Donnerstag, 10. August 2023

Hoffnung

und Zweifel

So wie Platon und Aristoteles ihrer Sache völlig sicher die Scuola di Atene betreten, kann nur das Beste für die Menschheit erwarten werden, da gibt es kein Zögern und kein Zweifeln, Raffaels Bild versichert es den Betrachtern. Der Weitblick der beiden dominanten Philosophen verspricht allen Menschen nur Gutes für die Zukunft, der künftige Weg ist gesichert, die Richtung hin zum Triumph der Menschheit ist für jedermann klar erkenntlich. So verloren, ratlos und mehr oder wenig überflüßig die an die zwanzig anderen auf dem Bild vertretenen Philosophen teilweise erscheinen mögen, Platon und Aristoteles haben die Lage im Griff. Die Reise zum Ziel kommt allerdings nicht sogleich in Fahrt, vor allem das Mittelalter war voller ärgerlicher Verzögerungen, insgesamt verschleppte sich die erwartete Wende hin zum menschlichen Glück über weit mehr als tausend Jahre. Die entscheidende Kehre kommt mit der Aufklärung, den Lumières, vertreten von der Französische Revolution. Zwar wurden Liberté, Égalité, Fraternité zunächst durch Terreur abgelöst, über Kleinigkeiten dieser Art muß man aber hinwegsehen, wenn es ums Große und Ganze geht. Gleichzeitig mit der Aufklärung setzte zur Erleichterung der arbeitenden Bevölkerung verheißungsvoll die Industrialisierung ein, Manchester wird das neue Jerusalem, man muß sich nicht mehr plagen, die Maschinen übernehmen die lästige Arbeit, das Leben gestaltet sich als dauerhaften Urlaub. 

Im Widerspruch dazu hat der Dichter als Prophet manches kommen sehen, was jetzt eingetroffen ist. Als er in jungen Jahren Manchester besuchte, war von einem dort ansässigen Jerusalem der Neuzeit schon längst nicht mehr die Rede, die Stadt hatte ihre Bedeutung inzwischen eingebüßt. Im Verlauf der Jahre fallen ihm weitere Abnormitäten der angeblich für immer genesenen Menschheit auf, an erster Stelle die alles umfassende Verbrennung alles Brennbaren, ohne die sich inzwischen nichts mehr vom Fleck rührt, brucia continuamente. Jetzt, in diesen Tagen, bemüht man sich, die Verbrennung durch sogenannte erneuerbare Energien zu ersetzen, der Erfolg ist in keiner Weise gesichert. Immer schon war dem Dichter das sogenannte Ferienvolk ein Dorn im Auge, dessen Betragen für ihn nichts als ein Beweis haltloser Langeweile ist. Die rastlos dahinwandernden Menschenmassen als Folgen der Langeweile haben inzwischen erschreckende Ausmaßen angenommen hat. Man liest, auf Mallorca sei es so schlimm wie noch nie, im restlichen Spanien, sowie in Italien, Griechenland, Kroatien, überall wo der Südwind weht, sieht es nicht besser aus. Alle stieren mit dem Ausdruck völliger Verständnislosigkeit auf die sogenannten Kunstwerke, ihm selbst war es noch gelungen, berühmte Gemälde des Weltkulturerbes allein und ungestört zu betrachten, tempi passati. Die Lagunenstadt Venedig soll in diesen Tagen dank der zerstörerischen Besucherschwemme als bedrohtes Kulturerbe eingestuft werden, unbeeindruckt davon schieben sich weiterhin buntfarbene Menschenmassen in groteskem Ausmaß wie eine Art Zug oder Prozession durch die engen Gassen. Seit weniger als einem Jahrhundert hat sich die Erdbevölkerung mehr als verdoppelt, die Langeweile  auch. Wie beglückend war es, einsamer Gast in einem Museum zu sein. In seiner Prosa war der Dichter stets auf Ausdünnung der Bevölkerung bedacht, er sucht Einsamkeit und Stille, wo es sie längst nicht mehr gibt. Er glaubt menschenlose selbstgesteuerte Traktoren auf den Feldern zu erkennen, in der Gischt der nassen Straßen vorbeifahrende Autos, in denen kein Fahrer zu erkennen ist, nichts als eine Fata Morgana. Was kann man noch erwarten, worauf kann man hoffen?

 

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