Montag, 20. September 2010

Cambria

Hen Gymru fynyddig, paradwys y bardd


Wer sich auf Sebalds Prosateppichen bewegt, schaut, was eingewebt ist oder sein könnte. In Austerlitz soll die Textur in großem Umfang von der Geschichte der Susi Bechhöfer bestimmt sein, außer einigen groben Richtungsweisern für den Handlungsablauf ist aber nichts zu erkennen. Daneben ist, was den in Wales spielenden Teil des Geschehens anbelangt, Chatwins On the Black Hill im Gespräch. Chatwins unruhige und lebhafte, vor jedem neuen Satz die Fühler in die verschiedensten Richtungen ausstreckende Prosa ist so verschieden von Sebalds fließenden, legierenden, die Themen einbindenden Sätzen, daß ein Wiedererkennen schwerfällt. Ähnlich wie der Prediger Emyr Elias bei Sebald ziehen auch Chatwins Waliser das Alte Testament dem Neuen vor, in der Hauptsache aber, weil es reichlich Geschichten von Schafen enthält und so ihrer Erlebniswelt nahe steht. Chatwins Buch setzt ein unter einem Engraving of Holman Hunt’s Light of the World, Prediger verschiedener Stilrichtungen ziehen vorbei, allerdings keiner, der dem Prediger Elias ohne Einschränkungen ähnlich wäre.

Eher noch ähnelt Emyr Elias dem Amos Jones in Chatwins Buch, Farmer und Vater der Zwillinge Lewis und Benjamin. Die Härte des walisischen Farmerlebens, das bei Chatwin auch gute Menschen nahezu veröden läßt, ist bei Sebald eingetauscht gegen die Härte der calvinistischen Gotteswelt mit noch durchgreifender Wirkung. Der Prediger Emyr Elias saß, wie es seine unabänderliche Gewohnheit war in seinem Studierzimmer und dachte sich seine am nächsten Sonntag zu haltende Predigt aus. Völlig niedergeschlagen kam er jeweils am Abend aus seiner Kammer hervor, nur um am folgenden Morgen wieder in ihr zu verschwinden. Ohne weiteres erkennt Selysses in ihm wohl den Confrère und verwandten Textarbeiter. Am Sonntag führte er der versammelten Gemeinde mit erschütternder Wortgewalt das allen bevorstehende Strafgericht, die Farben des Fegefeuers und die Qualen der Verdammnis vor Augen – Selysses seinerseits hatte schon als Kind in seiner Allgäuer Heimat in der Bibliothek der Tante Mathild die zahlreichen religiösen Werke spekulativen Charakters studiert, Gebetsbücher aus dem 17. und dem frühen 18. Jahrhundert mit zum Teil drastischen Abschilderungen der uns alle erwartenden Pein -, so daß nicht wenige am Ende des Gottesdienstes mit einem kalkweißen Gesicht nach Hause gingen. Er, der Prediger, hingegen, war den restlichen Sonntag in verhältnismäßig aufgeräumter Stimmung.

Die hellen, sich auf die Sonntagnachmittage beschränkenden, und die dunklen Seiten des Predigers Elias hatten ihre Entsprechung in der gebirgigen Landschaft um uns herum. Wie wir einmal durch das endlose Tanat-Tal hinauffuhren, rechts und links nichts als krummes Holz, Farne, und rostfarbenes Holz, und dann, das letzte Stück zu dem Joch hinauf, nur noch graues Felsengestein und treibende Nebel, so daß ich fürchtete, wir näherten uns dem äußersten Rand der Welt. Wo aber eben noch nichts als eine bodenlose Düsternis gewesen war, von dort leuchtete nun, umgeben von schwarzen Schatten ringsum, eine kleine Ortschaft herauf, grün funkelnd gleich einer Insel der Seligen. Am Abend dann, von unserem Zimmer aus, konnte man einen Förderturm sehen mit einem riesigen Rad, das sich manchmal so und manchmal andersherum drehte in dem dichter werdenden Dunkel, und weiter talabwärts sah man in regelmäßigen Abständen von jeweils drei oder vier Minuten hohe Feuer- und Funkengarben aus den Schmelzöfen eines Hüttenwerks stieben bis hoch in den Himmel hinauf.


Die dunklen Seiten überwiegen freilich nicht nur nach der Zahl der Wochentage, und das Helle schlägt um in Schnee- und Eiseskälte. Es war, als würden sie von der Kälte in ihrem Herzen langsam umgebracht. Das Predigerhaus wird mit einem billigem Talkum aus einer großen Streudose eingeweißt. Den Balasee bedeckte eine dicke Schicht Eis, und auf die Frage: What it is that so darkended our world, gibt es keine Antwort. Der schwarze Tod und die weißen Ewigkeit, verschiedentlich kehrt er wieder, dieser extreme Kontrast, beispielsweise in dem schachbrettartigen Bodenmuster des belgischen Billardbildes aus Tongeren, das nicht von ungefähr den Gedanken nahelegt, daß wir in dem jeweils vorgegebenen Rahmen auf ein risikoreiches Spiel uns einlassen, in dem mit einer falschen Bewegung alles vertan ist.

Ein ganz anderes Gepräge als die Fahrt von Y Bala aus durch das Tanat-Tal hat die später stattfindende von Croesoswallt nach Abermaw. Die Helligkeit ist hier nicht die des Eises, sondern die einer wärmenden Sonne. Wenn wir mit der kleinen Dampfbahn von Wrecsam das Tal des Afon Dyfrdwy hinauffuhren, merkte ich, wie mir das Herz aufzugehen begann, Schleife um Schleife folgte unser Zug den Windungen des Flußlaufs, durch das offene Waggonfenster schauten die grünen Wiesen herein, die steingrauen und die geweißelten Häuser, die glänzenden Schieferdächer, die silbrig wogenden Weiden, die dunkleren Erlengehölze, die dahinter aufsteigenden Schafweiden und die höheren, manchmal ganz blauen Berge und der Himmel darüber mit dem immer von Westen nach Osten ziehenden Wolken. Die Berge wurden nun höher und schoben sich näher und näher an die Geleise heran, bis hinab nach Dolgellau, wo sie wieder zurücktraten und sanftere Abhänge sich niedersenkten an die fjordartig weit landwärts reichende Mündung des Mawddach. War das Klima in der ganzen Gegend überaus mild, so lagen die Temperaturen an diesem besonders begünstigten Platz um ein paar Grad noch über dem für Abermaw geltenden Mittel. In dem vollkommen verwilderten Garten wuchsen Pflanzen und Stauden, die ich nirgends in Wales gesehen hatte zuvor, Riesenrhabarber und mehr als mannshohe neuseeländische Farne, Wasserkohl und Kamelien, Bambusdickicht und Palmen, und über eine Felswand stürzte ein Bach zu Tal, dessen weißer Staub immer das gefleckte Dämmer unter dem Blätterdach der hohen Bäume durchwehte. Doch nicht nur die in wärmeren Zonen beheimateten Gewächse gaben einem das Gefühl, man sei jetzt in einer anderen Welt – die andere Welt das ist das im Roman Andromeda Lodge genannte Paradies. Paradwys: Cymru, paradwys y bardd, Cambria, Paradies der Dichter, zwei bedeutende, Chatwin und Sebald, haben sich in unvergleichlicher Weise versucht an dem Land.

Liest Grillparzer

Protokafka

In den Schwindel.Gefühlen treffen sowohl Kafka als auch Selysses mit Grillparzer zusammen, Kafka vermittels einer Halluzination und Selysses vermittels eines von Grillparzer verfaßten Buches. Kafka mietet sich in Wien im Hotel Matschakerhof ein, aus Sympathie für Grillparzer, der dort immer zu Mittag gegessen hat. Eine pietätvolle Geste, die sich leider als unwirksam erweist. Obwohl Kafka absagt, wo er nur kann, ist er, wie es ihm scheint, fortwährend mit schrecklich vielen Leuten beisammen. Er sitzt dann als Gespenst mit am Tisch, hat arge Platzangst und glaubt sich von jedem Blick, der ihn streift, durchschaut. Neben ihm, auf Tuchfühlung gewissermaßen, Grillparzer, bereits 1872 verstorben, jetzt hundertzweiundzwanzig Jahre alt und, wen kann es wundern, nahezu restlos vergreist. Er macht ungute Faxen und legt ihm einmal sogar die Hand aufs Knie.

In einer der Bars an der Riva blätterte Selysses in Grillparzers Tagebuch einer Reise nach Italien. Er hatte es in Wien gekauft, weil es ihm unterwegs nicht selten so geht wie Grillparzer. Wie er findet er an nichts Gefallen und ist von allen Sehenswürdigkeiten maßlos enttäuscht und wäre, wie er oft meint, viel besser bei seinen Landkarten und Fahrplänen zu Hause geblieben. Grillparzer zollt selbst dem Dogenpalast nur eine sehr bedingte Hochachtung. Trotz aller Zierlichkeit der Kunst in seinen Arkaden und Zinnen habe, so schreibt er, der Dogenpalast einen unförmigen Körper und erinnere ihn an ein Krokodil. Wie er auf diesen Vergleich kommt, weiß er nicht. Geheimnisvoll, unerschütterlich und hart müsse sein, was hier beschlossen wird, meint er und nennt den Palast ein steinernes Rätsel. Die Natur dieses Rätsels ist anscheinend das Grauen, denn solang er in Venedig ist, kommt Grillparzer von dem Gefühl der Unheimlichkeit nicht mehr los. Fortwährend denkt er, der Rechtskundige, an den Palast, in dem die Gerichtsbehörden ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben und in dessen innerster Höhle, wie er sich ausdrückt, das unsichtbare Prinzip brütet. Die Verblichenen, Verfolger und Verfolgten, die Mörder und Gemordeten steigen vor ihm auf verhüllten Häuptern. Fieberschauer überfallen den armen, hypersensiblen Beamten.

Wahrscheinlich ist es gerade der Umstand, daß er in Grillparzers Buch nur geblättert hatte, der Selysses diese elegante Zusammenfassung ermöglicht hat. Es ist nicht ganz zutreffend, daß Grillparzer mit nichts zufrieden ist: Triest gewährt, sowohl vom Berge herab, an dem es liegt, als von der Seeseite betrachtet, einen außerordentlich schönen Anblick. Gegen Abend ließen wir uns auf einer Barke im Golf spazieren fahren, und ich ließ mit Wonne die Wellen um meine hineingestreckte Hand spielen. Gerade so machen es Stendhal, Kafka und Selysses auf dem Gardasee und finden so ihre besten Augenblicke. Allerdings: Der Kaffee unbeschreiblich elend. Später dann: Die Schönheit der Gegend von Ferrara ist unbeschreiblich. Man fühlt sich sehr glücklich da. Aber wieder: Das Mittagsmahl zeichnete sich durch Ungenießbarkeit vor allen bisher genommenen aus, was in der That viel sagen will.

