Dienstag, 19. Juli 2011

Kanzel der Qual

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Der Prediger saß, wie es seine unabänderliche Gewohnheit war, in seinem Studierzimmer, das auf ein finsteres Eck des Gartens hinausging und dachte sich seine am nächsten Sonntag zu haltende Predigt aus. Keine dieser Predigten hat er je niedergeschrieben, vielmehr erarbeitete er sie nur in seinem Kopf, indem er sich selber damit peinigte, wenigstens vier Tage lang. Völlig niedergeschlagen kam er jeweils am Abend aus seiner Kammer hervor, nur um am folgenden Morgen wieder in ihr zu verschwinden. Wenn man in das Hauptschiff der, gemessen an der Zahl der Bewohner, unverhältnismäßig großen Dorfkirche trat, bemerkte man an einer Säule, fast angrenzend an die Bänke des Altarchors, eine kleine Nebenkanzel, ganz einfach, aus kahlem, bleichem Stein. Sie war so klein, daß sie aus der Ferne wie eine noch leere Nische erschien, die für die Aufnahme einer Heiligenstatue bestimmt war. Der Prediger konnte gewiß keinen vollen Schritt von der Brüstung zurücktreten. Außerdem begann die steinerne Einwölbung der Kanzel ungewöhnlich tief und stieg, zwar ohne jeden Schmuck, aber derartig geschweift in die Höhe, daß ein mittelgroßer Mann dort nicht aufrecht stehen konnte, sondern sich dauernd über die Brüstung vorbeugen mußte. Das Ganze war wie zur Qual des Predigers bestimmt, es war unverständlich, wozu man diese Kanzel benötigte, da man doch die andere, große und so kunstvoll geschmückte zur Verfügung hatte. Unfehlbar aber wählte der Prediger, wenn er am Sonntag vor die im Gotteshaus versammelte Gemeinde hintrat, diese kleine Kanzel, so wie man vielleicht ein reißendes Tier in einem besonders engen Käfig auf den alles entscheidenden Kampf vorbereitet. Oft eine Stunde führte er den Sündern mit einer tatsächlich erschütternder Wortgewalt das allen bevorstehende Strafgericht vor Augen, die Farben des Fegefeuers und die Qualen der Verdammnis sowie, in den wundervollsten Stern- und Himmelsbildern, das Eingehen der Gerechten in die ewige Seligkeit. Immer gelang es ihm, so als erfände er noch die entsetzlichsten Dinge aus dem Stegreif heraus, die Herzen seiner Zuhörerschaft mit einem solchen Gefühl der Zerknirschung zu erfüllen, das nicht wenige von ihnen am Ende des Gottesdienstes mit einem kalkweißen Gesicht nach Hause gingen. Der Prediger hingegen war den restlichen Sonntag in verhältnismäßig aufgeräumter Stimmung.

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