Montag, 21. September 2009

Max Aurach

Το βλέμμα του Σελυσσέα

Aż do dwudziestego roku życia nie oddalałęm się bardziej od domu niż o jakieś pięć, sześć godzin jazdy pociągiem

Zu Beginn der Erzählung Max Aurach ist Selysses mit sich beschäftigt, hat sich selbst im Blick. Erzählt wird von seiner ersten, seiner Urreise. Welche Schwindelgefühle ihn auf seinen späteren Reisen, auch im weiteren Verlauf dieser Erzählung, auch ankommen mochten, er hatte einen festen Ort im Rücken, zu dem er heimkehren würde. Hier ist er auf seiner Auswanderungsreise, ein Zurück wird es nicht geben. Nachdem das falsche Gefühl der Zuversicht sich gelegt hat, empfindet er ein unbegreifliches Gefühl der Unverbundenheit und sehr leicht hätte er sich aus dem Leben entfernen können. Die erste seiner zahlreichen Wirtinnen, Gracie Irlam, nimmt ihn auf, aber mehr als sie selbst ist es der ihm aufs Zimmer gebrachte Teeapparat gewesen, der ihn durch das nächtliche Leuchten seines Zifferblattes, sein leises Sprudeln am Morgen und sein bloßes Dastehen untertags am Leben festhalten ließ. Die Stimmung der Pension Arosa mit den travelling gentlemen that come and go und den bunten Damen, the travelling gentlemen’s companions ist, verdeckt durch die so ganz anders verlaufende Prosa Sebalds und doch kaum übersehbar, die eines Kafkaschen Gasthofs. Im weiteren Verlauf scheint Gracie Irlam eine Verwandlungskarriere ähnlich der der Rachel bei Proust zu durchlaufen, wenn auch bei weitem weniger hochfahrend, wir treffen sie wieder als das Malermodell G.I. on her Blue Candlewick Cover und als die Flügelhornistin Gracie Irlam.

Wenn der Betrieb unter der Woche das Leben noch auf irgendeine Weise mit sich trägt, so wurde Selysses in dem an den Sonntagen vollkommen verlassenen Hotel von einem solch überwältigenden Gefühl der Ziel- und Zwecklosigkeit erfaßt, daß er, um wenigstens die Illusion einer gewissen Ausrichtung zu haben sich auf den Weg in die Stadt Manchester machte. Schon bei ersten Einfahrt nach Manchester vom Flughafen her war die Stadt so gut wie menschenleer gewesen, auf den sonntäglichen Spaziergängen wirkt sie wie von sich selbst geräumt. Unter dem Blick des Selysses gewinnt Manchester durchaus die Atmosphäre von dunkel futuristischen Endzeitfilmen. Inmitten der Ödnis von Angel Fields bin ich auf einen kleinen Knaben gestoßen, der in einem Wägelchen eine aus ausgestopften alten Sachen gemachte Gestalt bei sich hatte und der mich, also wohl den einzigen Menschen, der damals in dieser Umgebung unterwegs gewesen ist, um einen Penny bat für seinen stummen Gesellen. Im verlassenste Eck der Geisterstadt – so unbegreiflich still war es, daß ich die Seufzer hörte in den leeren Lagertennen und Speicher – findet er den offenbar einzigen Bewohner, den Maler Aurach, der dort seit Ende der vierziger Jahre arbeitete, Tag für Tag zehn Stunden, den siebten Tag nicht ausgenommen; der Maler, dem der Staub viel näher ist als das Licht, die Luft und das Wasser.

Die Frage nach der Besonderheit des Menschen vor aller Kreatur beantworten viele mit dem göttlichen Schöpfungsverlauf, andere mit der Vernunft, wieder andere mit der Sprache. Eine andere ins Feld zu führende, die anderen angeführten Ansätze möglicherweise übergreifende Fähigkeit wäre die, von sich absehen zu können, zurückzutreten auch von der Welt für einen besseren Blick auf sie, auf sich selbst und vor allem auf die anderen. In der Liebe, in der Kunst und in der Erkenntnis wird dieses Vermögen zum Glück und Stolz des Menschen. Da aber nichts ohne Kehrseite ist, wird das Vermögen dem Menschen auch zur Last, denn er kann nicht länger in Ruhe bei sich und einer ebenfalls auf sich beruhenden Welt bleiben.

Verschiedene Erzählungen Sebalds beginnen damit, daß ein mit sich allein gelassener Selysses sich in Schwindel- und noch ärgere Gefühle verliert. Die Welt geht ihm verloren, und sie und sich findet er erst wieder, wenn er seinen Blick auf einen anderen Menschen eingestellt hat, dessen Leben verfolgt und uns von ihm erzählt. Hier ist es der Maler Aurach, dessen Name wie ein leicht verunglücktes Anagramm auf das alte Manchester der rauchenden Schlote wirkt, das er Selysses vor Augen hält, und dessen Rauch fortlebt im Staub seines Ateliers. Selysses folgt Aurach zum Isenheimer Altar und zu Grünewald, diesem seltsamen Mann, dessen Weltsicht sich in den verrenkten Gliedern und den Farben ausbreitet wie eine Krankheit; Selysses sieht ab von sich, indem er auf Aurach schaut, der schaut auf Grünewald und trifft sich dort mit Selysses. Selysses trifft mit Aurach ferner den Butterflyman und lernt Aurachs gesichtsloses Porträt Man mit a Butterfly Net kennen. Er träumt Aurachs Traum und weiß angesichts des gnomenhaften Jerusalemer Tempelchens zum ersten Mal in seinem Leben, wie ein wahres Kunstwerk aussieht. – Wie immer die Hochschätzung des Tempelmodells im einzelnen zu deuten sein mag, in jedem Fall ist es eine Rückwendung von Manchester, dem Neuen Jerusalem der gigantomanen Industrialisierung, über den Jerusalemer Tempel hinaus zu dessen Miniaturabbild.

Die Lange Erzählung Ambros Adelwarth schließt mit dem Blick auf Jerusalem, hier ist eine in sich geschlossene kurze Erzählung zum Ende gekommen, aber noch keine lange. Die vier Langen Erzählungen in den Ausgewanderten definieren sich offenbar weniger durch ihre absolute Länge als durch den Umstand, daß der Erzählfaden abermals und wiederholt aufgenommen wird, so daß wir zwei kurze Lange, Selwyn und Bereyter, und zwei lange Lange Erzählungen, Adelwarth und Aurach, zählen. In Max Aurach wird der Erzählfaden noch dreimal neu aufgenommen, für Aurachs Lebensgeschichte als in Deutschland aufgewachsener und dann nach England ausgewanderter Jude, für das Tagebuch seiner Mutter und für die Spurensuche des Selysses.

Nach Ende dieser kurzen Erzählung verliert Selysses Aurach aus den Augen, Jahre werden übersprungen, in denen auch kein Blick zurück auf Selysses geworfen wird. Selysses trifft Aurach - inzwischen ein arrivierter Maler, ohne daß das an seinen Tagesabläufen irgend etwas geändert hätte - wieder in einem ihm gewidmeten Artikel einer Zeitschrift und studiert auf einer dem Text beigegeben das dunkle, ins Abseits blickende Auge des Malers. Der Zeitschrift entnimmt er auch erste Daten zu Aurachs Leben, denn seinerzeit hatten sie aufgrund unbegreiflicher Hemmungen und Scheu vermieden, das Gespräch auf die Herkunft Aurachs zu bringen. Drei Tage haben die beiden dann geredet und sich berichtet über ihr Leben, wobei die Erzählung ausschließlich den Aurach betreffenden Auskünften folgt.

Alle vier langen Erzählungen münden in eine Finale, das die Vernunft aus ihrer Bahn wirft, und schließen auf der Note eines schönen irrlichtenden Bedeutungsübermuts; in die zu den einzelnen Erzählungen hinleitende kurze Präsentation der Ausgewanderten wurden die vier abschließenden wilden Sätze oder Satzfragmente aufgenommen.

Das Tagebuch des Ambros Adelwarth in der gleichnamigen langen Erzählung, erfüllt von den Farben, Klängen und Parfums des Orients hat das entsprechende surreale Potential, so daß es am Ende der langen Erzählung stehen kann. Das Tagebuch der Luisa Lanzberg, bei dem es sich um den vom Dichter nur wenig retouchierte realen Bericht der Thea G. handelt, besticht dagegen durch seine schlichte Unmittelbarkeit und kann nicht zum Finale der Erzählung führen. Die Erzählung schließt daher mit der Spurensuche und ersten Blicken des Selysses.

