Ein weiteres Mal besucht Selysses in Paris ein Theater, wieder in Begleitung von Marie, wie wir annehmen, obwohl sie an diesem Abend in einem bloßen wir versteckt ist. Hatte er sich einmal auf dem Weg zu den Sitzplätzen ganz von den Fragen eines angemessenen Trinkgeldes einnehmen lassen, so beobachtet er jetzt im Foyer in aller Genauigkeit einen Herr, der, nicht ohne Mühe, zwei Damen unterhält. Die Vorstellung selbst zieht wieder so gut wie ungesehen an ihm vorüber, auf den Höhen des Pariser Kunstgeschehens erinnert er sich an die Aufführung des gleichen Stücks durch eine Laientruppe in seinem Heimatort. Es scheint ihm, als ob das auch die tiefe Freude, die von den großen Kunstwerken ausgeht, letztlich nicht heranreicht, an das völlige sich Verlieren im Kindes- und frühen Jugendalter an eine laienhafte Theateraufführung oder etwa an die Werke des Kara Ben Nemsi. Erst nach der Vorstellung verdichten sich die Hinweise, daß Selysses von Marie begleitet ist. Mit wem sonst könnte er schweigend dasitzen, eins miteinander und der Welt. Die Kunst des Sitzens auf öffentlichen Plätzen ist in unseren Tagen fast schon niedergetreten durch ein Übermaß der Sitzenden an allen Ecken der Städte, die Kunst der Osmose zwischen dem eigenen und dem Leben der anderen so gut wie zerstört.
Nach der Vorstellung
Montag, 10. Oktober 2011
Sonntag, 9. Oktober 2011
Nach der Vorstellung
Ich weiß nicht zu sagen, warum wir in Paris ein Theater aufgesucht haben, um dort Schillers Räuber, Les Brigands, zu sehen. Im Foyer stand ein Herr, der zwei Damen unterhielt. Er hatte eine ausgezogene, abgenützte Gesichtshaut und trug einen Frackanzug, der etwas lose hing und der, wenn er nicht neu vom Schneider wäre, hier nicht getragen würde und besser in ein Historienstück gepaßt hätte. Er ließ das Monokel fallen und nahm es wieder auf, klopfte, wenn das Gespräch stockte unsicher mit seinem Stock auf. Er stand immer da mit Armzuckungen, wie wenn er jeden Augenblick die Absicht hätte, mit ausgestrecktem Arm seinen Damen mitten durch die Menge Platz zu machen. Von dem Stück habe ich im Grunde dann nicht viel gesehen, im Dunkel des Parketts fühlte ich mich vielmehr für die längste Zeit zurückversetzt in den in einem Wirtshaus untergebrachten Veranstaltungssaal meiner Geburtsortes. Sicher ein halbes dutzendmal bin ich in dort unter der teilweise bis aus den Nachbardörfern herübergekommenen Zuhörerschaft gesessen, um dieses eine Stück, Die Räuber, zu sehen. Immer habe ich damals in die Handlung eingreifen und die Amalia mit einem einzigen Wort darüber aufklären wollen, daß sie, um sich aus dem staubigen Kerker in das Paradies der Liebe zu versetzen, wie sie es sich doch wünschte, bloß die Hand hätte ausstrecken müssen. Die Tiefe unseres frühen literarischen Erlebens läßt sich später auch mit einem vielleicht tausendmal besseren Buch oder einer tausendmal kühneren Inszenierung nicht wieder erreichen. Nach der Vorstellung, auf dem Platz, wurde uns nach der Hitze im Theater, wo ich die heiße Luft durch das offene Hemd an meine Brust gefächelt hatte, die Nachtluft, das Sitzen im Freien, das Ausstrecken der Beine auf das Trottoir hinaus besonders bewußt, trotzdem die erleuchtete große Teaterfacade mit den Seitenlichtern der Kaffeehäuser des Theaters ausreichte, den kleinen Platz, besonders seinen Boden bis unter die Tischchen hin, wie ein Zimmer zu beleuchten. Wir hingen jeder unseren Gedanken nach.