Die Erleichterung tritt jedesmal ein, wenn man irgendwo ankommt: Endlich Laibach. Freilich: Die Stadt sieht traurig und öde aus, und daher ist die Erleichterung nicht geringer, wenn es weitergeht: Endlich die Stunde der Abreise. Endlich eingepackt, die Gondel bestiegen und verlassen die Meeresbraut mit all ihrem Schmucke. Endlich zeigte sich von ferne ein Gewässer. Endlich kündigte eine dunkel vor uns liegende Häusermasse eine Stadt an: es war Padua. Aber wir mußten vorüber. Endlich brach der Tag an. Genugtuung herrscht eigentlich nur dann, wenn es voran geht, und wenn ein Anhalten zuverlässig ausgeschlossen ist, läßt sich sogar Bedauern äußern: Wie traurig, daß wir alle diese Gegenden durchfliegen mußten, die allein eine Reise verdient hätten. Dabei ist das Reisen selbst in der Regel noch das Allerentsetzlichste: Wie unerträglich die Nacht in unserer Bootskajüte war, läßt sich mit Worten nicht beschreiben. Höchstens fünf Fuß Höhe und Breite, dabei ein Teergestank zum Ersticken, und zwei Betten, oder vielmehr Hundepolster, auf denen wir zwei Nächte zubringen sollten. Da geht es bei Kafka vergleichsweise harmlos zu, wenn lediglich von der Überquerung der Adria bei leicht stürmischen Wetter die Rede ist.

Venedig macht in der Tat zunächst keinen günstigen Eindruck auf Grillparzer: Diese morastigen Lagunen, diese stinkenden Kanäle, der Schmutz und das Geschrei – und es mag sein, daß sich Selysses davon in seiner Wahrnehmung hat beeinflussen lassen: Einmal kam ein mit Bergen von Müll beladener Kahn vorbei, auf dem eine große Ratte die Bordkante entlang lief und sich kopfüber ins Wasser stürzte. Ich weiß nicht, ob es dieser Anblick gewesen ist, der mich den Entschluß fassen ließ, nicht in Venedig zu bleiben, sondern unverzüglich nach Padua weiter zu fahren.


Grillparzers Ansichten über den Dogenpalast gibt Selysses korrekt, wenn auch verfeinert und abgerundet wieder. Grillparzer fügt dann noch hinzu: Wer am Markusplatz sein Herz nicht schlagen hört, hat keins. Kafka fühlt sich zu einer ähnlichen Äußerung bemüßigt: Wie es schön ist und wie man es bei uns unterschätzt, schreibt er dann, wir wissen aber nicht, was er in Wirklichkeit alles gesehen hat. Bei ihm, Kafka, gibt es nicht einmal einen Hinweis darauf, daß er den Dogenpalast gesehen hat, dessen Bleikammern in der Entwicklung seiner Prozeß- und Strafphantasien einige Monate später einen so wichtigen Platz einnehmen sollten.

Neben den Widrigkeiten des Reisens ist es der Palast, in dem die Gerichtsbehörden ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben und in dessen innerster Höhle, wie Grillparzer sich ausdrückt, das unsichtbare Prinzip brütet, die Verblichenen, Verfolger und Verfolgten, die Mörder und Gemordeten, der die drei, Selysses, Grillparzer und Kafka, zusammenhält, auch wenn Kafka, in dem sich, so kann man vermuten, der Proceß schon regte, seinem Anblick sich gar nicht aussetzen mochte. Selysses, verkleidet als Austerlitz, erlebt den gleichen Alptraum später und an anderer Stelle ein weiteres Mal, nämlich bei der Betrachtung Justizpalast in Brüssel, der größten Anhäufung von Steinquadern in ganz Europa. In diesem mehr als siebenhunderttausend Kubikmeter umfassenden Gebäude gibt es Korridoren und Treppen, die nirgendwo hinführen, und türlose Räume und Hallen, die von nie jemand zu betreten sind, und deren ummauerte Leere das Geheimnis aller sanktionierten Macht ist.

Der arme, hypersensible Beamte und Rechtskundige: diese Kennzeichnung trifft auf Kafka nicht minder zu als auf Grillparzer, und tatsächlich hat Selysses die Passagen aus dem Tagebuch einer Reise nach Italien so arrangiert, daß Grillparzer als eine Art Protokafka dasteht. Kein Wunder, wenn Kafka ihm Sympathie entgegenbringt. Grillparzer tanzt mit im Taumel der Schwindelgefühle. Aber natürlich kommen die Hypersensiblen im Leben letztlich doch nicht gut miteinander aus, und leicht werfen sich gegenseitig ungute Faxen vor. Das Zusammenleben von Buch zu Buch ist oft einfacher als das von Mensch zu Mensch.

Amerika

An Englishman in Newark

In Ambros Adelwarth erzählt Sebald von Amerika und den Amerikanern. Es ist ganz und gar die Erzählung eines deutschen, in England ansässigen Schriftstellers und in keiner Weise die Erzählung eines englischen Schriftstellers, der sich lediglich die deutsche Sprache nicht abgewöhnt hat. Vorgetragen wird aus einer deutschen Perspektive auf Amerika.

Die für die Generation des Selysses in Deutschland übliche Form des Bekanntwerdens mit Amerika und den Amerikanern ist die Besatzungsmacht, deren allgemeine Moral von den Einheimischen, wie man ihren halb hinter vorgehaltener Hand, halb lauthals gemachten Bemerkungen entnehmen konnte, als einer Siegernation unwürdig empfunden wurde. Die Weiber gingen in Hosen herum und warfen ihre lippenstiftverschmierten Zigarettenkippen einfach auf die Straße, die Männer hatten die Füße auf dem Tisch, und wann man von den Negern halten sollte, das wußte ohnehin kein Mensch. Gerade diese abschätzigen Bemerkungen sind es gewesen, die mich damals bestärkten in meiner Sehnsucht nach dem einzigen Ausland, von dem ich überhaupt eine Ahnung hatte. Es folgte eine kurze Phase der inneren Amerikanisierung seiner Person, während der ich streckenweise zu Pferd, streckenweise in einem dunkelbraunen Oldsmobile die Vereinigten Staaten in allen Himmelsrichtungen durchquerte, und die ihren Höhepunkt erreichte zwischen dem sechzehnten und siebzehnten Lebensjahr, als ich die Geistes- und Körperhaltung eines Hemingway-Helden an mir auszubilden versuchte, ein Simulationsprojekt, das aus verschiedenen Gründen, die man sich denken kann, von vornherein zum Scheitern verurteilt war. In der Folge verflüchtigten sich diese amerikanischen Träume allmählich und machten, nachdem die Schwundstufe erreicht worden war, einer bald gegen alles Amerikanische gerichteten Abneigung Platz. – Damit ist ein ambivalentes Amerikabild umrissen, das in der Folge um einiges angereichert, in seinem Charakter aber kaum noch verändert wird.

Den allerersten Kontakt hatte Selysses schon weit früher als Kind noch bei einem an die sechzig Personen umfassenden Familienfest, das zu einem nicht geringen Teil von nach Amerika ausgewanderten Personen bestritten wurde. Von einem Berührung mit Amerika kann gleichwohl nicht die Rede sein, denn kaum etwa hinterläßt die Tante Theres einen amerikanischen Eindruck, sie, die drei Wochen nach ihrer jeweiligen Ankunft in der Heimat noch aus Wiedersehenfreude weinte, und bereits drei Wochen vor der Abreise wieder vor Trennungsschmerz. Nur wenn sie länger als sechs Wochen bleiben konnte, gab es für sie in der Mitte ihres Aufenthalts eine gewisse, meist mit Handarbeiten ausgefüllte Beruhigung.


Bei Besuchen in der Heimat mögen die Ausgewanderten nicht als Amerikaner erscheinen, in Amerika sind sie mehr als nur ein Teil des Gesamtbildes, und das Interesse des Selysses gilt vor allem ihnen. Gleich nach seiner Landung in Newark legt er erste geologisch-archäologische Schichten des amerikanischen Lebens frei: Ich bin auf dem New Jersey Turnpike nach Süden in Richtung Lakehurst gefahren. Es ging hinaus in eine ebene Gegend, in der es nichts gab als Krüppelholz, verwachsenes Heidekraut und von ihren Bewohnern verlassene, teils mit Brettern vernagelte Holzhäuser, umgeben von zerfallenen Gehegen und Hütten, in denen bis in die Nachkriegszeit hinein Millionen von Hühnern gehalten wurden, die unvorstellbare Abermillionen von Eiern legten für den Markt von New York, bis neue Methoden der Hühnerhaltung das Geschäft unrentabel machten und die Kleinhäusler samt ihrem Federvieh verschwanden.

In tiefere Schichten des Einwanderungslandes Amerika führen die Erzählungen des Onkels: Das Schiff war schon langsamer geworden. Ich spürte eine schwache Brise an meiner Stirn, und indem wir der Waterfront uns annäherten, wuchs Manhattan vor uns höher und höher aus dem jetzt von der Sonne durchdrungenen Nebeln heraus. In der Soda- und Seltzerfabrik Seckler & Margarethen nicht weit von der Auffahrt zur Brooklyn Bridge habe ich dann Kessel und Geschirre verschiedener Größe aus rostfreiem Stahl angefertigt. Dann hörte ich, sie brauchen Blechschmiede wie mich, und am nächsten Morgen bin ich schon zuoberst auf dem Turm gestanden. Ich habe in der Folge noch viel zu tun gehabt in den Gipfelregionen der Wolkenkratzer und naturgemäß durch das Herumturnen zweihundert bis dreihundert Meter über der Erde gut verdient. Und dann habe ich mir beim Schlittschuhfahren im Central Park das Handgelenk gebrochen, und das luftige Leben war aus.

In andere Bezirke des amerikanischen Lebens, in die Welt des Großen Gatsby und des Letzten Tycoons, dringt Ambros Adelwarth vor: Der Ambros war Majordomus und Butler bei den Solomons, die am Rock Point auf der äußersten Spitze von Long Island einen großen, auf drei Seiten von Wasser umgebenen Besitz hatten und zusammen mit den Seligmanns, den Loebs, den Kuhns, den Speyers und den Wormsers zu den reichsten jüdischen Bankiersfamilien von New York gehörten. Mit dem jungen Cosmo Solomon, der zweifellos zum Exzentrischen neigte, hielt Adelwarth sich viel an Plätzen wie Saratoga Springs und Palm Beach, noch mehr aber an europäischen Plätzen wie Deauville und dann auch im Orient auf, bis sie dann zum Schluß auf den nordamerikanischen Kontinent zurückkehren und den ganzen Sommer in dem berühmten Banff Spring Hotel verbrachten. Cosmo sah viele Stunden lang zum Turmfenster hinaus auf die ungeheuren ringsum sich ausdehnenden Tannenwälder und den gleichmäßig aus unvorstellbarer Höhe niedertaumelnden Schnee. Er hielt sein Taschentuch zusammengeballt in der Faust und biß wiederholt vor Verzweiflung in es hinein. Als es finster wurde draußen, legte er sich auf den Boden, zog die Beine an den Leib und verbarg das Gesicht in den Händen. – In Scott Fitzgeralds Augen waren die Reichen different, und Hemingway hatte ihm zugestimmt mit den lakonischen Worten: Yes, they have more money. Cosmo Solomon ist wohl reicher noch als der Hiob des Buches, das in der Heiligen Schrift zumeist vor dem Buch der Sprüche Salomos positioniert ist, und, obwohl ihm sichtbar nichts genommen wird, ärmer noch als dieser Ärmste der Bibel und ganz untröstlich.


