Donnerstag, 23. August 2018

Schriftsätze

Spur im Wasser
 
Wenn der Richter Farrar mit einem gewissen Entsetzen zurückdenkt an die langen Jahre, die er nach seinem Jurastudium in Anwaltskanzleien und Gerichtssälen verbracht hat, so ist der Dichter oder doch sein Erzähler desinteressiert an amtlichen, auf einer Rechtsgrundlage ausgestellten Schriftstücken. Er bewundert das operettenhafte Gehabe des Brigadiere mit der riesigen Rolexuhr am linken und dem schweren Goldarmband am rechten Handgelenk, wie er das fertiggestellte Dokument mit einem demonstrativen Schwung aus der Walze riß, die Verlustbestätigung selbst aber verwandelt sich ihm in einen rechtlich nicht abgesicherten Trauschein, der ihm und Luciana erlauben soll, miteinander hinzufahren, wo sie wollen. Witek Rozański findet auf dem Sonntagsausflug im Unterholz eine Mappe gefüllt mit Schreiben amtlichen Charakters. Es handelt sich durchweg um Beschwerdeschreiben teils zwischen-, teils innerbehördlicher Art, teils wiederum um Eingaben besorgter Bürger. Das einer Organisation zustehende landwirtschaftliche Gerät sei von einer anderen Organisation widerrechtlich in Beschlag genommen worden. Ein leitender Ingenieur habe einem Freund eine Stelle verschafft, der dann wegen überbordender Trunksucht bei fortlaufenden Bezügen nie an seinem Arbeitsplatz gesehen worden sei. Die Leiterin einer betriebseigenen Kantine habe, so der Vorwurf, das Etablissement zu ihrem eigenen Vorteil und zum Schaden der Werktätigen in ein öffentlich zugängliches Bistrot mit Remmidemmi verwandelt. Rozański liest das gesamte Aktenmaterial seinem Freund Szerucki vor, bei anhaltender Aufmerksamkeit und anhaltendem Interesse auf beiden Seiten, wie eine Reihe von Rückfragen und Korrekturen von Lesefehlern belegen: es muß zdjęty heißen und nicht ścięty, seines Postens enthoben und nicht an seinem Arbeitsplatz enthauptet.

Was die beiden an den behördlichen Schriftsätzen fesselt, wird nicht offenbart. Nach Abschluß der Lektüre bringt Rozański die Mappe an den Fundort zurück, Szerucki, der Narrator, unterzieht sich, wie es scheint, einem Reinigungsritual. Poszedlem do strumienia, ich ging zum Fluß und tauchte den Kopf ins Wasser. Mit offenen Augen betrachtete ich das Unterwasserleben. Als ich den Kopf wieder aus dem Wasser zog, hinterließ er keine Spur. Es ist nicht einfach, im Wasser eine Spur zu hinterlassen. Man kann Bücher schreiben, auch unter Schmerzen, aber das ist noch nicht alles. - Hier sind wir offenbar nah an bei Stachuras Prosaideal, fern von den archivierenden Akten dem Fließwasser, dem Vorüberfließenden für einen Augenblick ein, sein Antlitz einzuprägen. Patrzysz na wodę, du schaust aufs Wasser, und ein neuer Gedanke kommt dir, und nach ihm zwanzig andere, łatwo można oszaleć, leicht ist es, den Verstand zu verlieren, in diesem abschließenden Fazit sind sich die beiden Dichter einig.

