Samstag, 14. Februar 2009

Türen

Juristen und andere

Primer fou el reconeixement que als tribunals no s’hi va a buscar justícia sinó jus

Ist es Zufall, daß beide, der überragende Prosaschriftsteller deutscher Sprache des letzten Jahrhunderts und der überragende Theoretiker, von Haus aus Juristen waren. Haben sie etwas Gemeinsames, das sich auf diese Gemeinsamkeit zurückführen läßt?

Gipfelpunkt des Kafkaesken ist die kleine Erzählung Vor dem Gesetz. Ein Mann vom Lande will durch die erste von zahllosen Türen des Gesetzes, und sie wird ihm nicht aufgetan. Er richtet sich für sein Leben neben dieser Tür ein, wartet bis zum Tod, daß sie sich öffnen möge, und sieht sterbend, wie sie endgültig und für immer geschlossen wird; die Tür, die sich nie öffnete, war ausschließlich für ihn bestimmt. Und umgekehrt: Der alte Kaiser auf seinem Sterbebett flüstert dem Boten eine Nachricht ins Ohr, die bestimmt ist für einen unbedeutenden Untertanen vom Lande an der äußersten Grenze des Reiches, der Bote rennt los, schneller fast, als die Beine tragen können, aber nie wird er auch nur das äußere Tor der Palastanlage und damit den Zugang zur Weite des Landes erreichen. Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. Du aber sitzt an deinem Fenster und erträumst sie Dir, wenn der Abend kommt.

Bei Luhmann ist Grundbedingung für alles, was sein und werden will, daß sich die Tore des Systems - welcher Art es auch immer sein mag, insbesondere aber dann, wenn es als soziales System auf Kommunikation, man kann auch sagen: auf Botschaften beruht - daß sich die Tore schließen zur Außenwelt, und direkter Kontakt zwischen System und Umwelt damit auf immer unmöglich ist. Die Außenwelt kann sich nur als Störung der Systemabläufe geltend machen, aber das muß uns letztlich nicht bekümmern, denn alles, woran uns liegt, unsere Wahrnehmungen, unsere Gedanken und unsere Gefühle sind interne Verarbeitungen der Störungen. Gleichwohl ahnen wir, in welchem Ausmaß wir mit Blind- und Taubheit geschlagen sind.

Gehen diese ganz unterschiedlich eingekleideten und doch sehr ähnlichen Erfahrungen bei Dichter und Theoretiker zurück auf die beiden eigene spezifische Erfahrung des Juristen, daß dem Recht die Gerechtigkeit, nach der wir uns sehnen und die immer einmal wieder als Trugbild am Horizont vorbeihuscht, auf ewig unzugänglich und verschlossen ist? Ist an dieser Stelle, am Eingang zum Gesetz, der Eindruck des verschlossenen Himmels stärker als anderswo?

Sebald war kein Jurist und von geschlossenen Türen nicht in dieser Weise heimgesucht. Sicher bilden das Thema der Bewegung und des Wanderns und das Thema des Hindernisses und des Steckenbleibens ein enges Zwangspaar, Beckett läßt es in aller Intensität erleben, und dieses Paar entspricht nicht ohne weiteres dem von Leben und Tod. Die Türen, die Selysses, der Wanderer, zu überwinden hat, sind die Eingangstüren von Hotels, Gasthäusern und Pensionen, von Museen und Untergrundbahnhöfen, die Empfangsdamen sind überwiegend widerstrebend und langsam, sie dehnen die Zeit aber sie sind nicht unüberwindlich, sein Leben verbringt Selysses nicht vor den Türen. In einem seiner früheren literaturkundlichen Aufsätze lehnt Sebald sich einmal an Luhmanns Liebe als Passion an, aber das war ihm wohl doch fremd, eine Dauerreferenz ist daraus nicht geworden. Mit Kafka ist das anders. Sebald gestaltet den Brüsseler Justizpalast als kafkaeskes Zentrum des Gesetzes, aber Selysses hat keine Mühe, ihn zu betreten. Die Türen stehen offen oder fehlen ganz, freilich ist aber auch nichts zu finden, der Palast ist leer und nur mit Gerümpel angefüllt: In diesem mehr als siebenhunderttausend Kubikmeter umfassenden Gebäude gäbe es Korridore und Treppen, die nirgendwo hinführten, und türlose Räume und Hallen, die von niemandem je zu betreten seien und dessen ummauerte Leere das innerste Geheimnis sei aller sanktionierten Gewalt. Immer weiter sei er durch die Gänge geschritten, einmal links- und dann wieder rechtsherum, und endlos geradeaus, unter vielen hohen Türstöcken hindurch, und ein paar Mal sei er in dunkle Sackgassen geraten, an deren Ende Rolladenschränke, Stehpulte, Schreibtische, Bürosessel und sonstige Einrichtungsgegenstände übereinandergetürmt gewesen seien (AUS 47f). – Kafkaesk gestaltet, und zugleich in einem ähnlichen Gegensatz zu Kafkas Gesetzespalast, wie Onettis Werft zu Kafkas Schloß. Der Brüsseler Justizpalast ist letztlich eine urbane Ruderalfläche, die der Wanderer Selysses durchmißt.

Und so ist es kein Wunder, wenn Sebald in der denkbar tiefsten Weise nicht einem kafkaschen Türen-, sondern einem kafkaschen Wandermotiv nachgeht, das dann aber doch auch ein Türenmotiv ist, gemeint ist das Motiv des Jägers Gracchus. Von ihm, den Jäger, wird erzählt, daß er beim Verfolgen einer Gemse – und ist das nicht eine der eigenartigsten Falschmeldungen aller Erzählungen, die je erzählt worden sind? – aus einer Felswand zu Tode gestürzt ist und daß der Kahn, der ihn ans andere Ufer hätte bringen sollen, durch eine falsche Drehung des Steuers, einen Augenblick der Unaufmerksamkeit des Führers die Fahrt verfehlt hat, weshalb er, Gracchus, seither ruhelos auf den irdischen Wassern kreuze und einmal hier und einmal dort versuche, an Land zu gelangen (RS 180).

Da es Kafka gewesen ist, der diese, wie es überraschend heißt, auf einer Falschmeldung beruhende Geschichte ersonnen hat, kommt es dem Erzähler so vor, als bestünde der Sinn der unablässigen Fahrten des Jägers Gracchus in der Abbuße einer Sehnsucht nach Liebe, wie sie Kafka nach eigener Aussage immer genau dort ergreife, wo scheinbar und gesetzmäßig nichts zu genießen ist. Zur besseren Erläuterung dieser, nach Einschätzung des Erzählers, etwas undurchsichtigen Bemerkung, erzählt Kafka dann die noch weitaus undurchsichtigere Geschichte vom wohl schon vierzigjährigen Sohn des Besitzers einer Prager jüdischen Buchhandlung. Zufällig, so Kafka, habe er vorgestern abend diesen in nichts anziehenden, wo nicht widerwärtigen Menschen beim Verlassen seines Hauses erblickt. Sein Rücken ist auffallend breit, er geht so eigentümlich stramm, daß man nicht weiß, ob er stramm oder verwachsen ist. Begreifst Du nun, schreibt Kafka, kannst Du es begreifen, warum ich diesem Mann geradezu lüstern folgte und mit unendlichem Genuß ihn in das Tor des Deutschen Hauses verschwinden sah (RS 180 ff). – Wir sehen, wie dieser Mensch, anders als der Mann vom Lande, ein Tor durchschreitet, aber sonst verstehen wir nicht viel, denn Kafka ringt offensichtlich auf dem Schriftweg mit dem uns allen unverständlichen Mysterium der Liebe. Die Liebe habe für Kafka, vor allem anderen, den Schrecken der Erde ausgemacht, und wie muß man es anstellen, daß man nicht zuletzt, unfähig aus dem Leben zu gehen, nicht auch noch dem Podestà, der einen schließlich doch erlösen soll (es muß wohl die Potestas Maxima sein), in einem Augenblick der Selbstvergessenheit lächelnd die Hand aufs Knie legt, so wie der Jäger Gracchus es tut (RS 182 f).

Hier scheint alles auf den Kopf gestellt und gründlich verdreht. Die Liebe, die, so haben wir gelernt, leisten soll, was das Recht nicht kann, nämlich den Hunger nach Gerechtigkeit stillen, erscheint als der größte Schrecken auf Erden, sie, die den Tod überwinden soll, muß schweigen und stillhalten, damit der Tod kommen darf, die Tür zum Totenreich sich öffnet. Einsichtig immerhin, daß unserer aller Sehnsucht nach Liebe die Welt dermaßen aufrührt. Sebald hat den Jäger Gracchus als Jäger Hans Schlag in Wertach, wenn man so sagen kann bei jemandem, der nicht sterben kann, wieder auferstehen lassen, ohne Auskunft zu geben über die Wasserstraßen, die dort hinführen und ohne erkennbare Anstrengungen zu unternehmen, zusätzliches Licht in das glitzernde Dunkel zu bringen.



Den drei Autoren, Kafka, Luhmann und Sebald, ist gemeinsam, daß sie gegenüber der fernen Zeit, als im Zentrum des noch nicht vom Menschen gemachten positiven Rechts der Weltenrichter saß, für den Recht und Gerechtigkeit eins waren, vielleicht keinen Nachteil, sicher aber auch keinen Vorteil der Gegenwart erkennen wollen. Was Kafka im einzelnen gedacht hat, ist unklar, er verbirgt sich hinter der Intensität seiner Sprache. Gegenüber seinen Gestalten hat er keinen Vorsprung, auch er vermochte es nicht, Gesetz und Schloß zu betreten, auch ihm mußte dunkel bleiben, ob die Majestät oder, wie erkennbar im Brüsseler Justizpalast oder auch in Onettis Werft, das Nichts darin haust. Luhmann hat sich immer wieder gern über die Jahrhunderte hinweg mit seinem Namensvetter Niklas Cusanus unterhalten, der ihm bereits zugearbeitet und den Weltenrichter in eine derart entfernte Position gebracht hatte, daß ihm niemand mehr zu nahe treten konnte. Die Theorie umspielt diese Position, nimmt sie aber nicht als Gegenstand. Sebald läßt die Heiligen noch zur Hälfte auffahren, und dann bleiben sie stecken: in solcher Zahl hingen die weißverhüllten Stengel unter dem Bibliotheksplafond, daß sie eine Art Papierwolke bildeten, in der Mrs. Ashbury, wenn sie auf der Bibliotheksstaffelei stehend, mit dem Aufhängen und Abnehmen der raschelnden Samenbehälter beschäftigt war, wie eine in den Himmel auffahrende Heilige zur Hälfte verschwand (RS 247 ff). Die obere Hälfte ist nicht einsehbar, von dort gibt es nichts zu erzählen, es sei denn, daß dort die seltsamen Wasserwege des Jägers Gracchus verlaufen. Ich bin immer auf der großen Treppe die hinaufführt, berichtet Gracchus. Auf dieser unendlich weiten Freitreppe treibe ich mich immer herum, bald oben bald unten, bald rechts bald links, immer in Bewegung. Nehme ich aber den größten Aufschwung und leuchtet mir schon oben das Tor, erwache ich auf meinem alten in irgendeinem irdischen Gewässer öde steckenden Kahn. - Vor dem letzten Tor des höchsten Gesetzes, dels Tribunals Suprems, wird auch der mystische Wanderer Gracchus zurückgestoßen in seinen schweren alten Kahn, verhältnismäßig niedrig und sehr ausgebaucht, verunreinigt, wie mit Schwarzwasser ganz und gar übergossen, noch troff es scheinbar die gelbliche Außenwand hinab, die Masten unverständlich hoch, der Hauptmast im obern Drittel geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, keinem Windstoß gewachsen. Der Jäger Gracchus, dem die Tauben vorausfliegen wie dem Major Wyndham Le Strange.

Mit der Jurisprudenz im engeren Sinne, mit dem Studium ihrer Verfahren und Abläufe, hat sich naturgemäß dauerhaft nur Luhmann beschäftigt.

