Freitag, 3. September 2010

Italien

Drei Reisende


Die Erzählung Dr. K.s Badereise nach Riva in den Schwindel.Gefühlen ist ein, seinen Tagebüchern nachgezeichneter Bericht über eine Italienreise Kafkas. Was nun aber das Land Italien anbelangt, so ist es ein Bericht darüber, wie Kafka es so gut wie gar nicht wahrgenommen hat.

Nach Wien war Kafka gereist, um an einem Kongreß teilzunehmen, und er wollte, das sei ihm erspart geblieben. Für die Weiterfahrt nach Triest wird ein Grund nicht genannt. Er läßt sich sogleich in ein Hotel am Hafen fahren und legt sich auf das Bett, die Hände unterm Kopf verschränkt, von der Stadt sieht er nichts. Aus dem Hotel Sandwirth in Venedig, nach Überquerung der Adria bei leicht stürmischen Wetter, schreibt er, er wolle sich nun hinauswerfen in die Stadt und in das, was sie einem Reisenden wie ihm zu bieten habe, es spricht aber kaum etwas dafür, daß er das Hotel an diesem Tag noch verlassen hat. Wie es schön ist und wie man es bei uns unterschätzt, schreibt er dann, wir wissen aber nicht, was er in Wirklichkeit alles gesehen hat. Es gibt nicht einmal einen Hinweis darauf, daß er den Dogenpalast gesehen hat, dessen Bleikammern in der Entwicklung seiner Prozeß- und Strafphantasien einige Monate später einen so wichtigen Platz einnehmen sollten. In Verona sodann ist er am Nachmittag seiner Ankunft kreuz und quer durch die Gassen gewandert, daß er auch nur das von Pisanello gemalte schöne Wandbild des heiligen Georg über dem Eingang zur Kapelle der Pellegrini angesehen hätte, dafür gibt es nirgends einen Anhaltspunkt. Es scheint ihm, als habe es die Veroneser Bevölkerung in ihrer Unbeschwertheit darauf abgesehen, ihn in einer Art Theatervorstellung auf seine Vereinzelung und Abartigkeit hinzuweisen, ein Gedanke, vor dem er sich nur durch Flucht in das Dunkel eines Kinematographentheater zu retten vermochte. Auch in Desenzano am Südufer des Gardasees will es scheinen, als habe sich die Mehrzahl der Einwohner des Ortes zu seinem Empfang auf dem Marktplatz versammelt. Er aber war nur krank, krank in alle Himmelsrichtungen. In Riva schließlich verbringt er drei Wochen in der Wasserheilanstalt des Dr. von Hartungen. Hier immerhin rudert er an den Nachmittagen ein Stück weit auf den See hinaus. Die Felswände erheben sich aus dem Wasser in das schöne Herbstlicht, so halb und halb grün, als wäre die ganze Gegend ein Album und die Berge wären von einem feinsinnigen Dilettanten der Besitzerin des Albums aufs leere Blatt hingezeichnet worden, zur Erinnerung.

Seine Erinnerung, der er doch anscheinend so gut wie nichts gesehen hat, ist die eines Dichters, der für die Bilder seines Inneren nur wenig Anstoß von Außen braucht. Im Verlauf der nachfolgenden Jahre legten sich lange Schatten über die ebenso schönen wie entsetzlichen Herbsttage in Riva, und aus den Schatten tauchten allmählich die Umrisse einer Barke auf, ein schwerer alter Kahn, verhältnismäßig niedrig und sehr ausgebaucht, verunreinigt, wie mit Schwarzwasser ganz und gar übergossen, noch troff es scheinbar die gelbliche Außenwand hinab, die Masten unverständlich hoch, der Hauptmast im obern Drittel geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, keinem Windstoß gewachsen. Drei ganze Tage dauert es, bis die Barke, als werde sie über das Wasser getragen, leise in den Hafen von Riva schwebte. – Mit der Anlegestelle der Barke des Jägers Gracchus hat Kafka aus dem Nichts den Treffpunkt geschaffen für die drei Italienreisende der Schwindel.Gefühle, außer ihm selbst sind das Stendhal und Selysses.