Wie in der Erzählung Ambros Adelwarth beginnt die Erkundigung mit einer Reihe unmittelbar von Selysses wahrgenommener Reisebilder. Während die Amerikareisen in der Adelwartherzählung eher angenehme Eindrücke hervorrief, etwa die der Negerfamilie im Nachbarauto auf der Autobahn, wird die Reise nach Kissingen in Deutschland zu einer Schreckensreise ans Ende der Welt. Da ist zunächst der schwer vor sich hin schnaufende Mitreisende, der in einem fort seine unförmige Zunge herumwälzte, auf der sich noch Essensreste befanden, in seinem halboffenen Mund. Die Beine gespreizt saß er da, Bauch und Unterleib auf eine grauenerregende Weise eingezwängt in eine kurze Sommerhose. Dann die alte Frau, die mit ihrem Federmesser, das sie stets aufgeklappt in der Hand behielt, Schnitz um Schnitz ihren Apfel zerteilte, die abgeschnittenen Stücke zerkiefelte und die Schale in ein Papiertuch spuckte, das sie auf dem Schoß liegen hatte. In Kissingen dann die Empfangsdame, die etwas von einer Oberin an sich hatte, und Selysses maß mit ihren Blicken, als befürchte sie von ihm einen Hausfriedensbruch, schließlich das gespenstische alte Ehepaar, das ihn mit einem Ausdruck unverhohlener Feindseligkeit, wo nicht gar des Entsetzens anstarrte.

Gemessen an den Ergebnissen der Adelwarth betreffenden Amerikareisen bleibt die Fahrt nach Kissingen seltsam unergiebig. Meine Erkundungen hatten zwar vieles zur allgemeinen Geschichte der Kissinger Judenschaft eingebracht, zur besonderen Geschichte der Familie Lanzberg hingegen sehr wenig. Zum Ausgleich hat Selysses dann noch die angenehme Begegnung mit der philosophisch bewanderten Saaleschifferin türkischer Herkunft, eine orientalische Wasserfahrt en miniature also. Sie steuert ihn zur Saline, und er verbringt den ganzen Nachmittag mit dem nach außen gerichteten Blick auf das Wasserschauspiel und dem nach innen gerichteten Blick und dem Nachdenken über die langwierigen und unergründlichen Vorgänge, die beim Höhergradieren der Salzlösung die seltsamen Versteinerungs- und Kristallisierungsformen hervorbringen, Nachahmungen und gewissermaßen Aufhebungen der Natur. – In den Schwindel.Gefühlen hatte Stendhal im langwierigen Prozeß der Kristallisation eine Allegorie für das Wachstum der Liebe in den Salzbergwerken unserer Seelen gesehen.

Die surreale Ebene wird gewonnen, als Selysses das heruntergekommene Midland Hotel in Manchester bezieht - ein Pendant zum Besuch in Deauville in der Adelwartherzählung -, wo er den aus dem Leben strebenden Aurach ein letztes Mal besucht. Manchester verwandelt sich in einem Tagtraum in das seinerzeit polski Manczester genannte Lodsch. Die im Köfferchen eines Wiener Antiquars zum Vorschein gekommenen Bilder – Photographien, wie sie in fast allen Erzählungen den Blick des Selysses unwiderstehlich anziehen - des Buchhalters und Finanzfachmanns Genewein aus dem Ghetto Litzmannstadt zeigen unter grauem, wassergrünem oder weißblauen Himmel eine eigenartige Leere, kaum einmal ist jemand zu sehen, obwohl in Litzmannstadt zeitweise bis zu hundertsiebzigtausend Menschen auf einer Fläche von nicht mehr als fünf Quadratkilometern lebten. In den manufakturmäßig aufgebauten Produktionsstätten dagegen überall Gesichter, ungezählte Gesichter, die eigens und einzig für den Sekundenbruchteil des Photographierens aufgeschaut haben und aufgeschaut haben dürfen von ihrer Arbeit.

Die christlichen Heiligen erleben wir bei Grünewald als die Ungeheuerlichkeit des Leidens, das, ausgehend von den vorgeführten Gestalten, die ganze Natur überzog, um aus den erloschenen Landschaften wieder zurückzufluten in die menschlichen Todesfiguren, das jüdische Heiligtum, der Tempel, erscheint in gnomenhafter Verminderung, der islamische Orient hat sein schwaches Leuchten in der türkischen Flußschifferin, am Ende siegen die heidnischen Heiligen, es wird kein Jüngstes Gericht des Höchsten geben, die Geschundenen des Ghettos werden den Faden zertrennen: Die mittlere der drei jungen Frauen hat hellblondes Haar und gleicht irgendwie einer Braut. Die Weberin zu ihrer Linken hält den Kopf ein wenig seitwärts geneigt, während die auf der rechten Seite so unverwandt und unerbittlich mich ansieht, daß ich es nicht lange auszuhalten vermag. Ich überlege, wie die drei wohl geheißen haben – Roza, Lusia und Lea oder Nona, Decuma und Morta, die Töchter der Nacht, mit Spindel und Faden und Schere.

Die Erzählung schließt mit dem Wort Schere, offenbar das Schneidegerät, das im letzten Wort der Schwindel.Gefühle: 2013 - bereits den Faden der Welt abgeschnitten hatte.

Roza, Lusia i Lea czy Nona, Decuma i Morta, córki Nocy, z kądzielą, nicią i nożycami.

Sonntag, 13. September 2009

Sebaldos

Eine Dialogreihe

Zwei Sebaldianer tauschen ihre Eindrücke und Gedanken aus. Bisweilen gesellt sich ein Dritter hinzu.












Σεβαλδος: Schwindel.Gefühle
Ein Dialog

Σεβαλδος: Paul Bereyter
Ein Dialog

Σεβαλδος: Ambros Adelwarth
Ein Dialog


Σεβαλδος: Max Aurach
Ein Dialog

Σεβαλδος: Luftkrieg
Ein Dialog

Σεβαλδος: Nabokow
Ein Dialog

Σεβαλδος: Die Ringe des Saturn
Ein Dialog

Σεβαλδος: Austerlitz
Ein Dialog

Σεβαλδος: Moments musicaux
Ein Trilog

Σεβαλδος: Korsika

Ein Dialog


Samstag, 12. September 2009

Sebaldos: Schwindel.Gefühle

Ein Dialog

Χριστιανος
Angeregt durch Deine Schriften, Περεκράτης, habe ich mich entschlossen, das Werk des Σεβαλδος zur Gänze ein weiteres Mal zu lesen. Die Bände Nach der Natur und Schwindel.Gefühle konnte ich nun schon schließen, nicht ohne ein Glücksgefühl.

Περεκράτης
Das freut mich für beide Seiten, Χριστιανος, denn so wie der Σεβαλδος jeden guten Leser verdient, verdient auch jeder gute Leser den Σεβαλδος.

Χριστιανος
Ich habe die Schwindel.Gefühle jetzt zum dritten Mal gelesen und fühle mich vom Autor gut behandelt, würde ihn sicherlich auch mögen, wenn ich ihm begegnen könnte.

Περεκράτης
Über den Σεβαλδος wissen wir nicht viel, jedes Buch ist natürlich das Werk eines Autors, eines Menschen, aber vom Menschen als Autor können wir nicht ohne weiteres auf den Menschen im Leben schließen, denke ich.


Χριστιανος
In Nach der Natur lese ich, daß die Natur kein Gleichgewicht kennt, sondern blind ein wüstes Experiment macht ums andere und wie ein unsinniger Bastler schon ausschlachtet, was ihr gerade erst gelang Aber es ist ja auch eine Erlösung in der Nähe – die Kranken des Isenheimer Stifts werden in die Nähe der grausamen Bilder gebracht, um heil zu werden. Das ist ein christliches Motiv.

Ich selbst teile heimlich die Autoren nach dem Kriterium auf, ob sie den Glauben des Updeikos an den grundsätzlich guten Urgrund der Welt teilen oder nicht. This world is not a horror-show, hat Updeikos als junger Mann, sich selbst tröstend, ins Tagebuch geschrieben und daraus gefolgert: Therefore God exists. Natürlich würde Σεβαλδος dies nie schreiben. Er läßt sein Schwindel.Gefühle in einem apokalyptischen Großfeuer enden, dessen Beschreibung er dem Tagebuch Samuel Pepys entnimmt. Es handelt sich um das Great Fire of London aus dem Jahr 1666, aber Σεβαλδος läßt die Worte Pepys so in die Schilderung einer 1987 stattfindenden Zugfahrt aus London heraus einfließen, daß man am Ende nicht mehr recht weiß, ob sich hier nicht Vergangenheit und Gegenwart mischen, möglicherweise sogar unter Einbeziehung der Zukunft, denn ganz am Ende steht rätselhaft die Jahreszahl 2013 unter dem Kapitel.

