Montag, 2. Oktober 2023

Prophet

Menschenmassen

Offenkundig sind ihm Menschenansammlungen nicht willkommen. Als er in Wien und Venedig gar niemanden findet, mit dem er sprechen könnte, ist ihm das verständlicherweise aber auch nicht recht. Im Verlauf seiner zweiten Reise, sieben Jahre später, tritt dieses Phänomen nicht auf, statt dessen wundert er sich über das stark angewachsene Ferienvolk, dem er sich auf keinen Fall annähern will. Man trifft dieses von ihm so betitelte Volk im oder am Bahnhof ruhend, ein wahres Heer zumeist jugendlicher Touristen in ihren Schlafsäcken auf Strohmatten oder auf dem nackten Steinboden. Man trifft andere Müßiggänger am Abend in Limone, das ganze Ferienvolk ist paar- und familienweise unterwegs, eine einzige buntfarbige Menschenmasse schiebt sich wie eine Art Zug oder Prozession durch die engen Gassen des Ortes. Später trifft er dann auf durchaus erträgliche Menschen und Gesprächsanlässe in erträglicher Zahl, man unterhält sich und tauscht Worte und Gedanken aus. Optimistischen Erwartungen für die Menschheit hat er weiterhin keine, er ist ersichtlich kein entschiedener Freund des Homo sapiens. Die Menschenscharen möchte er möglichst gering und am besten unsichtbar halten, vielleicht, weil er die Menschheit auf falschem Wege sieht, daß der Mensch der Liebling Gottes sei, will ihm nicht einleuchten. Verbreitet will der Mensch im Zuge der Aufklärung das irdische Geschehen in die eigene Hand nehmen, das Ruder selbständig steuern, von Descartes bis hin zu Marx bewegt und behauptet sich diese Einstellung. Die Gegenseite wiederum erwartet den baldiges Untergang des Menschheit, man kann unter anderem Jean Rostand oder Cioran, wenn nicht als Vollstrecker, so doch als Zubringer nennen. Wiederum andere setzen auf das alte Rom und auf Panem et circenses als die geeignete Medizin für die zunehmend von Arbeit befreite und entsprechend gelangweilte Menschheit. Gewaltig ist das Ferienvolk in den letzten Jahrzehnten angeschwollen, seine Heere sind inzwischen nicht mehr überschaubar, ansässige Küsten- und Inselbewohner bekommen die vom Ferienvolk okkupierte See, die doch ihre See ist, allenfalls in der touristenarmen Winterzeit noch zu Gesicht.

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