Weder an den Rändern, wo die Neuankömmlinge kämpfen um ihren Einlaß zum gelobten Land, noch im kapitalistischen Zentrum trifft Selysses so recht auf die Bevölkerungsgruppe, in der wir - geschult vor allem durch die Hollywoodfilme, die erst in jüngerer Zeit eine Art ethnischen Proporz eingeführt haben – ohne viel Überlegung die eigentlichen Amerikaner gesehen haben, die Weißen Angelsächsischen Protestanten also, die Ureinwohner anstelle der Ureinwohner, und das, obwohl die Reisen an die amerikanische Ostküste und also in ihr angestammtes Reich führen. Der greise Portier des Guesthouse Ithaca, der aus dem Inneren des offenbar schon schlafenden Hauses herbeikam und so stark vornübergebeugt ging, daß er mit Sicherheit nicht imstand war, von seinem Gegenüber mehr als die Beine und den Unterleib wahrzunehmen, mag zu dieser Bevölkerungsgruppe gehören, wirft aber kein erhellendes Schlaglicht auf sie. Der Dr. Abramsky, der die Narrenburg Haus Samaria, diesen extravaganten Bretterpalast, dem Mäusevolk, den Holzbohrern, den Klopfkäfern und Totenuhren überantwortet hat, mag weiß und vielleicht auch protestantisch sein, aber eher nicht angelsächsisch. Auch die prominenten Einwandergruppen der Iren und Italiener bleiben unberücksichtigt. Ein kurzer aber schöner und unvergeßlicher Blick fällt dagegen auf die schwarze Bevölkerung des Landes: Die Überholvorgänge verliefen so langsam, daß man, während man Zoll für Zoll sich nach vorn schob oder zurückfiel, sozusagen zu einem Reisebekannten seines Spurnachbarn wurde. Beispielsweise befand ich mich einmal eine gute halbe Stunde in Begleitung einer Negerfamilie, deren Mitglieder mir durch verschiedene Zeichen und wiederholtes Herüberlächeln zu verstehen gaben, daß sie mich als eine Art Hausfreund bereits in ihr Herzgeschlossen hatten, und als sie an der Ausfahrt nach Hurleyville in einem weiten Bogen von mir sich trennten, da fühlte ich mich eine Zeitlang ziemlich allein und verlassen.

Eine schnell aufkeimende Freundschaft im unaufhaltsamen Vorwärtsdrang und abgesichert durch zwei trennende Glasscheiben, vielleicht ist das ein geeignetes Bild für das Verhältnis der Europäer zu den Amerikanern. Sebalds Amerika ist mehr als fragmentarisch und umso beeindruckender. Amerika ist anders, hier trifft sich die Neuzeit mit der Vorzeit. Noch in der Nähe des Flughafengeländes sah ich über einem dort aufgeworfenen wahren Riesengebirge aus Müll einen Jumbo wie ein Untier aus ferner Vorzeit schwerfällig in die Luft sich erheben. Er zog einen schwarzgrauen Rauchschleier hinter sich her, und einen Augenblick lang war mir, als habe er die Schwingen bewegt.


Mittwoch, 15. September 2010

Selysses liest

Si hortum in bibliotheca habes

Wollte man nach einer Metapher für Sebalds Gesamtwerk suchen, könnte man auf Stanisław Lems lebendigen Stern Solaris verfallen, lebendig in einem uns nicht bekannten oder verständlichen Sinne. Das rätselhafte Plasma würde im Fall von Sebalds Prosa aus der Menge der für die Texte ver- und in sie eingearbeiteten Bücher bestehen. Keinen Zweifel kann es geben, daß dieses Plasma lebt, wo wären uns Stendhal oder Kafka, Conrad oder Rousseau je lebendiger entgegengetreten. Auch verstellt der Blick auf die Bücherwelt nicht, wie ein ständig lauernder Verdacht es will, den auf die Welt. Wenn die Augen auftauchen aus der verborgenen Welt der Texte und sich nach außen richten, werden Eindrücke mystischer Tiefe gewonnen, die dem immer nur auf das Reale Schauenden eher verschlossen bleiben: Einmal, als wieder ein Blitz über den Himmel fuhr, blickte ich herab in den weit unter mir liegenden Garten des Hotels des Hotels und sah dort im Schutz der niederhängenden Zweige einer Trauerweide ein Entenpaar, reglos auf der von grasgrüner Grütze ganz und gar überzogenen Fläche des Wassers. Mit solch vollkommener Klarheit ist dieses Bild auf einen Sekundenbruchteil aufgetaucht aus der Dunkelheit, daß ich jetzt noch jedes einzelne Weidenblatt, die feinsten Schattierungen im Gefieder der beiden Vögel, ja sogar die Punkte der Poren der über ihre Augen gesenkte Lidhaut zu sehen vermeinte. – Den Bruchteil eines Augenblick scheint es, als sei vor dem Hintergrund all der Bücher auch die Welt lesbar geworden, aber ihr Text bleibt mehr als rätselhaft, wir können nicht hinter die über ihre Augen gesenkte Lidhaut schauen.

Den Insassen von Lems Raumstation gelingt es nicht, das Geheimnis von Solaris aufzuklären. Die kleinen Sebaldstücke mögen in ihrer Gesamtheit sich eine ähnlich mutige und hoffnungslose Aufgabe wie die Solarisforscher stellen, hier, an dieser Stelle, ist das Thema weitaus schlichter, es geht um im Werk auftretende Leser und Leseszenen.

Selysses stammt aus einem nicht lesenden Elternhaus: Vermerkt werden muß außerdem noch, daß im Aufsatz des Schranks nebst dem chinesischen Teeservice eine Reihe in Leinen gebundener dramatischer Schriften ihren Platz hatten, und zwar diejenigen Shakespeares, Schillers, Hebbels und Sudermanns. Es waren dies wohlfeile Ausgaben des Volksbühnenverbands, die der Vater, der gar nie auf den Gedanken gekommen wäre, ins Theater zu gehen, und noch viel weniger auf den, ein Theaterstück zu lesen, in einer Anwandlung von Kulturbewußtsein eines Tages einem Reisevertreter abgekauft hatte. Selysses findet das Tor zum Buch auf dem kindgerechten Weg des Betrachtens von Bilderbüchern, auch wenn es sich nicht um eigens für Kinder entworfene handelt: Ich habe mich auf einen der Gartensessel an den grünen Blechtisch gesetzt und den alten Atlas angeschaut. Da gab es ein Blatt, auf dem die größten Ströme und die höchsten Erhebungen der Erde ihrer Länge beziehungsweise ihrer Höhe nach angeordnet waren, und es gab wunderbar kolorierte Karten, sogar von den entferntesten, kaum erst entdeckten Erdteilen. Lese-, Welt und Reiselust, bestimmende Merkmale des Selysses, sind in eins erweckt. Ganz ähnlich frühe Lektüreerlebnisse hat Dafydd Elias, der jungen Austerlitz: Jeden Quadratzoll der mir gerade in ihrer Vertrautheit unheimlich erscheinenden Abbildung durchforscht. Was damals auch in mir vorgegangen sein mag, das Lager der Hebräer in dem Wüstengebirge war mir näher als das mir mit jedem Tag unbegreiflicher werdende Leben in Bala.

Für Selysses ist neben der Textlektüre die Bildlektüre eine lebenslange Leidenschaft geblieben, in der er, exerziert sowohl an trivialen Photographien und Postkarten als auch an Bildwerken der Hochkunst, eine unübertroffene Meisterschaft entwickelt hat. Den Zugang zur Textliteratur findet Selysses nicht bei den in glatter Reihe im Aufsatz des Schranks aufgestellten Shakespeare, Schiller, Hebbel und Sudermann im Elternhaus, sondern auf den verschlungenen Wegen der Bibliothek seiner Tante: In einem Regal, zu dem es mich gleich hinzog, lehnte, in sich zusammengesunken, wie es den Anschein hatte, die bald an die hundert Bände umfassende und mir in zunehmendem Maße wichtig werdende Bibliothek der Mathild. Neben Literarischem aus dem letzten Jahrhundert, neben Reiseberichten aus dem hohen Norden, neben Lehrbüchern der Geometrie und der Baustatik und einem türkischen Lexikon samt kleinem Briefsteller gab es da zahlreiche religiöse Werke spekulativen Charakters, Gebetsbücher aus dem 17. und dem frühen 18. Jahrhundert mit zum Teil drastischen Abschilderungen der uns alle erwartenden Pein.


Ähnlich wie die Ziellosigkeit des Reisens, der wir uns gebannt anschließen in den Schwindel.Gefühlen oder den Ringen des Saturn, ist offenbar auch die Ziel- und Planlosigkeit des Lesens Voraussetzung, freilich längst nicht Garantie dafür, auf Spuren wahren Lebens zu stoßen. Die Steigerung könnte bestehen im planlosen Lesen während einer ziellosen Reisen, das uns wiederum in den Schwindel.Gefühlen mehrfach vor Augen geführt wird. Keinen Augenblick zweifeln wir beim Lesen der Werke Sebalds, daß wir uns in einem Magnetfeld des Wahren befinden, an- und aussprechen aber läßt sich diese Wahrheit nicht.

In einer der Bars an der Riva blätterte ich in Grillparzers Tagebuch einer Reise nach Italien. Ich hatte es in Wien gekauft, weil es mir unterwegs nicht selten so geht wie Grillparzer. Wie er finde ich an nichts Gefallen und bin von allen Sehenswürdigkeiten maßlos enttäuscht. – Das lustlose Blättern beim plan- und lustlosen Reisen als ultimative Form der Wahrheitssuche: soweit wollen wir den spekulativen Charakter der Überlegungen nicht treiben, denn wir stoßen durchaus auch auf anderes.

Auf der Fahrt nach Mailand wird Selysses zum Teilnehmer eines bezaubernden Kammerstücks, besser noch: Abteilstücks des Lesens: Mir gegenüber saßen eine Franziskanerin von vielleicht dreißig oder fünfunddreißig Jahren und ein junges Mädchen mit einer aus vielen farbigen Flecken geschneiderten Jacke um die Schultern. Das Mädchen war in Brescia zugestiegen, die Franziskanerschwester hatte in Desenzano bereits im Zug gesessen. Die Schwester las ihr Brevier, das Mädchen, nicht minder versenkt, einen Bilderroman. Von vollendeter Schönheit waren sie beide, dachte ich mir, abwesend und anwesend zugleich, und ich bewunderte den tiefen Ernst, mit dem sie jeweils die Blätter umwendeten. Einmal blätterte die Franziskanerschwester um, dann das junge Mädchen und dann wieder die Franziskanerschwester. So ging es die ganze Zeit fort, auch nur ein einziges Mal mit der einen oder der anderen einen Blick zu wechseln. Ich versuchte mich also selber zu üben in einer ähnlichen Bescheidenheit und holte den Beredten Italiener heraus, ein praktisches Hülfsbuch der italienischen Umgangssprache.

