begeisterung von der Schönheit des Welschlands erzählt (AW 112). Ein besonderer erzählerischer Bedarf an einem Uhrmacher besteht nicht, und er verschwindet auch sofort wieder spurlos von der Bildfläche. Wiederum knapp zwanzig Seiten weiter heißt es vom Onkel Kasimir: Dann holte er seine Kamera hervor und machte diese Aufnahme, von der er mit zwei Jahre später einen Abzug schickte zusammen mit seiner goldenen Taschenuhr (AW 129f). Wider erscheint das Uhrenmotiv unmotiviert, diesmal ist es aber eine betonte Unmotiviertheit, die sich von der Motiviertheit des Photos deutlich abhebt, eine Unmotiviertheit sozusagen, die zu denken gibt, und bei der der Autor sich ganz offensichtlich etwas gedacht hat. Zwischendurch hatte es auf Seite 119 eine, nach Art der im Bahnhof Antwerpen, groß herausgestellte Uhr im Saal des Norddeutschen Lloyds in Bremerhaven gegeben: Über der Tür, durch die wir zuletzt hinaus mußten, war eine große runde Uhr angebracht mit römischen Ziffern, und über der Uhr stand mit verzierten Buchstaben geschrieben der Spruch Mein Feld ist die Welt.

Damit verabschiedet sich das Uhrenmotiv aus der Erzählung, die sich ihrerseits zu ihrem Ende hin in den Orient und gänzlich aus der Zeit begibt. Als wäre das Rad noch nicht erfunden. Oder sind wir nicht mehr in der Zeit? (AW 196) Jenseits des Tales Josaphat, wo am Ende der Zeit das ganze Menschengeschlecht leibhaftig zusammenkommen soll (AW 208).

In der Erzählung Paul Bereyter stoßen wir zunächst auf die riesige Uhr vor dem Bahnhofsgebäude (AW 45), das Uhrenthema ist mit dem in dieser Erzählung großen Thema der Eisenbahn verschmolzen. In einem nächsten Schritt wird Paul Bereyter selbst in den Themenkomplex einbezogen: Er redete mit einem leichten Sprach- oder Klangfehler, irgendwie nicht mit dem Kehlkopf, sondern aus der Herzgegend heraus, weshalb es einem manchmal vorkam, als werde er in seinem Inwendigen von einem Uhrwerk angetrieben und der ganze Paul sei ein künstlicher, aus Blech- und anderen Metallteilen zusammengesetzter Mensch, den die geringste Funktionsstörung aus der Bahn werfen konnte (AW 52). Man kann wie Austerlitz - der im übrigen mit Bereyter ausdrücklich verwoben wird, indem Selysses ihn als seinen ersten Lehrer überhaupt bezeichnet, dem er seit seiner Volkschulzeit, also seit der Bereyterzeit, habe zuhören können (AUS 52) - man kann wie Austerlitz Uhren ablehnen, die eigene Körperuhr aber nur dadurch abstellen, daß man sie abstellt. Die Ausgewanderten ist eine Sammlung von vier Selbstmordgeschichten, vom vierfachen Abstellen der Uhr. Ambros Adelwarth hat nur eine indirekte Form des Selbstmords gewählt, und Max Aurach ist erst entschlossen, seinem Zustand möglichst bald zu entkommen auf die eine oder andere Weise (AW 346).