Mittwoch, 22. August 2018

Daheim

Der Mann aus Chéruy

Weder Sebalds Erzähler, Selysses, noch der Erzähler Stachuras - nennen wir ihn Szerucki, den Mann aus Chéruy, so wie er im Roman Cała jaskrawość heißt - empfängt uns in seinem Heim. Selysses enthält uns sein Heim vor, Szerucki hat keins. Einen Eisenbahnwaggon auf dem Abstellgleis, einen selbsterrichteten Unterstand am Fluß, eine im Frühjahr illegal genutzte Gartenlaube, die Unterkunft bei der alten Maria Potęgowa für die Zeit der Saisonarbeit, das wird man nicht als Heim bezeichnen. Gleich als wir Selysses kennenlernen, in Wien, scheint es, als würde er sich in die gleiche Richtung bewegen. Deutliche Spuren der Verwahrlosung waren nicht länger zu übersehen, er begann in einer aus England mitgebrachten Plastiktüte allerlei unnütze Dinge mit sich herumzuführen, die ihm immer unentbehrlicher wurden. Der Anblick des inwendig schon gänzlich in Fetzen aufgelösten Schuhwerks entsetzt ihn, es würgt ihm im Hals und die Augen trüben sich. - Er hat dann aber noch im letzten Augenblick, wie die Rede geht, die Kurve gekriegt. Auch weiterhin wird er auf seinen Reisen nicht in Eisenbahnwaggons oder Gartenlauben übernachten, sondern in Hotels und Pensionen, nicht immer den besten. Meistens wird er schlecht bedient, mit wenigen Ausnahmen nur. In der Goldenen Taube in Verona wird er empfangen wie ein Staatsgast, ohne daß der Grund dafür ersichtlich gewesen wäre. Die Nachtruhe wie auch das Frühstück am nächsten Morgen grenzten ans Wunderbare. Im Guesthouse Ithaca überwältigt ihn ein Himmelfahrtsgefühl, wortlos begleitete der Portier ihn über eine wunderbare Mahagonistiege – man hatte auf ihr gar nicht das Gefühl des Treppaufgehens, sondern schwebte gewissermaßen hinan – in die oberste Etage, wo er ihm ein geräumiges, nach hinten hinaus gelegenes Zimmer anwies.

Der Mann aus Chéruy muß Wonnen dieser Art nicht entbehren, er hat sogar ein Hotelerlebnis, das Verona und Ithaca gleichsam übergreift, Empfang, glückseliger Schlaf, wundersames Frühstück und Levitation. Für den tendenziell Obdachlosen und unter den kargen Bedingungen der Rzeczpospolita Ludowa, in diesen gigantischen Zeiten, wie Szerucki an anderer Stelle sagt, unter diesen Bedingungen also ist der Aufenthalt im Hotel ein großes Fest, Moje wielkie swiętowanie. Ein älterer Herr bat mich in den anheimelnd ausgestatteten Aufzug, unter anderem ausgezeichnet durch ein mit rotem Plüsch überzogenes Bänkchen. Die Stockwerke zogen anmutig vorbei, wie Berggipfel, die man nicht mühsam erklimmen muß, zu denen man gleichsam emporschwimmt, wie im Wasser, aber mit offenen Augen und ruhig atmend, oder wie zu den Wolken auffahrend, an den Haaren gezogen von einem Schlittenhundegespann, aber ganz sanft, man spürte nichts, still war es im Aufzug, niemand warf mit Messern. Dann öffnete der ältere Herr die Tür, wir sind schon im vierten Stock, proszę bardzo, die Ferien gehen weiter, jetzt auf dem Korridor, über den Teppich stapfe ich wie im Winter in warmen Stiefeln, im Sommer barfuß am Strand, ich lese die Zimmernummern, 133, 134, 135, das ist mein Zimmer, ich öffne die Tür zu meinem Zimmer, der Schlüssel paßt, einen Dietrich brauche ich nicht, was soll mir hier ein Dietrich, ich trete in das Zimmer und bin geblendet, ein Tisch, Stühle aus Metall, wunderbar und schön, zwei Sessel, man kann sich fallenlassen, ein Schrank, Fenster, Vorhänge, mit Schüren an den Seiten zum Auf- und Zuziehen, und die Betten, drei Betten, mein Gott, zu einem der Betten werde ich am Abend zurückkehren, jetzt aber heißt es sich waschen und dann zum Essen, zum Wasserkran also, zu den Wasserkränen besser gesagt, denn es sind zwei: einer mit einem roten Ring und einer mit einem blauen: warmes Wasser und kaltes Wasser, ich liebe den Wechsel, einmal warm, einmal kalt, einmal Sommer, einmal Winter und das Handtuch wie Frühling und Herbst zugleich. Nun aber zum Essen! Ich überprüfe noch einmal den Briefumschlag mit den Gutscheinen für Frühstück, Abendbrot und Mittagsmahl, ich eile jetzt zum Mittagstisch, denn dazu ist es die Zeit, zwischen dreizehn und vierzehn Uhr essen die Leute zu Mittag, so kommt es mir vor, und ich werde jetzt auch essen, denn für zwei Tage bin ich ein normaler Mensch und werde regelmäßig essen: Frühstück, Mittagsmahl, Abendbrot, und dann gehe ich schlafen, mein Gott, ich werde mir keine Schlafstelle bei Bekannten suchen, ich kehre zurück in dieses Zimmer, das für zwei Tage meins ist, vielleicht wähle ich das mittlere Bett aus, das Bett zwischen den Betten, und bedecke meinen armen, erschöpften Körper mit der Bettdecke, und gut wird es mir gehen, für mich jedenfalls ist das ein Dampfschiff, ein Hochzeitshaus, in dem Menschen gestorben sind, und auch meine Stirn wird langsam abkühlen, das Kissen wird kühl und frisch werden, die freundliche Zeit wird herrlich werden für mich. Am Morgen werfe ich die Decke zurück, ausgeschlafen wie eine Zieselmaus, ich gehe zum Fenster, ziehe an der Gardinenschnur, schaue auf Posen von der Höhe des vierten Stockwerkes, auf das gute, gastfreundliche Posen, dann zu den Wasserkränen, Wasser aus den Kränen, kalt und warm, Sommer und Winter, ich liebe diesen Wechsel, dann gehe ich hinunter zum Frühstück, später dann zum Mittagstisch, ich ertrinke im Frühstück, später dann im Mittagsmahl.