Auf der Fahrt im Zug entlang des Rheins trifft Selysses auf die fraglos eindrücklichste Leserin im Gesamtwerk: Die junge Frau war, kaum hatte sie Platz genom­men und in ihrer Ecke sich eingerichtet, auf das tiefste versenkt in ein Buch, welches den Titel Das böhmische Meer trug und verfaßt war von einer mir unbekannten Autorin namens Mila Stern. Der Zug rollte hinein nach Bonn, wo sie, ohne daß ich noch etwas zu ihr hätte sagen können, ausgestiegen ist. Seither habe ich immer wieder und bislang vergebens versucht, wenigstens das Buch Das böhmische Meer ausfin­dig zu machen; es ist aber, obschon zweifellos für mich von der größten Wichtigkeit, in keiner Bibliographie, in keinem Katalog, es ist nirgends verzeichnet. - Kennt nicht jeder Leser diesen Traum von dem einen Buch, das, könnte man es nur ergreifen und festhalten, alle Fragen lösen und jedes Glück möglich machen würde; sind nicht die großen Buchreligionen eine Verlängerung nur und Verstetigung dieses Traums vom Lesen?

Wenn hier also die Sehnsucht nach Erleuchtung und Erlösung durch das Buch anklang, so enden die Schwindel.Gefühle auf dem gegenteiligen Ton der Verdammnis: Ich blätterte ein wenig in der Dünndruckausgabe des Tagebuchs von Samuel Pepys, die ich am Nachmittag erstanden hatte. Willkürlich las ich hier ein Stückchen und da in dem über eineinhalbtausend Seiten sich ausbreitenden Zehnjahresbericht, bis der Schlaf mich ankam und ich dieselben paar Zeilen wieder und wieder entziffern mußte, ohne sie doch verstehen zu können. Dann träumte mir. Als ein fast vergangenes Echo kehrten in diese atemlose Leere die Worte zurück – Fragmente aus dem Bericht über das große Feuer von London. Ich sah es wachsen mehr und mehr. Die Kirchen, Häuser, Holz und Mauersteine, alles brennt zugleich. Ist dies die letzte Stunde? Und andern Tags ein stiller Ascheregen – westwärts, bis über Windsorpark hinaus. – 2013 – Ende -. Selysses prognostiziert das Weltenende für das Jahr 2013, aber er hatte nur recht achtlos in einem alten Buch geblättert, und die Müdigkeit hatte ihn übermannt, allzu sehr müssen uns seine dunklen Aussichten nicht belasten.


Selysses wird uns immer wieder als berufsmäßig Lesender und Schreibender dargestellt und als solcher liest er natürlich nicht nur zum Zeitvertreib während der Reise, sondern auch an speziell für die Lektüre vorgesehenen Orten. Die Arbeit in der Bibliothek der Stadt Verona ähnelt allerdings nicht wenig dem Blättern im alten Atlas aus der Kinderzeit: Obzwar eine Notiz am Portal dem Publikum avisierte, daß die Bibliothek während der Ferialmonate geschlossen sei, stand die Eingangstür doch halb offen. So saß ich denn bald in der Nähe eines der Fenster und blätterte in den Folianten, in welche die Veroneser Zeitungen des Jahres 1913 gebunden waren. Die Ränder waren so brüchig geworden, daß man mit Vorsicht die Seiten umwenden mußte. Allerhand Stummfilmszenen begannen sich nun vor mir abzuspielen.

Anders schon geht es in der alten Pariser Nationalbibliothek zu, der Ernst und die Fragwürdigkeit des Lebens mit und von den Büchern tritt hervor, die Gefahr des Versinkens im Plasma der Texte: Unter der Woche ging ich tagtäglich in die Nationalbibliothek in der rue Richelieu, wo ich meist bis in den Abend hinein in stummer Solidarität mit den zahlreichen anderen Geistesarbeitern an meinem Platz gesessen bin und mich verloren habe in die kleingedruckten Fußnoten der Werke, die ich mir vornahm, in den Büchern, die ich in diesen Noten erwähnt fand, sowie in deren Anmerkungen und so immer weiter zurück in einer Art von ständiger Regression. Nicht selten beschäftigte mich damals die Frage, ob ich mich in dem von einem leisen Summen, Rascheln und Räuspern erfüllten Bibliothekssaal auf der Insel der Seligen oder, im Gegenteil, in einer Strafkolonie befand. – Und doch gilt es diese ambivalente Welt entschlossen zu verteidigen gegen den fatalen Angriff auf sie, den die neue Pariser Nationalbibliothek darstellt, ein in seiner ganzen äußeren Dimensionierung und inneren Konstitution menschenabweisendes und den Bedürfnissen jedes wahren Lesers von vornherein kompromißlos entgegenstehendes Gebäude. Die vier gläsernen Türme, denen man in einer an Zukunftsromane erinnernden Geste die Bezeichnungen, La tour des lois, La tour des temps, La tour des nombres und La tour des lettres gegeben hat, machen auf den, der an ihren Fassaden hinaufblickt und den größtenteils noch leeren Raum hinter den geschlossenen Lichtblenden erahnt, tatsächlich einen babylonischen Eindruck.

Intimer als in den großen Bibliotheken läßt sich das Leben mit den Büchern in den Arbeitszimmern der Schreibenden beobachten, die, ähnlich wie das Studio des Malers Aurach, einen eigenen, hier ganz der Lese- und Schreibarbeit geschuldeten Charakter annehmen: Oft, zu Ende des Tages habe ich mich mit Janine über die Weltauffassung Flauberts unterhalten in ihren Büro, in dem solche Mengen von Vorlesungsnotizen, Briefen und Schriftstücken jeder Art herumlagen, daß man meinte, mitten in einer Papierflut zu stehen. Auf dem Schreibtisch war eine richtige Papierlandschaft mit Bergen und Tälern entstanden. Auch dem Teppich war seit langem schon unter mehreren Lagen Papier verschwunden, ja das Papier hatte angefangen, vom Boden auf der es fortwährend aus halber Höhe herabsank, wieder die Wände emporzusteigen, die bis zum oberen Türrand bedeckt waren mit einzelnen, jeweils nur an einer Ecke mit einem Reißnagel befestigten, teilweise dicht übereinandergehefteten Papierbögen und Dokumenten. – Hier nun ist Solarischarakter der Bücherwelt sozusagen nach sichtbar außen gekehrt und zu verfolgen in den eigengesetzlichen, man weiß nicht recht ob bedrohlichen oder fröhlichen, allem Anschein nach jedenfalls von der menschlichen Hand und vom menschlichen Wollen unabhängigen Bewegungen des Papiers.

Si hortum in bibliotheca habes, deerit nihil – getreu dem Vorhaben, auch darüber zu berichten, was nicht geschrieben steht, stellen wir fest, daß wir Selysses kein einziges Mal lesend in seinem Heim zu Gesicht bekommen; allerdings bekommen wir ihn dort auch in keiner anderen Weise zu Gesicht, fast müssen wir annehmen, er ist heimatlos, wenn nicht wiederholt berichtet würde, er sei aufgebrochen von zuhaus zu der einen oder anderen Reise. Im Hotel Sole in Limone aber brachte Luciana ihm auch, wie er es von ihr erbeten hatte, in regelmäßigen Abständen einen Express und ein Glas Wasser. Meistens blieb sie dann eine Weile bei ihm stehen und knüpfte eine kleine Unterhaltung an, in deren Verlauf sie ihre Augen über die beschriebenen Blätter gleiten ließ. Einmal fragte sie ihn, was er jetzt gerade zu Papier bringe, worauf er ihr sagte, in zunehmenden Maße habe er das Gefühl, es handle sich um einen Kriminalroman. Nicht nur Limone käme vor in der Geschichte, sondern auch das Hotel und sogar sie selber. Daraufhin zog sie sich geschwind hinter die Theke zurück, wo sie ihre Arbeit mit der ihr eigenen zerstreuten Genauigkeit erledigte. - In ihrer stillen Heimeligkeit, nimmt man die als Tertium Comparationis, übertrifft die Szene noch die Vorstellung einer Biblioteca hortusque.

Später ist es ihm dann gewesen, als spürte er ihre Hand auf seiner Schulter, und schließlich war es ihm, als seien er und Luciana von dem Brigadiere getraut worden – wohl kaum der Traum von einem Haus mit Bibliothek mit Garten, sondern eher der ganz und gar flüchtige vom Ausscheiden aus der durchaus ambivalenten Welt des Lesens und Schreibens und der Rückkehr in die Welt der Nichtleser. Das freilich ist ein mehr noch als flüchtiger Anflug, und ähnlich wie die Berührung der Hand an der Schulter ist nicht sicher, ob er tatsächlich stattgefunden hat.

Freitag, 10. September 2010

Verkehrsmittel

Eppur si muove

Er wurde Selysses genannt, weil er zur einen Seite hin Ähnlichkeiten mit dem Dichter W.G. Sebald aufweist, und weil er andererseits dem Ulysses in seiner Reiselust oder vielleicht seinem Reisezwang gleicht. Einen Schönheitsfehler scheint es zu geben bei diesem Vergleich, Selysses teilt nicht die Leidenschaft des Ulysses für das Schiff als Reise- und Verkehrsmittel. Das ist aber nicht ohne weiteres als Wesensunterschied zu deuten, das Angebot der Verkehrsmittel ist zur Zeit des Selysses, die die unsere ist, ein ganz anderes als das, welches dem Ulysses zur Verfügung stand. Auch das Reiseerleben ist ein anderes, Abenteuer und Wunder liegen für den heutigen Reisenden kaum noch wie einst großflächig ausgebreitet da, sie zeigen sich momenthaft und nadelfein und bohren sich laserstrahlgleich in einen transzendenten Bereich: Einmal, als wieder ein Blitz über den Himmel fuhr, blickte ich herab in den weit unter mir liegenden Garten des Hotels des Hotels und sah dort im Schutz der niederhängenden Zweige einer Trauerweide ein Entenpaar, reglos auf der von grasgrüner Grütze ganz und gar überzogenen Fläche des Wassers. Mit solch vollkommener Klarheit ist dieses Bild auf einen Sekundenbruchteil aufgetaucht aus der Dunkelheit, daß ich jetzt noch jedes einzelne Weidenblatt, die feinsten Schattierungen im Gefieder der beiden Vögel, ja sogar die Punkte der Poren der über ihre Augen gesenkte Lidhaut zu sehen vermeinte. – Bereits im nächsten Satz befindet sich Selysses zur Weiterreise im Flughafengebäude von Schiphol.

Auch das Flugzeug aber ist in keiner Weise sein bevorzugtes Reisevehikel. Bei überschaubaren Entfernungen sind es die Füße, wo die nicht ausreichen, die Eisenbahn. Vom dem Selysses in vielen Dingen ähnlichen Dichter W.G. Sebald kennen wir Photos, die ihn als jungen Menschen auf dem Fahrrad zeigen, von Selysses ist derlei nicht bekannt. Sebald kennen wir im übrigen auch auf dem Traktor, aber den rechnen wir nicht zu den Verkehrs-, sondern zu den landwirtschaftlichen Produktionsmitteln. Beide, Selysses und Sebald, haben das Motorrad gemieden und es dem Mediziner Piazolo und dem ihm geistesverwandten Pfarrer Wurmser überlassen.