Freitag, 13. Februar 2009

Ohne Literatur keine Literatur

Ship of Old


Nehmen wir an, der SPIEGEL müßte bei seiner Bestsellerliste auf die Unterscheidung von Sachbuch und Belletristik verzichten, weil es Belletristik bislang nicht gibt, und nun, in diesem Augenblick, tritt der erste Belletrist auf den Plan. Die Wahrscheinlichkeit, daß schon bald ein zweiter hinzukommt, ist hoch, ebenso die, daß der zweite ein Leser des ersten ist. Der erste Belletrist ist aber unter keinen Umständen vom Himmel gefallen, alle Anfänge sind verborgen. An den Rändern der Sachbuchliteratur, die es nach unserer Annahme bereits gibt, werden sich vielmehr vermehrt belletristische Elemente gebildet haben – nehmen wir unsere Fiktion für einen Augenblick historisch ernst: an den Rändern der theologischen Sachbuchliteratur -, und so gesehen besteht auch die Möglichkeit, daß der erste und der zweite Belletrist unabhängig voneinander über die Abbruchkante gefallen sind. In jedem Fall gilt, keine Literatur ohne Literatur, und sogleich ist auch schon die literarischen Physik in Gang gesetzt, der Sog, es gleich oder ähnlich zu machen, der Wille, es ganz anders zu machen, und jeder Winkelgrad dazwischen, das ganze noch einmal gebrochen durch die zunächst dunkle und wortlose Existenz des Autors und die gesellschaftlichen Anordnungen seiner Zeit.


Sebalds Werk könnte, läßt man die Chronologie der Bände ein wenig außer Acht, als eine getreue Nachzeichnung dieses Planspiels gelesen werden. Er hat literaturwissenschaftliche Sachbücher geschrieben, im Handel sind Beschreibung des Unglücks und Unheimliche Heimat, Aufsätze mit zunehmend belletristischen Anklängen. Die Abbruchkante bildet sich in Logis in einem Landhaus, das Rousseaukapitel fällt ohne Einschränkung in die Sparte Belletristik. Der Übergang zum ersten Prosaband, Schwindel.Gefühle, ist absolut fließend, Rousseau bekommt Gesellschaft von Stendhal und Kafka. In den Ringen des Saturn gesellen sich Thomas Browne, Joseph Conrad, Swinburne, Chateaubriand und Edward FitzGerald hinzu.

Neben den zahlreichen offenen Bezügen zu Schriftstellerkollegen stehen nicht weniger zahlreiche verdeckte Bezüge. Kafka war bereits mit dem Gracchusmotiv tief in das Gesamtgefüge der Schwindel.Gefühle eingedrungen. Die Darstellung des Brüssler Justizpalastes in Austerlitz ist weithin kafkaesk, die Schilderung des Aufbruches in einem Hotel oberhalb von Bruneck und der Ankunft in Innsbruck zu Beginn des Ritorno in Patria ist bernhardesk, das Feuerchen, das Kellers Mutter unterhält und das von fast gar nichts brannte, wie wir es leibhaftig in Logis in einem Landhaus zu sehen bekommen hatten, findet sich wieder als kellereskes Feuerchen in der Stube des Onkels Evelyn: Nur wenn mehrere Tage hintereinander die Temperatur auf dem Thermometer am Fensterrahmen zur Mittagszeit unter fünfzig Grad Fahrenheit sank, durfte die Haushälterin im Kamin ein winziges Feuerchen anschüren, das von fast gar nichts brannte (AUS 131). Der Name Austerlitz ist vor allem einer Stelle aus Kafkas Tagebüchern entlehnt, ebenso der Aufbruch des Knaben Jacques vom Prager Bahnhof und das Flattern der weißen Taschentücher, gleich dem einer auffliegenden Taubenschar, mit denen die zurückbleibenden Eltern ihren Kindern nachwinkten. Mit einer entsprechenden Erudition ließen sich fraglos noch zahlreiche wenn nicht zahllose Stellen bei Sebald als Literaturtransformationen erkennen, und bei keiner Stelle kann man sich völlig sicher sein, daß sie nicht einen solchen Hintergrund hat.

Wenn also, wie angenommen, Literatur in jedem Fall, wenn auch nie ausschließlich, auf Literatur zurückzuführen ist, so scheint bei Sebald doch eine extreme Auslegung vorzuliegen. In jedem Absatz seines Prosawerks scheint er sich in die Abhängigkeit eines der Meister zu begeben, zu denen er als Literaturwissenschaftler aufschaut, und gewinnt dabei doch die größte Freiheit. Trittfest, wie er ist, kann er sich in jede schmale Gasse über holpriges Pflaster begeben, ohne zu stolpern, und wenn er leicht stolpern sollte wie Proust (AUS 220), so nur, um diesen folgend die Erinnerung in Gang zu setzen und aufblühen zu lassen. Man spricht vom Sebaldsound, ein etwas unglücklicher Ausdruck, läßt er doch an Leute wie James Last oder Phil Spector denken, nicht die gleiche Liga. Worauf der Ausdruck wohl hinaus will, ist der souveräne, alle Vielfalt übergreifende, modulationsreiche und doch nahezu uniforme Vortrag, erreicht durch die ständige Anwesenheit des Autors, die freilich fast gänzlich eine Anwesenheit in Stil und Satzbau bei Abwesenheit der Person ist.

Literatur aus Literatur, populär ist das nicht, wie Sebald ja auch kein populärer Autor ist. In Romanen und ähnlichem suchen Leser das wahre, wenn nicht gar das pralle Leben. Das Verhältnis von Literatur und Leben ist aber unübersichtlich. Literatur besteht aus dunklen Zeichen vor hellem Hintergrund – man kann das auch umkehren, ohne daß sich viel ändert – andererseits könnten wir ohne Sprache nicht sagen, daß wir leben, und ohne literarische Bilder hätten wir keinen Maßstab für das wahre oder auch pralle Leben. Auch so werden wir und nie sicher und rätseln an unserem Leben solange wir leben, aber nur die Literatur ermöglicht es überhaupt, die Rätselfragen zu stellen. – Vielleicht glauben Leute wie Medicus und Braun, Sebald damit Gutes zu tun, wenn sie seine Literatur nicht auf Literatur, sondern auf ein ordentliches Trauma zurückführen.

Während in den meisten Fällen Literatur eher hinter den Kulissen auf Literatur einwirkt, hat Sebald seinen Confrères offen Logis im Landhaus seiner Prosa gewährt. Häuser, seien es vermeintliche Prachtbauten der Moderne, bescheidene Kapellen oder eben Landhäuser, können bei Sebald jederzeit zu Schiffen werden: man meint, durch irgendein Versehen auf das Deck der Berengaria oder eines anderen Ozeanriesen geraten zu sein und wäre wohl nicht im erstaunt, wenn auf einmal, unter Aufdröhnen eines Nebelhorns, die Horizonte der Stadt Paris gegen den Pegel der Türme im Gleichmaß mit dem die Wellenberge durchquerenden Dampfer sich höben und senkten - die Berengaria also oder auch nur die Krummenbacher Kapelle: ich setzte mich eine Zeitlang hinein in dieses gemauerte Gehäuse, und bald kam es mir vor, als befände ich mich in einem Kahn auf der Fahrt und überquerte das große Wasser – die Berengaria, halten wir uns an sie, rettet nicht nur die Bände der Pariser Bibliothek, sondern die Dichter, die einfachen Menschen, wie den Schneider Moravec oder die Tante Otýlie, und die Sebaldmenschen wie Austerlitz und Bereyter, die Heiligen, die Tiere, auch Motten und Seidenwürmer, und die Pflanzen in den Gärten und auf den Feldern, eine wahre Arche Sebald. Die Dichter aber stehen nicht nur auf Deck, sondern stecken, wie in einer Wurzel Jesse, auch in den Planken, die aus den Sätzen des Textes gemacht sind. Von weither kommend unter geblähten Segeln, mit einem Kapitän so unergründlich wie Ahab, mit Kafka als erstem Offizier und einer auserlesenen Crew, wie es nie eine gab, hat das Schiff Fahrt aufgenommen und wirft eine Bugwelle so gewaltig, daß sie in die seichten Gewässer schlägt und so manches Boot, das sich auf Weltmeeren der Moderne wähnt in Not und Havarie bringt. Denn niemand sollte den antimodernen Modernismus Sebalds – für Marinetti hat er sich nicht offenkundig erwärmt und ihn wegen erwiesener Unverträglichkeit des Wesens auch nicht an Bord genommen - für harmlos und betulich halten, er ist von einer lautlosen und siegreichen Aggressivität. - Mächtige Bugwelle, schäumendes Kielwasser, wie alle Kunst eine Spur von Stolz und Vergeblichkeit auf dem Weltenmeer.

Donnerstag, 12. Februar 2009

Gärten

Paradise missed

Per la bella giardiniera,
Margherita nell'alba

Gebirgslandschaft und Ruderalflächen

Wollte man Thomas Medicus vertrauen, so wären Ruderalflächen die einzige Landschaftsform, die Sebald kennt - eine verengte Sichtweise nicht nur, sondern eine Sichtweise fernab von der Wahrheit. Als Beleg reicht der Hinweis auf die wahrhaft grandiose Schilderung der Alpen- und Voralpenlandschaft auf der Fahrt im Bus von Innsbruck nach Oberjoch und der anschließenden Fußwanderung von Oberjoch nach Wertach auf dem Weg, der inzwischen Sebaldweg heißt (SG 187 ff). Grandioser Hochwald und öde Ruderalflächen stehen nicht nach einem Prinzip des mal so mal so einfach nur nebeneinander, das wird sofort deutlich, wenn man dem Dichter nur zuhört, wie er etwa von den Gärten erzählt. Er selbst vermag es am besten, die Dinge zurechtzurücken.

Gartenarbeit

Gärten brauchen für ihre Entstehung und ihren Bestand einen Gärtner. Bei Sebald tritt weniger die Gartenarbeit zum Zweck des Broterwerbs denn Gartenarbeit als Lebensnotwendigkeit hervor.

Die von der gewohnheitsmäßigen Schreib- und Gartenarbeit nun nicht mehr ausgefüllten Tage wurden mir ungemein lang, und ich wußte tatsächlich nicht mehr, wohin mich wenden (SG 39). Selysses, der sebaldnahe Wanderer, immer anwesend, aber kaum vorhanden, erläutert an der eigenen Person die angesprochene Trias von Schreiben, labiler, angegriffener Psyche und Gärtnerei nicht weiter. Weiter entfaltet wird sie an Austerlitz und Bereyter, beide verletzt an der Seele, Schreibende und, bei näherem Hinsehen, auch Gärtner: Die Ärztin riet mir eine leichte körperliche Beschäftigung zu suchen, etwa in einem Gartenbaubetrieb, und also bin ich, während der nächsten zwei Jahre jeden Morgen früh hinausgefahren nach Romford an meinen neuen Arbeitsplatz, eine von der Kommune unterhaltene Ziergärtnerei, in welcher neben den gelernten Gärtnern auch eine gewisse Anzahl behinderter oder der seelischen Beruhigung bedürftiger Gehilfen tätig war. Ich wüßte nicht zu sagen, weshalb ich dort draußen in Romford im Verlauf der Monate einigermaßen genesen bin, ob es die von ihrem Seelenleiden gezeichneten, teils aber auch frohsinnigen Leute waren, in deren Gesellschaft ich mich befand, das ständig gleiche feuchtwarme Klima in den Treibhäusern, der sanfte, die gesamte Atmosphäre erfüllende Moosbodengeruch, die Gradlinigkeit der dem Auge sich darbietenden Muster oder das Stetige der Arbeit selber, das vorsichtige Pikieren und Umtopfen der Setzlinge, das Ausbringen der größer gewordenen Pflanzen, die Versorgung der Frühbeete und das Gießen mit der feinen Rosette, das mir von allen Geschäften das liebste gewesen ist (AUS 334f).

Dem Zusammenbruch, der unmittelbar zur Einlieferung in das St. Clement’s Spital und zur anschließenden Rehabilitation in Romford führte, war bereits zuvor, sozusagen einleitend, ein Schreib- und Sprachzusammenbruch vorausgegangen: Die unendlichen Möglichkeiten der Sprache, der ich mich früher doch getrost überlassen konnte, schrumpften zu einem Sammelsurium der abgeschmacktesten Phrasen zusammen. Keine Wendung im Satz, die sich nicht als eine jämmerliche Krücke erwies, kein Wort, das nicht ausgehöhlt klang und verlogen (AUS 181). Das Motiv, Schreiben führe an den Rand des Wahnsinns, taucht in verschiedener Form an verschiedenen Stellen im Werk Sebalds auf. Das Zusammensein mit Menschen, die endgültig über diesen Rand gefallen sind, übt, ähnlich der Vegetationswelt, eine eigenartige Beruhigung aus auf den „Geistesmenschen“, der für Sebalds Werk nicht weniger bestimmend ist als für dasjenige Bernhards. Auch Selysses findet diese Art der Beruhigung auf einem gemeinsamen Ausflug mit dem geisteskranken Dichter Ernst Herbeck, der optisch dargestellt ist durch eine Photographie, die nicht ihn, sondern Robert Walser in seiner schon überschatteten Phase zeigt (SG 40).

