Mittwoch, 31. August 2011

Kommentar Deauville

Kafkas Reisetagebücher sind voller scharfgestochener Zeichnungen von Mitreisenden, schmale Körper, ohne die Vorbereitung der Arme und Schultern, bei Sebald sind die Mitreisenden, neben den Empfangsdamen, ein unverzichtbarer Teil seiner Prosapopulation. Hier hat Selysses es gleichzeitig mit zwei sehr unterschiedlichen Damen zu tun. Mit der einen, jung, schmal, jüdisches Aussehen und auch wieder nicht, würde er gern ins Gespräch kommen, kann seine Hemmung aber nicht überwinden. Die andere, dick, groß, gefiedert und Zigarre rauchend, fordert ihrerseits ihn mit Blicken heraus. Gern würde er, um seiner Verlegenheit zu entkommen, ein unverbindliches Wort mit ihr wechseln, bleibt aber dumm und stumm. Sichtlich erleichtert entkommt er am Zielort Deauville der insgesamt bedrückenden Lage im Einspänner, hin zu neuen Abenteuern.

Deauville

Dienstag, 30. August 2011

Deauville

Aus dem Schattenreich
Kommentar
Schon als ich zustieg, saß da die junge Italienerin mit sonst jüdischem Gesicht, das sich im Profil ins Unjüdische verschiebt. Wie sie aufstand und die Hände zur Brüstung vorstreckte, und nur der schmale Körper zu sehen war, ohne die Vorbereitung der Arme und Schultern. Wie sie sich mit beiden Händen festhielt im Zugswind wie an einem Baum. Sie las eine Detektivbrochure und sah mich öfters an, aus Neugierde, ob ich mit meinem lästigen Hinsehn nicht doch endlich aufhören möchte. Er nimmt an, daß sie über den stummen Herrn zu ihrer Rechten, der immer wieder verstohlen hinblickt zu ihr, also über ihn, unglücklich sei. Ihr Kleid aus Rohseide. Im Compartment saß obendrein, dick, groß, duftend, eine gefiederte Dame mit einer Menge verschiedener Hutschachteln. Ihr Parfum verteilte sie mit dem Fächer in der Luft, ihr vieles Fleisch hielt es im Fuß nicht aus und stieg gleich hinter den Zehen in die Höhe, ich fühlte mich neben ihr eintrocknen. Zu allem Überfluß rauchte sie eine große Brasilzigarre und sah durch den, naturgemäß vom Fächer verwirbelten blauen Qualm manchmal auffordernd zu mir herüber. Ich wußte aber nicht, wie ich sie ansprechen sollte, und starrte in meiner Verlegenheit fortwährend auf die weißen Glacéhandschuhe mit den vielen Knöpfen, die neben ihr auf dem Sitzpolster lagen. In Deauville angekommen, nahm ich einen Einspänner zum Hotel des Roches Noires.

Montag, 29. August 2011

Kommentar Va banque


Was die verrufenen Orte anbelangt, so spricht einiges dafür, daß Kafka sich in den Bordellen besser auskannte, Sebald dagegen in den Billardcafés und Spielsälen. Kafka vermittelt denn auch nur Grundbegriffe des Spiels, die er womöglich selbst gerade erst erlernt hat, faites votre jeu – marquez le jeu – les jeux sont faits - sont marqués rien ne va plus. Eingangs hatte Sebald die Stimmung im Spielsaal als funestre gekennzeichnet, ganze Vermögen, Familienbesitze, Liegenschaften und Lebenswerke werden hier innerhalb weniger Stunden vertan. Nach Kafkas Grundbelehrung läßt er dann seinen mystischen Spieler, ausschließlich mit dem schwarzen Vokal im Namen, cOsmO sOlOmOn, Csm Slmn, am Spieltisch Platz nehmen. Der wahre Spieler läßt sich auf ein risikoreiches Spiel ein, in dem mit einer falschen Bewegung alles vertan ist. Er ist ein Heiliger des ausgebrannten Himmels, nur die Zahlen haben ihren Umriß bewahrt in der Asche. Der Verlust ist ihm vielleicht der bevorzugte Ausgang, die Lust des Verlustes, die Sehnsucht nach Entsagung. Schon Kafka, der Anfänger hatte den Verlust wird als eine zu schwache Verlockung zum Weiterspielen empfunden. Wenn der Spieler aber aus seiner mystischen Versenkung heraus unendlich gewinnt, ist er dem Gott des Nichts für einen Augenblick nah.

