Was zunächst nur wie ein petit pan de mur jaune ausgesehen hatte, erwies sich bei genauerer Betrachtung als eine mit erstaunlicher Kunstfertigkeit gemalte trompe-l’oeil-Türe, durch die ich trotz ihrer winzigen Ausmaßes ohne weiteres in ein tief verstaubtes, seit Jahren offenbar nicht mehr betretenes Kabinett gelangte. Ein wenig seitwärts auf dem Kanapee saß ein mir fremder Herr. Er hielt eine verschlossene Schachtel auf dem Schoß, nicht winzig klein aber auch nicht riesig. Frohmann, aus Drohobycz gebürtig, sagte er, sich leicht verneigend. Meine Neugier, was die Schachtel anbelangte, zugleich bemerkend, fragte er, ohne darauf eine Antwort zu erwarten: Wissen Sie, was an manchen Leuten Besonderes ist? Sie sind nichts, fuhr er dann ohne Umschweife fort, aber sie können es nicht zeigen, nicht einmal ihren Augen können Sie es zeigen, das ist das Besondere an ihnen. Alle diese Menschen sind Brüder jenes Mannes, der in der Stadt herumging, sich auf nichts verstand, kein vernünftiges Wort herausbrachte, nicht tanzen konnte, nicht lachen konnte, aber immer krampfhaft mit beiden Händen eine verschlossene Schachtel trug. Fragte ihn nun ein Teilnehmender: Was tragen Sie so vorsichtig in der Schachtel, - da senkte dann der Mann den Kopf und sagte unsicher: Ich verstehe mich zwar auf nichts, aber was in dieser, wohlgemerkt verschlossenen Schachtel ist, das kann ich nicht sagen, nein, nein, das sage ich nicht. Dabei lächelt er ein wenig, wenn auch verzerrt. Immer wieder im Laufe der Jahre fragten die Teilnehmenden nach dem Inhalt der Schachtel, vielleicht ein Schatz, vielleicht eine Verkündigung. Übrigens lassen sie das Schächtelchen nur zu, riefen sie, wir glauben es Ihnen auch ohnedem. Nach seinem Tode fand man in der Schachtel zwei Milchzähne. Nun, so ist es bei mir aber ganz und gar nicht, lachte Frohmann, nachdem eine stille Minute verstrichen war, öffnete die Schachtel und ans Tageslicht trat ein aus Fichtenholz, Papiermaché und Goldfarbe gemachtes Modell des Tempels Salomonis. Sehen sie, sagte er, man erkennt eine jede Turmzacke, jeden Vorhang, jede Schwelle jedes eilige Gerät. Und ich, schloß Selysses seinen Bericht, beugte mich über das Tempelchen und wußte zum erstenmal in meinem Leben, wie ein wahres Kunstwerk aussieht.
Freitag, 9. Dezember 2011
Mittwoch, 7. Dezember 2011
Marc Aurel
Er könne es nicht lassen, in der ersten Feierabendstunde, wenn er endlich der Tageshast entkommen sei, ein Buch sich vorzunehmen, selbst dann nicht, wenn er wie heute seine Lesebrille vergessen habe. Zwar könne er aufgrund seiner extremen Kurzsichtigkeit ohne Lesebrille die einzelnen Worte kaum geschwinder als ein Erstkläßler enträtseln, aber seinem Bedürfnis zu lesen wisse er um diese Tageszeit einfach keinen Widerstand entgegenzusetzen. Am Feierabend rette er sich in die Prosa wie auf eine Insel, und wenn er die ersten Sätze anfange zu lesen, so komme es ihm jedesmal vor, als rudere er weit auf das Wasser hinaus. Einzig allein dank dieser allabendlichen Lektüre sei er bis heute halbwegs zurechnungsfähig. Marc Aurel sei es, den er lese im Augenblick, er schiebe ihn nur schwer zur Seite. Er glaube, er könne jetzt ohne ihn nicht leben, denn schon zwei, drei Sprüche machten ihn gefaßter und straffer, wen auch das ganze Buch nur von einem erzähle, der mit klugem Wort und hartem Hammer und weitem Ausblick sich zu einem beherrschten, ehernen, aufrechten Menschen machen möchte. Aber man müsse gegen einen Menschen ungläubig werden, wenn man immerfort hört, wie er zu sich redet: Sei doch ruhig, sei doch gleichgültig, gib die Leidenschaften dem Wind, sei doch standfest. Gut sei es, wenn man sich vor sich selbst mit Worten zuschütten kann, aber noch besser sei es, wenn man sich mit Worten ausschmücken und behängen kann, bis man ein Mensch wird, wie man es sich von Herzen wünscht.