Wir sehen Selysses auf dem Sebaldweg von Oberjoch nach Wertach wandern, nur zu meiner Linken schwebte ein wenig schütteres Licht, astlose, gut siebzig- bis achtzigjährige Fichten standen die Abhänge hinauf; wir sehen ihn auf Korsika, immense Waldungen steigen aus der blauen Düsternis des Solenzaratals über die steilsten Hänge und bis hinan zu den lotrechten Schroffen und Klippen, auf deren Vorsprüngen, Simsen und obersten Stufen kleinere Baumgruppen standen wie Federbusche auf einem Helm; wir sehen ihn wallfahrend im Südosten Englands, der Fußpfad führte um den Verhack herum, durch eine Ginsterböschung auf die Anhöhe einer Lehmklippe hinauf und dort in geringer Entfernung von dem stets von Einbrüchen bedrohten Rand des festen Landes zwischen Adlerfarnen hindurch, von denen die größten mir bis zur Schulter reichten.

Am Zielort oder auch bei einer Einkehr mag er auf Menschen treffen, zu Fuß unterwegs ist er immer allein. Das ist die Voraussetzung dafür, daß er wandernd an das Ende der Welt und der Zeit, in den Kongo oder nach Peking, gelangen kann, ohne weitere Verkehrsmittel zu nutzen oder zumindest, ohne sie zu besteigen: Auf der Brücke über den Blyth verkehrte eine Schmalspurbahn, deren Waggons, wie von verschiedenen Lokalhistorikern behauptet wird, ursprünglich bestimmt war für den Kaiser von China. Ohne Zweifel übersteigt das damals im Reich der Mitte herrschende blutige Grauen jedes Vorstellungsvermögen. Im Hochsommer 1864, nach siebenjähriger Belagerung durch die kaiserlichen Truppen ... - der bloße Gedanke an die kleine Bahn hat ihn mitten nach Peking hinein versetzt.


Bei einer solchen Leistungsfähigkeit des Fußgängers entfällt weitgehend auch die Notwendigkeit städtischer Verkehrsmittel: Jeden Morgen machte ich mich auf und legte in der inneren Stadt und in der Josefstadt endlose Wege zurück. Es ist mir ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, in eines der öffentlichen Verkehrsmittel zu steigen. – Aufs Ganze gesehen und zur Überwindung größerer Distanzen, besteigt Selysses freilich sehr häufig öffentliche Verkehrsmittel der verschiednen Art, und vor allen anderen die Bahn.

Wenn die Ringe des Saturn das Buch des Fußwanderers sind, so sind die Schwindel.Gefühle das des Bahnreisenden. Mehrfach wird Wien mit dem Zug angefahren, Triest, mehrfach Venedig, Padua, mehrfach Verona, mehrfach Desenzano, Mailand, Innsbruck, Bonn, London: ohne Gewähr für die Vollständigkeit. Austerlitz ist das zweite Buch des Bahnreisens.

Die beiden Reisen des Selysses mit dem Nachtzug von Wien nach Venedig hätten unterschiedlicher nicht ausfallen können. Das erste Mal ist er so gut wie allein und wacht erst auf mit dem Gefühl, daß der Zug, der sich so lange mit gleichmäßiger Geschwindigkeit durch die Täler gewunden hatte, nun aus dem Gebirge heraus und in die Ebene hinunterstürzte. Wir befanden uns auf einer halsbrecherischen Fahrt. Bläulichschwarze Steinmassen gingen in spitzen Keilen bis an den Zug heran. Dunkle schmale Täler öffneten sich, Bergbäche und Wasserfälle, weiß stäubend in der kaum gebrochenen Nacht, waren so nah, daß der Hauch ihrer Kühle erschauern ließ. Sieben Jahre später, mitten in den Ferialmonaten, ist der Zug dermaßen überfüllt gewesen, daß er die ganze Zeit auf dem Gang stehen oder in verschiedenen, äußerst unbequemen Stellungen zwischen den allseits sich türmenden Koffern und Rucksäcken kauern mußte.

Üblicherweise benutzt Selysses die Bahn am Tage und in Begleitung eines ausgewogenen Kontingents von Mitreisenden. Die Verkehrsmittel sind Reflex der Bewegung des Selysses unter Menschen, der sie ihrerseits ihre diversen Prägungen aufdrücken. Die Bahn scheint gegenüber anderen Verkehrsmitteln zwei Vorteile zu haben. Zum einen bewegt sie sich zügig und zugleich in einem für die Weltwahrnehmung günstigen Verhältnis von Raum und Zeit voran, und zum anderen sind die Mitreisenden auf eine große Zahl von Waggons und Abteilen – Selysses meidet eher die Großraumwagen – verteilt, sozusagen in verdaulichen Portionen, so daß man sie im ungünstigen Fall ertragen und im günstigen sich von ihnen bezaubern lassen kann. Man kann auf den Flur hinaustreten und hoffen, daß die Winterkönigin folgt und sich an das gleiche Fenster stellt, oder man könnte auch das Abteil wechseln, um dem schrecklichen Brotzeitmachenden zu entkommen, wäre man andererseits nicht doch von seinem Anblick fasziniert und bereits damit beschäftigt, ihn in ein unübertreffliches Wortbild zu kleiden.

In diesem Kapitel gehen wir nur auf die dem Reisen zugewandte mehr oder weniger harmlose Seite der Eisenbahn ein, für Paul Bereyter hatte die Eisenbahn eine tiefere Bedeutung. Wahrscheinlich schien es ihm immer, als führe die in den Tod. Fahrpläne, Kursbücher, die Logistik des ganzen Eisenbahnwesens, das alles war für ihn zeitweise zu einer Obsession geworden. Mir fielen auch die Bahnhöfe, Gleisanlagen, Stellwerke, Güterhallen und Signale ein, die Paul so oft an die Tafel gemalt hatte. Ähnliches, wenn auch weitaus milder und in abgewandelter Form, klingt bei Selysses selbst an, wäre er doch, wie er oft meint, viel besser mit seinen Landkarten und Fahrplänen zu Hause geblieben. Die dunklen Seiten des Eisenbahnwesens kommen in Austerlitz zum Tragen, vornehmlich am Motiv der Bahnhöfe, die bislang nur unter ihren baulichen Aspekten betrachtet wurden.

Die Vor- und Nachteile des Busses sind gegenüber denen der Bahn anders verteilt. Der Bus hat nur eine Fahrgastzelle, einmal eingestiegen, ist man den Mitreisenden auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, sofern sie ihrerseits keine Anstalten machen, bald wieder auszusteigen. Ich stieg sogleich ein in den Bus nach Riva und setzte mich auf einen der rückwärtigen Plätze. Ein paar weitere Fahrgäste kamen noch hinzu. Teils Leute aus der Gegend, teils Reisende wie ich. Dann aber gesellen sich die entsetzlichen Kafkazwilling samt ihren Eltern hinzu und werfen Selysses völlig aus der Bahn: Dankbar für jeden der Tunnels, die wir am steilen Westufer des Gardasees zu durchfahren hatten, bin ich von da an bewegungslos an meinem Platz gesessen. Schließlich, als der Bus in Limone sul Garda hielt, habe ich meine Tasche aus dem Gepäcknetz heruntergeholt und bin ausgestiegen.


Andererseits hält der Bus öfters, und der Austausch des Publikums geht rascher vonstatten. Bisweilen hielt der Bus und ließ eines der alten Weiber einsteigen, die in gewissen Abständen unter ihren schwarzen Regendächern an der Straße standen. Es kam auf diese Weise eine ganze Anzahl solcher Tiroler Weiber zusammen. - Gegen Mittag - die Tirolerinnen waren längst alle in Reutte, in Weißenbach, in Haller, Tannheim und Schattwald ausgestiegen – erreichte der Bus mit mir als letztem Fahrgast das Zollamt von Oberjoch.

Auch ist der Bus, indem die Straße sich dem Geländeverlauf weich anpaßt für die Weltwahrnehmung im Vorbeifahren noch um einiges günstiger als die Bahn mit ihrem geraden Strich: Einmal fielen mir ein paar Hühner auf mitten in einem grünen Feld, die sich, obschon es doch noch gar nicht lange zu regnen aufgehört hatte, für ein die winzigen Tiere, wie mir schien, endloses Stück von dem Haus entfernt hatten, zu dem sie gehörten. Aus einem mir nach wie vor nicht ganz erfindlichen Grund ist mir der Anblick dieser weit ins Feld sich hinauswagenden Hühnerschar damals sehr ans Herz gegangen. Überhaupt weiß ich nicht, was es ist an bestimmten Dingen und Wesen, das mich manchmal so rührt.

Soweit ersichtlich besaß Selysses, anders als zu unserer Trauer der ihm in vielen ähnliche Dichter W.G. Sebald, kein eigenes Auto. In Amerika greift er wiederholt auf einen Mietwagen als Verkehrmittel zurück, und fast will es scheinen, als habe er das Schicksal seines Freundes, wenn wir ihn so nennen dürfen, vorausgesehen: Gleich außerhalb des Flughafengeländes wäre ich um ein Haar von der Straße abgekommen, als ich über einem dort aufgeworfenen wahren Riesengebirge aus Müll einen Jumbo wie ein Untier aus ferner Vorzeit schwerfällig in die Luft sich erheben sah. Er zog einen schwarzgrauen Rauchschleier hinter sich her, und einen Augenblick lang war mir, als habe er die Schwingen bewegt.


Am Steuer ist Selysses so allein wie auf seinen Fußwanderungen, und doch ermöglicht die Eigenart des amerikanischen Autoverkehrs eine nicht erwartete Form der Gemeinsamkeit mit den Menschen: Die Überholvorgänge verliefen so langsam, daß man, während man Zoll für Zoll sich nach vorn schob oder zurückfiel, sozusagen zu einem Reisebekannten seines Spurnachbarn wurde. Beispielsweise befand ich mich einmal eine gute halbe Stunde in Begleitung einer Negerfamilie, deren Mitglieder mir durch verschiedene Zeichen und wiederholtes Herüberlächeln zu verstehen gaben, daß sie mich als eine Art Hausfreund bereits in ihr Herz geschlossen hatten, und als sie an der Ausfahrt nach Hurleyville in einem weiten Bogen von mir sich trennten, da fühlte ich mich eine Zeitlang ziemlich allein und verlassen.

Als Beifahrer erlebt Selysses die Besonderheiten der automobilen Fortbewegung in Amerika fast noch eindrücklicher: Die Straßen waren leer. Nur selten kam uns ein anderer Wagen entgegen. Wir brauchten für die knapp zwanzig Meilen bis an den Atlantik hinunter bald eine Stunde, weil der Onkel so langsam fuhr, wie ich auf einer freien Strecke noch nie jemanden habe fahren sehen. Er saß schräg hinterm Steuer, lenkte mit der linken Hand und erzählte Geschichten. Nur ab und zu vergewisserte er sich durch einen Blick nach vorn, daß wir uns noch auf der richtigen Spur befanden.