Samstag, 8. Oktober 2011
Kommentar Trinkgeld
Die Schlendereien an Maries Seite durch die Straßen und Parks von Paris sind für Selysses, in der Gestalt des Jacques Austerlitz, Zeiten besonderen Glücks, das auch durch den Eindruck des deprimierenden, weitgehend aufgelassenen Zoogeländes im Jardin des Plantes nicht gemindert werden kann. Gern auch besucht er in Begleitung von Marie abends die Theater auf, obwohl seine Neigung für die darstellende Kunst längst nicht mehr auf der Höhe der frühen jugendlichen Begeisterung sich befindet. Ausführliche, geradezu verwinkelte Gedanken macht er sich zur Frage des Trinkgeldes. Seinen im Hinblick auf die beleibte Platzanweiserin am ersten Abend gefaßten Vorsatz kann er angesichts ihrer mageren Kollegin am darauffolgenden Abend nicht aufrechterhalten. Hatte er bei der Aufführung einer Verdioper in Bregenz mit der Einlaßkarte in der Hand vom Besuch abgesehen, so findet er jetzt, Marie zu Liebe, seinen Platz im Parkett, kann sich aber schon bald nicht mehr entsinnen, was er gesehen hat. Das scheint einen nicht mehr zu überbietenden Tiefpunkt in seinem Verhältnis zur Bühnenkunst zu markieren. Nicht selten aber wird in unserem Gedächtnis das Wichtige vom Unbedeutenden, wie in diesem Fall der Trinkgeldfrage, beiseite geschoben, ohne daß man allzu leichtfertige und weitreichenden Schlüsse daraus ziehen sollte.
Trinkgeld

Freitag, 7. Oktober 2011
Trinkgeld
Aus dem Schattenreich
Kommentar
In den nachfolgenden Wochen und Monaten sind wir oft zusammen im Luxemburggarten, in den Tuilerien und im Jardin des Plantes spazieren gegangen, die Esplanade zwischen den gestutzten Platanen hinauf und herunter, die Westfront des Naturhistorischen Museum einmal zur Rechten und einmal zur Linken, in das Palmenhaus hinein und wieder aus dem Palmenhaus hinaus, über die verschlungenen Wege des Alpengartens oder durch das trostlose Zoogelände, in dem die einst aus den afrikanischen Kolonien herbeigebrachten Riesentiere, die Elefanten, Giraffen, Nashörner, Dromedare und Krokodile zur Schau gestellt waren, während jetzt die Mehrzahl der mit erbärmlichen Naturresten, künstlichen Felsen und Wassertürmen ausstaffierten Gehege leer und verlassen sind. An den Abenden haben wir des öfteren ein Theater besucht. Als noch ganz junger Mensch habe ich das Theater geliebt wie kaum etwas. Den tiefsten Eindruck hat im Veranstaltungssaal meiner Geburtsortes in mir die Aufführung der Räuber hinterlassen. Sicher ein halbes dutzendmal bin ich in dem verdunkelten Saal unter der teilweise bis aus den Nachbardörfern herübergekommenen Zuhörerschaft gesessen. Immer habe ich damals in die Handlung eingreifen und die Amalia mit einem einzigen Wort darüber aufklären wollen, daß sie, um sich aus dem staubigen Kerker in das Paradies der Liebe zu versetzen, wie sie es sich doch wünschte, bloß die Hand hätte ausstrecken müssen. In späteren Jahren ist dann von dieser frühen Begeisterung wenig geblieben. Das eine oder andere Mal bin ich gar, die Karte schon in der Hand, bis die letzten Besucher in den Eingängen verschwunden waren, unschlüssig auf dem Theatervorplatz herumgestanden, unschlüssig, weil es mir mit jedem vergehenden Jahr unmöglicher wird, mich unter ein Publikum zu mischen, unschlüssig, weil ich das Stück im Grunde gar nicht sehen wollte. Wie sich jeder leicht denken kann, war es denn auch keineswegs mein Einfall, in Paris die Theater aufzusuchen. Warum saß, so fragte ich mich, im Cassenraum des Teatre Francais ein Polizeimann, Gendarm oder Soldat? Eine dicke Placeuse nahm uns ziemlich von oben herab etwas Trinkgeld ab. Ich dachte, es liege daran, daß wir mit unsern Theaterkarten in der Hand etwas zu sehr Schritt für Schritt hintereinander heraufgekommen waren und nahm mir vor am nächsten Abend, für den wir wieder Karten hatten, der Placeuse in ihre Augen hinein das Trinkgeld zu verweigern, während ich jetzt vor ihr und mir mich schämend ein großes Trinkgeld gab. Gar als alle andern ohne Trinkgeld hineinkamen. Ich brachte tags darauf auch meinen Satz heraus, in dem ich das Trinkgeld etwas meiner Meinung nach nicht unumgängliches nannte, mußte aber wieder zahlen, als die diesmal magere Placeuse klagte, sie sei von der Verwaltung nicht entlohnt und das Gesicht zur Schulter neigte. Ich könnte nicht mehr sagen, welche Stücke an diesen Abenden gegeben wurden.