Va banque

Sonntag, 28. August 2011

Va banque

Aus dem Schattenreich
Kommentar
Nur Herren im Smoking hatten Zutritt zu dem privé, in welchem stets eine sehr funestre Stimmung herrschte, kaum verwunderlich, wenn man bedenkt, daß nicht selten ganze Vermögen, Familienbesitze, Liegenschaften und Lebenswerke innerhalb weniger Stunden vertan wurden. An jedem Tisch ein Ausrufer in der Mitte mit zwei Wächtern nach beiden Seiten hin. Ein Tisch mit Kugel, einer mit Pferdchen. Croupiers in Kaiserrock. Messieurs faites votre jeu – marquez le jeu – les jeux sont faits - sont marqués rien ne va plus. Croupiers mit vernickelten Rechen an Holzstangen. Was sie damit können: Ziehn das Geld auf die richtigen Felder, sondern es, ziehn Geld an sich, fangen von ihnen auf die Gewinnfelder geworfenes Geld auf. Einfluß der verschiedenen Croupiers auf die Gewinnchancen oder besser der Croupiers, bei denen man gewinnt, gefällt einem. Aufregung vor dem gemeinsamen Entschluß zu spielen, man fühlt sich im Saal allein. Das Geld verschwindet auf einer sanft geneigten Ebene. Der Verlust wird als eine zu schwache Verlockung zum Weiterspielen empfunden, aber doch als Verlockung. Wut über alles. Ausdehnung des Tags durch dieses Spiel. Der da gegenüber wird sich ganz anders fühlen, man weiß nicht wie, sicher noch viel einsamer, seul comme Franz Kafka, besessen wie Dostojewski. Nein, nicht besessen. In einer Art Selbstversenkung versucht er, die inmitten einer sonst undurchdringlichen Nebelhaftigkeit jeweils nur für den Bruchteil eines Augenblicks auftauchende Ziffer zu erkennen, um sie dann ohne das geringste Zögern, gewissermaßen im Traum noch, entweder en plein oder à cheval zu setzen. Mit halbgeschlossenen Augen setzte er Mal für Mal auf das richtige Feld. An zwei Abenden hintereinander mußten die Emissäre der von ihm ausgeräumten Bank neues Geld herbeischaffen, und am dritten Abend fiel ihm dann durch ein Spiel mit offener Bank ein dermaßen hoher Gewinn zu, daß sein Diener bis ins Morgengrauen hinein mit dem Zählen und Verstauen des Geldes in einem Überseekoffer zu schaffen hatte.

Freitag, 26. August 2011

Kommentar Schöne Schweiz


Ich weiß nicht, was die Leute wollen, sagt Thomas Bernhard, soll ich mich denn hinsetzen und schreiben, Salzburg, ist schön, das weiß doch eh jeder. Bernhard leugnet die Schönheit nicht, verweigert aber die offene literarische Annäherung, die vollkommene Schönheit aus der vollkommenen Häßlichkeit, mit diesen Worten bestimmt er irgendwo in der Verstörung sein Ideal. Sebald bekennt sich wie kaum ein anderer Dichter der Gegenwart offen zur Schönheit, seine Satzzeichnungen sind immer und an jeder Stelle schön, zweifellos nicht gegen den Willen des Autors. Immer wieder wendet er sich den schönheitstrunkenen Malern der Renaissance zu: Die Engel selbst aber hatten die Brauen im Schmerz so sehr zusammengezogen, daß man hätte meinen können, sie hätten die Augen verbunden. Und sind nicht, dachte ich mir, die weißen Flügel mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde das weitaus Wunderbarste von allem, was wir uns jemals haben ausdenken können? Gerade Leid und Schmerz verlangen nach Schönheit als einzigem Ausweg und werden von ihr keineswegs verdeckt. Das wird umso deutlicher, wenn die Aufmerksamkeit sich auf Grünewald richtet: Der ruhig auf seinem Podest stehende Heilige Antonius der ersten Schauseite des Altars des Antoniterklosters in Isenheim bleibt unberücksichtigt, nicht zu reden vom Engelskonzert der zweiten Schauseite, und auf der dritten Seite zieht nicht so der vor einer zerrissenen Landschaft gesetzte, aber doch in davon unberührter, maßvoller Unterhaltung mit dem Eremiten Paulus abgebildete Antonius auf der linken Tafel die Aufmerksamkeit des Dichters auf sich, als vielmehr der schlimmen Peinigungen ausgesetzte Heilige auf der rechten Tafel. Unbeirrt schön bleibt aber die verbale Nachzeichnung der Bilder. Was nun die Schweiz anbelangt, so läßt sich Selysses weder von seiner Niedergeschlagenheit beirren noch von der trivialisierten Überzeugung von der Schönheit des Landes, sondern übertrumpft das Plebiszit mit der Mitteilung, die Schweiz sei tatsächlich zum Erstaunen schön. Kafka wird mit der Aufgabe betraut, den Nachweis zu führen, mancher mag zweifeln, ob das eine gute Wahl war. Seine Eindrücke der Außenwelt sind gewohnt knapp, prägnante Sekundenbilder im Vorbeifahren. Es beginnt in der Nacht, auch er erwähnt die innere Dämmerung des Selysses, aus der heraus er die äußere anschaut. Eine in der Nacht beleuchtete Villa, Telegraphenstangen, eher schwache Zeugen für die Schönheit der Schweiz, dann aber, beeindruckend, das Erbleichen der Matten bei aufsteigender Sonne. An einer Stelle fragt man sich, ob das Tagebuchmanuskript richtig entziffert wurde, ist es die Armut des Fensterschmucks, oder vielleicht doch eher seine Anmut, ein Wort nahe bei dem der Schönheit. Wie auch immer, Selysses ist nicht ganz zufrieden mit Kafkas Schönheitsnachweisen. In Gestalt des Malers Aurach besteigt er den Grammont, um einen großartigen Blick auf das Schweizer Land zu gewinnen. Tief unten liegt der See in ungetrübtem Frieden, die Artefakte der Menschen geschrumpft auf Spielzeuggröße, die Menschen verschwunden, eine Szenerie, die Sebald so sehr liebt, wie sie Kafka fremd ist.