Wie der Bus verfügt das Flugzeug nur über eine Fahrgastzelle, die Separierung der Passagiere ist aber weitergehend und von langer Hand vorbereitet. Langsam, als stünden sie unter dem Einfluß von Beruhigungsmitteln oder als bewegten sie sich in einer zerdehnten Zeit, wandelten die Fluggäste durch die Hallen oder schwebten, still auf den Rolltreppen stehend, ihren verschiedenen Bestimmungsorten in den Höhen und Untergründen entgegen. Ab und zu wurde von den offenbar körperlosen, engelsgleich ihre Botschaft intonierenden Stimmen der Ansagerinnen jemand aufgerufen. Passagiers Sandberg... Über kurz oder lang würde die Reihe an jedem der hier Versammelten sein.

In der Luft dann sitzen die nur wenigen Passagiere des Nachtflug von Kloten nach Manchester, in ihre Mäntel gehüllt, weit voneinander entfernt in dem halbdunklen und, wie ich mich zu erinnern glaube, ziemlich kalten Gehäuse, unter sich eine verödete und verlassene Welt: In geraden Linien und leichten Bögen verliefen die Auto- und Wasserstraßen und die Trassen der Eisenbahn zwischen den Weiden und Waldparzellen, Bassins und Reservoiren hindurch. Eingebettet in das ebenmäßige Gewebe, lag als Überrest aus früherer Zeit eine von Bauminseln umgebene Domäne. Ein Traktor kroch, wie nach einer Richtschnur, quer über einen bereits abgeernteten Acker, nirgends aber sah man auch nur einen einzigen Menschen. Gleich ob man über Neufundland fliegt oder bei Einbruch der Nacht über das von Boston bis Philadelphia reichende Lichtergewimmel, es ist immer als gäbe es keine Menschen, als gäbe es nur das, was sie geschaffen haben und worin sie sich verbergen.

Von Grund auf unterschieden von der Passagierluftfahrt ist die Fliegerei aus Leidenschaft, den ihr Verfallenen gewährt sie grandiose Eindrücke und Ausblicke: Die Sonne war eine Zeitlang schon untergegangen gewesen, aber sobald wir die Höhen gewannen, umgab uns wieder eine gleißende Helligkeit, die erst abnahm, als die Schatten aus der Tiefe des Meeres emporwuchsen und sich nach und nach über uns neigten, bis der letzte Glanz an den Rändern der westlichen Welt erlosch. Nie werde ich den vor uns wie aus dem Nichts heraufkommenden Mündungsbogen der Themse vergessen, ein Drachenschweif, schwarz wie Wagenschmiere, der sich ringelte durch die einbrechende Nacht.

Für das geplante Korsikabuch hatte Sebald eine Vermischung von Verkehrs- und Leidenschaftsfliegerei im Auge, den verfügbaren Fragmenten nach zu urteilen mit wenig Erfolg. Douglas ist der Flug- und damit Wegbegleiter des Selysses und redet auf dem Weg nach Korsika die gesamte Flugstrecke, eingekapselt in die Monotonie ihrer Flugzeugzelle, wie die beiden sind, belehrend auf ihn ein. Eine auch nur annähernd eintönige und unattraktive Erzählstrecke findet sich im veröffentlichten Werk Sebalds nicht. Der Stumpfsinn der Luftbeförderung und die Leidenschaft des Fliegens lassen sich nur schwer zu einer Einheit fügen.

Wenn schon hinter den Anlagen der Bahn das Grauen steht, von Bereyter geahnt und in Austerlitz dann ausgeführt, so steht unmittelbarer noch hinter dem Flugzeug der Luftkrieg, dem Sebald einen eigenen größeren Essay gewidmet hat, und der auch im Erzählwerk als Motiv immer wieder auftritt. Das Thema der Verkehrsmittel ist damit verlassen zugunsten des Themas der Zerstörungsmittel, mit einem Seitenblick sei gleichwohl noch angemerkt, daß die Fliegerei das volle Weltengebäude umfaßt, den Himmel der Fliegerei, das Fegefeuer der Personenbeförderung und die Hölle der Bomben. Die Leidenschaft des Fliegens selbst, hinauf in die Helle des Himmels, steht bereits vor dunklem Hintergrund: Daß er von einem dieser Flüge nicht mehr heimkehrte, war ihm wohl vorbestimmt.

Sebalds Erzählwerk ist voller Seestücke, Selysses benutzt Schiffe aber, wie gleich eingangs festgestellt, nicht in nennenswertem Umfang als Verkehrsmittel. Die eine oder andere Kanalüberfahrt findet statt: Als unser Schiff auslief, war es schon Nacht geworden. Wir standen zusammen auf dem hinteren Deck. Die weiße Fahrspur verlor sich in der Dunkelheit, und ich weiß noch, daß wir einmal meinten, wir sähen ein paar Schneeflocken sich drehen im Lampenschein. In stärkerem Umfang auf das Schiff zurückgreifen mußten naturgemäß die Amerikaauswanderer früherer Tage: Es ist zum Fürchten gewesen, wie die Wellen sich aus der Tiefe hervorhoben und wieder zurückgerollt kamen. Nur schwarzes Wasser, tagaus und tagein, und das Schiff, wie es schien, die ganze Zeit auf demselben Fleck. Wohler wurde mir erst wieder, als wir durch die Narrows in die Upper Bay hineinfuhren. Das Schiff war langsamer geworden. Ich spürte eine schwache Brise an meiner Stirn, und indem wir der Waterfront uns annäherten, wuchs Manhattan vor uns höher und höher aus den jetzt von der Morgensonne durchdrungenen Nebeln heraus.

Auch auf den Wasserstraßen finden neben dem bloßen Menschentransport Lustfahrten auf kleineren Booten statt, und ähnlich wie in die Luft, wird Selysses von Freunden auch auf das Wasser mit hinausgenommen, etwa in Venedig: Gegen Mitternacht fuhren wir mit seinem Boot, das draußen vor der Mole lag, den Drachenschweif des Großen Kanals hinauf, an der Ferrovia und am Tronchetto vorbei, hinaus auf das offene Wasser. Vor uns lag der verglimmende Glanz unserer Welt. Oder auf die Makrelensee: Die beiden Segel waren im Westwind gebläht, und wir setzten den Kurs so, daß unser Boot die Gezeitenströmung durchschnitt, gegen die die Makrele mit Vorliebe anschwimmt. Bald sahen wir in der dämmrigen Ferne die Barriere der Kreidefelsen, und es dauerte noch eine ganze Weile, bis die Strahlen der Sonne quer durch die leichten Wellen gingen und die Makrelen sich zeigten. So sehr Selysses die Fahrten auch genießen mag, der bei weitem der liebste Ort ist ihm der Sailor’s Reading Room an Land. Besser als sonst irgendwo kann man hier lesen, Briefe schreiben, seinen Gedanken nachhängen oder, während der langen Winterzeit, einfach hinausschauen auf die stürmische, über die Promenade hineinbrechende See.


Nie wird Selysses den Zweifel los, ob er nicht besser zu Hause geblieben wäre, eppur, instancabile, si muove.


Samstag, 4. September 2010

Belgien

quarum unam incolunt

Belgien ist das rätselhafteste europäische Land, niemand weiß recht zu sagen, woraus und wozu es besteht. Auf undurchsichtige Weise leuchtet ein, daß die belgische Hauptstadt zur Hauptstadt Europas wenn nicht werden mußte, so doch geworden ist. Die beiden hauptsächlichen westeuropäischen Bevölkerungsgruppen, Romanen und Germanen, sind hier als Wallonen und Flamen zu einem Staat verklammert und halten es, so ist der verbreitete Eindruck, eher schlecht als recht miteinander aus. Eine scharfe Linie trennt den wallonischen von flämischen Teil, und im bilingualen Brüssel gelten die strengsten aller denkbaren Regeln für den Sprachgebrauch.


In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre ist Selysses, teilweise zu Studienzwecken, teilweise aus anderen, ihm selber nicht recht erfindlichen Gründen, von England aus wiederholt nach Belgien gefahren. Der Leser findet sich zumindest ansatzweise in den unerfindlichen Gründen zurecht, Selysses fährt nach Belgien, um dort Austerlitz zu treffen. Er muß ihn in Belgien treffen, da er ihn in Deutschland, das Selysses nach Möglichkeit und Austerlitz gänzlich meidet, nicht treffen kann; ein anderes Land, abgesehen von diesen beiden, kam wohl nicht in Betracht.

Der in Sebalds Werken immer gegenwärtige umfassende Schuld- und Verhängniszusammenhang zieht sich in Austerlitz zusammen im Holocaust der Deutschen, das klärt sich eindeutig aber erst nach einer längeren Erzählstrecke. Das größte Verbrechen im Europa des zwanzigsten Jahrhunderts wird zunächst vertreten durch das größte europäische Verbrechen des neunzehnten Jahrhunderts, die Kolonisation anderer Erdteile. Wenn sich dabei das Augenmerk auf Belgien richtet, so nicht unbedingt nach ausgewogenem historischem Urteil, sondern ausgehend von Conrads gültiger literarischer Aufzeichnung der Verbrechen Leopolds II im Kongo. Wir folgen Joseph Conrad, dem ohne weiteres das Kommando eines am Oberlauf des Kongo verkehrenden Dampfboots übertragen wurde, wahrscheinlich weil dessen Kapitän, ein Deutscher oder Däne namens Freiesleben, gerade von den Eingeborenen umgebracht worden war. Schon im Verlauf der langen Seereise erkennt Korzeniowski allmählich den Wahnsinn des ganzen kolonialen Unternehmens. Die Instrumente der Ausbeutung sind Handelskompanien wie die Société Anonyme pour le Commerce du Haut Congo, deren bald legendären Bilanzen beruhen auf einem von sämtlichen Aktionären und sämtlichen im Kongo tätigen Europäern sanktionierten Zwangsarbeit und Sklavensystem. In manchen Regionen des Kongo wird die eingeborene Bevölkerung durch die erpreßte Arbeitsleistung bis auf geringe Reste dezimiert. Zwischen Geröllhalden und den mit rostigen Wellblech gedeckten, willkürlich in die Gegend gesetzten Baracken, unterhalb der hohen Felsklippen, aus denen der Strom sich hervordrängt, sowie an den steilen Abhängen der Ufer, überall sieht man schwarze Figuren in Trupps bei der Arbeit und Trägerkolonnen, die in langer Linie sich fortbewegen durch das unwegsame Terrain. Ein Stück weit außerhalb des besiedelten Areals stößt man auf einen Platz, an dem die von der Krankheit Zerstörten und von Hunger und Arbeit Ausgehöhlten zum Sterben sich niederlegen. Wie nach einem Massaker liegen sie da in dem gräulichen Dämmer auf dem Grunde der Schlucht. Offenbar hält man diese Schattenwesen nicht auf, wenn sie sich davonschleichen in den Busch. Sie sind jetzt frei, frei wie die Luft, die sie umgibt, und in die sie sich nach und nach auflösen werden.

