Dienstag, 29. Juli 2008

Selysses und die Empfangsdamen - Gesammelte Empfänge

Penelope und die fernen Wirtinnen

Pocas mujeres encontré

Penelope Peacefull, London
Die Inhaberin des Antiquariats, Penelope Peacefull, eine sehr schöne, von mir seit vielen Jahren bewunderte Dame, saß, wie es stets ihre Gewohnheit gewesen war in den Morgenstunden, leicht seitwärts an ihrem mit Papiersachen und Büchern befrachteten Schreibsekretär und löste linkshändig das Kreuzworträtsel auf der letzen Seite des Telegraph. Ab und zu lächelte sie zu mir herüber, dann wieder blickte sie tief in Gedanken auf die Gasse hinaus. (AUS 207)



Luciana Michelotti, Hotel Sole Limone
... und drinnen, im Dunkel hinter der Theke, stand die Wirtin Luciana Michelotti, gleichfalls allein, und stocherte mit einem kleinen Silberlöffel gedankenverloren in der Espressotasse, die sie gerade ausgetrunken hatte. Die mir als resolut und lebensfroh in Erinnerung gebliebene Frau machte an diesem Tag, der, wie ich später erfuhr, ihr 44. Geburtstag gewesen war, einen schwermütigen, wo nicht gar untröstlichen Eindruck. Mit auffälliger Langsamkeit nahm sie das Registrationsgeschäft vor, blätterte in Verwunderung vielleicht über meine Gleichaltrigkeit mit ihr, in meinem Paß, verglich mehrmals mein Gesicht mit der Photographie, wobei sie mir einmal lang in die Augen schaute, verschloß das Dokument zuletzt bedachtsam in seiner Lade und händigte mir den Zimmerschlüssel aus. (SG 104 )

Engelwirtin, Wertach
Hinter der Rezeption im Engelwirt war, nachdem sich auf mein Läuten lang nichts gerührt hatte, eine sehr wortkarge Dame aufgetaucht. Ich hatte nirgends eine Tür gehen hören, nirgends sie hereinkommen sehen, und doch war sie auf einmal dagewesen. Mit unverhohlener Mißbilligung musterte sie mich, sei es wegen meiner von der langen Wanderschaft in Mitleidenschaft gezogenen äußeren Erscheinung, sei es wegen meiner ihr unerklärlichen Geistesabwesenheit. Ich verlangte ein Zimmer zur Straße hinaus im ersten Stock, vorerst auf unbestimmte Zeit. Obzwar es ohne weiteres möglich sein mußte, meinem Wunsch zu entsprechen, weil auch im Gastgewerbe im November der Totenmonat ist, in welchem das in dem leeren Haus verbliebene Personal den abgewichenen Gästen nachtrauert, als seien sie wirklich auf ewig abgereist, obzwar also ein zur Straße hinaus gelegenes Zimmer im ersten Stock ohne jeden Zweifel verfügbar war, blätterte die Rezeptionsdame vorwärts und rückwärts in ihrem Register herum, ehe sie mir die Schlüssel aushändigte. Dabei hielt sie, als sei es ihr kalt, mit der Linken die Strickjacke zusammen und erledigte umständlich und ungeschickt alles nur mit der anderen Hand, wodurch sie, wir mir schien, sich Bedenkzeit gewinnen wollte diesem eigenartigen Novembergast gegenüber. Den ausgefüllten Anmeldezettel, auf dem ich als Berufsbezeichnung "Auslandskorrespondent" und meine komplizierte englische Adresse angegeben hatte, studierte sie mit hochgezogenen Augenbrauen ... (SG 208)

Namenlos, Kissingen
Das Hotel war soeben von Grund auf renoviert worden in dem in Deutschland unaufhaltsam sich ausbreitenden neuimperialen Stil, welcher diskret mit Blaßgrün und Blattgold die Geschmacksverirrungen früherer Jahre überblickt. Die Empfangsdame, die etwas von einer Oberin an sich hatte, maß mich mit ihren Blicken, als befürchte sie einen Hausfriedensbruch, und als ich den Lift betrat, befand ich mich einem gespenstischen alten Ehepaar gegenüber, das mich mit einem Ausdruck unverhohlener Feindseligkeit, wo nicht gar des Entsetzens anstarrte.

