Mittwoch, 11. Januar 2012

Kommentar Maulwurf

Ein Bewohner der Küstengegend oder ein Urlauber am Meeresufer, nennen wir ihn Selysses, will nichts anderes als, begleitet von der stummen Kreatur, sich in die Weite verlieren und der vergehenden und der vergangenen Zeit lauschen. Weil aber keiner von uns wirklich still nur für sich sein kann, ist er nur erfreut über das kleine Drama, dessen Zeuge er auf dem Heimweg wird. Er wähnt sich als Zuschauer einer harmlosen Vorführung, was der Hund denkt, weiß man nicht, der Maulwurf jedenfalls sieht sich nicht als Schauspieler, er bangt auf dem für ihn ungünstigen Untergrund um sein wirkliches und einziges Leben, ks, kss, so schreit er. Selysses wird schlagartig klar, daß er nicht im Theater ist und setzt an, seine Gemütslage in offenen Worten zu schildern: Da kam es mir vor -, bricht dann aber ab. Ist das Gefühl der Schuld zu groß, um es in Worte zu fassen? Wäre er doch noch eine Weile sitzen geblieben auf der Bank. Am nächsten Tag aber hält er seinen Kopf wieder hübsch aufrecht. 
28.08.04

Montag, 9. Januar 2012

Maulwurf in Not

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Eines Abends bin ich mit dem kleinen Hund auf die lange Fußbrücke hinausgegangen, die, neben der Eisenbahnlinie herlaufend, die die an dieser Stelle mehr als eine Meile breite Mündung des Flusses überquert. Man kann dort, gegen die Entrichtung eines Zolls in Höhe eines Pfennigbetrags, auf einer der von drei Seiten gegen Wind und Wetter geschützten kabinenartigen Rastbänke sitzen, mit dem Rücken zum Land und die Augen hinausgerichtet auf das Meer. Es war das Ende eines schönen Nachsommertags, die frische Salzluft umwehte uns, und die Flut strömte im Abendlicht gleißend wie in dichtgedrängter Schwarm von Makrelen unter der Brücke hindurch und flußaufwärts mit solcher Kraft und Geschwindigkeit, daß man, umgekehrt, glauben konnte, man treibe nun in einem Boot hinaus in die offene See. Still saßen wir, der Hund und ich, beisammen, bis die Sonne sich anschickte unterzugehen. Auf dem Rückweg dann ertappte der Hund einen Maulwurf, der über den asphaltierten Weg laufen wollte. Er sprang immer wieder auf ihn und ließ ihn dann wieder los, denn er ist nicht nur klein, sondern auch furchtsam. Zuerst belustigte es mich und die Aufregung des Maulwurfs besonders war mir angenehm, der geradezu verzweifelt und umsonst im harten Boden des Weges ein Loch suchte. Plötzlich aber als der Hund ihn wieder mit seiner gestreckten Pfote schlug, schrie er auf. Ks, kss, so schrie er. Da kam es mir vor – nein, es kam mir nichts vor. Es täuschte mich bloß so, weil mir an Tag der Kopf so schwer herunterhing, daß ich am Abend zu meiner Verwunderung merkte, daß mir das Kinn in meine Brust hineingewachsen war. Aber am nächsten Tag hielt ich meinen Kopf wieder hübsch aufrecht.

Sonntag, 8. Januar 2012

Las einst Stifter


Ich war sehr traurig

Wer den Nachsommer ein erstes Mal liest, sieht sich ins Paradies versetzt, das war wohl die Absicht des Autors. Bei der zweiten Lektüre fragt man sich, ob es nicht eher die Hölle ist und hat jedenfalls keinen Zweifel, daß sich der Zorn der 68er Rebellen ganz ausdrücklich und nicht ohne Grund gegen dieses Buch gerichtet hat. Bei einer dritten Lektüre stellt man sich zur Abwechslung vor, das Buch sei von einem Autor unserer Tage verfaßt und hat dann für Augenblicke das Gefühl eines seltsamen Avantgardismus, in dem man kaum Fuß fassen kann.

