Jemand erinnert sich an eine Winternacht, die er als Kind in einer dörflichen Umgebung erlebt hat. Lang war er inmitten dieser Winterpracht stehengeblieben und hatte gehorcht auf das Klirren der Kälte und das Klingen der Himmelslichter in ihrer langsamen Bahn. Dann eine Bewegung in der Froststille. Die Beobachtung der Vorgänge zwischen dem Jäger Hans Schlag und der Romana im weiteren Verlauf der Schwindel.Gefühle scheint das Kind nicht über die Maßen zu beunruhigen, bedrohlicher und in der Erinnerung nur immer verstörender werdend der von Kafka ins Spiel gebrachte zugereiste Fremde, die nächtliche Versammlung der Bewohner, das Vortreten des Petenten. Welche Instanz hat den Fremden entsandt, eine weltliche Macht, eine geistliche, auf welche Weise mochte der Petent das Treffen in die Wege geleitet haben, und was mochte der Inhalt der nicht geringfügigen Petition gewesen sein.
Donnerstag, 2. Dezember 2010
Kommentar Custodes
Der Drache, ein geringeltes, geflügeltes Tier, hat sein Leben bereits ausgehaucht, San Giorgio hat das mittelalterliche Tableau verlassen und sich nach getaner Tat den Strohhut der Erholung und des Friedens aufgesetzt. Er läßt sich aber von Sebalds Zweifeln an der Gültigkeit und vor allem Endgültigkeit der Neuzeit anstecken, Zweifel die Kafka ganz erheblich verstärkt, indem er hinweist auf die Gefahren des Sumpfwaldes, jederzeit gut als Geburtsstube eines neuen Ungeheuers. Wächter am Rand des Sumpfwaldes sind offenbar erforderlich. Giorgio ist einsichtig, bleibt aber reichlich unbefangen: Du versinkst im Sumpf, ich aber werde gleich eine neue Wache hier aufstellen, und wenn die untreu werden sollte, wieder eine andere und so fort ohne Ende. Eine lange Reihe von Wächtern, wenn es sein muß, aber jeweils nur einer, und niemand weiß, ob der Posten besetzt ist, wenn die Stunde schlägt, das kann uns nicht zuversichtlich stimmen.
Mittwoch, 1. Dezember 2010
Endlichkeit
Mit feiner Ironie
La mia allegrezz' è la maninconia
Ob er den Autor nun schätzt oder nicht, jeder Sebaldianer wird zugreifen, wenn Handke sagt, natürlich wolle der Künstler nicht bewundert, sondern mit feiner Ironie betrachtet werden, denn sogleich ist ihm klar: wenn das denn der Wunsch der Künstler ist, so wird er nirgendwo vollständiger und schöner erfüllt als in Sebalds dichterischem Werk und nirgendwo schöner wiederum, ließe sich ergänzen, als im Falle Franz Kafkas. Allerdings müßte der in Handkes Aussage anklingende Gegensatz von Bewunderung und Ironie eher eingeschliffen werden zu der Neufassung, der Künstler wolle mit feiner Ironie bewundert werden, denn auf keinen Fall kann und soll die gemeinte Ironie von der Bewunderung entbinden oder gar zu einer herablassenden Perspektive von oben verhelfen, auch um die so scheußlich grassierende gleiche Augenhöhe kann es nicht gehen, wir befinden uns in einem perspektivefreien, nivellierten Raum, dem unserer aller Endlichkeit. Mit dem schleichenden Vertrauensverlust der großen theologischen Antworten auf unsere Endlichkeit haben sich viele Erwartungen auf die Kunst verlagert, Erwartungen und Hoffnungen, denen sie aber nicht gerecht werden kann und die sie überfordern. Die Melancholie mag man als Ausdruck der Überforderung unseres Alleinseins in der Endlichkeit, oder, mit einem Buchtitel, als Fatigue d’etre soi ansehen, eine Erschöpfung, die wiederum in der Kunst gültige Ausdrucksformen findet. Ironie ist in diesem Zusammenhang dann zu verstehen als die sich aufraffende, munter werdende und dialogisch gestimmte Melancholie. Der Wunsch nach ironischer Betrachtung entspringt weniger einer Eigenart der Künstlerseele als der Situation der Kunst in der Moderne.
Zugunsten seiner Qualifizierung als Melancholiker übersehen viele den feinen Ironiker Sebald, der er durchgehend ist, ganz besonders aber in den Schwindel.Gefühlen, wo er Stendhal, Kafka und sich selbst - oder doch seinen wandernden Icherzähler Selysses - in ein die gesamte Gestalt umhüllendes ironisches Gewand kleidet. Ironie, zumindest diejenige feinerer Art, ist immer zweipolig und verschont am wenigsten sich selbst und ihren Ursprungsort. Wenn Kafka ein besonderes Quantum an Ironie auf sich zieht, so zum einen wegen der besonderen Bewunderu
ng, die ihm zusteht, und zum anderen vielleicht deswegen, weil er wie kein anderer Dichter seines Rangs der Dichter des nicht zu Ende Geführten ist. Nicht nur seine die Romane sind sämtlich unabgeschlossen geblieben, in seinen Tagebüchern, Blättern und Heften finden sich in großer Zahl glanzvolle Prosafragmente, die es nicht bis zur abgeschlossenen Erzählung geschafft haben, und wenn wir diese Fragmente besonders lieben, so wohl deswegen, weil alles nicht Abgeschlossene eine Art von Vertagung der Endlichkeit darstellt. Wenn Walter Benjamin den Amerikaroman als dasjenige Werk Kafkas, das seinen Schaffenshintergrund am gründlichsten ausleuchtet, so kann es kaum ein Zufall sein, wenn dieses Werk zugleich der mit Vorsprung am wenigsten geliebte unter den drei Romanen ist, der es auch nicht annähernd zur Sprichwörtlichkeit von Proceß und des Schloß gebracht hat. Jede Antwort, jede Erklärung schließ eine Tür und verschärft nur das Trauma der Endlichkeit, die rasende, Fortschritt genannte Abfolge wissenschaftlicher Antworten, mit der wir leben müssen, bestätigt das eindrücklich. Kafka verletzt und liebkost die Welt auf eine nur ihm eigene, immer vorläufige Weise, Gesten, mit dem Ausdruck Benjamins, die in ihrer Rätselhaftigkeit die Endlichkeit für einen Augenblick aushebeln, selbst dann, wenn sie sie in so krasser Form thematisieren wie in der Miniaturerzählung Das nächste Dorf.
Es wurde angeregt, die Allegrezza der Melancholie wahrzunehmen, und vorgeschlagen, die Schwindel.Gefühle als eine Unternehmung zur Aufheiterung Kafkas zu lesen. Sebald und Kafka tanzen einen ironisch-melancholischen Pas de deux, dem Leser, dem Betrac
hter zuckt es in den Füßen, er beginnt leise die Trommel zu schlagen im gleichen Takt und gerät so selbst in den ironischen Bezirk. Er muß sich aber keine Selbstvorwürfe machen über seinen Vorwitz im Umgang mit den Großen, Handkes Aufforderung zur ironischen Betrachtung gilt nicht speziell für den Verkehr von Künstlern und Autoren untereinander, sofern sie hier überhaupt gelten kann, denn kaum etwas ist so unwandelbar wie die Bosheit, mit der die Literaten hinterrücks übereinander reden. Wenn gar, wie hier angenommen, die Ironie als Tapete im Innenraum der Endlichkeit anzusehen ist, befinden wir uns ohnehin im wohldefinierten und ultimativen Raum der Gleichheit, in den die melancholische Ironie als freundliche Wärme zurückstrahlt.
Zum Heiligen gehört die Anfechtung, die Gottgläubigkeit war sich ihrer Sache nie sicher, ansonsten hätte das Mittelalter die Melancholie wohl nicht als Mönchskrankheit ansehen können. Die Beziehung von Mensch zu Gott im Gebet aber kann man sich nur schwer anders als ironiefrei vorstellen. Auch die Sprache der Bibel kennt zwar Spott und Hohn als Thema, aber kaum feine Ironie als Ausdrucksweise. Sobald aber die Heiligen weltlichen Züge annehmen, werden sie von Sebald mit der gleichen freundlichen Ironie empfangen wie die Dichterkollegen. Das gilt für die spätgeborenen Heiligen wie Mrs. Ashbury, die in den Himmel auffahrend im Plafond stecken bleibt, ebenso wie für klassische Heilige, vorneweg für den heiligen Georg, der sich bei Grünewald, in der Sicht Sebalds, anschickt aus dem Rahmen des Mittelalters zu treten, und von dem bei Pisanello, wieder in den Worten Sebalds, etwas herzbewegend Weltliches ausgeht. Wenn Pisanello San Giorgio obendrein mit der angesichts der Umstände eigentlich unpassenden, ja geradezu extravaganten Kopfbedeckung eines Strohhutes ausstaffiert hat, so hat womöglich er selbst bereits das Geschäft der feinen Ironie begonnen, das vom Dichter nur noch fortzuführen war.
Der Leser, dem es beim ironisch-melancholischen Pas de deux in den Füßen zuckt und der leise beginnt die Trommel zu schlagen im gleichen Takt, mag die Lust ankommen nach weiteren Tanzstückchen, und so hat er sich im Schattenreich eine ganze Anzahl zusammengestellt. Schattenreich spielt an auf die Ausstellung Wandernde Schatten, Sebalds Unterwelt, eine Unterwelt, in der Kafka wie kein zweiter vertreten ist. Schreibt Benjamin etwa, unter den Gebärden Kafkas begegne keine häufiger als die des Mannes, der den Kopf tief auf die Brust herunterbeugt, so kommen gleich der Cicerone in Verona oder der Portier in Ithaca in den Sinn, und es fragt sich, ob der Aufsatz Das bucklicht Männlein nicht allein über Kafka, sondern über beide Dichter verfaßt wurde.
La mia allegrezz' è la maninconia
Ob er den Autor nun schätzt oder nicht, jeder Sebaldianer wird zugreifen, wenn Handke sagt, natürlich wolle der Künstler nicht bewundert, sondern mit feiner Ironie betrachtet werden, denn sogleich ist ihm klar: wenn das denn der Wunsch der Künstler ist, so wird er nirgendwo vollständiger und schöner erfüllt als in Sebalds dichterischem Werk und nirgendwo schöner wiederum, ließe sich ergänzen, als im Falle Franz Kafkas. Allerdings müßte der in Handkes Aussage anklingende Gegensatz von Bewunderung und Ironie eher eingeschliffen werden zu der Neufassung, der Künstler wolle mit feiner Ironie bewundert werden, denn auf keinen Fall kann und soll die gemeinte Ironie von der Bewunderung entbinden oder gar zu einer herablassenden Perspektive von oben verhelfen, auch um die so scheußlich grassierende gleiche Augenhöhe kann es nicht gehen, wir befinden uns in einem perspektivefreien, nivellierten Raum, dem unserer aller Endlichkeit. Mit dem schleichenden Vertrauensverlust der großen theologischen Antworten auf unsere Endlichkeit haben sich viele Erwartungen auf die Kunst verlagert, Erwartungen und Hoffnungen, denen sie aber nicht gerecht werden kann und die sie überfordern. Die Melancholie mag man als Ausdruck der Überforderung unseres Alleinseins in der Endlichkeit, oder, mit einem Buchtitel, als Fatigue d’etre soi ansehen, eine Erschöpfung, die wiederum in der Kunst gültige Ausdrucksformen findet. Ironie ist in diesem Zusammenhang dann zu verstehen als die sich aufraffende, munter werdende und dialogisch gestimmte Melancholie. Der Wunsch nach ironischer Betrachtung entspringt weniger einer Eigenart der Künstlerseele als der Situation der Kunst in der Moderne.
Zugunsten seiner Qualifizierung als Melancholiker übersehen viele den feinen Ironiker Sebald, der er durchgehend ist, ganz besonders aber in den Schwindel.Gefühlen, wo er Stendhal, Kafka und sich selbst - oder doch seinen wandernden Icherzähler Selysses - in ein die gesamte Gestalt umhüllendes ironisches Gewand kleidet. Ironie, zumindest diejenige feinerer Art, ist immer zweipolig und verschont am wenigsten sich selbst und ihren Ursprungsort. Wenn Kafka ein besonderes Quantum an Ironie auf sich zieht, so zum einen wegen der besonderen Bewunderu
ng, die ihm zusteht, und zum anderen vielleicht deswegen, weil er wie kein anderer Dichter seines Rangs der Dichter des nicht zu Ende Geführten ist. Nicht nur seine die Romane sind sämtlich unabgeschlossen geblieben, in seinen Tagebüchern, Blättern und Heften finden sich in großer Zahl glanzvolle Prosafragmente, die es nicht bis zur abgeschlossenen Erzählung geschafft haben, und wenn wir diese Fragmente besonders lieben, so wohl deswegen, weil alles nicht Abgeschlossene eine Art von Vertagung der Endlichkeit darstellt. Wenn Walter Benjamin den Amerikaroman als dasjenige Werk Kafkas, das seinen Schaffenshintergrund am gründlichsten ausleuchtet, so kann es kaum ein Zufall sein, wenn dieses Werk zugleich der mit Vorsprung am wenigsten geliebte unter den drei Romanen ist, der es auch nicht annähernd zur Sprichwörtlichkeit von Proceß und des Schloß gebracht hat. Jede Antwort, jede Erklärung schließ eine Tür und verschärft nur das Trauma der Endlichkeit, die rasende, Fortschritt genannte Abfolge wissenschaftlicher Antworten, mit der wir leben müssen, bestätigt das eindrücklich. Kafka verletzt und liebkost die Welt auf eine nur ihm eigene, immer vorläufige Weise, Gesten, mit dem Ausdruck Benjamins, die in ihrer Rätselhaftigkeit die Endlichkeit für einen Augenblick aushebeln, selbst dann, wenn sie sie in so krasser Form thematisieren wie in der Miniaturerzählung Das nächste Dorf.Es wurde angeregt, die Allegrezza der Melancholie wahrzunehmen, und vorgeschlagen, die Schwindel.Gefühle als eine Unternehmung zur Aufheiterung Kafkas zu lesen. Sebald und Kafka tanzen einen ironisch-melancholischen Pas de deux, dem Leser, dem Betrac
hter zuckt es in den Füßen, er beginnt leise die Trommel zu schlagen im gleichen Takt und gerät so selbst in den ironischen Bezirk. Er muß sich aber keine Selbstvorwürfe machen über seinen Vorwitz im Umgang mit den Großen, Handkes Aufforderung zur ironischen Betrachtung gilt nicht speziell für den Verkehr von Künstlern und Autoren untereinander, sofern sie hier überhaupt gelten kann, denn kaum etwas ist so unwandelbar wie die Bosheit, mit der die Literaten hinterrücks übereinander reden. Wenn gar, wie hier angenommen, die Ironie als Tapete im Innenraum der Endlichkeit anzusehen ist, befinden wir uns ohnehin im wohldefinierten und ultimativen Raum der Gleichheit, in den die melancholische Ironie als freundliche Wärme zurückstrahlt.Zum Heiligen gehört die Anfechtung, die Gottgläubigkeit war sich ihrer Sache nie sicher, ansonsten hätte das Mittelalter die Melancholie wohl nicht als Mönchskrankheit ansehen können. Die Beziehung von Mensch zu Gott im Gebet aber kann man sich nur schwer anders als ironiefrei vorstellen. Auch die Sprache der Bibel kennt zwar Spott und Hohn als Thema, aber kaum feine Ironie als Ausdrucksweise. Sobald aber die Heiligen weltlichen Züge annehmen, werden sie von Sebald mit der gleichen freundlichen Ironie empfangen wie die Dichterkollegen. Das gilt für die spätgeborenen Heiligen wie Mrs. Ashbury, die in den Himmel auffahrend im Plafond stecken bleibt, ebenso wie für klassische Heilige, vorneweg für den heiligen Georg, der sich bei Grünewald, in der Sicht Sebalds, anschickt aus dem Rahmen des Mittelalters zu treten, und von dem bei Pisanello, wieder in den Worten Sebalds, etwas herzbewegend Weltliches ausgeht. Wenn Pisanello San Giorgio obendrein mit der angesichts der Umstände eigentlich unpassenden, ja geradezu extravaganten Kopfbedeckung eines Strohhutes ausstaffiert hat, so hat womöglich er selbst bereits das Geschäft der feinen Ironie begonnen, das vom Dichter nur noch fortzuführen war.
Der Leser, dem es beim ironisch-melancholischen Pas de deux in den Füßen zuckt und der leise beginnt die Trommel zu schlagen im gleichen Takt, mag die Lust ankommen nach weiteren Tanzstückchen, und so hat er sich im Schattenreich eine ganze Anzahl zusammengestellt. Schattenreich spielt an auf die Ausstellung Wandernde Schatten, Sebalds Unterwelt, eine Unterwelt, in der Kafka wie kein zweiter vertreten ist. Schreibt Benjamin etwa, unter den Gebärden Kafkas begegne keine häufiger als die des Mannes, der den Kopf tief auf die Brust herunterbeugt, so kommen gleich der Cicerone in Verona oder der Portier in Ithaca in den Sinn, und es fragt sich, ob der Aufsatz Das bucklicht Männlein nicht allein über Kafka, sondern über beide Dichter verfaßt wurde.
Kommentar Abgedankt
Die Aktualität, die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit haben in Kafkas Werk kaum einen allerseits hörbaren Widerhall, sicher eine der Voraussetzungen für die stabile Aktualität seiner Dichtung. Eine Erzählung wie Beim Bau der chinesischen Mauer zaubert mehr in der Geschichte Schwebendes hervor als irgendein Historienroman, konkrete geschichtliche Bezugspunkte sind aber ausgespart. Bei Sebald sind Gegenwart und Geschichte weitaus direkter vorhanden, werden aber, vor allem nach dem Erscheinen des als Holocaustroman verstandenen Austerlitz, vom Publikum überzogen wahrgenommen. Bei der Gestalt Napoleons, den Sebald in Ajaccio im Museum Fesch besucht hat, können sich die beiden gut treffen. Gar nicht einmal auszuschließen ist, daß Kafka bei seinem Obergeneral auf der Straßenböschung mit einem halben Auge den Empereur im Blick hatte.
Abgedankt
Abgedankt
Kommentar Hütte des Jägers
Zwei Jäger Kafkas, Gracchus und Hans Schlag, die sich am Ende dann als ein und derselbe erweisen, hat Sebald jeweils in einer jagdfremden Umgebung entliehen, den Gracchus auf einem Schiff, einer Barke, die Stendhal im Auftrag Sebalds in den Hafen von Riva einfahren sieht, und Hans Schlag auf einem Dachboden Kafkas, von wo er ihn zunächst auf den eigenen Dachboden und dann und dann als stummen Zecher nach W. in den Engelwirt verschleppt. Nun treffen wir auf den Jäger im artgerechten Milieu in einer Jagdhütte unweit der Hütte der Holzer, es sind ihrer zwölf. Mit der Welt der Holzer war Sebald, oder doch Selysses, sein wanderndes Ich, schon in jungen Jahren durch die Bildproduktionen des heimatlichen Kunstmalers Hengge vertraut geworden und das Glas Bier, das die Holzer bei Kafka so bitter entbehren, gönnt er ihnen nicht weniger als dem Jäger Schlag. Hamsun, auch jagderfahren mit dem Leutnant Glahn, meldet sich mit einem Einwurf zu Wort. Was aber wäre der Jäger ohne seine Hunde. Kafkas Aufenthalte in den mentalen und oneirologischen Bereichen der Kreatur hat Sebald sicher mit innerer Erregung verfolgt, hat ihm selbst doch ein Hund das Schreiben beigebracht.

Die Hütte des Jägers

Die Hütte des Jägers
Freitag, 26. November 2010
Kommentar Schulfreunde
Das war, schon in der Kindheit, der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, obwohl es anfangs doch eher nach Feindschaft aussieht, aber nicht zuletzt das ist eine Essenz des Wundersamen. Ohne Zweifel ist Sebalds Schilderung der Schulbankfreundschaft zwischen Selysses und Fritz unter der Obhut des Lehrers Bereyter für sich genommen bereits wunderbar, aber die initiale Streitszene des Kafkafragments verleiht zusätzlich Würze, von der Fritz in seiner späteren Laufbahn als Meisterkoch mehr als andere verstanden hat
Mittwoch, 24. November 2010
Kommentar Zauberkunst
Kafkas Nähe zur Zirkuswelt ist allen vertraut, die Zirkusreiterin, der Hungerkünstler zählen zu seinen bekanntesten und eindrücklichsten Gestalten, der Trapezkünstler folgt dichtauf. Andererseits werden auch fortgeschrittene Sebaldleser vielleicht einen Augenblick benötigen, bevor sie sich erinnern an die Artistenfamilie im Mailänder Konsulat, das der von Schwindelgefühlen geplagte Selysses zwecks Paßausstellung aufsucht, oder an die Zirkusleute, wahlweise in Austerlitz oder in den Korsikafragmenten, von wo sie, wie vieles andere auch, mit einem Ausdruck Chandlers: filibustiert wurden. Wenn sich nun Sebalds, wie es scheint, recht harmloser Zauberkünstler mit einem zirkusnahen Mandatsträger aus Kafkas Welt zusammentut, verlängert sich der erkenntnissuchende Blick in die Tiefe bis zu dem Punkt, an dem er ratlos erlischt.
Von der Zauberkunst
Von der Zauberkunst
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