Dienstag, 27. Dezember 2011

Einfache Leute

In oculis infantis

Johann Peter Hebel zählte zu den von Sebald in besonderem Maße geschätzten Autoren, er hat ihn zu sich ins Landhaus eingeladen. Bei Hebel ist die Welt in einem Gleichgewicht, das für viele fortlebt als Kindheitstraum, eine Welt, in der alles zum Besten geordnet scheint. Dem blind und taub sich fortwälzenden Prozeß der Geschichte hält Hebel Begebenheiten entgegen, in denen das ausgestandene Unglück entgolten wird, auf jeden Feldzug folgt ein Friedenschluß, jedes Rätsel, das uns aufgegeben wird, hat eine Lösung, und selbst die kuriosesten Kreaturen wie die Prozessionsspinner und die fliegenden Fische haben ihren Platz in der auf das sorgfältigste austarierten Ordnung. Das aufs Haar gleiche Erleben wie bei der Hebellektüre wiederholt sich im erzählerischen Werk, als Selysses unterwegs im Zug nach Mailand im Beredten Italiener liest, einem praktischen Hülfsbuch der italienischen Umgangssprache, in dem alles auf das beste geordnet war, so als setze sich die Welt tatsächlich bloß aus Wörtern zusammen, als wäre auch das Entsetzlichste in Sicherheit gebracht, als gäbe es zu jedem Teil ein Gegenteil, zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge auch ein Stück Wahrheit. Wenn man so will, sind die Schwindel.Gefühle insgesamt ein Ritorno in patria, in infanzia, schon unterwegs im Zug nach Mailand tritt der reine Kindheitstraum auf dem Niveau der Leselernfibel ohne jede literarische Rechtfertigung ans Tageslicht.

Faßt Selysses die Menschheit ins Auge, so sieht er eine fehlgeleitete und in jeder Hinsicht zum Scheitern verurteilte Art. Auch ganzen Nationen geht es nicht besser in der Beurteilung, nicht der deutschen und nicht der belgischen, die mit ihrer Hauptstadt Brüssel stellvertretend für Europa steht und mit ihrem König Leopold II stellvertretend für die europäischen Kolonialverbrechen. Nach Berufen oder Verhaltensweise geordneten Gruppen wie die Goldgräber in der City of London oder die lärmenden Touristen unter dem Hotelfenster in Limone werden schonungslos beiseitegeschoben. Auf der Ebene einzelner Menschen ändert sich die Haltung. Individuelle Schurken begegnen nicht, wenn man absieht von diversen historischen Führergestalten und ihren Gefolgsleuten. Dabei verklärt sich der Blick keineswegs, der eine oder andere ist Gegenstand offenkundigen Unmuts, so der Brotzeiter im Zug nach Kissingen. Es überwiegen aber die schönen Erlebnisse, die beiden Leserinnen im Zug nach Mailand, die um ihren Sohn besorgte Mutter im Zug nach Bozen, gar nicht zu reden von der Winterkönigin im Zug nach Bonn. Wohlgefallen erwecken auch durchweg die sogenannten kleinen Leute.