Ein normaler Aufenthalt im Hotel würde mancher sagen, für den Mann aus Chéruy ein Fest, ein Traum, so stellt er es dar, so erzählt es uns – ist es wirklich das, was er uns erzählt ?

Sonntag, 19. August 2018

Fake News

Kongo, Island, Litauen

Der Fiktion ist die Lüge ohnehin inhärent, wenn in einem fiktionalen Werk, einem Roman oder einer Erzählung, ein Lügner auftritt, steigt der Lügenpegel nicht. Was aber, wenn der Dichter lügt? Er, Conrad, habe ihn, Casement, wie er, der Dichter, einem ihm seltsamerweise wortwörtlich gegenwärtig gebliebenen Zitat aus dem Kongotagebuch entnehme, nur mit einem Stecken bewaffnet in die gewaltige Wildnis aufbrechen sehen &c. Kaum jemand sonst noch hat Conrads Kongotagebuch auf einem vergleichbaren Niveau verinnerlicht, wer sich aber die Mühe macht und nachschlägt, findet in dem Tagebuch nichts dergleichen. Möglicherweise kam es dem Dichter gerade darauf an, den naseweisen Pedanten und Kunstbanausen naszuführen und bloßzustellen. Vielleicht aber berichtet er auch nur von einer Gedächtnispathologie, es kommt ja vor, daß man sich haarfein an etwas erinnert, das es nicht gegeben hat. In einem funktionierenden Rechtsstaat wäre der Dichter wegen nicht erwiesener Schuld freizusprechen. Stachura neigt dazu, Sprachfetzen kunterbunt und wahllos den Völkern und Nationen zuzuordnen, ad rem, jak mowią w Islandii, élan vital, wie man in Klaipeda sagt. Hier ist die Lüge so offensichtlich, daß man schon nicht mehr von Lüge sprechen kann, sondern nur von Übermut. In Rechnung zu stellen ist allerdings das niedrige Niveau der Fremdsprachenkenntnis im Polen der sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, Russisch ausgenommen. Nicht auszuschließen ist daher, daß der eine oder die andere dem Dichter auf den Leim gegangen ist und seither ein falsches Bild vom Sprachverhalten der Isländer und Litauer mit sich trägt. Wiedrum aber ist auch zu unterstellen, daß selbst auf Island schon einmal das Wort ad rem gefallen ist, in Klaipeda das Wort élan vital. Vielleicht hat der Dichter auf seinen Reisen in Island einen überdurchschnittlichen Gebrauch der Floskel ad rem festgestellt, in Klaipeda einen überdurchschnittlichen Gebrauch der Floskel élan vital. Wie dem auch sei, in einem funktionierenden Rechtsstaat wäre das das Verfahren wegen erwiesener Geringfügigkeit der möglichen Schuld einzustellen.

