Dienstag, 19. Oktober 2010

Vor dem Stadttor

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Vor dem Stadttor war niemand, in der Torwölbung niemand. Auf rein gekehrtem Kies kam man hin, durch ein viereckiges Mauerloch sah man in die Zelle der Torwache, aber die Zelle war leer. Das war zwar merkwürdig, aber für mich sehr vorteilhaft, denn ich hatte keine Ausweispapiere, mein ganzer Besitz war überhaupt ein Kleid aus Leder, ein weiter brauner Mantel, den ein mächtiges Riemenzeug, es erinnerte an das Geschirr eines Pferdes, zusammenhält, und der Stock in der Hand. Neun Zehntel des Glanzes der Welt waren einst auf diese prachtvolle Hauptstadt vereint. Kunst und Gewerbe standen in hoher Blüte. Vor den Mauern dehnten sorgsam bebaute Gärten sich aus. Es gab Bäche, Quellen, Fischbrunnen, tiefe Kanäle und überall schattige Kühle. Kein Gedanke, daß die Stadttore nicht gut bewacht gewesen wäre bei Tag und bei Nacht. Aber dann kam die Zeit der Zerstörung, und heute nun über den Dächern kein Laut, kein Lebenszeichen, nichts. Nirgends, soweit das Auge ausschweift, erblickt man ein lebendiges Wesen, ein huschendes Tier oder auch nur den kleinsten Vogel im Flug. On dirait que c’est la terre maudite. Was ist noch zu bewachen.

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