Kommentar Marc Aurel
Marcus Aurelius Antoninus Augustus (26 Aprilis 121 - 17 Martii 180) fuit philosophus Stoicus et imperator Romanus ab anno 161 usque ad mortem suam anno 180. Dixit : Cucumis amarus: mitte! Vepres in via: declina! sufficit. Die Zahl derjenigen, die sich heute noch auf die Lektüre der alten Autoren berufen, ist stark rückläufig. Thomas Bernhards Helden schwören immerhin noch auf Pascal und Voltaire, also auf Autoren der frühen Neuzeit, wie ernst es ihrem Schöpfer damit war, ist schwer zu sagen. Es gibt sie sicher noch, die Leser von Cicero und Seneca, aber, so wie die Öffentlichkeit inzwischen ausschaut, kann man damit kaum noch punkten, dafür bedarf es schon der Einsicht in neuere literarische Errungenschaften und Feuchtgebiete. Der Leser, mit dem wir es hier zu tun haben, gibt zunächst seine suchtähnliche Abhängigkeit von der Prosa ganz allgemein zu Protokoll, um sich dann ihrer momentanen Zuspitzung auf Marc Aurel zuzuwenden. Ich schiebe ihn nur schwer zur Seite. Dabei ist er kein blinder Verehrer des römischen Kaisers. Die heroischen Sprüche der Stoiker, und zumal Marc Aurels, sind ihm suspekt. Für den Augenblick zwar machen sie ihn, angegriffen wie er ist, gefaßter und straffer, auf Dauer aber kann es nur darum gehen, ein Mensch zu werden, wie man es im Herzen wünscht. Auf Dauer gesehen, wird er sich wohl auch wieder anderen Autoren zuwenden.


Marc Aurel
Kommentar Wenzelsplatz
Prag, Warschau, Budapest, Selysses deutet an, daß er sich recht häufig in den osteuropäischen Länder aufgehalten hat, und tatsächlich ist man dort in den Parkanlagen bis vor kurzem noch häufig feinen und sehr schönen alten Damen mit bürgerlichen Habitus begegnet, an deren Wesen und Erscheinung der braune und auch der nachfolgende rote Spuk vorübergegangen war, ohne Spuren zu hinterlassen, es sei denn in der giftigen Art ihrer kleinen Begleiter. Nachdem Selysses die Brücke überschritten und den Wenzelsplatz erreicht hat, ändert sich der Ton schlagartig. Es scheint, als sei er durch die krummen Risse und Sprünge des Vergangenen hineingegangen in die alte Zeit und nun ein Teil von ihr. Der Handelsangestellte, auch Commis genannt oder Ladenschwengel, ist eine typische Erscheinung der Literatur des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert, wir finden ihn bei Kafka, bei Prus oder auch bei Hamsun, der als K. Pedersen ursprünglich ein solcher war. Die ehrabschneiderische Art, in der von den Gesichtern der Juden gesprochen wird, konnte man bereits damals allenfalls einem Juden durchgehen lassen und eigentlich auch das nicht. Von schöner Durchtriebenheit ist die Himmelsmetaphorik, die keine ist und platzt wie ein überblasener Luftballon. Wenn es sich bei dem Briefschreiber oben auf dem Schloß um den Landvermesser handelt, so hat er seine Situation in grob beschönigender Weise dargestellt.

Wenzelsplatz

Sonntag, 4. Dezember 2011
Lament and Prosecution
Veroneser Erde
Unendliches Unglück und dröhnende Klage, das ist eng zusammengeschlossen, die wunderbare Schönheit steht unerwartet und ein wenig ratlos daneben. Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, woher das Schöne kommt und die Kunst. Schönheit gilt uns als Kontingenzformel der Kunst, auch dann wenn sie, wie Bernhard beansprucht, aus äußerster Häßlichkeit oder aber äußerstem Leid entsteht. Immer wieder steuert Sebalds Prosa auf Situationen zu, in denen Schönheit und Sinn explosionsartig aufeinander stoßen, der Sinn verdampft, die Glut der Schönheit überdauert noch für einen Augenblick und gefriert dann vielleicht zu Eis: Sand Sebolt entfacht im Herd eines um Holz geizenden Wagners ein Feuer aus Eiszapfen. Immer ist diese Geschichte von der Verbrennung der gefrorenen Lebenssubstanz für mich von besonderer Bedeutung gewesen, und ich habe mich oft gefragt, ob nicht die inwendige Vereisung und Verödung am Ende die Voraussetzung ist dafür, daß man, vermittels einer Art schwindelhafter Schaustellerei die Welt glauben machen kann, das arme Herz stünde noch in Flammen.
*Gert Hofmann, nach einer Mitteilung von Uwe Schütte
Als ich im Inneren der Kapelle vor den vom Gesims bis zum Bodensaum in vier Reihen sich hinziehenden Wandbildern stand, erstaunte mich am meisten die lautlose Klage, die seit nahezu siebenhundert Jahren von den über dem unendlichen Unglück schwebenden Engeln erhoben wird. Wie ein Dröhnen war diese Klage zu hören in der Stille des Raums. Die Engel selbst aber hatten die Brauen im Schmerz so sehr zusammengezogen, daß man hätte meinen können, sie hätten die Augen verbunden. Und sind nicht, dachte ich mir, die weißen Flügel mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde das weitaus Wunderbarste von allem, was wir uns jemals haben ausdenken können? Man wird in dieser Betrachtung eines Wandgemäldes Giottos eine poetologische Selbstspiegelung Sebalds sehen, ähnlich der, und mit ihr eng verbunden, in den Bildern Pisanellos, wo allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird.
In der Betrachtung des Giottobildes sind drei Begriffe zu einem engen Kreis geschlossen, unendliches Unglück, dröhnende Klage und wunderbare Schönheit, ein unvollständiges Ensemble, möchte man meinen, und auch ungewohnt, da die intransitive, nach innen gekehrte Klage ihren Platz im Wörterbuch der Literatur schon fast gänzlich der transitiven, einen Schuldigen suchenden Anklage hat abtreten müssen. Dem so gut wie konkurrenzlos die Neuzeit bestimmenden Meliorismus gilt Klage als fruchtlos, Sinn gewinnt sie erst als Anklage eines als Ursache des Unglücks ausgemachten Umstandes, der dann auszuschalten ist.
Bruegels Gemälde von der Kreuztragung Christi gehört nicht zu den von Sebald besprochenen ist aber im Augenblick anläßlich seiner Verfilmung Gegenstand breiten Interesses. Man kann viel darüber lesen, so etwa, das Bild sei nichts anderes als eine Anklage gegen die Spanier. Eine andere Fundstelle erklärt den Hintergrund des Gemeinten: Die Spanier sind eigentlich die wild gewordenen Fundamentalisten, die Christus opfern - in einer Zeit, in der Protestanten gegen Spanier sich wüst bekämpften. Das ist sicher zutreffend, aber wieso NICHTS ANDERS ALS? Wieso ist die so seltsam auf einen spitzen Felsen gesetzte Mühle, durch was sind die am linken Bildrand ihrer üblichen Beschäftigungen nachgehenden Leute eine Anklage gegen Spanien?
Man wird das, Pisanello so wenig achtend wie Prousts Mauerfleck in Vermeers Gemälde, als unerheblich beiseite wischen und lieber darauf verweisen, daß die Verfilmung das alte Bild mit vielen politischen und aktuellen Botschaften aufgefrischt hat, so daß man anstelle der Spanier jetzt auch gern die amerikanischen Truppen im Irak oder in Afghanistan dargestellt sehen könne. Wenn es aber die Spanier oder auch Amerikaner wären, die uns so tief berühren bei der Betrachtung des Bildes, und nicht sein unerschöpflicher Vorrat an Rätseln, die wir nicht lösen wollen, wären wir wohl kaum recht bei Trost. Nun würde man doch gern wissen, was Sebald bei einer Versenkung in dieses Bild zu Tage gebracht hätte.