Περεκράτης
Ob der Updeikos sein Lebtag an seiner frühen Setzung unverrückt und unverzagt festgehalten hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Was den Σεβαλδος / Σελυσσες anbelangt, so teilt er auf der Fahrt nach Mailand das Zugabteil mit einer Franziskanerin, die in ihrem Brevier, sowie mit einem jungen Mädchen, das in einem Photoroman liest. Σελυσσες zieht daraufhin seinerseits den Beredten Italiener hervor, ein im Jahre 1878 in Bern erschienenes Hülfsbuch der italienischen Umgangssprache. In diesem Büchlein ist alles auf das beste geordnet gewesen, so als setze die Welt sich tatsächlich bloß aus Wörtern zusammen, als wäre dadurch auch das Entsetzliche in Sicherheit gebracht, als gäbe es zu jedem Teil ein Gegenteil, zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge ein Stück Wahrheit. Σεβαλδος schaut, so muß man annehmen, mit Rührung und Sehnsucht auf die in dem Büchlein bewahrte, längst verflossene schlichte Welt und macht sich sogleich an die Arbeit, das schon vergessene Versprechen zu erneuern, an die Stelle des beredten Italieners den äußerst beredten, durch seine Italienreisen geschulten Alemannen Σελυσσες zu stellen, der die Welt in seinen perfekt ausbalancierten Sätzen in der Waage hält. Das könnte ihm nicht gelingen ohne die Hilfe der in der großen christlichen Kunst unzerstörbar für uns aufbewahrten Wahrheiten, wie immer es um die eigene Religiosität des Σεβαλδος bestellt gewesen sein mag.

Χριστιανος
Ganz besonders gefällt mir auch das Netz an Bezügen und Verweisen, das Σεβαλδος spinnt. Ich sah einmal meinem Vetter Χριστόφορος beim Malen zu, und er erklärte mir, daß er die nach meinem Eindruck immer eher zufällig auf der von Farben überquellenden Palette entstehende dicke Farbwurst auf seinem Pinsel oft an drei oder vier unterschiedlichen Stellen des Bildes nacheinander verwendet. Es wächst dann zusammen, sagte er mir.

Περεκράτης
Wobei man bei Σεβαλδος wohl weniger an eine dicke Farbwurst als an feine Fäden denkt. In den Schwindel.Gefühlen heißt es: Ich füllte mit Hingabe meine Schulhefte mit einem Netzwerk von Zeilen und Zahlen in welches ich das Fräulein Rauch für immer einzuspinnen und zu verstricken hoffte. Der Umstand, daß er bei dem Fräulein Rauch naturgemäß scheitern mußte mit seinem Vorhaben, hat den Σελυσσες nicht weiter entmutigt - so wie ihn auch die Schlichtheit des Beredten Italieners nicht entmutigt hatte - und vielmehr angestachelt, dann eben gleich die ganze Welt und uns alle einzuspinnen und schwindelig zumachen. Σεβαλδος späteres Werk Die Ringe des Saturn ist von vorn bis hinten mit den feinen Fäden des Seidenwurms verwebt.

Χριστιανος
Weil Sebalds Welt beständig von Apokalypsen bedroht ist, sind seine Menschen oft furchtsam und schwermütig. Er müsse „zu den von Haus aus Untröstlichen gerechnet“ werden, wird von dem am Ende freiwillig aus dem Leben scheidenden Dr. Rambousek in Sebalds Heimatdorf berichtet. In diesem Dorf seufzen selbst die Uhren, bevor sie ihr Läuten erklingen lassen, „der Regulator tickte, und immer eh er zu schlagen anhob, ächzte er lange auf, als brächte er es nicht über sich, den Verlust einer weiteren Viertelstunde anzuzeigen“. Auch der untröstliche Franz Kafka erscheint und begleitet über ein Kapitel den Weg Sebalds entlang des Gardasees. Auch hier vermischt sich die Vergangenheit mit der Gegenwart und zwar in einer Weise, daß man beim späteren Nachlesen einzelner Stellen diese erst einmal nicht wiederfindet, weil die Erinnerung sie in einem jeweils anderen Kapitel untergebracht hat.

Auch Kafka ist ja ein klassisch Schwermütiger, aber gerade bei ihm kommen erste Zweifel an der Diagnose einer melancholischen Krankheit auf, die offenbar alle Leute in diesem Buch ergriffen hat. Kafka lacht nämlich auf dem Foto, das in ihm Buch zeigt, und dieses nach meinem Eindruck verräterische Lachen überträgt sich später auf einige der derb-bukolischen Figuren, die da zunächst scheinbar trübsinnig und kaum einer vernünftigen Regung fähig im Wirtshaus von Sebalds Dorf sitzen. Immerhin werden sie von zwei ausgesprochen witzigen, beständig auf Achse befindlichen Motorradfahrern auf das Sorgfältigste betreut – den von außen nicht zu unterscheidenden Herren Dr. Piazolo und Wurmser, Arzt der eine, Pfarrer der andere. Bei Ihnen sehen sich selbst die Rucksäcke so ähnlich, daß eine lustige Vertauschung möglich ist und der Arzt sich mit dem Besteck für die letzte Ölung auf dem Weg macht und der Priester mit dem Arztkoffer. Dies ist also kein Land, in dem es keinen Witz und keine Freude gibt. Selbst der ewig stumme Jäger Hans Schlag bekommt am Ende die Gelegenheit, sich mit der schönen Kellnerin Ramona zu vereinigen, und wie die beiden es unter freiem Himmel und bei knirschender Kälte hinter dem Wirtshaus treiben – der Jagdhund „Waldmann“, am Rucksack des Jägers angebunden, wenige Schritte von den beiden entfernt – das ist ernst und komisch zugleich. Tags drauf hat der Wirt das Mobiliar der eigenen Kneipe zertrümmert, und der Jäger stürzt im verschneiten Wald zu Tode. Da ist die Welt dann wieder in ihrer traurigen Ordnung, allerdings auch nicht ganz, denn der Dr. Piazolo darf sich noch anhören, wie aus des toten Jägers Hose die Melodie „Üb immer Treu und Redlichkeit“ erklingt, gespielt von dessen Repetieruhr. Über einer Welt, in der solche komödienhaften Situationen möglich sind, steht für mich am Ende schließlich doch noch: „not a horror-show!“ Vielleicht ist es das sogar, was Sebald uns sagen will, wenn alles andere gesagt ist: man kann diese Welt überleben, ja man kann aus ihr sogar unterhaltsame Reiseberichte versenden.

Περεκράτης
Σεβαλδος ist ohne Zweifel ein lächelnder Autor. Wenn es um Stendhal oder Kafka geht, so ist es ein Lächeln der Liebe, das seine Kraft aus deren Schwächen gewinnt und aus dieser Kraft heraus Σεβαλδος/Σελυσσες befähigt, auch über die eigenen Schwächen und das eigene Unglück zu lächeln. Besonders in den Schwindel.Gefühlen finden sich daneben aber auch Elemente des Schwanks nach Art unseres Aριστοφάνης oder auch des Plautus. Du nennst das ärztlich-seelsorgerische Kradfahrergespann, man könnte auch an die Kafkazwillinge im Bus oder an die auf dem Marktplatz in Erwartung Kafkas versammelte Bewohnerschaft Desenzanos denken.

Χριστιανος
Beim Gracchusthema habe ich den Eindruck, daß Sebald sich weitestgehend an die Kafkavorlage hält, die ich übrigens eigenartig kunstlos erzählt finde. Schwieriger wird es mit der Frage nach der Barke bei Stendhal. Ist sie derjenigen Kafkas gleich?

Περεκράτης
Beim Stendhal bin ich auch nicht hinreichend bewandert, um sagen zu können, auf welche Vorlagen Σεβαλδος im einzelnen zurückgegriffen hat. Die karge Art Kafkas fällt naturgemäß im Kontrast zu der durchaus – wenn man gegenüber diesem Begriff keine unangebrachten Vorurteile hat - als manieristisch zu bezeichnenden Schreibweise des Σεβαλδος besonders auf. Ich möchte aber behaupten, wenn von Kafka nur der Tagebucheintrag zur Barke des Gracchus und vielleicht noch die mehr als kurze Erzählung Das nächste Dorf überliefert wäre, wüßten wir doch, daß er ein großer Dichter war, so wie wir vom Ηρακλειτος aufgrund weniger Sätzen wissen, daß er ein großer Philosoph war.

Ich danke Dir von Herzen für dieses Gespräch, Χριστιανος, und will Dich zugleich anspornen, nicht nachzulassen in Deinem Eifer, so daß wir uns schon bald zur Besprechung weiterer Werke des Σεβαλδος wieder hier treffen können.