Selysses liest Stifter nicht, Stifter kommt in Sebalds erzählerischem Werk nicht vor und er wurde auch nicht ins Landhaus eingeladen. Die Einschätzung seiner eigenen Prosa als altväterlich und stifternah hat Sebald, bei zugestandener und betonter Nähe zur süddeutschen Erzähltradition des neunzehnten Jahrhunderts, eher amüsiert als geärgert, und in der Tat, in Sebald einen Epigonen Stifters zu sehen, ist ein Urteil aus dem Reich der Blinden und Tauben. Der Literaturwissenschaftler Sebald hat zwei Aufsätze zu Stifter veröffentlicht, die spürbar anders und weniger verwandtschaftlich ausfallen als die zu Keller, Hebel oder Robert Walser. Er schätzt Stifter deswegen nicht gering, wenn er sich selbst vor die Wahl zwischen Storm und Stifter stellt, gibt er Stifter den Vorzug. Wie andere auch mag er den Nachsommer als ein schwer erträgliches Werk von eigenartiger Schönheit angesehen haben.

Reger in Thomas Bernhards Alten Meistern hält nur noch ausgesprochen wenig von Stifter, den er einmal geliebt hat: Stifters Prosa ist alles andere als gestochen und sie ist die unklarste, die ich kenne, sie ist vollgestopft mit schiefen Bildern und falschen und verqueren Gedanken. Stifter ist auf den längsten Strecken seiner Prosa ein unerträglicher Schwätzer, er hat einen stümperhaften und, was das Verwerflichste ist, schlampigen Stil, der noch dazu grammatikalisch unter aller Kritik ist, und er ist tatsächlich außerdem auch noch der langweiligste und verlogenste Autor, den es in der deutschen Literatur gibt. - Es gibt keinen Beleg dafür, daß Bernhard die Einschätzung seines Helden teilt, offenbar aber verleiht er ihr mit einigem Genuß Sprache. Richtig ist in jedem Fall, daß Stifter immer wieder mit grammatikalischen und syntaktischen Wendungen überrascht, die auf einem alten, inzwischen verschollenen Regelwerk fußen müssen.

Wie dem auch sei, nicht nur in den Alten Meistern, sondern auch im Nachsommer geht es in nicht unerheblichem Maße um die alten Meister und um die Frage der Perfektion in der Kunst und, bei Stifter, auch im Leben. Noch in jedem dieser Meisterwerke, so Reger, habe er einen gravierenden Fehler, habe er das Scheitern seines Schöpfers gefunden und aufgedeckt. Adorno spricht wohl auf eine ganz ähnliche Erfahrung an, wenn er im Feuerwerk die perfekteste Form aller Künste sieht, da sie sich das Bild im Moment seiner Vollendung dem Betrachter wieder entzieht: nur was sich durch sofortiges Verschwinden der Probe aufs Exempel entzieht, kann Perfektion behaupten. Stifter aber zielt auf Perfektion in Ewigkeit.


Er benötigt dafür eine extrem auf- und ausgeräumte Welt, die erstarrt in ihrer Ordnung. Bücher stehen in Schränken hinter Glastüren, einzelne können für den Leseakt entnommen werden und sind dann zurückzustellen, auf den Tischen können sie nicht verbleiben. Die Bilder sind in einem Bilderzimmer gesammelt, Drucke und Stiche liegen in Mappen unter Verschluß. Über die Frage, ob ein Haus besser getüncht oder ungetüncht dasteht, vergehen nicht wenige Seiten. Im Garten findet sich kein kranker Ast, kein welkes Blatt. Eine sinnreich eingewöhnte Vogelwelt hält Raupen und Insekten in Schach, ein Blatt, das dennoch Schwäche zeigt, wird umgehend gerupft. Es fehlen Gartenschädlinge wie Spring- und Wühlmäuse, denen die Singvögel nicht gewachsen sind. Die Baumstämme werden im Frühjahr gewaschen und danken es durch gesteigerte Lebenskraft. Die Domestizierung der Natur stößt, das ist zugestanden, an ihre Grenzen, im Gebirge und im Gestein versiegen die Möglichkeiten des Menschen in Raum und Zeit. Eie erste Antwort liegt im Wechsel der inneren Gestimmtheit: solche Fragen stimmten ernst und feierlich.

