Mittwoch, 23. Oktober 2019

Bethäuser

Unter der Woche

Die Bahnhöfe seien die neuen Kathedralen, heißt es an einer Stelle, die Bahnhöfe haben diesen Status aber nicht wahren können, die Kathedralen selbst treten im Rahmen der umfänglichen Architekturbetrachtung nicht auf. In Paris bekommen wir Notre Dame nicht zu Gesicht, in London nicht Sankt Paul, in Mailand mißbraucht der Erzähler den Dom als Aussichtsturm. Vom Brüsseler Justizpalast heißt es, er könne niemandem gefallen, der bei Verstand ist, von den Kathedralen wird derlei nicht gesagt und kann auch von keinem Verständigen gesagt werden, und weil es nicht gesagt werden kann, bleiben die Kathedralen ganz unerwähnt. Auch um die Verkünder des Heils ist es eher schlecht bestellt, wir stoßen auf zwei Komödiantenpaare, auf den Katecheten Meier und den Benefiziaten Meyer in der Erzählung Bereyter sowie auf den Zündapp-Pfarrer im Verein mit dem Zündapp-Arzt in der Erzählung Ritorno in Patria. Halbwegs ernst zu nehmen als Künder der frohen Botschaft ist allein der calvinistische Prediger Emyr Elias, möglicherweise ein Nachfahre des seinerzeit prominenten walisischen Predigers John Elias (ganwyd 1774, bu farw 1841). Ein zeitgenössisches gemaltes Bild zeigt John Elias auf einer Freiluftveranstaltung in Bala, bei der er von einer eigens errichteten hölzernen Kanzel einer größeren Zahl von Menschen predigt, als in einem Bethaus Platz finden könnten. Generell aber wird der Gottesdienst in Wales weder unter freiem Himmel noch in Kathedralen gehalten, sondern in Bethäusern, von deren vermutlich anspruchsloser Architektur wir weiter nichts erfahren, von deren Besuch aber sich die Waliser und Waliserinnen in ihren schwarzen Hüten und ihren schwarzen Regendächern durch nichts und von niemanden abhalten lassen, nicht einmal von aggressiven Papageien, die schon auf sie lauern bei diesen regelmäßig wiederkehrenden sonntäglichen Gelegenheiten, um auf das unflätigste hinter ihnen herzuschreien. Im Grunde war das Papageiengeschrei die geeignete Vorbereitung auf den von Emyr Elias gehaltenen Gottesdienst, in dem er das allen bevorstehende Strafgericht, die Farben des Fegefeuers, die Qualen der Verdammnis sowie, im Gegenzug, in den wundervollsten Stern- und Himmelsbildern das Eingehen der Gerechten in die ewige Seligkeit vor Augen führte. Immer gelang es ihm, wie seinerzeit auch schon dem älteren Elias, die Herzen der Zuhörerschaft mit einem solchen Gefühl der Zerknirschung zu erfüllen, daß nicht wenige mit einem kalkweißen Gesicht nach Hause gingen.

Wenn schon nicht auf die Kathedralen, läßt sich der sich Dichter versuchsweise auf die Kapellen seiner Heimat ein, in denen er den gleichen Zwiespalt aufspürt wie in den Predigten des Emyr Elias, die Qualen der Verdammnis und als Kontrastprogramm die ewige Seligkeit, hier, in den Kapellen, als die Angst vor den dort abgebildeten Grausamkeiten zum einen und dem Wunsch nach einer Wiederholung der in ihrem Inneren herrschenden vollkommenen Stille zum anderen. In veränderter Form finden wir den Zwiespalt auch in der Bibliothek der Mathild Seelos wieder, in der neben religiösen Werken spekulativen Charakters und Gebetsbüchern aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert mit zum Teil drastischen Abbildungen der uns alle erwartenden Pein Traktate von Bakunin, Fourier, Bebel, Eisner, Landauer stehen. Das christliche Heilsversprechen ist in dieser Bücherei den Sozialutopisten überantwortet worden, deren Glanz nun aber auch längst verblaßt ist. Das Netz der Bethäuser in Wales war wohl ähnlich dicht wie das der Kapellen im Allgäu. Emyr Elias hat nicht nur in Bala, sondern auch in Llandrillo, Corwen und anderen nordwalisischen Ortschaften gepredigt, mal in der englischen und mal in der kymrischen Sprache. Man stellt sie sich die Bethäuser als karge Nutzbauten der Frömmigkeit vor, eine in ihrem Inneren beglückend herrschende vollkommene Stille, diese Atmosphäre haben sie wohl nicht ausgestrahlt. Man stellt sich vor, daß die Bethäuser unter der Woche dem Leben des Predigers unter der Woche ähneln. Der Prediger saß auch heute wieder, wie es seine unabänderliche Gewohnheit war, in seinem Studierzimmer, das auf ein finsteres Eck des Gartens hinausging, und dachte sich seine am nächsten Sonntag zu haltende Predigt aus. Keine dieser Predigten hat er je niedergeschrieben, vielmehr erarbeitete er sie nur in seinem Kopf, indem er sich selber damit peinigte, wenigstens vier Tage lang. Völlig niedergeschlagen kam er jeweils am Abend aus seiner Kammer hervor, nur um am folgenden Morgen wieder in ihr zu verschwinden. Er war ein ehrlicher Arbeiter am Wort, ein Confrère des Dichters, erst am Sonntag, bei der Predigt kam die zurückgehaltene Leidenschaft zum Ausbruch. Nicht zuletzt die kalvinistischen Prediger haben, nach König Arthurs Tod und dem Ende des Rittertums, das Land der Waliser beisammen und die kymrische Sprache am Leben erhalten.

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