Mittwoch, 15. August 2018

Prosa

Kto zna, niech powie

Verbunden untereinander durch die weit über die Landesgrenzen hinaus für ihren Extremismus bekannte Tiroler Trunksucht, verbreiteten sich diese teils kaum erst aus dem bürgerlichen Leben ausgeschiedenen, teils ganz und gar zerrütteten Tiroler Sandler, die durch die Bank einen Zug ins Philosophische, ja sogar ins Theologische hatten, über das Tagesgeschehen sowohl als über den Grund aller Dinge, wobei es regelmäßig gerade denjenigen, die besonders lauthals das Wort ergriffen, mitten im Satz die Rede verschlug oder aber sie winkten voller Verachtung ab, weil sie den Gedanken, den sie gerade noch im Kopf gehabt hatten, nicht mehr in Worte fassen konnten. – Scherz Satire, Ironie und obendrein auch tiefere Bedeutung. Nicht nur, daß Sandler und Literaten zu nicht geringem Teil Brüder im Trunk sind, Slawen und Kelten vorneweg, Joyce, Beckett, O’Brien, drei whyskeytreue Großmeister der Prosa, andere noch wären zu nennen, zu schweigen von Brendan Behan, der sich selbst als drinker with a writing problem gesehen hat. Aber darum soll es gar nicht gehen, sondern einmal um das Nebeneinander und den Wechsel von Philosophischem, ja Theologischem auf der einen und Tagesgeschehen auf der anderen Seite und sodann um das Abwinken mitten in der Rede. Calej prawdy nie znam, kto zna, niech powie, die volle Wahrheit kenne ich nicht, wer sie kennt, soll es sagen und sie verkünden. Dieser Satz könnte in Stachuras Erzählungen als festes Scharnier dienen beim immer wieder stattfindenden Wechsel vom grellen Licht der Wahrheit zur Sauerkrautherstellung oder zum Holzfällen oder ähnlichen Dingen, von der Philosophie zum Tagesgeschehen und dann wieder zurück vom Tagesgeschehen zur Philosophie. Wichtig ist, daß kein Gefälle besteht zwischen Philosophie und Sauerkraut, Prosa darf sich am vermeintlich Höherwertigen nicht festbeißen, es muß ihr notfalls mitten im Satz die Rede verschlagen, sie muß abwinken, wenn auch nicht voller Verachtung. Die Schwindel.Gefühle sind bestimmt vom Rhythmus des Ankommens, Abreisens, Gehens, Stehenbleibens und Weitergehens.

Montag, 13. August 2018

Alleen

Warszawa Centralna

Szedłem ulicą szeroką, ich ging eine breite Straße entlang, oder, besser gesagt, ich ging auf einem breiten Trottoir, ungefähr fünf Meter breit, zwischen wohlgepflegten Alleebäumen, die daneben verlaufende Straße war fünfmal so breit. – Diesen Eingangssatz der Erzählung Nie zlęknę się, Ich fürchte mich nicht, verwendet Stachura wortwörtlich ein zweites Mal in der Erzählung Pragnienie, Durst. In Nie zlęknę się fährt er fort: Denn ich war in einer großen Stadt. Einer sehr großen. Ich war, kurz gesagt, in der sogenannten Hauptstadt. – In Warschau also. Für Nie zlęknę się ist der Auftritt der breiten Straße im Text damit beendet. In Pragnienie ist der Erzähler unterwegs zum Bahnhof, Warszawa Centralna vermutlich, nach seiner Einschätzung der einzige Ort in der sehr großen Stadt, wo es um diese Zeit, kurz vor Mitternacht, noch Bier zu kaufen gibt, um den Durst zu löschen. Unterwegs zum Bahnhof, das erlaubt die Annahme, bei der sehr breiten Straße handele es sich um die Aleje Jerozolimskie, die Jerusalemer Alleen, die während der sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zumindest in einigen Abschnitten der Beschreibung durchaus entsprachen. Der Name der Straße erinnert an die jüdische Siedlung Neujerusalem, die im 18. Jahrhundert außerhalb des damaligen Warschauer Stadtgebietes errichtet wurde. Mit dem Satz von dem breiten, von Alleebäumen gesäumten Trottoir und der um ein Mehrfaches breiteren Straße entledigt sich der Dichter eines Faszinosums, daß auf den Leser überspringt, ohne daß er sagen könnte, worin es besteht. Das Faszinosum der Großstadt ist es nicht, wenige Tage zuvor war der Erzähler noch in einer Kleinstadt gewesen, da gingen die Leute mit den Hühnern schafen, und die Katzen liefen guten Gewissens auf der Straße herum. In diesen Verhältnissen fühlt er sich wohl, oft verweilt er in noch kleineren Ortschaften oder gar als Eremit in einer Gartenlaube, Koniec miesiąca marzec, oder einsam in einer Art Tipi am Fluß, Jasny pobyt nadrzeczny.

