Dienstag, 17. August 2010

Mitreisende

Dumm & stumm

Die Verwechslung unter den Mitreisenden fand immer statt
Empfangsdamen und Wirtinnen warten auf Selysses am Ende seiner Reiseetappen, der Austausch von Blicken und Worten mit ihnen ist unvermeidlich und zugleich durch geltende Regeln des Verhaltens eng begrenzt. Selbst mit Luciana Michelotti, Königin der Wirtinnen im Werk, die im Hotel Sole in Limone auf Selysses wartet, werden bei Licht besehen nicht so sehr viele Worte gewechselt. Nahe Erzählverwandte der Empfangsdamen sind die Mitreisenden, diejenigen, die nicht am Zielort warten, sondern mit denen man während der Anreise eine kürzere oder längere Zeit zusammen ist. Beim der Fahrt nach Kissingen in der Erzählung Max Aurach gehen die einen gleichsam wie an einem Faden aufgereiht nahtlos in die anderen über, und es ist schwer zu sagen, welche die Schlimmeren sind. Im Zug trifft Selysses zunächst auf einen schwer vor sich hin schnaufende Mitreisenden, der in einem fort seine unförmige Zunge, auf der sich noch Essensreste befanden, in seinem halboffenen Mund herumwälzte. Die Beine gespreizt saß er da, Bauch und Unterleib auf eine grauenerregende Weise eingezwängt in eine kurze Sommerhose. Ich hätte nicht zu sagen gewußt, ob die Körper- und Geistesdeformation meines Mitreisenden ihre Ursache hatte in einer langen psychiatrischen Internierung, in einer angeborenen Debilität oder allein im Biertrinken und Brotzeitmachen. Ihm folgt, auch noch im Zug, die alte Frau, die mit ihrem Federmesser, das sie stets aufgeklappt in der Hand behielt, Schnitz um Schnitz ihren Apfel zerteilte, die abgeschnittenen Stücke zerkiefelte und die Schale in ein Papiertuch spuckte, das sie auf dem Schoß liegen hatte. In Kissingen erwartet den Selysses dann eine Empfangsdame, die etwas von einer Oberin an sich hatte, und ihn maß mit ihren Blicken, als befürchte sie von ihm einen Hausfriedensbruch, und schließlich trifft er, als sozusagen vor ihm eingetroffene Mitreisende, auf das gespenstische alte Ehepaar das ihn mit einem Ausdruck unverhohlener Feindseligkeit, wo nicht gar des Entsetzens anstarrte.


Mitreisende sind seltener und weniger zuverlässig zur Stelle als Empfangsdamen und Wirtinnen. Von der ersten großen, der Auswanderungsreise Reise des Selysses wird eingangs der Auracherzählung berichtet. Sie findet ohne Mitreisende statt, die ins Licht des Erzählten treten. Es befanden sich nur wenige Passagiere an Bord auf dem Nachtflug von Kloten nach Manchester, die, in ihre Mäntel gehüllt, weit voneinander entfernt in dem halbdunklen und, wie ich mich zu erinnern glaube, ziemlich kalten Gehäuse saßen. Sprechkontakt, unvermeidlich bei den Empfangsdamen und Wirtinnen, kann unter Mitreisenden unterbleiben, und in der nach England fliegenden Kabine kommt es nicht einmal zu Blickkontakt - sicher hätte Selysses gewünscht, auch auf der Fahrt nach Kissingen sei ihm, angesichts der Qualität der Mitreisenden, menschlicher Anblick erspart geblieben.

Auch die Tirolerinnen, die ihn auf der Busfahrt von Innsbruck nach Unterjoch begleiten wachsen dem Selysses nicht recht ans Herz. Bisweilen hielt der Bus und ließ eines der alten Weiber einsteigen, die in gewissen Abständen unter ihren schwarzen Regendächern an der Straße standen. Es kam auf diese Weise eine ganze Anzahl solcher Tiroler Weiber zusammen. Sie unterhielten sich in ihrem mir aus der Kindheit vertrauten, hinten im Hals wie eine Vogelsprache artikulierten Dialekt – unter einander verständigen sie sich ähnlich wie die Dohlen, heißt es bei Kafka von den Barbaren - vornehmlich, ja ausschließlich über den nicht mehr enden wollenden Regen. Die Sonne trat hervor, die Tirolerinnen verstummten eine nach der andern. Gegen Mittag - die Tirolerinnen waren längst alle in Reutte, in Weißenbach, in Haller, Tannheim und Schattwald ausgestiegen – erreichte der Bus mit mir als letztem Fahrgast das Zollamt von Oberjoch. – Offenbar fühlt sich Selysses wohl als einzig verbleibender Reisender im Bus, wir freilich möchten niemanden von den Mitreisenden missen, und zu Prosa geworden hat vielleicht sogar der schreckliche Brotzeitmacher das Wohlwollen auch des Dichters gefunden.


Den gewünschten Frieden jedenfalls und gnädiges Dunkel hat der reisende Selysses, ähnlich wie im Flugzeug nach Manchester oder am Ende der Reise nach Oberjoch, auf einer Fahrt in England, als er, im August 1992, mit dem alten, bis an die Fensterscheiben hinauf mit Ruß und Öl verschmierten Dieseltriebwagen, der damals zwischen Norwich und Lowestoft verkehrte, an die Küste hinunterfuhr. Die wenigen Mitreisenden saßen im Halbdunkel auf den abgewetzten lilafarbenen Sitzpolstern alle in Fahrtrichtung, möglichst weit voneinander entfernt und so stumm, als hätten sie noch niemals in ihrem Leben ein Wort über die Lippen gebracht. Übertroffen in ihrer schweigsamen Unaufdringlichkeit werden sie allenfalls noch von des Businsassen auf der Fahrt von Theresienstadt zurück nach Prag. Der Fahrer gab wortlos auf einen Hundertkronenschein das Wechselgeld heraus. Einmal, als ich mich umwandte während der Fahrt, sah ich, daß die Fahrgäste in den Schlaf gesunken waren, ausnahmslos. Mit verrenkten Leibern lehnten und hingen sie in ihren Sitzen. Dem einen war der Kopf nach vorn gesunken, dem anderen seitwärts oder in den Nacken gekippt. Manche röchelten leise. - Nature Morte, ein Stilleben Lebender, als seien sie Tote.

Wenn Blickkontakt meint, daß zwei Augenpaare sich treffen, so findet er nicht statt. Selysses schaut, und die Mitreisenden werden ihm, als Lebende oder als Tote, zu Sprachbildern, allein wir schauen zurück auf ihn. Nicht immer ist dem Reisenden seine unbemerkte Einsamkeit recht, bisweilen, zumal in Augenblicken der Verwirrung und der Schwindelgefühle, ist Selysses dankbar für Gesellschaft. In Rovereto steigt eine alte Tirolerin ein mit einer aus Lederflecken zusammengenähten Einkaufstasche. Sie ist in Begleitung ihres vielleicht vierzigjährigen Sohnes. Über die Maßen dankbar bin ich den beiden, als sie, obschon der Waggon ganz leer ist, sich hereinsetzen zu mir. Hin und wieder ergreift den Sohn ein Krampf in seiner Brust. Die Mutter macht ihm dann - und in eins auch dem Selysses, der sich, für einmal, als Sohn träumt - zur Beruhigung einige Zeichen in die Fläche seiner linken, wie ein unbeschriebenes Blatt offen in ihrem Schoß liegenden Hand. Nach und nach wird es mir besser. Wir sind in Bozen. Die Tirolerin steigt aus mit ihrem Sohn.

Nur wenige Seiten später, im Zug nach Mailand, ist Selysses erkennbar enttäuscht über den ausbleibenden Austausch von Blicken und vielleicht sogar Worten mit seinen Mitreisenden. Mir gegenüber saßen eine Franziskanerin von vielleicht dreißig oder fünfunddreißig Jahren und ein junges Mädchen mit einer aus vielen farbigen Flecken geschneiderten Jacke um die Schultern. Das Mädchen war in Brescia zugestiegen, die Franziskanerschwester hatte in Desenzano bereits im Zug gesessen. Die Schwester las ihr Brevier, das Mädchen, nicht minder versenkt, einen Bilderroman. Von vollendeter Schönheit waren sie beide, dachte ich mir, abwesend und anwesend zugleich, und ich bewunderte den tiefen Ernst, mit dem sie jeweils die Blätter umwendeten. Einmal blätterte die Franziskanerschwester um, dann das junge Mädchen und dann wieder die Franziskanerschwester. So ging es die ganze Zeit fort, auch nur ein einziges Mal mit der einen oder der anderen einen Blick zu wechseln. Ich versuchte mich also selber zu üben in einer ähnlichen Bescheidenheit und holte den Beredten Italiener heraus, ein praktisches Hülfsbuch der italienischen Umgangssprache.

