Mittwoch, 30. November 2011

Wunderliche Zeit

Einfach im Gras zu liegen, das gehört in besseren Zeiten zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Er genießt dann, wenn beispielsweise, wie in Prag einmal, ein ziemlich vornehmer Herr, mit dem bisweilen amtlich zu tun hat, zweispännig an ihm vorbeifährt, die Freuden (allerdings, wie er selbst schreibt, nur die Freuden) der Deklassiertheit. Eine wunderliche Zeit, denkt er in solchen Augenblicken, so eine wunderliche Zeit habe ich gebraucht, in der ich stundenlang auf einer Weinbergmauer liege und in die Regenwolken starre, die nicht weg wollen von hier oder in die weiten Felder, die noch weiter werden, wenn man einen Regenbogen in den Augen hat, oder wo ich im Garten sitze und den Kindern (besonders einer kleinen sechsjährigen, die Frauen sagen, sie sei herzig) Märlein erzähle oder Sandburgen baue oder Verstecken spiele oder Tische schnitze, die – Gott sei mein Zeuge – niemals gut geraten. Eine wahrhaft wunderliche Zeit. Mehr als vielleicht einmal im Jahr aber will sich auch dieses bescheidene Glück nicht einstellen.

Dienstag, 29. November 2011

Kommentar Spätsommerschatten


Die Erzählung hat einen geistlichen ersten und einen weltlichen zweiten Teil. Die in den Kapellen bewahrte christliche Metaphysik ist auf ihr Grundgerüst reduziert, Darstellung kreatürlichen Leidens und Verheißung von Stille und Frieden. Diesen uns bestimmenden Dualismus wird kaum jemand, gleich welcher Denomination, von der Hand weisen. Er ergibt sich nicht aus einer Belehrung des Großvaters, sondern aus der Rückerinnerung eigenen Erlebens. Der Großvater aber singt auf den Wanderungen das Hohe Lied von Feld und Ackererde in einer derart hymnischen und schwärmerischen Weise, daß der eingangs festgestellte Dual von geistlich und weltlich letztlich hinfällig wird. Wenn die Erde wehmütig ist und sich der Kuh entgegenhebt, so sind das deutlich pantheistische Anklänge. Wie sich diese in der Kindheit gewonnene spannungsreiche Grundlage aus Kapelle und Ackerland als ausgearbeitetes philosophisches System darstellen würde, ist schwer abzuschätzen, eingesponnen in Prosadichtung bleibt sie unauffällig.
Spätsommerschatten

Montag, 28. November 2011

Spätsommerschatten

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Die Krummenbacher Kapelle ist so klein, daß mehr als ein Dutzend auf einmal gewiß nicht ihren Gottesdienst verrichten oder ihre Andacht üben konnten. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich als Kind mit dem Großvater, der mich überallhin mitgenommen hat, jemals in der Krummenbacher Kapelle gewesen bin. Aber Kapellen wie die von Krummenbach gab es zahlreiche in unserer Gegend, und vieles von dem, was ich damals von ihnen gesehen und gespürt habe, wird in mir geblieben sein, die Angst vor den dort abgebildeten Grausamkeiten nicht weniger als in seiner Unerfüllbarkeit der Wunsch nach einer Wiederholung der in ihrem Inneren herrschenden vollkommenen Stille. Der Großvater war kein Landwirt, stand aber in vielerlei Hinsicht und vor allem, was die Liebe zu Feld und Land anbelangt, den Bauern nicht nach. Wenn er zur Haustür hinauskam, blieb er immer zunächst stehen, um nach dem Wetter zu schauen. Das ganze Jahr über ging ich mit ihm durch die Felder, und wenn es Herbst war, machte er mich darauf aufmerksam, wie ganz braun und wehmütig sie jetzt dastanden mit den verlassenen Pflügen, und wie die doch silbrig aufleuchteten, wenn dann trotz allem die späte Sonne kam und unsere langen Schatten auf die Furchen warf. Hast Du schon bemerkt, rief der Großvater, wie Spätsommerschatten auf durchwühlter dunkler Erde tanzen, wie körperhaft sie tanzen. Hast Du schon bemerkt, wie die Erde sich entgegenhebt der fressenden Kuh, wie zutraulich sie sich entgegenhebt. Hast Du schon bemerkt, wie schwere fette Ackererde unter den allzu feinen Fingern zerbröckelt, wie feierlich sie zerbröckelt. In diesen frühen Wanderungen und Gesprächen mit dem Großvater erhielt mein Weltbild eine Ausrichtung, die bis zum heutigen Tag noch wirkt.

Kommentar Mestiere

Wer eine Wand zu weißen versteht, beherrscht damit noch nicht das Handwerk des Malers, wer die Seite eines Tagebuchs füllt mit gelenken Sätzen und dabei die Stimmung des Erinnerten einfängt, ist noch kein Dichter. Hier erörtern zwei Meister die Zwiespältigkeiten ihres Fachs, man weiß nicht, ob man durch das Schreiben klüger oder verrückter wird. Wie auch in den anderen Handwerken kann die Lösung einer Schwierigkeit oft verblüffend einfach sein, hier beruht sie auf zwei erschrecklichen Holzspitzen des Schreibtisches. Die Wissenschaft wird sich mit der stilbestimmenden Wirkung des Schreibtisches nicht zufrieden geben und weiter unbeirrt nach anderen Quellen suchen, so wie sie ja auch Sebalds Versicherung, er habe das Schreiben von seinen Hunden gelernt, nicht mit dem gebührenden Ernst begegnet. Ein Allheilmittel gegen alle Schwierigkeiten und Tücken des Schreibens ist der Tisch naturgemäß nicht.
Il mestiere di scrivere

Sonntag, 27. November 2011

Il mestiere di scrivere

Tage- und wochenlang zermartert man sich vergebens den Kopf, wüßte nicht, wenn man danach befragt würde, ob man weiterschreibt aus Gewohnheit oder aus Geltungssucht, oder weil an nichts anderes gelernt hat, aus Wahrheitsliebe, aus Verzweiflung oder Empörung, ebensowenig wie man zu sagen wüßte, ob man durch das Schreiben klüger oder verrückter wird. Vielleicht verliert ein jeder von uns den Überblick genau in dem gleichen Maß, in dem er fortbaut am eigenen Werk, und vielleicht neigen wir aus diesem Grund dazu, die zunehmende Komplexität unserer Geisteskonstruktionen zu verwechseln mit einem Fortschritt an Erkenntnis, während wir zugleich schon ahnen, daß wir die Unwägbarkeiten, die in Wahrheit unsere Laufbahn bestimmen, nie werden begreifen können. Allerdings, fügte er nach einer kurzen Pause mit einem Lachen hinzu, habe ich in meinem Schreibtisch einen ebenso guten wie strengen Freund. Du kennst ihn, hast ihn aber wohl noch nie genauer angeschaut, warum solltest Du auch. Das ist nämlich ein gutbürgerlicher Schreibtisch, der erziehen soll. Der hat dort, wo gewöhnlich die Knie des Schreibers sind, zwei erschreckliche Holzspitzen. Und nun gib acht. Wenn man sich ruhig setzt, vorsichtig, und etwas gut Bürgerliches schreibt, dann ist einem wohl. Aber wehe, wenn man sich aufregt und der Körper nur ein wenig bebt, dann hat man unausweichlich die Spitzen in den Knien und wie das schmerzt. Und was will das bedeuten: Schreibe nichts Aufgeregtes und laß deinen Körper nicht zittern dabei. Der Schreibtisch hat meinen Stil zweifellos stärker beeinflußt als irgend jemand sonst.

