Sonntag, 4. Dezember 2011

Lament and Prosecution

Veroneser Erde


Als ich im Inneren der Kapelle vor den vom Gesims bis zum Bodensaum in vier Reihen sich hinziehenden Wandbildern stand, erstaunte mich am meisten die lautlose Klage, die seit nahezu siebenhundert Jahren von den über dem unendlichen Unglück schwebenden Engeln erhoben wird. Wie ein Dröhnen war diese Klage zu hören in der Stille des Raums. Die Engel selbst aber hatten die Brauen im Schmerz so sehr zusammengezogen, daß man hätte meinen können, sie hätten die Augen verbunden. Und sind nicht, dachte ich mir, die weißen Flügel mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde das weitaus Wunderbarste von allem, was wir uns jemals haben ausdenken können? Man wird in dieser Betrachtung eines Wandgemäldes Giottos eine poetologische Selbstspiegelung Sebalds sehen, ähnlich der, und mit ihr eng verbunden, in den Bildern Pisanellos, wo allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird.

In der Betrachtung des Giottobildes sind drei Begriffe zu einem engen Kreis geschlossen, unendliches Unglück, dröhnende Klage und wunderbare Schönheit, ein unvollständiges Ensemble, möchte man meinen, und auch ungewohnt, da die intransitive, nach innen gekehrte Klage ihren Platz im Wörterbuch der Literatur schon fast gänzlich der transitiven, einen Schuldigen suchenden Anklage hat abtreten müssen. Dem so gut wie konkurrenzlos die Neuzeit bestimmenden Meliorismus gilt Klage als fruchtlos, Sinn gewinnt sie erst als Anklage eines als Ursache des Unglücks ausgemachten Umstandes, der dann auszuschalten ist.

Bruegels Gemälde von der Kreuztragung Christi gehört nicht zu den von Sebald besprochenen ist aber im Augenblick anläßlich seiner Verfilmung Gegenstand breiten Interesses. Man kann viel darüber lesen, so etwa, das Bild sei nichts anderes als eine Anklage gegen die Spanier. Eine andere Fundstelle erklärt den Hintergrund des Gemeinten: Die Spanier sind eigentlich die wild gewordenen Fundamentalisten, die Christus opfern - in einer Zeit, in der Protestanten gegen Spanier sich wüst bekämpften. Das ist sicher zutreffend, aber wieso NICHTS ANDERS ALS? Wieso ist die so seltsam auf einen spitzen Felsen gesetzte Mühle, durch was sind die am linken Bildrand ihrer üblichen Beschäftigungen nachgehenden Leute eine Anklage gegen Spanien?
Man wird das, Pisanello so wenig achtend wie Prousts Mauerfleck in Vermeers Gemälde, als unerheblich beiseite wischen und lieber darauf verweisen, daß die Verfilmung das alte Bild mit vielen politischen und aktuellen Botschaften aufgefrischt hat, so daß man anstelle der Spanier jetzt auch gern die amerikanischen Truppen im Irak oder in Afghanistan dargestellt sehen könne. Wenn es aber die Spanier oder auch Amerikaner wären, die uns so tief berühren bei der Betrachtung des Bildes, und nicht sein unerschöpflicher Vorrat an Rätseln, die wir nicht lösen wollen, wären wir wohl kaum recht bei Trost. Nun würde man doch gern wissen, was Sebald bei einer Versenkung in dieses Bild zu Tage gebracht hätte.