Sofern der Blick nicht, wie beim Brotzeitmachenden, an einer allzu garstigen Front abprallt, ist das gemeinsame Reisen in einem Abteil eine Aufforderung zum Kontakt und zugleich seine Behinderung angesichts eines Gefühls des Ausgeliefertseins in der Enge des Raums. Man weiß nicht, was folgt und wie man sich nötigenfalls retten kann, wenn der erste Schritt getan ist und weitere folgen müssen. Der jäh heraustretenden, männlichen Blick des Selysses ist abgesetzt von der nur durch die geringfügigste Senkung der unteren Lidgrenze angedeuteten Beschlossenheit des weiblichen Auges. Die beiden jungen Frauen sind abwesend und anwesend, ansprechbar und auch wiederum nicht, nicht zuletzt das ist ihr Zauber. Ihre Uneindeutigkeit ist eine Aufforderung, sie zu verstehen, wobei wir Verstehen wiederum als behutsames Mitreisen deuten. Selysses flüchtet sich in den Beredten Italiener, beredter kann er seinem Wunsch, mit den beiden Italienerinnen ins Gespräch zu kommen, kaum Ausdruck verleihen. Und doch ist er womöglich erleichtert, daß das Schweigen nicht gebrochen und das schöne Bild im italienischen Stil nicht zerstört wird. Das Betrachten von Bildern hatte in Selysses vor Jahren schon den Wunsch erweckt, alles aufgeben zu können außer dem Schauen, ein Projekt, das aus verschiedenen Gründen, die man sich denken kann, von vornherein zum Scheitern verurteilt war, und unter den Gründen ist nicht der geringste der, daß im Blickfeld jederzeit, erwünscht und gefürchtet zugleich, Menschenaugen erscheinen können, die das eigene Schauen erwidern.



Mit der intensiven Betrachtung der beiden Mitreisenden geht Selysses bereits bis an die Grenze geltender Reiseetikette und vielleicht schon über sie hinaus. Der nächste Schritt, bestehend in dem Versuch, das flüchtige Augenblicksbild auf der Retina in ein Photo zu verwandeln, führt unmittelbar zum Fiasko: Kurz vor der Abfahrt stieg ein Junge von etwa fünfzehn Jahren ein, der auf die unheimlichste Weise, die man sich denken kann, den Bildern glich, die Kafka als heranwachsenden Schüler zeigen. Und als ob es damit nicht genug gewesen wäre, hatte er zudem noch einen Zwillingsbruder, der sich von ihm soweit ich in meinem Entsetzen feststellen konnte, nicht im geringsten unterschied. Als ich unter Aufbringung allen Mutes ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen versuchte, reagierten sie nur mit einem blöden gegenseitigen Sich-Angrinsen. Und als ich mich dem äußerst reservierten Ehepaar zuwandte, das meine seltsamen Bemühungen um seine Söhne bereits mit wachsender Besorgnis verfolgt hatte, gelang es mir nicht annähernd, ihnen klarzumachen, welcher Art mein Interesse an den unablässig vor sich hinkichernden Knaben war. Als ich zuletzt zur Zerstreuung jeden Verdachts sagte, es würde mir schon reichen, wenn sie mir ein Bild ihrer Söhne nach England schicken würden, war es ihnen, wie ich genau merkte, vollends klar, daß es sich bei mir um nichts anderes als um einen zu seinem sogenannten Vergnügen in Italien herumreisenden Päderasten handeln konnte.

Später in Verona weigert sich der Photograph in dem Laden nebenan von der Vorderfront der ehemaligen Pizzeria Verona ein Bild für ihn aufzunehmen, und auch die jungen Hochzeitsreisenden aus der Erlanger Gegend kommen seinen diesbezüglichen Wünschen des Selysses nur sehr ungenügend nach. Während im Fall der Kafkazwillinge das Scheitern gleichsam kausal begründet und dramaturgisch inszeniert wird, ist die strikte Weigerung des Berufsphotographen, ein Bild aufzunehmen, rätselhaft und von beklemmender Grundlosigkeit. Ein Fluch, der Nachhall eines schweren Verbrechens scheint auf der Pizzeria Verona zu liegen, aus der Selysses vor Jahren geflüchtet war, der auch das Photographieren zu einem schweren Frevel machen würde.