Der Stil entspricht der dargestellten Welt in ihrem aufgeräumten Zustand. Die leichtgebauten Sätzen bewegen sich von einem Dingabstraktum zum nächsten: Gegenstände, Geräte, Seltenheiten, Kostbarkeiten, Schnitzarbeiten, - selten wird etwas in seiner individuellen Dinglichkeit gewürdigt. Das Leben der Protagonisten scheint wie ein bloßes Wandeln zwischen den Kostbarkeiten, mal die Bibliothek, mal das Bilderzimmer, mal das Altertumszimmer, mal die Marmorgestalt, mal die Kunstschreinerei, dann in den Garten, und, voller Abenteuerlust, darüber hinaus: Sie ging nicht bloß bei dem großen Kirschbaume öfter in das Freie, und ging dort zwischen den Saaten herum, sondern sie ging auch geradewegs über den Hügel hinab zu der Straße. Ein der Zahl nach schwer überschaubares dienendes Personal ist derweil beschäftigt, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Einem insgeheim aufkommenden Überdruß an der eintönigen Lebensweise wird jederzeit ein Ortswechsel Herr, von der elterlichen Stadtwohnung ins Rosenhaus, von dort ins Sternenhaus und zurück, dazwischen Aufenthaltsorte minderer Bedeutung. Zwischen Verlobung und Hochzeit schiebt Heinrich vorsorglich noch eine zweijährige Europareise ein, so als habe nicht alles schon lange genug gedauert. Gesellschaftliche Realität ist weitestgehend ausgeschlossen, auch die psychologische bis hin zu den üblichen Gemütsregungen. Man zuckt zusammen, als es an einer Stelle unvermittelt heißt: Ich war sehr traurig.


Selbstredend ist jeder Dichter hinsichtlich des von ihm behandelten Weltausschnittes hochselektiv, gerade bei Sebald aber hat man in besonderem Maße das Gefühl, er könne den Ausschnitt, wenn er nur wollte, beliebig erweitern, seinen unmittelbar in Sätze sich umformenden Blick auf jeden beliebigen Gegenstand richten. Stifter dagegen ist essentiell auf die getroffene Auswahl angewiesen, jedes zusätzlich eindringende Element könnte alles zerreißen. Auf der Handlungsebene geht es um wenig anderes als darum, das zu einem fragilen Kunstwerk umgestaltete Leben nicht nur unbeschadet, sondern auch ohne jede Änderung von der einen an die nächste Generation zu übergeben. Der unvermeidliche Wandel verharrt nach Möglichkeit unter einer unberührten Decke: das Neue, welches bleiben soll, weil es gut ist, möge nur allgemach Platz finden und ohne zu große Störungen sich einbürgern. Der Generationswechsel ist keine Angelegenheit von Tagen, Wochen, Monaten oder auch Jahren, wie auf niedrigeren Stufen der Evolution wird auf dieser für die höchstmögliche gehaltenen, das ganze Leben zum Dienst an der Reproduktion, nicht der biologischen, wohl aber der kulturellen. Die ältere Generation kann im wesentlichen nur geduldig zuwarten, ist allerdings, sobald sich Gelegenheit ergibt, jederzeit auch zu ausufernden unterrichtenden Litaneien bereit, die begierig aufgesogen werden. Der Generationenwechsel hat alle Anzeichen einer säkularen Himmelfahrt der Jungen, bei der das Wundersame durch quälende Langsamkeit ersetzt ist. Als der junge Heinrich eine Theatervorstellung des König Lear besucht, macht man sich um ihn ernste Sorgen, wie nur soll er das auf der Bühne gezeigte mehr als schnöde Verhalten der Jungen den Alten gegenüber verkraften, das sein Vorstellungsvermögen bei weitem übersteigen muß.
Die da oben warten, daß die Jungen zu ihnen aufrücken und sie abtreten können, haben, in deutlicher Ansprache ihrer Gottgleichheit: ihresgleichen nicht auf Erden. Aber auch vom göttlichen Generationenwechsel kann niemand behaupten, er sei glatt vonstatten gegangen. Unter den Gemälden Stifters findet sich neben zahlreichen Fels- und Waldstücken eine, offenbar einem älteren Gemälde nachempfundene Kreuzesabnahme. Der festgehaltene Augenblick ist nicht der der Himmelfahrt, aber der, an dem der geringe menschliche Beitrag an ihr einsetzt, nachdem der Tod am Kreuz schon alles zerstört zu haben schien. Auch der Freiherr von Risach selbst ist Exempel einer gescheiterten Stabübergabe zwischen den Generationen, erst ein später Sommer im Licht der geglückten Verbindung von Heinrich und Nathalie, beide nicht zuletzt von ihm bestens herangebildet, ist ihm gegönnt.Naturgemäß ist die Liebe zwischen Risach und Mathilde in dieser späten Phase zart und hat gleichsam keinen irdischen Ursprung an sich.