Freitag, 11. September 2009

Sebaldos: Paul Bereyter

Ein Dialog


W styczniu 1984 roku doszła mnie z S. wiadomość, że Paul Bereyter ...

Χριστιανος
Ich bin mittlerweile in Bereyters Klassenzimmer angekommen, Περεκράτης, und fühle mich auch dort wieder wohl. Die Menschen bei Sebald sind aus warmem Fleisch und Blut.

Περεκράτης
Es freut mich, Χριστιανος, daß Du so eifrig im Σεβαλδος liest, und noch mehr freut es mich, daß Du weiterhin nur Freude und Vergnügen dabei empfindest.



Χριστιανος
Du hast mir vor einiger Zeit von einem Gelehrten aus Ηέα Yορκη berichtet. Er hat in einer Schrift einige Lebenswahrheiten zum Σεβαλδος zusammengetragen, so die Aufklärung, daß Bereyter, der frühe Lehrer des Σεβαλδος, in Wirklichkeit Armin Müller hieß, und daß Σεβαλδος erst nach dem Tod Müllers im Jahre 1984 von den jüdischen Vorfahren des Müller und dem Berufsverbot in der Nazizeit erfahren hat. Anderson macht daraus eine Familienauseinandersetzung in der Zeit des Adenauer, eine Geschichte von Lügen und unterschlagenen Wahrheiten seitens des alten Kriegervaters des Σεβαλδος.

Περεκράτης
Naturgemäß ist jeder Dichter ein Mensch und kann nur von dem Schreiben, was er aus seinem Leben zu schöpfen vermag, was er, wie das Wort ganz richtig zum Ausdruck bringt, sich er-lebt hat. Allerdings, wie oft die Erlebnisse in den verschiedenen Schichten der Seele sich gespiegelt und gebrochen haben, bevor sie zum Ausdruck gelangen, das mag man sich fragen aber kaum beantworten können.

Χριστιανος
Mir war vom ersten Lesen einiges von Bereyter in Erinnerung, allerdings nicht mehr, daß seine jüdische Abstammung in der Geschichte eine Rolle gespielt hat. Ich glaube, daß diese Erinnerung oder auch ihr Fehlen etwas Richtiges beinhaltet. Dieser Lehrer, der zu großer Freude und zu großer Trauer fähig ist, lebt in einem ganz anderen Koordinatensystem als in dem von Naziideologie und Fremdenhaß.

Περεκράτης
Mir ist es genau andersherum ergangen und doch auch wieder grad ebenso wie Dir. Nach der ersten Lektüre der Ausgewanderten im Anschluß an das Buch vom Austerlitz und verleitet durch das Wort vom Holocaustdichter, daß nicht wenige Gelehrte dem Σεβαλδος zukommen lassen, war es mir gewesen, als seien alle vier Protagonisten des Buches über die Ausgewanderten vor der Tyrannei des Hitler in die Fremde geflohen, was aber gar nicht zutrifft. Es sollte mich nicht wundern, wenn unsere beiden falschen Erinnerungen wie zwei Pfeile im Flug auf ein Richtiges zielen.

Χριστιανος
Auch Bereyter gehört zu den von Haus aus Untröstlichen, aber bei ihm entsteht erneut mein Eindruck, daß es in deren Leben genauso gut Phasen des Lachens und des Glücks gibt. Der Selbstmord am Ende ist nicht zwingend und er hat auch nichts mit dem Ausgestoßensein durch die engherzigen Allgäuer zu tun. Vielleicht ist es eher die Aussicht, nach der Auflösung der alten Wohnung jetzt vollkommen von der Gnade der Κυρία Landau abhängig zu sein, die ihn die Zukunft schwarz sehen ließ, wer weiß.

Περεκράτης
Ich kann Dir nur zustimmen und Dich bestärken, wenn Du in der Untröstlichkeit einen Schlüsselwort des Σεβαλδος siehst, und ebenso kann ich Dir nur zustimmen und Dich bestärken in der Auffassung, daß Σεβαλδος nichts unterläßt, um uns zu trösten.
Bei einem anderen Gelehrten, ich kann nicht mehr sagen, bei welchem, habe ich gelesen, daß man von den Ausgewanderten auch gesprochen hat, um von den Toten zu reden. Alle vier Helden im Bande Die Ausgewanderten wandern zunächst, nach dem Vorbild der Heiligen, aus dem aktiven Leben aus und wandern dann bewußt, unter eigener tätiger Mithilfe also, aus in den Tod, in den wir notgedrungen alle auswandern müssen und werden, was immer dann noch kommen mag.
Die Erzählung vom Paul Bereyter ist in mancher Hinsicht ein Vorgriff auf dem Roman vom Austerlitz. Κυρία Landau ist ein frühes Bild der Κυρία Marie de Verneuil. Beide sind ideale Gefährtinnen, praktisch-ideale sowohl als auch, wenn ich so sagen darf, ideal-ideale. Zur Untröstlichkeit des Lebens aber gehört die Untröstlichkeit der Liebe, das war beim Stendhal und beim Kafka so in den Schwindelgefühlen, das ist so beim Paul Bereyter und wird dann beim Jacques Austerlitz so sein.

Χριστιανος
Die Gefühlsregungen der Sebaldfiguren kommen aus einer großen Tiefe, da reicht auch eine Naziherrschaft nicht heran. Natürlich muß sich ihr Glück und Unglück an äußeren Einflüssen festmachen, aber es würde ihnen in gleicher Weise widerfahren, wenn sie Lehrer am Hof des Kaisers von China wären. Schön übrigens der ganz naive aber auch ganz treffende Ausdruck „Kinderlehrer“ in der Bereytergeschichte

Περεκράτης
Daß der Bereyter Kinderlehrer ist, führt zurück in die frühe Zeit nach der Einwanderung in das Leben, in dessen Verlauf wir dann viel lernen und vor allem auch lernen müssen, uns wieder auf das Auswandern vorzubereiten. Den Kafka hat es nicht selten an den Hof des Kaisers von China getragen, ohne daß er dabei aufgehört hätte, von seiner Heimat in Europa zu sprechen, und auch Σεβαλδος wird sich im Buch von den Ringen des Saturn hinter die Grenzen der uns bekannten Welt an den Kaiserhof in Peking begeben.

Χριστιανος
Vielleicht, Περεκράτης, gipfeln alle Sebaldfiguren am Ende in dem Waschbären im Antwerpener ξωολογικός κήπος. Hoffen sie nicht alle, es wie der Bär machen zu können, „entkommen zu können aus der falschen Welt, in die er gewissermaßen ohne sein eigenes Zutun geraten war.

Περεκράτης
Ich denke, Χριστιανος, das Gefühl, in einer falschen Welt zu sein, ist die Ursache der Untröstlichkeit. Beim Wachbären wissen wir immerhin, wie er dahin gekommen ist, er selbst weiß es aber nicht besser, als wie wir es wissen, und beide, Waschbär und wir, haben wir nicht das Mittel, unsere Hoffnung aus eigener Kraft einzulösen.

Χριστιανος
Ich schreite jetzt schon bald weiter zu Ambros Adelwarth.

Περεκράτης
Dann können wir uns, wie ich hoffe und glaube, auch schon bald wieder treffen und unser Gespräch fortsetzen. Laß es Dir bis dahin wohlergehen. Χαίρε!




- nie trwał długo i przemknął po mnie jak cień ptaka w locie.

Donnerstag, 10. September 2009

Sebaldos: Ambros Adelwarth

Ein Dialog
-->
Ja sam właściwie mego wjucznego dziadka Adelwartha nie pamiętam.

Χριστιανος
Ich habe trotz Krankheit, eine schwere Erkältung hatte mich niedergeworfen, den Onkel Ambros zu Ende gelesen, Περεκράτης, und fühle mich in dieser Geschichte wie mitten in Sebalds Welt angekommen.

Περεκράτης
Lieber Χριστιανος, Du stürmst mit einem Eifer durch den Σεβαλδος, daß ich Dir kaum folgen und mich gebührend auf das Gespräch einstellen kann, keinesfalls aber will ich in dieser Sache mäßigend auf Dich einwirken.

Άρκτος
Sehr würde es mir gefallen, wenn ich diesmal Euren Gesprächen lauschen könnte.

Χριστιανος & Περεκράτης
Willkommen, Άρκτος!

Άρκτος
Da ich eher ein fauler Romanleser bin, fehlen mir leider die Kenntnisse, um an Eurem Dialog intensiv teilzunehmen. Ich bin derzeit auch mehr an vegetabiler Poesie und entsprechenden kurzen Prosaabschnitten interessiert.