Paul Bereyter verbrachte viel Zeit mit der Gartenarbeit, die er liebte wie vielleicht nichts sonst. Er hatte sich des ziemlich vernachlässigten Gartens angenommen, und tatsächlich war ihm ein wahrhaft einmaliges Verwandlungswerk gelungen. Die jungen Bäume, die Blumen, die Blatt- und Kletterpflanzen, die schattigen Efeubeete, die Rhododendren, die Rosensträucher, die Stauden und Boschen – es war alles am Wachsen, und nirgends gab es eine kahle Stelle mehr. Jeden Nachmittag, wenn das Wetter es zuließ, ist Paul im Garten beschäftigt gewesen, und zwischenhinein ist er lang einfach irgendwo gesessen und hat in das um ihn herum sich vermehrende Grün hineingeschaut (AW 85). Die wohltätige Tageswirkung des Gartens hat er dann aber in den Nächten mit Schreiben konterkariert: Während der Nacht freilich habe Paul sich nicht an die ärztlichen Maßregeln und Vorschriften gehalten, sondern es habe immer bei ihm bis in die frühen Stunden die Lampe gebrannt. Er habe gelesen und gelesen – Altenberg, Trakl, Wittgenstein, Friedell, Hasenclever, Toller, Tucholsky, Klaus Mann, Ossietzky, Benjamin, Koestler und Zweig, in erster Linie also Schriftsteller, die sich das Leben genommen hatten oder nahe daran waren, es zu tun. Seine Exzerpthefte geben einen Begriff davon, wie ungeheuer ihn insbesondre das Leben dieser Autoren interessiert hat. Hunderte von Seiten hat er exzerpiert (AW 85f). – Auch der gleichsam in ein Paradies verwandelte Garten, in dem nirgends es eine kahle Stelle mehr gab, geschweige denn eine Ruderalfläche, kann die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies nicht rückgängig machen, die Nacht siegt, Paul Bereyter läßt sich von einem Zug überrollen.

Austerlitz und Bereyter suchen in der Gartenarbeit Heilung in ihrer Not. Der auferstandene Heiland, dessen Leidensweg im Garten Gethsemane begonnen hatte zeigt sich in der christlichen Bildvorstellung, nachdem er Not und Tod überwunden hatte, als Gärtner, vor ihm kniend Maria Magdalena. Auch Mesdames de Verneuil und Landau, die Gefährtinnen Austerlitz’ und Bereyters, knien in gewisser Weise vor ihren vergeblich das Heil suchenden Schützlingen.

Paradiese

Bei der Beobachtung der Gartenarbeiter sind die Gärten selbst bislang kaum in den Blick geraten. Gartendarstellungen finden sich bei Sebald in nicht geringer Zahl.

In Verona ging ich sogleich, einer alten Gewohnheit gemäß, in den Giardino Giusti. Dort bin ich, während der frühen Nachmittagsstunden, auf einer steinernen Bank unter einer Zeder gelegen. Ich hörte die Luft aus- und einstreichen durch das Astwerk und das feine Geräusch, das der Gärtner machte beim Rechen der Kieswege zwischen den niedrigen Buchsbaumhecken, deren sanfter Geruch selbst jetzt noch im Herbst die Luft erfüllte. Lang war mir nicht mehr so wohl gewesen. Dennoch erhob ich mich schließlich. Beim Hinausgehen aus dem Garten beobachtete ich eine Zeitlang ein weißes türkisches Taubenpaar, das mehrmals hintereinander mit einigen wenigen klatschenden Flügelschlägen steil über die Wipfel sich erhob, eine kleine Ewigkeit stillstand in der blauen Himmelshöhe und dann, vornüberkippend mit einem kaum aus der Kehle dringenden gurgelnden Laut, herabsegelte, ohne sich selbst zu rühren um die schönen Zypressen herum, von denen die eine oder andere vielleicht an die zweihundert Jahre schon gestanden hatte an ihrem Platz. Ihr immerwährendes Grün – es erinnerte mich an die Eiben in den Kirchhöfen der englischen Grafschaft, in der ich wohne. Langsamer noch als die Zypressen wachsen die Eiben. Auf einen Zoll Eibenholz kommen nicht selten über hundert Jahresringe, und es soll Bäume geben, die gut ein Millennium überdauert und anscheinend ganz an das Sterben vergessen haben. Ich trat in den Vorhof hinaus, wusch mir an dem in die efeuüberwachsene Gartenmauer eingelassenen Brunnen, wie ich es beim Hineingehen schon getan hatte, das Gesicht und die Hände, warf einen letzten Blick zurück auf den Garten und erwiderte, indem ich mich dem Ausgang zuwandte, den Gruß der Pförtnerin, die mir aus ihrem dunklen Gehäuse heraus zunickte (RS 80ff).

Sofern der Giardino Giusti eine Annäherung an das Paradies ist, sein Abglanz, und wie sollte man die Stelle anders lesen, so sind zugleich einige unverzichtbare paradiesische Merkmale verdeutlicht. Das Paradies ist weitgehend menschenleer, es fehlt jeder Hinweis darauf, daß sich neben Selysses ein weiterer Besucher im Garten aufhalten würde. Eva sitzt als Empfangsdame im Pförtnerhäuschen. Der Paradiesgarten ist auf Erhalt durch den Menschen angewiesen, das Rechengeräusch des Gärtners ist aber so dezent, als fege nur ein Mönch das Getier beiseite, um es vor den Tritten seiner Füße zu bewahren. Stille ist ein unverzichtbares Merkmal, Stille und zeitliche Begrenzung und Wiederholung ebenso wie Ewigkeit. Selysses sucht den Giardino Giusti gewohnheitsmäßig auf, wenn er sich in Verona aufhält, naturgemäß aber immer nur für eine begrenzte Zeit. Tauben steigen auf, fraglos ein Residuum der christlichen Himmelsorientierung, und halten eine kleine Ewigkeit still im Flug. Die große Hintergrundewigkeit wird gewonnen, indem Selysses sich von den italienischen Zypressen zu den englischen Eiben tragen läßt, deren Lebensspanne jeden menschlichen Maßstab bei weitem übersteigt.

Das zentrale Paradies in Sebalds Werk, Andromeda Lodge, ist in dem Reichtum seiner Gestaltung unmittelbar nur am Rande vom Gartenmotiv geprägt, hinterläßt aber gleichwohl übergreifend den Eindruck eines Geschehens in einem großen, Pflanzen, Tiere und Menschen, land und Wasser umfassenden Weltgarten. In dem vollkommen verwilderten Garten, der rückwärts des Hauses den Hang hinaufging, wuchsen Pflanzen und Stauden, die ich nirgends in Wales gesehen hatte zuvor, Riesenrhabarber und mehr als mannshohe neuseeländische Farne, Wasserkohl und Kamelien, Bambusdickicht und Palmen, und über eine Felswand stürzte ein Bach zu Tal, dessen weißer Staub immer das gefleckte Dämmer unter dem Blätterdach der hohen Bäume durchwehte (AUS 122). Die schönsten Farben seien dort noch zu finden, wo sie keiner sehe, in den submarinen Gärten klaftertief unter der Oberfläche des Meeres. Drunten an den Kreideklippen, wo aus dem Stein durch die Brandung Höhlungen und Becken gebrochen und geschliffen werden seit Jahrmillionen, sei die unendliche Vielzahl des zwischen dem Pflanzlichen, Tierischen und Mineralischen oszillierenden Wachstums zu bewundern, die Zooiden und Korralinen, Seeanemonen, Seefächer und Seefedern, die Blumentierchen und Krustazeen, die in dem zweimal an jedem Tag von der Flut überspülten, von langen Tangwedeln umströmten und dann, beim Absinken des Wassers, wieder ganz dem Licht und der Luft preisgegebenen Felsenkelchen in sämtliche Farben des Spektrums – spangrün, scharlach und rauschrot, schwefliggelb und samtschwarz – ihr wunderbar schillerndes Leben entfaltet hatten (AUS 134). Es gebe keinen Grund, den geringeren Kreaturen ein Seelenleben abzusprechen. Nicht nur wir und die mit unseren Gefühlsregungen seit vielen Jahrtausenden verbundenen Hunde und anderen Haustiere träumten in der Nacht, sondern auch die kleineren Säugetiere, die Mäuse und Maulwürfe, halten sich schlafend, wie man an ihren Augenbewegungen erkennen kann, in einer einzig in ihrem Inneren existierenden Welt auf, und wer weiß, vielleicht träumen auch die Motten oder der Kopfsalat im Garten, wenn er zum Mond heraufblickt in der Nacht (AUS 142). Die menschliche Population im Garten ist beschränkt und schrumpft ideell wieder auf das biblische Paar, in diesem Fall Austerlitz und Adela, und wie damals ist ihr Aufenthalt im Garten wieder nur kurz und überaus flüchtig.

Überforderung und Rückeroberung

Der Giardino Giusti ist vielleicht der einzige Sebaldgarten im paradiesischen Lot, bereits Andromeda Logde ist angekränkelt, die Pracht der Unterwassergärten eigentlich schon Vergangenheit. Typisch für das Werk sind die verwilderten, von der Natur mehr oder weniger zurückeroberten Gärten.

Ein moosiger Weg führte durch tiefe Schatten und schließlich wie auf eine Bühne hinaus auf eine große Terrasse mit steinerner Balustrade, unterhalb derer ein weiter quadratischer Gartenplatz lag, eingefaßt von Blumenbeeten, Buschwerk und Bäumen. Jenseits des Rasens, nach Westen, öffnete sich eine Landschaft, ein Park mit einzelnen stehenden Linden, Ulmen und immergrünen Eichen. Dahinter die sanften Wellen der Äcker und das weiße Wolkengebirge am Horizont. Sprachlos betrachteten wir lange diese in abfallenden und aufsteigenden den Blick in die Ferne ziehende Anlage und glaubten allein zu sein, bis wir in dem Halbschatten, der von einer hohen Zeder in der südwestlichen Ecke des Gartens auf den Rasen gebreitet wurde, eine regungslose Gestalt liegen sahen. Er erhob sich nicht ohne eine gewisse Verlegenheit, er sei nur ein Bewohner des Gartens, a kind of ornamental hermit. Nicht nur der Küchengarten sei nach Jahren der Vernachlässigung am Erliegen, auch die unbeaufsichtigte Natur, er spüre es mehr und mehr, stöhne und sinke in sich zusammen unter dem Gewicht dessen, was ihr aufgeladen werde von uns. Die Verwilderung des einstmals vorbildlichen Gartens habe übrigens den Vorteil, daß das, was wachse in ihm, oder was er hie und da, ohne größere Anstalten, angesät und angepflanzt habe, von einem, wie er meine, außergewöhnlich feinen Geschmack sei (AW 9 ff).

Wie im Giardino Giusti auch hier ein einzelner Mensch liegend in einer Gartenanlage, schlafend gar wie die Jünger in Gethsemane. Das Himmelfahrtsmotiv der Tauben, dem der Giardino Giusti womöglich sein paradiesisches Gleichgewicht verdankt, fehlt im Garten des Eremiten Selwyn. Auf schwere Störungen wird hingewiesen nicht nur des Gartens, der Mensch ist zuviel für die Natur insgesamt. Selwyn hat, indem er sich dem Garten ohne größere Anstalten, wie es heißt, einfügt, ein gewisses Gleichgewicht wieder hergestellt. Während sprachlich eher der Eindruck einer großzügigen und üppigen Wildheit des Gartens erzeugt wird, gehen die Photographien auf den Seiten 12 und 13 erheblich in Richtung Ruderalfläche.

In einem verwilderten Garten lebt naturgemäß auch Sebalds herausragender Eremit, sein seltsamster Heiliger, den die Vögel als heiligen Franz emporheben, wenn er es nicht vorzieht, als heiliger Hieronymus im Erdloch zu hausen: Le Strange hatte gegen Ende der fünfziger Jahre nach und nach seine Landarbeiter, Gärtner und Verwalter entlassen und lebte von da an in dem großen Steinhaus allein mit der Köchin, so daß infolgedessen das ganze Gut, die Gartenanlagen und der Park zusehends verwilderten und zerfielen und die brachliegenden Felder von ihren Rändern herzuwuchsen mit Strauchwerk und Gestrüpp (RS 80f).

