Sonntag, 12. März 2023

Kreisen

 Fliegen

Jeden Morgen früh macht er sich auf und legt end- und ziellose Wege zurück in einem genau umrissenen, sichel- bis halbmondförmigen Bereich, mit anderen Worten, er kreist umher, auch wenn er die ideale Kreisform verpaßt. Die ideale Kreisform wird im Hoplanka fast erreicht, als ein Gast siebzehnmal den Tisch umwandert, bevor er sich setzt. Draußen, auf dem kleinen Platz kreisen fünf weiße Gänse, so als seien mit einer unsichtbaren Kette an den Pfosten mitten auf dem Platz gebunden. Der Gast in der Wirtsstube und dann die Gänse auf dem Platz rufen kosmische Vorgänge ins Gedächtnis, den Umlauf der Sonne und ganzer Galaxien. Seit einigen Jahrhunderten weiß man, daß die Erde kein flaches Gelände ist, über ihr der Himmel und unter ihr die Hölle, sondern ein riesiger, aufs Ganze der Welt gesehen allerdings winziger Ball. Zunächst ließen sich nur wenige überzeugen, und auch jetzt sind noch nicht alle überzeugt vom runden Erdball, der Drang aber, die den Menschen zur Verfügung stehende Welt mit dem Flugzeug zu umkreisen nimmt täglich zu. Menschen kleben sich an den Boden, um ihre klimafreundliche Unbeweglichkeit zu demonstrieren und am nächsten Tag fliegen sie nach Bali, bald darauf dann, auf der entgegengesetzten Route, westwärts nach Hawaii. Je höher die Geschwindigkeit, desto kleiner die Welt. Nachdem ihnen die Überschaubarkeit ihrer Welt vor Augen steht, huschen die Menschen hin und her wie das hungrige Rattenvolk im Käfig. Die Gänse werden sich kurz über lang wieder in die Luft schwingen und den für sie weiten Weg suchen. Einige Menschen träumen schon vom Verlassen des Planeten und von einem Leben im All, noch aber sind die Wege nicht offen, die extraterrestrischen Gefilde nicht zugänglich. 

Donnerstag, 9. März 2023

Last Generation

 Next Generation

 

Das junge Mädchen mit einer aus vielen farbigen Flecken geschneiderten Jacke um die Schultern im Zug nach Mailand ist vielleicht die jugendlichste Gestalt überhaupt, die in den Büchern des Meisters Erwähnung findet. Manchmal erzählt er von seiner Kindheit und Jugend und läßt dann auch den einen oder anderen Klassenkameraden zu Worte kommen, als erwachsener Autor erzählt er aber nur von erwachsenen Menschen. Die beiden Mädchen im Mailänder Konsulat, um sie noch zu erwähnen, sind fraglos jünger als das Mädchen mit der bunten Jacke, da der Vater der beiden, Giorgio Santini, sich aber als Neufassung des San Giorgio entpuppt, kann und muß man seinen Töchtern einen zeitlosen Feencharakter zubilligen. Die bisher bekannte Welt geht unterdes langsam unter im Getöse der Maschinen, die jetzige Jugend beginnt, in einer anderen, fremden Welt zu leben. Bald schon aber schätzt die Jugend sich bereits vermehrt als last generation ein und sieht sich ihrerseits vor dem Abgrund. Hoffnungsvoller geht es in Louise Erdrich Bezirk zu, die Autorin vertritt nicht das Abendland, sondern die Anishinaabeg, da wimmelt es  nur so von Kleinkindern. In Books & Islands, einem Tatsachenbericht, hat Erdrich auf einer mehrtätigen Reise mit dem Auto durch Ojibwe Country auf allen Stationen als einzigen Fahrgast ihr eigenes Baby dabei. Im Buch LeRose verfolgen wir den gleichnamigen Protagonisten von der frühsten bis in die fortgeschrittene Jugend, weitere Beispiele dieser Art wären noch zu nennen. Ein besonderer Fall ist Gerry Nanapush, der immer wieder im Gefängnis landet und nach kurzer Zeit immer wieder ausbricht, bereit für eine neue Missetat. Seine Freunde können sich in jeder Hinsicht auf ihn verlassen. Ein Kamerad wird mit seinem erworbenen Diebesgut verfolgt, Gerry Nanapush stielt das nächstbeste Auto und rettet ihn damit. Erst nach einigen Kilometern entdecken die beiden einen nicht erwarteten sogenannten blinden Passagier im Wagen, ein ordnungsgemäß auf dem Rücksitz angeschnalltes Kleinkind. Genaueres erfährt man weiter nicht, muß sich um das Kind in Gerrys Obhut aber keine Sorgen machen. 

Freitag, 3. März 2023

Neubeginn

Einer nach dem andern

Bei seinem ersten Auftritt ist der Erzähler der vier Bücher in einem Stadium des Neubeginns, der mit einem Absturz beginnt. In der Hoffnung, über die besonders ungute Zeit hinwegzukommen, war er nach Wien gefahren, hat dort aber keinen Menschen angetroffen, mit dem er sprechen konnte, nur mit den Dohlen in den Rathausanlagen hatte er hatte er einige Worte wechseln können. Aufs Ganze gesehen, in der Entwicklung der vier Bücher, leidet der Erzähler aber nicht an einer zu geringen, sondern an einer zu großen Menschenschar. Er läßt die Karte für die Nabucco-Aufführung verfallen, unschlüssig sich unter ein Publikum zu mischen, in Venedig angelangt fährt er beim Anblick der dort versammelten Touristenscharen gleich weiter. Bei den zahlreichen Begegnungen mit Austerlitz ist nie ein Dritter anwesend. Allein oder zu zweit, das ist seine Vorliebe. In Limone sitzt das Ferienvolk draußen auf der Terrasse, er sitzt in der Gaststube, Luciana wirtschaftet hinter der Theke, hat ihn im Auge, wechselt Worte mit ihm und versorgt ihn mit Espresso. Gemeinsam mit Aurach diniert er im Wadi Halfa, daß ein dritter an ihrem Tisch Platz nehmen könnte, ist nicht vorstellbar. Viele andere Beispiele dieser Art wären noch zu nennen. Besucht er Eheleute, kommen sie nacheinander zu Worte. Die Lina erzählt ihm alles, was sie vom Onkel Adelwarth weiß, dann lädt ihn der Kasimir zu einer Autofahrt in der Umgebung ein. Michael Hamburger erzählt umfänglich, als seine Frau Anne aus dem Mittagsschlaf erwacht, übernimmt sie das Wort. Aus dem Rahmen fällt der Besuch bei den Ashburys, gleich fünf Personen stellen sich hier ein, die Mutter, drei Töchter und der Sohn. So gut wie nie aber trifft man sie zugleich an, rastlos wandern sie in den Korridoren herum oder gehen ihren mehr oder weniger sinnlosen Beschäftigungen nach. Edmund zimmert sei Jahren an einem Boot herum, das nie wasserfest sein wird, Catherin, Clarissa und Cristina erzeugen Textilien, die immer unverkäuflich bleiben werden, und Mrs. Ashbury sammelt zu ihrem Vergnügen Blumensamen in Papiertüten. Der Erzähler ist positiv beeindruckt von ihrem, wie er sagt, von Tag für Tag unschuldiger werdendem Leben. Die Ashburys sind keine gewöhnlichen Menschen, fast schon Fabelwesen, für die die üblichen Regeln nicht gelten. Man muß sie nicht vereinzeln.