Kommentar
In den nachfolgenden Wochen und Monaten sind wir oft zusammen im Luxemburggarten, in den Tuilerien und im Jardin des Plantes spazieren gegangen, die Esplanade zwischen den gestutzten Platanen hinauf und herunter, die Westfront des Naturhistorischen Museum einmal zur Rechten und einmal zur Linken, in das Palmenhaus hinein und wieder aus dem Palmenhaus hinaus, über die verschlungenen Wege des Alpengartens oder durch das trostlose Zoogelände, in dem die einst aus den afrikanischen Kolonien herbeigebrachten Riesentiere, die Elefanten, Giraffen, Nashörner, Dromedare und Krokodile zur Schau gestellt waren, während jetzt die Mehrzahl der mit erbärmlichen Naturresten, künstlichen Felsen und Wassertürmen ausstaffierten Gehege leer und verlassen sind. An den Abenden haben wir des öfteren ein Theater besucht. Als noch ganz junger Mensch habe ich das Theater geliebt wie kaum etwas. Den tiefsten Eindruck hat im Veranstaltungssaal meiner Geburtsortes in mir die Aufführung der Räuber hinterlassen. Sicher ein halbes dutzendmal bin ich in dem verdunkelten Saal unter der teilweise bis aus den Nachbardörfern herübergekommenen Zuhörerschaft gesessen. Immer habe ich damals in die Handlung eingreifen und die Amalia mit einem einzigen Wort darüber aufklären wollen, daß sie, um sich aus dem staubigen Kerker in das Paradies der Liebe zu versetzen, wie sie es sich doch wünschte, bloß die Hand hätte ausstrecken müssen. In späteren Jahren ist dann von dieser frühen Begeisterung wenig geblieben. Das eine oder andere Mal bin ich gar, die Karte schon in der Hand, bis die letzten Besucher in den Eingängen verschwunden waren, unschlüssig auf dem Theatervorplatz herumgestanden, unschlüssig, weil es mir mit jedem vergehenden Jahr unmöglicher wird, mich unter ein Publikum zu mischen, unschlüssig, weil ich das Stück im Grunde gar nicht sehen wollte. Wie sich jeder leicht denken kann, war es denn auch keineswegs mein Einfall, in Paris die Theater aufzusuchen. Warum saß, so fragte ich mich, im Cassenraum des Teatre Francais ein Polizeimann, Gendarm oder Soldat? Eine dicke Placeuse nahm uns ziemlich von oben herab etwas Trinkgeld ab. Ich dachte, es liege daran, daß wir mit unsern Theaterkarten in der Hand etwas zu sehr Schritt für Schritt hintereinander heraufgekommen waren und nahm mir vor am nächsten Abend, für den wir wieder Karten hatten, der Placeuse in ihre Augen hinein das Trinkgeld zu verweigern, während ich jetzt vor ihr und mir mich schämend ein großes Trinkgeld gab. Gar als alle andern ohne Trinkgeld hineinkamen. Ich brachte tags darauf auch meinen Satz heraus, in dem ich das Trinkgeld etwas meiner Meinung nach nicht unumgängliches nannte, mußte aber wieder zahlen, als die diesmal magere Placeuse klagte, sie sei von der Verwaltung nicht entlohnt und das Gesicht zur Schulter neigte. Ich könnte nicht mehr sagen, welche Stücke an diesen Abenden gegeben wurden.