Man wird das, Pisanello so wenig achtend wie Prousts Mauerfleck in Vermeers Gemälde, als unerheblich beiseite wischen und lieber darauf verweisen, daß die Verfilmung das alte Bild mit vielen politischen und aktuellen Botschaften aufgefrischt hat, so daß man anstelle der Spanier jetzt auch gern die amerikanischen Truppen im Irak oder in Afghanistan dargestellt sehen könne. Wenn es aber die Spanier oder auch Amerikaner wären, die uns so tief berühren bei der Betrachtung des Bildes, und nicht sein unerschöpflicher Vorrat an Rätseln, die wir nicht lösen wollen, wären wir wohl kaum recht bei Trost. Nun würde man doch gern wissen, was Sebald bei einer Versenkung in dieses Bild zu Tage gebracht hätte.
Daß alles Politik sei, war eine bis zum heutigen Tag überdauernde Lieblingsidee der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Von vielen nicht zur Kenntnis genommen wurde die schon bald danach verabreichte soziologische Aufklärung, das sei zwar richtig, aber Angelegenheit des Blickwinkels und insofern letztlich bedeutungslos. Geradeso wie die Politik in allem nur das Politische sieht, so sieht die Wirtschaft, um mit ihr zu beginnen, in allem nur das Wirtschaftliche, die Justiz in allem nur Recht und Unrecht, die Erziehung überall nur Erziehbares &c., und auch die Kunst in allem nur das Künstlerische. Je weniger es den Primat der Politik gibt, desto heftiger wird er aus Erinnerungstreue an die guten tollen Jahre im Feuilleton beschworen, fortwährend krönt der Dichter in den Augen zahlreicher Rezensenten sein Werk dadurch, daß er sich einmischt, Mißstände bloßstellt, anprangert und geißelt, Anklage erhebt, j’accuse. Auch Sebald konnte ein größeres Publikum erst als vermeintlich anklagender Holocaustdichter erreichen, er selbst aber hat Austerlitz eine Elegie genannt, anklagende Töne werden bei ihm nur als Begleitstimme der Klage hörbar. Benn notiert irgendwo, jeder könne zwei Seiten über etwas schreiben - etwa eine Anklageschrift zu einem Mißstand - zwei Seiten Prosa aber, die – und sei es im Klageton – nur in und aus sich heraus leben, das sei ganz etwas anderes: eigentlich eine Binsenwahrheit aus dem Einmaleins des Literaturverständnissen, vielen aber offenbar nicht zugänglich. Der Roman gerät zur bitteren sozialen Anklage: in diese Feststellung mündet zwanghaft der Klappentext zum Buch eines Autors, den Sebald geschätzt* hat, ihm wäre diese Art der Apotheose wohl nicht in den Sinn gekommen.
Wenn Pisanello, wie Selysses in seinen Bildern wahrnimmt, allem, den Vögeln am Himmel und jedem einzelnen Blatt in den Wäldern dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zuspricht, bedeutet das nicht eine Verkleinerung und Verniedlichung der Weltsicht, sondern ihre enorme Erweiterung und ein Anwachsen nicht zuletzt des Leids ins Unermeßliche. Schon das Leid der Menschen ist, faßt man es ernstlich ins Auge, bei weitem zu groß für eine Anklage. Vermag man aber, wie der Dichter, obendrein auch die Fische, den Hering (Clupea harengus) und die Makrele (Scomber scombrus), zu hören, so werden die Ohren taub von dröhnender Klage. Anklage könnte in dieser Situation nur noch beim obersten Weltenrichter erhoben werden, der aber ist, wie schon Cioran vermutete, nicht bereit, die Klage zur Verhandlung anzunehmen.