Daß alles Politik sei, war eine bis zum heutigen Tag überdauernde Lieblingsidee der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Von vielen nicht zur Kenntnis genommen wurde die schon bald danach verabreichte soziologische Aufklärung, das sei zwar richtig, aber Angelegenheit des Blickwinkels und insofern letztlich bedeutungslos. Geradeso wie die Politik in allem nur das Politische sieht, so sieht die Wirtschaft, um mit ihr zu beginnen, in allem nur das Wirtschaftliche, die Justiz in allem nur Recht und Unrecht, die Erziehung überall nur Erziehbares &c., und auch die Kunst in allem nur das Künstlerische. Je weniger es den Primat der Politik gibt, desto heftiger wird er aus Erinnerungstreue an die guten tollen Jahre im Feuilleton beschworen, fortwährend krönt der Dichter in den Augen zahlreicher Rezensenten sein Werk dadurch, daß er sich einmischt, Mißstände bloßstellt, anprangert und geißelt, Anklage erhebt, j’accuse. Auch Sebald konnte ein größeres Publikum erst als vermeintlich anklagender Holocaustdichter erreichen, er selbst aber hat Austerlitz eine Elegie genannt, anklagende Töne werden bei ihm nur als Begleitstimme der Klage hörbar. Benn notiert irgendwo, jeder könne zwei Seiten über etwas schreiben - etwa eine Anklageschrift zu einem Mißstand - zwei Seiten Prosa aber, die – und sei es im Klageton – nur in und aus sich heraus leben, das sei ganz etwas anderes: eigentlich eine Binsenwahrheit aus dem Einmaleins des Literaturverständnissen, vielen aber offenbar nicht zugänglich. Der Roman gerät zur bitteren sozialen Anklage: in diese Feststellung mündet zwanghaft der Klappentext zum Buch eines Autors, den Sebald geschätzt* hat, ihm wäre diese Art der Apotheose wohl nicht in den Sinn gekommen.
Wenn Pisanello, wie Selysses in seinen Bildern wahrnimmt, allem, den Vögeln am Himmel und jedem einzelnen Blatt in den Wäldern dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zuspricht, bedeutet das nicht eine Verkleinerung und Verniedlichung der Weltsicht, sondern ihre enorme Erweiterung und ein Anwachsen nicht zuletzt des Leids ins Unermeßliche. Schon das Leid der Menschen ist, faßt man es ernstlich ins Auge, bei weitem zu groß für eine Anklage. Vermag man aber, wie der Dichter, obendrein auch die Fische, den Hering (Clupea harengus) und die Makrele (Scomber scombrus), zu hören, so werden die Ohren taub von dröhnender Klage. Anklage könnte in dieser Situation nur noch beim obersten Weltenrichter erhoben werden, der aber ist, wie schon Cioran vermutete, nicht bereit, die Klage zur Verhandlung anzunehmen.

Giottos Engel könnten jederzeit die Augen nach oben richten, abdrehen und Höhe gewinnen, es bliebe nichts als die Spur ihrer Schönheit. Neuzeitliche Vertreter der Engel Giottos sind bei Sebald zum einen die Flieger, allen voran Gerald Fitzpatrick, wenn er in seine Cessna steigt, um das Elend der Welt unter sich zu lassen. Daß er von einem dieser Flüge nicht mehr heimkehrt, war ihm wohl vorherbestimmt. Wie weit die Vorbestimmung reicht, und ob auch die Engel ihr unterworfen sind, wissen wir nicht. Noch stärker in der Engelsnachfolge steht der, in Thomas Browne gespiegelte Anspruch auf Levitation, den Sebalds Prosa erhebt, daß die Sätze, mitsamt ihrer Fracht und uns als Passagieren, höher und höher getragen werden wie Segler auf den warmen Strömungen der Luft.

Unendliches Unglück und dröhnende Klage, das ist eng zusammengeschlossen, die wunderbare Schönheit steht unerwartet und ein wenig ratlos daneben. Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, woher das Schöne kommt und die Kunst. Schönheit gilt uns als Kontingenzformel der Kunst, auch dann wenn sie, wie Bernhard beansprucht, aus äußerster Häßlichkeit oder aber äußerstem Leid entsteht. Immer wieder steuert Sebalds Prosa auf Situationen zu, in denen Schönheit und Sinn explosionsartig aufeinander stoßen, der Sinn verdampft, die Glut der Schönheit überdauert noch für einen Augenblick und gefriert dann vielleicht zu Eis: Sand Sebolt entfacht im Herd eines um Holz geizenden Wagners ein Feuer aus Eiszapfen. Immer ist diese Geschichte von der Verbrennung der gefrorenen Lebenssubstanz für mich von besonderer Bedeutung gewesen, und ich habe mich oft gefragt, ob nicht die inwendige Vereisung und Verödung am Ende die Voraussetzung ist dafür, daß man, vermittels einer Art schwindelhafter Schaustellerei die Welt glauben machen kann, das arme Herz stünde noch in Flammen.

*Gert Hofmann, nach einer Mitteilung von Uwe Schütte

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