Der Reichtum von Städten wie Antwerpen ist Ergebnis des grauenhaften afrikanischen Gemetzels und das ganz unverhohlen. Jetzt aber sah ich, wie weit der unter dem Patronat des Königs Leopold II errichtete Bahnhofsbau über das bloß Zweckmäßige hinausreichte, und verwunderte mich über den völlig mit Grünspan überzogenen Negerknaben, der mit seinem Dromedar als ein Denkmal der afrikanischen Tier- und Eingeborenenwelt hoch droben auf einem Erkerturm zur Linken der Bahnhofsfassade seit einem Jahrhundert allein gegen den flandrischen Himmel steht. Ringsum in der Eingangshalle sind auf halber Höhe steinerne Schildwerke mit Symbolen wie Korngarben, geflügelten Rädern und ähnlichem angebracht, wobei das heraldische Motiv des Bienenkorbs nicht, wie man zunächst meinen möchte, die dem Menschen dienstbar gemachte Natur versinnbildlicht, auch nicht etwa den Fleiß als eine gemeinschaftliche Tugend, sondern das Prinzip der Kapitalakkumulation, abgesichert in ihrem ungestörten Verlauf durch die Verwaltung sogenannten Rechts im Justizpalast in Brüssel, die größte Anhäufung von Steinquadern in ganz Europa. In diesem mehr als siebenhunderttausend Kubikmeter umfassenden Gebäude gibt es Korridoren und Treppen, die nirgendwo hinführen, und türlose Räume und Hallen, die von nie jemand zu betreten sind, und deren ummauerte Leere das Geheimnis aller sanktionierten Macht ist. – Wen kann es wundern, wenn es in Belgien bis auf den heutigen Tag eine besondere, von der Zeit der ungehemmten Ausbeutung der Kongokolonie geprägte, in der makabren gewisser Salons und einer auffallenden Verkrüppelung der Bevölkerung sich manifestierende Häßlichkeit gibt, wie man sie anderwärts nur selten antrifft. Jedenfalls entsinne ich mich genau, daß mir bei meinem ersten Besuch in Brüssel im Dezember 1964 mehr Bucklige und Irre über den Weg gelaufen sind als sonst in einem ganzen Jahr. Wen mag es wundern, wenn das der Spiegel ist, den Europa sich zur gefälligen Betrachtung seiner selbst in sein Zentrum gerückt hat, auch wenn sich niemand darin erkennen will.

Mit der guten halben Stunde Zugfahrt von Antwerpen nach Mechelen und dort vom Bahnhofsvorplatz weiter mit dem Bus in die Ortschaft Willebroek und zum Fort Breendonk, umgebaut zur Folterstätte der Nazis, wird ahnungsvoll zunächst nur der Übergang zur Schuld der Deutschen angebahnt, mit der diese ganz auf eigene Faust die große gemeinsame Schuld der Europäer fast noch in den Schatten stellten.

Der erzähltechnische Ansatz schöpft die nicht recht erfindlichen Gründe für die Fahrten des Selysses nach Belgien keineswegs aus. Das zweite Mal trifft er mit Austerlitz zusammen, als er sich vor dem Regen, der in die Straßen zu rauschen begann, in eine winzige Schankstube flüchtet, die, wie er glaubt, Café des Espérances hieß, ein von keinem vernünftigen Menschen sonst aufgesuchten Ort. Durch ein rückwärtiges Fenster sah man hinunter in ein vor Zeiten vielleicht von Flußauen durchzogenes Tal, in dem der Widerschein der Hochöfen einer gigantischen Eisengießerei gegen den dunklen Himmel hinauflohte.

Liège, Geburtsort Simenons, des Meisters der Café- und Schankstubenatmosphäre. Zwar hat er sie nach Paris und Frankreich verlagert, die Leser aber lenken einen Teil der erweckten Sehnsucht nach Belgien zurück. Der nur sehr feine Verdacht, Selysses habe Belgien, dieses seltsame Land, geliebt, und nicht zuletzt das sei Grund gewesen für seine Reisen, verstärkt sich, wenn wir sehen, daß der Maler Jan Peter Tripp ihn – oder ist es der ihm in vielem verwandte Dichter W.G. Sebald? – in einem Billardcafé in Tongeren überrascht hat. Das Billardspiel hat zwei bevorzugte Austragungsstätten, den in Herrenhäusern eigens eingerichteten Billardraum - sein Vorfahr, berichtet der Besitzer von Iver Grove, habe in diesem von ihm eingerichteten Raum gegen sich selbst eine Partie nach der anderen gespielt, bis der Morgen graute – und das Café mit anrüchigem Flair - so zeigen es Filmszenen, an die wir uns erinnern. Der Stoß mit dem Queue scheint demzufolge einmal dem ritterlichen Degenstoß und dann wieder dem Messerstich im Dreigroschenmilieu zu gleichen. Tun sich da Abgründe auf? Jedenfalls keine, die man einsehen könnte. Selysses rettet sich vor zudringlichen Fragen, indem er den Blick auf den Boden lenkt und eine Reflektion anschließt, die über die Fragen des Billardspiels weit hinausgeht: Und die Malerei, was überhaupt ist sie, wenn nicht eine Art Prosekturgeschäft angesichts des schwarzen Todes und der weißen Ewigkeit? Verschiedentlich kehrt er wieder, dieser extreme Kontrast, beispielsweise in dem schachbrettartigen Bodenmuster des belgischen Billardbildes aus Tongeren, das nicht von ungefähr den Gedanken nahelegt, daß der Maler in dem Rahmen, den er sich jeweils vorgibt, auf ein risikoreiches Spiel sich einläßt, in dem mit einer falschen Bewegung alles vertan ist.

Das Dunkel des Antwerpener Nachtzoos hat sich über das Land gelegt, Belgier sehen wir nur wenige in Belgien. Im Buffetraum waren wir allein mit einem einsamen Fernet-Trinker und mit der Buffetdame, die mit übergeschlagenen Beinen auf einem Barhocker hinter dem Ausschank thronte und sich mit vollkommener Hingebung und Konzentration die Fingernägel feilte. Im Billardcafé von Terneuzen treffen wir auf eine Wirtin, eine Frau mit dicken Brillengläsern, die an einem grasgrünen Strumpf strickte – aber Terneuzen ist, wenn man diese Dinge streng nimmt, bereits den Niederlanden zuzurechnen.

Freitag, 3. September 2010

Italien

Drei Reisende


Die Erzählung Dr. K.s Badereise nach Riva in den Schwindel.Gefühlen ist ein, seinen Tagebüchern nachgezeichneter Bericht über eine Italienreise Kafkas. Was nun aber das Land Italien anbelangt, so ist es ein Bericht darüber, wie Kafka es so gut wie gar nicht wahrgenommen hat.

Nach Wien war Kafka gereist, um an einem Kongreß teilzunehmen, und er wollte, das sei ihm erspart geblieben. Für die Weiterfahrt nach Triest wird ein Grund nicht genannt. Er läßt sich sogleich in ein Hotel am Hafen fahren und legt sich auf das Bett, die Hände unterm Kopf verschränkt, von der Stadt sieht er nichts. Aus dem Hotel Sandwirth in Venedig, nach Überquerung der Adria bei leicht stürmischen Wetter, schreibt er, er wolle sich nun hinauswerfen in die Stadt und in das, was sie einem Reisenden wie ihm zu bieten habe, es spricht aber kaum etwas dafür, daß er das Hotel an diesem Tag noch verlassen hat. Wie es schön ist und wie man es bei uns unterschätzt, schreibt er dann, wir wissen aber nicht, was er in Wirklichkeit alles gesehen hat. Es gibt nicht einmal einen Hinweis darauf, daß er den Dogenpalast gesehen hat, dessen Bleikammern in der Entwicklung seiner Prozeß- und Strafphantasien einige Monate später einen so wichtigen Platz einnehmen sollten. In Verona sodann ist er am Nachmittag seiner Ankunft kreuz und quer durch die Gassen gewandert, daß er auch nur das von Pisanello gemalte schöne Wandbild des heiligen Georg über dem Eingang zur Kapelle der Pellegrini angesehen hätte, dafür gibt es nirgends einen Anhaltspunkt. Es scheint ihm, als habe es die Veroneser Bevölkerung in ihrer Unbeschwertheit darauf abgesehen, ihn in einer Art Theatervorstellung auf seine Vereinzelung und Abartigkeit hinzuweisen, ein Gedanke, vor dem er sich nur durch Flucht in das Dunkel eines Kinematographentheater zu retten vermochte. Auch in Desenzano am Südufer des Gardasees will es scheinen, als habe sich die Mehrzahl der Einwohner des Ortes zu seinem Empfang auf dem Marktplatz versammelt. Er aber war nur krank, krank in alle Himmelsrichtungen. In Riva schließlich verbringt er drei Wochen in der Wasserheilanstalt des Dr. von Hartungen. Hier immerhin rudert er an den Nachmittagen ein Stück weit auf den See hinaus. Die Felswände erheben sich aus dem Wasser in das schöne Herbstlicht, so halb und halb grün, als wäre die ganze Gegend ein Album und die Berge wären von einem feinsinnigen Dilettanten der Besitzerin des Albums aufs leere Blatt hingezeichnet worden, zur Erinnerung.

Seine Erinnerung, der er doch anscheinend so gut wie nichts gesehen hat, ist die eines Dichters, der für die Bilder seines Inneren nur wenig Anstoß von Außen braucht. Im Verlauf der nachfolgenden Jahre legten sich lange Schatten über die ebenso schönen wie entsetzlichen Herbsttage in Riva, und aus den Schatten tauchten allmählich die Umrisse einer Barke auf, ein schwerer alter Kahn, verhältnismäßig niedrig und sehr ausgebaucht, verunreinigt, wie mit Schwarzwasser ganz und gar übergossen, noch troff es scheinbar die gelbliche Außenwand hinab, die Masten unverständlich hoch, der Hauptmast im obern Drittel geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, keinem Windstoß gewachsen. Drei ganze Tage dauert es, bis die Barke, als werde sie über das Wasser getragen, leise in den Hafen von Riva schwebte. – Mit der Anlegestelle der Barke des Jägers Gracchus hat Kafka aus dem Nichts den Treffpunkt geschaffen für die drei Italienreisende der Schwindel.Gefühle, außer ihm selbst sind das Stendhal und Selysses.

Stendhal betritt den italienischen Boden im Gefolge Napoleons, einer der wenigen nicht namenlos gebliebenen Teilnehmer dieser legendären Alpenüberquerung im Mai des Jahres 1800. Nach dem Erlernen erster italienischer Wörter – quante miglia ci sono da qui a Ivrea und donna cattiva – sind es schon bald die italienische Oper, vor allem anderen aber die Donne, cattive und nicht cattive, die ihn in einem Maße für das Land einnehmen, die ihn weit mehr zu einem italienischen Schriftsteller, der weiterhin französisch schreibt, werden lassen, als Sebald ein englischer, weiterhin in der deutschen Sprache schreibender Schriftsteller geworden wäre.

Bei genauerem Hinsehen sind es natürlich nicht nur die Oper und die Donne, die ihm das Land so lieb werden lassen, sondern die besondere Aura seiner Städte und Landschaften. Volterra im Westen und Bologna im Osten sind die südlichsten Städte des Landes, von denen wir hören, aber auch ihn zieht es unwiderstehlich in das Gebiet der oberitalienischen Seen, über Mantua und Desenzano nach Riva. In seinem ganzen Leben nicht habe er die Schönheit dieses Gewässers, des Gardasees, tiefer empfunden als damals. Der drückenden Hitze wegen habe er die Abende draußen auf einer Barke verbracht und im Einbruch der Dunkelheit die seltensten Abstufungen der Farben gesehen und die unvergeßlichsten Stunden der Stille erlebt.