In der Erzählung Ritorno in Patria geht der Jäger Hans Schlag aus dem Leben, man weiß nicht, ob durch Unfall, Selbstmord, Mord oder auf eine andere, übernatürliche Art. Das Uhrenmotiv wird eingeführt mit einer weiteren Szene aus der Familiengruppe Richtschwertuhr Antwerpen & Hirschkäfer. Unter dem Bild, auf dem der Selbstmord eines Liebespaars dargestellt war, stand der für die kommende Woche gedachte Kuchen, der Regulator tickte, und immer eh er zu schlagen anfing, ächzte er lange auf, als brächte er es nicht über sich, den Verlust einer weiteren Viertelstunde anzuzeigen (SG 238). Beim Uhrmacher Ebentheuer , bei dem der Großvater die Sackuhr in Reparatur gegeben hatte, wird vorgegriffen, sozusagen im dörflichen Format, auf die Szene im königlichen Observatorium Greenwich. In dem kleinen Uhrenladen tickten eine Unzahl von Standuhren, Regulatoren, Wohnzimmer- und Küchenuhren, Weckern, Taschen- und Armbanduhren durcheinander, ganz so als könne ein Uhrwerk allein nicht genug Zeit zerstören (SG 255). Und dann schon die Uhr des Jägers Schlag: Bis tief in die Nacht saß er bei seinem Glas, ohne mit jemandem ein Wort zu wechseln. Meist war sein Blick gesenkt auf die auffallend kostbare goldene Taschenuhr, die er vor sich liegen hatte, als dürfe er irgend einen wichtigen Termin nicht versäumen (SG 259). Dann, als der den Tod feststellende Arzt behutsam die Rossdecke über den leblosen Körper zieht, spielte zugleich, ausgelöst durch eine weiß Gott was für eine winzige Bewegung, die Repetieruhr in der Westentasche oder im Hosensack ein paar Takte des Lieds „Üb immer Treu und Redlichkeit“ (SG 271). Hat der Jäger Schlag, der ja zugleich Kafkas dem Tod auf einer Barke hinterherfahrende Jäger Gracchus ist, allen Anschein zum Trotz sein Sterben ein weiteres Mal verfehlt?

In der Geschwistererzählung All'estero gelangt das Uhrenthema nicht in den Bereich semantisch aktiver Motivmoleküle. Der prominenteste Auftritt ist die riesige Rolexuhr am rechten Handgelenk des Brigadiere Dalmazio Orgiu (SG 116). Das geht aber über die Leistung der Personencharakterisierung nicht hinaus.

Die Abneigung des Titelhelden gegenüber Uhren hat die späteren Teile des Austerlitzbuches von Uhren weitgehend freigefegt. Die gegen die Uhr gerichtete Philippika wird aber nur wenige Seiten später in einer eindrücklichen Antiuhrenszene noch einmal aufgenommen und übertrumpft. Im Billardzimmer des Landsitzes Iver Grove war seit dem Tode Ashmans am Sylvesterabend von 1813 auf 1814 von niemandem mehr ein Queue zur Hand genommen worden. So abgesondert sei dieser Raum von dem Rest des Hauses offenbar stets gewesen, daß sich im Verlaufe von eineinhalb Jahrhunderten kaum eine hauchdünne Staubschicht habe ablagern können. Es war, als sei hier die Zeit, die sonst doch unwiderruflich verrinnt, stehengeblieben. Als man die Paravents, vor die man große Kleiderschränke geschoben hatte, im Herbst 1951 oder 1952 entfernte, sei es ihm gewesen, als öffne sich vor ihm der Abgrund der Zeit. Eine stumme Wut sei in ihm aufgestiegen, und ehe er auch nur wußte, was er tat, habe er draußen auf dem hinteren Hof gestanden und mehrmals mit seiner Flinte auf das Uhrentürmchen der Remise geschossen, an dessen Zifferblatt man die Einschläge heute noch sehen könne (AUS 157ff).

Auch müssen wir noch einmal zurückkehren zum Anfang, um eine schöne Brücke des Uhrenthemas zu dem der Empfangsdamen nicht zu versäumen. In dem Buffetraum waren wir allein mit einem einsamen Fernet-Trinker und mit einer Buffetdame, die mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einem Barhocker hinter dem Ausschank thronte und sich mit vollkommener Hingebung und Konzentration die Fingernägel feilte. Von dieser Dame, deren wasserstoffblondes Haar zu einem vogelnestartigen Gebilde aufgetürmt war, behauptete Austerlitz beiläufig, es sei die Göttin der vergangenen Zeit. Tatsächlich befand sich an der Wand hinter ihr als Hauptstück des Buffetsaals eine mächtige Uhr (AUS 16). Wir gehen aber gar nicht über die Brücke und versuchen auch nicht den möglichen Tiefsinn der beiläufigen Bemerkung auszuloten, sondern richten das Augenmerk aber auf den sonst schnell vergessenen einsamen Fernet-Trinker, der uns zu seinem Gefährten, dem einsamen Pastis-Trinker auf Korsika führt.