Χριστιανος
Mit dem Onkel Adelwarth begegnet uns, wenn man dem Gelehrten aus Ηέα Yορκη vertrauen darf, erstmals eine fiktive Figur in den Erzählungen Sebalds. Sie erhebt sich über die offenbar realen Onkeln und Tanten in Ηέα Yορκη, die zu Beginn vorgestellt werden und sozusagen das Fundament der Handlung liefern.

Περεκράτης
Das Verhältnis von Realität und Fiktion ist sehr kompliziert beim Σεβαλδος, oder wiederum auch nicht, weil der Unterschied nicht groß ist für ihn. Die erinnerte Realität, aus der etwa die Verwandten aufsteigen, ist letzten Endes auch immer Fiktion.

Χριστιανος
Was von den Verwandten des Σελυσσες dann über den Ambros Adelwarth berichtet wird, läßt eine Eigenart des Σεβαλδος zum Vorschein treten, die man bei den vorangegangenen Erzählungen, den realen also, bereits ahnen konnte: Σεβαλδος hat wie Goethe die Lust zu fabulieren, die der alte Meister ja nach einem berühmten Selbstzeugnis von seiner Mutter erbte. Σεβαλδος läßt es, um es derb zu sagen und damit ein Gegengewicht zu der Sensibilität aller seiner untröstlichen Figuren zu bilden, erzählerisch gerne krachen.

Περεκράτης
Dem Goethe, den alle als groß ansehen, und den auch unser Freund Άρκτος über alle anderen stellt, habe ich nie sonderlich nahe kommen und seine Prosaschriften nur mit einiger Mühe lesen können. Schwierigkeit habe ich auch mit der λέχη Krachen in ihrer Anwendung auf den Σεβαλδος. Soweit ich sehe, ist der Σεβαλδος ohne Unterlaß auf den Samtton seiner Sätze bedacht.

Άρκτος
Nichts geht über den Altmeister!

Χριστιανος
Wie auch immer, der draufgängerische Cosmo Solomon, den der Onkel Adelwarth als Butler und homoerotischer Bruder durch die Welt begleitet, ist für das, was ich meine, die richtige Figur. Er reitet gelegentlich zu Pferd die Treppen von Nobelhotels hinauf und hat alles Geld der Welt, um mit dem Onkel die Fluchtpunkte eines in allerlei Sehnsüchten verglühenden Lebens anzusteuern.

Περεκράτης
Der Cosmo ist in höchstem Maße exzentrisch, aber doch von Beginn an, wenn ich so sagen darf, unterminiert, jedenfalls kein unbekümmerter Kraftkerl. Sein späteres Leben ist jammervoll, und sein Tod nicht weniger.

Χριστιανος
Ihr gemeinsames Ende finden sie in der Nervenklinik Samaria, die in schöner Umgebung im nördlichen Teil des Bundesstaates New York gelegen ist. Beide verdämmern dort, wenn auch in großem zeitlichen Abstand und aus unterschiedlichen Ursachen. Der am Ende immer stiller werdende Cosmo verlöscht um 1925 herum wie von selbst, dem Onkel Ambros dagegen nimmt in den 50er Jahren eine Elektroschocktherapie, die er jahrelang klaglos erträgt, schließlich jeden Lebenswillen und jede Art von persönlicher Identität.

Περεκράτης
Ich denke, der Ambros Adelwarth ist ein Ausgewanderter in dem Sinne, den ich in unserem letzten Gespräch habe darzustellen versucht. Er ist natürlich ganz leibhaftig nach Amerika ausgewandert, aber vor allem wandert er immer mehr aus dem Leben aus. Nur das Pflichtgefühl, das alles in seinem Leben überragt, hat ihn an einer Eremitenexistenz gleich der des Selwyn gehindert und hindert ihn auch am Selbstmord. In der Klinik des Doktor Fahnstock sucht er keineswegs Heilung, sondern recht unverblümt den Tod, den er sich nicht selbst geben will.

Χριστιανος
Die Auflösung von Personen, ja von ganzen Lebenswelten ist das zweite Thema, das sich hinter der eher lebenszugewandten Art des Σεβαλδος, zu erzählen und seinen Lesern zu gefallen, öffnet und zunächst das erste Thema vollkommen zu verdrängen scheint. Im Laufe der Geschichte gehen beide Themen aber eine Allianz ein, denn der Leser wird weiterhin in den Bann einer guten Erzählung geschlagen, auch wenn es jetzt um das Verlöschen der Personen und der Handlung geht. So ist es etwa bei dem späteren Besuch des Σεβαλδος in der Samariaklinik 1984. Dort lebt noch der Assistent des Doktor Fahnstock, der den Onkel Ambros mit seinen Stromstößen als Person nach und nach pulverisierte, und der Besuch der langsam zerfallenden Klinik ist ein weiteres erzählerisches Paradestück, gipfelnd im phantastischen Chor der Mäuselegion, die nachts aus der leeren Klinik ihr Lied ertönen läßt.

Περεκράτης
In einer seiner gelehrten Schriften preist Σεβαλδος die bedingungslos allem Lebendigen zugetane Prosa des Gottfried Keller in einer Weise, die in der Tat die Annahme schwer macht, er selbst habe etwas ganz anderes oder gar das Gegenteil angestrebt. Was sein Bemühen, dem Leser zu gefallen anbelangt, so können wir uns vielleicht auf das einigen, was der Σεβαλδος in einer anderen seiner gelehrten Schriften selbst etwas komplizierter ausdrückt: Konfession und Mitwisserschaft gehören unabänderlich zu den dynamischen Grundstrukturen der erzählenden Literatur. Unsere Geschichten können nur gelingen, wenn es ihnen gelingt, sich als ein eigenständiges Modell zwischen der Phantasie des Autors und derjenigen des Lesers einzurichten. Selbst glaube ich den Bildnissen, die der Χριστιανος Scholz vom Σεβαλδος gefertigt hat, die Freude am Erfolg ablesen zu können, und worauf gründet sich der Erfolg, wenn nicht auf dem Gefallen der Leser.
Deiner Einschätzung der Darstellung der zerfallende Klinik als erzählerisches Paradestück kann ich nur ohne jede Einschränkung beipflichten und will nur ergänzen, daß der phantastische Chor der Mäuse eine der vielen verdeckten Huldigungen an den Kafka ist, diesmal an seine Geschichte von: Josefine, der Sängerin oder Dem Volk der Mäuse.

Χριστιανος
Immer wieder bricht in die Fassade der Realität, der offenbar nach sorgfältig geplanten Ortsbesuchen exakt dargestellten Welt oder der aus Tagebüchern präzise rekonstruierten Erinnerungswelt (so ist etwa der zunehmende Mond kurz vor dem 6.9.1913, wie den Annalen zu entnehmen ist, korrekt) eine weitere, fast magische Gegenwelt ein. Störche erscheinen 1913 über Istanbul und füllen den Himmel „wie einen bewegten Baldachin“, durch den Bosporus begleiten „Hunderte, wenn nicht Tausende“ Delphine das Boot, eine Taube so groß wie ein Hahn geht vor den Reisenden her, bis sie einen jungen Derwisch finden. Solche und ähnliche Wunder widerfahren den beiden wie in einem Traum Reisenden, denen am Ende das Leben erlischt, gerade als wollten sie es nie gelebt haben.

Περεκράτης
Sehr zu Recht, Χριστιανος, weist Du auf das Jahr 1913 hin, das hier unter derart magischen Zeichen steht. Beim Σεβαλδος hat dieses Jahr eine ganz besondere Bedeutung, seine ganze Dichtung von den Schwindel.Gefühlen wird gleichsam von dieser Jahreszahl zusammengehalten. Viele Dichtungen auch anderer Dichter freilich machen sich zu schaffen mit diesem letzten Jahr vor dem Ausbruch des großen Weltenbrandes, nicht zuletzt auch das in jeder Beziehung große Buch vom Mann ohne Eigenschaften, aus dem unser Άρκτος uns so gern zitiert.

Χριστιανος
Man könnte solche magischen Passagen anzweifeln, wenn Sebald nicht selbst über eine Magie verfügen würde, die das Buch auf eine glückliche Weise zusammenhält und zu einer Einheit macht. Sebald kann nämlich beim Gang durch Stätten der Erinnerung hinter allem Verfall, den er grandios beschreibt, und hinter aller Veränderung die alten Zustände nicht nur ahnen, er kann die historischen Personen in der neuen Umgebung sogar gerade so umhergehen lassen, als sei ihre Geschichte nie vergangen. Cosmo und Ambros werden 1991 im Hotel „Normandy“ gesehen, während nebenan im Casino As Tears Go By von den Rollenden Steinen gespielt wird. Sie essen unter dem regen Interesse des gesamten Speisesaals einen Hummer, der noch im gekochten Zustand in der Lage ist, seine Glieder zu bewegen und somit zu einer Art Wappentier für den Behauptungswillen des Vergangenen über das Gegenwärtige wird.