Giottos Engel könnten jederzeit die Augen nach oben richten, abdrehen und Höhe gewinnen, es bliebe nichts als die Spur ihrer Schönheit. Neuzeitliche Vertreter der Engel Giottos sind bei Sebald zum einen die Flieger, allen voran Gerald Fitzpatrick, wenn er in seine Cessna steigt, um das Elend der Welt unter sich zu lassen. Daß er von einem dieser Flüge nicht mehr heimkehrt, war ihm wohl vorherbestimmt. Wie weit die Vorbestimmung reicht, und ob auch die Engel ihr unterworfen sind, wissen wir nicht. Noch stärker in der Engelsnachfolge steht der, in Thomas Browne gespiegelte Anspruch auf Levitation, den Sebalds Prosa erhebt, daß die Sätze, mitsamt ihrer Fracht und uns als Passagieren, höher und höher getragen werden wie Segler auf den warmen Strömungen der Luft.
Giottos Engel könnten jederzeit die Augen nach oben richten, abdrehen und Höhe gewinnen, es bliebe nichts als die Spur ihrer Schönheit. Neuzeitliche Vertreter der Engel Giottos sind bei Sebald zum einen die Flieger, allen voran Gerald Fitzpatrick, wenn er in seine Cessna steigt, um das Elend der Welt unter sich zu lassen. Daß er von einem dieser Flüge nicht mehr heimkehrt, war ihm wohl vorherbestimmt. Wie weit die Vorbestimmung reicht, und ob auch die Engel ihr unterworfen sind, wissen wir nicht. Noch stärker in der Engelsnachfolge steht der, in Thomas Browne gespiegelte Anspruch auf Levitation, den Sebalds Prosa erhebt, daß die Sätze, mitsamt ihrer Fracht und uns als Passagieren, höher und höher getragen werden wie Segler auf den warmen Strömungen der Luft.
Unendliches Unglück und dröhnende Klage, das ist eng zusammengeschlossen, die wunderbare Schönheit steht unerwartet und ein wenig ratlos daneben. Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, woher das Schöne kommt und die Kunst. Schönheit gilt uns als Kontingenzformel der Kunst, auch dann wenn sie, wie Bernhard beansprucht, aus äußerster Häßlichkeit oder aber äußerstem Leid entsteht. Immer wieder steuert Sebalds Prosa auf Situationen zu, in denen Schönheit und Sinn explosionsartig aufeinander stoßen, der Sinn verdampft, die Glut der Schönheit überdauert noch für einen Augenblick und gefriert dann vielleicht zu Eis: Sand Sebolt entfacht im Herd eines um Holz geizenden Wagners ein Feuer aus Eiszapfen. Immer ist diese Geschichte von der Verbrennung der gefrorenen Lebenssubstanz für mich von besonderer Bedeutung gewesen, und ich habe mich oft gefragt, ob nicht die inwendige Vereisung und Verödung am Ende die Voraussetzung ist dafür, daß man, vermittels einer Art schwindelhafter Schaustellerei die Welt glauben machen kann, das arme Herz stünde noch in Flammen.
*Gert Hofmann, nach einer Mitteilung von Uwe Schütte
Freitag, 2. Dezember 2011
Wenzelsplatz
Aus dem Schattenreich
Kommentar
Heute, am Sonntag, meinem dritten Tag in Prag, bin ich am frühen Morgen in den Seminargarten hinaufgestiegen. Die alten Kirsch- und Birnbäume waren abgeholzt und an ihrer Statt neue gepflanzt, deren magere Zweige noch lange nicht tragen würden. Der Weg ging in Schleifen durch die taunassen Wiesen bergan. Auf halber Höhe begegnete mir eine alte Dame mit einem dicken, fuchsfarbenen Dackel, der nicht mehr gut auf den Beinen war und ab und zu stehen blieb, um mit gefurchter Braue vor sich hin in den Erdboden zu starren. Oft habe ich auf meinen Spaziergängen, in Prag ebenso wie in Warschau oder in Budapest, solche alten Damen gesehen mit griesgrämigen kleinen Hunden, die fast alle einen Maulkorb aus Draht trugen und vielleicht deshalb so verstummt und böse gewesen sind. Bis gegen Mittag bin ich dann auf einer Bank gesessen und habe über die Häuser der Kleinseite und die Moldau hinweg auf das Panorama der Stadt geschaut, das mir, genau wie der Firnis auf einem alten Bild, durchzogen schien von den krummen Rissen und Sprüngen der vergangenen Zeit. Ich bin dann herabgestiegen zur Karlsbrücke und hineingegangen in die Stadt bis hin zum Wenzelsplatz. Wie immer an Sonntagen kamen die Handelsangestellten den Platz hinunter über den Graben und schrieen nach Sonntagsruhe. Man hätte meinen können, ihre roten Nelken und ihre dummen und jüdischen Gesichter und ihr Schreien sei etwas sehr Sinnvolles, es ist fast so, wie wenn ein Kind zum Himmel wollte und heult und bellt, weil man ihm den Schemel nicht reichen will. Aber es will gar nicht zum Himmel. Die anderen aber, die auf dem Graben gehen und dazu lächeln, weil sie selbst ihren Sonntag nicht zu nutzen verstehn, wenn ich dazu den Mut hätte und nicht selbst lächelte. Der aber auf seinem Schloß darf lachen, denn dort ist der Himmel der Erde nah, wie er schreibt.
