Dienstag, 2. Januar 2024

Unerwartete

Wandlungen

Nachdem Clara überraschend und wie es scheint ohne Rücksprache mit ihrem Mann ein Haus gekauft hatte, hört man von ihr nur noch wenig. Ihr Mann berichtet so gut wie ausschließlich von Unternehmungen und Reisen, an denen sie nicht teilnimmt. Er selbst besucht in All´estero zweimal Oberitalien, der erste Besuch war von vornherein gescheitert und verloren, er ist weiter nicht zu kommentieren. Auch die zweite Reise, sieben Jahre später, hinterläßt zunächst einen zwiespältigen Eindruck. Der Zug nach Venedig ist überfüllt, viele, so auch er, sitzen auf den Gängen mit ihren Koffern und Rucksäcken. Seltsamerweise aber ist er kaum gestört, mit seinen Aufzeichnungen. Im Bus während der anschließenden Fahrt herrscht eine feindliche Atmosphäre, er steigt vorzeitig aus und erreicht nach einem kurzen Marsch das von Luciana geleitete Hotel Sole. Hier nun fühlt er sich in bester Stimmung, geradezu besser noch als zu Hause, und wohl aus diesem Grund entschließt er sich nach nur zwei Tagen weiterzufahren. Das hastige Unternehmen scheitert allerding, der für das weitere Reise unerläßliche Paß ist nicht auf aufzufinden. Luciana fährt ihm zum Brigadiere, der ihm ein Übergangsschriftstück ausstellt. Es war ihm dann, als habe der Brigadiere sie getraut und sie könnten nun miteinander hinfahren, wo sie wollten. Naturgemäß war es nur eine Fata Morgana, aber eine unvergessliche. Die Fahrt zum Konsulat nach Mailand zwecks Ausstellung eines neuen Passes ist, wie man denkt, nur ein störender Umweg, und wieder kommt es anders. Zwei junge Frauen sitzen bereits in seinem Abteil, eine Franziskanerin von vielleicht dreißig oder fünfunddreißig Jahren und ein junges Mädchen mit einer aus vielen farbigen Flecken geschneiderten Jacke um die Schultern. Die Ordensschwester liest ihr Brevier, das Mädchen, nicht minder versenkt, einen Bilderroman. Von vollendeter Schönheit waren sie beide, man kann nur den tiefen Ernst bewundern, mit dem sie jeweils die Blätter umwendeten. Einmal blätterte die Franziskanerschwester um, dann das junge Mädchen und dann wieder die Franziskanerschwester. Die Fahrt nach Mailand vergeht wie im Flug. In Mailand, so glaubt man, geht es um die Ausstellung eines ordentlichen neuen Passes, Besonderheiten erwartet man nicht und irrt sich wiederum gründlich. Eine Artistenfamilie erwartet ihn, das Oberhaupt der Truppe trägt einen weitkrempigen Strohhut ähnlich dem vom Pisanello für San Giorgio gemalten, der Artist hört auf den Namen Giorgio Santini, da mag jeder denken, was er mag. Die wahre Enttäuschung, so scheint es, steht noch bevor und ist gar keine Enttäuschung, sondern ein Glück. In Verona ist die Bibliothek für längere Zeit verschlossen, allerdings steht die Eingangstür offen. Er tritt ein und stößt auf einen Bibliotheksbeamten, der ihm bereitwillig die gewünschten Bücher herbei sucht. Dann vertiefen sich beide ohne einander zu stören still in ihre Aufgaben, was kann schöner sein.

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