In der ersten Erzählung werden keine Passanten oder Fahrzeuge erwähnt, die große Straße scheint so leer wie die Straßen in Manchester. Ludzi spacerorało sporo heißt es dagegen in Pragnienie, viele Leute waren unterwegs, obwohl es schon sehr spät und die Sonne seit langem untergegangen war. Auf beiden Seiten ergingen sich die Menschen, zu zweit, zu dritt, auch in größeren Gruppen, die Männer außen, die lachenden Frauen in der Mitte. Man stellt sich vor, der einsame Erzähler ist von der Weichsel herkommend unterwegs zum Bahnhof, alle anderen bewegen sich vom Bahnhof her zur Weichsel. Die große Straße in der Mitte zwischen den Gehwegen ist offenbar unbefahren, das war wohl von der Realität in den frühen sechziger Jahren nicht allzu weit entfernt. Einsam auf einer belebten Straße, Leere und Fülle zugleich im Schutz der Bäume, unbedrängt und doch geborgen in einer Menge. Irgendwo in diesem Geviert ist der Kern des Faszinosums verborgen.

Ci vediamo a Gerusalemme, do zobaczenia w Jerozolimie, Neujerusalem bei Warschau ist verschwunden, niemand spricht mehr von Manchester als dem Jerusalem der industriellen Neuzeit, zu welchem Himmlichen Jerusalem können die Alleen uns führen?

Freitag, 10. August 2018

Rorate

Ein neuer Tag

Der Lukas hatte ihn, wie er ihm gleich sagte, mehrfach aus dem Engelwirt heraustreten sehen, aber nicht gleich gewußt, wo er ihn hintun sollte. Natürlich sei es nicht das Kind gewesen, an das er sich erinnert habe, sondern der Großvater, der denselben Gang gehabt habe wie er und beim Herauskommen aus seiner Haustür geradeso zuerst stehengeblieben sei, um nach dem Wetter zu schauen. Der Blick nach oben, ein kurzes meteorologisches Morgengebet. Viele Kulturen und Religionen kennen das Morgengebet. Die Navajos erwecken und erneuern im Morgengebet, noch in der Dämmerung eines jeden Tages, die Harmonie im natürlichen Lebensfeld, man bedrängt die Götter nicht mit Bitten, sie haben alles gesagt, was zu sagen ist. Für fromme Juden ist das zeitaufwendige Morgengebet Schacharit unerläßlich. Die katholische Tradition, in der auch der auch der Großvater und sein Enkel stehen, verfügt mit dem Rorate über ein zweifellos wetterbezogenes Morgengebet: Rorate caeli desuper, et nubes pluant iustum, tauet Himmel von oben, ihr Wolken, regnet den Gerechten. Der wetterprüfende Blick nach oben, ein Rorate in nuce. Stachura seinerseits ist ein Gläubiger des heidnischen Morgengebets. Immer verfolgt ihn die Angst, daß der einzelne Tag nicht genug gewürdigt wird, daß eine Mehrzahl von Tagen zu einem einzigen Tag verschmilzt, Tage, die nicht zählen. Jeder neu beginnende Tag muß gefeiert werden, immer wieder taucht dieses Motiv auf, die Erzählung Roraty ist ihm ganz gewidmet und gibt uns ein Beispiel einer derartigen Morgenfeier. Die Feier besteht in nichts als einer sorgfältigen Aufmerksamkeit für den neu beginnenden Tag:

Stałem na progu, ich stand an der Schwelle und schaute nach Osten. Ein Hahnenschrei erschütterte die Luft jak histeria. In zwei Häusern ging gleichzeitig das Licht an. Stałem na progu, ich stand an der Schwelle, die Stille verschlug mir den Atem. Die Luft lichtete sich langsam, und das Sichtfeld nahm Gestalt an. Die Morgenkühle, chłód, erfaßte mich. Die Morgenkühle, sage ich, berührte mich und vielleicht ein wenig auch das ferne Rattern eines Zuges. Die Luft lichtete sich weiter, die Sterne verblichen, im Gras blinkten Tautropfen, rorate. Zum Tagesbeginn kann und muß man Milch trinken, Zeit sich auf den Weg zu machen. Auf dieser Seite des Planeten beginnt der Tag. In der Hand hielt ich einen Augenblick der Ewigkeit wie einen Sperling. So begann für mich der letzte Tag des Lebens, aus der Ewigkeit heraus. Eine erste Menschengestalt trat auf die Bildfläche. Die Ewigkeit, sage ich ein weiteres Mal, hielt ich in der Hand wie einen jungen Sperling, jakbym trzymał młodego wróbla, die bleichen Sterne zogen sich nach Westen zurück. Ich war nicht auf einem Feld, ich war in der Stadt. Ein makelloser Tag kündete sich an. Eine weitere Menschengestalt trat auf die Straße, eine weitere und eine dritte, zu dritt gingen sie mit schnellem Schritt dahin, mit den Armen rudernd. Und nun die Sonne, Helligkeit ergoß sich über das Blickfeld wie der Nil. Ich trat auf den Markt, atmete tief. Rundherum begann das menschliche Leben, und ich fehlte nicht, mnie tu nie brakowało, ich war dabei.  

Das ist ein Rorategebet Stachuras, ausgedehnt wie das Morgengebet der Juden, hier in extremer, eigentlich unzulässiger Verkürzung vorgestellt. Jeden Tag ein anderes, spezielles, wenn auch immer ähnliches Gebet, je nach Aufenthalt städtisch oder ländlich gefärbt.

Samstag, 4. August 2018

Kurzum

Raum und Zeit

Zwei der vier langen Erzählungen sind recht kurz aber bei weiten nicht so kurz wie die Erzählung La cour de l’ancienne école im Band Campo Santo. Der Auftrag, zu dem Bild etwas Passendes zu schreiben, belastet den Dichter, und so ist er erleichtert, als auf unerklärliche Weise die fragliche Photographie eines Tages von seinem Schreibtisch verschwunden ist. Das Bild kommt dann aber zurück mit dem Antwortschreiben auf seinen Brief an Mme Aquavivas, dem er es versehentlich beigelegt hatte. Ja, abgebildet sei der Hof der alten Schule in Porto Vecchio, die sie als Kind selbst besucht hatte. Ohne Zutun des Dichters hatte das reisende Bild Raum und Zeit aufgerissen, den Weg nach Korsika und wieder zurück bewältigt und einen Blick zurück von der Gegenwart in die Vergangenheit eröffnet, als das Leben in Porto Vecchio noch ganz und gar vom verhängnisvollen Paludismus bestimmt war.