Auch die Empfangsdamen wären bei textunabhängiger soziologischer Sortierung wohl zu den kleinen Leuten zu zählen, auch viele der Mitreisenden, textintern haben sie aber eine ganz andere Bedeutung. Ohnehin und deutlich unterschieden sind die kleinen Leute von den wittgensteinesken Gestalten in Sebalds Werk, den säkularen Heiligen, und des weiteren von Personengruppen, die im Werk so gut wie nicht auftreten, so dem Mittelstandspersonal mit seinen sogenannten Beziehungsproblemen, dessen segensreiche Absenz nicht der geringste Grund ist für die tiefe Erholsamkeit der Bücher Sebalds. Das eigentliche Charakteristikum der einfachen Leute, oft Kleingewerbetreibende, liegt gar nicht in ihnen selbst, sondern in dem Umstand, daß sie von Kinderaugen wahrgenommen werden, in denen sie Ewigkeitsgestalt gewinnen. Sie sind daher das krasse Gegenteil der Empfangsdamen und Reisenden, deren Wesen in ihrem flüchtigen Vorbeiziehen besteht.
Der Ritorno in patria ist eine Rückkehr vor allem auch zu den einfachen Leuten. Wir treffen den Buchdrucker Specht, der seit ewigen Zeiten und ohne jede Mithilfe das vierseitige Botenblatt geschrieben, redigiert, gesetzt und gedruckt hat und, wie das bei den Druckern nicht selten vorkommt, ein äußerst in sich gekehrter Mensch gewesen ist. Zudem ist er vom vielen Hantieren mit den Bleisätzen immer kleiner und grauer geworden. Er trug jahraus, jahrein einen grauen Kattunmantel, der nahezu an den Boden reichte und hatte eine runde Stahlbrille auf. Am Abend aber sah man ihn am Schein der Lampe am Küchentisch sitzen und die Artikel und Berichte schreiben, die in den Landboten aufgenommen werden sollten. Wir treffen die Schwestern Babett und Bina, die das Café Alpenrose betreiben, in das niemand jemals hineingegangen ist. Die Haustür war immer offen, und alle paar Minuten erschien unter ihr die Bina, um Ausschau zu halten nach den Gästen, die irgendwann doch einmal kommen mußten. In einem Glassturz stand neben dem am vorigen Samstag gebackenen Apfelkuchen der frische Gugelhupf oder umgekehrt, so daß also ein Gast, der am Samstagnachmittag gekommen wäre, zwischen zwei Kuchen hätte wählen können. Am Sonntagnachmittag war diese Möglichkeit dann nicht mehr gegeben, denn die Babett und die Bina hatten entweder den alten Apfelkuchen oder den alten Gugelhupf zum Sonntagnachmittagkaffee verspeist. Wir treffen auch die im Posthalterhaus wohnende Modistin Valerie Schwarz, die aus dem Böhmischen stammte und die trotz ihrer geringen Körpergröße eine Brust besaß von Ausmaßen, wie man sie später nur noch einmal, und zwar an der Trafikantin in Fellinis Film Amarcord gesehen hat. In den Moment Musicaux reist Selysses ein weiteres Mal in patria e infanzia und macht uns neben anderen mit dem Adam Herz bekannt, einem entlaufenen Klosterbruder, der jetzt als Stallknecht sein Auskommen fand. Jeden Sonntag schrie der Herz mit der Inbrunst eines von furchtbaren Seelenschmerzen um seinen Verstand gebrachten Menschen die katholischen Kirchenlieder, die er sämtlich auswendig kannte, aus sich heraus. Sein Gesicht war dabei mit einem qualvollen Ausdruck aufwärts gekehrt, die Kinnlade war vorgeschoben, und die Augen waren geschlossen.

Die einfachen Leute sind einfach in ihrer gesellschaftlichen Stellung und in ihrer materiellen Lebenssituation, vor allem aber auch, weil die Schlichtheit und Geradlinigkeit ihres Wesens in der Wahrnehmung immens gesteigert ist. In den Augen des Kindes sind diese Menschen auf einige Merkmale und Verhaltensweisen äußerster Konstanz und ständiger Wiederholung reduziert, die ihnen nahezu ein Ewigkeitsvermögen verleiht. Immer wird man den Specht am Abend durch das Fenster beim Schein der Lampe sehen, immer werden die beiden Cafébetreiberinnen am Sonntagnachmittag den einen oder den anderen Kuchen verspeisen, und von einer Zeit, als die Brust der Valerie Schwarz noch nicht ihr überwältigendes Ausmaß erreicht hatte, kann niemand berichten. In ihrem Gleichmaß sind sie Garanten der geordneten Welt. Alle sind sie eingebunden in ihre Besonderheit, die Verbundenheit liegt sehr weit entfernt, sehr tief, nicht auszuschließen, daß sie der eigentliche Erzählgegenstand ist.

Ganz wie die des Selysses ist die Kindheit seines Doppelgängers Austerlitz von einfachen Leuten begleitet. In Wales ist er jede freie Stunde bei Evan, dem Schuster gesessen, der nicht weit vom Predigerhaus seine Werkstatt hatte und in dem Ruf stand, ein Geisterseher zu sein und von dem er, förmlich im Flug, das Walisische gelernt hat. Bereits in Prag, wie er sich dann erinnert, durch das Fenster, gerade wie in W. den Drucker Specht, den Schneider Moravec beobachtet, der sein schweres, mit Kohlenglut gefülltes Bügeleisen durch die Luft schwenkte und am Ende des Tages dann den mit Filz überzogenen Arbeitstisch abräumte, ein doppeltes Zeitungsblatt auf ihm ausbreitete und auf diesem Zeitungsblatt das Nachtessen, auf das er gewiß die längste Zeit sich schon gefreut hatte. Als, wenn man so sagen kann, gegenteiliger Zwilling der Modistin Valerie Schwarz tritt die Tante Otýlie in Erscheinung, ein alleinstehendes Fräulein von einer beängstigend zierlichen Statur, die schon seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ein Handschuhgeschäft an der Šeříková führte. Sie trug stets ein schwarzseidenes plissiertes Überkleid mit einem abnehmbaren Kragen aus weißer Spitze und bewegte sich in einer kleinen Wolke aus Maiglöckchenduft.