Was bedeuten diese photographische Scheitern für die nichtsdestoweniger dichte Photobebilderung der Werke Sebalds? Offenbar besteht ein Dilemma zwischen der Gier, den flüchtigen Augenblick – die Begegnung unter Mitreisenden ist ein Augenblicksabenteuer – festzuhalten und ihnen vermittels dieser neuzeitlichen Vitrifikation der Photographie einen Anteil am ewigen Leben zu sichern, und dem Wissen, ihm damit tödliches Unrecht zu tun. Sind alle Bilder im Text gescheiterte Bilder? Sind allein die läppischen Bilder von Eintrittsbillets und Fahrkarten unschuldig aufgrund ihrer minimalen Fallhöhe? Stehen die durch Knopfdruck entstandenen Bilder der Kamera in einem Gegenstrom zur aufwendigen Rekonstruktion des Augenblicks in der Prosa?

Auf der Fahrt durch die Normandie teilt Selysses das Abteil mit einer einzelnen und, wie es scheint, ein wenig exzentrischen Dame. Daß auch sie sich fremd bleiben, ist zurückblickend vielleicht nicht der größte Verlust, den er verschmerzen muß: In meinem Abteil saß eine gefiederte Dame mit einer Menge verschiedener Hutschachteln. Sie rauchte eine große Brasilzigarre und sah durch den blauen Qualm manchmal auffordernd zu mir herüber. Ich wußte aber nicht, wie ich sie ansprechen sollte, und starrte in meiner Verlegenheit fortwährend auf die weißen Glacéhandschuhe mit den vielen Knöpfen, die neben ihr auf dem Sitzpolster lagen.

Blickkontakt zwischen Selysses und seinen Mitreisenden stellt sich mühelos und andauernd her während einer Autofahrt in den Vereinigten Staaten. Die Überholvorgänge verliefen so langsam, daß man, während man Zoll für Zoll sich nach vorn schob oder zurückfiel, sozusagen zu einem Reisebekannten seines Spurnachbarn wurde. Beispielsweise befand ich mich einmal eine gute halbe Stunde in Begleitung einer Negerfamilie, deren Mitglieder mir durch verschiedene Zeichen und wiederholtes Herüberlächeln zu verstehen gaben, daß sie mich als eine Art Hausfreund bereits in ihr Herzgeschlossen hatten, und als sie an der Ausfahrt nach Hurleyville in einem weiten Bogen von mir sich trennten, da fühlte ich mich eine Zeitlang ziemlich allein und verlassen. - Jeder reist unbedrängt in seinem eigenen Gehäuse und weiß, der Reisekontakt wird ohne, und dann möglicherweise widrige, Folgen bleiben.