Samstag, 26. November 2011

Kommentar Witwe

Lederriemenartig, das ist sicher nicht galant, aber man glaubt, den Typus zu kennen. Immerhin wird die Witwe im weiteren Verlauf dann als zart dargestellt. Ihre ganze Erscheinung und ihr ganzes Wesen scheinen nur auf ein Ziel abgestimmt, das Reisen. Allerdings erfahren wir weniger von ihr, als wir erfahren könnten, wenn Selysses nicht so unaufmerksam und abgelenkt wäre. Bestimmt klärt sich in den Plaudereien und Gesprächen, warum sie jetzt in ihre Heimatstadt reist, was sie dort vorhat und wie lange sie zu bleiben gedenkt, bevor sie wieder aufbricht zu neuen fernen Zielen. Selysses aber hört nicht hin und renkt sich lieber beim Blick hinauf in die Kuppel des Bahnhofs fast den Hals aus. Man kann sich das gut als Filmszene vorstellen, alles plaudert und einer schaut starr nach oben. Den Hals renkt er sich zwar nicht aus, scheint aber in eine halluzinatorische Trance zu verfallen, die winkenden Taschentücher werden zu einer Taubenschar, der Zug scheint zu versinken, kaum daß er aus dem Bahnhof hinausgerollt ist.

Schwedische Witwe

Freitag, 25. November 2011

Schwedische Witwe

Heute haben wir, in größerer Anzahl, die schwedische Witwe, ein lederriemenartiges Geschöpf, zum Bahnhof gebracht. Ich kenne sie kaum, habe mich auch um das Geplauder wenig gekümmert, lieber um mich geschaut und bin meinen Gedanken nachgehangen. Das einst weit über Prag hinaus berühmte Jugendstilbauwerk des Bahnhofs ist 1919 zum Andenken an den freiheitsliebenden amerikanischen Präsidenten Wilson eingeweiht worden. Von einer Art Mezzanin kann man emporblicken in den mächtigen Kuppeldom. Entlang dem Halbrund des Kuppelsaums verläuft eine Galerie, auf der Kaffeehaustischchen aufgestellt sind. Dort sind wir, nachdem die Witwe ihre Fahrkarte gekauft hatte, bis zur Abfahrt des Zuges noch eine halbe Stunde gesessen. Ich habe mir beinahe den Hals ausgerenkt, weil ich die Augen nicht abwenden wollte von der über uns ungeheuer weit sich hinaufwölbenden Kuppel. Später, auf dem Bahnsteig, war ich kaum weniger gefesselt vom Anblick des aus Dreiecken, Kreisbögen, waag- und senkrechten Linien und Diagonalen sich zusammenfügenden Musters der im Halblicht nur unscharf erkennbaren Glas- und Stahlüberdachung. Die Witwe trug über ihrer gewöhnlichen Kleidung nur ein graues Jäckchen und zudem ein graues Hütchen mit kleinem Schleier. In dieser Umrahmung wird ihr braunes Gesicht sehr zart, über den Eindruck regelmäßiger Gesichter entscheidet nur Entfernung und Einhüllung. Ihr Gepäck ist ein kleiner Rucksack, viel mehr als ein Nachthemd ist nicht darin. Sie reist unaufhörlich, kam aus Ägypten. Jetzt trat sie eine Reise an, die sie für eine kurze Weile an ihren Heimatort, die Hafenstadt Umea, weit im Norden, fast schon am Polarkreis, tragen sollte. Weiter vorn am Zug winkten zurückbleibende Eltern mit weißen Taschentüchern, gleich einer auffliegenden Taubenschar, ihren Kindern nach, die, begleitet von ihren Lehrern, zu einer Klassenfahrt aufbrachen. Ich hatte den seltsamen Eindruck, daß der Zug, nachdem er unendlich langsam angerückt war, nicht eigentlich weggefahren, sondern bloß, in einer Art Täuschungsmanöver, ein Stück aus der überglasten Halle herausgerollt und dort, noch nicht einmal in halber Ferne, versunken sei. Man sie dann aber noch das ein und andere Mal, wie er durch einen Korridor zwischen mehrstöckigen Wohnhäusern hindurchfuhr, dann in den schwarzen die Neustadt unterquerenden Tunnel hinein um schließlich über die Moldau hinweg tatsächlich zu verschwinden.

Kommentar Hütte im Regen

Mit dem Bewohner der Hütte sind wir bereits bekannt. Noch immer plagt ihn der gleiche obsessive Wunsch nach der entgültigen Vernichtung des benachbarten Schlosses, aus dem er ausgezogen ist. Es scheint jetzt klar, daß das Schloß gänzlich verlassen ist, aber wir erfahren das nur aus seinem Munde, und der ist nachweislich unzuverlässig. Vom Schloß vermittelt er uns den unhaltbaren Eindruck, es sei ganz aus Holz gebaut, repräsentative Gebäude wie Schlösser, Rathäuser, Philharmonien oder Sanatorien pflegen aber nicht in der reinen Holzbauweise errichtet zu werden. Es fehlen ihm aber für seine Vernichtungsphantasien die auf das Gestein spezialisierten Klopfkäfer und Totenuhren, die neben dem Häufchen puderfeines, blütenstaubähnliches Holzmehl einen ähnlichen, nur wesentlich größeren Haufen aus Steinmehl aufwerfen könnten. Wegen des augenblicklichen Regenwetters muß der Augenblick des Untergangs ohnehin verschoben werden, der Staubhaufen würde sogleich zerfließen in den Wasserlachen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, die baldige Rückbesinnung ist gewiß. Für den Augenblick aber läßt ihn das Regenwetter seinen Groll vergessen. Faszinierend die Bewegung der Tropfen, seine Augen folgen einem alten Mann, der in die nasse Wiese hineinläuft und er freut sich schon auf die Regenmusik in der Nacht. Am Morgen, wenn er aus der Hütte tritt, wird der Boden weich unter den Füßen sein, staubtrockenes Wetter aber ist schon angesagt.
Hütte im Regen

Donnerstag, 24. November 2011

Hütte im Regen

Das gesamte Aktenmaterial ist in der Zwischenzeit wahrscheinlich längst von den Mäusen zerfressen worden, die von der Narrenburg nach ihrer Auflassung Besitz ergriffen und sich seither dort drinnen bis ins Ungeahnte vermehrt haben. Jedenfalls höre ich in den windstillen Nächten ein ständiges Huschen und Rascheln durch das ausgetrocknete Gehäuse gehen, und bisweilen, wenn der volle Mond hinter den Bäumen heraufkommt, erhebt sich auch, wie mich dünkt, ein aus Tausenden von winzigen Kehlen gepreßter pathetischer Gesang. Eine besonders begnadete Mäusesolistin des Gesangs glaube ich herauszuhören, ich habe sie Josephine genannt. Dem Mäusevolk gilt heute meine Hoffnung, und sie gilt den Holzbohrern, den Klopfkäfern und Totenuhren, die das ächzend an einigen Stellen schon nachgebende Schloß über kurz oder lang zum Einsturz bringen werden. Es wird mit unendlicher Langsamkeit geschehen, und eine große gelbliche Wolke wird aufsteigen und verwehen, und an der Stelle des ehemaligen Schlosses bleibt nichts als ein Häufchen puderfeines, blütenstaubähnliches Holzmehl. Heute ist noch nicht der Tag. Es ist ein Regentag, ich liege im Bett und das laue Klopfen des Regens auf das Dach ist so, als gienge es gegen die eigene Brust. Auf der Kante des vorspringenden Daches erscheinen die Tropfen mechanisch wie Lichter, die eine Straßenzeile entlang angezündet werden. Dann fallen sie. Wie ein wildes Tier jagt plötzlich ein Greis über die Wiese und nimmt ein Regenbad. Nachts schlagen die Tropfen an , als säße man in einem Violinkasten. Am Morgen dann das Laufen, die weiche Erde unter sich.