Stendhal betritt den italienischen Boden im Gefolge Napoleons, einer der wenigen nicht namenlos gebliebenen Teilnehmer dieser legendären Alpenüberquerung im Mai des Jahres 1800. Nach dem Erlernen erster italienischer Wörter – quante miglia ci sono da qui a Ivrea und donna cattiva – sind es schon bald die italienische Oper, vor allem anderen aber die Donne, cattive und nicht cattive, die ihn in einem Maße für das Land einnehmen, die ihn weit mehr zu einem italienischen Schriftsteller, der weiterhin französisch schreibt, werden lassen, als Sebald ein englischer, weiterhin in der deutschen Sprache schreibender Schriftsteller geworden wäre.

Bei genauerem Hinsehen sind es natürlich nicht nur die Oper und die Donne, die ihm das Land so lieb werden lassen, sondern die besondere Aura seiner Städte und Landschaften. Volterra im Westen und Bologna im Osten sind die südlichsten Städte des Landes, von denen wir hören, aber auch ihn zieht es unwiderstehlich in das Gebiet der oberitalienischen Seen, über Mantua und Desenzano nach Riva. In seinem ganzen Leben nicht habe er die Schönheit dieses Gewässers, des Gardasees, tiefer empfunden als damals. Der drückenden Hitze wegen habe er die Abende draußen auf einer Barke verbracht und im Einbruch der Dunkelheit die seltensten Abstufungen der Farben gesehen und die unvergeßlichsten Stunden der Stille erlebt.

Als sie wenige Tage später in den kleinen Hafen von Riva einliefen, saßen zwei Knaben auf der Kaimauer zum Würfelspiel. Ein schwerer alter Kahn - verhältnismäßig niedrig und sehr ausgebaucht, verunreinigt, wie mit Schwarzwasser ganz und gar übergossen, noch troff es scheinbar die gelbliche Außenwand hinab, die Masten unverständlich hoch, der Hauptmast im obern Drittel geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, keinem Windstoß gewachsen – hatte anscheinend auch vor kurzer Zeit erst angelegt. Zwei Männer in dunklen Röcken mit Silberknöpfen trugen gerade eine Bahre an Landauf der unter einem großen, blumengemusterten, gefransten Seidentuch offenbar ein Mensch lag.

Ähnlich wie dem Jäger Gracchus war Stendhal der Tod in Italien nicht vergönnt. Ein apoplektischer Anfall wirft ihn auf das Trottoir der Rue Neuve-des-Capucines, und in den frühen Morgenstunden des folgenden Tages erlischt er, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben.


Als Grund für seine Reise nach Wien nennt Selysses die Hoffnung, durch eine Ortsveränderung über eine besonders ungute Zeit hinwegzukommen. Warum er, nachdem das im vollen Umfang mißlungen ist, weiterfährt nach Venedig und Italien, wird nicht gesagt, schon bald aber zeigt sich, daß er in groben Zügen der Reise Kafkas folgt, der nichts anderes gekannt hat als ungute Zeiten. Dabei ist Selysses augenscheinlich bemüht, die größten Versäumnisse des Prager Dichters auszugleichen.

Auch dem Selysses zeigt sich Venedig – Triest läßt er aus – nicht von der touristischen Sonnenseite. Schwer beladen, bis zur Bordkante im Wasser, zogen die Kähne vorbei. Rauschend tauchten sie aus dem Nebel auf, durchpflügten die aspikgrüne Flut und verschwanden wieder in den weißen Schwaden der Luft. Einmal kam ein mit Bergen von Müll beladener Kahn vorbei, auf dem eine große Ratte die Bordkante entlang lief und sich kopfüber ins Wasser stürzte. Wer hineingeht in das Innere dieser Stadt, weiß nie, was er als nächstes sieht oder von wem er im nächsten Augenblick gesehen wird. Kaum tritt einer auf, hat er die Bühne durch einen anderen Ausgang bereits wieder verlassen. Geht man in einer sonst leeren Gasse hinter jemandem her, so bedarf es nur einer geringen Beschleunigung der Schritte, um demjenigen, den man verfolgt, die Angst in den Nacken zu setzen.

Anders als Kafka setzt Selysses sich dem Eindruck des Dogenpalastes aus, der ein steinernes Rätsel ist. Die Natur dieses Rätsels ist anscheinend das Grauen, denn solange er in Venedig ist, kommt niemand von dem Gefühl des Unheimlichen mehr los. Selysses begibt sich mit Hilfe Casanovas in das Innere der Bleikammern, nach getaner Tat aber geht es ihm geradezu wie Kafka, er ist am Boden und verläßt seinerseits nicht mehr das Hotelzimmer.