Die letzte der neuzugestiegenen Fahr­gäste war eine junge Frau mit einem braunen Samtbarett und lockigem Haar, in der ich auf den ersten Blick und, wie ich mir sagte, ohne den allergeringsten Zweifel, Elizabeth, die Tochter James I, erkannte, die als die Winterkönigin bekannt geworden ist. Diese junge Frau aus dem englischen siebzehnten Jahrhundert war, kaum hatte sie Platz genom­men und in ihrer Ecke sich eingerichtet, auf das tiefste versenkt in ein Buch, welches den Titel Das böhmische Meer trug und verfaßt war von einer mir unbekannten Autorin namens Mila Stern. Ich trat hinaus auf den Gang. Als nun ein allmählich eintretendes Schneetrei­ben diesen im Vorbeigleiten fortwährend sich verschiebenden, im wesentlichen aber unver­ändert bleibenden Prospekt mit einer feinen, fast waagrechten Schraffur überzog, war es mir auf einmal, als seien wir auf dem Weg hinauf in den hohen Norden, als näherten wir uns bereits der äußersten Spitze der Insel Hokkaido. Die Winterkönigin, von der ich insgeheim vermutete, daß sie diese Verwandlung der Rheinlandschaft bewirkt hatte, war gleichfalls auf den Gang herausgekommen und stand, das schöne Schauspiel betrachtend, bereits eine längere Weile neben mir, bis sie mit einem kaum wahr­nehmbaren englischen Tonfall in der Stimme und, wie es mir schien, ganz für sich allein die folgenden Zeilen sagte: Rosen weiß verweht vom Schnee, Schleier schwärzer als die Kräh’, Handschuh weich wie Rosenblüten, Masken das Gesicht zu hüten. Daß ich darauf damals nicht zu erwidern wußte, nicht wußte, wie er weiterging, dieser Winter­vers, daß ich, aller inneren Bewegung zum Trotz, nichts herausbrachte, dumm und stumm nur stehenblieb und weiter hinausschaute auf die nahezu vergangene Dämmerwelt, das hat mich seither schon oft sehr gereut und gedauert. Bald weitete das Rheintal sich aus, in der Ebene erschienen die glitzernden Wohntürme, und der Zug rollte hinein nach Bonn, wo die Winter­königin, ohne daß ich noch etwas zu ihr hätte sagen können, ausgestiegen ist. Seither habe ich immer wieder und bislang vergebens versucht, wenigstens das Buch Das böhmische Meer ausfin­dig zu machen; es ist aber, obschon zweifellos für mich von der größten Wichtigkeit, in keiner Bibliographie, in keinem Katalog, es ist nirgends verzeichnet.

Die Winterkönigin ist ohne jeden Zweifel die Königin der Mitreisenden des Selysses. Sie hat vermutlich ein reales, im weiteren aber umgehend verzaubertes Substrat, und es ist nicht eindeutig auszumachen, wo das eine aufhört und das andere anfängt. Nicht völlig auszuschließen ist auch nur, daß es sich bei der ganzen Episode um ein Traumbild handelt, hatte Selysses doch bereits zu Beginn der Schwindel.Gefühle auf der Zugfahrt von Wien nach Venedig einen Traum voller Schnee- und Wintereindrücke geträumt: Glühend, transparent, feuerspeiend und funkenstiebend die Spitze des Schneebergs, hineinragend in die letzte Helligkeit des Himmels, an dem die seltsamsten graurosafarbenen Wolkengebilde trieben und zwischen diesen die Winterplaneten und die Sichel des Mondes. Es bestand für mich im Traum keinerlei Zweifel, daß es sich bei dem Vulkan um den Schneeberg handelte. – Mit großer Wahrscheinlichkeit aber können wir annehmen das eine recht beliebige Frau den Zug besteigt, um sich ohne Umschweife aufgrund einiger eher äußerlicher Attribute für den Dichter in die englische Königstochter Elizabeth zu verwandeln. Sie vertieft sich in Erfüllung ihrer Rolle als Königin von Böhmen in ein allem Anschein nach nichtexistentes Buch einer nichtexistenten Autorin betreffend den fiktiven Handlungsort in Shakespeares Komödie Ein Wintermärchen. - Mila bedeutet im Slawischen liebe, apostrophiert der Dichter Ingeborg Bachmann mit ihrem Gedicht Böhmen liegt am Meer als den lieben, hellen Stern der Poesie und verbirgt sie unter diesem Namen? Kann andererseits gerade in dem Augenblick, als von Böhmen die Rede ist, der sonst im Buch durchgängig anwesende Kafka abwesend sein, schimmert vielleicht hinter der Bachmann Milena Jesenska hervor, der liebe Herbststern im Leben des Dichters, der Winterkönigin nur wenig voraus im Jahresablauf, denn ihr Name klingt wie von Jesen, Herbst, abgeleitet. - Man kann und soll es nicht wissen.*

Der Dichter betrachtet die Winterkönigen beharrlich aber ohne jedes Photographiergelüst. Die lesende Winterkönigin erwidert seine Blicke nicht. Dafür richtet sie auf dem Gang des Waggons, allerdings indirekt, das Wort an ihn, ganz gemäß ihrer Rolle mit englischem Akzent und mit Worten ihres Zeitgenossen Shakespeare in umstrittener deutscher Übersetzung, wie sie sie offenbar gerade ihrem Buch über das böhmische Meer entnommen und memoriert hat. - Grenzt hier ein Wort an mich, so laß ich's grenzen.