Von den Konkurrenzkünsten findet die Malerei in Sebalds Werk deutlich mehr Beachtung als die Musik, umso froher sind wir über die nachgelassenen Moments Musicaux, Die mit einem der eindrucksvollsten und schönsten Uhrenszenen überhaupt beginnen: Eine Stunde später, als ich gerade beim Ausbrechen des Unwetters Evisa erreichte und dort im Café des Sports Zuflucht gefunden hatte, schaute ich lange durch die offene Tür hinaus auf den schräg in die Gasse rauschenden Regen. Der einzige Gast außer mir war ein greiser, mit einem wollenen Kittel und einem ausgedienten Armeeanorak bereits für die Wintermonate gerüsteter Mann. Seine vom Star getrübten Augen, die er gleich einem Blinden etwas aufrecht gegen die Helligkeit gerichtet hielt, waren von derselben eisgrauen Farbe wie der Pastis in seinem Glas. Er blickte nur immer unverwandt nach oben und drehte dabei gleichmäßig mit dem Daumen und dem Zeigefinger seiner rechten Hand den sechskantigen Stiel seines Glases Ruck für Ruck weiter, so gleichmäßig, als habe er in seiner Brust statt eines Herzens das Räderwerk einer Uhr (CS 223).

Das endlose Ticken der Uhr, der nackte Taktschlag des Todes am Eingang der der Musik gewidmeten Erzählung: Geht es in der Musik, geht es in der Kunst überhaupt und geht es im Werk Sebalds zumal darum, das unaufhaltsame Vorrücken des Zeigers zu umspielen und für einen Augenblick vergessen zu machen?

Auf ein Zeitzählwerk aus dem Austerlitzbuch ist noch einzugehen. Mal für Mal lasse ich das Band zurücklaufen und sehe den Zeitanzeiger in der oberen linken Ecke des Bildschirms, die Zahlen, die einen Teil ihrer Stirn verdecken, die Minuten und die Sekunden, von 10:53 bis 10:57, und die Hundertstelsekunden, die sich davondrehen, so geschwind, daß man sie nicht entziffern und festhalten kann (AUS 359). In diesen gedehnten vier Sekunden glaubt Austerlitz, der sich eine Zeitlupenkopie von dem Theresienstadtfilm hat herstellen lassen, in dem Gesicht einer jüngeren Frau, etwas zurückgesetzt und mehr gegen den oberen Rand, fast ununterschieden von dem schwarzen Schatten, der sie umgibt (AUS 358), ein mögliches Abbild seiner Mutter Agatha zu erkennen. Ein nichts an Zeit und ein unzuverlässiger Schemen aus der Vergangenheit – mehr wert als das Leben.

Sand Sebolt

He entrat dins el silenci i la penombra.
M'assec en la duresa d'un dels bancs.



Sebald eröffnet sein dichterisches Gesamtwerk mit einem Heiligentableau, Matthias Grünewalds Altar in der Pfarrkirche von Lindenhardt. Der Heilige Georg steht vorn, eine Handbreit über der Welt, hinter ihm heilige Männer und Frauen, die drei Nothelferinnen Barbara, Katharina und Margarethe stecken ihre Köpfe zusammen und sind im Blick verschworen gegen Blasius, Achaz und Eustach, Pantaleon, Aegidius, Cyriax, Christophorus und den wirklich schönen heiligen Veit mit dem Hahn (NN 7ff). Die Zahl der Heiligen in Sebalds Gesamtwerk ist, zählt man auch noch die Engel hinzu, Legion.
 Die kolportierte Nachricht, Sebald habe aus Abscheu gegen seine Vornamen durchweg das Kürzel WG verwendet, kann auf den Namen Georg, der ihn erkennbar als akzeptierter Schutzheiliger durchs Werk begleitet, kaum zutreffen. Schon bei seinem ersten Auftritt segnet Georgius Miles, über dem Boden schwebend, gleichsam Sebalds metaphysisches Stilideal der Levitation der Sätze. Auch der Verbindung seines Nachnamens zum Sakralen ist Sebald durchaus mit Sympathie und Liebe nachgegangen. Die Nacherzählung der Legende vom Heiligen Sebald, Sand Sebolt, schließt mit dem Satz: Bei Regensburg überquert er auf seinem Mantel die Donau, macht in der Stadt ein zerbrochenes Glas wieder ganz und entfacht im Herd eines ums Feuer geizenden Wagners ein Feuer aus Eiszapfen. Daran schließt Sebald eine seiner schönsten und rätselhaftesten Überlegungen überhaupt an: Immer ist diese Geschichte von der Verbrennung der gefrorenen Lebenssubstanz für mich von besonderer Bedeutung gewesen, und ich habe mich oft gefragt, ob nicht die inwendige Vereisung und Verödung am Ende die Voraussetzung ist dafür, daß man, vermittels einer Art schwindelhafter Schaustellerei, die Welt glauben machen kann, das arme Herz stünde noch in Flammen (RS 107).

