Mittwoch, 13. Oktober 2010

Schopenhauers Pudel

Lupus domesticus homine praeceptor

In einem Gespräch schildert Niklas Luhmann seinen normalen Tagesablauf - bei Übergehen selbstverständlicher und unvermeidbarer Dinge wie Nahrungsaufnahme und Körperpflege - als eine einzige Abfolge von Schreiben und wiederholtem Ausführen des Hundes. In seinen veröffentlichten Arbeiten ist er dagegen nicht als Hundebesitzer zu erkennen, angesichts des durchweg humansoziologischen Charakters seiner Schriften keine Überraschung, wenngleich eine Monographie Die Tiere der Gesellschaft durchaus denkbar und lohnend gewesen wäre. Durch den frühen Tod der Großen wird uns vieles vorenthalten.
Das gilt umsomehr für Sebald, der, nachdem er das literarische Schaffen erst spät aufgenommen hatte, in noch deutlich jüngeren Jahren gestorben ist. Auch bei ihm bereitet das Werk auf das öffentliche Eingeständnis, er habe immer Hunde gehabt, nicht eigentlich vor. Nicht, daß Hunde fehlen würden im Werk, nie aber hat Selysses, der sebaldnahe Icherzähler, auf seinen Reisen und Wanderungen einen Hund als Gefährten dabei, mit einer charakteristischen Ausnahme: Ein hellfarbiger Hund, der einem schwarzen Fleck wie eine Klappe über dem linken Auge hatte und der wie alle herrenlosen Hunde schräg zu der Richtung, in der er sich fortbewegte, zu laufen schien, hatte sich auf dem Domplatz mir angeschlossen und war mir nun immer ein Stück weit voraus. Blieb ich stehen, um ein wenig auf den Fluß hinabzusehen, so hielt auch er ein und schaute versonnen auf das fließende Wasser der Etsch. Ging ich weiter, so machte auch er sich wieder auf den Weg. Als ich aber am Castelvecchio den Corso Cavour überquerte, blieb er an der Bordsteinkante zurück, und ich wäre, weil ich mitten auf dem Corso mich umwandte nach ihm, um ein Haar überfahren worden.

Thomas Manns Herr und Hund steht, wesentlich knapper gefaßt, Sebalds Hund ohne Herr gegenüber. Wir müssen uns in jedem Fall vor Augen halten, daß Selysses auf seinen Reisen und Wanderungen nicht von Hunden aber auch nicht von Menschen für längere Zeit begleitet wird. Menschen trifft er an seinen Zielorten oder sie sitzen im gleichen Zug, Bus oder Flugzeug und teilen, gerade wie der Hund in Verona, für eine kurze Weile nur seine Wegstrecke. Die Hunde sind also im Werk gegenüber den Menschen nicht benachteiligt, allerdings auch nicht, wie bei Schopenhauer, bevorzugt. In den Band Unerzählt, ein Gemeinschaftswerk des Dichters Sebald und des bildenden Künstlers Jan Peter Tripp, sind neben mehr als zwanzig menschlichen Augenpaaren, darunter die solcher Größen wie Onetti, Beckett oder Borges, die Augen und obendrein, besonders ehrenvoll, die Schnauze des Hundes Morris (Maurice) zu sehen.
In Sebalds Leben haben die Hunde nach seinen eigenen Aussagen eine bedeutende Rolle gespielt, und das in dreifacher Hinsicht: Als Schutz vor den hereinbrechenden Erinnerungen, als Lehrmeister des Schreibens und als Türöffner zur Metaphysik.

Als Schutz vor hereinbrechenden Erinnerungen: We can not escape memory. The only thing you can do, is to subdue it: And if you can do that by playing baseball or watching football, that’s a good thing. – What do you do? – I walk with the dog.

Als Lehrmeister des Schreibens: My writing was always done in a random, haphazard fashion, in the same way in which a dog runs through a field. If you look at a dog following the advice of his nose, he traverses a patch of land in a completely anplottable manner. And he invariably finds what he is looking for. I think, as I have always had dogs, I’ve learned from them how to do this. (Audience laughter – das Gespräch wurde öffentlich geführt). – Das ist eine deutliche Warnung und Absage an alle, die, verleitet durch Sebalds kalkulierte und in gewisser Hinsicht zufallslose, dabei aber für den Leser in ihrem Ablauf immer überraschenden Sätze, in ihm einen peniblen Planer in jeder Hinsicht vermuten.

Als Türöffner zur Metaphysik: Metaphysics is a legitimate concern. Writers like Kafka are interested in metaphysics. If you read a story like Forschungen eines Hundes, it has a subject whose epistemological horizon is very low. The dog goes through the most extravagant speculations about reality, which we know is quite different. As he, the dog, has this limited capacity of understanding, so do we. Die Begrenztheit des Hundes wird zum Abbild unserer eigenen, vor den Augen Gottes, wenn die Metaphysik ihn denn lebendig erhält, kaum geringeren Begrenztheit.

Die Metaphysik zählt zur Domäne der Philosophie. Wollte man Sebald philosophiegeschichtlich einordnen, so stände er Schopenhauer und seinem Pudel naturgemäß um vieles näher als Descartes, dem gnadenlosen Hundezerschneider. Schopenhauers Feststellung, wer gegen Thiere grausam ist, könne kein guter Mensch sein, hätte Sebald in dem Umfang, in dem er sich überhaupt an Unterschriftsaktionen beteiligt hat, sicher abgezeichnet. Seine Spaziergänge mit Hund in Norfolk sind aber, wie schon gesehen, grundlegend anders verlaufen als diejenigen Schopenhauers mit seinem Pudel am Mainufer, er hat, soviel können wir annehmen, nicht versucht, dem Hund seine Werke zu erklären und hat ihn auch nicht im Frankfurter Hof oder einem anderen Hotel neben sich auf einem Stuhl sitzen und ihm auftragen lassen. Schopenhauers Überlegungen zum Pudels Kern hätte er sich vielleicht anschließen können und seine eigenen Ausführungen zur Makrele und zum Hering widerlegen Schopenhauers Annahmen zur Weltenseele im Tier nicht, seinen Hund Atman zu nennen, lag Sebald aber wohl fern.

Alles im allem hätten ihm aber die nüchternen tierphilosophischen Überlegungen Reinhard Brandts wohl mehr zugesagt. Brandt leitet seine Überlegungen zur Frage Können Tiere denken? mit zwei einander widersprechenden Thesen ein: 1. Natürlich können Tiere denken, Sie werden es nicht glauben, aber unser Leo versteht jedes Wort. 2. Natürlich können Tiere nicht denken. - Beide Thesen, wäre denn die eine oder aber die andere in ungemilderter Form wahr, müßten das Interesse am Hund zum Erliegen bringen. Welchen Zusatzwert sollte Leo für mich haben, wenn er mich ebenso gut verstünde wie die eigene Frau oder gar um einiges besser, und wie, andererseits, sollten wir, Leo und ich, Zugang zueinander finden, wenn Leo nichts dem Denken in irgendeiner Weise Verwandtes aufweisen würde. Brandts ausgewogenes Forschungsresultat ist denn auch: Tiere können nicht denken im Sinne einer Fähigkeit zur Urteilsbildung und insbesondere der Fähigkeit zur Bildung negativer Urteile, sie weisen aber, verstreut über die Gattungen, einen riesigen Fächer von Analoga rationis auf.

Freunde der Tiere verfügen über die Fähigkeit, diese Analoga zu entdecken und begeistert zu erleben. Mit der beobachteten Fährtensuche auf dem Feld hat Sebald ein canines Analogon rationis et scripturae aufgedeckt. Er kann sich seinerseits in seiner dichterischen Arbeit diesem Analogon anpassen und den menschlichen Urteilszwang nahezu vergessen, nur die Gestalt der Sätze bleibt ihm als genuine Aufgabe. Thomas Manns Erzählung vom Hund Bauschan ist ein Wunderwerk der Aufdeckung eines ganzen Bündels hündischer Analoga rationis. Kafka hingegen, mag man ihn sonst auch über alles lieben, ist mit seinem forschenden Hund und anderen Tierfabeln für das Verständnis zwischen den verschiedenen Ordines naturales letztlich wenig gewinnbringend. Die Geschichte des Käfers Gregor rechnen wir naturgemäß nicht zu dieser Kategorie. Wir glauben ja auch, daß Selysses dem Gregor das Fliegen beigebracht hat.

Sonntag, 10. Oktober 2010

Kafka wird erheitert

Aufheiterung eines Untröstlichen

Nach den strengen Maßstäben, die seit einiger Zeit aufgrund diverser Vorkommnisse gelten, sind drei der vier Prosabücher Sebalds als Kafkaplagiate zu entlarven. Was die Schwindel.Gefühle anbelangt, so ist die Sachlage offensichtlich. Die Erzählung Dr. K.s Badereise nach Riva folgt eng Tagebuchaufzeichnungen Kafkas und der Jäger Gracchus ist im gesamten Buch allgegenwärtig. Das mag durchgehen, da es, wenn auch nicht explizit eingestanden, für jedermann erkenntlich ist. Auch den Jäger Hans Schlag als Erfindung Kafkas zu erkennen, mit seiner großen runden Mütze aus Krimmerpelz tief auf seinem Kopf, seinem starker, sich steif ausbreitendem Schurrbart und seinen weiten braunen Mantel*, gerade so, mit einem Wort, wie er dann auch auf dem Dachboden der Tante Mathild sitzt, bedarf aber schon eines erheblichen Maßes an Philologenfleiß oder Finderglück. Zu Beginn der Ringe des Saturn richtet sich Selysses – so nennen wir den sebaldnahen Erzähler, dem wir in allen vier Prosabüchern begegnen, immer ist er unterwegs, nie zuhaus – mühsam am Fenster des Krankenzimmers auf und wird zum Käfer Samsa, alles folgende erscheint vor dessen innerem Auge, daß die Originalität des Buches darunter nicht leidet, wird man einräumen müssen. Wirklich delikat wird die Angelegenheit bei Austerlitz. Der Autor gibt offen zu, daß Kafka Namenspate des Titelhelden ist, nicht aber, daß Kafka ihm auch die allesentscheidende Stelle der Abfahrt des kleinen Jacques vom Prager Bahnhof gestaltet hat, mit den flatternden Taschentüchern und dem Eindruck, der Zug fahre nicht eigentlich weg, sondern fahre nur die kurze Bahnhofstrecke uns ein Schauspiel zu geben und dann zu versinken**. Eine Petitesse scheint es da schon, wenn auch die schlafenden Londoner, an die Austerlitz bei seinen nächtlichen Streifzügen durch die große Stadt denkt, bei näherem Hinsehen Kafkas Schläfer sind, wie sie da in ihren Betten liegen, zugedeckt und im Glauben unter sicherem Dach zu sein, während sie doch in Wahrheit nur niedergestreckt sind, das Gesicht vor Furcht gegen die Erde gekehrt***.

Wenn gleichwohl von einer näheren Verfolgung der Angelegenheit abzusehen ist, so aus drei Gründen. Zum einen gelten die für die Wissenschaft erstellten Regeln nicht in gleicher Weise für die Kunst, sie gelten hier eigentlich gar nicht. Zum anderen sind es naturgemäß samt und sonders keine Plagiate, sondern Verneigungen vor einem möglicherweise noch Größeren, und obwohl also keine Sünde ist, so wird sie doch vergeben für das rührende Bemühen der Schwindel.Gefühle, Kafka zu erheitern.

In seinem Aufsatz Melancholy Longings: Sebald, Benjamin, and the Image of Kafka im Band Searching for Sebald geht Markus Zisselsberger aus von einem schon berühmten Jugendbildnis Kafkas, in das Benjamin sich wiederholt deutend vertieft und zu dem sich auch Sebald geäußert hat. Das Photo zeigt ein Kind, das, so möchte man meinen, in seinem Leben nicht lachen wird. Das einzige Photo Kafkas, das Sebald in die Schwindel.Gefühle aufgenommen hat, zeigt ihn aber, winzig und undeutlich genug, als einen, der zur eigenen Verwunderung eine Art Lächeln zustande bringt. Vermutlich lächelt er, weil er Sebalds Buch schon gelesen hat bis zu der Stelle, an der dieses Photo erscheint. Er hat gelächelt über Stendhal, seinen, freilich ganz anders gearteten Leidensgenossen in Liebesdingen, wenn der in Volterra in einem gelben Rock, dunkelblauen Beinkleidern, schwarz lackiertem Schuhwerk, einem extrahohen Velourshut und ein paar grünen Brillen nach eigenem Erwarten: unbemerkt und inkognito Métilde Dembowski nachsteigt; er hat gelacht über Selysses, dem es nicht gelingt, sich auf Reisen anständig zu ernähren, der einerseits zu wählerisch ist und stundenlang durch die Straßen und Gassen geht, ehe er sich entscheiden kann; andererseits zuletzt meistens wahllos einfach irgendwo hineingerät und dort in trostloser Umgebung und unter Unbehagen ein ihm in keiner Weise zusagendes Gericht verzehrt; der im Bahnhofsbistro von Venedig um seinen Capuccino kämpft, als gelte es die Seligkeit. Er lernt auch, vorsichtig über sich selbst zu lachen.

Wenn Kafka auf der Seite hundertundsechzig der Schwindel.Gefühle bereits lächeln kann, wenn auch nur zur eigenen Verwunderung, so hat er das Beste auf dem Gebiet der Aufheiterung in jeder Hinsicht noch vor sich. Ein wahrer sogenannter Angriff auf seine Lachmuskeln könnte es sein, wenn einige Seiten später beim Anblick eines Bild des Marktplatzes von Desenzano behauptet wird, die dort zu sehende zahlreiche Menschenschar habe sich zum Empfang des Vicesekretärs der Prager Arbeiterversicherung, Kafkas mit anderen Worten, versammelt. Das Lachen wird allenfalls dadurch in Zaum gehalten, daß Kafkas für ihn selbst wenig spaßige Angst, immer seien alle Blicke auf ihn gerichtet und von jedem Blick, der ihn streift, sei er durchschaut, - daß diese Angst also durch den Scherz aufgegriffen und therapeutisch gedämpft wird. Alle diese Blicke, die zum Bild herausschauen, sind nicht auf ihn, Kafka gerichtet: ob dieser Erkenntnis können nach einem Augenblick des Erschreckens Kafka und dann auch, zunächst den Erfolg seines Scherzes abwartend, Selysses herzlich lachen. Sie lachen miteinander. Als Selysses später im Graffito Il cacciatore im Bahnhofpissoir von Desenzano einen unzweideutigen Hinweis zu sehen glaubt, Kafka habe Jahrzehnte zuvor an gleicher Stelle gestanden, sorgt das erneut für Erheiterung. Recht wild und übermütig geht es dann schon zu, als Selysses seinem Freund auf die denkbar witzigste Weise erzählt, wie er beim Versuch, im Bus von Desenzano nach Riva, den er geplagt von seiner Scham dann vorzeitig in Limone verläßt, Photographien der beiden geklonten Kafkazwillinge zu erhalten, - bei diesem Versuch also, sich wortwörtlich zum Narren macht und in Verdacht gerät, ein zu seinem sogenannten Vergnügen in Italien herumreisender Päderast zu sein.

Die Verwandlung des Jägers Gracchus in den Jäger Hans Schlag, der die verhängnisvolle Barke nurmehr als kleine Tätowierung am Oberarm trägt, hat Kafka auf seinem Dachboden, den Sebald zum Dachboden der Tante Mathild macht, selbst noch eingeleitet; daß dem so lange um seinen Tod Betrogenen dann aber von einem zur Verwechslung des Arbeitsgerät neigeden Slapstickduo auf Motorrädern, dem Dr. Piazolo und dem Pfarrer Wurmser, aus dem Leben geholfen wird, daß bei seiner Leiche ein Dackel namens Waldmann sitzt und die Taschenuhr ein letztes Mal Üb' immer Treu und Redlichkeit spielt, das wird Kafka von der Verwunderung, lachen zu können, endgültig befreit haben. Er lacht.

Wer nur das, offenbar vor einem Publikum geführte Gespräch mit Joseph Cuomo gelesen hat (in the emergence of memory, Lynne Sharon Schwartz ed.), in dem er ein um das andere Mal Audience laughter hervorruft, weiß, daß Sebald das Geschäft der Erheiterung verstand. Aber mußte Kafka überhaupt aufgeheitert werden? Er soll sich Chaplin verwandt gefühlt, seine eigenen Sachen für komisch gehalten und bei ihrem Vortrag im Freundeskreis gern gelacht haben, als einziger vermutlich. Das hat ihm naturgemäß noch kein leichtes Leben beschert. Selysses seinerseits empfindet ganz ähnliche Ängste und Schwindelgefühle und gleich zu Anfang der Ringe des Saturn, es wurde schon erwähnt, verwandelt er sich in Kafkas schrecklichste Erscheinungsform, den armen Gregor, der mit zitternden Beinchen an die Sessellehne sich klammernd aus seinem Kabinett herausblickt in undeutlicher Erinnerung, wie es heißt, an das Befreiende, das früher einmal für ihn darin gelegen war, aus dem Fenster zu schauen. Wir haben es nicht mit einem Therapeuten, Selysses, und einem Leidenden, Kafka, sondern mit zwei Therapeuten und zwei Leidenden zu tun, oder einfach mit zwei sich begleitenden Wanderern auf unterschiedlichem und doch als ähnlich empfundenen Lebensweg, zwei, die, bei allem bitteren Ernst, mit dem sie auf die Welt schauten, ernstlich miteinander lachen können. Selbst noch an Kafkas Sterbebett, als von ihm erwartet wird, er solle vor dem Verscheiden Werfels Verdiroman noch lesen, lächeln beide in stillem Einverständnis bei dem Gedanken, das ungelesen gebliebene Buch sei wohl nicht der größte Verlust, den Kafka in seinem Leben verschmerzen mußte.

* Oktavheft A (I, 17)
** TB 1.11.1911
*** Nachts

Samstag, 9. Oktober 2010

Florence Barnes

Ein glückliches Paar

Sebald hat den Major George Wyndham Le Strange erfunden und den beigefügten Beweise seiner vorgeblich realen Existenz ebenfalls und zusätzlich auch gleich noch die Haushälterin Florence Barnes, eine einfache junge Frau aus dem Landstädtchen Beccles, von Le Strange eingestellt unter der ausdrücklichen Bedingung, daß sie die von ihr zubereiteten Mahlzeiten mit ihm gemeinsam, aber unter Wahrung absoluten Schweigens einnehme. At his death, the wealthy eccentric left her his vast estate. Asked about Le Strange she refused to give any details of the Major’s eccentric way of life.

Wenn wir WG Sebald, oder eigentlich Selysses, mit GW Strange identifizieren, so unter Mißachtung einer ganz zentralen Differenz. Während Selysses ausschließlich auf Reisen und nie zuhaus erlebt werden kann, verläßt Le Strange sein Haus und seinen Besitz überhaupt nicht. Allerdings läßt sich auch nicht behaupten, Le Strange wäre zuhaus erlebbar, allenfalls lassen sich vereinzelte Blicke über den Zaun seines Besitztums werfen. Unser Erleben des Wyndham Le Strange ist damit noch zerrissener und augenblickshafter als das des Selysses, der einmal hier und einmal da auftaucht, einmal in Italien und dann wieder in Belgien oder auch auf Korsika, so zerrissen im Fall des Majors, daß die riesigen Lücken des Erlebens sich tilgen und nur ein einziges kurzes und geradezu mystisches Erleben seiner Existenz und seiner Gestalt bleibt, im kanarienfarbenen Gehrock und umschwärmt gewesen von allem möglichen Federvieh, von Perlhühnern, Fasanen Tauben und Wachteln und den verschiedenen Garten- und Singvögeln.

Gleich zu Beginn seines ersten veröffentlichten größeren Dichtwerks kommt Sebald auf die furchtbare Separation der Geschlechter zu sprechen, die auch das Unglück der Heiligen sei. Die auffällig androgyne Gestalt des Heiligen Georg - sowohl bei Grünewald im Lindenhardter Altar als auch bei Pisanello, con cappella di paglia - scheint dem zu entkommen, die via Georg imiteinander dentifizierten Selysses und Le Strange können nicht uneingeschränkt folgen. Selysses, der immer allein reist, ist darauf angewiesen, daß er auf weibliche Mitreisende trifft, und daß Empfangsdamen ihn am Zielort erwarten. Ihr Merkmal ist häufig eine intensive Aura des Weiblichen und immer eine Distanz, die die Separation nicht furchtbar werden läßt. Lediglich mit Luciana Michelotti wird in einer halluzinierten Trauung die Separation für einen Augenblick fortgeträumt.

In Florence Barnes können wir eine verstetigte und seßhaft gewordene Empfangsdame und Mitreisende des Majors Wyndham Le Strange sehen. Über die Form ihrer Separation oder vielleicht ihrer Aufhebung erfahren wir nichts, denn mehr noch als über Le Strange schweigt sich Florence über Einzelheiten ihres Zusammenlebens mit ihm aus. Ist sie ein cœur simple wie Flauberts Félicité mit dem gleichen Initial? Hatte sie Schwierigkeiten mit der Heiligkeit ähnlich wie Félicité, die, als sie, bis dahin unberührt von jeder Schulbildung und religiösen Erziehung, eine verspätete Einführung in die Geheimnisse der Christenlehre erfuhr, sich doch nie ganz zurecht fand in der Christlichen Ordnung der Dinge und insbesondere nicht in der schwierigen Sache der heiligen Trinität.

Oder dürfen wir Florence Barnes auf der Ebene der hohen Gefährtinnen Paul Bereyters und Jacques Austerlitz’, Lucy Landau und Marie de Verneuil, sehen? Wenig spricht dagegen, daß wir in ihr, die wir nicht kennen, beides sehen und damit ein anderes, drittes.

Was den ererbten Reichtum anbelangt, so lesen wir: Beyond wanting to buy a bungalow in Beccles for herself and her sister, she had no idea what to do with it. – In dem fingierten Zeitungsartikel, der uns ausführlicher als an anderen Stellen erlaubt, Sebald als Prosadichter in englischer Sprache zu würdigen, stoßen wir auf das große Thema der Heiligen, die ihren ererbten Reichtum nicht nutzen oder fortgeben. In der säkularisierten Form hat bereits Thomas Bernhard das Thema gern und häufig aufgegriffen. Offenbar hat Florence Barnes sich von Le Stranges Heiligkeit infizieren lassen, wenn auch mit einer milden Form der heiligen Krankheit, sie ist eine Soldatin in der Kohorte des Georgius Miles, ihr Leben ist unschuldig verlaufen, das mönchische Schweigen war ihr keine Last. Le Strange und Florence Barnes haben siebenunddreißig gemeinsame Lebensjahre verbracht, als sie sich kennenlernten war sie zwanzig und er vierzig. Es war eine sehr dauerhafte und, nach dem wenigen, das zu sehen ist, auch glückliche Verbindung.

Klangfarbe

Fast lautlose Klage

Noch im ersten Drittel des monumentalen Werkes vermerkt der Icherzähler in Peter Weiss’ Ästhetik des Widerstands, der einerseits unermüdlich und unerschrocken für Freiheit und Revolution kämpft und andererseits Dichter werden will, eine Klangfarbe habe sich eingestellt, die es ihm möglich erscheinen ließe, allen Gedanken und Erfahrungen Ausdruck zu geben. Im Umkehrschluß ist zu vermuten, ohne die gefundene Klangfarbe ließe sich weniges nur oder gar nichts ausdrücken und ferner: ohne die Klangfarbe zerfiele das zum Ausdruck Gebrachte zu Asche.

Sebald wird ein bestimmter, für ihn charakteristischer Sound nachgesagt, mit Klangfarbe recht gut ins Deutsche übertragen. Nicht alle aber können den Sound hören oder die Klangfarbe wahrnehmen. In jedem Fall scheint es so, als hielten viele Interpreten für wahr, alle vom Thema des Holocausts Affizierten Schriftsteller, Améry, Simon, Weiss, Sebald, hätten den gleichen Sound, nämlich den notgedrungen tonlosen des Holocaust, und folglich müsse man sich um Fragen dieser Art bei ihnen weiter nicht kümmern. Aber schon die Klangfarben bei Sebald und Weiss sind so unterschiedlich wie nur denkbar. Erscheint uns Sebald als der Dichter der lächelnden Sätze, so steigt in den tausendzweihundert steinernen Seiten der Widerstandsästhetik weder dem Autor noch einer seiner zahllosen Figuren je ein Lächeln in die Augen, und kein Mundwinkel bewegt sich.

Tonlos ist er nicht, der Widerhall der lautlosen und obendrein längst schon verstummten Klage, die seit nahezu siebenhundert Jahren von den über dem unendlichen Unglück schwebenden Engeln auf einem Fresco des Malers Giotto erhoben wird. Wie ein Dröhnen war diese Klage zu hören in der Stille der Kapelle des Enrico Scrovegni zu Padua. Die Engel selbst aber hatten die Brauen im Schmerz so sehr zusammengezogen, daß man hätte meinen können, sie hätten die Augen verbunden. Und sind nicht, dachte ich mir, die weißen Flügel mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde das weitaus Wunderbarste von allem, was wir uns jemals haben ausdenken können?

Dem aufmerksamen Leser entgeht nicht, daß die Einschätzung als wunderbar und Wunderbarstes nach den Regeln der Sprache allein auf die Färbung der Flügel zu beziehen ist und damit ein Motiv aufgreift, das bei Sebald auch in der gleichsam säkularisierten Form auftritt: Die Farbgebung Federkleids der Enten, insbesondere das Dunkelgrüne und das Schneeweiße, als die einzige mögliche Antwort erschienen auf die Fragen, die mich von jeher bewegten. So könnte auch Weiss gedacht haben, dem als Maler, der er auch gewesen ist, sicher klar war, daß sich Antworten ebenso gut wie aus einer Klangfarbe aus einem Farbklang ergeben können und ohne das eine oder das andere oder ein drittes von dieser Art alle Antworten der wichtigen Art ausbleiben müssen.

Der aufmerksame Leser mit Hang zum Peniblen ist nicht unbedingt der beste, im anstehenden Fall mag es ihm an Gespür dafür fehlen, daß das Wunderbare auf den gesamten Absatz und die lautlose Klage in der Stille der Kapelle ausstrahlt. Wenn in dem Pisanello zugeschriebenen Prinzip, daß allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird, auch ein Darstellungsprinzip auch der Prosa Sebalds zu sehen ist; wenn Thomas Browne als Bewegungsideal der Prosa abgelesen wird, daß es ihr gelinge, von der Erde abzuheben mitsamt ihrer Fracht, um sich höher und höher tragen zu lassen wie ein Segler auf den warmen Strömungen der Luft, damit selbst den Leser ein Gefühl der Levitation ergreift; wenn das also richtig ist, so kann vielleicht der Beschreibung des Frescos in der Kapelle des Enrico Scrovegni ein Hinweis auf die angestrebte Klangfarbe der Prosa entnommen werden: es ist die der schönen, fast lautlosen Klage in einem stillen Raum. Wer außer Selysses hat die hellgrünen Spuren der Veroneser Erde gesehen in den Engelsflügeln, wer hat ähnlich tief die Klage der Engel empfunden und wer getraut sich, ihre Klage als Klangfarbe seiner Prosa wahrzunehmen, wo sie doch nach verbreiteter Auffassung bei einem sogenannten prime speaker of the Holocaust nur als anstößig gelten müßte. Tatsächlich sind entsprechende Vorwürfe erhoben worden. Läßt man aber die abwegige Einordnung als prime speaker of the Holocaust fallen, kann man fortfahren in den Überlegungen.

Natürlich hat Sebalds Prosa weder den Farbklang noch die Klangfarbe des spätmittelalterlichen-frühneuzeitlichen von Giotto gemalten Freskos. Über Sebalds Welt schweben keine Engel, wir hören ihre Klage nicht, sie hören nicht die unsrige und können sie auch nicht weiterleiten, da der Adressat verloren gegangen ist. Sebalds Klageton ist der einer Menschheit, die mit ihrer Klage allein zurecht kommen muß. Abprallend von der Wand, hinter der einst das Absolute vermutet und benannt wurde, ändert sie ihre Klangfarbe. Ein Verlust des Wunderbaren und Schönen aber ist bei Sebald nicht zu beklagen, auch wenn der Himmel offenbar verloren ging und die Menschen auf Hilfe nicht hoffen können.

Bei Flaubert wird beobachtet, wie die Erkundung der Seelenzustände auf die intimste und zugleich diskreteste Weise vonstatten geht, ohne aber, wäre hinzuzufügen, daß der Autor seine tatsächliche oder vorgeschobenen Kälte für einen Augenblick ablegt, umso auffälliger, wenn wir ihn durch die Fenster der ungleich angenehmer temperierten Räume Sebalds betrachten. Hier, in diesen Räumen, herrscht die Atmosphäre eines milden Spotts, wie er dem Zustand einer verlassenen Menschheit zukommt, in dem wir uns gegenseitig in unserer Schwäche sehen und erkennen, ein milder Spott über die umfassende Unzulänglichkeit der Existenz. Der Spott hat dabei nur das winzige Ausmaß der hellgrünen Spuren der Veroneser Erde, er verleiht der Milde Würze und Halt und ist nichts anderes als eine Form der Liebe, heilsamer Spott auch, wenn etwa Kafka, der nichts mehr fürchtet als die auf ihn gerichteten Augen der anderen, erzählt wird, die geschlossen auf dem Marktplatz von Desenzano versammelte Bevölkerung schaue allein auf ihn. Die Liebe verführt keinen Augenblick zu der Annahme, alles sei gut, und beeinträchtigt nicht das Wissen, daß kaum etwas gut ist. Die wunderbare lautlose Klage kann nicht verstummen, und die Liebe gilt längst nicht allen, sondern nur denen, die die ungute Welt in gewisser Weise verlassen haben, den Soldaten in der Kohorte des Georgius Miles. Aber auch alle anderen können sich trösten, denn früher oder später, das steht außer Frage, werden auch sie sich aus der Welt zurückziehen müssen.

Die Schwindel.Gefühle haben wir gelesen als einen einzigen Versuch, Kafka und mit ihm all die anderen Untröstlichen aufzuheitern. Auf den Tag genau ein Jahr nach dem Beginn meiner Reise, heißt es zu Beginn der Ringe des Saturn, wurde ich, in einem Zustand nahezu gänzlicher Unbeweglichkeit in das Spital eingeliefert wurde, wo ich dann, in Gedanken zumindest, begonnen habe mit der Niederschrift der nachstehenden Seiten. Bei Einbruch der Dämmerung war es mir irgendwie gelungen auf allen vieren die Wand zu erreichen und trotz der damit verbundenen Schmerzen mich aufzurichten, indem ich mich an der Fensterbrüstung mühsam emporzog. In der krampfhaften Haltung eines Wesens, das sich zum ersten Mal von der ebenen Erde erhoben hat, stand ich gegen die Glasscheibe gelehnt und mußte unwillkürlich an die Szene denken, in der der arme Gregor, mit zitternden Beinchen an die Sessellehne sich klammernd aus seinem Kabinett herausblickt in undeutlicher Erinnerung, wie es heißt, an das Befreiende, das früher einmal für ihn darin gelegen war, aus dem Fenster zu schauen.

Der Blick geht zurück zu Giottos Engeln, die in ihrer gedrungenen Aerodynamik durchaus etwas Hummelhaftes haben. Nicht selten haben wir auch einen Käfer beobachtet, wie er, ganz doch, wie es schien, auf seine wenig behende Art der Vorwärtsbewegung am Boden verwiesen, unversehens innehielt für einen Augenblick, um dann zu unseren erstaunten Erschrecken einfach fortzufliegen. Vielleicht geht es darum, die Fenster aufzustoßen und Gregor an seine vergessene Flugfähigkeit zu erinnern. Selysses erlernt wenige Seiten später von Thomas Browne die Kunst der Levitation und mit ihm lassen wir uns höher und höher tragen zu lassen Segler auf den warmen Strömungen der Luft über dem Osten Englands und bis nach Afrika und China. Außer Frage steht, daß Kafka dabei ist, zumal beim Ausflug nach China, wo er sich in seinen Schreibträumen so gern und kenntnisreich aufgehalten hat, auch wenn er und seine Erlebnisse in diesem Buch weiter nicht weiter erwähnt werden.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

George Wyndham Le Strange

MWGS & MGWS

De nada me valieron el fulgor y el dragón y el San Jorge
In seinem Essay Donner à Voir im Band Searching for Sebald klärt Adrian Daub darüber auf, daß der Major George Wyndham Le Strange in den Ringen des Saturn eine fiktive Gestalt ist. Der Zeitungssausriß Housekeeper Rewarded for Silent Dinners, der das Gegenteil und die leibhaftige Realität des Majors belegen soll, ist von Sebald gefälscht oder, besser: fabriziert worden. Nun ist das in keiner Hinsicht eine Entdeckung, die den Sebaldleser und -freund aus der Bahn wirft. Ihm war so oder so klar, daß George Wyndham Le Strange dem Herzen des Dichters besonders nahe steht, ob er seinen Glanz nun dem Grau einer realen Gestalt abgewonnen oder ob er seinem strahlenden Helden gleich noch ein vorgeblich reales Substrat hinzugedichtet hat. Die zweite Version schien angesichts ihrer sebaldtypischen Hinterlist ohnehin die wahrscheinlichere.

Führen wir uns George Wyndham Le Strange vor Augen: Er nimmt an der Befreiung von Bergen Belsen teil und zieht sich anschließend in noch recht jungen Jahren auf seine Landgüter zurück, um in eigenwilliger Weise Logis in einem Landhaus zu beziehen. Als Haushälterin verschreibt er sich eine einfache junge Frau namens Florence Barnes unter der ausdrücklichen Bedingung, daß sie die von ihr zubereiteten Mahlzeiten mit ihm gemeinsam, aber unter Wahrung absoluten Stillschweigens einnimmt. Le Strange sei in seinem späteren Alter, weil er seine Garderobe völlig abgetragen hatte und neue Stücke sich nicht mehr zulegen wollte, in Kleidern aus früheren Zeiten herumgegangen, die er bei Bedarf aus den Kästen auf dem Dachboden seines Hauses hervorholte. Es gab Leute, die behaupteten, ihn gelegentlich gesehen zu haben in einem kanarienfarbenen Gehrock (vielleicht derselbe gelbe Rock, den Stendhal sich besorgt hatte, um, wie er glaubte, Métilde Dembowski inkognito beobachten zu können, eine völlige Fehleinschätzung, wie sich bald erwies) oder einer Art Trauermantel aus verschossenem veilchenfarbenen Taft mit vielen Knöpfen und Ösen. Auch hieß es, Le Strange, der immer schon einen zahmen Hahn auf seinem Zimmer gehalten hatte, sei nachmals ständig umschwärmt gewesen von allem möglichen Federvieh, von Perlhühnern, Fasanen Tauben und Wachteln und den verschiedenen Garten- und Singvögeln, die teils am Boden um ihn herumliefen, teils in der Luft ihn umflogen. Einmal im Sommer habe Le Strange in seinem Garten eine Höhle ausgehoben, in der er tage- und nächtelang gesessen sei gleich dem heiligen Hieronymus in der Wüste.

Adrian Daubs Nachweis erleichtert die Entdeckung und Deutung der Gleichheit der Initialen von George Wyndham Le Strange (GWS) und W.G. Sebald (WGS), die jetzt, angesichts der Fiktionalität des Helden, nicht mehr als naturgegeben, sondern nur noch als gewollt gelten kann. Die vermutete Identifikation Sebalds mit seinem Helden ist für den Sebaldleser und -freund fortan eine unumstößliche Wahrheit. Offen bleibt dabei, was Identifikation näher bedeuten mag.

In der Erzählung Ambros Adelwarth schildert Sebald einen verfehlten und mißlingenden Identifikationsversuch: Es folgte eine kurze Phase der inneren Amerikanisierung meiner Person, während der ich streckenweise zu Pferd, streckenweise in einem dunkelbraunen Oldsmobile die Vereinigten Staaten in allen Himmelsrichtungen durchquerte, und die ihren Höhepunkt erreichte zwischen dem sechzehnten und siebzehnten Lebensjahr, als ich die Geistes- und Körperhaltung eines Hemingway-Helden an mir auszubilden versuchte, ein Simulationsprojekt, das aus verschiedenen Gründen, die man sich denken kann, von vornherein zum Scheitern verurteilt war.

Eine andere und erfolgreichere, vom Autor nicht mit gleicher Offenheit eingestandene ist die mit dem Namenspatron Georg. Diese Identifikation zielt nicht auf die Ausbildung einer vergleichbaren Geistes- oder gar Körperhaltung und hat vielmehr den Charakter eines Wiedererkennens bestimmter Komponenten der Lebenssituation, naturgemäß begünstig für Sebald, der immer nur ungern über eine Koinzidenz hinweggegangen ist, durch die Namensgleichheit.

Eine frühe Begegnung mit dem Heiligen hatte Seylsses bereits als Kind noch vor der Hemingwayanwandlung in seinem Heimatort W. gemacht. Sein Weg ging am Lehrerhaus und am Kaplanhaus vorbei die hohe Friedhofsmauer entlang, an deren Ende der heilige Georg ohne Unterlaß mit seinem Spieß dem zu seinen Füßen liegenden greifartigen Vogeltier den Rachen durchbohrte; er bohrt bis auf den heutigen Tag. Mag sein, daß bereits damals eine erste tastende und eher ratlose Phase der Identifikation eingesetzt hat. Erkennbar hat sich Sebald-Selysses dann später mit dem Heiligen Georg identifiziert in zwei Bildwerken, der linken Tafel des Lindenhardter Altars von Grünewald, wo Georgius Miles, der Mann mit eisernem Rumpf, erzen geründeter Brust, rotgoldenem Haupthaar und silbernen weiblichen Zügen offenbar auf dem Sprung ist, die Welt des Mittelalters zu verlassen, dessen Vertreter ihn umringen in Gestalt der verbleibenden heiligen Nothelfer; und sodann Pisanellos San Giorgio con capello di paglia, zur Linken die alte Welt in dunklem Gewand und mit strengem Blick, rechts San Giorgio im Licht mit den ausdrücklichen Merkmalen der herzbewegenden Weltlichkeit und der schutzlosen Unschuld. Das Böse hat sein Leben ausgehaucht. Die Jungfrau mit dem Erlöserkind verbleibt im Schwebezustand darüber. Die Identifikation betrifft den kurzen Augenblick der Hoffnung auf eine bessere Zeit beim Ausgang von der alten zur neuen Zeit, ein Hoffnungsaugenblick, der sich wiederholte, als Sebald geboren wurde und das Dritte Reich endlich sein Leben aushauchte.

Adrian Daub richtet seine besondere Aufmerksamkeit auf das Photo, daß in den Ringen des Saturn Bergen Belsen darstellen soll, an dessen Befreiung Wyndham Le Strange teilgenommen haben soll. Die Eigenartigkeit dieses Bildes ist auch dem aufgefallen, dessen Aufmerksamkeit eher auf die Prosa gerichtet blieb. Insbesondere in der Vollversion der Eichbornausgabe und dann, wenn der Blick auf die obere Bildhälfte fällt, wird man es zuerst der Gattung der Baum- und Waldphotos zurechnen, die Sebalds überbordender und immer überbordend schöner Baum- und Waldprosa entsprechen; senkt sich der Blick langsam gegen die untere Bildhälfte, mag es scheinen als habe eine der Nomadenscharen, die Selysses überall begegnen - in der ganzseitigen Illustration der Wüste Sinai, auf italienischen Bahnhöfen, in der neuen Pariser Nationalbibliothek - hier ihr Lager aufgeschlagen. Erst bei weiterer Vertiefung würde sich bei dieser Blickfolge die schreckliche Wahrheit des Bildes enthüllen.

Drei Gründe, neben den bereits von Daub dargelegten, könnten für die Wahl dieses Photos sprechen. Einmal die besondere Dezenz, zu der Sebald, der an der Befreiung Bergen Belsens nicht teilgenommen hat, sich genötigt sah, also keine umstandslosen Leichenberge, und zum anderen der symbolische Bildgehalt: Die Welt schluckt auch das unermeßlichste Grauen und zwar, so skandalös es ein mag, in Schönheit, in der Schönheit der Bäume und Wälder. Die dritte Möglichkeit aber heißt: es ist der Wald, in dem der Heilige Georg, in der Darstellung Altdorfers, den Drachen getötet hat, denn immerhin wurde Bergen Belsen befreit und der Drachen des Bösen niedergerungen, auch wenn der Sieg natürlich viel zu spät kam und auch nichts mehr ändern konnte an der totalen Niederlage des Menschseins.

Zur Linken und zur Mitte hin ein Saum dunkelgrüner Baumwipfel, zur Rechten die glorreiche Erscheinung des Ritters, der ihm gerade gegenübergetreten ist und von dem etwas herzbewegend Weltliches ausgeht. Der Drache, ein geringeltes, geflügeltes Tier, hat sein Leben bereits ausgehaucht. Die aus weißem Metall geschmiedete, kunstreiche Rüstung versammelt auf sich allen Abendschein. Nicht der geringste Schatten der Schuldhaftigkeit fällt auf das jugendliche Gesicht Georgs. Schutzlos sind Nacken und Hals dem Betrachter preisgegeben. Die Komposition des Pisanellogemäldes, so wie Selysses es sieht, entspricht in seiner Komposition der Wyndham Le Strange gewidmete Textabschnitt. Der dunkle Wald von Bergen Belsen ist verlassen, Le Strange steht da in der Helle seines kanarienfarbenen Rocks und der Gloriole des ihm umschwärmenden Federviehs: Ich wüßte gern, wie Pisanello auf den Gedanken gekommen ist, den heiligen Georg ausgerechnet mit einer solchen, angesichts der Umstände eigentlich unpassenden, ja geradezu extravaganten Kopfbedeckung auszustaffieren. San Giorgio con cappella di paglia. An Extravaganz nicht nur der Gloriole übertrifft Le Strange Pisanellos Giorgio um Längen.

Neben dem Sebalds Werk prägenden Willen, Verbrechen und Leid nicht zu vergessen, steht die Sehnsucht, herauszutreten aus dem Wald der Schuld. Wenn Wyndham Le Strange sich in den Heiligen Franz in einer Wolke von Federvieh und in den Heiligen Hieronymus verwandelt - ein wahrhaft flimmernder Hintergrund von Heiligkeit -, nicht aber in den Heiligen Georg, dann nur, weil er Georg ist in einer zeitgemäßen Inkarnation. Ein Major ist eine Untergattung des Miles, die parallelen Initialreihen verlängern sich von WGS und GWS in MWGS und MGWS, Miles Sebald-Selysses ist Major Wyndham ist Miles Georgius ist Wyndham Le Strange.

Natürlich ist Georgius Miles nicht mehr derselbe, der er einmal war. Er ist alt geworden, er tritt nicht mehr hoffnungsfroh heraus aus dem Tableau in die neue Welt, der Drache hat sein Leben keineswegs ausgehaucht, der Schritt heraus führt den modernen Heiligen wieder, wie viele Vorgänger des Heiligen Georg, nicht in eine hoffnungsfrohe Zukunft, sondern heraus aus der Welt, so wie Georg selbst, in der Inkarnation des Wyndham, die Gestalt des weltflüchtigen Hieronymus annimmt. Der Major George Wyndham ist Georgius Miles als Le Strange, ein der Welt Fremder, nicht im Sinne Camus, sondern im Sinne Sebalds, als jemand, der dem Grauen ins Auge geschaut hat und als jemand mit einem von Tag zu Tag unschuldiger werdenden Leben in einer schuldbeladenen Welt, so wie die Ashburys, wie Janine Rosalind Dakyns und Michael Parkinson, wie Dr. Abramsky in der Narrenburg Haus Samaria, wie der Richter Frederick Farrar, der nur noch mit Entsetzen zurückschaut auf sein mehr als ein halbes Jahrhundert in Anwaltskanzleien und Gerichtshöfen zugebrachtes Leben und wie viele andere in Sebalds Personal auch noch, lauter auf ihre Art glückliche Menschen, lauter Soldaten in der Kohorte des Georgius Miles. Selysses hatte Mrs. Ashburys unausgesprochenen Aufforderung verspürt, er möge bei ihnen bleiben und ihr Leben teilen, daß er es nicht getan habe – dieses Versagen ziehe ihm heute noch manchmal wie ein Schatten über die Seele: aber er ist ja geblieben und hat ihrer aller nach dem Vorbild des Heiligen in schutzloser Unschuld geführtes Leben aufgezeichnet.

Der Verfasser dieses kleinen Sebaldstückes versucht verzweifelt, seine Initialen in einer Weise zu ordnen, die ihm eine Annäherung an das glorreiche Trio Selysses, Le Strange und Georgius ermöglichen. Aber selbst unter Aufbietung aller in seinem schon länger andauernden Leben verwendeten Pseudonyme läßt sich nichts ausrichten. Wie man es auch dreht und wendet, die Distanz bleibt gewaltig.

Dienstag, 5. Oktober 2010

Rauch

Feuerwerk für W.G. Sebald

Auf Dasssie in Flammen aufgehtDas Nachfolgende ist inspiriert von Christian Wirths Gestaltung des kleinen Sebaldstücks Verstehen. Der Text ist dort illustriert mit fünf Exemplaren ein und desselben Bildes, unter dem letzten Exemplar ist seine Herkunft angegeben: Jeremy Millar: A FIREWORK for W.G.Sebald. In memory - and celebration - of the extraordinary life and work of W. G. Sebald, a firework was lit by the side of the A 146 in Framingham Pigot, the place in which he was killed in a car crash on 14 December 2001. Weiteren Aufschluß findet man in dem Band Searching for Sebald, S 592 ff. Dort treffen wir nicht fünfmal auf dasselbe, sondern viermal auf das gleiche Bild, das alles entscheidende Rauchwölkchen ist dabei zu sehen in verschiedenen Stadien seines Vergehens. Die Ursache des Wölkchens, möglicherweise die Explosion eines Feuerwerkskörpers der schlichtesten Sorte, bleibt auch hier verborgen.

Das in jeder Hinsicht häßliche und entmutigende Bild stellt, so glaubt man zu erkennen, einen von Buschwerk überwucherten Mittelstreifen zwischen zwei Fahrbändern da, im Vordergrund links steht ein weißes Gatter mit nicht erkennbarer Aufgabe, im Vordergrund rechts steigt ein klägliches weißes Rauchwölkchen auf. Auf allen angesprochenen Ebenen scheint das Bild den höchsten Grad der Unangemessenheit zu verkörpern. Was für eine Art von Feuerwerk soll das sein. Wie kann man so das außergewöhnliche Leben und das ganz und gar außergewöhnliche Werk des Dichters Sebalds ehren. Wie, um auch das Geringste noch zu erwähnen, soll das kleine Sebaldstück Verstehen auf diese Weise erläutert sein. Noch während sich diese Fragen stellen, wächst und wächst aber, während es kalt über den Rücken läuft, auf die beklemmendste Weise die Möglichkeit, bis hin zur Gewißheit, nichts könne wahrer sein als dieses Bild.

Von keinem Motiv war Sebald wohl besessener als von dem des Brennens, des Rauchs und des Aschestaubs. In den noch nicht vollends durchgearbeiteten und verdichteten Korsikafragmenten heißt es ohne Umschweife und offen zu Tage liegend: Bezeichnender als jede andere Eigenschaft ist für unsere Art die Pyromanie. Nur vermittels des Feuers konnten wir vorgehen gegen die Wildnis. Und also hocken wir nach wie vor am Eingang unserer Höhlen und schauen auf das Feuer am Horizont. Das Feuer ist unsere einzige Hilfe, wenn uns etwas über den Kopf wächst. Überall stehen unsere Incineratoren und wir verbrennen alles vom schweren Metall bis zu den Abfällen. Haben wir nicht ganze Völker verbrannt, unsere Städte abbrennen sehen in meilenhohen Feuertürmen, und haben wir nicht alles wieder aufgebaut, besser und schöner als zuvor, und keine Schaden genommen an unserer Seele? - Gemeint ist naturgemäß, daß unsere Seelen längst zugrundegerichtet sind. Und weiter auf Korsika das Leiden der Tiere unter der Pyromanie der Menschen: Von dem Schaden, den die Brände anrichten, haben wir keinen rechten Begriff. Wir können zwar das Ausmaß der verbrannten Flächen berechnen, aber die Panik der Zeisige, deren Nester, noch bevor sie die Flammen erreichen, zu Asche verfallen, die Angst der unter den Blättern verborgenen Nachtfaltern, der Nattern, Mäuse und Eidechsen, denen selbst, wenn sie sich ausruhen, das Blut in der Kehle klopft, diese Angst können wir mit keiner Statistik erfassen; sie ist uns so unbegreiflich, wie nur unsere eigene es ist, wenn wir in unseren Städten verbrennen - verbrennen als Folge des Luftkriegs, dem Sebald eine eigene Ausarbeitung gewidmet hat, in den von den Bombenabwürfe ins Rollen gebrachten Feuerwalzen.

Nachdem er sich schon in seinem Heimatdorf W. in die Betrachtung einer Postkarte vertieft hatte, die den rauchenden Kegel des Vesuv zeigte, verfolgen Brände und Feuersbrünste Selysses fast an allen seinen Reisezielen. Manchester ist die Stadt der brennenden Schlote. Heute sind sie nahezu ausnahmslos niedergelegt und außer Betrieb. Damals aber rauchten sie zu Tausenden, einer neben dem andern, bei Tag sowohl als in der Nacht. Es waren diese viereckigen und runden Schlote und diese ungezählten Kamine, aus denen ein gelbgrauer Rauch drang, der sich dem Ankömmling tiefer einprägte als alles, was er bis dahin gesehen hatte. Der Name des Malers Aurach klingt wie ein leicht verunglücktes Anagramm auf den Rauch des alten Manchester.

In London träumt Selysses fasziniert den Bericht vom Brand Londons in Pepys’ Tagebuch nach: Ich sah es wachsen mehr und mehr. Es war nicht hell, es war ein grausig blutig böses Lohen, vom Wind getrieben durch die ganze Stadt. Zu Hunderten die toten Tauben auf dem Pflaster, das Federkleid versengt. Die Kirchen, Häuser, Holz und Mauersteine, alles brennt zugleich. Ist dies die letzte Stunde? Und andern Tags ein stiller Ascheregen - westwärts, bis über Windsorpark hinaus.

In Irland wird das wenige Meilen entfernte Haus der Randolphs, die gerade mit den nachmaligen Schwiegereltern Mrs. Ashburys dinierten, in Brand gesteckt. Insgesamt sollen zur Zeit des Bürgerkriegs zwei- bis dreihundert Herrenhäuser niedergebrannt worden sein.

In Paris sieht Selysses in der Bistrobar Le Havane am Boulevard Auguste Blanqui, einem selbst mitten am Tag ziemlich dusteren Lokal, auf einem hoch an der Wand angebrachten, wenigstens zwei Quadratmeter großen Fernsehschirm Bilder der Rauchwolken, die seit vielen Wochen in Indonesien die Dörfer und Städte erstickten und eine grauweiße Asche auf die Häuser streute.

Auf der Fahrt von Wien nach Venedig hat Selysses einen Feuertraum: Zuoberst aber glühend, transparent, feuerspeiend und funkenstiebend die Spitze des Schneebergs, hineinragend in die letzte Helligkeit des Himmels, an dem die seltsamsten graurosafarbenen Wolkengebilde trieben und zwischen diesen die Winterplaneten und die Sichel des Mondes. Es bestand für mich im Traum keinerlei Zweifel, daß es sich bei dem Vulkan um den Schneeberg handelte.

In Venedig dann fuhren wir gegen Mitternacht den Drachenschweif des Großen Kanals hinauf und hinaus auf das offene Wasser von wo aus man auf die jenseits meilenweit sich erstreckende Lichterfront der Raffinerien von Mestre hinübersieht. Vor uns lag der verglimmende Glanz unserer Welt, an dem wir, wie an einer Himmelstadt, uns nicht sattschauen konnten. Das Wunder des aus dem Kohlenstoff entstandenen Lebens geht in Flammen auf. Wortlos deutete mein Führer hinüber zu dem Inceneritor Communale. Ein totenstilles Betongehäuse unter einer weißen Rauchfahne. Brucia continuamente.

In Theresienstadt ist es der Traumwunsch nach einem Ausbruch des Erdfeuers: Südwärts, in einem weiten Halbrund, erhoben sich die Kegel der erloschenen böhmischen Vulkane, von denen ich mir in diesem bösen Traum wünschte, daß sie ausbrechen und alles ringsum überziehen möchten mit schwarzem Staub.

Die Zusammenstellung von Textauszügen ist in keiner Weise erschöpfend. Die Menschheit fällt ihrer Faszination für das Feuer zum Opfer. Sie lebt die längst Zeit schon exklusiv vom Feuer sowohl zur Vernichtung als zum Erhalt des Lebens und wird im Feuer umkommen. Spätestens dann, wenn auch das erhaltende Feuer aufgrund seines schieren Übermaßes umschlägt in Vernichtung. Alles ist so eingerichtet, daß es ohne Unterlaß brennt an allen Ecken und Enden, che brucia continuamente.

Den Beifall des Dichters finden allenfalls Brände der bescheidensten Art wie derjenige der Mutter Gottfried Kellers, die jahraus, jahrein, einen Tag wie den anderen, ein Feuerchen unterhielt, welches gleichsam von nichts brannte. Anders verhält es sich schon wieder mit dem Feuer, das der Onkel Evelyn unterhält, obwohl es gerade so ausschaut wie dasjenige im Haus der Kellers: Nur wenn mehrere Tage hintereinander die Temperatur auf dem Thermometer am Fensterrahmen zur Mittagszeit unter fünfzig Grad Fahrenheit sank, durfte die Haushälterin im Kamin ein winziges Feuerchen anschüren, das von fast gar nichts brannte. Es ist nicht einmal so sehr der Geiz als solcher, der Mißfallen erregt, sondern der Umstand, daß er allwöchentlich das von ihm nicht ausgegebene Geld an die Kongomission überweisen ließ zur Errettung der dort im Unglauben schmachtenden schwarzen Seelen, unangebracht und zu spät, wo doch die belgische und europäische Hauptstadt Brüssel, mit ihren immer bombastischer werdenden Gebäuden, erscheint wie über einer Hekatombe von schwarzen Leibern aus dem Kongo sich erhebendes Grabmal, Leiber, um deren Seele niemand besorgt gewesen war.

Feuer anderer Art - gedacht ist an das Feuer des Schreibens - bringen Rauchwölkchen anderer Art hervor: Ich sah den altgewordenen Roué, umgeben von den goldgeprägten Rängen der mehr als vierzigtausend Bänden umfassenden Bibliothek ganz für sich allein über einen Schreibsekretär gebeugt an einem trostlosen Novembernachmittag. Die Puderperücke hatte er beiseite gelegt und sein eigenes schütteres Haar schwebte, als Zeichen gewissermaßen der Auflösung seiner Körperlichkeit, wie ein kleines Wölkchen über seinem Haupt. Die linke Schulter ein wenig hochgezogen, schrieb er ununterbrochen fort.

Als habe der Dichter in einen Spiegel geschaut. Während die Schreibfeder noch wie rasend über das Papier schießt, löst sich bereits die, nach überkommener Auffassung, unsterbliche Seele als ein kleines Wölkchen über seinem Haupt. Wir würden dem verstorbenen Dichter fraglos Händel mit Pauken und Trompeten wünschen, samt hundert Salutschüssen als Startsignal für das Feuerwerk, ein schütteres weißes Rauchfähnchen in der Krüppelvegetation zwischen den zwei Fahrbändern der A 146 in Framingham Pigot, ein Feuerwerk das von fast gar nichts brennt, ist aber sicher das, was Sebald eher als angemessene Zelebration seines außerordentlichen Lebens und Schaffens verstanden hätte.

Wenn der Dichter sich, wie wir glauben, gern in dem kleinen Rauchwölkchen erkannt hätte, welche Größenordnung oder besser Winzigkeitsordnung sollen wir dann einem kleinen Sebaldstück zuweisen? Die des kurzen Aufglühens einer Zigarette vielleicht. Die Liebe zum kleinen Feuer hat Sebald auch auf die Zigarette übertragen und ihren dichterischen Lobpreis Ernst Herbeck überlassen. Dem gerät sie allerdings unversehens zu einem flammenden Inferno im Miniaturformat:

Die Zigarette
ist ein Monopol und muß
geraucht werden. Auf Dasssie
in Flammen aufgeht.

Samstag, 2. Oktober 2010

Liest Conrad

Sans comprendre l’horreur


Den Ringen des Saturn ist die Stelle aus einem Brief Joseph Conrads an Marguerite Poradowska vorangestellt. Der gesamte Fünfte Teil des Buches ist für Conrad reserviert, er muß ihn sich nur mit Roger Casement teilen. In einem Hotel in Southwold hatte Selysses den Beginn einer BBC-Sendung über Casement und Conrad gesehen, war aber in dem grünen Samtfauteuil, den er vor den Fernseher gerückt hatte, bald schon in einen tiefen Schlaf gefallen, unverantwortlicher Weise, wie er glaubt. Er macht sich also daran, die verschlafene Geschichte aus den Quellen einigermaßen zu rekonstruieren.

Was das für Quellen sind, erfahren wir nicht. Aus der Marbacher Ausstellung Wandernde Schatten, Sebalds Unterwelt wissen wir, daß der dem Selysses in vielen Belangen ähnliche Dichter W.G. Sebald sich oft auf schlichte rororo-Monographien gestützt hat, zum Entsetzen derer, die in ihm eine Art schriftstellernden, vorwiegend mit dem Holocaust beschäftigten Historiker gesehen hatten, und zum Entzücken seiner Freunde, die ohnehin wissen, daß der Dichter relativ schlichtes Gerät für die Orientierung in der Faktenwelt benötigt. Selysses seinerseits arbeitet so gründlich, daß er zur Klärung der Hintergründe und Lebensumstände Conrads eigens Hugos von Conrads Vater Appolo Korzeniowski ins Polnische übertragenes und unendlich langweiliges Buch Les travailleurs de la mer durchliest. Eine Erwähnung Casements in Conrads Congo Diary ist Selysses aus einer, wie es scheint, länger schon zurückliegenden Lektüre wortwörtlich gegenwärtig geblieben. Er, Conrad, habe Casement einmal nur mit einem Stecken bewaffnet in die gewaltige Wildnis aufbrechen sehen, und einige Monate darauf sei er dann aus der Wildnis wieder hervorgekommen, etwas magerer vielleicht, aber sonst so unbeschadet, als kehrte er gerade von einem Nachmittagsspaziergang im Hyde Park zurück. In der der Penguin Classics-Ausgabe des Heart of Darkness beigegebenen Version des Congo Diary findet sich unter dem 13. Juni 1890 der Eintrag: Made the aquaintance of Mr Roger Casement, which I should consider as a great pleasure under any circumstances and now it becomes a positive piece of luck. Thinks, speaks well, most intelligent and very smpathetic; und unter dem 28 Juni: Parted with Casement in a very friendly manner – und sonst weiter gar nichts zu Casement. Offensichtlich sind verschiedene Versionen des Tagebuchs im Umlauf.

Bevor also Selysses aus Conrads Schriften liest, liest er weiter über ihn und erfährt neben anderem, daß Conrad, bevor er aufbricht in die weit mehr als nur traurigen Tropen des Kongo, als Kind die kaum weniger traurige Kälte Sibiriens am Verbannungsort seines Vaters erlebt hat, nahe der Stadt Wolodga, einem einzigen Sumpfloch. Der Jahresablauf ist dort auf zwei Jahreszeiten beschränkt, den weißen und den grünen Winter. Die Leichenstarre geht über in einen grauenhaften Marasmus und wieder in Leichenstarre. Im weißen Winter ist alles tot, man ist umgeben von einer endlosen Finsternis, im grünen Winter alles am Sterben. Unmittelbar vor Aufbruch in den Kongo im Jahre 1890 und gleichsam als stärkende Vorbereitung darauf erlebt Conrad dann noch einmal seine polnisch-ruthenischen Heimat in schöner und reinigender Kälte: Als der Schlitten anruckte, begann für mich, begleitet von dem leisen gleichmäßigen Schellengeräusch, eine Winterreise zurück in die Kindheit. Nie bin ich besser gefahren als damals in die um uns her sich ausbreitende Dämmerung hinein. Wie früher, vor langer Zeit, sah ich die Sonne über die Ebene sich senken. Eine große, rote Scheibe, senkte sie sich in den Schnee, als ginge sie unter über dem Meer. Geschwind fuhren wir in die Dunkelheit hinein, in die unermeßliche, an den Sternenhimmel angrenzende weiße Wüste, in der wie Schatten die von Bäumen umstandenen Dörfer trieben.


Von Conrad selbst liest Selysses vor allem die Briefe an seine Tante Marguerite Poradowska, das Kongotagebuch und die Erzählung The Heart of Darkness, aus der er die zentralen Eindrücke zur Situation im Kongo dann mehr oder weniger wörtlich in seinen eigenen Bericht überträgt: Die Instrumente der Ausbeutung sind Handelskompanien wie die Société Anonyme pour le Commerce du Haut Congo, deren bald legendären Bilanzen beruhen auf einem von sämtlichen Aktionären und sämtlichen im Kongo tätigen Europäern sanktionierten Zwangsarbeit und Sklavensystem. In manchen Regionen des Kongo wird die eingeborene Bevölkerung durch die erpreßte Arbeitsleistung bis auf geringe Reste dezimiert. Zwischen Geröllhalden und den mit rostigen Wellblech gedeckten, willkürlich in die Gegend gesetzten Baracken, unterhalb der hohen Felsklippen, aus denen der Strom sich hervordrängt, sowie an den steilen Abhängen der Ufer, überall sieht man schwarze Figuren in Trupps bei der Arbeit und Trägerkolonnen, die in langer Linie sich fortbewegen durch das unwegsame Terrain. Ein Stück weit außerhalb des besiedelten Areals stößt man auf einen Platz, an dem die von der Krankheit Zerstörten und von Hunger und Arbeit Ausgehöhlten zum Sterben sich niederlegen. Wie nach einem Massaker liegen sie da in dem gräulichen Dämmer auf dem Grunde der Schlucht. Offenbar hält man diese Schattenwesen nicht auf, wenn sie sich davonschleichen in den Busch. Sie sind jetzt frei, frei wie die Luft, die sie umgibt, und in die sie sich nach und nach auflösen werden.

Wie noch hundert Jahre später für den sich als Herbert Berger fiktionalisierenden Ernst Jünger waren für Conrad Afrika und der Kongo eines der fernsten Traumziele seiner Kindheit gewesen. Für ihn bleibt es aber nicht bei mehr oder weniger glimpflich verlaufenden afrikanischen Spielen. Je regrette d’ětre venu ici. Je le regrette měme amèrement, schreibt er an Marguerite Poradowska. Die Vorgänge im Kongo werfen für ihn einen fortdauernden Schatten und Schaden auf das Land Belgien, und die Hauptstadt Brüssel, mit ihren immer bombastischer werdenden Gebäuden, erscheint ihm wie über einer Hekatombe von schwarzen Leibern sich erhebendes Grabmal. Was Conrad aus dem Anblick Brüssels herausliest, liest Selysses weiter in einer besonderen bis auf den heutigen Tag andauernden, von der Zeit der ungehemmten Ausbeutung der Kongokolonie geprägten, in der makabren gewisser Salons und einer auffallenden Verkrüppelung der Bevölkerung sich manifestierenden Häßlichkeit, wie man sie anderwärts nur selten antrifft. Wenn er allerdings behauptet, er entsinne sich genau, daß ihm bei meinem ersten Besuch in Brüssel im Dezember 1964 mehr Bucklige und Irre über den Weg gelaufen sind als sonst in einem ganzen Jahr, so bringt er doch wohl, wie er es zustimmend bei Flaubert beobachtet hatte, das Alltägliche mit dem Fabelhaften und Übernatürlichen in Verbindung.

Am anderen Ende der Gaststätte, in der ich mich vor der Rückfahrt wärmte, saß eine bucklige Rentnerin in dem trüben, durch die belgischen Butzenscheiben einfallenden Licht. Sie trug eine wollene Haube, einen Wintermantel aus dickem Noppenstoff und fingerlose Handschuhe. Ihr Geburtsdatum mochte in etwa übereinstimmen mit dem Zeitpunkt der Fertigstellung der Kongobahn. - Conrads Fingerspitze am weit über die Zeitkluft ausgestreckten Arm und die des Selysses berühren sich, wie auf dem Bild von Michelangelo, nicht ganz.