Mittwoch, 23. November 2011

Kommentar Hütte beim Schloß

Ein Mensch beobachtet von einer benachbarten Hütte aus den Verfall eines Schlosses und sehnt offenbar dssen endgültigen Einsturz herbei. Zuvor war er, so muß man annehmen, selbst ein Bewohner des Schlosses. Ob es sich bei den Insassen der anderen Hütten ebenfalls um ehemalige Schloßbewohner handelt, ist nicht klar. Obwohl man es annimmt, ist auch nicht sicher, daß das Schloß unbewohnt ist, sein ruinöser Zustand mag in den Augen des Beobachters schlimmer erscheinen, als er ist. Während der Beobachter sehnsüchtig auf das letzte Schaben des Kieferrands eines Käfers wartet, der den Palast zum Einsturz bringt, muß er sich eingestehen, daß auch in seiner Hütte, wie man sagt, der Wurm darin ist. Nichts ist an seinem Platz, nicht die dringend benötigten Zündhölzer, nicht die Schuhe und das Reisetintenfaß und ein naßgemachter Waschlappen liegen auf dem Bett. Er sieht in der Unordnung die Strafe für einer ungenannten Schuld, offenbar das Ergebnis einer Paranoia, es sei denn er bezieht die Schuld nicht allein auf die Unordnung in der Hütte, sondern auch auf den Verfall des Schlosses. Dann müßten wir in ihm wohl den Schloßherrn erkennen, hätten wir es mit einem grausigen Geheimnis im Sinne des Gothic Novel zu tun, vielleicht aber ständen wir auch vor Kafkas Schloß in einer späten Phase seiner Geschichte, die wir so noch nicht kannten.
Hütte beim Schloß

Dienstag, 22. November 2011

Hütte beim Schloß

Ich sehe das Schloß auf seinem erhobenen Platz, sehe alles zugleich, das Gebäude in seiner Gesamtheit sowohl als jede kleinste Einzelheit, und ich weiß, daß das Fachwerk, das Dachstuhlgebälk, der Türstock und die Paneele, die Böden, Dielen und Stiegen, die Geländer und Balustraden, die Rahmungen und Gesimse unter der Oberfläche restlos bereits ausgehöhlt sind und daß jeden Augenblick, wenn der aus der blinden Heerschar der Käfer auserwählte mit einem letzten Schaben seines Kieferrands den letzten, schon gar nicht mehr materiellen Widerstand durchbricht, alles in sich zusammensinken wird. Selbst wohne ich schon die längste Zeit, wie viele andere auch, in einer der Hütten in gehöriger Entfernung vom Hautgebäude. Wenn ich abends in meine Hütte komme, finde ich die Streichhölzer nicht, borge sie mir in der Nachbarhütte aus und leuchte unter den Tisch, ob sie nicht vielleicht heruntergefallen wären. Dort sind sie nicht, dagegen steht dort das Wasserglas. Allmählich zeigt sich, daß die Sandalen hinter dem Wandspiegel, die Zündhölzchen auf einem Fensterbrett sind, der Handspiegel an einer vorspringenden Ecke hängt. Der Nachttopf steht auf dem Schrank, die Education sentimental ist im Kopfkissen, ein Kleiderhaken unter dem Leintuch, das Reisetintenfaß und ein naßgemachter Waschlappen im Bett. Alles zur Strafe, weil ich nicht ...

Kommentar Vergnügungspark

Es mag Selysses’, hier in Kafkas Gestalt, und dann auch geleitet von ihm, erste Freude sein, einfach im Gras zu liegen, er scheut aber auch die Rummelplätze nicht. Was ihn bedrückt und sich zu einer Ungeheuerlichkeit auswächst, ist die Begleitung, jede Art der Begleitung im Grunde. Er fühlt sich wohl nur unter Menschen, die er nicht kennt und die ihn nicht kennen, die er beobachten kann, ohne daß sie ihn ansehen. So wendet sich sein Blick ab von Lise, die sich auf dem Karussell vergnügt, und hin zu dem Bauern mit dem endgültigen Gesicht, eine Charakterisierung, die sofort und schlagend einleuchtet, wenn ihr Sinn auch ein wenig unscharf bleibt. Das schöne Bild der drei Frauen, die wie aufgereiht vor im stehen, und schließlich die kleinen Mädchen, die über glatte Bretter gleiten, ein glücklicher Tag.
Vergnügungspark

Montag, 21. November 2011

Vergnügungspark

Auf dem Weg in den Prater empfindet er die Begleitung der beiden Gefährten in zunehmendem Maße als eine Ungeheuerlichkeit, und auf dem Gondelteppich fühlt er sich bereits vollend als ihr Gefangener. Daß sie ihn wieder an Land bringen, ist ein geringer Trost. Ebensogut hätten sie ihn mit dem Ruder erschlagen können. Lise, die auch mit von der Partie ist, fährt jetzt auf einem Karussell einen Tag durch den Urwald. Lieber als ihr zuzuschauen betrachtet er den langen Bauern aus dem Burgenland, der sich hierher verirrt hat, etwas eingesunkene Brust, endgültiges Gesicht, Stulpenstiefel, Kleider wie aus Leder, wie umständlich er sich vom Pfosten des Totes ablöst. Drei Frauen stehen vor ihm, eine vor der andern, die mittlere dunkel und schön. Der Tanzboden, zweigeteilt, in der Mitte, abgeteilt von einem zweireihigen Verschlag, die Musikkapelle, vorläufig leer, kleine Mädchen lassen sich über die glatten Bretter gleiten.

Samstag, 19. November 2011

Schlanke Gestalt

Dosierungen des Selbst

Ein Photo im Band Saturn’s Moons zeigt Sebald im Kreise einer größeren Zahl von Seminarteilnehmern, für den ausschließlich an den in den Prosabücher allgegenwärtigen sebaldnahen Erzähler gewöhnten Leser ein befremdlicher Anblick: so kennt er Selysses nicht. Aus dessen eigenem Munde hat der Leser erfahren, daß es ihm von Jahr zu Jahr unmöglicher wird, sich unter ein Publikum zu begeben. Nun haben wir es auf dem Photo nicht gerade mit einem Publikum zu tun, aber doch mit einer größeren Menschengruppe, und auch so kennt man Selysses kaum. Oft ist er allein, nicht selten in einer eigens von seinem magischen Blick entvölkerten Welt, wir sehen ihn im Gespräch mit einem Partner oder selbdritt, selten in einer Gesellschaft, die hinausgeht über den russischen Dual, der bekanntlich bis zur Zahl Fünf reicht. Wenn Trupps in Regimentsstärke vorüberziehen, sind es zumeist die ruhelosen Toten in Wales oder auf Korsika.

Der Sebald auf dem Gruppenbild scheint ähnlich zu denken wie seine Leser. Einerseits dominiert er das Bild durch die zentrale Stellung im Vordergrund, durch die hochaufgeschossene Gestalt und die leuchtend helle Hose, andererseits aber schaut kein anderer der Photographierten so abwesend und nach innen gekehrt, mit einem Lächeln wohl das Gefühl überspielend, er sei in einer falschen Welt und sehne sich zurück in die Geborgenheit seiner Bücher.