Bei der Abreise aus Venedig erlebt er das Stehbuffet in der Ferrovia in einer Weise, deren sprachliche Wiedergabe sowohl Dante als auch Kafka zur Ehre hätte gereichen können, ohne daß zu sagen wäre, auf welchem Kreis der Hölle oder des Fegefeuers sich das abspielt, zumal ein höllenunüblicher Humor sich durchaus geltend macht. Verfolgungsvorstellungen treten auf, während aber Kafka fortwährend die Blicke aller auf sich gerichtet fühlt, ist es dem Selysses, als sei er im Kreis dieser ihre Morgenkollation einnehmenden, ganz mit sich selbst beschäftigten Gespenster unversehens jemandem in den Blick gekommen, und tatsächlich fand er zwei Augenpaare auf sich gerichtet; diesen zwei Augenpaaren wird er im weiteren nicht mehr entkommen, an den verschiedensten Orten werden sie auf ihn warten.

In Verona findet Selysses zunächst Frieden im Giardino Giusti und dann bei der Betrachtung des Frescos, das Pisanello um das Jahr 1535 in der Chiesa Sant’Anastasia über dem Eingang zur Kapelle der Pellegrini verfertigt hatte. Wieder aber scheint es, als werde er von der Begleichung eines Kafka angelasteten Versäumnis aus der Bahn geworfen, denn zwar nicht in direkter Folge aber doch nur um einiges später beweist er geringeres Standvermögen noch als der Prager Dichter, packt in aller Eile seine Sachen und flüchtet mit dem Nachtzug nach Innsbruck. Erst sieben Jahre später nimmt er seine Italienreise wieder auf und schließt sie in der vorgesehenen Weise ab.

Er beginnt wieder in Venedig, beschließt aber schon bald, dort nicht zu bleiben, sondern unverzüglich nach Padua weiterzufahren und dort die Kapelle des Enrico Scrovegni aufzusuchen mit den Fresken des Malers Giotto und der Bild gewordenen lautlosen Klage, die seit nahezu siebenhundert Jahren von den über dem unendlichen Unglück schwebenden Engeln erhoben wird. Wie ein Dröhnen war diese Klage zu hören in der Stille des Raums. Die Engel selbst aber hatten die Brauen im Schmerz so sehr zusammengezogen, daß man hätte meinen können, sie hätten die Augen verbunden. Und sind nicht, dachte ich mir, die weißen Flügel mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde das weitaus Wunderbarste von allem, was wir uns jemals haben ausdenken können?

Unzweifelhaft ist Selysses damit wieder eingestimmt für die weitere Reise in der Nachfolge Kafkas, dessen Spur er ganz ausdrücklich wieder aufnimmt in der Stadt Verona, in der dieser wie er selbst berichtet hat, im September 1913 auf dem Weg zum Gardasee eine untröstliche Nacht verbrachte. Einen klaren Hinweis auf Kafka findet Selysses in der Aufschrift Il cacciatore im Bahnhofspissoir von Desenzano und im Bus sieht er ihn dann erheblich verjüngt und schrecklich verdoppelt als Zwillingsbruderpaar.

In seinem Inneren auf das schlimmste bedrängt von den Kafkabuben fährt Selysses nicht wie geplant mit dem Bus bis Riva und damit zur Anlagestelle der Barke des Gracchus, sondern steigt bereits in Limone aus und bezieht dort Quartier. Wie seine beiden Vorgänger, Stendhal und Kafka, sucht auch er die Ruhe und den Frieden des Sees. Auf der Abendseite versank alles bereits in den wie dunkle Fahnen über die steilen Felswände des Dosso dei Róveri herabwallenden Schatten, und auch am jenseitigen Ufer stieg der Abendglanz immer höher hinauf, bis bald nur mehr ein schwacher, rosa lodernder Schein über dem Gipfel des Monte Altissimo zu sehen war. Frieden aber findet er vor allem in der Obhut von Luciana Michelotti, die ihm Stendhals Mme Gherardi und Kafkas Schweizerin aus Genua ersetzt. Um den Jäger Gracchus muß er sich weiter nicht kümmern, und vielleicht schreibt er schon hier, im Hotel Sole in Limone, die wahre Geschichte seines Todes auf, der ihn unter dem Pseudonym Hans Schlag in der Ortschaft W. im deutschen Allgäu längst ereilt hat. Sowohl die Dame, um die es dabei ging, als auch der den Totenschein ausstellende Arzt haben italienische Namen: die Romana und der Dr. Piazolo.