Περεκράτης
Vergangenheit und Gegenwart zusammenzuhalten, ist eine der großen Aufgaben die sich der Σεβαλδος stellt.. Worin sie besteht, bekennt er an anderer Stelle, weiß er so genau auch nicht: Welchen Zusammenhang gibt es, habe ich, wie ich mich erinnere, damals gefragt und frage mich jetzt wieder, zwischen den sogenannten steinernen Zeugen der Vergangenheit und dem, was als eine undeutliche Sehnsucht über unsere Körper sich fortpflanzt, um sie zu bevölkern, die staubigen Landstriche und die überschwemmenden Felder der Zukunft.
Der Hummer muß sich freilich, mehr noch als der Waschbär im Antwerpener ξωολογικός κήπος in einer völlig falschen Welt vorkommen, in die er gewissermaßen ohne sein eigenes Zutun geraten ist. So wie Du ihn vorstellst und wie er seine Glieder bewegt, kommt mir überdies der Käfer Samsa des Kafka in den Sinn, der sich plötzlich als gänzlich verkehrter in einer vorgeblich richtigen Welt wiederfindet.

Χριστιανος
Der Aufenthalt des Ambros in Jerusalem, der heiligen Stadt, ist unendlich traurig. Die Stadt ist in einem Maße verrottet, da ist das Manchester von Max Aurach, durch das ich im Moment schreite, gar nichts dagegen. Übrigens wird auch hier deutlich, daß Σεβαλδος an geschichtlichen Einordnungen und Schuldzuweisungen nicht interessiert ist. Die Cäsaren haben mit dem Zerstörungswerk begonnen, wer danach alles den Verfall beschleunigt hat, ist gleichgültig. Das Jerusalem des Paulus dagegen ist eine lebendige Stadt, am Ende der Zeiten soll sie es erneut sein. Am Ende erhebt sich die Geschichte zu einem Ausblickspunkt weit oberhalb der bewohnten Erde. Man wird schwindlig, notiert der Onkel Ambros in sein Tagebuch, wenn man zurückblickt – gerade so, als ob man gar nicht zurück, sondern nach unten schaue, von einem jener Türme, die sich im Himmel verlieren. Auch in dieser Geschichte bin ich dem Σεβαλδος gerne auf einen seiner Türme gefolgt.

Περεκράτης
Jerusalem, so wie Ambros und Cosmo es kennenlernen, ist unendlich traurig, die ganze Erzählung der Orientreise der beiden aber ist von beklemmender, surrealer Schönheit. Verstärkt sich die Traurigkeit in diesem Kontrast oder wird sie im Sinne des großen Hegel aufgehoben? Ist vielleicht nicht der Erzählvorgang selbst die Verheißung von χαρις και ειρηνη, die beim Σεβαλδος natürlich nicht an der von Paulus vorgesehenen Stelle zu erwarten ist.
Mit Vergnügen, Χριστιανος, habe ich vernommen, daß Du Dich schon mit der Erzählung von Max Aurach beschäftigst, so daß wir uns sicher schon bald wiedersehen. Χαίρετε!

Χριστιανος
Χαίρετε!

Άρκτος
Χαίρετε!



-->... z jednej z owych wież, które giną w niebiosach.

Mittwoch, 9. September 2009

Sebaldos: Max Aurach

Ein Dialog

Περεκράτης
Nun hast Du, Χριστιανος, auch die Erzählung des Σεβαλδος vom Max Aurach bereits verschlungen und etwas Neues darin entdeckt.



Χριστιανος
In der Geschichte des Malers Aurach wendet Σεβαλδος erstmals für alle Leser erkennbar die Methode an, nur aus einer einzigen, ihm vollkommen fremden Quelle eine eigene Geschichte zu entwickeln. Während das fiktive Tagebuch des fiktiven Onkels Ambros noch durch Geschichten aus der eigenen Familie ergänzt wird, stehen die Aufzeichnungen der Mutter des Malers für sich allein. Sie bilden ganz auf sich gestellt und phasenweise auch wohl wörtlich zitiert eine eigenständige Erzählung.

Περεκράτης
Wobei, wie Du völlig zu Recht ausführst, die Geschichte der Luisa Lanzberg, ihr Tagebuch, in der Erzählung vom Max Aurach offen zutage liegt, während später die Geschichte der Susi Bechhöfer nur ein untergründiger Keim für das Έπος vom Austerlitz ist.

Χριστιανος
Die Geschichte von Luisa Lanzberg nimmt am Ende 39 Seiten der insgesamt 138 Seiten der Auracherzählung ein und wird danach noch durch einen Bericht über eigene Recherchen des Σεβαλδος im Heimatort der Luisa ergänzt. Beim Lesen habe ich mich gefragt, welche Absicht hinter der Wiedergabe der Geschichten des jungen Mädchens steht. Manchmal wirkt sie wie eine Bildersammlung aus dem Bürgertum, etwa so, wie man es von Kempowski kennt, allerdings sehr viel unschuldiger und absichtsloser erzählt. Für Σεβαλδος könnte sie, wenn die Aufzeichnungen tatsächlich aus der Familie des berühmten Malers Frank Auerbach stammen, allein schon deshalb von Interesse sein, weil sie Hinweise auf die Quellen seiner rätselhaften Lebensleistung geben könnte. Möglicherweise hat Σεβαλδος auch vorausgesetzt, daß seine Leser in jedem Fall an einem jüdischen Lebenslauf in Deutschland interessiert sein würden, der, wie man vorher weiß, im Holocaust endet.
Beides – das Interesse an Hintergrundwissen zu Auerbach oder die Anteilnahme an einem jüdischen Schicksal – reicht aber nach meinem Eindruck nicht aus, um die Geschichte der Luisa wirklich lesenswert zu machen. Mir ging es jedenfalls so, daß ich erstmals nach Beginn meiner zweiten Lesereise durch die Bücher des Σεβαλδος versucht war, einige Seiten zu überschlagen. Was interessiert mich die Aufzählung der Namen des Bäckers, des Schächters, des Mehlhändlers, des Kaufmanns von Steinach bei Bad Kissingen?

Περεκράτης
Deine Geringschätzung der Tagebucheintragungen der Luisa Lanzberg mag Dein feines Prosagefühl bestätigen, denn es ist in der Tat kein echter Σεβαλδος, der hat, wie ich einst bei einem Gelehrten nachlesen konnte, das originale Tagebuch nur sehr geringfügig retouchiert. Aber auch der Kempowski, den Du anführst, hat ja in weit größerem Umfang noch, man denke nur an sein monumentales Echolot, unveränderte Zeitzeugentexte veröffentlicht. Natürlich fehlt den Aufzeichnungen der Luisa Lanzberg die Dichte und das surrealistische Leuchten der Reiseaufzeichnungen des Ambros Adelwarth, ich lese sie aber gern als ein anrührendes Denkmal einer einfachen, freundlichen und verbrecherisch vernichteten Welt.
Gern weise ich ja immer wieder auf die poetologische Selbstspiegelungen des Σεβαλδος im Maler Pisanello hin, wenn er an ihm rühmt, daß allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird. Da mag den Σεβαλδος gerade die Schlichtheit des Berichts der Luisa Lanzberg angesprochen haben. Der Dichter kann noch einen Schritt weiter gehen als der Maler in der Berücksichtigung auch des Geringsten, da für die Sprache die Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit, anders als für das bildlich Dargestellte, kaum eine Bedeutung hat, die Vergangenheit also gleichberechtigt neben der Gegenwart stehen kann.

Χριστιανος
Dennoch, mir erscheint viel eindrücklicher das zu sein, was die Ereignisse in Deutschland im Denken und Fühlen des früh als Kind nach England geretteten Sohns der Luisa bewirken. Als die Briefe von zu Hause 1941 seltener werden und schließlich ganz abreißen, reagiert der in einem Internat lebende Junge erleichtert, auf eine mir selbst sträflich erscheinende Art. Später versucht er sich, gegen das Leid der Eltern und auch gegen das eigene Leid zu immunisieren, nur um zu erleben, daß die tiefe Wurzel des Unglücks ein giftiges Blätterdach über sein Leben wölbt und es verdunkelt.
Erneut zeigt sich Sebald nicht an dem Leid interessiert, dessen Ursachen man benennen, dessen Verantwortliche im politischen Bereich man namhaft machen kann. Die Geschichte Aurachs ist keine Holocaustliteratur. Sie erzählt von den verschiedenen Facetten eines größeren, allgemeineren Leidens, dem möglicherweise niemand entkommen kann.

