Samstag, 4. September 2010

Belgien

quarum unam incolunt

Belgien ist das rätselhafteste europäische Land, niemand weiß recht zu sagen, woraus und wozu es besteht. Auf undurchsichtige Weise leuchtet ein, daß die belgische Hauptstadt zur Hauptstadt Europas wenn nicht werden mußte, so doch geworden ist. Die beiden hauptsächlichen westeuropäischen Bevölkerungsgruppen, Romanen und Germanen, sind hier als Wallonen und Flamen zu einem Staat verklammert und halten es, so ist der verbreitete Eindruck, eher schlecht als recht miteinander aus. Eine scharfe Linie trennt den wallonischen von flämischen Teil, und im bilingualen Brüssel gelten die strengsten aller denkbaren Regeln für den Sprachgebrauch.


In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre ist Selysses, teilweise zu Studienzwecken, teilweise aus anderen, ihm selber nicht recht erfindlichen Gründen, von England aus wiederholt nach Belgien gefahren. Der Leser findet sich zumindest ansatzweise in den unerfindlichen Gründen zurecht, Selysses fährt nach Belgien, um dort Austerlitz zu treffen. Er muß ihn in Belgien treffen, da er ihn in Deutschland, das Selysses nach Möglichkeit und Austerlitz gänzlich meidet, nicht treffen kann; ein anderes Land, abgesehen von diesen beiden, kam wohl nicht in Betracht.


Der in Sebalds Werken immer gegenwärtige umfassende Schuld- und Verhängniszusammenhang zieht sich in Austerlitz zusammen im Holocaust der Deutschen, das klärt sich eindeutig aber erst nach einer längeren Erzählstrecke. Das größte Verbrechen im Europa des zwanzigsten Jahrhunderts wird zunächst vertreten durch das größte europäische Verbrechen des neunzehnten Jahrhunderts, die Kolonisation anderer Erdteile. Wenn sich dabei das Augenmerk auf Belgien richtet, so nicht unbedingt nach ausgewogenem historischem Urteil, sondern ausgehend von Conrads gültiger literarischer Aufzeichnung der Verbrechen Leopolds II im Kongo. Wir folgen Joseph Conrad, dem ohne weiteres das Kommando eines am Oberlauf des Kongo verkehrenden Dampfboots übertragen wurde, wahrscheinlich weil dessen Kapitän, ein Deutscher oder Däne namens Freiesleben, gerade von den Eingeborenen umgebracht worden war. Schon im Verlauf der langen Seereise erkennt Korzeniowski allmählich den Wahnsinn des ganzen kolonialen Unternehmens. Die Instrumente der Ausbeutung sind Handelskompanien wie die Société Anonyme pour le Commerce du Haut Congo, deren bald legendären Bilanzen beruhen auf einem von sämtlichen Aktionären und sämtlichen im Kongo tätigen Europäern sanktionierten Zwangsarbeit und Sklavensystem. In manchen Regionen des Kongo wird die eingeborene Bevölkerung durch die erpreßte Arbeitsleistung bis auf geringe Reste dezimiert. Zwischen Geröllhalden und den mit rostigen Wellblech gedeckten, willkürlich in die Gegend gesetzten Baracken, unterhalb der hohen Felsklippen, aus denen der Strom sich hervordrängt, sowie an den steilen Abhängen der Ufer, überall sieht man schwarze Figuren in Trupps bei der Arbeit und Trägerkolonnen, die in langer Linie sich fortbewegen durch das unwegsame Terrain. Ein Stück weit außerhalb des besiedelten Areals stößt man auf einen Platz, an dem die von der Krankheit Zerstörten und von Hunger und Arbeit Ausgehöhlten zum Sterben sich niederlegen. Wie nach einem Massaker liegen sie da in dem gräulichen Dämmer auf dem Grunde der Schlucht. Offenbar hält man diese Schattenwesen nicht auf, wenn sie sich davonschleichen in den Busch. Sie sind jetzt frei, frei wie die Luft, die sie umgibt, und in die sie sich nach und nach auflösen werden.