Die Bekanntschaft des Ritters Georg hat Sebald biographisch schon als Kind in Wertach gemacht, dort stand der Heilige und steht noch immer am Ende der hohen Friedhofsmauer und durchbohrt ohne Unterlaß mit seinem Spieß dem zu seinen Füßen liegenden greifartigen Vogeltier den Rachen (SG 264). Dem Wertacher Georg wird, glaubt man herauszuhören, weniger Sympathie entgegengebracht als dem Lindenhardter, am meisten geliebt aber ist Pisanellos San Giorgio con capello di paglia (SG 280 ff) .

In einem Interview hat Sebald geäußert, das Leben sei ohne Sinn und jeder wisse das, umso mehr aber komme es darauf an, nichts außer Acht zu lassen, was wenigstens für den Augenblick als Sinn gelten oder nach Sinn aussehen kann. Eine derartige Äußerung läßt nicht auf vertiefte Religiosität schließen. Die einzige religiöse Ortsbestimmung einer der handelnden Personen im Werk Sebalds findet sich in der Erzählung vom Paul Bereyter, von dem das dem Erzähler lange Zeit unverständliche Gerücht umging, er sei gottgläubig, wobei dem Paul gleichzeitig offenbar nichts derart zuwider war wie die katholische Salbaderei (AW 53). Nichts weist darauf hin, die Einstellung des Erzählers und mit ihm die Sebalds wäre von der Paul Bereyters im Grundsatz unterschieden gewesen. Der alltägliche Provinzkatholizismus im Allgäu wird ihm in ähnlicher Weise zugesetzt haben. Wieso dann aber die vielen Heiligen im dichterischen Werk? Wie sah seine, Sebalds, eigene, ihm selbst möglicherweise ebenso unverständliche Gottgläubigkeit aus?