In einem in diesen Tagen veröffentlichten Streitgespräch zwischen Derek Burke und Uwe Schütte geht es um Sebalds Position an der University of East England, und wieder erfaßt den Sebaldleser ein leichtes Gefühl der Befremdung. Zwar weiß er, daß Sebald im Hauptberuf Hochschullehrer war und als Dichter erst spät hervorgetreten ist, will es aber doch nicht recht glauben. Im Werk ist von seiner Professur nur selten und dann in kaschierter Form die Rede. Von den Kollegen Janine Rosalind Dakyns und Michael Parkinson wird zu Beginn der Ringe des Saturn recht ausführlich berichtet, auch ihre Arbeitsgebiete, Ramuz und Flaubert, werden vorgestellt, Selysses selbst bleibt in dieser Hinsicht abgeschattet, und der Leser ist es zufrieden.

Wie dem Beruf, so ergeht es auch der Familie des Dichters, sie bleibt weitgehend unsichtbar. Sebalds Frau tritt wohl nur zweimal, mit anderem Namen und jeweils nur kurz, als Frau des Selysses auf. Der scheint auch keine dauerhafte Wohnung und kein Arbeitszimmer zu haben. Seine Name wird nicht genannt, es gibt aber verschiedene Hinweise darauf, daß er häufig unter Verwendung des Alias Sebald unterwegs ist, als Beleg zu nennen wäre etwa das Ersatzdokument für den in Limone verlorenen Paß. In einem Hotel in Verona heißt er freilich Jakob Phillip Fallmerayer. Verschiedene Photos im Text, so undeutlich sie auch sein mögen, geben eine unverkennbare Ähnlichkeit des Wanderers mit Sebald zu erkennen, Photos, die eine Ähnlichkeit mit Fallmerayer bezeugen könnten, fehlen. Es ist wohl die schlagendste und schönste Koinzidenz in dem an Koinzidenzen reichen Werk ist, daß Selysses gerade so aussieht wie Sebald. Hätte Sebald die leicht adipöse Silhouette des Pyknikers Stendhal aufgewiesen, so würden die Leser damit kaum weniger Schwierigkeiten haben als Stendhal mit seinem realen Leben als tour ambulante, denn naturgemäß müßte Selysses die schlanke Gestalt und, zumindest im Groben, die Gesichtszüge des Sebalds behalten, den wir kennen.

Hält man sich an die traditionelle Eidesformel, so sagt Sebald in seinem dichterischen Werk über sich die Wahrheit, keineswegs aber die ganze Wahrheit und ebensowenig nichts als die Wahrheit. Die Verschlankung des realen Sebald zur Kunstfigur des Selysses hat ihren Grund dabei weniger in bürgerlicher Diskretion denn in ästhetischer Empfindlichkeit. Wie wichtig die richtige Dosierung beim Einsatz des Selysses für das Gelingen des jeweiligen Werkes ist, zeigt der deutlich unterdosierte Einsatz in Austerlitz. Selysses entwickelt in diesem Buch kaum Eigenleben, stellt keine eigenen Recherchen an, blättert in keinen Aufzeichnungen, spricht mit keinen Zeugen wie mit Mme Landau in Paul Bereyter oder der Tante Fini und dem Onkel Kasimir in Ambros Adelwarth. Die entsprechenden Aktivitäten nimmt Austerlitz selbst wahr, und Selysses ist nur der blasse Rezipient seiner Berichte bei teils zufälligen und teils anberaumten Treffen der beiden. Das gegenteilige Beispiel eines überdosierten Selysses, der die Erzählung durch seine Präsenz erdrücken würde, fehlt im Werk. In den perfekt ausgewogenen Ringen des Saturn füllt sich die gar nicht überladene und aufnahmefähige Gestalt des Wanderers mit allen Inhalten des Buches, trügen sie sich auch in China zu. Als ich von diesem Aussichtspunkt herabblickte, sah ich auch das Labyrinth selber, den hellen Sandboden, die scharf abgezirkelten Linien der mehr als mannshohen, fast schon nachtschwarzen Hecken, ein im Vergleich mit den Irrwegen, die ich zurückgelegt hatte, einfaches Muster, von dem ich mit absoluter Sicherheit wußte, daß er einen Querschnitt darstellte durch mein Gehirn. - Bei einem derart autornahen, aber sparsam ausgemalten Erzähler kann der Versuch nicht ausbleiben, das Fehlende aus dem wahren Leben zu ergänzen. Ästhetisch fruchtbar ist dieser Ansatz aber wohl nur, wenn er sozusagen rückwärts angewandt wird, zu besseren Konturierung dessen, was der Autor ausgespart und verworfen hat in seiner Zeichnung.

In dem bereits erwähnten Disput weist U. Schütte die Idee, Sebald habe nur vom Ausland aus über Deutschland schreiben können, schon aus dem Grund als falsch zurück, daß er über Deutschland kaum geschrieben habe. Er fügt hinzu: What would, of course, make much more sense were if Sebald had explained about his need to distance himself from a German-speaking environment in order to write in his native tongue - just as he did explain in so many interviews. Wenn er Abstand von einer Sprache brauchte, um in ihr zu schreiben, so ist im Umkehrschluß das leicht vorwurfsvolle Erstaunen vieler angelsächsischer Rezensenten fehlgeleitet, das Erstaunen darüber, daß Sebald nicht wie jeder gute Conrad oder Nabokow - und im Grunde jede vernünftige Person, sei sie jung oder alt, Mann oder Frau - in englischer Sprache geschrieben hat. Man wird dem entgegenhalten, nur von historisch kompromittierten Deutsch habe er den Abstand gebraucht, vom unbefleckten Englisch keineswegs, aber das ist, wie der Dichter sagt, ein weites Feld.

Der Abstand von der deutschen Sprache erlaubte es Sebald, sie nach seinen Vorstellungen zu lichten. Neologismen im Lexikon und in der Syntax sind nur bis zu einem bestimmten Stichtag zugelassen, Sebalds schauderndes Zurückschrecken vor dem deutsche Wort Handy ist bekannt. Auch auf die sprachlichen Läuterungen hin zu einer welterlösenden Gerechtigkeit hat er sich nicht eingelassen, die Zigeuner sind Zigeuner geblieben und die Neger Neger, nicht nur wenn er Conrad in die Vergangenheit und an den Lauf des Kongo folgt, sondern auch, wenn er ihnen im heimischen Allgäu, auf den amerikanischen Highways und in den Londoner U-Bahnschächten begegnet. Selysses bedarf dessen nicht, er wandert auch so durch einen Garten Eden der Sprache.
Der Gedanke, daß sich Sebalds Tod in diesen Wochen zum zehnten Mal jährt fällt als schwere Last auf seine Leser, eine Last aber, die in keiner Weise vergleichbar ist dem Schmerz derer, die ihn im Leben gekannt haben und jetzt im Leben vermissen. Für die Leser bleibt sein Tod im Grunde unwirklich, denn die schlanke Gestalt, die allein sie kennen, wandert unbeirrt weiter in den Büchern. Vielleicht, so denken sie, hat sich ja auch Sebald selbst vorsorglich immer mehr in seine Bücher begeben und so mit einem durchtriebenen Zaubertrick ein größeres Maß an Unsterblichkeit erreicht als kaum jemand vor ihm, vermittels einer Art schwindelhafter Schaustellerei sich und die Welt glauben gemacht, das arme Herz stünde noch in Flammen. I think all our philosophical systems, all our systems of creed are build in order to make some sort of sense, which there isn’t, as we all know. (Audience laughter)