Eine Welt, in der die Menschen den Gegenständen dienen, in der jeder nicht sorgfältigst geprüfte Fortschritt unerwünscht ist und alles Betreiben nur dazu dient, das Erreichte unbeschädigt weiterzureichen: da mußte es notgedrungen zum 68er Aufstand kommen. Der Aufstand hat sein Ziel erreicht, der Mensch unserer Tage steht, wie er wollte und glaubt, inmitten von allem, und die Welt gruppiert sich als die fortwährend wachsende Menge der möglichen Konsumgüter um ihn. Dagegen, um auf die besondere Maßnahme der dritten Lektüre zurückzukommen, kann sich avangardistische Kunst richten. Stifter litt an einem krankhaften Konsumismus in Form einer zügellosen Freßsucht, und es fällt schwer, sein Bild einer nicht dem Konsum preisgegebenen, einer nicht nur zu respektierenden, sondern zu verehrenden Welt, mit den menschgemachten schönen Gegenständen, den Kunstwerken zumal als Gefäßen der Weltverehrung, nicht als Gegenbild und Genesungssehnsucht anzusehen. Im Nachsommer sind die Mahlzeiten nach einer ehernen Regel angesetzt, undenkbar daß eine auch nur um eine Viertelstunde verschoben oder gar ausgelassen wird. Der Schrecken des Hungers ist damit gebannt, mehr Worte werden über das Essen nicht verloren, nur daß es in jedem Fall und immer sehr einfach ist.

Die verhandelte Frage, ob Gott lache, hat das Mittelalter dahingehend beschieden, daß er nicht lacht. Auch in Stifters säkularem Paradies wird nicht gelacht, Spuren von Humor sind, sofern vorhanden, zur Unkenntlichkeit gering. Sebalds Sätze sind immer von einem in seinen Bedeutungen ständig changierendem Lächeln getragen, nicht zuletzt bei den wenigen Essensszenen, wenn Selysses im Bahnhofsbistro zu Venedig um seinen Capuccino kämpft, auf Reisen ein geeignetes Lokal für die Abendmahlzeit sucht oder in Lowestoft die Gabel an einem panierten Fisch verbiegt. Sein Erleben einer sich verkonsumierenden, kombustierenden Welt geht offenbar nicht kontrastiv auf eine übermäßige Essensneigung zurück. Wenn er der Sehnsucht nach einer ausgewogenen Welt nachgibt, ist er weniger an Stifters mit allen Merkmalen des Zwanghaften ausgestatteten Version orientiert als an Hebels Welt, in der alles zum Besten geordnet scheint dem blind und taub sich fortwälzenden Prozeß der Geschichte Begebenheiten entgegengehalten werden, in denen das ausgestandene Unglück entgolten wird, wo auf jeden Feldzug ein Friedenschluß folgt, jedes Rätsel, das uns aufgegeben wird, eine Lösung hat, und selbst die kuriosesten Kreaturen wie die Prozessionsspinner und die fliegenden Fische ihren Platz haben in der auf das sorgfältigste austarierten Ordnung.

Samstag, 7. Januar 2012

Allem Lebendigen zugetan

Margarethe mit dem Wurm

Sebald wußte, wie man ihn aufgrund seiner Literatur einschätzte in der relativ kurzen Zeit seines Lebens, in der er eine Person des öffentlichen Lebens mit Berühmtheitswert war. Das Publikum glaube auf seiner Hemdbrust eine geheime Aufschrift entziffern zu können: Suizident. Zu Gottfried Keller aber schreibt er: Seine Prosa, die bedingungslos allem Lebendigen zugetan ist, erreicht ihre staunenswertesten Höhepunkte gerade dort, wo sie an den Rändern der Ewigkeit entlangführt. Wer sich dahinbewegt auf ihrer schönen, Satz für Satz vor uns aufgerollten Bahn, der spürt immer wieder mit Erschauern, wie abgrundtief es zu beiden Seiten heruntergeht, wie das Tageslicht manchmal schon schwindet vor den von weit draußen hereinziehenden Schatten und oft beinah erlischt unter dem Anhauch des Todes. – Nicht die letzten Überlegungen eines Suizidenten, möchte man meinen, nicht die Gedanken eines Untröstlichen, wie es leicht mokant bei Sebald gern heißt, sicher auch nicht die Auslassungen eines Spaßvogels.