Und eine ganze, vaterlose Eremitenfamilie: Jenseits des Blumengartens erstreckte sich bis an den Weltrand, wo die Minarette von Khoranan aufragten, ein gleichmäßig grüner und vollkommen leerer Park. Es war der Park eines am Fuße der Slieve Bloom Mountains in Irland gelegenen Landsitzes. Sehr weit in der Ferne konnte ich das dreistöckige, efeuüberwachsene Gebäude erkennen, in dem die Ashburys wahrscheinlich bis heute ihr abseitiges Leben führen. Von den hohen Fenstern sah man über die Dächer der Stallungen und Remisen und über den Küchengarten hinweg auf ein schönes, vom Winde durchwogtes Stück Weideland. Weiter in der Entfernung blinkte von einer Flusskrümmung her das seitwärts dem tiefen Ufer zuströmende Wasser. Dahinter, in mancherlei Grün, waren Bäume und darüber die schwache, gegen das gleichmäßige Himmelsblau kaum sich abhebende Linie der Berge. Mrs. Ashbury sammelte Blumensamen in Papiertüten, die ich sie in den verwilderten Beeten vorsichtig über die abgestorbenen Blütenköpfe stülpen und mit einem Faden zubinden sah. Dann schnitt sie die Stengel ab, brachte sie ins Haus und hängte sie an eine vielfach zusammengestückelte, kreuz und quer durch die Bibliothek gespannte Leine. In solcher Zahl hingen die weißverhüllten Stengel unter dem Bibliotheksplafond, daß sie eine Art Papierwolke bildeten, in der Mrs. Ashbury, wenn sie auf der Bibliotheksstaffelei stehend, mit dem Aufhängen und Abnehmen der raschelnden Samenbehälter beschäftigt war, wie eine in den Himmel auffahrende Heilige zur Hälfte verschwand (RS 247 ff). – Auf seine Art auch ein Paradies, ein welkes, verblühtes. Das ansonsten als christliche Untermalung des Vogelflugs nur latente Himmelfahrtsmotiv tritt offen zutage und erlaubt einen weiteren Blick auf Sebalds gekapptes Christentum. Die Heiligen sind noch da, fliegen zur Hälfte auf und bleiben stecken, man weiß nicht wohin sie fliegen wollen, nach allem, was man vermuten kann, nirgendhin.

Nach den Eremiten der auftrumpfende Prunk: Der besondere Ruhm von Somerleyton bestand anscheinend darin, daß sich die Übergänge zwischen Interieur und Außenwelt so gut wie unmerklich vollzogen. Salons wechselten ab mit Wintergärten, luftige Foyers mit Veranden. Es gab Korridore, die in einer Farngrotte mit immerzu plätschernden Brunnen zusammentrafen, überlaubte Gartengänge, die sich kreuzten unter der Kuppel einer phantastischen Moschee. Versenkbare Fenster öffneten den Raum nach draußen, während inwendig auf den Spiegelwänden die Landschaft erschien. Palmenhäuser und Orangerien, der einem grünsamten Tuch gleichende Rasen, die Bespannung der Billardtische, die Bouquets in den Morgen- und Ruhezimmern und in den Majolikavasen auf der Terrasse, die Paradiesvögel und Goldfasane auf den Seidentapeten, die Stieglitze in den Volieren und die Nachtigallen im Garten, die Teppicharabesken und die von Buchsbaumhecken eingefaßten Blumenparterres, alles das changierte in einer Weise, daß die Illusion einer vollkommenen Harmonie hervorgerufen wurde zwischen natürlichem Wachstum und Fabrikation (RS 46).

Sebald hat kein kleinliches Verhältnis zu Luxus und Reichtum, er ist auf der Höhe des Themas. In der Darstellung von Glanz und Morbidität, in der Faszination durch die Belle Epoque steht er Proust nicht nach. Das hindert nicht, daß wir es bei der Darstellung des Versuchs, die Welt als Garten zu einem Teil der menschlichen Behausung zu machen, mit einer Hybris zu tun haben, einem Gartenbau zu Babel. Der Umschwung, die Selbstbefreiung der kommt dann auch schon bald, nur wenige Seiten weiter: Im Gegensatz zu dem allmählich verdämmernden Haus waren die Anlagen, die es umgaben, jetzt, ein Jahrhundert nach der Glanzzeit von Somerleyton, auf dem Höhepunkt ihrer Evolution. Zwar mochten die Rabatten und Beete einst farbenprächtiger und besser gepflegt gewesen sein, aber dafür füllten die Bäume nun den Luftraum über dem Garten aus, und die von den damaligen Besuchern bereits bewunderten Zedern, von denen einige ihr Astwerk über nahezu einen Viertelmorgen ausbreiteten, waren inzwischen ganze Welten für sich Es gab Sequoien, die höher als sechzig Meter hinaufragten, und seltene Sykomoren, deren äußerste Zweige sich niedergesenkt hatten auf den Rasen und die dort, wo sie die Erde berührten, festgewachsen waren, um von neuem aufzustreben in einem vollkommenen Kreis. Man konnte sich leicht vorstellen, daß diese Platanenarten sich über das Land ausbreiteten wie konzentrische Kreise auf dem Wasser und daß sie, indem sie solchermaßen ihr Umfeld eroberten, nach und nach schwächer wurden, in sich selbst verwuchsen und von innen her abstarben. Manche der helleren Bäume schwebten wolkengleich über dem Park. Andere waren von einem tiefen, undurchdringlichen Grün. Terrassenförmig stiegen die Kronen über einander, und wenn man die Sehschärfe der Augen nur ein wenig verstellte, dann war es, als schaute man in ein von riesigen Wäldern überzogenes Gebirge hinein (RS 50 f). – Der frevelhafte menschliche Übermut ist von der Natur mit großartigem Gestus zurückgewiesen und umgedreht, das Haus, das sich Garten und Natur zueigen machen wollte, ist nurmehr noch ein Fragment der Natur, die Bäume haben das metaphysische Moment des Auffliegens an sich genommen und uns als Strafe für unsere Arroganz den Himmel genommen. Offenbar war das ihre vordringliche Aufgabe, nach deren Erledigung sie im wiedergewonnenen Frieden von innen her absterben können.

Delirien der Macht und Gewalt

Die Truppen der Alliierten stießen zu Anfang des Monats Oktober anscheinend zufällig auf den nahe bei Peking gelegenen, mit einer Unzahl von Palästen, Pavillons, Lauben, Tempeln und Turmbauten bestückten Zaubergarten Yuan Ming Yuan, wo an den Abhängen künstlicher Berge zwischen Böschungen und lichten Gehölzen Hirsche mit fabelhaften Geweihen weideten und die ganze unbegreifliche Pracht der Natur und der von Menschenhand in sie eingebetteten Wunder sich spiegelten in den dunklen, von keinem Lufthauch bewegten Gewässern. Das der militärischen Disziplin und überhaupt jeder Vernunft spottende furchtbare Zerstörungswerk, das im Verlauf der folgenden Tage in der legendären Gartenlandschaft vollbracht wurde, ist nur teilweise begreifbar als eine Folge der Wut über die immer weiter sich verschleppende Entscheidung. Mit unglaublicher Geschwindigkeit gingen die zumeist aus Zedernholz gebauten Tempel, Solitüden und Eremitagen nacheinander in Flammen auf und verbreitete sich krachend und springend das Feuer durch das grüne Gebüsch und die Wälder. Bis auf ein paar steinerne Brücken und Marmorpagoden war bald alles zerstört. Lange noch hingen Rauchfahnen über die ganze Umgebung und eine große Aschenwolke, die die Sonne verdeckte, wurde vom Westwind nach Peking getragen, wo sie nach einiger Zeit sich niedersenkte auf die Häupter und Behausungen der, wie sie wähnten, von einer Strafe des Himmels heimgesuchten Bewohnern (RS 173 ff).

Schon Kafka hatte sich auf der Suche nach dem, was er sagen mußte, auch wenn es nicht zu sagen ist, nach China tragen lassen. Eins ist sicher die Faszination der Verbindung von absoluter Macht und absoluter Machtlosigkeit, Der Bote rennt los wie besessen, um dir, dem treuen Untertanen am Rande des Reiches die Botschaft des Kaisers zu überbringen, und er wird bei all seinem Eifer nicht einmal den äußeren Rand des Palastes erreichen. Auch bei Sebald ist es die in Todesstarre und völlige Wehrlosigkeit übergegangene äußerste Macht. Ihr heller Abglanz, der Garten, der in seiner Pracht und seinem Raffinement alles in Europa Denkbare bei weitem übersteigt wird Opfer einer barbarischen Tat und einer der weltvernichtenden Feuersbrünste, wie sie in Sebalds Werk die Menschheit nicht selten heimsuchen: Je ostentativer aber die Mittel wurden zur Demonstration ihrer Autorität, desto mehr wucherte in ihr die Angst vor dem Verlust der Allgewalt, die sie mit so viel Umsicht an sich gebracht hatte. Schlaflos wanderte sie in der Nacht in der bizarren Schattenlandschaft des Palastgartens herum zwischen künstlichen Felsengebirgen, Farngründen und dunklen Thujen und Zypressen. Die winzigen Figuren der Gärtner in den Lilienfeldern dienten ihr nicht zur Erinnerung an die Naturbewegtheit des Menschen, sondern waren vielmehr, wie Fliegen in einem Glas überwältigt von der Willkür des Todes RS 180 f).



Bereits die Betrachtung nur einiger weniger Gartenansichten und noch nicht einmal der zahlreichen Landschaftsdarstellungen, der Wälder und Felder, zeigt, daß Ruderalflächen in Sebalds Texten keineswegs dominant sind, dominant ist vielmehr die unbegreifliche Pracht der Natur, die ihrerseits von der Üppigkeit der Prosa rückverstärkt wird. Die Prosa stößt auf die Gegenmelodie der zweiten Erzählschicht in den Bildern, die die Präsenz von Ödnis und Leere betont. Selwyns Garten wirkt abgelichtet grauer, als wie wir ihn uns vorgestellt hatten. Keine Bilder gibt es von den brandroten Lärchenständen, die an den Seiten der Berge leuchteten (SG 192) und natürlich auch nicht von den Unterwassergärten bei Andromeda Lodge, die der Text in einen wahren Farbtaumel taucht. Gäbe es ein Photo, so wäre es grau und überflüssig, einen mit farbigen Hochglanzbildern bestückten Austerlitz kann man sich bis auf weiteres nicht gut vorstellen.

Das alles ist kein Versuch, den Stellenwert der Ruderalflächen zu leugnen oder herabzuspielen. Ruderalflächen sind vielfach präsent und haben eine hohe Bedeutung, die des Ausgangs und des Endes unseres zeitlichen Lebensraums. Sebalds Prosa steht unter der Prämisse einer Welt, die ohne Menschen ausgekommen ist und auch wieder ohne den Menschen auskommen wird. Das wird deutlich bereits im Prosagedicht Nach der Natur und dann immer wieder in den zahlreichen Vernichtungsvisionen, die das Werk durchziehen. Die Ödflächen sind ein Vorgriff auf den erwarteten Zustand. Das Motiv einer menschenleeren Welt ist nichts besonderes, Blumenberg etwa leitet eines seiner großen Bücher mit einem knappen Hinweis auf die triviale Einsicht der zeitlichen Begrenztheit der Gattungsexistenz ein. Trivial heißt aber wiederum nicht, man könne die Einsicht aus dem Gedächtnis streichen. Die exponierte Stellung, die Blumenberg ihr verleiht, ist vielmehr eine Aufforderung, sie wie den Gedanken an den eigenen Tod ständig bei allem Denken mit sich zu tragen. Bei Sebald scheint zusätzlich das Motiv der möglichen Selbstbeteiligung am Untergang durch, auch das nichts besonderes. Luhmann, dem jede Form von Alarmismus fremd war, hielt gleichwohl die selbsterzeugten Gefährdungspotentiale für so vielfältig, daß es lohne über die wahrscheinlichste konkrete der Auslöschung nachzudenken. Als seinen Favoriten nennt er eine Viruspandemie. John Postgate geht noch einen Schritt weiter, in seinem Buch The Outer Reaches of Life freut er sich erkennbar schon auf den Tag, an dem die Mikroben wieder das alleinige Sagen haben.

Das sind einzelne Stimmen, insgesamt ist der Gedanke an das große Ende eher unbeliebt und gilt wohl auch als undemokratisch, denn in der Tat wird es bei der Auslöschung oder dem Vergehen der Gattung nicht ohne Einschränkungen der Würde auch des Einzelnen und damit des gleichsam sakralen Kerns unserer Lebensweise abgehen. Seitdem das Jüngste Gericht abgeschafft und durch ein pausenloses und allgegenwärtiges Rechten ersetzt wurde, kann die Gemeinschaft auch mit dem leeren Jüngsten Tag nichts mehr anfangen. Er wird gleichwohl kommen. Sebald ist wie Kafka oder Bernhard kein Dichter des Zeitgeschehens oder gar der Alltagssorgen. Diese Einsicht, der man sich bei Kafka nicht entziehen kann und bei Bernhard nur schwer, läßt sich bei Sebald vermeiden, wenn man sich an Themen wie Holocaust, Luftkrieg und andere dieser Art klammert, an denen es nicht fehlt. So mächtig diese Themen sind, es sind nicht die letzten Themen des Dichters.

