Donnerstag, 16. Juni 2022

Bauwerke

Wohnungsbau


Man kann davon ausgehen, daß Clara ein geschmackvolles und ihren Bedürfnissen entsprechendes Haus gekauft hat, unbekannt ist allerdings, ob sie die finanziellen Belastung durch den Kredit sorgfältig eingeschätzt hat. Kaufen oder erbauen Frauen anders als Männer, vielleicht weniger bedacht auf Geld als auf die Schönheit des Domizils? Das wäre der Beginn einer Vergeltung dafür, daß Architektur und Bauwesen bis zur Neuzeit ausschließlich in männlicher Hand lagen. Aber auch Männer haben zum Teil tiefgreifende Vorbehalte gegenüber der heutigen Architektur. Neubauviertel fallen weniger durch Extravaganz auf als durch ihre Banalität, nach dem Urteil des österreichischen Dichters liegen sie wie in  die Gegend geschissen da. Pracht- und Protzbauten der  Politik und Verwaltung schneiden in der Beurteilung nicht besser ab, Austerlitz ordnet den Justizpalast in Brüssel architektonische Monstrosität ein. An und um den Palast sich bildende Kleinanlagen haben vergleichsweise ein menschliches Gesicht, kleine Geschäfte, etwa ein Tabakhandel, ein Wettbüro oder ein Getränkeausschank, einmal soll sogar eine Herrentoilette im Souterrain von einem Menschen namens Achterbos, der sich eines Tages mit einem Tischchen und einem Zahlteller in ihrem Vorraum installierte, in eine öffentliche Bedürfnisanstalt mit Laufkundschaft von der Straße und, in der Folge, durch Einstellung eines Assistenten, der das Hantieren mit Kamm und Schere verstand, zeitweilig in einen Friseurladen umgewandelt worden sein. Wie man in einzelnen dazu stehen mag, nur Gebäude unter dem Normalmaß der domestischen Architektur, so Austerlitz, können menschengerechte Züge aufweisen. Kaum einer der Pracht- und Protzbauten wurde von Frauen entworfen. Noch weniger kommen Frauen auf die Idee, industrieanlagenähnliche Bauwerke, Kraftwerke etwa, als Wohnbauten zu planen oder Industriebauten, Kalkwerke etwa, als Wohnbauten zu nutzen, unter Männern dagegen ist dieser Ansatz relativ verbreitet, gleichzeitig aber fehlt den Männern das nötige Durchhaltevermögen. Der Schweizer macht sich davon, noch bevor das von ihm entworfene kraftwerkähnliche Wohngebäude vollendet ist und treibt seine Lebensgefährtin, die Perserin, in den Selbstmord, Konrad, der Eigentümer des Kalkwerks erschießt, als die Lage aussichtslos geworden ist, die Konrad, seine Frau, im Kalkwerk. Tatsächlich aber spielt die Architektur aber nur nachgeordnete Rolle, sie ist ein Teilbereich im umfassenden Fortschritts- und Maschinenwahnsinn, dessen Verwüstungen die Frauen schneller noch als die Männer zum Opfer fallen. Inzwischen, in unseren Tagen, sind auch die Fortschrittsfanatiker zunehmend verunsichert und geraten, was ihre herkömmlich frohgemuten Überzeugungen anbelangt, ins Wanken.

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