Donnerstag, 17. November 2011

Kommentar Chassidim

Aber ich bin doch auch Jude, dieser Satz hat, folgt man Marthe Robert, in Kafkas Leben eine überragende Bedeutung gehabt. Dabei waren ihm die heruntergelebten Formen des Prager Westjuden verächtlich, verzaubert war er vom Leben der Ostjuden, ohne daß er freilich, das war ihm klar, an dieses Leben hätte teilen können oder wollen. Hier nun ruft er dieses Leben, das in der Wirklichkeit inzwischen unwiederbringlich verloren ist, im sprachlichen Bild vor unsere Augen. Der Tod eines Menschen, heißt es, ist das schlimmste, aber trifft uns das Verlöschen einer Lebensform, einer Sprache denn weniger hart, trifft es uns nicht härter noch, wenn wir erkennen, daß auch das, was uns überdauert, dem Untergang geweiht ist? Das Heimweh nach einem Land, in dem wir nie waren, bedrückt unser Herz.
Chassidim

Kommentar Im Gras

Eine einfache, leichte Geschichte, wie ein Halm im Wind, aber nicht ohne Reiz und Rätsel. Wer nur das Schloß gelesen hat, verfällt nicht ohne weiteres auf den Gedanken, tatenlos im Gras zu liegen, sei eine Lieblingsbeschäftigung Kafkas gewesen, aber wir haben davon schon gehört. Auch ahnen wir bereits, daß die sogenannten Anwendungen in der Wasserheilanstalt keine große Bedeutung für ihn gehabt haben. Wer aber ist der vermeintlich bekannte Unbekannte, der da auf ihn zustürmt, kann es Zufall sein, daß er K. heißt und Landvermesser ist, und was ist der Inhalt der vier Schriften – alles bedeutungsvoll, die Deutung aber gelingt nicht. Warum soll Selysses, mit dem er ansonsten hier im Schattenreich ein Herz und eine Seele ist, nichts erfahren, soll ihm etwas erspart bleiben, und wenn ja, was?
Im Gras

Mittwoch, 16. November 2011

Im Gras

Im Anschluß an diesen für ihn aufs äußerste deprimierenden Tag verbringt er drei Wochen in der Wasserheilanstalt in Riva, die er vor dem Einnachten noch per Dampfboot erreicht. Ein Hausdiener mit einem langen grünen Schurz, der hinten mit einem messingnen Kettchen zusammengehalten wird, führt ihn auf sein Zimmer, von dessen Balkon aus er auf den in vollendeter Ruhe in den in der einbrechenden Dunkelheit daliegenden See hinaussieht. Es ist nun alles blau in blau, und nichts scheint sich mehr zu bewegen. Morgen beginnt bereits die Anstaltsroutine, am nachmittag schon stiehlt er sich aber davon und liegt drunten am See im Gras, vor sich die Wellen im Schilf, zur Rechten die Landzunge. Einfach im Gras zu liegen, das gehört in seinen besseren Zeiten zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Er liegt also im Gras, da sieht er durch die Fenster eines benachbarten Gebäudes eine ihm irgendwie bekannt scheinende Gestalt - lang, schöner Körper, braungebrannt, spitzer Bart, glückliches Aussehn – von ihrem Studierplatz in die Ankleidehütte gehen. Er folgt dem Mann nichtsahnend mit den Augen, der aber kommt, statt auf seinen Platz zurückzukehren, auf ihn zu. Er schließt die Augen, der Herannahende stellt sich aber schon vor: K., Landvermesser, und gibt ihm vier Schriftchen als Sonntagslektüre. Im Weggehn spricht er noch von Perlen und vorwerfen, womit er andeuten will, daß er, der dort im Gras liegt, die Schriften dem Selysses nicht zeigen soll. Offenbar hat er sich daran gehalten, denn in Dr. K.s Badereise nach Riva wird von dieser Episode und den vier Schriften nicht berichtet.

Chassidim

Ich sehe, wie mir der Kinderlehrer im Cheder in einer Ortschaft in der Nähe von Grodno, den ich zwei Jahre schon besucht hatte, die Hand auf den Scheitel legt. Ich sehe einen Park mit kleinen Mädchen auf einer Bank, die sie als Mädchenbank gegen Jungen verteidigen. Viele polnische Juden, die Kinder rufen ihnen Itzig zu und wollen sich nach ihnen nicht gleich auf die Bank setzen. Ich sehe die jüdische Gastwirtschaft Nathan Eisellsberg mit hebräischer Aufschrift, ein verwahrlostes schloßartiges Gebäude mit großem Treppenaufbau, das aus den engen Gassen frei hervortritt. Ich sehe mich, wie ich hinter einem Juden hergehe, der aus der Wirtschaft kommt, und ihn anspreche. Immerfort schaut er auf meine Füße. Aber ich bin doch auch Jude. Ich sehe das ausgeräumte Zimmer. Ich sehe mich zuoberst auf dem Wägelchen sitzen, sehe die Kruppe des Pferdes, das weite, braune Land, die Gänse im Morast der Bauernhöfe mit ihren gereckten Hälsen und den Wartesaal des Bahnhofs von Grodno mit seinem freien im Raum stehenden, von einem Gitter umgebenen überheizten Ofen und den um ihm hergelagerten Auswandererfamilien.

Dienstag, 15. November 2011

Kommentar Eisenbahnhotel

Der Unterschied zwischen Tag und Nacht ist sprichwörtlich, fußend auf einem der großen Urerlebnisse, hier wirkt er sich in erstaunlicher Weise aus auf die Einschätzung eines Hotels, in dem Selysses untergekommen ist. Zwar hatte die Gestalt des Portiers vielleicht sogleich schon etwas Fragwürdiges, die wunderbare Mahagonistiege aber verhieß noch am Abend Luxus und luftige Höhe für den nächsten Tag, eine Verheißung, die das morgendliche Erwachen nicht überdauert. Es ist ein schlichtes Eisenbahnhotel, die Fenster sind, der Mahagonistiege zum Trotz, ebenerdig, gewähren keinen weiten Blick und geben stattdessen den Bewohner den neugierigen Blicken der Passanten dar. Den hält es denn auch nicht lange im Quartier, er wandert hinaus in die Stadt. Um welche Stadt es sich handelt, ist schwer zu erraten. Denkt man zunächst an ferne Länder, Amerika vielleicht sogar, deutet die Fachwerkbauweise, die Selysses, angeleitet von Kafka mit großer Sachkenntnis mustert, eher auf die nähere Heimat hin. Die Menschen hier zeichnen sich aus durch eine besonders schöne Art, in den Fenstern zu lehnen, wie immer man sich das vorstellen mag.