Czesław Miłosz hat im hohen Alter, nicht lange vor seinem Tod geäußert: Es ist sehr schwierig, die Antwort Gottes auf Hiob zu begreifen. Die Antwort ist die von Gott geschaffene Herrlichkeit. Er zählt die Tiere und Geschöpfe auf, und vielleicht ist das wirklich eine annehmbare, gültige Antwort. Kehrt man die Frage um: Wie kann man die Schönheit der Welt, die ganze unbegreifliche Pracht der Natur und der von Menschenhand in sie eingebetteten Wunder, akzeptieren angesichts von Elend und Tod, so hat man vielleicht die eigentliche melancholische Frage gestellt, auf die die Antwort nicht weniger schwierig ist als die Antwort Gottes an Hiob, eine Antwort, die der Mensch allenfalls im Wege der Kunst geben kann und die nie endgültig zu verstehen ist. Eher ist es eine derart intensive Form der Fragestellung, daß das Bedürfnis nach Antwort für eine kleine Ewigkeit zur Ruhe kommt. Sebalds Werk zählt zu den gelungensten Versuchen bislang.

Mittwoch, 11. Februar 2009

Heimkehr


Il Ritorno in Patria

L’aspettato non giunge e pur fuggono gli anni

Il Ritorno d’Ulisse in Patria hat Claudio Monteverdi seine Vertonung der Odyssee genannt, Il Ritorno in Patria ist der Titel der vierten und letzten Erzählung in Sebalds Schwindel.Gefühlen, il Ritorno di Selisse in Patria. Mit der Bearbeitung des Themas Heimkehr wäre der bislang in den kleinen Sebaldstücken überwiegend verfolgte Ansatz, von kleinen Randthemen aus eher nur verstohlene Blicke zum Zentralen hin zu wagen, sicherlich aufgegeben, denn nicht nur Selysses in den Schwindel.Gefühlen kehrt heim, auch Austerlitz ist ein Heimkehrer, die Ausgewanderten kehren auf die eine oder andere Art heim und auch nicht wenige der Figuren unter den Ringen des Saturn. Der Glaube an die Angemessenheit der Unterscheidung von Haupt- und Nebenthemen hat allerdings im Verlaufe der Untersuchungen fortwährend abgenommen zugunsten der Überzeugung, Sebald habe das Pisanello zu Recht oder zu Unrecht abgelesene Programm in jedem Fall selbst umgesetzt, daß nämlich allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Blatt und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird (SG 84). Dieselbe Daseinsberechtigung: nimmt man das so ernst, wie es ernst zu nehmen ist, so würde nicht nur die Unterscheidung von Haupt- und Nebenthemen hinfällig, sondern auch die verstohlene Blicke zur Mitte hin, da es eine Mitte nicht gibt. Austerlitz wäre so sehr und so wenig ein Buch über den Holocaust wie die Ringe des Saturn ein Buch über die Seidenraupe. Für uns alle hat das Verständnis des Holocausts eine ungleiche höhere Bedeutung als das der Seidenraupen oder der Motten, Sebald hätte so wenig widersprochen wie irgendjemand sonst, seine Prosa aber ist, wie schon an anderer Stelle erfahren, Sprache in einem Ausnahmezustand, der die üblichen Hierarchien unkenntlich macht. In jedem Fall müssen alle Versuche der Offenlegung eines dominierenden monothematischen Kerns in Sebalds Werk scheitern.

Auch wenn der Titel Il Ritorno in Patria offen auf das Odysseusthema anspricht, so gibt es in Sebalds Werk naturgemäß keine Heimkehr nach Art des Odysseus, keine Wiederinbesitznahme der Heimat unter den Zeichen Rache und blutiger Verheerung. Die Thematik hat sich in vielen Fällen verschoben hin zu einem vaterlosen Telemach, der bei der Rückkehr des Heimatgeländes allenthalben auf die Spuren der blutigen Verheerung durch die Väter stößt. Auch sind Heimat und Fremde nicht klar unterscheidbar und vertauschen leicht ihre Plätze. In der Fremde erlebt Austerlitz-Selysses im Inneren eines flüchtigen Augenblicks das heimatliche und friedvolle Zusammenleben mit Penelope: Die Inhaberin des Antiquariats, Penelope Peacefull, eine sehr schöne, von mir seit vielen Jahren bewunderte Dame, saß, wie es stets ihre Gewohnheit gewesen war in den Morgenstunden, leicht seitwärts an ihrem mit Papiersachen und Büchern befrachteten Schreibsekretär und löste linkshändig das Kreuzworträtsel auf der letzen Seite des Telegraph. Ab und zu lächelte sie zu mir herüber, dann wieder blickte sie tief in Gedanken auf die Gasse hinaus. (AUS 207) Die beiden, Penelope und Selysses, gehen in einer Atmosphäre tiefer Vertrautheit, aufgehoben in der liebevollen Nähe des anderen still ihrer jeweiligen Beschäftigung nach. Dann und wann geht der Blick auf die Gasse hinaus, offenbar, wenn schon nicht Ithaka so doch eher Delft als London, ein Interieur a la Vermeer oder de Hoch.

Die Heimat, Prag, ist demgegenüber die völlige Fremde. Eine Unebenheit im Pflaster und damit eine Reverenz an Proust leitet die Erinnerung ein: Und vollends wie ich, Schritt für Schritt bergan steigend, die unebenen Pflastersteine der Šporkova unter meinen Füßen spürte, war es mir, als sei ich auf diesen Wegen schon einmal gegangen, als eröffnete sich mir, nicht durch die Anstrengung des Nachdenkens, sondern durch meine so lange betäubt gewesenen und jetzt wiedererwachenden Sinne, die Erinnerung (AUS 220).

Es mochte eine Stunde verstrichen sein, bis ich endlich im obersten Stock an der rechtsseitigen Wohnung läutete, und dann eine halbe Ewigkeit, wie es mir vorkam, bis ich drinnen etwas sich rühren hörte und die Tür aufgemacht wurde (AUS 223).Das große, gänzlich unglaubliche Wunder, die Eltern würden öffnen, geschieht nicht, das kaum geringere schon: Die Tür wurde aufgemacht, und Věra Ryšanová stand mit gegenüber. Věra Ryšanová hatte seinerzeit an der Prager Universität Romanistik studiert, war Jacquot Austerlitz’ Kinderfrau, fast schon Zweitmutter gewesen und wird jetzt gleichsam zur Hebamme bei Austerlitz’ zweiter Geburt.

Wie durch ein Wunder wird die Muttersprache zurückgewonnen, das Tschechische, von dem keine Spur mehr vorhanden schien: Jeden, dvě, tři, zählte Věra, und ich, sagte Austerlitz, zählte weiter, čtyři, pět, šest, sedm (AUS 234). Skurrile, gutmütige Gestalten tauchen auf aus der Vergangenheit, einfache Leute, deren Platz in dieser Welt noch nie jemand so selbstverständlich und großartig hat reklamieren können wie Sebald. Zwar bilden sie in gewisser Weise einen Hintergrund für die eigentlichen Sebaldhelden und dokumentieren die Wirklichkeit der Heimat, die diese suchen, zugleich aber manifestiert sich an ihnen die Pisanellodoktrin der durch nichts geschmälerten Daseinsberechtigung, so am Schneider Moravec: Am wichtigsten aber sei es gewesen, den Augenblick nicht zu versäumen, da Moravec die Nadel und den Faden, die große Schere und sein sonstiges Handwerkszeug weglegte, den mit Filz überzogenen Arbeitstisch abräumte, ein doppeltes Zeitungsblatt auf ihm ausbreitete und auf diesem Zeitungsblatt das Nachtessen, auf das er gewiß die längste Zeit sich schon gefreut hatte und das abwechslungsweise und je nach der Saison aus etwas Weichkäse mit Schnittlauch, ein paar Tomaten mit Zwiebeln, einem geräucherten Hering oder aus gesottenen Kartoffeln bestand (AUS 228); und an der Tante Otýlie, die ein alleinstehendes Fräulein gewesen ist von einer beängstigend zierlichen Statur. Sie trug stets ein schwarzseidenes plissiertes Überkleid mit einem abnehmbaren Kragen aus weißer Spitze und bewegte sich in einer kleinen Wolke aus Maiglöckchenduft (AUS 233).

Die Suche nach der Mutter führt Austerlitz nach Theresienstadt, aber wenn er eine wahrnehmbare Spur von ihr finden sollte, so ist es ein Gesicht in einem alten Film, das für einen Sekundenteil im Bildhintergrund auftaucht. Die Suche nach dem Vater führt Austerlitz nach Paris und von dort aus weiter: Als ich mich kurz vor meiner Abreise aus Paris mit Austerlitz noch einmal zum Morgenkaffee am Boulevard Auguste Blanqui traf, sagte er mir, daß er tags zuvor eine Nachricht erhalten habe, derzufolge Maximilian Aychenwald Ende 1942 in dem Lager Gurs interniert gewesen sei, und daß er, Austerlitz, diesen weit drunten im Süden in den Vorbergen der Pyrenäen gelegenen Ort nun aufsuchen müsse (AUS 409f). Ich weiß nicht, was das alles bedeutet, und ich werde also weitersuchen nach meinem Vater und auch nach Marie de Verneuil. Offenbar hofft Austerlitz am Ende seiner Suche nach Kindheit und Heimat genug von sich selbst gefunden zu haben, um Marie nicht mehr nur als ein Schatten, sondern als er selbst begegnen zu können. Die Konstellation Austerlitz / Marie de Verneuil ist allerdings derjenigen Bereyter / Mme Landau (s.u.) derart ähnlich, daß der Ausgang vorgezeichnet scheint. Wir werden es nicht erfahren, denn an dieser Stelle verläßt Austerlitz das Buch, und wir verlieren ihn auf immer aus den Augen.

Ganz anders il ritorno di Selisse in patria. Selysses muß nicht investigativ nach der Heimat forschen, sie ist ihm wohlvertraut, aber er hat sie seit langem gemieden. Der auf die Initiale W(ertach) geschrumpfte Heimatort ist nicht Ziel einer Reise, der Reise, wie man im Falle des Austerlitz sagen muß, er wird sozusagen im Vorbeifahren aufgesucht: In einem weit oberhalb von Bruneck , am Ende der Vegetation gelegenen Hotel faßte ich eines nachmittags, als der Großvenediger auf eine besonders geheimnisvolle Weise aus einer grauen Schneewolke auftauchte, den Entschluß, nach England zurückzukehren, zuvor aber noch auf eine gewisse Zeit nach W. zu fahren, wo ich seit meiner Kindheit nicht mehr gewesen war (SG 187). Von einer Suche nach den Eltern kann nicht die Rede sein, sie werden vielmehr in ihrer Wohnzimmereinrichtung versteckt: Die Anschaffung einer standesgemäßen Wohnzimmereinrichtung, die nach einer ungeschriebenen Vorschrift akkurat den Geschmacksvorstellungen des für die damals sich formierende klassenlose Gesellschaft repräsentativen Durchschnittspaars entsprach, hatte für die Eltern nach einer in mancher Hinsicht nicht leichten Jugend wahrscheinlich den Augenblick markiert, in dem es ihnen vorkam, als gäbe es doch eine höhere Gerechtigkeit. Dieses Wohnzimmer bestand also aus einem massiven Wohnzimmerschrank, in welchem die Tischdecken, die Servietten und das silberne Besteck aufbewahrt wurden. Vermerkt werden muß außerdem noch, daß im Aufsatz des Schranks nebst dem chinesischen Teeservice eine Reihe in Leinen gebundener dramatischer Schriften ihren Platz hatten, und zwar diejenigen Shakespeares, Schillers, Hebbels und Sudermanns. Es waren dies wohlfeile Ausgaben des Volksbühnenverbands, die der Vater, der gar nie auf den Gedanken gekommen wäre, ins Theater zu gehen, und noch viel weniger auf den, ein Theaterstück zu lesen, in einer Anwandlung von Kulturbewußtsein eines Tages einem Reisevertreter abgekauft hatte (SG 210ff). Selysses selbst verwandelt sich in seinen Großvater: Er hatte mich, wie der Lukas mir sogleich sagte, mehrfach aus dem Engelwirt herauskommen sehen, aber nicht gewußt, wo er mich hintun sollte. Wenn er es sich jetzt recht überlege, sei es natürlich nicht das Kind gewesen, an das er sich erinnert habe, sondern der Großvater, der denselben Gang gehabt habe wie ich und beim Herauskommen aus seiner Haustür gerade so wie ich zuerst stehengeblieben sei, um nach dem Wetter zu schauen (SG 229f). Deutlicher als der heimgekehrte Selysses gerät das Kind, gleichsam Selysses als Telemach, in das Blickfeld, aber auch Telemach sieht man überwiegend nur auf Gängen durch das Dorf, allein oder an der Hand des Großvaters, als Bindeglied im Panoptikum der Dorfbewohner, die, wie der Schneider Moravec und die Tante Otýlie in Prag, für uns unvergeßlich bleiben werden: der einbeinigen Engelwirtpächter Sallaba und seine Frau, die Engelwirtin Rosina Zobel, die Ambrosersippe, die Tanten Babett und Bina, der Jäger Hans Schlag und die schöne Ramona, die Mediziner Piazolo und Rambousek. Telemach selbst tritt ein wenig deutlicher hervor in seinen Frühbegegnungen mit den verschiedenen Sparten der Kunst.