Donnerstag, 6. Oktober 2011
Kommentar Badeanstalt
Selysses, in der Gestalt des Jacques Austerlitz, leidet in den heißen Straßen von Paris, einer Ohnmacht nahe. Dankbar bemerkt er, daß Kafka ihn an die Tore der am Fluß gelegenen Badeanstalt geführt hat. Im Inneren herrschen bizarre Verhältnisse, Schwimmeister, die einander die Kundschaft abjagen, das kennen wir nicht. Es ist gar nicht sicher, ob Selysses über sein Schauen überhaupt zu der ersehnten Abkühlung kommt, vielleicht reicht ihm auch schon die relative Kühle des Flußufers. Vielleicht aber sind die kurzen, abgerissen Sätze und Satzfetzen darauf zurückzuführen, daß er sich gerade schon die Kleider über den Kopf zieht, oder aber er ist schon im Wasser, und berichtet, was er sieht, wenn er nach jeweils drei Kraulzügen für einen Augenblick aufschaut. Wie die topographisch nicht ganz durchsichtige Beschreibung des Seelentränkers befürchten läßt, ist aber ein anständiges Schwimmen in langen Bahnen wohl gar kein Platz.
Kommentar Badeanstalt am Fluß

Mittwoch, 5. Oktober 2011
Badeanstalt am Fluß
Ich entsinne mich, daß die Nachmittagshitze weiß in den Höfen stand, als ich das Museum verließ, daß ich beim Gehen der Mauer entlang glaubte, in ein steiles, unwegsames Gelände gekommen zu sein, daß ich das Bedürfnis hatte, mich niederzusetzen, dann aber doch weitergegangen bin gegen die blinkenden Strahlen der Sonne, bis ich zu meiner großen Erleichterung unversehens vor der geschlossenes Badeanstalt mit ihrer in der Erinnerung türkisch wirkenden Außenbemalung stand. Ich zögerte keinen Augenblick einzutreten. Sie ist eisengrau beleuchtet mitten am Nachmittag, weil Sonnenlicht nur durch die Lücken der oben ausgespannten Tücher in einer Ecke mit einzelnen Strahlen kommt und unten das Flußwasser das Ganze verdunkeln hilft. Großer Raum. In einer Ecke eine Bar. Die Schwimmeister jagten hier und drüben das Bassin entlang laufend einander die Kundschaften ab. Sie traten an den Besucher vor seiner Kabine von der Seite drohend heran und verlangten mit unverständlichen aber beharrlichen Reden ein Sperrgeld. Ein Verlangen in unverständlicher Sprache scheint mir diskret vorgebracht. Grand bains du pont Royal. In den Ecken standen auf den Stufen Leute die sich gründlich mit Seife abwuschen. Das Seifenwasser um sie herum rührte sich nicht. Man sah durch die Lücken zum Fluß zu etwas sich vorbeibewegen, es waren Dampfer. Die Ärmlichkeit dieses Schwimmvergnügens zeigtt sich, als zwei mit einem alten Seelentränker sich unterhielten, der von einer Wand weggeschoben schon an die gegenüberliegende stieß. Kellergeruch. Schöne grüne Gartenbänke. Viel Deutsch. In einer Schwimmschule hing über Wasser ein Knotenstrick zum beliebigen Turnen herunter.
Montag, 3. Oktober 2011
Kommentar Kaffeehausvergleich
Selysses unterbricht auch beim Morgenkaffee in Venedig nicht sein literarisches Geschäft, liest in der Zeitung und macht sich Notizen zu einer geplanten Arbeit über den König Ludwig, nur nebenher vermerkt er die gute Qualität des Getränks. In Paris dagegen, geleitet von Kafka, der, wie es heißt, äußert liberal war in den großen Fragen, penible aber in den Dingen und Ritualen des Alltags, untersucht er gründlich die Vor- und Nachteile der Cafés Biard, einer frühen und preiswerten Version der inzwischen zahllosen Kaffeehausketten, 10 Centimes die Tasse. Er ist allerdings weniger an der Qualität des Kaffees als solchem interessiert als an der Klärung der Frage, ob er auch mit Milch gereicht wird; er wird, allerdings zum höheren Preis von 15 Centimes. Einige Mühe verwendet er auf die Beschaffung des rechten Gebäcks und unterbreitet beiläufig eine erstaunliche Variationsbreite in der Schreibweise des belebenden Getränks, und ununterscheidbar davon, der Orte, an denen es ausgeschenkt wird. Irgendwann beginnt es ihn dann doch zu langweilen in Paris, seine Gedanken kehren nach Italien zurück, und er erzählt wie in erstaunlicher Weise das Jüngste Gericht Einzug gehalten hat im Stehbuffet des Bahnhofs von Venedig.
Abonnieren
Posts (Atom)




