Sonntag, 5. Juni 2022

Die Perserin

Kraftwerksdomizil
Clara hatte eines Nachmittags kurzerhand ein Haus gekauft. Der Erzähler stellt in humoriger Weise den Initiativgeist seiner Frau heraus. Häuser können aber nicht kurzerhand an der Supermarktkasse gekauft und bezahlt werden, vielmehr muß unter anderem ein Notar herbeigezogen werden. Junge Paare verfügen zudem meistens nicht über hinreichende Mittel, um ein Haus bar zu bezahlen, es muß bei einem Geldhaus ein Kredit aufgenommen werden. Die Hauseigentümer schalten ihrerseits häufig einen Makler oder Realitätenvermittler ein, um möglichen Ärgernisse bei der Bezahlung aus dem Wege zu gehen. So ist der Realitätenvermittler Moritz im Augenblick ganz und gar mit dem Schweizer Kraftwerkbauer und dessen Lebensgefährtin, nach erster Vermutung eine Armenierin, tatsächlich aber einer Perserin, beschäftigt. Der Schweizer, der auf eine internationale Karriere als Kraftwerksbauer zurückblickt, plant für den Lebensabend eine Wohnstätte im Stil eines Kraftwerks. Der Gebäudeplan war allen Vorstellungen eines Wohnhauses entgegengesetzt, betont menschenabweisend war es alles andere als eine Behausung für Ruheständler, vielmehr hatte der Bau von außen so ausgesehen wie der Betonpanzer für eine Maschine, die weder Licht noch Luft braucht. Das bislang als unverkäuflich geltende Wiesengrundstück hat der Schweizer zu einem horrenden Preis gekauft. Der Realitätenvermittler Moritz ist ein durchaus geschäftstüchtiger, gleichzeitig aber aufrechter Mensch, der Kaufpreis war nur als Verhandlungssumme gedacht, der Schweizer will aber den vollen Preis zahlen und nicht verhandeln, zudem geht er auch nicht auf die vom Moritz genannten erheblichen Mängel  des Wiesengrundstücks ein, in einer seltsamen Raserei besteht er darauf, das Angebot in vollem Umfang und ohne die geringsten Änderungen umzusetzen und das als Altersunterkunft geplante Kraftwerksdomizil ohne jede Veränderung in den Wiesen als Altersgrundstück zu erbauen. Bald darauf aber verschwindet der Schweizer nach Venezuela, wo er, so heißt es, den Bau des letzten von ihm entworfenen Kraftwerks überwachen will, tatsächlich aber ohne jede Absicht zur Rückkehr. Das nicht vollendete und so gut wie unbewohnbare Kraftwerksdomizil im Wiesengrund ist für die zurückbleibende Perserin das Todesurteil. Als sie einige Tage später aus einer Bahnhofsgaststätte herauskam, wo sie ein Glas heißen Tee getrunken hatte, ist sie im gleichen Augenblick unter einen mit mehreren Tonnen Beton beladenen Lastwagen geraten und fürchterlich zerstückelt worden. Wenige Tage zuvor noch hatte sie über die ungebührliche Frage, ob sie sich eines Tages umbringen werde, nur gelacht und Ja gesagt. Was Clara anbelangt, bleibt zu sagen, daß sie beim Hauskauf, sei es nun mit oder ohne Unterstützung eines Maklers, in ihrer Eigenmächtigkeit fast schon an den Schweizer erinnert. Vergleichbar schaurige Szenarien als Resultat ihres Kaufs zeichnen sich aber nicht ab.

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