Soviel immerhin läßt sich ergründen: Einmal ist mit den Heiligen ein Sebaldsches Großthema berührt, die Gleichberechtigung der Toten mit dem Lebenden und das Nichtverschwinden der Toten aus dem Leben. Wie im einzelnen und wie ernst er das gemeint hat, muß nicht bekümmern. Dreht man freilich die Schraube einen Schlag weiter, um die dominierende Position dessen einzuschränken, was als Realität gilt aber wohl nicht die Wahrheit ist, mag es schon wieder anders aussehen. Sicher hat Sebald die Totenlegenden aus Korsika und Wales nicht in der Weise geglaubt, wie er sie selbst vorträgt, in jedem Fall aber sind von der Beantwortung solcher Realitätsfragen im Bereich künstlerischer Prosa sowohl Autor als auch Leser freigestellt. Richtig ist jedenfalls, daß die Heiligen erst im Tod ihre wahre Existenzform gewinnen. Im Leben mögen sie heilige Dinge verrichten, dem offiziellen Stand der Heiligen können sie aber erst nach dem Ableben zugerechnet werden. Der Tod ist für sie sozusagen eine Existenzsteigerung und als Schutzpatrone bleiben sie mit den Lebenden auf das Engste verbunden. Es ist die prominenteste uns in Europa bekannte Form des Zusammenlebens von Lebenden und Toten.
Weiterhin kann man urteilen, daß die christliche Kirche in Europa vergleichsweise die ausgedehntesten und reichhaltigsten Sinnfelder überhaupt entwickelt hat, auf die angesichts des von Sebald unterstellten basalen Sinnvakuums des menschlichen Daseins unter keinen Umständen verzichtet werden kann. Bedeutende Teile der christlichen Sinnfelder sind in große Kunst, in große Bildwerke eingebunden und in dieser Form zeitlos und ohne irgendeine Erschöpfung der Flöze immerfort abbaubar. Die christlichen Bildwerke gewähren Einblick in uferloses Entsetzen und in kurze Augenblicke der Hoffnung, die sich oft allein aus der Schönheit der Darstellung ergeben: die lautlose Klage, die seit nahezu siebenhundert Jahren von den über dem unendlichen Unglück schwebenden Engeln erhoben wird. Die Engel selbst haben die Brauen im Schmerz so sehr zusammengezogen, daß man hätte meinen können, sie hätten die Augen verbunden. Und sind nicht die weißen Flügel mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde das weitaus Wunderbarste von allem, was wir uns jemals haben ausdenken können? (Giottos Klageengel SG 96) Grünewald ist der Maler der gemarterten Körper und Seelen in einer in den schönsten und schauerlichsten Farben ausgeführten Vergegenwärtigung (NN 22).
An zwei bedeutsamen Stellen seines Oeuvres bewegt Sebald sich weg von den christlichen Heiligen hin zu dem überragenden jüdischen Heiligtum, dem Tempel in Jerusalem, genauer: dem Modellbau des Tempels. In der Erzählung Max Aurach gelangt der Titelheld gegen Ende eines längeren Traums durch eine mit erstaunlicher Kunstfertigkeit gemalte trompe-L’oeil-Türe in ein tief verstaubtes, seit Jahren offenbar nicht mehr betretenes Kabinett, das er nach einigem Zögern als das Wohnzimmer seiner Eltern erkennt. Ein wenig seitwärts auf dem Kanapee saß ein ihm fremder Mann, offenbar mir jiddischem Hintergrund aus Drohobycz stammend. (Bruno Schulz oder, wenn nicht er selbst, eine seiner Gestalten?) Er hielt ein aus Fichtenholz, Papiermaché und Goldfarbe gemachtes Modell des Tempels Salomonis auf dem Schoß, das er getreu nach den Angaben der Bibel in siebenjähriger Arbeit eigenhändig erbaut habe. Sehen Sie, sagte er, man erkennt eine jede Turmzacke, jeden Vorhang, jede Schwelle, jedes heilige Gerät. Und ich, sagte Aurach, beugte mich über das Tempelchen und wußte zum ersten Mal in meinem Leben, wie ein wahres Kunstwerk aussieht AW 261 f).
Es ist eine Traumwahrheit, die sich beim Versuch, sie auf die Leinwand realer Vorstellungen zu übertragen, nur gänzlich auflösen würde. Zudem ist es die Wahrheit eines gepeinigten jüdischen Künstlers, die wir nicht ohne Anmaßung uns aneignen könnten. Vorsichtig soll nur angedeutet werden, daß sich eine der dominierenden Kunstauffassung offenbar diametral entgegengesetztes Verständnis durchdrückt. Nach ihrer Ausdifferenzierung und Verselbständigung zumal gegenüber der Religion feiert sich die neuzeitliche Kunst vornehmlich in Exzessen der Freiheit und Selbstbezüglichkeit. Hier scheint sie selig rückversklavt an die Aufgabe, ein akribisches Modell des Heiligen zu erzeugen.

Im Saturnbuch ist der Bau des Tempelmodells aus dem Traum in die reale Welt verlagert. Alec Garrad baut auch nicht aus religiösem Anlaß, er hatte sich allgemein dem Modellbau zugewandt und zunächst mit Schiffen begonnen. Inzwischen ist sein Leben aber fast völlig verschmolzen mit dem Tempelmodellbau, dem er alle nur irgend verfügbare Zeit widmet. Gleichzeitig aber ist am Tempel angesichts des Umfangs und der Minutiosität der zu leistenden Arbeit von einem Jahr auf das andere so gut wie kein Fortschritt zu erkennen. Das erinnert, wenn auch nicht in den Einzelheiten, an Sisyphos. Der Kunst- und Wahrheitsgedanke ist aus dem Bau des Tempels herausgenommen in den abschließenden Seitenblick auf eine Entenschar. Immer sagte er, Alec Garrad, habe ich Enten gehalten, schon als Kind, und immer ist mir die Farbgebung ihres Federkleids, insbesondere das Dunkelgrüne und das Schneeweiße, als die einzige mögliche Antwort erschienen auf die Fragen, die mich seit jeher bewegten (AW 293 f). Zahlreiche metaphysische Augenblick im Werk Sebalds gehen aus von Hühner- und Entenvögeln, man möchte fast schon vom heiligen Federvieh Sebaldi sprechen.