Nahezu einen Monat lang, bis Anfang Dezember, hatte ich mich in W. aufgehalten, tags darauf saß ich, W. schon unendlich weit hinter mir, im Expreß nach Hoek van Holland und fuhr durch das mir von jeher unbegreifliche, bis in den letzten Winkel aufgeräumte und begradigte deutsche Land (SG 275f).

Selysses war lediglich heimgekehrt, um endgültig zu verschwinden und seinen wahren Platz zu finden, als Person sozusagen ausgehöhlt und an den äußeren Rand der Welt gedrückt, um von dort aus zurückzukehren als allgegenwärtige Stimme, als Stil, als Syntax, als Prosa in alemannisch-deutscher Sprache. Das ist das Geschenk der Heimat an den Dichter. Tatsächlich hat Sebald einen zweiten Ritorno di Selisse in Patria geschrieben, als er zusammen mit seinen engsten alemannischen Freunden Logis in einem Landhaus genommen hatte. Die in der angelsächsischen Rezeption oft spürbare leichte Verwunderung und Irritation darüber, daß Sebald nicht den Weg Conrads und Nabokows gegangen und ein englischsprachiger Autor geworden ist, beruht erkennbar auf einem Mißverständnis.

Paul Bereyter, die zweite Erzählung im Band Die Ausgewanderten, ist zum einen eine Fortsetzung der Erzählung Il Ritorno in Patria aus den Schwindel.Gefühlen, insofern als Telemach-Selysses nach seinem Umzug aus W(ertach) nach S(onthofen) im Jahre 1952 ebendort beim jüdischen Lehrer Bereyter in die Schule gegangen ist, und zum anderen eine Art Vorentwurf zum Austerlitzbuch, von dem die Erzählung jedenfalls mehr vorwegnimmt als das geschehen ist durch die Lebensgeschichte der Susi Bechhöfer, die sich bekanntlich beklagt hat, Sebald habe ihr mit Austerlitz eben diese ihre Lebensgeschichte gestohlen.

Zunächst scheint es, Paul Bereyter sei nicht als Heinkehrer zu behandeln, der ja zunächst fortgegangen sein muß, um heimkehren zu können, denn es wird angegeben, er habe mit gewissen Unterbrechungen stets in S. und unter der Bevölkerung von S. gelebt (AW 43). Es zeigt sich aber, daß die gewissen Unterbrechungen in der Summe letztendlich eine stattliche Anzahl von Jahren ergeben. Die Jahre 1935 bis 1939 hat Bereyter als Hauslehrer in Frankreich verbracht, von 1939 bis 1945 war er Soldat an den verschiedenen Fronten und von 1972 bis 1984, dem Jahre seines Todes durch Selbstmord auf den Schienen, war er bei Mme. Landau in Yverdon in der Schweiz. Hier habe Paul eine Beweislast zusammengetragen, deren im Verlauf der Prozeßführung zunehmendes Gewicht ihn endgültig zu der Überzeugung brachte, daß er zu den Exilierten und nicht nach S. gehörte (AW 87f).

Mme. Landau, der in der Erzählung die Deutung Bereyters überlassen bleibt, soweit Deutung überhaupt möglich ist, hält die Rückkehr Pauls nach Deutschland im Jahr 1939 wie auch die Rückkehr nach S. bei Kriegsende und seine Wiederaufnahme des Lehrerberufes ebendort, wo man ihm zuvor die Tür gewiesen hatte, für Aberrationen (AW 83). Natürlich war er aber einfach zum Unterrichten von Kindern geboren gewesen - ein echter Melammed, der aus einem Nichts heraus die schönsten Schulstunden halten konnte. Was aber den Paul 1939 und 1945 vor allem anderen zur Rückkehr bewegte, wenn nicht gar zwang, das war die Tatsache, daß er von Grund auf ein Deutscher gewesen ist, gebunden an dieses heimatliche Voralpenland und an dieses elende S., das er eigentlich haßte und in seinem Innersten samt seinen ihm in tiefster Seele zuwideren Einwohnern am liebsten zerstört und zermahlen hätte. (AW 84). – Wollte man psychologisieren, so könnte man natürlich auf den Einfall kommen, Sebald habe in der Gestalt des Paul Bereyter sein eigenes Dilemma gebannt, um sich dann den Abschied von W. so leicht zu ermöglichen, wie in Il Ritorno in Patria vorgeführt – freilich, wie bereits hervorgehoben, mit der Sprache des heimatlichen Voralpenlandes im Gepäck.

Unterschiedliche Motive tauchen auf hinter dem Tode Paul Bereyters auf den Bahngleisen, so die einsetzende Erblindung, auch wenn er selbst diese Erklärung zurückweist und von einer anderen Welt spricht, in die er im Begriff sei einzutreten, zwar enger als die bisherige, von der er sich aber doch ein gewisses Gefühl des Komforts verspreche (AW 88). Letztlich sind es die Traumatisierungen als Jude in der Nazizeit und auch weiterhin in der Nachkriegszeit, die ihm die Heimat und mit ihr die Welt verleidet haben.

Schon in der Kindheit hatte sich bei Paul Bereyter eine Eisenbahnmanie eingestellt und einen Onkel zu der Bemerkung veranlaßt, er werde noch einmal bei der Eisenbahn enden. Der makabre posthume Sinn dieser Prophezeiung wird Mme. Landau zu einem sinistren Zeichen: Wahrscheinlich weil ich den Ausdruck bei der Eisenbahn enden in der von dem Onkel gemeinten landläufigen Bedeutung nicht sogleich begriff, hatte er auf mich die dunkle Wirkung eines Orakelspruchs. Die von meinem momentanen Fehlverständnis ausgelöste Beunruhigung - heute ist es mir manchmal, als hätte ich damals wirklich ein Todesbild gesehen – war aber nur von der kürzesten Dauer und ging über mich hinweg wie der Schatten eines Vogels im Flug (AW 92f). Zum Schluß eines dieser schön auffliegenden Bilder, das fast über jedem Prosagrund zu schön wäre, von einer provokanten Schönheit geradezu, die sich aber von den aus den dichten Erzählmustern Sebalds aufsteigenden Geistern tragen lassen kann. Das Bild zeigt uns, was Literatur kann: Ahnungen erzeugen, und was sie nicht kann und auch nicht versuchen sollte: erklären.

Von den verschiedenen Heimkehrern in den Ringen des Saturn soll uns nur der Major Georges Wyndham Le Strange beschäftigen. Le Strange hatte während des Letzten Krieges in dem Panzerabwehrregiment gedient, das am 14. April 1945 das Lager von Bergen Belsen befreite, sei aber unmittelbar nach dem Waffenstillstand, aus Deutschland zurückgekehrt, um die Verwaltung der Güter seines Großonkels in der Grafschaft Suffolk zu übernehmen (RS 77f). Le Strange kehrt in die Heimat zurück und bleibt dort für immer. Mit seiner Hausfrau Penelope, die auf den Namen Florence hört, lebt er unter sehr spezifischen Regeln zusammen. Dem Zeitungsbericht zufolge hatte Le Strange diese Haushälterin, eine einfache junge Frau aus dem Landstädtchen Beccles, eingestellt unter der ausdrücklichen Bedingung, daß sie die von ihr zubereiteten Mahlzeiten mit ihm gemeinsam, aber unter Wahrung absoluten Stillschweigens einnehme (RS 80). Ein Freiergesindel gilt es nicht zu vertreiben, aber das Hausgesinde wird entlassen: Nachforschungen haben ergeben, daß Le Strange gegen Ende der fünfziger Jahre nach und nach sein Hauspersonal ebenso wie seine Landarbeiter, Gärtner und Verwalter entlassen hatte, daß er von da an in dem großen Steinhaus allein mit der schweigsamen Köchin aus Beccles lebte und daß infolgedessen das ganze Gut, die Gartenanlagen und der Park zusehends verwilderten und zerfielen (RS 80f). Le Strange, schon vom Namen her seltsam und wunderlich, wird zunehmend zu einem seltsamen Heiligen im engeren Wortsinn, zum Heiligen Franz: Le Strange, der immer schon einen zahmen Hahn auf seinem Zimmer gehalten hatte, sei nachmals ständig umschwärmt gewesen von allem möglichen Federvieh, von Perlhühnern, Fasanen, Tauben und Wachteln, die teils am Boden um ihn herliefen, teils in der Luft ihn umflogen (RS 82) – und zum Heiligen Hieronymus: Einmal im Sommer habe Le Strange in seinem Garten eine Höhle ausgehoben, in der er dann tage- und nächtelang gesessen habe gleich dem heiligen Hieronymus in der Wüste (RS 82f).

Sebald dürfte mit der Religiosität Paul Bereyters im wesentlichen auch die eigene umrissen haben: Dem Paul, von dem das Gerücht ging, daß er gottgläubig sei, war offenbar nichts derart zuwider wie die katholische Salbaderei (AW 83). Völlig außer Frage steht, daß die Pisanellodoktrin der uneingeschränkten Daseinsberechtigung für Sebald auch und zwar in besonderem Maße für die Vergangenheit gilt, für die Toten nicht weniger als für die Lebenden. Tendenzen, die das zeitgenössische Theater dominieren, die Vergangenheit zur bloßen Staffage der Gegenwart zu machen und alte Stücke zum Nutzen der Lebenden herzurichten und umzurüsten, stoßen beim Dichter nur auf Zurückweisung und Hohn: Im Zuge der sogenannten Wiedergutmachung ist man bei einer Bregenzer Nabucco-Inszenierung Mitte der neunziger Jahre auf den Gedanken gekommen, aus den Sklaven richtige Juden in Zebraanzügen zu machen. Ich habe, was mich heute noch reut, teilgenommen an einer Veranstaltung des Festspielrahmenprogramms und bin, bis die letzten Besucher in den Eingängen verschwunden waren, unschlüssig auf dem Vorplatz herumgestanden, unschlüssig, weil es mir mit jedem vergehenden Jahr unmöglicher wird, mich unter ein Publikum zu mischen; unschlüssig, weil ich den Chor der verkleideten KZ-Häftlinge nicht sehen wollte (CS 237).

Wenn Sebald Heilige bemüht, dann mit allem Ernst und mit ihrer authentischen Stimme, auch wenn diese inzwischen ins Leere geht. Der heilige Le Strange hat das Wissen seiner heiligen Vorgänger bewahrt, diese Welt kann nicht unsere Heimat sein oder sie kann es nur dann sein, wenn wir nicht von dieser Welt sind. Die Heiligen müssen weiter sprechen, da es keinen Ersatz gibt für ihre Stimme und weil ihre Stimme unverzichtbar ist, wenn nicht die pausenlosen uns von allen Seiten umstellenden heftigen Bemühungen einer Abrichtung auf gnadenlose Immanenz rundum erfolgreich sein sollen. Die von der Gegenwart unbarmherzig abgeschnittene und um ihre Gehalte gebrachte Vergangenheit gegen die Gegenwart zu richten, darin liegt Sebalds besondere Widerständigkeit.

Sebald negiert den Begriff der Heimat nicht in modischer Weise, bestätigt ihn aber auch nicht traditionalistisch. Heimat ist nur möglich in der Evokation der Heimat, die wir als Kind erlebt haben, sei es in Prag oder in W. Das Geschenk der Heimat an den Dichter ist die Sprache. Für die vier hier exemplarisch vorgeführten Heimkehrer führt die Heimkehr, der Ritorno in Patria, auf die eine oder andere Weise zum Verschwinden. Selysses verschwindet in die Worte, Paul Bereyter in den Tod, Austerlitz aus dem Buch und unserem Blickfeld und Le Strange in die ganz andere Welt der Heiligen.