Montag, 14. November 2011

Eisenbahnhotel

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Es dauerte eine beträchtliche Zeit, bis aus dem Inneren des offenbar schon schlafenden Hauses ein greiser Portier herbeikam, der so stark vornübergebeugt ging, daß er mit Sicherheit nicht imstand war, von seinem Gegenüber mehr als die Beine und den Unterleib wahrzunehmen. Aufgrund seiner Behinderung hatte er, bereits vor er sich anschickte, die Halle zu durchqueren, den draußen vor der halbverglasten Türe wartenden späten Gast von unten herauf mit einem kurzen, aber um so durchdringenderen Blick ins Auge gefaßt. Wortlos begleitete er mich über eine wunderbare Mahagonistiege – man hatte auf ihr gar nicht das Gefühl des Treppaufgehens, sondern schwebte gewissermaßen hinan – in die oberste Etage, wo er mir ein geräumiges, nach hinten hinaus gelegenes Zimmer anwies. Ich stellte meine Tasche ab, öffnete eines der hohen Fenster und schaute mitten hinein in die stockfinstre, mondlose Nacht. Erst am nächsten Morgen sah ich, daß es ein Eisenbahnhotel war. Ungeachtet der Mahagonistiege wies das Zimmer wegen der Hanglage des Gebäudes auf ebener Erde zur Straße hin, mit einem Gärtchen davor. Wer wollte konnte mich im Zimmer alle meine Geschäfte nackt besorgen sehn. Nach dem Frühstück machte ich mich auf den Weg in die Stadt, eine ganz und gar alte Stadt. Der Fachwerkbau scheint die für die größte Dauer berechnete Bauart zu sein. Die Balken verbiegen sich überall, die Füllung sinkt ein und baucht sich aus, das Ganze bleibt und fällt höchstens mit der Zeit ein wenig zusammen und wird dadurch noch fester. So schön habe ich die Menschen in den Fenstern noch nie lehnen sehn. Meist sind auch die Mitteleisten der Fenster zugemacht. Man lehnt die Schulter an sie, Kinder drehn sich um sie. In einem tiefen Flur sitzen auf den ersten Stufen starke Mädchen, in ihren Sonntagskleidern ausgebreitet.

Kommentar Selbdritt

Gäbe es, wie beim Film, einen Oscar für die Nebenrollen in Sebalds Werk, würden vermutlich als erste die Empfangsdamen - die auch männlich sein können - und dann die Mitreisenden ausgezeichnet, Menschen, die für einen Augenblick nur in das Leben des Wanderers treten, aber in großer räumlicher Nähe, mit dem Merkmal des Unausweichlichen, fast schon der Vorherbestimmung, und die dementsprechend einen, wenn nicht tiefen, so doch prägnanten Eindruck hinterlassen. Bei Kafka dringen diese Leute kaum ins Werk vor, streben in den Reisetagebüchern aber fast schon nach der Hauptrolle. Dabei bleibt Kafka in der Position des distanzierten Betrachters, während für Selysses unter der Leitung Sebalds immer ein Spiel von Anziehung oder Zurückschrecken beginnt. Zu einer Bekanntschaft kommt es aber so gut wie nie, auch bei der Winterkönigin, im Zug rheinabwärts nach Bonn, ist er, so sehr es ihn später auch reut, nur dumm und stumm dagestanden. Hier nun reist er selbdritt nach Deauville. Von der zigarrerauchenden Dame ist Selysses sicher nicht im üblichen Sinne attrahiert, vermag sich ihrer Präsenz aber nicht entziehen und muß sie still leidend erdulden. Als er dann - die gefiederte Dame ist ausgestiegen, der Qualm hat sich verzogen - dem älteren ihm gegenüber Fräulein seine Aufmerksamkeit zuwenden kann, ist es fast eine Beruhigung, daß sie das Gesicht mit der Zeitung verdeckt und so die Last des Miteinanders weiter mildert. Als er ihr später im offenen Areal der Stadt ein weiteres Mal begegnet, vermag sie sein Sinnen über den allgemeinen Niedergang nicht weiter zu stören oder zu beeinflussen.

Selbdritt

Sonntag, 13. November 2011

Selbdritt

Aus dem Schattenreich
In meinem Abteil saß eine gefiederte Dame mit einer Menge verschiedener Hutschachteln. Sie rauchte eine große Brasilzigarre und sah durch den blauen Qualm manchmal auffordernd zu mir herüber. Ich wußte aber nicht, wie ich sie ansprechen sollte, und starrte in meiner Verlegenheit fortwährend auf die weißen Glacéhandschuhe mit den vielen Knöpfen, die neben ihr auf dem Sitzpolster lagen. Daß wir zu dritt waren im Coupé war mir wohl bewußt, recht gewahr wurde ich des älteren mir schräg gegenüber Fräuleins aber erst, als die rauchausstoßende Domina einige Stationen vor meinem Zielort aus dem Zug ausgestiegen war. Dunkle Haut, schöne Rundungen an Kinn und Wangen. Wie sich die Nähte der Strümpfe um ihre Beine drehten, sie hatte das Gesicht mit einer Zeitung verdeckt und ich sah die Beine an. Auch sie steigt in Deauville aus, nachdem sie einen großen alten Hut angezogen hatte. Ich sah sie später einmal, als ich durch die hoffnungslos heruntergekommene Stadt schlenderte, ruiniert vom Autoverkehr, wie sie ist, vom Boutiquenkommerz und der auf jede Weise und immer weiter um sich greifenden Zerstörungssucht.

Samstag, 12. November 2011

Kommentar Museumspersonal

Immer wieder trifft Selysses an Hotelrezeptionen aber auch in den Kassenräumen der Museen auf Menschen, die aufgrund eines körperlichen Gebrechens oder aber wegen einer momentan angenommenen Haltung kaum wahrnehmbar sind. Im Napoleonmuseum ist es die eingenommene bequeme Lage auf dem zurückgekippten Bürosessel, die die Kassiererin hinter dem Tresen verschwinden läßt. Nur eine kurze Zeit vorher war er im Schillerhaus in Weimar von einer verwachsenen Frau empfangen worden. Ob ihr Leiden dem des Portiers im Gästehaus in Ithaka glich, der so stark vornübergebeugt ging, daß er mit Sicherheit nicht imstand war, von seinem Gegenüber mehr als die Beine und den Unterleib wahrzunehmen vermochte, während er selbst hinter jedem Möbelstück verschwinden konnte, wird nicht berichtet. Ein auch nur mäßig zerdehnter Augenblick tritt unter Kafkas Führung nicht ein, zügig richtet sich der Blick auf die Exponate. Die gute Anlage der Schriftstellerwohnung erweckt womöglich für die Dauer eines Wimpernschlags den Neid des Betrachters. Ein Wartezimmer, in dem die Besucher anstehen, um dann einzeln ins Empfangszimmer gelassen zu werden, das wäre etwas. Sogleich aber graust ihm schon vor dieser Idee.
Museumspersonal

Freitag, 11. November 2011

Museumspersonal

Die dämmrige Vorhalle war verlassen. Auch der Platz an der Kasse schien leer. Erst als ich unmittelbar am Tresen stand und gerade meine Hand ausstreckte nach einer der dort ausgestellten Ansichtskarten, sah ich, daß hinter dem Tresen in einem schwarzledernen zurückgekippten Bürosessel eine jüngere Frau saß, ja, beinahe hätte man sagen können, lag. Man mußte förmlich über den Tresenrand zu ihr hinunterschauen, und dieses Hinunterschauen auf die wahrscheinlich nur vom vielen Stehen ausruhende und vielleicht ein wenig eingeschlummerte Kassiererin der Casa Bonaparte war einer jener seltsam zerdehnten Augenblicke, an die man sich Jahre später noch manchmal erinnert. Das Personal in den Museen scheint sich aus einem besonderen Menschenschlag zu rekrutieren. Vor wenigen Wochen, Ende Juni, am Vormittag war im Schillerhaus eine verwachsene Frau vorgetreten und hatte mit ein paar Worten, hauptsächlich durch die Tonart, das Vorhandensein dieser Andenken entschuldigt. Auf der Treppe Klio als Tagebuchführerin, ferner ein Bild der hundertjährigen Geburtstagsfeier im Jahre 1859, das ausgeschmückte verbreiterte Haus. Italienische Ansichten, Bellagio, Geschenke Goethes. Nicht mehr menschliche Haarlocken, gelb und trocken wie Grannen. Maria Pawlovna, zarter Hals, Gesicht nicht breiter, große Augen. Die verschiedenen Schillerköpfe. Gute Anlage einer Schriftstellerwohnung. Wartezimmer, Empfangszimmer, Schreibzimmer, Schlafalkoven. Frau Junot, seine Tochter ihm ähnlich. Baumzucht im Großen nach Erfahrung im Kleinen. Buch seines Vaters.