Namenlos, Viktoriahotel Lowestoft
Eine ganze Zeitlang habe ich in dem leeren Entree gestanden und bin durch die sogar mitten in der Saison – wenn von einer Saison in Lowestoft überhaupt die Rede sein kann – völlig verlassenen Räume gewandert, ehe ich auf eine verschreckte junge Frau stieß, die mir nach einigem zwecklosen Herumsuchen im Register der Rezeption, einen mächtigen, an einer hölzernen Birne hängenden Zimmerschlüssel reichte. (RS 57)

Dame mit Schwein, Café des Sports Evisa
Eine Stunde später, als ich gerade beim Ausbrechen des Unwetters Evisa erreichte und dort im Café des Sports Zuflucht gefunden hatte, schaute ich lange durch die offene Tür hinaus auf den schräg in die Gasse rauschenden Regen. Der einzige Gast außer mir war ein greiser, mit einem wollenen Kittel und einem ausgedienten Armeeanorak bereits für die Wintermonate gerüsteter Mann. Seine vom Star getrübten Augen, die er gleich einem Blinden etwas aufrecht gegen die Helligkeit gerichtet hielt, waren von derselben eisgrauen Farbe wie der Pastis in seinem Glas. Es schien mir nicht, als ob er die seltsam theatralisch wirkende weibliche Person wahrgenommen hätte, die nach einiger Zeit unter ihrem Regenschirm draußen vorbeiging, oder auch das halbwüchsige Schwein, das ihr auf dem Fuß folgte. Er blickte nur immer unverwandt nach oben und drehte dabei gleichmäßig mit dem Daumen und dem Zeigefinger seiner rechten Hand den sechskantigen Stiel seines Glases Ruck für Ruck weiter, so gleichmäßig, als habe er in seiner Brust statt eines Herzens das Räderwerk einer Uhr. Aus dem Kassettenrekorder hinter der Theke drang eine Art von türkischem Trauermarsch und zwischendurch eine hohe, aus dem Kehlkopf hervorgepreßte Männerstimme ... (CS 223)

Mrs. Irlam, Manchester
... und wirklich mußte ich mehrmals und anhaltend den Klingelknopf drücken, ehe drinnen etwas in Bewegung geriet und nach einigem Rasseln und Riegelschieben die Tür aufgetan wurde von einer vielleicht nicht ganz vierzigjährigen, blondgelockten, auch sonst irgendwie gewellt und loreleiartig wirkenden Dame. Eine Zeitlang standen wir uns wortlos und wohl beide mit dem Ausdruck des Unglaubens im Gesicht gegenüber, ich neben meinem Reisegepäck und sie in ihrem rosafarbenen Morgenmantel, der geschneidert war aus einem frotteeähnlichen, einzig in den Schlafzimmern der unteren englischen Klassen Verwendung findenden und unerklärlicherweise mit dem Wort candlewick bezeichneten Stoff. Mrs. Irlam – Yes, Irlam like Irlam in Manchester, hörte ich sie später immer wieder am Telefon sagen -, Mrs. Irlam brach das Schweigen zwischen uns mit der ihre Aufgeschrecktheit und ihre Belustigung über meinen Anblick in eins zusammenfassenden Frage: And where have you sprung from?, die sie gleich selbst beantwortete, daß es nur ein Ausländer – an alien, wie sie sagte – sein könne, der mit solchem Koffer und zu einer solchen Unzeit am heiligen Freitagmorgen vor der Tür stehe. Und dann wandte sich Mrs. Irlam mit einem geheimnisvollen Lächeln, das ich als ein Zeichen auffaßte, ihr folgen zu dürfen, ins Innere des Hauses ... (AW 223)