Dienstag, 10. Februar 2009

Winfried

Traumatisiert außer Haus


Michael Braun hat am 21.10.08 im Saarländischen Rundfunk auf einen, wie er sich ausdrückt, brisanten Aufsatz von Thomas Medicus in der Zeitschrift Mittelweg 36 hingewiesen, in dem eine psychoanalytische Fixierung des Schriftstellers W.G. Sebald bloßgelegt worden sei. Die Wehrmachtsvergangenheit des Vaters sei beim Sohn mit dem germanischen Namen Winfried in Selbsthaß umgeschlagen, dieser wiederum habe dann zu einer heillosen Geschichtsphilosophie geführt. Wenn nicht alle Zeichen trügen, so Braun, könnte sich an diesen Thesen erstmals eine ernsthafte Debatte über den ästhetischen Rang des bislang unantastbaren Autors W.G. Sebald entzünden. - Was damit im einzelnen gemeint ist, bleibt unklar, aber es klingt durchaus drohend. Jemand, bei dem es psychoanalytisch etwas zu entdecken gibt, ist wohl in jedem Fall ein wenig hinterfür und daher notwendig auch herabzustufen in seinem ästhetischen Rang, dessen - im Falle Sebalds immer wieder gern angetastete - Unantastbarkeit Braun, so kann man mutmaßen, seit längerem schon ein Dorn im Auge ist.

Erschienen ist der Aufsatz nicht in einer Literaturzeitschrift, sondern in einer Zeitschrift für Sozialforschung. Nur das berechtigt den Autor, sich zunächst ganz auf den Essay Luftkrieg und Literatur zu konzentrieren. Vorsorglich ist anzumerken, daß es sich dabei um die einzige größere Arbeit Sebalds handelt, bei der abzuraten ist, sie mehr als einmal zu lesen, und auch für den, der sie gar nicht liest, ist es sicher nicht der größte Verlust, den er verschmerzen muß.

Sebalds zentraler Vorwurf der zu geringen Verarbeitung des Luftkriegs in der deutschen Literatur sei absurd, heißt es, sein Deutschlandbild, fixiert auf die Jahre 1944 bis 1950, insgesamt bizarr. Auch in dieser Aufsatzsammlung wurde bereits ausgeführt, daß Sebalds Äußerungen Deutschland betreffend kaum tragfähiger sind als die Thomas Bernhards zu Österreich. Die Wege der Betrachtung trennen sich aber, wenn Medicus sich daran begibt, das gesamte Prosawerk des Dichters am Haken des Luftkrieg aufzuhängen. Da fällt vieles herunter auf den Boden, und was hängen bleibt, hängt schief und hat eine traurige Gestalt.

Der Haken, den Medicus einigermaßen pompös einschlägt, scheint zunächst außerordentlich solide zu sein: 2009 jährt sich die Gründung der Bundesrepublik zum sechzigsten, die deutsche Einheit zum zwanzigsten Mal, und Sebalds Aufsatz wird zehn Jahre alt, wird uns vor Augen gehalten. Die Berechtigung, das gesamte literarische Werk gleich mit an diesen wuchtigen Haken zu hängen, wird der anglophonen Kritik entlehnt, die in Sebald den prime speaker of the Holocaust gesehen habe und noch sehe. Gegen diese verengende Sicht will Medicus, völlig zu recht, angehen. Die anglophone Kritik ist allerdings von vornherein nur selektiv erfaßt. Zum einen hatte sie Sebald schon lange vor dem Erscheinen des Austerlitzromans entdeckt, als die Ernennung zum führenden Holocaustsprecher noch fern lag, und zum anderen haben verschiedene englischsprachige Autoren in Austerlitz gerade keinen neuen Gipfelpunkt des Werkes gesehen, sondern eher einen gewissen, allerdings nur für die Liebhaber des Werkes wahrnehmbaren Absturz.

Wenn es um Austerlitz geht, könnte fast Sehnsucht nach dem anderen Kritiker aufkommen, der immerhin bemerkt hatte, an die zweihundert Seiten seien bereits nutzlos vertan worden, bevor der Autor ZUR SACHE kommt. Medicus bleibt gleich bei der SACHE, kein Wort über die Dinge, die uns hier interessiert haben wie die Tauben, die Lehrer, die Uhren oder auch die Motten. Auch Sebalds poetologische Selbstspiegelungen in anderen Künstlergestalten werden mißachtet, so etwa wenn er bei Pisanello rühmt, daß allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird (SG 84). Jedes einzelne Blatt also, und doch reicht Medicus der gesamte, wenn auch inzwischen arg reduzierte Baumbestand der Insel Korsika nicht hin um zu glauben, es ginge dabei um etwas anderes als wieder einmal nur um den Luftkrieg und seine Folgen.

Vom Elementargedicht Nach der Natur wird nur der dritte Teil erwähnt, der Altar der Pfarrkirche zu Lindenhardt aus dem zweiten und der Naturforscher Steller im Eismeer aus dem zweiten Teil interessieren nicht. Die Ausgewanderten huschen einmal ganz kurz am Horizont vorüber, und an den Ringen des Saturn wird hervorgehoben, sie würden explizit auf das Thema des Bombenkriegs eingehen. Sie gehen darauf ein und auf vieles andere mehr, aber wenn man gezwungen wäre, ein Generalthema zu nennen, so würde man notgedrungen sagen, das Buch handele vom Seidenwurm. Völlig unerwähnt bleiben, und das ist eigenartig, die Schwindel.Gefühle. Das ist ein Buch über den Jäger Gracchus, oder auch, so Sebald selbst, über die Liebe oder aber ein Kriminalroman, wie Selysses der Wirtin Luciana Michelotti erläutert, in jedem Fall also unergiebig für Holocaust und Bombenflüge. Andererseits aber ist in der Schilderung der Inneneinrichtung der elterlichen Wohnung im Obergeschoß der Engelwirtschaft, das „Familiengeheimnis“, das individuelle Trauma so präsent, daß es kein Geheimnis mehr ist und auch Zweifel aufkommen, ob es denn noch als ein Trauma behandelt werden muß. In jedem Fall hat Sebald sein Trauma klar vor Augen und nicht unerkannt im Rücken, psychoanalytische Eingriffe sind nicht erforderlich.

In Sebalds Prosa sei das individuelle Trauma zu einer universellem Leid geschuldeten Melancholie geworden. Das ist richtig, aber auch hier dürfen die poetologischen Hinweise nicht übersehen werden: Zwar gelingt es Thomas Browne, unter anderem wegen dieser enormen Belastung nicht immer, von der Erde abzuheben, aber wenn er, mitsamt seiner Fracht, auf den Kreisen seiner Prosa höher und höher getragen wird wie ein Segler auf den warmen Strömungen der Luft, dann ergreift selbst den heutigen Leser noch ein Gefühl der Levitation (RS 30). Nur wenn die Sätze schwer und schwermütig gemacht worden sind, ist es eine lohnende Kunst, sie zum Schweben zu bringen. Auch universelles Leid und Melancholie sind nicht die dumpfe Faust im Nacken des Dichters. Beim Urbild deutscher Melancholie, (RS 19) der von Dürer kupfergestochenen, langt Sebald erst an, nachdem er über mehr als eine Seite von der lebendig wuchernden Papierlandschaft im Arbeitszimmer der Janine Rosalynd Dakyns erzählt hat in einer Prosa, die von einem Lächeln durchleuchtet ist wie nur je die japanische Kirschblüte vom Sonnenlicht.

Wer nicht das Lächeln in der Syntax sieht, sieht nur wenig, und kann dem Autor unter anderem vormodernen Aberglauben unterstellen. Hier wird Spielmaterial mit lastenden psychischen Realitäten verwechselt. Die bereits angebotenen Generalbestimmungen der Schwindel.Gefühle: Jäger Gracchus, Liebe, Kriminalroman - ließen sich noch um eine weitere ergänzen: es ist eine Alchimie der Zahl Dreizehn und zum Schluß wird vom Nostradamus unserer Tage der Weltuntergang auf das Jahr 2013 festgesetzt. Es ist nicht bekannt, daß Sebald praktische, lebensnahe Vorkehrungen für das von ihm selbst ausgerufene Katastrophenjahr getroffen hätte.

Sebald habe bei seinem stets unhistorischen Projekt mit einem unscharfen Begriff der Katastrophe hantiert und seine Theorie der Naturgeschichte der Zerstörung theoretisch wie konzeptionell nie ausformuliert, ist ein weiterer Vorwurf, und man darf dankbar sein, wenn er zutrifft. Künstlerische Prosa wird nicht aus Begriffen montiert, und nur angesichts der einmaligen künstlerischen Robustheit Tolstois konnte Krieg und Frieden die im Roman über viele Seiten ergiebig angebotenen geschichtstheoretischen und konzeptionellen Ausformulierungen ohne nachhaltigen Schaden überstehen.

Bei Sebald gebe es, anders als bei Benjamin, kein Umschlagen von Unheil in Heil. Immerhin ist im Austerlitzbuch der Hölle Theresienstadt das Paradies Andromeda Lodge entgegengehalten, um nur eins zu nennen. Keinem Leser dürfte aber das Zusammenspiel von unheilvollen Inhalten und der heilende Kraft der Satzkunst entgehen, sonst hat er eigentlich gar nichts verstanden. Als Kinder haben wir die Märchen der Brüder Grimm gehört mit ihren Grausamkeiten, vorgelesen von der geliebten Stimme, um dann beseligt in einen tiefen Nachtschlaf zu fallen ungeachtet auch der letzten verborgenen Drohung, daß wir nur leben, sofern wir nicht gestorben sind. Bei Medicus wird das zur Sehnsucht des Kriegskindes nach der ursprünglichen Zerstörtheit. Sebald hat aber, alles in allem, keine Kinderbücher geschrieben, seine Prosa erleichtert den Tagesablauf, wie Hölderlin ihn für die Älteren vorgesehen hatte: In jüngeren Tagen war ich des Morgens froh, des Abends weint ich; jetzt, da ich älter bin, beginn ich zweifelnd meinen Tag und heilig und heiter ist mir sein Ende.

Vom Fleischerhaken des Luftkriegs genommen, richtet sich das Werk sogleich auf und nimmt seine lebendige Fülle wieder an. Und der Fleischerhaken? Der Luftkrieg war zweifellos ein Sebaldsches Erregungszentrum. Anders als Thomas Bernhard hat Sebald das Wüten nicht zum Basso Continuo seiner Prosa gemacht. Auch über Bombenkrieg und Holocaust kann er in seinem Prosawerk nur leise sprechen. Luftkrieg und Literatur ist das Ergebnis einer Externalisierung des Zorns, einer Verbannung. Der Dichter wütet vor den Toren seiner Stadt. Wir müssen ihm nicht unter allen Umständen dabei zuhören. Als Verfasser allein dieses Aufsatzes würde Sebald sicher nicht zu denen gehören, die leben, wenngleich sie gestorben sind.

Donnerstag, 1. Januar 2009

Hudannwott


Detektivarbeit
My otdochnem, my uslysim angelow

Gottfried Benn hat die Kriminalromane als Hirnkaugummi verstanden, also als leichtes Muskeltraining an den Ruhetagen des Leistungsdenkens und -dichtens. Im Brief an einen Freund tut er seine Vorfreude kund auf ein komplettes Wochenende mit Logis in einem Landhaus der Agatha Christie. Trotz Fernsehen und ungeachtet aller anderen Medienkonkurrenz steht auch uns diese schlichte und doch unvergleichliche Freude noch unverändert offen.

Der klassische britische Whodoneit lebt von seinem anheimelnden Setting, Landhäuser, Dienerschaft, tiefe Sessel, Portwein, exzellente Cognacs und, bei Bedarf, auch Zigarren oder orientalische Zigaretten. Der Leser wird während der Lektüre diesen Platz in seinem inneren Landhaus, einmal eingenommen, nicht wieder verlassen, was immer auch sich abspielt an grausigem Geschehen und Morden draußen.



Sebald ist uns als noch engerer Freund des Kriminalromans bekannt, beansprucht er doch, einen solchen geschrieben zu haben. Die Schwindel.Gefühle werden im Inneren des Werkes der Wirtin Luciana Michelotti als Kriminalroman vorgestellt: Sie wollte wissen, was ich jetzt gerade zu Papier bringe, worauf ich ihr wahrheitsgemäß sagte, daß ich mir darüber selbst nicht recht im klaren sei, daß ich aber in zunehmenden Maße das Gefühl habe, es handle sich um einen Kriminalroman. Die Geschichte spiele jedenfalls in Oberitalien, in Venedig, Verona und Riva, und es ginge in ihr um eine Reihe unaufgeklärter Verbrechen und um das Wiederauftauchen einer seit langem verschollenen Person. Luciana fragte mich, ob Limone auch in der Geschichte vorkomme, und ich sagte, nicht nur Limone käme vor in der Geschichte, sondern auch das Hotel und sogar sie selber. Daraufhin ging sie geschwind hinter die Theke zurück, wo sie ihre Arbeit weiter mit der ihr eigenen zerstreuten Genauigkeit erledigte (SG 108).