Περεκράτης
Auch ich verwende mich ja immer wieder dafür, in dem Σεβαλδος keinen Holocaustdichter zu sehen, gleichzeitig aber darf man nicht daran zweifeln, daß der Holocaust ihm das hellste und schrecklichste Höllenfeuer seines Jahrhunderts gewesen ist.

Χριστιανος
Im Atelier des Malers Aurach schichten sich die Farbreste auf dem Boden und bilden eine verkrustete Masse, die einem Lavaausfluß gleicht. Diese Farbreste (laut Aurach das wahre Ergebnis seiner fortwährenden Bemühungen) und der allgegenwärtige Staub (für Aurach so ziemlich das Liebste auf der Welt) sind in gewisser Weise das Material, aus denen Aurachs Bilder entstehen, sie werden Schicht um Schicht aufgetragen, verwischt, abgekratzt, erneuert und enthalten schließlich in ihrer endgültigen Form alle ihre Vorstufen in sich.
Der Staub ist auch das Material, das in Sebalds Geschichten eine tragende Rolle spielt. Er ist das Ziel, auf den sich der allgegenwärtige Zerfall hinbewegt, die grandiose Auflösung, die etwa dem ganz aus Holz gebauten Sanatorium Samaria in der Ambrosgeschichte bevorsteht, ein Ende als puderfeines, blütenstaubähnliches Holzmehl, oder auch der Zerfall, in dem sich das Jerusalem von 1913 befindet, das Ambros und Cosmo am Ende ihrer Reise besuchen, knöcheltief mancherorts der pudrige Kalkstaub.

Περεκράτης
Gern, Χριστιανος, folge ich Dir über die schöne Brücke, die Du vom zu Staub verfallenden Sanatorium und bis hin nach Jerusalem dann zum Kunststaub des Aurachs schlägst. H σκόνη του χρόνου, der Staub der Zeit, wie das neue Έπος in bewegten Bildern unseres genialen Landsmanns Θόδωρος Αγγελόπουλος heißt, unterlegt wieder mit den sehnsuchtsvollen Sirenenklängen der Ελένη Καραΐνδρου.
Aurach will offenbar auch als Maler offenbar den Unterschied von Gegenwart und Vergangenheit aufheben, wenn er Farbreste und Radierstaub, die beim der Entstehung seiner Werke anfallen und insofern deren Vergangenheit bilden, zum eigentlichen Werk erklärt

Χριστιανος
So wie Aurach diesem Staub Bilder abgewinnt, welche auf den Märkten der Welt Rekordpreise erzielen, so läßt der Σεβαλδος aus einem feinen Wechselspiel von melancholischer Ergebenheit in die Vergänglichkeit aller Dinge und der künstlerischen Kraft, mitten im Staub neue Erinnerungen lebendig werden zu lassen, große Literatur entstehen. Daß daraus ein mythologisches Spiel von Sterben und Auferstehen werden könnte, das läßt Sebalds leise Trauer, die sich durch viele seiner Begebenheiten zieht, nicht zu. Aber daß auch im Verglühen Schönheit gegenwärtig sein kann, das erleben seine Figuren schließlich doch – so wie Cosmo und Ambros beim Blick ins Jordantal zunächst von einer Flut des Lichtes umgeben dann langsam den Abend hereinbrechen sehen und spürten, wie allmählich alles verglomm.
Aber es ist nicht nur Schönheit, die da aus dem alles verdeckenden Staub entsteht, es ist mehr. Der letzte Blick des Buches geht in die Augen dreier Frauen, die im Ghetto von Litzmannstadt in einer großen Weberei arbeiten. Σεβαλδος betrachtet ihr Photo (und gibt es, gegen seine sonstige Gewohnheit, im Buch nicht wieder) und erkennt in ihnen die drei Schicksalsgöttinnen, die Parzen der römischen Mythologie. In ihrem Bild werden aus Opfern mögliche Rächer und aus der Vergangenheit erwachsen nicht nur Bilder sondern neue Kräfte, die unser Leben heute schicksalhaft bestimmen und bedrohen.

Περεκράτης
Welche Bilder der Σεβαλδος seinen Worten beigibt und welche nicht, ist schwer zu sagen und noch schwerer vorherzusagen. Ich will dem demnächst eine eigene Schrift widmen, kann aber nicht behaupten, ich würde klarsehen. Es dürften sich auch allenfalls schwache systematische Linien nachzeichnen lassen.
Gern schließt der Σεβαλδος seine Werke oder Teile seiner Werke mit einem überbordenden Satz oder Absatz, der sich wie ein Kelch öffnet und Schönheit und endlose, sich gleichsam befreiende, nicht mehr zu bestimmende Bedeutung zu einer Einheit fügt. Sehr gefällt mir die von Dir freigelegte Bedeutungsmöglichkeit, wonach aus der Vergangenheit nicht nur Bilder erwachsen, sondern neue Kräfte, die unser Leben heute schicksalhaft bestimmen und bedrohen.
Du deutest an, Χριστιανος, daß Du daran denkst, als nächstes das Buch des Σεβαλδος vom Krieg, der aus den Lüften auf die Erde getragen wird, zu lesen. Es ist eine Kampfschrift, die ich keinesfalls auf einer Ebene mit seinen großen Prosabüchern sehe, aber natürlich können wir auch dieses Werk zum Gegenstand unserer Gespräche erwählen. Χαίρε, und auf bald!

Χριστιανος
Χαίρε!


Dienstag, 8. September 2009

Sebaldos: Luftkrieg

Ein Dialog

Περεκράτης
Nun bist Du mir vorausgeeilt, Χριστιανος, und hast bereits das Buch vom Krieg in den Lüften gelesen. Selbst habe ich dieses Buch nur einmal vor etlichen Jahren vorgenommen und sehne mich nicht nach neuer Lektüre.

Χριστιανος
Ich habe das Buch relativ schnell zu Ende gelesen und fand es insgesamt fast ebenso gut wie die erzählerischen Werke des Σεβαλδος.




Περεκράτης
Ich denke, man kann beim Σεβαλδος drei Kategorien von Werken unterscheiden, die κατηγορία der Dichtungen, die κατηγορία der gelehrten Schriften und die κατηγορία der Kampfschriften, ja und als vierte κατηγορία dann noch die Werke in gebundener Sprache. Es gibt Übergänge, die gelehrten Schriften aus dem Landhaus sind auch Dichtungen oder fast, die Kampfschrift gegen den Andersch ist nicht ohne Gelehrsamkeit. Bei den Schriften in gebundener Sprache habe ich die Vermutung, daß es oft erste Bändigungen des für die Prosadichtung bestimmten Stoffe sind. Bei den Kampfschriften könnte ich mir vorstellen, daß sie Erregungen ableiten, die bei der Vorbereitung der Prosadichtung sich eingestellt haben und in diese nach den stilistischen Mustern des Σεβαλδος Zulaß nicht finden durften.

Χριστιανος
Es ist eine ähnliche Leidenschaft im Buch vom Krieg in den Lüften, auch wenn Du zu Recht schon gesagt hast, daß die Essays aggressiver sind. Die Erzählungen sind ebenfalls kraftvoll, aber mehr in ihrem Willen zur Beobachtung und Beschreibung. Was mich zum Widerspruch reizt, ist des Σεβαλδος fortwährendes Bohren, es müsse doch irgend einen Weg geben, die Geschichte des Luftkrieges ins öffentliche Bewußtsein zu heben. Dabei nennt er selbst immer wieder gute Gründe, warum man über diese apokalyptische Katastrophe nicht schreiben kann. Gleich zu Beginn sagt er, daß man nach 1945 keine Fragen gestellt habe, weil die Zerstörung als Vergeltungsakt einer höheren Instanz empfunden worden war. Später schreibt er, daß es ganz allgemein ein Recht zu schweigen gibt. Warum muß dann trotzdem gefordert werden, daß z.B. ein bestimmtes, erfolgloses Buch nicht aus dem kulturellen Gedächtnis ausgeschlossen werden soll. Es gibt ja so viele Gründe, warum ein Buch in Vergessenheit geraten kann, da muß nicht immer ein bewußter Akt angenommen werden.

Περεκράτης
Es ist nicht so sehr das Buch des Σεβαλδος selbst, das mir mißfällt, als der Umstand, daß es wie eine fette Made ist für all die Igel, die nach den Worten unseres großen Landsmannes Άρχίλοχος nur ein Großes, έν μέγα, kennen, nämlich das korrekte Wortarsenal rundum den Holocaust, und die im übrigen mit dem Dichter Σεβαλδος herzlich wenig anfangen können. Da lobe ich mir den Gelehrten, der meint, das Buch vom Austerlitz sei, auf seine Tatbestände reduziert eigentlich haarsträubend und gleichwohl ohne jeden dichterischen Makel. Ebenso lobe ich mir auch den Nabokow, der alle fortscheucht vom Gogol, die etwas anderes sehen in ihm als den Dichter.