Sebald hat sich ausdrücklich zur Weiterführung der Tradition der älteren alemannischen Erzähler und Dichter, vornehmlich Hebel, Keller, Robert Walser bekannt, hat sie ins Landhaus eingeladen, dort vor den Spiegel gestellt und dabei auch immer selbst herausgeschaut. Wenn er bei Gottfried Keller Lebenszugewandtheit feststellt, wird er nicht von etwas ihm selbst völlig Unbekannten sprechen. Was ist gemeint mit allem Lebendigen zugetan und wie kann es sich äußern in einem Sprachkunstwerk.

Psychologisch bedarf eine dem Lebendigen zugetane Stimmung wohl einer in der Kindheit gewonnenen Grunddisposition. Die begleitende Literatur greift aus Sebalds Kindheit vor allem das getrübte Verhältnis zu den Eltern und insbesondere zum Vater auf und spinnt von daher einen Faden zur Behandlung von Holocaust und Luftkrieg in seiner Literatur. In der Tat hat Sebald seine Kindheitserinnerungen nicht unter den Titel La gloire de mon père gebracht, das Elternpaar tritt in der Prosa nur einmal auf, in den Schwindel.Gefühlen und das gleichsam versteckt hinter der standesgemäßen Einrichtung des Wohnzimmers, die akkurat den Geschmacksvorstellungen des für die damals sich formierenden klassenlose Gesellschaft repräsentativen Durchschnittspaars entsprach. Dies und anderes kann aber die Liebe nicht verdecken, mit der er eben in den Schwindel.Gefühlen oder auch in den Moments musicaux oder auch zu Beginn von Ambros Adelwarth von seiner Kindheit erzählt. Die Liebe gilt nicht zuletzt den einfachen Leuten, wie sie dann auch Austerlitz in seiner Prager sowohl wie in seiner Waliser begleiten. Die in Gesprächen immer wieder auftretende Bild-, Ton-, Kunst- und generelle Eindrucksarmut seiner Kindheit im abgelegenen Allgäuer Winkel ist nicht etwa Beschwerde, sondern durchaus beifällige Offenlegung des Ursprungsortes seines Lebens und seiner Kunst. Auch darin schließ er an Keller an: Durch den Tod des Vaters früh mit dem Mangel vertraut, wird die winzige, im Grunde bloß noch aus Sparsamkeit bestehende Hauswirtschaft der Mutter Keller in der Rückschau zum Sinnbild einer so gut wie restlos reduzierten Existenz: Am Abend nach meiner Abreise hatte meine Mutter sogleich die Wirtschaft geändert und beinahe vollständig in die Kunst verwandelt, von nichts zu leben. Sie erfand ein eigentümliches Gericht, welches sie jahraus, jahrein, einen Tag wie den anderen um die Mittagszeit kochte, auf einem Feuerchen, welches gleichermaßen von nichts brannte. Seine eigene Literatur hat Sebald im Gespräch ausdrücklich als eine Literatur der Armut eingeordnet. Für den Leser hält sie ungeahnten Reichtum bereit.
Armut, das Verfügen über Weniges bedeutet Sorgfalt, Aufmerksamkeit, Ruhe im Umgang mit diesem wenigen, erfordert gediegenes Handwerk. So gut wie nie verfällt Sebalds Prosa in Hast. Der immer aufmerksame und sorgfältige Blick ist nicht nur dem Lebendigen zugetan, sondern erweckt auch die umgebende Welt zum Leben. Nie ist dieser Blick nur einfach protokollierend, immer aufnehmend, meistens annehmend, auch noch in den belanglosesten Dingen. Man setzt sich nicht einfach auf eine Bank an der See, sondern kann dort auf einer der von drei Seiten gegen Wind und Wetter geschützten kabinenartigen Rastbänke sitzen, mit dem Rücken zum Land und die Augen hinausgerichtet auf das Meer – das Möbelstück steht einladend, geradezu verlockend vor uns. In dieser gleichmäßig sorgsamen Behandlung von Bedeutendem und Geringem gewinnt die Selbstspiegelung in Keller Anschluß an die in Pisanello, bei dem allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird.