Schöne Schweiz

Schöne Schweiz

Aus dem Schattenreich
Kommentar
Die mit der zurückliegenden Zeit verbundenen Bilder und Ereignisse sind mir während der Fahrt durch die tatsächlich zum Erstaunen schöne Schweiz wieder in den Sinn gekommen. Beim Anblick einer Brücke verschaffte ich mir den ersten starken Eindruck von dem Land, trotzdem ich sie schon lange aus innerer in äußere Dämmerung anschaue. Der Eindruck aufrechter, selbständiger Häuser ohne Gassenbildung, ein Mann in einer beleuchteten Villa, der um zwei Uhr in der Nacht auf der Veranda über das Geländer beugt, die Tür ins Schreibzimmer ist geöffnet. Die schon wachen Rinder in der schlafenden Schweiz. Telegraphenstangen Querschnitt von Kleiderhaken. Erbleichen der Matten bei aufsteigender Sonne. Erinnerung an das strafhausähnliche Stationsgebäude, dessen Aufschrift in biblischem Ernst ausgeführt ist. Fensterschmuck scheint trotz seiner Armut gegen Vorschriften zu verstoßen. In zwei weit auseinander liegenden Fenstern des großen Hauses stehn vom Wind bewegt dort ein großes hier ein kleines Bäumchen. Von den weiter zurückreichenden Erinnerungen aber ging, wie sich dann während meines Aufenthalts im Palace erwies, eine eigentümliche Bedrohung aus, die mich schließlich veranlaßte, mein Zimmer zu versperren, die Jalousien herunterzulassen und stundenlang auf dem Bett liegen zu bleiben. Nach Ablauf von etwa einer Woche kam ich irgendwie auf den Gedanken, daß allein die Wirklichkeit draußen mich retten könne. Ohngeachtet meines inzwischen recht angegriffenen Zustands machte ich mich auf, den Grammont zu besteigen. Von dort oben sah ich die Genfer Seenlandschaft vor mir, reglos bis auf die wenigen auf dem tiefblauen Wasser drunten mit der unglaublichsten Langsamkeit ihre weiße Spur ziehenden winzigen Schiffchen und bis auf die am jenseitigen Ufer in gewissen Abständen hin- und herfahrenden Eisenbahnzüge.

Donnerstag, 25. August 2011

Kommentar Grillparzer


Kafka empfindet Sympathie für Grillparzer, heißt es. Wir haben Mühe, uns in das Sympathiegeflecht der vergangenen Zeit einzufühlen, da unsere Gegenwartsfavoriten naturgemäß in ihm nicht auftreten. Unbeschwert treffen wir uns alle bei Homer, Platon, oder bei den Evangelisten, hier sind die Differenzen der kurzen Zeitabstände zwischen uns und unseren Großeltern unwirksam. Der gleiche Abstand zu allen aus der Tiefe der Zeit ist nicht der geringste Vorzug der Alten, aber von all dem ist hier gar nicht die Rede. Zu Kafkas Zeit mußte man auf Radio und Fernsehen noch verzichten, und das Theater war konkurrenzlos. Kafka war gewohnheitsmäßiger Theatergänger, aber nicht ohne Zurückhaltung gegenüber der Bühnenkunst. Zwar bleiben ihm die Schrecken des modernen Regietheaters erspart, das Entsetzen, das Selysses in Bregenz erfaßt, als die Juden der Vorzeit ihr Sehnsuchtslied nach dem Willen des Spielleiters in gestreiften KZ-Anzügen anstimmen, aber auch so vermerkt er die Aufdringlichkeit des Theaters, die zu guten, zu lauten Schauspieler. Kafka tritt dann gleichwohl in die Analyse des Grillparzerstückes ein, dessen Exposition ihm durchaus zusagt. Vom dritten Akt ab aber notiert er Niedergang. Wir nehmen das hin und sinnen nach über den rätselhaften Ausdrucks als sei ein Feind dahinter her.
Sieht Grillparzer