Der Dichter aber steht nur dumm und stumm da. Die Schwindel.Gefühle sind das Buch eines mehr oder weniger Stummen, gleich zu Anfang erfahren wir bereits vom Zustand seiner anhaltenden Sprachlosigkeit, ein Zustand, der sich bis zum Ende nicht ernstlich bessert. Stumm geblieben zu sein in diesem Augenblick habe ihn seither schon oft gereut und gedauert, aber wer sagt uns, daß die Reue nicht noch größer gewesen wäre, hätte er das Wort an sie gerichtet, an sie, die so sang- und klanglos in Bonn aus dem Zug gestiegen war. Hätte ein Austausch von Worten mit der Winterkönigin ihr Bild nicht gründlicher noch zerstört als eine Photographie? Ist nicht allein das nachholende, aufgeschriebene Wort ihr angemessen?

Die Winterkönigin erscheint wie die Verdichtung des ganzen Buches zu einer Miniatur. Die Schwindel.Gefühle sind ein Buch voller Klarsicht und Nebel, Schlaflosigkeit und Traum, reale und erdachte, wahrgenommene und halluzinierte Gestalten reisen mit. Ein Buch voll schwindelerregender Verwandlungen, Stendhal trifft in Begleitung der körperlosen Mme Gherardi den Jäger Gracchus, bevor ihn Kafka noch erfunden hat, der Jäger wandert, dabei das Bahnhofspissoir in Desenzano aufsuchend, nach W., wo er sich als Hans Schlag ausgibt, als den ihn der junge Selysses kennenlernt und auch Zeuge wird, wie der Doktor Piazolo ihm, der nicht sterben kann, den Totenschein ausstellt.

Was bedeutet das für uns, die wir uns als Mitreisende des Dichters sehen. Er wird uns nicht weniger rätselhaft bleiben als ihm die Winterkönigin, und wir müssen Sorge tragen daß wir in der Begegnung mit ihm nicht dumm und stumm dastehen. Zu einer Verwechslung zwischen dem Dichter und dem mitreisenden Leser wird es nicht kommen, auch wenn beim fortwährenden Lesen schon einmal ein übermütiges Gefühl aufkommen mag ähnlich dem, das sich einstellte, als man vor langen Jahren auf dem Schoß des Großvaters sitzend, weit über das wirkliche Vermögen hinausgehend, das Steuerrad des fahrenden Autos betätigen durfte. Auch eine Verwechslung zwischen den mitreisenden Lesern wird nicht stattfinden, denn wie auf den amerikanischen Highway reisen wir beim Lesen ein jeder in seinem separaten Fahrgehäuse, das unterscheidet uns, denen es mit jedem vergehenden Jahr unmöglicher wird, uns unter ein Publikum zu mischen, von den Besuchern der Theater und Lichtspielhäuser.

*Christian Wirth billigt die phantastische Crew und komplettiert sie aus seemännischer Sicht: Mir schwebt - wie kann das bei Odysseus anders sein - noch ein anders nettes Bild vor. Stern heißt im Tschechischen wie auch im Englischen Heck. Die Winterkönigin, Ulysses, Selysses, Kafka, Bachmann, Susi Ahoi und James Joyce sitzen dort auf dem Dreimaster (mit Kurs auf Innerfern) vor Korsika im Böhmischen Meer ...

Kommentare:

Christian Runkel hat gesagt…

Das läßt den Wunsch groß werden, einmal zusammen mit P.O. per Eisenbahn durch ganz Europa zu fahren, in der sicheren Erwartung, Kafka, die Winterkönigin und andere Berühmtheiten zu treffen. Ich kann zu dieser Reise das von meiner Mutter ererbte Talent, Ähnlichkeiten zwischen Menschen zu entdecken, beisteuern. Sie hatte, damals schon etwas verwirrt, einen Krankenpfleger, den sie mir als Walter Kempowski ankündigte. Als er das Zimmer betrat, war ich nicht wenig überrascht, er sah dem Schriftsetller wirklich ähnlich.

Peter Oberschelp hat gesagt…

Selbst habe ich immer das starke Gefühl, daß besser zu Hause bleibt, wer von seinen Reisen nicht so berichten kann wie Selysses, und wer kann das schon. Die Kleinen Sebaldstücke sind insofern auch der Versuch, mir vielleicht doch das Recht auf kleinere Ausflüge in die nähere Umgebung zu erschreiben.