Allem Lebendigen zugetan bedeutet nicht, ausschließlich oder vorzüglich den Menschen zugetan. Bei nüchterner Betrachtung, so Sebald wiederum im Gespräch, hat der Mensch keinerlei Vorrang gegenüber seinen Mitgeschöpfen. Tiere führen in den Texten ein eigenes und bedeutsames Leben. Federtiere, Hühner, die hinauslaufen auf ein regennasses Feld, ein Entenpaar, im Schutze einer der herabhängenden Zweige einer Trauerweide, reglos auf der von grasgrüner Grütze ganz und gar überzogenen Fläche des Wassers verschaffen metaphysische Augenblicke. Die Heringe haben ihr eigenes Auschwitz, ihr Schicksal ist Teil der Weltklage: Güterwagen der Eisenbahn nehmen den ruhelosen Wanderer des Meeres auf, um ihn an die Stätten zu bringen, wo sich sein Schicksal auf dieser Erde endgültig erfüllen wird. Die Falter verheißen mit ihren bloßen Namen eine dem Wahnsinn nahe Pracht: Porzellan- und Pergamentspinner, spanische Fahnen und schwarze Ordensbänder, Messing- und Ypsiloneulen, Wolfsmilch- und Fledermausschwärmer, Jungfernkinder und alte Damen, Totenköpfe und Geistermotten. Auch die Pflanzenwelt ist reichlich bedacht, wir hören Preislieder auf die Wälder und Klagelieder über ihre Vernichtung.

Wer sich in Fauna und Flora und insbesondere die Einzelheiten des biologischen Parasitismus vertieft, steht bald vor der Unmöglichkeit, allem Lebendigen zugetan zu sein. Über das parasitäre Brutverhalten des pfiffigen Kuckucks mag man schmunzeln, bei der Lebensgestaltung  parasitärer Wurmarten hat es seine Grenze, man muß sich entscheiden und kaum jemand wird sich auf die Seite der Würmer schlagen. Sowohl Margarethe mit dem Wurm als auch dem heiligen Georg liegt das geringelte Tier unter dem beifälligen Blick des Dichters tot zu Füßen. Die chinesische Kaiserin mag in den Seidenwürmern die besseren Untertanen, gleichsam die besseren Menschen sehen, aber auch die pessimistischste Geschichtssicht kann sich von der schlimmen Despotin nur in den schwärzesten Augenblicken verleiten lassen.

Die Feststellung, Kellers Prosa sei allem Lebendigen zugetan, ist nicht bündig abgeschlossen, sondern eingebettet in eine Satzfolge, in der weitaus mehr von Schatten, Erlöschen des Lichts und Tod die Rede ist. Dabei lebte Keller zu einer Zeit, als alles noch hätte anders kommen können, als es dann kam. Inzwischen haben sich alle Türen besserer Möglichkeit geschlossen, die Schatten sind noch weit länger geworden. Das Wort vom nicht abgeschlossenen Projekt Moderne würde Sebald nicht unterzeichnen, ihm gilt das Projekt als fehlgeleitet und gescheitert. Aus korrigierender Anklage ist umfassende und ziellose Klage geworden. Die Gegenwart erscheint als eine Kultur des Todes, gerade auch, weil sie den Tod mit billigen Tricks und naturgemäß ohne jeden Erfolg vergessen machen und eine reine Gegenwart ohne Beginn und Ende sein will und die Ränder der Ewigkeit dafür abschneidet. Schon im Prosaerstling Schwindel.Gefühle hatte Sebald, nicht ohne ein Lächeln, das Weltende auf das Jahr 2013 festgesetzt. Das hinderte ihn nicht, zurückzukehren ins Landhaus als einer des allem Lebendigen zugetanen alemannischen Freundeskreises.