Χριστιανος
Was ich erzählenswert fand, war die Geschichte der englischen Seite des Luftkrieges. Hier hat Σεβαλδος ja, teilweise aus der unmittelbaren örtlichen Nähe seines Wohnsitzes zu alten Flugplätzen, einiges an Details herausgefunden und mit seiner zentralen These verbunden, daß die mit großem finanziellen Aufwand aufgebaute Vernichtungsmaschinerie nicht mehr zu stoppen war, nachdem es sie nun einmal gab. Aus anderen Quellen weiß ich, daß die Planer des Zweiten Weltkrieges, die ja alle Erfahrungen im Ersten Weltkrieg gesammelt hatten, den Horror der endlosen Materialschlachten fürchteten, bei denen nach monatelangem Kampf oft nur wenige Meter Bodengewinn zu verzeichnen waren. Dieses Patt wollte man offenbar durch Einbeziehung von zivilen Zielen hinter der Front aufbrechen. Außerdem weiß man aus Churchills Memoiren, daß nach 1941 von russischer Seite ein starker Druck auf England ausgeübt wurde, eine zweite Front im Westen zu eröffnen. Nun ist aber natürlich die Geschichte der englischen Seite in den Jahren nach 1945 den Deutschen überhaupt nicht bekannt gewesen. Dieser Teil des Dramas konnte von ihnen also gar nicht ausgewertet werden.

Περεκράτης
Auf die Aktivitäten in Αγγλία kommt der Σεβαλδος an verschiedenen Stellen seines Werkes zu sprechen, wenn ich mich recht entsinne in den Ringen des Saturn sowohl als auch im Austerlitz.

Χριστιανος
Mein zentraler Einwand geht allerdings in eine andere Richtung. Wenn ich es richtig sehe, hat sich Sebald niemals an eine Erzählung gewagt, die in der jüngeren Vergangenheit spielte. Es ist sicherlich für ihn typisch, daß er seine erste Erzählung in die Zeit von Napoleon verlegt, und selbst wenn er sich an seine Kindheit erinnert und davon berichtet, dann ist auch dies meist 40 Jahre und länger her. Nicht anders hat es Tolstoi gemacht, der Krieg und Frieden ja auch mit einem Abstand von etwa 50 Jahren geschrieben hat. Möglicherweise geht es auch gar nicht anders, denn die Geschichte des gestrigen Tages kann kaum jemand schreiben, so hat es Kundera, glaube ich, einmal gesagt. Σεβαλδος verlangt von seinen Kollegen also etwas, was er selbst nie geleistet hat, was vielleicht auch gar nicht zu leisten ist. Diese Unmöglichkeit kann noch einen weiteren Grund haben. Eine Erzählung soll ja einen roten Faden in die eigene Erlebniswelt der Zuhörer bringen, einen Faden, den die Zuhörer selbst nicht finden können. Aber dazu muß es eine Erlebniswelt sein, die sich auf einen solchen Faden aufreihen läßt. Das kann man aber gerade etwa von der Brandkatastrophe in Hamburg nicht mehr sagen. Hier gibt es keine Geschichte mehr, es gibt eine Art schwarzes Loch, welches Geschichte aufsaugt.
An einer Stelle gibt er die Beschreibung des Brandes von Moskau wieder. Das ist immer noch ein Panorama, durch das man fast gefahrlos hindurchgehen und die einzelnen brennenden Gebäude betrachten kann. Dagegen ist Hamburg ein systematisch von den Alliierten gelegtes Inferno, durch das die Feuerwalzen mit D-Zug-Geschwindigkeit rasen. Ich habe übrigens in diesem Buch zum ersten Mal gelesen, wie man ein solches Inferno ingenieurmäßig erzeugt und bin erschrocken. Am Ende wird deutlich, daß die angewendete Technik bereits zu Beginn des Krieges auch den Deutschen bekannt war und bei Hitler am Mittagstisch diskutiert wurde.
Alles in allem - ich finde das Inferno nicht mehr beschreibbar und verzeihe deshalb den Leuten, die von Sebald dafür angeklagt werden, daß sie geschwiegen oder nur in nicht angemessener Weise geredet haben.

Περεκράτης
Ganz kann ich Dir nicht beipflichten, die Erzählung All’estero ist überwiegend eine Gegenwartserzählung, Ritorno in patria zu nicht geringem Teil auch, auch die späteren Bücher des Σεβαλδος haben immer eine in der Gegenwart angesiedelte Rahmengeschichte, aber natürlich hast Du recht, der Blick ist immer in die Vergangenheit gerichtet, voraus liegt nur das Jahr 2013, und Ende. Tolstoi allerdings hat direkt nach Krieg und Frieden die Anna Karenina geschrieben. Von der Brandkatastrophe in Hamburg hat der Nossack geschrieben, Σεβαλδος erwähnt diese Werk wohl auch, ein Werk, von dessen Lektüre ich Dir, ohne sie ausdrücklich zuzuraten, nicht abrate.

Χριστιανος
Was mich persönlich bewegt hat, ist die Aussage des Σεβαλδος, daß er in gewisser Weise vom Krieg abstammt. Ich kann das, auch wenn ich erst 1949 geboren wurde, genauso von mir selbst sagen. Den Blick durch ausgebrannte Fassaden in den offenen Himmel konnte man auch zu Beginn der 50er Jahre noch an vielen Stellen von Remscheid haben. Auch für mich gehörte zu einer richtigen Stadt, daß man dort zerstörte Gebäude sehen konnte. Nicht weit von unserem Haus wurde Trümmerschutt gesammelt und zu einem feinen Geröll zermahlen, aus dem dann neue Steine gepreßt wurden. Ich erinnere mich genau an das Quietschen der schlecht geölten Maschinen. Das Buch hat also viele Erinnerungen in mir wachgerufen und mir sogar geholfen, mein Leben in größere Zusammenhänge einzubeziehen. Es hat außerdem den Eindruck in mir verstärkt, daß über unser Land etwas Schändliches verhängt worden ist, was wir nicht verdient hatten oder was zumindest in der ganzen Grausamkeit ebenso unangemessen und verbrecherisch war wie das, was diese Reaktion hervorgerufen hat.
Über allem ist mir, ob er es will oder nicht, der gute Σεβαλδος weiter lieb geworden.

Περεκράτης
Die von mir immer wieder ins Feld geführte, dem Pisanello abgelesene Einlassung des Σεβαλδος, daß allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird, gilt auch für den Bereich des Grauens und Entsetzens. Σεβαλδος hat nicht teilgenommen an den Anstrengungen der Feinschmecker des Grauens, entgegen aller Gewohnheit üblicher Gourmets das eine große, durch nichts zu relativierende Verbrechen herauszuschmecken, das dann alle anderen relativieren und herabmindern muß. – Ich mag aber nicht weiter hinaustreten auf dieses gründlich verminte Feld.
Ich fürchte, Dir dieses Mal kein allzu guter Gesprächspartner gewesen zu sein, Χριστιανος, und hoffe zugleich auf eine schon baldige Fortsetzung unserer Gespräche über den Σεβαλδος. Χαίρετε!

Χριστιανος
Gerade fällt mir noch ein, daß es eine Vorahnung über die Mechanismen des Luftkrieges im 1932 erschienenen Arbeiter des Ernst Jünger gibt. Er hat darin vorausgesehen, daß im Luftkrieg der Begriff des Herren und Befehlshabers vollkommen neu definiert werde. Ein Offizier im Luftkrieg ist einer, der die Maschine beherrscht, mehr nicht. Dazu muß er nicht durch die Schule der Menschen-Beherrschung gehen, muß nicht das Dienen und Kommandieren lernen, das Tanzen, Reiten, Mit-Messer-und-Gabel-Essen und Gnä-Frau-Sagen. Worüber Jünger nicht schreibt, ist der zu erwartende und dann auch tatsächlich eingetretene Widerstand der alten Herrenelite, der Infanterie- und Kavallerieoffiziere. Die verachteten die neue Piloten-Kaste, was wiederum deren Ehrgeiz anstachelte. Irgendwo las ich, daß zu den verdeckten Motiven des rastlosen Bomber-Harris auch der Kampf gegen die Zurücksetzung durch die richtigen Soldaten gehörte.
Χαίρε!

Περεκράτης
Χαίρε!