Heute, am Sonntag, meinem dritten Tag in Prag, bin ich am frühen Morgen in den Seminargarten hinaufgestiegen. Die alten Kirsch- und Birnbäume waren abgeholzt und an ihrer Statt neue gepflanzt, deren magere Zweige noch lange nicht tragen würden. Der Weg ging in Schleifen durch die taunassen Wiesen bergan. Auf halber Höhe begegnete mir eine alte Dame mit einem dicken, fuchsfarbenen Dackel, der nicht mehr gut auf den Beinen war und ab und zu stehen blieb, um mit gefurchter Braue vor sich hin in den Erdboden zu starren. Oft habe ich auf meinen Spaziergängen, in Prag ebenso wie in Warschau oder in Budapest, solche alten Damen gesehen mit griesgrämigen kleinen Hunden, die fast alle einen Maulkorb aus Draht trugen und vielleicht deshalb so verstummt und böse gewesen sind. Bis gegen Mittag bin ich dann auf einer Bank gesessen und habe über die Häuser der Kleinseite und die Moldau hinweg auf das Panorama der Stadt geschaut, das mir, genau wie der Firnis auf einem alten Bild, durchzogen schien von den krummen Rissen und Sprüngen der vergangenen Zeit. Ich bin dann herabgestiegen zur Karlsbrücke und hineingegangen in die Stadt bis hin zum Wenzelsplatz. Wie immer an Sonntagen kamen die Handelsangestellten den Platz hinunter über den Graben und schrieen nach Sonntagsruhe. Man hätte meinen können, ihre roten Nelken und ihre dummen und jüdischen Gesichter und ihr Schreien sei etwas sehr Sinnvolles, es ist fast so, wie wenn ein Kind zum Himmel wollte und heult und bellt, weil man ihm den Schemel nicht reichen will. Aber es will gar nicht zum Himmel. Die anderen aber, die auf dem Graben gehen und dazu lächeln, weil sie selbst ihren Sonntag nicht zu nutzen verstehn, wenn ich dazu den Mut hätte und nicht selbst lächelte. Der aber auf seinem Schloß darf lachen, denn dort ist der Himmel der Erde nah, wie er schreibt. Donnerstag, 1. Dezember 2011
Kommentar Wunderliche Zeit
Für jeden einleuchtend ist Kafkas Wunsch nach der Fähigkeit, stundenlang gedankenlos nur dazuliegen, sei es im Gras, sei es auf einer Weinbergmauer, weniger glaubhaft dagegen, er habe diese Fähigkeit auch tatsächlich gehabt. Das ersehnte Ruhevermögen wird denn auch gleich auf seine besseren Stunden beschränkt, die es nicht zuhauf gab in seinem Leben, und in seiner Reinheit von Grund auf getrübt durch die befremdlichen Wonnen der Deklassiertheit. Es ist schon eine wahrlich wunderlichen Zeit, wenn das Ruheglück unverfälscht auftritt als reine Naturseligkeit, ein Regenbogen über den weiten Feldern, und als ewige Kindheit mit einem guten Vater, dessen Part er, spielend und Sandburgen bauend wie die Kleinen, gleich selbst mit übernimmt.
Wunderliche Zeit

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