Donnerstag, 19. Mai 2022

Wittgensteinspiegelungen

Rucksackmenschen

Sprache als Musik, am Mozarteum ausgebildet, hat Bernhard später Prosamusik verfaßt, nicht gerade Mozartklänge, Dominanz der dirty notes in der Syntax wie auch im Vokabular, musikalische Endlostiraden, Beschimpfung als dominierende Tonart, extreme Tempi, auf eine Reihe von Sätzen, die sich jeweils über mehrere Seiten erstreckt, folgt ein Satz bestehend aus nur vier Wörtern. Man darf die Klänge dieser Prosa keineswegs unmittelbar als Aussagen mißverstehen.

Erinnerlich war dem Erzähler, daß er sich sogleich Gedanken germacht hatte über Austerlitz' auffallende Ähnlichkeit mit Ludwig Wittgenstein, über den entsetzten Ausdruck, den sie beide trugen in ihrem Gesicht. Es war wohl vor allem auch der Rucksack, den Austerlitz in einem Surplus-Store für zehn Schilling aus ehemaligen schwedischen Heeresbestände gekauft hatte. Dieser Rucksack hatte den Erzähler wohl auf die Idee einer gewissermaßen körperlichen Verwandtschaft Austerlitz' mit dem Philosophen gebracht. Auch Wittgenstein hat ja ständig seinen Rucksack dabeigehabt, sei es nun in Norwegen, Irland, Kasachstan oder bei den Schwestern zu Hause beim Weihnachtsfest. Immer und überallhin ist der Rucksack mitgereist. Wenn er, der Erzähler, nun auf eine Photographie von Wittgenstein stoße, blicke ihm Austerlitz entgegen und umgekehrt. Mehr als auffällig sind die Ähnlichkeiten der beiden in der Statur, in der Art, wie sie einen über eine unsichtbare Grenze hinweg studieren, in ihrem nur provisorisch eingerichteten Leben, in ihrem Wunsch, mit möglichst wenig auslangen zu können und der für beide bezeichnenden Unfähigkeit, sich mit irgendwelchen Präliminarien aufzuhalten. Roithamer, um sich ihm zuzuwenden, ist bereits tot, als wir von ihm hören. Je mehr wir von ihm hören, desto mehr scheint es, er sei Wittgenstein versteckt hinter einem Pseudonym, alles scheint zu stimmen, nichts zuletzt das extravagante Haus, das er, genau wie Wittgenstein, für seine Schwester baut. Diese Annahme bedarf aber einer Korrektur, zum einen hat Wittgenstein sich nicht umgebracht, und zum anderen erläutert Roithamer selbst, daß Wittgenstein aus der gleichen Landschaft komme wie er, Wittgenstein also nicht Roithamer, wohl aber ein Landsmann Roithamers ist. Neben Austerlitz erweist sich Roithamer mithin als ein weiterer Doppelgänger Wittgensteins. Zurück zum Rucksack, der, ähnlich ausgestattet wie bei Wittgenstein und Austerlitz, auch bei Roithamer nicht fehlt. Er ist offenbar vollgestopft mit Aufzeichnungen, Bernhards namenloser Erzähler scheut sich, den Rucksack zu öffnen aus Angst, alles könne durcheinander geraten und den Text unlesbar machen oder zumindest große Mühen bei der Wiederherstellung. Wie auch immer, der Leser bleibt verschont von möglichen Plagen, ihm wird Roithamers Text vorgelesen, er muß nur hinhören. Der Text, den er hört und liest, ist, anders als erwartet, keine wissenschaftliche oder philosophische Studie, sondern Roithamers Lebensbericht. Als das einzig Positive in seinem Leben verbucht Roithamer den für seine Schwester entworfenen und errichteten Wohnkegel, dessen Anblick die Schwester freilich nicht überlebt.

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