Namenlos, Goldene Traube Verona
... in die Goldene Traube gefahren, wo, wider alles Erwarten, ein mir in jeder Hinsicht zusagendes Zimmer zu haben war und wo ich, der ich doch zumeist schlecht bedient werde, von einem an Ferdinand Bruckner mich erinnernden Portier und der anscheinend eigens in der Halle sich einfindenden Geschäftsführerin des Hotels mit der ausgesuchtesten Zuvorkommendheit behandelt wurde, nicht anders als hätten sie in mir einen seit langem ihnen in Aussicht gestellten und nun endlich eingetroffenen Ehrengast vor sich. (SG 131)

Namenlos, Palace Hotel Marienbad
Es brauchte eine geraume Zeit, bis der Empfangsportier, der in seiner engen Loge an einem Stehpult stand, von seiner Lektüre aufblickte, um sich den späten Gästen zuzuwenden mit einem kaum hörbar gemurmelten Dobry vecer. Dieser ungemein magere Mann, an dem einem als erstes auffiel, wie sich, trotzdem er nicht mehr als vierzig sein konnte, seine Stirne fächerförmig in Falten legte, erledigte mit der größten Langsamkeit, beinahe so als bewegte er sich in einer dichteren Atmosphäre, ohne ein weiteres Wort die notwendigen Formalitäten, verlangte unsere Visa zu sehen, blätterte in den Pässen und in seinem Register herum, machte mit einer kraxligen Schrift einen längeren Eintrag in ein kariertes Schulheft, ließ uns einen Fragebogen ausfüllen, kramte in seiner Schublade nach dem Schlüssel und brachte schließlich durch das Läuten einer Klingel einen krummen Dienstmann herbei, der einen mausgrauen, ihm bis zu den Knien reichenden Nylonkittel trug und, nicht anders als der Empfangschef des Hauses, geschlagen war von einer seine Glieder lähmenden krankhaften Müdigkeit. (AUS 300)

Signora mit Vogelblick und Orlando, Hotel Boston Mailand
Wir hielten vor dem Hotel Boston, einem ungut und schmalbrüstig aussehendem Haus. Ich stieg die paar Stufen zu dem seltsamen Hospiz hinauf und wartete drinnen in dem kaum beleuchteten Foyer, bis die Signora, ein fast völlig ausgetrocknetes Wesen von sechzig oder siebzig Jahren, aus dem Fernsehzimmer hervorgekommen war. Skeptisch hielt sie den Vogelblick auf mich gerichtet und rief ihren Mann, der auf den Namen Orlando hörte und nun ebenfalls aus dem Fernsehzimmer herauswankte, wo er, wie die Signora, in tiefem Dämmer versunken gesessen war. Eine ungeheuer lange Zeit schien es mir zu dauern, bis er den kleinen Vorraum durchquert und neben seiner Frau hinter dem hohen, den beiden nahezu bis zu den Schultern reichenden Rezeptionspult Aufstellung genommen hatte. (SG 124f)

Namenlos, Guesthouse Ithaca
Es dauerte eine beträchtliche Zeit, bis aus dem Inneren des offenbar schon schlafenden Hauses ein greiser Portier herbeikam, der so stark vornübergebeugt ging, daß er mit Sicherheit nicht imstand war, von seinem Gegenüber mehr als die Beine und den Unterleib wahrzunehmen. Aufgrund seiner Behinderung hatte er, bereits vor er sich anschickte, die Halle zu durchqueren, den draußen vor der halbverglasten Türe wartenden späten Gast von unten herauf mit einem kurzen, aber um so durchdringenderen Blick ins Auge gefaßt. Wortlos begleitete er mich über eine wunderbare Mahagonistiege – man hatte auf ihr gar nicht das Gefühl des Treppaufgehens, sondern schwebte gewissermaßen hinan – in die oberste Etage, wo er mir ein geräumiges, nach hinten hinaus gelegenes Zimmer anwies. (AW 156 )