Kommentar Marienbad

Selysses, in der Gestalt von Austerlitz, und Marie haben in den Parks von Marienbad einen Spaziergang in der sogenannten trauten Zweisamkeit verbracht, als sie auf dem Rückweg eine Reihe unerwarteter Begegnungen haben. Zunächst huscht ein Trupp von zehn bis zwölf Leuten über den Weg. Ihr Verhalten erinnert zum einen an die Besuchergruppen aus den osteuropäischen Ländern, die, wie Thomas Bernhard uns erzählt, von ihren Führern vorbei an den Sehenswürdigkeiten und durch die Galerien getrieben worden sind, getrieben sei das richtige Wort, denn diese Gruppen gingen nicht durch ein Museum, sie liefen durch, gehetzt, im Grunde völlig uninteressiert, vollkommen ermüdet von allen Eindrücken, die sie auf der Anreise über sich haben ergehen lassen müssen. Zum anderen aber ähnelt der Trupp den Toten in Wales oder auf Korsika, die in kleinen Banden und Gruppen und manchmal in regelrechten Regimentern herumziehen. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie normale Leute, aber sowie man genauer hinschaut, verwischen sich ihre Gesichter oder flackern, gerade wie die Gesichter der Schauspieler in einem alten Film. - Vielleicht ist auf eine geheimnisvolle Art beides zutreffend, es sind Verschundene, die da durch unser Blickfeld huschen. Nicht weniger verwunderlich und althergebracht ist die Erscheinung des Rabbis, auf den sie treffen, als sie sich vor dem Regen in ihr Hotel flüchten wollen, verwunderlich nicht so sehr der Rabbi selbst, als das Maß der Ehrerbietung, das ihm entgegen gebracht wird. Das alles ist heute wohl doch ein wenig abgeflacht. Die beiden erleben die Begegnungen weniger als Störung denn als Bereicherung, als Abenteuer.

Mittwoch, 2. November 2011

In Schönheit

Kafkas Sohn

Was will uns der Dichter sagen: die Schulmeisterfrage ist gründlich desavouiert. Das Krächzen eines Raben soll auf ein dräuendes Unheil hinweisen, der Rabe aber ist frei, er krächzt wie er will, und wenn er sich tatsächlich ganz dem Willen des Dichters fügt, und nur noch des Unheils wegen krächzt, so ist er so gut wie tot und ohne Wert. Wenn also das Was der Dichtung notwendig unscharf bleibt, wie ist es dann um das Wie bestellt? Seine wahren Leser sind sich einig über das Wie, einig darin, daß Sebald, als sei er kein Allgäuer, sondern ein Navaho, in seiner Prosa den Weg der Schönheit beschreitet, aber nicht alle können das sehen. Reich-Ranicki findet bei Sebald Diktion und Satzbau des Gelehrten und ansonsten nichts. Sigrid Löffler und Karasek widersprechen heftig, aber der Meister bleibt hart und unbelehrbar. Michael Hofmann kommt in seinem Aufsatz A Chilly Extravagance sogleich auf die der Sebaldgemeinde so sonnenklare Schönheit des Werkes zu sprechen: The beauty so often reflexively attested to I frankly don’t see. Penible negiert er sodann die einzelnen Komponenten des Schönheitskomplexes und konstatiert the complete and startling absence of humor, charm, grace and touch.

Im weiteren stützt M. Hofmann seine Analysen vorwiegend auf Austerlitz. Viele wahre Sebaldleser haben den Zugang zum Werk über dieses Buch gefunden, waren gleich von den ersten Sätzen berührt, haben die graziöse Eleganz der semantischen Bewegung auf den ersten Seiten tief empfunden und waren spätestens beim Waschbären verzauberter als je Alice im Wunderland. Ruth Franklin notiert bei ihrer Besprechung der Eingangspassage von Austerlitz Symbole so potent that they stop just this side of parody. Damit stößt sie womöglich von der andren Wandseite her auf den Befund, daß über Sebalds Sätzen ein leichtes, ständig changierendes Lächeln liegt, oft rückbezogen selbstironisch, immer wieder auch sich verstärkend zu einem für jedermann wahrnehmbaren Lachen, so beim Lehrer Hilary, der seinen Unterricht in Rückenlage auf dem Boden liegend gestaltet, beim Prediger in Bala, dessen Gemüt sich nur einmal in der Woche für einen kurzen Augenblick erhellt, nachdem er seine vernichtende Strafpredigt auf die erschütterte Gemeinde hat niedergehen lassen oder, nicht ohne Boshaftigkeit, beim Onkel Evelyn Fitzgerald, der das in hartem Geiz Ersparte der Kongomission überweist zur Errettung der nach seiner Einschätzung im Unglauben schmachtenden schwarzen Seelen. Das Lächeln erstirbt freilich auf den Lippen in den Folterkellern der Festung Breendonk, beim Abtransport Agátas aus Prag, bei der Inszenierung des Stückes Der Führer schenkt den Juden eine Stadt im Konzentrationslager Theresienstadt.

M. Hofmann moniert die im Kafka-Ton gehaltene Schilderung des Brüsseler Justizpalastes und läßt als mögliche Erklärung auch Kunstfälschung per Plagiat aufgrund erlahmender eigener Gestaltungskraft gelten. In einem Interview hat Sebald verdeutlicht, daß seine Reisen und Wanderungen immer Reisen zurück in seine künstlerische und kulturelle Erlebniswelt sind, die geographische Ortsveränderung folgt dem nur. Going to Rio de Janeiro or to Sidney is something I find entirely alien. Der Maler Aurach verläßt Manchester nur ein einziges Mal, um in Colmar den Isenheimer Altar Grünewalds zu sehen. Selysses, der sebaldnahe Erzähler im Werk, reist zu Stendhal, Chateaubriand, Giotto, Pisanello, Conrad und vielen anderen mehr. Er reist immer wieder zu Kafka.

