Samstag, 26. März 2022

Hell und dunkel

 Wandel

Die Vier langen Erzählungen und Austerlitz ähneln der Biographie, die Schwindel.Gefühle und die Englische Wallfahrt einem Reisebericht. Die Schwindel.Gefühle erwecken ein Gefühl der Helligkeit, die Wallfahrt ein Gefühl des Dunklen. Die Editoren der Taschenbuchausgaben zeigen, wohl aus einem gleichen Empfinden heraus, zum einen den hellen Stein des Mailänder Doms und, auf der anderen Seite, eine dunkle, in ihren Einzelheiten schwer zu deutende Landschaft. Die Wallfahrt nimmt wenige Tage in Anspruch, die erzählte Zeit der Schwindel.Gefühle erstreckt sich vom Jahr 1800 bis zum Jahr 2013, die Empfindung der Weite, der dahingehenden Zeit, ist der der Helligkeit verwandt. Die Wallfahrt trägt schwer unter der Last ihr eingehängter Abschweifungen, die deutlich mehr Seiten benötigen als der reine Wanderbericht: Naturgeschichte des Herings, Seeschlacht von Sole Bay, Bilder aus dem ersten Krieg, Herz der Dunkelheit, Hochverratsprozeß und Hinrichtung, Verarmung und Zerfall, Geheime Vernichtungswaffen, Tötungsgeschäft und noch andere mehr. Das ist nicht etwa ein Tadel, sondern ein bloßer Hinweis auf die, im Vergleich zu den Schwindel.Gefühlen schwerere, dunklere Veranlagung der Wallfahrt. Abschweifungen gibt es auch in den Schwindel.Gefühlen, so etwa, wenn auf dem Schauplatz Venedig Casanova ausführlich zu Worte kommt, aber die Abschweifungen sind nur wenige und von geringerem Aufwand. Wenn der Dichter die schlichten Bilder der Krummenbacher Kapelle gedanklich mit den Gemälden Tiepolos vergleicht, ist das noch gar nicht einmal als Abschweifung zu werten. Beyle (Stendhal) und Badereise nach Riva (Kafka) kommen ohne den Icherzähler aus, sind sozusagen autark, strecken die Zeit, halten den Erzählvorgang flach und durchsichtig. Das wahrhaft helle Licht aber setzt in Limone ein mit dem scheinbaren Unglück des verlorenen Reisepasses. Wenn auch die Illusion schnell verfliegt, bei der Paßersatzurkunde handle es sich in Wahrheit um einen Trauschein, der es Luciana und ihm, dem Erzähler,  erlaube, gemeinsam hinzufahren, wo sie nur wollten, stellt sich doch sogleich Trost ein in Gestalt der Franziskanerin und dem junges Mädchen mit einer aus vielen farbigen Flecken geschneiderten Jacke, beide von vollendeter Schönheit, die ihn auf der Zugfahrt nach Mailand begleiten. In Mailand zeigt er sich als eine Art wehrhafter Ritter, ein San Giorgio, der mit seiner geschwungenen Reisetasche nicht gerade einen Drachen, aber immerhin zwei Strauchdiebe in die Flucht jagt. Im deutschen Konsulat Mailand, dem Reiseziel, tanzen die drei jungen Mädchen der Artistenfamilie, die eine mit einem Windrädchen, die andere mit einem ausziehbaren Teleskop und die dritte schließlich mit einem Sonnenschirm. Die Krönung aber ist der wirklich wunderbare, formvollendete weitkrempige Strohhut des Vaters, er beansprucht das Zentrum der Helligkeit. Damit ist auch schon die Frage beantwortet, was Pisanello geritten haben mag, San Giorgio mit einem formvollendete weitkrempige Cappello die paglia auszustatten: Pisanello wußte oder ahnte jedenfalls bereits, daß San Giorgio sich im Verlauf der Jahrhunderte in Giorgio Santini, den Hochseilartisten, wandeln würde.

1 Kommentar:

Christian Runkel hat gesagt…

Von San Giorgio zu Giorgio Santini - eine wunderbare Brücke!