Mittwoch, 1. Februar 2023

Der Waschbär

Dunkelheit

 

Vor dem Einschlafen schlägt Louise Erdrich Sebalds Austerlitz auf, um noch für eine Weile zu lesen. Sie liest, wie sie sagt, die erste Seite halb und dann noch einmal die halbe Seite, dann die zweite Hälfte und dann die ganze Seite, zweimal. Die Inhalte der Lektüre werden zunächst nicht offenbart, es geht allein um die die Art des Schreibens. Womöglich hat sie wenige Seiten später bei der Begegnung mit dem Waschbären im Nocturama staunend die Lektüre fürs erste abgebrochen: Der Waschbär saß mit ernstem Gesicht bei einem Bächlein und wusch immer wieder denselben Apfelschnitz, als hoffe er, durch dieses weit über jede vernünftige Gründlichkeit hinausgehende Waschen entkommen zu können aus der falschen Welt, in die er gewissermaßen ohne sein eigenes Zutun geraten war. Wer möchte bei diesem Text nicht verwundert und staunend zumindest eine Lesepause einlegen? Später geht es weiter, diesmal im Bahnhof Antwerpen, der sich seinerseits als Nocturama erweist, ein Nocturama für Menschen. Ein unterweltliches Dämmern erfüllte den Wartesaal, darin reglos und stumm ein paar Reisende. Ähnlich wie die Tiere, unter denen es auffällig viele Zwergrassen gab, schienen auch die Reisenden irgendwie verkleinert, vermutlich wegen der dichter werdenden Düsternis. In dem Buffetraum war ein einsamer Fernet-Trinker zu erkennen und die Buffetdame, die mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einem Barhocker hinter dem Ausschank thronte. Dann aber betritt Austerlitz den Saal, ein jugendlich wirkender Mann mit blondem, seltsam gewirkten Haar. Die Dunkelheit scheint verscheucht, ein Trugschluß, das Buch Austerlitz handelt ganz überwiegend von der Dunkelheit im Leben des Protagonisten.Wird er je noch die helle Seite des Lebens erreichen?

Keine Kommentare: