Samstag, 11. September 2021

Segeltörn

Besatzung


Die beiden Segel waren im Westwind gebläht, und WIR setzten den Kurs so, daß unser Boot … Ein solches WIR erscheint im Werk des Dichters kein zweites Mal, ich mit Clara im ersten Satz der Erzählung Dr. Henry Selwyn kommt dem noch am nächsten. Sonst ist der Erzähler allein unterwegs, trifft andere Menschen, bildet mit ihnen aber kein WIR. Wie viele Menschen umfaßt das WIR auf dem Schiff? Das Schiff hat zwei Segel, hat es auch zwei Masten? Im erstgenannten Fall hätten wir es mit einem kleinen Schiff, einem Segelboot und wenigen Menschen an Bord zu tun, in zweiten Fall könnte es eine Brigg oder gar ein Schoner mit einer größeren Anzahl von Menschen sein. Die Atmosphäre, die Weite der See läßt eher größeres Personalaufkommen vermuten, hinzu kommt, daß man dem Dichter eigenständiges Segeln nicht zutraut, nie hat er sich bislang als Bootsmann bewährt. Aber dann ist gegen Ende nur noch von ihm und seiner Begleiterin die Rede, also doch nur zwei Leute? Auch das läßt sich wiederum wenden, man kann sich vorstellen, in diesem Augenblick hätten die beiden das Schiff schon verlassen, nachdem sie sich von den anderen Seglern verabschiedet hatten. Vielleicht aber ist die Begleiterin gar nicht einmal an Bord gewesen und hat den Begleiter nur abgeholt am Hafen. Oder ist es vielleicht gar kein WIR, das den Dichter umfaßt, spricht er vielleicht von einem fremdem WIR? Was aber ist ein fremdes WIR? Aber warum soll man sich weiter den Kopf zerbrechen, letztlich geht es in der Erzählung vordringlich um Makrelen und nicht um die Menschen an Bord.

Samstag, 4. September 2021

Heimat

 Tiefpunkt

Beide haben nicht nur ihren Heimatort, sondern auch ihr Heimatland verlassen, den einen hat es aus dem Allgäu nach England versetzt, den anderen von Frankreich nach Polen. Dabei war es für Stachura imgrunde eine Rückkehr in die Heimat, als Kind polnischer Emigranten in Frankreich geboren und aufgewachsen, war er im Krieg mit der Familie nach Polen rückgewandert. In einer der Erzählungen heißt es, er liebe beide Länder, Frankreich und Polen, in gleicher Weise, ein literarisches Ritorno in Patria findet aber nicht statt, Erzählort im relevanten Prosawerk ist ausschließlich Polen. Dabei hat der Erzähler in den meisten Erzählungen kein eigenen Wohnsitz in der alten neuen Heimat. Er kommt für einige Wochen bei Bekannten unter, findet leerstehende Gartenlauben, haust in primitiven, selbst erbauten Hütten oder übernachtet in rollenden oder stehenden Eisenbahnwaggons. In den beiden Romanen ist es anders, der Erzähler teilt eine Wohnung mit einer geliebten und liebenden Frau, wir bekommen ihn allerdings in dieser Umgebung nicht zu Gesicht, da er in beiden Fällen als Gelegenheitsarbeiter im Außeneinsatz tätig ist, einmal als Teichreiniger und das andere Mal beim Holzfällen. Er hat, so mag man urteilen, den Höhepunkt seines bürgerlichen Lebens erreicht, ohne zu verbürgerlichen, und auch den Höhepunkt seiner Erzählkunst. Spätere Werke wie Fabula rasa und Się bekunden den Abstieg.

Die Pension Arosa in Manchester, der ersten Station des nach England ausgewanderten Erzählers, mag ihre Schwächen haben, eine Gartenlaube oder selbst errichtete Hütte ist es nicht. Bereits hier sind unzureichende Geldmittel offenbar kein Problem. Als er mit Clara in Hingham eine Wohnung sucht, ist er offenbar schon gut situiert, umso mehr als Clara wenig später auf eigene Faust ein Haus kauft. In seiner ersten uns bekannten Reise aus England heraus im Jahre 1980 macht er nicht Station in seinem Heimatland, sondern erreicht unmittelbar Wien. Hier findet offenbar ein Persönlichkeitsverfall statt. Er trägt ständig eine aus England mitgebrachte Plastiktasche voller unnützer Gegenstände mit sich herum, von denen er sich auf keinen Fall trennen kann. Das Schuhwerk beginnt, sich in Fetzen aufzulösen. Zwar ist er zahlungskräftig und wohnt er weiter im Hotel, spürt aber in seinem Rücken die kritischen Blicke der anderen Gäste und des Personals. Gewissermaßen ist er auf dem Tiefpunkt seiner bürgerlichen Existenz angelangt, es bleibt nur die Flucht. Gelingt sie? Der Zug hält am Brenner, niemand steigt aus, niemand steigt ein. Die Grenzer gehen auf dem Bahnsteig auf und ab. Der Regen geht über in Schnee. Weit länger währt die Nacht der Zeit als deren Tagesspanne, und es weiß keiner, wann das Äquinoktium gewesen ist. Das sind die letzten Worte der Erzählung, wenn sie nicht sieben Jahre später mit dem Bericht über eine zweite Reise wiederaufgenommen und fortgesetzt wäre, könnten wir nicht sicher sein, daß er jemals wieder daheim in England eingetroffen war. Er hätte auch, wie es an anderer Stelle heißt, sich sehr leicht aus dem Leben entfernen können.

Mittwoch, 1. September 2021

Wasserschau

The skin of the water


Am späteren Nachmittag spazierte er unter dem Bäumen der Uferpromenade des Adige entlang. Ein hellfarbiger Hund, der einen schwarzen Fleck wie eine Klappe über dem linken Auge trug, hatte sich ihm auf dem Domplatz angeschlossen und war ihm immer ein Stück weit voraus. Blieb der Spaziergänger stehen, um ein wenig auf den Fluß herabzusehen, so hielt auch der Hund ein und schaute versonnen auf das fließende Wasser. - Wie gut Hund und Mensch sich verstehen, ist umstritten, beide Seiten tun aber gern so, als hätten sie klare Sicht aufeinander. Zudem ist dieser Hund offenbar besonders höflich, drängelt nicht, wie bei seinen Artgenossen üblich, aufs Weitergehen.

Stachuras Erzähler hat beim Blick aufs Wasser seltsame Wahrnehmungsschwierigkeiten: Fast auf jeder Brücke bin ich stehengeblieben. Habe mich auf das Geländer gestützt und für eine Weile auf das Wasser geschaut, ohne es aber zu sehen, das heißt, anfangs habe ich das Wasser gesehen, sobald ich mich nur über das Geländer beugte, aber dann sah ich es nicht mehr, denn ich habe zwei Blicke, und heute war es einer von ihnen, auf jeder Brücke fast: eine Zeitlang schaute ich beharrlich auf das Wasser, das ich anfangs sah, aber dann wurde es undeutlich, durchsichtig, und verschwand in der Luft oder im Nebel. So gut wie auf jeder Brücke blieb ich stehen, zündete eine Zigarette an, beugte mich über das Geländer und schaute auf das Wasser, das ich zunächst sah und dann nicht mehr, denn ich habe ein Art des Blicks, die ein Nichtsehen ist, eine Vergeßlichkeit der Augen, ein Absturz in einen Trichter, der zur Rückseite des Auges führt. - Die erlebte Theorie der zwei Blicke mit einem Trichter, der zur Rückseite des Auges führt, ist zweifellos faszinierend und stimmt nachdenklich, die wissenschaftliche Absicherung aber fehlt. Soweit bekannt, hat die Wissenschaft das Thema noch gar nicht aufgegriffen.

Marlowe, jeder kennt ihn, wirft den denkbar eindringlichsten, wenngleich schrecklichen Blick aufs Wasser: The heavy stone smashed down into the water. The rock fell straight and true and stuck on the edge of the submerged planking. For a moment the water was confused boiling, then the ripples widened off into the distance, coming smaler and smaler with a taste of froth in the middle, and there was a dim sound as of wood breaking under water, a sound that seemed to come a long time after it should have been audible. An ancient rotted plank popped ub suddenly through the surface, stuck out a full foot of its jegged end, and fell back with a flat slap and floated off. The depts cleared again. Something moved in them that was not a board. It rose slowly, with an infinitely careless langour, a long dark dark twisted something that rolled lazily in the water as it rose. It broke surface casually, lightly, without haste. Wool, sodden and black, a leather jerkin blacker than ink, a pair of slacks. Shoes and something that bulged nastily between the shoes and the cuffs of the slacks. A wave of dark blond hair straighten out in the water and hold still for a brief instant as if with a calculated effect, and then twirl into the tangle again. The thing rolled over once more and an arm flapped up barely above the skin of the water and the arm endedin a bloated hand that was the hand of a freak. Then the face came. A swollen pulpy grey white mass without features, without eyes, without mouth. A blotch of grey dough, a nightmare with human hair on it. A heavy necklace on what had been a neck, half-embedded, large rough green stones with something that glittered joining them together. - Wer könnte es besser machen? Auch wenn in einem Kriminalroman eher von einer Untat als mit einem Unfall zu auszugehen ist, wird doch auf beklemmende Weise deutlich, daß das Wasser, allen Strandurlaubern zum Trotz, nicht des Menschen Freund ist. Gleichzeitig aber ist die magische Anziehungskraft der so andersartigen, sich geisterhaft bewegenden Wasserwelt mit Händen greifbar.