Freitag, 6. Januar 2012

Kommentar Frühsommerfahrten

Der Frühsommer ist eine gute Zeit, um mit der Eisenbahn hinauszufahren in abgelegene naturnahe Gegenden. Es sind Zwei, so nehmen wir an, ein Paar, eine Freundes- oder ein Liebespaar, die hier, wohl nicht zum ersten Mal, den Windungen des Flußlaufs folgen, aber es ist nur einer, der spricht. Alles Augenmerk ist von der Außenwelt gefangen, den silbrig wogenden Weiden, den dunkleren Erlengehölze, den dahinter aufsteigenden Schafweiden. Vielleicht sind es die draußen vorbeifliegenden Dampffetzen, eher aber noch die durch das geöffnete Abteilfenster wehende Luft, die die Aufmerksamkeit nach innen lenken, genau weiß man es nicht. Die Selbsterforschung bleibt aber durchaus spielerisch, so wie man im Spiel einem kleinen Kind vorgaukelt, es sei zu schnell um gefangen zu werden. Dann läßt man es auch schon gut sein und streckt wie der Maulwurf die mitleiderregenden Füßchen empor. 

28.08.04

Donnerstag, 5. Januar 2012

Frühsommerfahrten


Schon zu Beginn des Sommers, wenn wir mit der kleinen Dampfbahn westwärts das Tal hinauffuhren, merkte ich, wie mir das Herz aufzugehen begann. Schleife um Schleife folgte unser Zug den Windungen des Flußlaufs, durch das offene Waggonfenster schauten die grünen Wiesen herein, die steingrauen und die geweißelten Häuser, die glänzenden Schieferdächer, die silbrig wogenden Weiden, die dunkleren Erlengehölze, die dahinter aufsteigenden Schafweiden und die höheren, manchmal ganz blauen Berge und der Himmel darüber mit den immer von Westen nach Osten ziehenden Wolken. Dampffetzen flogen draußen vorbei, man hörte die Lokomotive pfeifen und spürte den Fahrtwind kühl an der Stirn. Wir wurden förmlich von der wehenden Luft nach ihrem Belieben getragen und es mußte nicht ohne Scherzhaftigkeit sein, wenn wir uns im Luftzug an die Stirn griffen oder uns durch das gesprochene Wort zu beruhigen suchten, die dünnen Fingerspitzen an die Kniee gepreßt. Während wir sonst bis zu einem gewissen Maße höflich genug sind, von einer Klarheit über uns nichts wissen zu wollen, geschah es jetzt, daß wir sie mit einer gewissen Schwäche suchten, freilich in der Weise, mit der wir im Spaß so tun, als wollten wir mit Anstrengung kleine Kinder fangen, die langsam vor uns trippeln. Wir durchwühlten uns wie ein Maulwurf und kamen ganz geschwärzt und sammethaarig aus unseren verschütteten Sandgewölben, unsere armen roten Füßchen für zartes Mitleid emporgestreckt.

Mittwoch, 4. Januar 2012

Kommentar Sommerzeit

Es scheint sich um den Bericht über ein sich vom Früh- bis zum Spätsommer erstreckenden Aufstehen zu handeln, daß naturgemäß den rechten Augenblick verpaßt. Als der Berichterstatter endlich das Bett verlassen hat, kann er sich, nicht zuletzt wohl wegen Muskelschwunds, nur noch mühsam an der Fensterbrüstung emporziehen. Das Erwachen und die erste Zeit danach sind voller Munterkeit und Tatenkraft, aber dann verzettelt er sich auch schon. Die verheißene Lustigkeit hat man sich anders vorgestellt. Schon das Eindringen von orientalisch Merkwürdigem in der Erwartungshorizont verheißt nicht unbedingt Gutes, und bei als baumelnd eingestufter Rede verwundert es nicht, wenn bei ohnehin schon fortgeschrittenem Vormittag auch gleich an den Abend gedacht wird, und unversehens ist der erste Tag verstrichen. Die Hand sinkt und die Tage vergehen, als hätten wir es mit Oblomow zu tun. Diese offensichtliche und geradezu klassische Schuld des Verliegens wurde bislang verschwiegen, es hieß nur bündig: Als er eines Morgens zur Zeit der Hundstage aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. 
28.08.04 
Sommerzeit