Das Heilige ist gegenwärtig am besten in den Bildwerken der Hochkunst verwahrt. Andererseits aber finden auch äußerst bescheidener Kunstanspruch oder reines Handwerk Gnade, wenn sie dem Heiligen gewidmet sind. Am Maler der Krummenbacher Kapelle, aus dessen ungeschickter Hand die Kreuzwegstationen stammen, wird hervorgehoben, er habe sich mit seinen Bildchen vielleicht nicht weniger gemüht als im gleichen Jahr Tiepolo an seinem großen Deckengemälde in der Würzburger Residenz (SG 197). Der säkulare Maler Hengge, der mit sicher größerem Kunstverstand sein Leben lang fast ausschließlich Holzerbilder verfertigt hat und die in unendlicher Zahl, findet keine vergleichbar rühmende Erwähnung (SG 223 ff)

Zum Schluß wenden wir uns wieder der Hochkunst zu und zwar dem bereits erwähnten San Giorgio con capello di paglia Pisanellos, der eine besondere Stellung in den Schwindel.Gefühlen und womöglich im Gesamtwerk des Dichters hat. Das Gemälde wird mit liebevoller Akribie beschrieben. Auf der linken Seite steht der Heilige Antonius als bärtiger, strenger Eremit, rechts, ihm zugewandt, Giorgio, von dem etwas herzbewegend Weltliches ausgeht, nicht der geringste Schatten der Schuldhaftigkeit fällt auf ihn. Die heilig-weltliche Tat ist getan, das Böse ist beseitigt, der Drache, ein geringeltes, geflügeltes Tier hat sein Leben bereits ausgehaucht. Georg kann sich ins säkulare Zivilleben verabschieden, ohne aber der heiligen Transzendenz den Rücken zu kehren. Der Helm ist gegen einen mit einer großen Feder geschmückten Strohhut ausgetauscht. Man wüßte gern, wie Pisanello auf den Gedanken gekommen ist, den heiligen Georg ausgerechnet mit einer solchen, angesichts der Umstände eigentlich unpassenden, ja geradezu extravaganten Kopfbedeckung auszustaffieren. – Nun, es ist ein extravaganter Augenblick der Menschheitsgeschichte, dieses spannungsfreie Zusammenspiel der alten metaphysischen und der neuen säkularen Welt. Aus dem Himmelsblau hervorstrahlend segnet die Jungfrau mit dem Erlöserkind diesen Bund.

Einen vergleichbar extravaganten Augenblicks des Ausgleichs, des Augenblicks einer richtigen Welt hat Sebald in den alemannischen Utopien Kellers und Hebels gesehen (die Aufsätze in LL). Dieser ausgeglichene historische Zustand endete spätestens 1914. Die Jahreszahl 1913, mäandert durch das gesamte Buch von den Schwindel.Gefühlen. Sebalds eigene Lebens- und Schaffenszeit liegt weit jenseits des historischen Balancepunktes. Die Schwindel.Gefühle sind Sebalds hellstes Werk, und San Giorgio in der aus weißem Metall geschmiedeten, kunstreichen Rüstung, die allen Abendschein auf sich sammelt und den hellen Strohhut über dem jugendlichen Gesicht einer der hellsten Augenblicke darin. Auf den wenigen noch verbleibenden Seiten verdunkelt es sich dann rapide: Die menschen- und gottverlassene Londoner U-Bahnstation mit der sehr schwarzen Negerfrau im engen Schalterhäuschen, die rußigen Ziegelmauern bei der Ausfahrt aus Liverpool Station, die Schotterwüste im Alpentraum, ein helles, gleißendes Grau, in dem Myriaden von Quarzsplittern schimmerten, eine Helle, möchte man meinen, so dunkel und öd wie kein Dunkel, nirgends ein Baum zu sehen, kein Strauch, kein Krüppelholz, kein Büschelchen Gras, alles nur Stein, das große Feuer von London in Samuel Pepys Tagebuch, kein helles Feuer, sondern ein grausig blutig böses Lohen. Die beiden letzten Worte der Schwindel.Gefühle sind die Zahl 2013 und Ende. Das Wort Ende erscheint gleichsam an der Stelle, an der in den älteren Film das Licht wieder anging im Kino. Kein neueres Prosawerk endet aber nach der Weise der alten Filme, auch Sebalds Bücher nicht. 2013 und Ende sind die letzten bedeutungsschweren Worte des Textes und keineswegs nur der Hinweis, daß das Buch jetzt geschlossen werden kann. Was wird 2013 zu Ende sein? Die schlimme Zeit, die falsche Welt? Eher nicht. Ich sage Euch: There's a mighty judgement coming! - But I may be wrong.