Nun wird kaum jemand, der mit Sebalds Werk vertraut ist und auch einiges von Arthur Conan Doyle und Agatha Christie gelesen hat, größere Ähnlichkeiten feststellen, von den Qualitätsebenen einmal ganz abgesehen. Was allerdings in gewisser Weise wiederzufinden ist bei Sebald, ist ein Verlangen nach Frieden und auch Behaglichkeit, auf den ersten Blick nicht unähnlich dem, das die Kriminalromane unseren Wochenenden verleihen können. Nicht nur, daß Sebald seinen engsten Vertrauten Logis in einem Landhaus gewährt, und nicht nur die Erinnerung an die im Inneren der Krummenbacher Kapelle herrschende vollkommenen sakrale Stille (SG 196), es findet sich auch eine tiefe Sehnsucht nach einem finalen säkularen Frieden: Mit dem Gefühl, daß ich frei sei und ledig, wanderte ich in den Gassen herum und versuchte mir vorzustellen, wie es wohl wäre, wenn ich in einer dieser steinernen Burgen wohnte, bis an mein Lebensende mit nichts anderem beschäftigt, als dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit. Weil aber niemand von uns wirklich still nur für sich sein kann und wir alle immer etwas mehr oder weniger Sinnvolles vorhaben müssen, wurde das in mir aufgetauchte Wunschbild von ein paar letzten, an keinerlei Verpflichtung gebundenen Jahren bald schon verdrängt von dem Bedürfnis, den Nachmittag irgendwie auszufüllen, und also fand ich mich, kaum daß ich es wußte, in der Eingangshalle des Musée Fesch mit Notizbuch und Bleistift und einem Billet in der Hand (CS 7).

Sebald erzählt hier mit dem Mystery-Lächeln seiner Prosa Pascals bekanntes Diktum vom Ursprung allen Unheils nach, eines Unheils, das allein daher rühre, daß der Mensch es nicht auszuhalten vermöge auf seinem Stuhl in seinem Zimmer. An Pascals der Sache nach richtiger Einschätzung kann kein Zweifel bestehen, liefe die Menschheit allerdings auf zu ihrem so bestimmten Ideal, wäre auch das Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit nicht mehr möglich, hätte die gänzlich leere Zeit doch keinerlei Hintergrund mehr, von dem sie sich abheben könnte, um sichtbar zu sein.

Wir alle haben wohl, wenn auch unterschiedlich verteilt, beides in uns, das Verlangen nach tiefem Frieden und immerwährender Ruhe ebenso wie das Verlangen nach Erlebnis und Aktion. Sofern Reisen Unrast ist, und was sollte es anders sein, muß das ausgleichende Ruhebedürfnis des Selysses groß sein, denn wir treffen ihn nie zuhaus an. Auch der Schreibtisch ist kein Hort und heimatliches Mobiliar der Ruhe, sondern ein Wandergerät. Selysses schreibt in Limone, dann die ausgehenden Sommermonate in Verona, die Oktoberwochen aber, weil er den Winter nicht mehr erwarten kann in einem weit oberhalb von Bruneck, am Ende der Vegetation gelegenen Hotel (SG 187). Dabei ist ihm das Reisen beileibe keine Freude, er ist immer maßlos enttäuscht und wäre, wie er oft meint, viel besser bei seinen Landkarten und Fahrplänen zu Hause geblieben (SG 62).

Der besondere und erfolgsträchtige Einfall des Kriminalautors Rex Stout bestand darin, daß er diese beiden unverzichtbaren Bestandteile einer jeden Person weitgehend säuberlich getrennt aufteilt auf die beiden zentralen Figuren seiner Detektivromane, den Meisterdetektiv Nero Wolfe und seinen Assistenten Archibald Goodwin.

Goodwin ist ruheunfähig, immer auf der Suche nach Einsatzmöglichkeiten, wenn die Aktionen nicht ohnehin rasant ablaufen. Schon in der ersten leeren Zeitminute erwägt er, den Gehsteig zu kehren, um loszukommen von seinem Schreibtischstuhl. Nero Wolfe dagegen steht in der Tradition der klassischen Kopfdetektive Sherlock Holmes und Hercule Poirot und hebt diese Tradition über sich hinaus durch den nahezu vollständigen Verzicht auf Lokomotion und Körpereinsatz. Er verläßt sein Braunsteingebäude in der 35. Neu Yorker Straße nie oder doch nur in äußerster Not und lebt ansonsten in dieser steinernen Burg mit einiger Einschränkung dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit. Die vergehende Zeit ist akribisch aufgeteilt über den Tag in Lesen, Pflege eines riesigen Orchideengartens im Dachgeschoß und der Einnahme, in Gesellschaft, ebenso ausgedehnter wie erlesener Mahlzeiten. Hat er zeitweise den Eindruck überhand nehmender Leibesfülle, so wird eine Viertelstunde täglich für leichte Bewegungsspiele wie Pfeilwerfen abgezweigt. Detektiert wird nur unter dem rauhen Diktat des Geldverdienens und nicht in Zeiten eines ausgeglichenen Bankkontos. Der Zustand der Detektivarbeit hat bei Nero Wolfe folgende Gestalt: Er sitzt zurückgelehnt und mit geschlossenen Augen in seinem Sessel, regungslos und nur die Lippen bewegen sich vor und zurück wie beim Karpfen, wenn er an die Oberfläche des Tümpels gestiegen ist.

Die oft verblüffenden Erfolge der Kopfdetektive hängen ab von einer Verläßlichkeit der Welt und der sie denotierenden Zeichen, eine Verläßlichkeit, die wir uns wohl wünschen mögen, eigentlich aber fürchten müßten, denn sie hätte schon früh alles Leben unterbunden und gar nicht erst zugelassen, daß Menschen und Detektive entstehen. Die Welt wäre nicht gelenkig genug für Evolution, erst völlig festgefahren und erstarrt, cuando ya no importe, wäre sie beliebig entzifferbar für jedermann, und der Spaß bei der Lektüre von Detektivromanen wäre dahin. Dabei würde es sich dann bei dieser Betrachtung allerdings um einen teuflischen Spaß mit dem Nichts handeln, und bei Sherlock Holmes ist das satanische Element ja auch nie kaschiert worden. Zur satanischen Weltleere, die der Kopfdetektiv benötigt, gehört die Asexualität, die Holmes ebenso kennzeichnet wie Poirot und Nero Wolfe. Bei Sebald ist Asexualität, als Prokreationsverweigerung, Teil einer großen Weltverwünschung, die wie ein Ruf nach Erlösung klingt. Und in der Tat haben nicht zuletzt die Heiligen Jungfräulichkeit und sexuelle Askese für sich reklamiert, währen Updike vor seinem Tod die Witches of Eastwick durch die Widows of Eastwick bestätigt und Sexualität in das Zentrum eines paganen Hexenkults gerückt hat. Schwer zu sagen letztlich, wo der Teufel steckt, nach der verbreiteten Art der Schwerverbrecher wechselt er wohl ständig den Aufenthaltsort.

Reichen die soweit entdeckten schwachen Züge verwandtschaftlicher Ähnlichkeit hin, um die Selbstanzeige der Schwindelgefühle ernst zu nehmen? Als Detektiv wird Selysses von dunklen Gestalten verfolgt und in der Nähe des Mailänder Bahnhofs tätlich angegriffen, er beschäftigt sich mit den Verbrechen der GRUPPE LUDWIG, er durchmißt die Straßen von Wien, Mailand und Verona nicht weniger eifrig und dicht als Archie Goodwin die von New York, allerdings ohne aufklärende Erfolge: Obschon ich bisweilen, wenn ich mich an einer Wand einhalten oder gar in einen Hausgang retten mußte, den Beginn einer Lähmung oder Krankheit des Kopfes befürchtete, vermochte ich ihr nicht anders entgegenzuwirken als dadurch, daß ich mich gehend bis spät in die Nacht hinein völlig erschöpfte (SG 42). An dieser Lähmung änderte sich auch dann nichts, als ich auf die oberste Galerie des Domes hinaufstieg und von dort aus unter immer wiederkehrenden Schwindelgefühlen das verdüsterte Panorama in Augenschein nahm. Laufet eilends vor dem Wind, ging es mir durch den Kopf, und zugleich kam mir der rettende Gedanke, daß es sich bei den dort unten kreuz und quer über das Pflaster hastenden Gestalten um nichts anderes handeln konnte als um lauter Mailänder und Mailänderinnen (SG 131). Die Welt ist voller Zeichen und Koinzidenzen, LA PROSSIMA COINCIDENZA (SG 123), aber wie sind sie zu verstehen? Relative Weltleere und Verläßlichkeit der Indizien als Grundlage des Detektivgeschäfts fehlen völlig. Selysses macht nach guter Detektivart ständig Beweisphotos, aber was können Ablichtungen von Eintrittsbillets, Pizzeriarechnungen oder provisorischen Notausweisen letztlich beweisen. Photos von offenbar enormer Wichtigkeit wie das der beiden italienischen Kafkabuben oder des Taubenschwarms, der von der Piazza her in die Via Roma hineingeflogen kam (SG 142), kommen nicht zustande und werden von den feindlichen Mächten verwehrt, Zeugen verweigern die Aussage: Der Photograph in dem Laden nebenan, bei dem ich mich nach den Gründen für die Geschäftsschließung erkundigte, war weder bereit, mir eine Auskunft zu geben, noch konnte ich ihn überreden, von der Vorderfront des Hauses ein Bild für mich aufzunehmen (SG 140). Unnötig zu sagen, daß die Schwindelgefühle, wenn sie schon den Handlungsdetektiv nach der Art des Archie Goodwin nachhaltig behindern, die des Kopfdetektivs nach Art des Nero Wolfe praktisch unmöglich machen. Die Schwindel.Gefühle sind kein Hirnkaugummi, keine Unterbrechung des Hochleistungsdichtens, im Gegenteil, sie versetzen die armen grauen Zellen in fiebrige Überhitzung.

Dabei hat Selysses als Detektiv in gewissem Sinne leichtes Spiel, die Frage nach der seit langem verschollenen Person, dem Täter, hudannit, ist bereits früh schon so gut wie beantwortet: Der Jäger Gracchus. Die eigentlich immer nur enttäuschend bewältigte Krisis am Ende eines jeden Kriminalromans, die Auflösung - omnis lector post solutionem tristis – bleibt uns erspart, umso mehr, als die Antwort keine ist. Denn wer ist il cacciatore, der endlos auf seiner Barke dahinsegelt, und vor allem, was ist sein Verbrechen; hudannwott? Es heißt, Gracchus hinge fest zwischen Leben und Tod wegen einer sexuellen Verfehlung, und die Episode mit seiner Reinkarnation, dem Jäger Hans Schlag und der schönen Romana scheint das zu bestätigen. Aber dann gibt es womöglich weder Verbrechen noch Schuld, sondern, wie Kafka es immer vermutet hat, nur Strafe, denn auch das Unglück der Heiligen, die eigentlich ein ontologisches Alibi haben wider alle schlimmen Taten, ist ihr Geschlecht (NN 9). Die Strafe straft die Erbsünde, das alte Unrecht, das der Mensch begangen hat und das in dem Vorwurf besteht, den der Mensch macht und von dem er nicht abläßt, daß ihm ein Unrecht geschehen ist, daß an ihm die Erbsünde begangen wurde (Kafka, Tagebücher, 15.02.20). Der in die Erbsünde verknäulte Vorwurf mag das Geschlecht betreffen oder auch den Tod, mit dem es einerseits kaum weniger verknäult ist. Der Unterschied zwischen Leben und Tod, der durchgreifendste, den wir uns vorstellen können, hat im großen Saldo vielleicht nur geringe Bedeutung.

Die Schwindel.Gefühle sind ein Kriminalroman in dem Sinne, daß sie hinreichend viel Licht ins Dunkel bringen, um uns das Leben zu ermöglichen und Ruhe zu finden für die Zeit der Lektüre, die nicht für ein Wochenende nur gedacht ist. Alles andere ist dem Weltengericht vorbehalten, das uns freisprechen soll von aller Erbschuld und das bereits auf das Jahr 2013 terminiert ist. Das ist die letzte investigative Vermutung und zugleich der letzte Eintrag des Buches überhaupt. Aber, so schwach wie die detektivischen Leistungen des Selysses sind, mag er auch bei diesem Datum einer Fehleinschätzung unterliegen.