Auch die Reise nach Amerika wird für Selysses zu einer Reise in patria. Um seine Erinnerungen an den Onkel Ambros, die Tante Theres, die Lina und auch die Rosa anzureichern, besucht er die Tante Fini und den Onkel Kasimir, Spengler seines Zeichnens, in Newark, alles einfache Leute. Das Ölgemälde an der Wand, kommentiert die Tante Fini ein Photo aus dem Album, stellt unseren Heimatort W. dar. Es gilt inzwischen als verschollen. Nicht einmal der Onkel Kasimir, der es als ein Abschiedsgeschenk der Eltern zusammengerollt in einer Pappdeckelrolle mit nach New York gebracht hat, weiß, wo es hingekommen sein kann. Das Ölgemälde, soviel erkennt man, zählt nicht zu der Sorte, die den Kunstsinn des Selysses entfachen konnte, dennoch folgt er dem Bericht der Tante mit freundlichem Interesse. In der Krummenbacher Kapelle hatte er schönes Mitgefühl gezeigt für die ungeschickte Hand des Malers der vierzehn kleinen Kreuzwegstationen, der sich vielleicht nicht weniger gemüht hatte als Tiepolo bei einem seiner großen Deckengemälde. Warum verfolgt er dann mit so nachhaltiger Häme den mit einer spürbar geschickteren Hand ausgestatteten Maler Hengge?

Hengges bevorzugtes Sujet sind die Holzknechte, die bei Sebald nicht zur hier behandelten Gruppe der einfachen Leute zählen, sondern tendenziell, wie die Bauern und die Sandler, der Trunkensucht verdächtig sind. Noch bei den Sandlern beeindruckt andererseits die spirituelle Ausrichtung. Durch die Bank hatten sie einen Zug ins Philosophische, ja sogar ins Theologische, über das Tagesgeschehen sowohl als über den Grund der Dinge, wobei es regelmäßig gerade denjenigen, die besonders lauthals das Wort ergriffen, mitten im Satz die Rede verschlug. Besonderes Wohlgefallen findet beim Dichter auch die elterliche miniaturhafte Landwirtschaft der Ramona, mit einer Kuh und einem Ochsen, zwei Geißen, zwei Schweinen und zwei Gänsen. Bloß Katzen und Hühner waren es mehrere und diese saßen und liefen bis weit hinaus in den umliegenden Felder herum. Das kleine Haus sah mit seinem geschindelten, vielfach geflickten, für die Gegend ganz ungewöhnlichen Walmdach einem auf der Hügelkappe gestrandeten Schiffchen gleich, und er Vater, der ein verschmitzter Mensch gewesen ist schaute gewöhnlich wie der Noah aus der Arche zu einem der winzigen Fenster hinaus und rauchte einen Stumpen aus seinem Waldhörnchen.

Allem Anschein nach ist es also nicht Hengges künstlerische Bindung an das Holzermotiv – wenn er ganz nach seinem eigenen Kunstsinn sich richten konnte, hat er nicht als Holzerbilder gemalt -, die den Zorn des Dichters erweckt. Die in den Schwindel.Gefühlen wiedergegebenen Beispiele für Hengges Kunstschaffen sind denn auch keine Holzerbilder, hervorstechend ist vielmehr das an der Raiffeisenkasse angebrachte Fresko einer hochaufgerichteten Schnitterin, die dasteht vor einem Feld zur Zeit der Ernte, das dem Dichter immer wie ein entsetzliches Schlachtfeld vorgekommen ist. Die Porträtierung einfacher Leute ist eine delikate Abgelegenheit. Selbst Hebel ist, ganz ohne eigenes Verschulden, der ideologische Vereinnahmung des Bildes vom schlichten Leben anheimgefallen ist. Mit welch falschem neogermanischen Zungenschlag* diese Vereinnahmung sich präsentiert, kann noch anhand von Heideggers Rede über Hebel aus dem Jahr 1957 gezeigt werden. Hengge kann nicht in gleicher Weise wie Hebel von Schuld freigesprochen werden.

Sebalds Melodien von den einfachen Leuten sind ohne Mißton. Wer sich vorstellt, die Kleingewerbetreibenden und andere ihrer Art würden fehlen in seiner Prosa, hört gleich, wie sehr sie an Klangfülle verliert, als sei im Orchester eine komplette Instrumentengruppe verstummt.

* Nicht allzu falsch und keineswegs durchgehend so: Die deutsche Schriftsprache, in der Hebels Betrachtungen und Erzählungen sprechen, ist die einfachste, hellste, zugleich bezauberndste und besinnlichste, die je geschrieben wurde. - Was wäre dagegen einzuwenden?


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