Die Italienreisen der drei hatten begonnen mit Stendhals Begeisterung für die Oper und sie schließen auf einem Opernton obwohl die beiden anderen die Begeisterung nur unzulänglich teilen. Scharenweise, so wie man sie aus den Reisebussen herausgelassen hatte, drängten sich die Festspielbesucher vor der Arena in Verona: La spettacolosa Aida. Selysses begibt sich nicht unter Festspielbesucher, sondern ist noch lang sitzen geblieben auf der Piazza. Kafka, bereits auf dem Sterbebett liegend, wird die fragliche Oper noch einmal nahegebracht in Gestalt eines ihm zugeeigneten Exemplars von Franz Werfels Verdiroman. Er wird das Buch wahrscheinlich nicht mehr gelesen haben, vielleicht nicht der größte Verlust, den er verschmerzen mußte.


Unter den Italienern hatte Stendhal überwiegend nur die Donne wahrgenommen, Kafka hatte gar niemanden gesehen und nur seine eigene Unwürdigkeit als Gegenstand kollektiven Betrachtens der Einwohner erlebt. Für Selysses sind die italienischen Menschen auf den für sein Erleben gültigen vier Ringen angeordnet. Da sind die Toten, Pisanello, Giotto, Casanova. Reich besetzt ist der Ring der Empfangsdamen und Mitreisenden. Zu dieser Gruppe schlagen wir auch die Offiziellen, wie den Brigadiere, der ihm erläutert: Non siamo in Russia; der Cicerone der, da er bucklig war und stark vorgebeugt ging, mit dem vorderen Saum seines viel zu großen Jacketts bis an den Boden reichte; die Artistenfamilie im Konsulat in Mailand; letztlich auch die dunklen Gestalten und Träger der Augenpaare, die unerkannt bleiben. Auf dem Ring der guten Bekannten finden wir Salvatore, der sich am Feierabend in die Prosa rettet wie auf eine Insel, und am Rand dieses Rings Malacchio, einem Venezianer, mit dem er ins Gespräch kommt. Dem ersten Ring nahe kommt Luciana, denn für einen Augenblick immerhin ist sie die italienische Braut des Selysses, es war, als seien sie von dem Brigadiere getraut worden.

Italien ist bereits verlassen hat, der Italienbericht damit aber noch nicht abgeschlossen. Die Geschichte des Jägers Gracchus wurde in W. zum Ende gesponnen, und den kurzen Aufenthalt in London nutzt Selysses einem italienischen Bild zuliebe für den Besuch der Nationalgalerie. In der Auslegung Pisanellos teilt der heilige Georg das Tableau in einen Kontrast von hell und dunkel auf. Der Drache, ein geringeltes, geflügeltes Tier, ist besiegt, hat sein Leben bereits ausgehaucht. Alles Dunkle ist auf der linken Bildhälfte versammelt. Da steht, vor einem Saum dunkelgrüner Baumwipfel der Heilige Antonius. Er trägt ein tiefrotes Kapuzenkleid und einen weiten, erdbraunen Umhang. Alles Helle findet sich rechts, die glorreiche Erscheinung des Ritters in einer aus weißem Metall geschmiedeten, kunstreichen Rüstung, die allen Abendschein auf sich versammelt. Das ganz besondere aber an diesem Bild ist der außergewöhnlich schön gearbeitete, weitkrempige und mit einer großen Feder geschmückte hell leuchtende Strohhut, den der Ritter auf dem Kopf hat. San Giorgio nach dem Sieg con cappella di paglia. – Wer wollte zweifeln, daß die rechte Seite, die des Lichts, die italienische Seite ist. Wer wollte zweifeln, daß Selysses, der nach allem was wir wissen, auf den Namen Georg hört, sich auf die rechte Bildseite wünscht.

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