Empfangsdamen in Archiven und Museen

Namenlos, Ghettomuseum Theresienstadt
Ich stieg die Stufen hinab und betrat den Vorraum, in dem hinter einer Art Kassentisch eine Dame unbestimmten Alters saß in einer lilafarbenen Bluse und mit einer altmodisch gewellten Frisur. Sie legte die Häkelarbeit, mit der sie beschäftigt war, beiseite und reichte mir, indem sie sich ein wenig verneigte, das Eintrittsbillet. (AUS 285)

Namenlos, Casa Bonaparte Ajaccio
Die dämmrige Vorhalle war verlassen. Auch der Platz an der Kasse schien leer. Erst als ich unmittelbar am Tresen stand und gerade meine Hand ausstreckte nach einer der dort ausgestellten Ansichtskarten, sah ich, daß hinter dem Tresen in einem schwarzledernen zurückgekippten Bürosessel eine jüngere Frau saß, ja, beinahe hätte man sagen können, lag. Man mußte förmlich über den Tresenrand zu ihr hinunterschauen, und dieses Hinunterschauen auf die wahrscheinlich nur vom vielen Stehen ausruhende und vielleicht ein wenig eingeschlummerte Kassiererin der Casa Bonaparte war einer jener seltsam zerdehnten Augenblicke, an die man sich Jahre später noch manchmal erinnert. Als die Kassiererin sich erhob, zeigte sich, daß sie eine Dame war von sehr stattlichem Format. Man konnte sie sich vorstellen auf einer Opernbühne, wie sie, erschöpft vom Drama ihres Lebens, lasciate mi morir oder sonst eine letzte Arie singt. (CS 12)

Tereza Ambrosova, Staatsarchiv Prag
Man mußte sich weit hinabbeugen zu dem viel zu niedrigen Schalter, wenn man mit dem Türhüter sprechen wollte, der allem Anschein nach in seinem Verschlag auf dem Fußboden kniete. Obzwar ich meinerseits bald dieselbe Stellung einnahm, gelang es mir auf keine Weise, mich verständlich zu machen, sagte Austerlitz, weshalb der Türhüter schließlich mit einer langen Suada, aus der ich nichts als die mehrmals mit besonderem Nachdruck wiederholten Worte anglicky und Anglican heraushörte, aus dem Inneren des Hauses eine der Archivangestellten herbeitelephonierte, die tatsächlich gleich darauf, noch während ich auf dem Pult eines der Besuchsformulare ausfüllte, wie aus dem Boden gewachsen, wie man sagt, sagte Austerlitz, neben mir stand. Tereza Ambrosova, so stellte sie sich mir vor, indem sie mich zugleich in ihrem etwas ungelenken aber sonst durchaus korrekten Englisch nach meinem Anliegen fragte, Tereza Ambrosova war eine blasse, beinahe transparente Frau von vielleicht vierzig Jahren. (AUS 213)

Funktionärinnen des Verkehrs

Namenlos und dunkel, U-Bahnschacht in London
Jetzt also stand ich auf dem Trottoir vor dem Eingang zu der fraglichen Station und brauchte, um mir die Mühe des letzten Wegstücks zu ersparen, bloß einzutreten in die dunkle Vorhalle, in der außer einer sehr schwarzen, in einer Art Schalterhäuschen sitzenden Negerfrau nicht ein lebendiges Wesen zu sehen war. (SG 283 )

Namenlos und unsichtbar, Flughafen Schiphol
Ab und zu wurde von den offenbar körperlosen, engelsgleich ihre Botschaften intonierenden Stimmen jemand aufgerufen. Passagiers Sandberg en Stromberg naar Copenhagen. Mr. Freeman to Lagos. La senora Rodrigo, por favor. Über kurz oder lang würde die Reihe an jeden der hier Versammelten sein. (RS 111)

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