Samstag, 4. November 2023

Rekonvaleszenz

Skelett einer Erzählung


Hätte man nur diese Quelle und keine andere, könnte man meinen, er würde den Aufenthalt zunächst in Wien, dann in Venedig und schließlich in Verona womöglich nicht überleben. Er ist nach Wien gekommen, um durch die Ortsveränderung über eine besonders ungute Zeit hinweg zu kommen, eine Art Genesungsurlaub also. Bei seiner Abneigung gegenüber dem Ferienvolk, dem er jetzt in gewisser Weise zugehört, kann das nur mißlingen. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend ist er auf end- und ziellosen Gassen unterwegs, findet in seinem Hotel zur Nacht kaum Schlaf und bricht im Morgengrauen wieder auf wie tags zuvor. Tagsüber hat er keine Gefährten, mit denen er sprechen könnte, die von den endlosen Gängen zerfetzten Schuhe sind es, die ihm schließlich sein Scheitern vor Augen halten, ein Aufbruch aus Wien ist unumgänglich. Zunächst aber verabredet er sich mit Herbeck, das Wiedersehen mit ihm stabilisiert ihn zusehends und auch der hart umkämpfte Cappuccino im Stehbuffet der Ferrovia wenig später stärkt sein Selbstvertrauen sichtbar. Den letzten Schliff gewinnt er mit einer scharfen Rasur beim Bahnhofsbarbier, eine weitere Festigung, so scheint es, seiner wiedergewonnenen bürgerliche Existenz. Auch im Giardino Giusti in Verona bestätigt sich das neu gewonnene Glück, was konnte besser sein als dieser Mixtur menschlicher Abwesenheit und dem bescheidenem Antreffen menschlicher Anwesenheit. Der Garten ist menschenleer, ein Paar türkischer Tauben sorgt für die Belebung. Er verläßt den Garten nicht ohne eine wortlose Erwiderung des zugenickten Abschiedsgrußes der Pförtnerin in ihrem dunklen Gehäuse. Anders aber sieht es aus in der Arena, wieder glaubt er wie schon zuvor die Blicke zweier junger Männer aus sich gerichtet, er packt in aller Eile seine Sachen und flüchtet in aller Eile mit dem Nachtzug  nach Innsbruck. Man hält am Brenner. Es steigt niemand aus oder ein. Draußen auf dem Bahnsteig gehen die Grenzer auf und ab.


 

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