Der Reichtum von Städten wie Antwerpen ist Ergebnis des grauenhaften afrikanischen Gemetzels und das ganz unverhohlen. Jetzt aber sah ich, wie weit der unter dem Patronat des Königs Leopold II errichtete Bahnhofsbau über das bloß Zweckmäßige hinausreichte, und verwunderte mich über den völlig mit Grünspan überzogenen Negerknaben, der mit seinem Dromedar als ein Denkmal der afrikanischen Tier- und Eingeborenenwelt hoch droben auf einem Erkerturm zur Linken der Bahnhofsfassade seit einem Jahrhundert allein gegen den flandrischen Himmel steht. Ringsum in der Eingangshalle sind auf halber Höhe steinerne Schildwerke mit Symbolen wie Korngarben, geflügelten Rädern und ähnlichem angebracht, wobei das heraldische Motiv des Bienenkorbs nicht, wie man zunächst meinen möchte, die dem Menschen dienstbar gemachte Natur versinnbildlicht, auch nicht etwa den Fleiß als eine gemeinschaftliche Tugend, sondern das Prinzip der Kapitalakkumulation, abgesichert in ihrem ungestörten Verlauf durch die Verwaltung sogenannten Rechts im Justizpalast in Brüssel, die größte Anhäufung von Steinquadern in ganz Europa. In diesem mehr als siebenhunderttausend Kubikmeter umfassenden Gebäude gibt es Korridoren und Treppen, die nirgendwo hinführen, und türlose Räume und Hallen, die von nie jemand zu betreten sind, und deren ummauerte Leere das Geheimnis aller sanktionierten Macht ist. – Wen kann es wundern, wenn es in Belgien bis auf den heutigen Tag eine besondere, von der Zeit der ungehemmten Ausbeutung der Kongokolonie geprägte, in der makabren gewisser Salons und einer auffallenden Verkrüppelung der Bevölkerung sich manifestierende Häßlichkeit gibt, wie man sie anderwärts nur selten antrifft. Jedenfalls entsinne ich mich genau, daß mir bei meinem ersten Besuch in Brüssel im Dezember 1964 mehr Bucklige und Irre über den Weg gelaufen sind als sonst in einem ganzen Jahr. Wen mag es wundern, wenn das der Spiegel ist, den Europa sich zur gefälligen Betrachtung seiner selbst in sein Zentrum gerückt hat, auch wenn sich niemand darin erkennen will.

Mit der guten halben Stunde Zugfahrt von Antwerpen nach Mechelen und dort vom Bahnhofsvorplatz weiter mit dem Bus in die Ortschaft Willebroek und zum Fort Breendonk, umgebaut zur Folterstätte der Nazis, wird ahnungsvoll zunächst nur der Übergang zur Schuld der Deutschen angebahnt, mit der diese ganz auf eigene Faust die große gemeinsame Schuld der Europäer fast noch in den Schatten stellten.

Der erzähltechnische Ansatz schöpft die nicht recht erfindlichen Gründe für die Fahrten des Selysses nach Belgien keineswegs aus. Das zweite Mal trifft er mit Austerlitz zusammen, als er sich vor dem Regen, der in die Straßen zu rauschen begann, in eine winzige Schankstube flüchtet, die, wie er glaubt, Café des Espérances hieß, ein von keinem vernünftigen Menschen sonst aufgesuchten Ort. Durch ein rückwärtiges Fenster sah man hinunter in ein vor Zeiten vielleicht von Flußauen durchzogenes Tal, in dem der Widerschein der Hochöfen einer gigantischen Eisengießerei gegen den dunklen Himmel hinauflohte.


Liège, Geburtsort Simenons, des Meisters der Café- und Schankstubenatmosphäre. Zwar hat er sie nach Paris und Frankreich verlagert, die Leser aber lenken einen Teil der erweckten Sehnsucht nach Belgien zurück. Der nur sehr feine Verdacht, Selysses habe Belgien, dieses seltsame Land, geliebt, und nicht zuletzt das sei Grund gewesen für seine Reisen, verstärkt sich, wenn wir sehen, daß der Maler Jan Peter Tripp ihn – oder ist es der ihm in vielem verwandte Dichter W.G. Sebald? – in einem Billardcafé in Tongeren überrascht hat. Das Billardspiel hat zwei bevorzugte Austragungsstätten, den in Herrenhäusern eigens eingerichteten Billardraum - sein Vorfahr, berichtet der Besitzer von Iver Grove, habe in diesem von ihm eingerichteten Raum gegen sich selbst eine Partie nach der anderen gespielt, bis der Morgen graute – und das Café mit anrüchigem Flair - so zeigen es Filmszenen, an die wir uns erinnern. Der Stoß mit dem Queue scheint demzufolge einmal dem ritterlichen Degenstoß und dann wieder dem Messerstich im Dreigroschenmilieu zu gleichen. Tun sich da Abgründe auf? Jedenfalls keine, die man einsehen könnte. Selysses rettet sich vor zudringlichen Fragen, indem er den Blick auf den Boden lenkt und eine Reflektion anschließt, die über die Fragen des Billardspiels weit hinausgeht: Und die Malerei, was überhaupt ist sie, wenn nicht eine Art Prosekturgeschäft angesichts des schwarzen Todes und der weißen Ewigkeit? Verschiedentlich kehrt er wieder, dieser extreme Kontrast, beispielsweise in dem schachbrettartigen Bodenmuster des belgischen Billardbildes aus Tongeren, das nicht von ungefähr den Gedanken nahelegt, daß der Maler in dem Rahmen, den er sich jeweils vorgibt, auf ein risikoreiches Spiel sich einläßt, in dem mit einer falschen Bewegung alles vertan ist.

Das Dunkel des Antwerpener Nachtzoos hat sich über das Land gelegt, Belgier sehen wir nur wenige in Belgien. Im Buffetraum waren wir allein mit einem einsamen Fernet-Trinker und mit der Buffetdame, die mit übergeschlagenen Beinen auf einem Barhocker hinter dem Ausschank thronte und sich mit vollkommener Hingebung und Konzentration die Fingernägel feilte. Im Billardcafé von Terneuzen treffen wir auf eine Wirtin, eine Frau mit dicken Brillengläsern, die an einem grasgrünen Strumpf strickte – aber Terneuzen ist, wenn man diese Dinge streng nimmt, bereits den Niederlanden zuzurechnen.

Keine Kommentare: