Donnerstag, 14. Oktober 2010

Auf dem Dachboden

Jagdreviere

Selysses dem Kind, das noch nichts wußte von Stendhal, Kafka oder Marengo, nichts vom Riva und kaum etwas vom Schwarzwald, war es untersagt, im Haus der Tante Mathild in den Dachboden hinaufzusteigen, wo, wie ihm die Mathild mit der ihr eigenen Überzeugungskraft beigebracht hatte, der graue Jäger logierte, über den sie sonst keine näheren Angaben machte.

In späteren Jahren dann hat Selysses das Verbotene nachgeholt und ist auf den Dachboden hinaufgegangen. Kisten und Körbe waren aufeinandergestellt, Säcke, Lederzeug, Schellen, Stricke, Mausfallen, Honigrahmen und allerhand Futterale hingen von den Balken. Das schräg durch das Dachbodenfenster eindringende Licht gab eine uniformierte Gestalt zu erkennen, eine alte Schneiderpuppe, die mit hechtgrauen Beinkleidern und einem hechtgrauen Rock angetan war. Als ich näher herantrat und an einen der leer herabhängenden Uniformärmel rührte, ist dieser, zu meinem blanken Entsetzen in Staub zerfallen. Aus meinen seither angestellten Nachforschungen ist hervorgegangen, daß es einer jener österreichischen Jäger gewesen ist, die in der furchtbaren Schlacht von Marengo ums Leben gekommen sind.

Die Mathild hatte also in gewissem Sinne die Wahrheit gesagt, allerdings dann doch nur von der aufgezäumten Hinterlassenschaft eines Toten gesprochen. Der bei Marengo gefallene Jäger führt zurück zu Stendhal, dem beim Besuch des Schlachtfeldes angesichts der Differenz zwischen den Bildern der Schlacht, wie er sie in seinem Kopf trug, und dem, was er als Beweis dessen daß die Schlacht sich wahrhaft ereignet hatte, nun vor sich ausgebreitet sah, ein noch niemals zuvor gespürtes, schwindelartiges Gefühl der Irritation erlebte. Ein ähnliches ganz Gefühl befällt den Selysses auf den Dachboden begleitenden Leser.
Als Knabe hatte Selysses natürlich nicht an Jäger im Sinne einer militärischen Einheit gedacht, sondern an den Heger und Pfleger im Wald, und es spricht für den frühen Durchbruch seines dichterischen Genies, daß sich seine diesbezüglichen Träume und Vorstellungen fast harrgenau entlang der Satzlinien einer der eindringlichsten Prosastellen Kafkas entwickelten: Eine große runde Mütze aus Krimmerpelz saß tief auf seinem Kopf. Ein starker Schurrbart breitete sich steif aus. Gekleidet war er in einen weiten braunen Mantel, den ein mächtiges Riemenzeug, es erinnerte an das Geschirr eines Pferdes, zusammenhielt. Auf dem Schoß lag ein gebogener kurzer Säbel im mattleuchtender Scheide. Die Füße staken in gespornten Schaftstiefeln, ein Fuß war auf eine umgestürzte Weinflasche gestellt, der andere auf dem Boden war etwas aufgerichtet und mit Ferse und Sporn ins Holz gerammt.
Anders als der Schneiderpuppenjäger auf dem Dachboden des Selysses, ist der Jäger mit der Mütze aus Krimmerpelz auf Kafkas Dachboden, so wie Selysses ihn sich erträumt hat, durchaus am Leben, wenn auch müde, mit einem Gesicht, das weder Schrecken noch Staunen, nur Stumpfheit zeigte, und mit klaren Augen. Seinen Namen gibt er mit Hans Schlag an, aus Koßgarten am Neckar, und so ist es kaum verwunderlich, wenn der Knabe Selysses, nur ein oder vielleicht zwei Jahre älter inzwischen, ihn wiedertrifft, wie er allein und unbeachtet von allen in der Gaststube des Engelwirts in W. sitzt, offenbar erholt inzwischen, ein stattlicher Mann mit dunklem lockigen Haupt- und Barthaar, und ungewöhnlich tiefliegenden, überschatteten Augen. Nach seinem Unfalltod entlarvt ihn eine eintätowierte Barke auf der Schulter als den Jäger Gracchus, den sowohl Stendhal als auch Kafka erlebt hatten, wie er, ganz und gar auf der Höhe der glanzvollen Prosa seines Verweilens auf den Dachböden in der Ortschaft W. im Allgäu und in Böhmen, vor ihnen auftaucht, indem aus den Schatten sich allmählich die Umrisse einer Barke abzeichneten auf dem Gardasee, ein schwerer alter Kahn, verhältnismäßig niedrig und sehr ausgebaucht, verunreinigt, wie mit Schwarzwasser ganz und gar übergossen, noch troff es scheinbar die gelbliche Außenwand hinab, die Masten unverständlich hoch, der Hauptmast im obern Drittel geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, keinem Windstoß gewachsen. Drei ganze Tage dauert es, bis die Barke, als werde sie über das Wasser getragen, leise in den Hafen von Riva schwebte.

Es hat den Anschein, als seien alle Schwindel.Gefühle von zwei berückenden Absätzen Kafkas, betreffend die Jäger Schlag und Gracchus, die vermutlich ein und derselbe sind, auf Dachböden und am Gardasee, ausgelöst und auch wieder beruhigt worden.

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