Als sie wenige Tage später in den kleinen Hafen von Riva einliefen, saßen zwei Knaben auf der Kaimauer zum Würfelspiel. Ein schwerer alter Kahn - verhältnismäßig niedrig und sehr ausgebaucht, verunreinigt, wie mit Schwarzwasser ganz und gar übergossen, noch troff es scheinbar die gelbliche Außenwand hinab, die Masten unverständlich hoch, der Hauptmast im obern Drittel geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, keinem Windstoß gewachsen – hatte anscheinend auch vor kurzer Zeit erst angelegt. Zwei Männer in dunklen Röcken mit Silberknöpfen trugen gerade eine Bahre an Landauf der unter einem großen, blumengemusterten, gefransten Seidentuch offenbar ein Mensch lag.

Ähnlich wie dem Jäger Gracchus war Stendhal der Tod in Italien nicht vergönnt. Ein apoplektischer Anfall wirft ihn auf das Trottoir der Rue Neuve-des-Capucines, und in den frühen Morgenstunden des folgenden Tages erlischt er, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben.


Als Grund für seine Reise nach Wien nennt Selysses die Hoffnung, durch eine Ortsveränderung über eine besonders ungute Zeit hinwegzukommen. Warum er, nachdem das im vollen Umfang mißlungen ist, weiterfährt nach Venedig und Italien, wird nicht gesagt, schon bald aber zeigt sich, daß er in groben Zügen der Reise Kafkas folgt, der nichts anderes gekannt hat als ungute Zeiten. Dabei ist Selysses augenscheinlich bemüht, die größten Versäumnisse des Prager Dichters auszugleichen.

Auch dem Selysses zeigt sich Venedig – Triest läßt er aus – nicht von der touristischen Sonnenseite. Schwer beladen, bis zur Bordkante im Wasser, zogen die Kähne vorbei. Rauschend tauchten sie aus dem Nebel auf, durchpflügten die aspikgrüne Flut und verschwanden wieder in den weißen Schwaden der Luft. Einmal kam ein mit Bergen von Müll beladener Kahn vorbei, auf dem eine große Ratte die Bordkante entlang lief und sich kopfüber ins Wasser stürzte. Wer hineingeht in das Innere dieser Stadt, weiß nie, was er als nächstes sieht oder von wem er im nächsten Augenblick gesehen wird. Kaum tritt einer auf, hat er die Bühne durch einen anderen Ausgang bereits wieder verlassen. Geht man in einer sonst leeren Gasse hinter jemandem her, so bedarf es nur einer geringen Beschleunigung der Schritte, um demjenigen, den man verfolgt, die Angst in den Nacken zu setzen.

Anders als Kafka setzt Selysses sich dem Eindruck des Dogenpalastes aus, der ein steinernes Rätsel ist. Die Natur dieses Rätsels ist anscheinend das Grauen, denn solange er in Venedig ist, kommt niemand von dem Gefühl des Unheimlichen mehr los. Selysses begibt sich mit Hilfe Casanovas in das Innere der Bleikammern, nach getaner Tat aber geht es ihm geradezu wie Kafka, er ist am Boden und verläßt seinerseits nicht mehr das Hotelzimmer.


Bei der Abreise aus Venedig erlebt er das Stehbuffet in der Ferrovia in einer Weise, deren sprachliche Wiedergabe sowohl Dante als auch Kafka zur Ehre hätte gereichen können, ohne daß zu sagen wäre, auf welchem Kreis der Hölle oder des Fegefeuers sich das abspielt, zumal ein höllenunüblicher Humor sich durchaus geltend macht. Verfolgungsvorstellungen treten auf, während aber Kafka fortwährend die Blicke aller auf sich gerichtet fühlt, ist es dem Selysses, als sei er im Kreis dieser ihre Morgenkollation einnehmenden, ganz mit sich selbst beschäftigten Gespenster unversehens jemandem in den Blick gekommen, und tatsächlich fand er zwei Augenpaare auf sich gerichtet; diesen zwei Augenpaaren wird er im weiteren nicht mehr entkommen, an den verschiedensten Orten werden sie auf ihn warten.

In Verona findet Selysses zunächst Frieden im Giardino Giusti und dann bei der Betrachtung des Frescos, das Pisanello um das Jahr 1535 in der Chiesa Sant’Anastasia über dem Eingang zur Kapelle der Pellegrini verfertigt hatte. Wieder aber scheint es, als werde er von der Begleichung eines Kafka angelasteten Versäumnis aus der Bahn geworfen, denn zwar nicht in direkter Folge aber doch nur um einiges später beweist er geringeres Standvermögen noch als der Prager Dichter, packt in aller Eile seine Sachen und flüchtet mit dem Nachtzug nach Innsbruck. Erst sieben Jahre später nimmt er seine Italienreise wieder auf und schließt sie in der vorgesehenen Weise ab.

Er beginnt wieder in Venedig, beschließt aber schon bald, dort nicht zu bleiben, sondern unverzüglich nach Padua weiterzufahren und dort die Kapelle des Enrico Scrovegni aufzusuchen mit den Fresken des Malers Giotto und der Bild gewordenen lautlosen Klage, die seit nahezu siebenhundert Jahren von den über dem unendlichen Unglück schwebenden Engeln erhoben wird. Wie ein Dröhnen war diese Klage zu hören in der Stille des Raums. Die Engel selbst aber hatten die Brauen im Schmerz so sehr zusammengezogen, daß man hätte meinen können, sie hätten die Augen verbunden. Und sind nicht, dachte ich mir, die weißen Flügel mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde das weitaus Wunderbarste von allem, was wir uns jemals haben ausdenken können?

Unzweifelhaft ist Selysses damit wieder eingestimmt für die weitere Reise in der Nachfolge Kafkas, dessen Spur er ganz ausdrücklich wieder aufnimmt in der Stadt Verona, in der dieser wie er selbst berichtet hat, im September 1913 auf dem Weg zum Gardasee eine untröstliche Nacht verbrachte. Einen klaren Hinweis auf Kafka findet Selysses in der Aufschrift Il cacciatore im Bahnhofspissoir von Desenzano und im Bus sieht er ihn dann erheblich verjüngt und schrecklich verdoppelt als Zwillingsbruderpaar.

In seinem Inneren auf das schlimmste bedrängt von den Kafkabuben fährt Selysses nicht wie geplant mit dem Bus bis Riva und damit zur Anlagestelle der Barke des Gracchus, sondern steigt bereits in Limone aus und bezieht dort Quartier. Wie seine beiden Vorgänger, Stendhal und Kafka, sucht auch er die Ruhe und den Frieden des Sees. Auf der Abendseite versank alles bereits in den wie dunkle Fahnen über die steilen Felswände des Dosso dei Róveri herabwallenden Schatten, und auch am jenseitigen Ufer stieg der Abendglanz immer höher hinauf, bis bald nur mehr ein schwacher, rosa lodernder Schein über dem Gipfel des Monte Altissimo zu sehen war. Frieden aber findet er vor allem in der Obhut von Luciana Michelotti, die ihm Stendhals Mme Gherardi und Kafkas Schweizerin aus Genua ersetzt. Um den Jäger Gracchus muß er sich weiter nicht kümmern, und vielleicht schreibt er schon hier, im Hotel Sole in Limone, die wahre Geschichte seines Todes auf, der ihn unter dem Pseudonym Hans Schlag in der Ortschaft W. im deutschen Allgäu längst ereilt hat. Sowohl die Dame, um die es dabei ging, als auch der den Totenschein ausstellende Arzt haben italienische Namen: die Romana und der Dr. Piazolo.

Die Italienreisen der drei hatten begonnen mit Stendhals Begeisterung für die Oper und sie schließen auf einem Opernton obwohl die beiden anderen die Begeisterung nur unzulänglich teilen. Scharenweise, so wie man sie aus den Reisebussen herausgelassen hatte, drängten sich die Festspielbesucher vor der Arena in Verona: La spettacolosa Aida. Selysses begibt sich nicht unter Festspielbesucher, sondern ist noch lang sitzen geblieben auf der Piazza. Kafka, bereits auf dem Sterbebett liegend, wird die fragliche Oper noch einmal nahegebracht in Gestalt eines ihm zugeeigneten Exemplars von Franz Werfels Verdiroman. Er wird das Buch wahrscheinlich nicht mehr gelesen haben, vielleicht nicht der größte Verlust, den er verschmerzen mußte.


Unter den Italienern hatte Stendhal überwiegend nur die Donne wahrgenommen, Kafka hatte gar niemanden gesehen und nur seine eigene Unwürdigkeit als Gegenstand kollektiven Betrachtens der Einwohner erlebt. Für Selysses sind die italienischen Menschen auf den für sein Erleben gültigen vier Ringen angeordnet. Da sind die Toten, Pisanello, Giotto, Casanova. Reich besetzt ist der Ring der Empfangsdamen und Mitreisenden. Zu dieser Gruppe schlagen wir auch die Offiziellen, wie den Brigadiere, der ihm erläutert: Non siamo in Russia; der Cicerone der, da er bucklig war und stark vorgebeugt ging, mit dem vorderen Saum seines viel zu großen Jacketts bis an den Boden reichte; die Artistenfamilie im Konsulat in Mailand; letztlich auch die dunklen Gestalten und Träger der Augenpaare, die unerkannt bleiben. Auf dem Ring der guten Bekannten finden wir Salvatore, der sich am Feierabend in die Prosa rettet wie auf eine Insel, und am Rand dieses Rings Malacchio, einem Venezianer, mit dem er ins Gespräch kommt. Dem ersten Ring nahe kommt Luciana, denn für einen Augenblick immerhin ist sie die italienische Braut des Selysses, es war, als seien sie von dem Brigadiere getraut worden.

Italien ist bereits verlassen hat, der Italienbericht damit aber noch nicht abgeschlossen. Die Geschichte des Jägers Gracchus wurde in W. zum Ende gesponnen, und den kurzen Aufenthalt in London nutzt Selysses einem italienischen Bild zuliebe für den Besuch der Nationalgalerie. In der Auslegung Pisanellos teilt der heilige Georg das Tableau in einen Kontrast von hell und dunkel auf. Der Drache, ein geringeltes, geflügeltes Tier, ist besiegt, hat sein Leben bereits ausgehaucht. Alles Dunkle ist auf der linken Bildhälfte versammelt. Da steht, vor einem Saum dunkelgrüner Baumwipfel der Heilige Antonius. Er trägt ein tiefrotes Kapuzenkleid und einen weiten, erdbraunen Umhang. Alles Helle findet sich rechts, die glorreiche Erscheinung des Ritters in einer aus weißem Metall geschmiedeten, kunstreichen Rüstung, die allen Abendschein auf sich versammelt. Das ganz besondere aber an diesem Bild ist der außergewöhnlich schön gearbeitete, weitkrempige und mit einer großen Feder geschmückte hell leuchtende Strohhut, den der Ritter auf dem Kopf hat. San Giorgio nach dem Sieg con cappella di paglia. – Wer wollte zweifeln, daß die rechte Seite, die des Lichts, die italienische Seite ist. Wer wollte zweifeln, daß Selysses, der nach allem was wir wissen, auf den Namen Georg hört, sich auf die rechte Bildseite wünscht.