Ziel der ebenfalls nur anderthalb Seiten starken Erzählung W polu, Auf dem Feld ist dagegen die Eliminierung von Zeit und Raum. Es war Sommer, goldener Sommer, nicht genau die Mitte des Sommers, ein wenig mehr zum Ende hin. Wo mochte ich sein um diese Tages- und Jahreszeit. Ich war auf dem Feld. Ich sage nicht, wo ich gestern war, wo ich geschlafen habe. Ich sage nicht, ob ich hungrig bin, nicht, was ich suche und wohin ich gehe. Es war ein lebendiger Frieden und ein Frieden des Todes zugleich. Ich war also auf diesem Feld. Ich werde nicht sagen, wo ich gestern war oder vorgestern. Ich werde nicht über meine nähere und fernere Zukunft sprechen. Auch mit der Zukunft der Menschheit werde ich mich nicht näher beschäftigen. Ich war auf diesem goldenen Feld zu einer goldenen Zeit unter einem großen blauen Himmel. I koniec. Na tym kończę – und nun Schluß, damit schließe ich.

Eigentlich war für das angestrebte Ziel jedes Wort zuviel, aber der völlige Verzicht auf Worte ist in der Literatur nicht möglich. Nun aber, nachdem sie ihre Schuldigkeit getan haben, erweisen sich auch die gesagten und aufgeschriebenen Wörter als ephemer, werden unsichtbar und verschwinden. Ein Punkt im Raum, ein Augenblick in der Zeit wurden erweitert zur Ewigkeit, mit anderen Worten zum Nichts.

Mittwoch, 1. August 2018

Fließen, vergehen

Ganz und gar dunkel

In einer dieser steinernen Burgen wohnen, mit nichts beschäftigt als dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit. Der Zauber der Vorstellung besteht darin, daß der Erzähler als neutraler Betrachter sich ausgenommen fühlt vom Vergehen der Zeit, wie seinerzeit Ulysses auf Aeaea vernimmt Selysses auf Korsika das Angebot einer Aufnahme in den Kreis der Unsterblichen, und wie Odysseus schlägt er es aus und geht ins Museum anstatt in die steinerne Burg. Aus dem Museum wieder hervor tritt er als Stachuras Narrator in Płynięcie czasu, Fluß der Zeit. Das ist nicht der im Innenraum der Zeit ruhende, sie beobachtende, selbst nicht betroffene Unsterbliche, sondern der das Vergehen in sich tragende sterbliche Mensch. Immer wieder heißt es myślałem o płynięciu czasu, ich dachte nach über das Dahinfließen der Zeit. Ein Mensch schwimmt nicht nur mit im Strom der Zeit, mit Hilfe der Erinnerung kann er zurücksteigen im Flußbett, mit seinen Erwartungen kann er vorauseilen aber nicht bis zur Mündung. Er ist jetzt zweiundzwanzig Jahre alt, wenn er vorausdenkt bis zum dreißigsten Lebensjahr wird es trüber und trüber und schließlich ist da nur noch ein undurchdringlicher schwarzer Dunst, tylko czarne, powietrze nie przebyte. Er denkt zurück bis zu seinem elften, seinem vierten Lebensjahr, er denkt fünfundzwanzig Jahre zurück, da war er noch nicht im Strom der Zeit, genausowenig wie vor tausend Jahren. Unvorstellbar, niederschmetternd, aber vielleicht hat schon immer jemand von ihm geträumt. Das ist ein tröstlicher Gedanke, und welch großes Glück ist es, daß man sich nicht wirklich Rechenschaft geben kann über den Verlauf der Zeit.

Nun ist es nicht so, daß er den ganzen Tag nur dasäße und nachdächte über das Vergehen der Zeit, der Tag und das Leben nehmen ihren gewohnten Gang mit den gewohnten Etappen. Erwachen in dem als Behelfsunterkunft dienenden abgestellten Eisenbahnwaggon, Körperpflege wie eben möglich unter diesen Umständen, Fahrt zur Arbeitsstelle im völlig überfüllten Bus, ein Martyrium, tätig als Bauhilfsarbeiter, sich behaupten gegenüber den anderen, um nicht als Dämlack und Opfer, potyrcze, dazustehen, Rückkehr zum Eisenbahnwaggon, zahllose Sekunden und Minuten sind unterdessen lautlos, bez plusku, verflossen, ein ganzer Tag ist spurlos dahingegangen, nun ist es schon ganz und gar dunkel, ciemno jest już zupełnie, wie am Ende der Zeit. Fiant tenebrae.