Womöglich hat M. Hofmann die Schwindel.Gefühle, ein Buch nicht über aber mit Kafka nicht gelesen, ansonsten müßte ihm bei auch nur geringer Einsicht in Sebalds Arbeitsweise klar sein, daß in einem Buch, dessen Geschehen in Kafkas Stadt Prag beginnt und das für lange Strecken nach Prag zurückkehrt, Kafka in der einen oder anderen Weise vertreten sein muß. Kafka ist Pate bei der Vergabe des Namens an den Titelhelden, er gestaltet die Abfahrt des kleinen Jacques Austerlitz vom Prager Bahnhof, die Schlafenden im nächtlichen London, das Austerlitz durchwandert, sind Kafkas Schlafende. Sofern Agáta das makabre Stück Der Führer schenkt den Juden eine Stadt im Jahre 1944 noch erlebt, überlebt sie es nur knapp. Im selben Jahr 1944 werden Milena Jesenká in Ravensbrück und Julie Wohryzek in Auschwitz ums Leben gebracht, es ist nicht vorstellbar, Sebald habe das nicht vor Augen gehabt. Austerlitz ist nicht nur der Sohn Agátas und Maximilians, nicht nur der Ziehsohn des Predigerpaares in Bala, er ist der immer ersehnte und unmögliche Sohn Kafkas, der sich die Gründung einer Familie immer als den einzig möglichen Zugang zum bürgerlichen Leben hat vorstellen können, die Umkehrung des so schmerzhaften Sohn-Vater-Verhältnisses in ein Vater-Sohn-Verhältnis als die mögliche, ihm aber gänzlich unmögliche Befreiung. – Das ist kaum eine Interpretation im Sinne dessen, was der Dichter uns sagen will, aber auch keine, die er uns ausdrücklich untersagt; und wenn, müßten wir ihm folgen? Eine schwierige Frage.
Was nun den Brüsseler Justizpalast anbelangt, so ist nicht sicher, ob M. Hofmann bis zum Schluß vorgedrungen ist, wo sich alles in die skurrile Heiterkeit kleinbürgerlicher Betriebsamkeit und Geschäftstüchtigkeit auflöst: In dem Justizpalast hätten, aufgrund seiner tatsächlichen Vorstellungskraft übersteigenden Verwinkelung immer wieder in irgendwelchen leerstehenden Kammern und abgelegenen Korridoren kleine Geschäfte, etwa ein Tabakhandel, ein Wettbüro oder ein Getränkeausschank sich einrichten können, und einmal soll sogar eine Herrentoilette im Souterrain von einem Menschen namens Achterbos, der sich eines Tages mit einem Tischchen und einem Zahlteller in ihrem Vorraum installierte, in eine öffentliche Bedürfnisanstalt mit Laufkundschaft von der Straße und, in der Folge, durch Einstellung eines Assistenten, der das hantieren mit Kamm und Schere verstand, zeitweilig in einen Friseurladen umgewandelt worden sein. In einer ähnlichen Volte hatte Sebald Kafkas Jäger Gracchus und Schlag, nach ihrer Unierung, mit einem Dackel namens Waldmann und einer zum Abspielen des Liedes Üb immer Treu und Redlichkeit befähigten Repetieruhruhr ausgestattet. Sebald heitert Kafka auf und lädt ihn ein an die Seite von Hebel und Keller, dabei keinen Augenblick vergessend, wie sehr diese ihrerseits mit Kafka unternäht sind. Das Feuerchen, das der Onkel Evelyn bei großer Kälte unterhält und das von fast gar nicht brennt, ist kein anderes als das der Mutter im Grünen Heinrich, versetzt aus der Welt bitterer Armut in die erbärmlichen Geizes, und die Massakrierung der zu den schmachtenden Seelen gehörenden schwarzen Leiber hatte Selysses erlebt, als er Joseph Conrad in das Herz der Finsternis gefolgt war.
Sebald lesen und mit Freude lesen heißt, ständig untergründige Beziehungen dieser Art zu ahnen und zu entdecken. Es heißt nicht, ein vollständiges Inventar zu gewinnen und zu kontrollieren, auch nicht für den Dichter selbst, ein vollständiges Inventar der unterirdischen semantischen Bewegungen gibt es nicht, sonst wären wir wieder beim eingangs verworfenen dressierten Raben. Wer allerdings nur den äußeren Handlungsverlauf von Austerlitz referiert und zum Ergebnis kommt, er sei trite, hat keinen bedeutenden Beitrag geliefert.

Jeder wahre Sebaldleser sollte sich Rechenschaft darüber ablegen, warum er, obwohl er überwiegend von schrecklichen Dingen ließt, sich so wohl fühlt in dieser Erzählwelt, daß er sie gar nicht mehr verlassen will: The momentum created by the piling of image upon image, of figure upon figure, is so powerful that when one reaches the end of the book - I have experienced this with all of Sebald’s books, and others have mentioned it as well – one feels an irresistible compulsion to turn it over and begin again.

Zwei Antworten bieten sich an, nicht alternativ, sondern einander ergänzend. Die erste Antwort ist die Schönheit der Prosa, ihr freundlicher Humor, ihre graziöse Eleganz, der Zauber, mit dem sie uns einnimmt. Auf ungeahnte Weise erfüllt sich die Verheißung des Rheinländischen Hausfreunds wie auch des Beredten Italieners, eines praktischen Hülfsbuch der italienischen Umgangssprache, die Verheißung, es gebe zu jedem Teil ein Gegenteil, zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge auch ein Stück Wahrheit. Dabei sind die schlechten Teile bei Sebald ganz in die Inhalte verbannt, die guten zum größeren Teil in die Form, die ihrerseits vom Schlechten ganz frei ist.
Die andere Antwort verweist auf das in unendlichem Maße mitgeführte Treibgut deutbaren Materials, die jede neue Lektüre zu einem neuen Abenteuer werden läßt. Wenn die Welt kein metaphysisches Abenteuer ist, wird alles trivial, urteilt der einsame Denker. Sebald hat mehrfach die Abwendung des Mainstreams der neuzeitlichen Philosophie von der Metaphysik beklagt. Sebalds Helden sind säkulare Heilige. Der Major Wyndham Le Strange verwandelt sich zunächst in den von Federvieh umschwärmten Heiligen Franz und dann in den im Erdloch hausenden Heiligen Hieronymus. Immer wieder versenkt Selysses sich in die Betrachtung der großen religiösen Bildwerke, Giotto, Pisanello, Grünewald, aber auch in die von ungeschickter Hand gemalten Kreuzwegstationen in der Krummenbacher Kapelle. Seine Wanderungen im Südosten Englands werden ihm zur Wallfahrt. Wie Cioran nimmt er wohl eher einen mauvais démiurge an und es gehört zum Wesen des Abenteuers, daß man ihm ein gutes Ende nicht voraussagen kann, aber es ist gut, solange es währt. Sebald, der immer wieder den endgültigen Untergang im Feuer heraufbeschwört, will sich und uns vor dem Ertrinken im banalen Naß bewahren. Immer wieder steuert Sebalds Prosa auf Situationen zu, in denen Schönheit und Sinn explosionsartig aufeinander stoßen, der Sinn verdampft, die Glut der Schönheit überdauert noch für einen Augenblick und gefriert dann vielleicht zu Eis: Sand Sebolt entfacht im Herd eines um Holz geizenden Wagners ein Feuer aus Eiszapfen. Immer ist diese Geschichte von der Verbrennung der gefrorenen Lebenssubstanz für mich von besonderer Bedeutung gewesen, und ich habe mich oft gefragt, ob nicht die inwendige Vereisung und Verödung am Ende die Voraussetzung ist dafür, daß man, vermittels einer Art schwindelhafter Schaustellerei die Welt glauben machen kann, das arme Herz stünde noch in Flammen. – A spot of beauty so powerful that it stops just this side of death.

Dienstag, 1. November 2011

Marienbad

Der Tag war schon fortgeschritten, als wir zurückgingen durch den Park. Zu beiden Seiten des Sandwegs, der in geschwungener Bahn voranführte, standen die dunklen Bäume und Büsche, und Marie redete halblaut etwas vor sich hin, von dem ich nurmehr die Worte weiß von den Liebenden qui se promenaient dans les allées désertes du parc. Wir waren beinah wieder im Ort zurück, da kam, an einer Stelle, wo der weiße Nebel schon aus den Wiesen stieg, ein kleiner Trupp von zehn bis zwölf Leuten wie aus dem Nichts hervor und kreuzte vor uns den Weg. Es waren auffallend untersetzte, leicht vornübergebeugte Gestalten. Sie bewegten sich im Gänsemarsch hintereinander her, und jeder hielt einen dieser abgeschürften Plastikbecher in der Hand, aus denen man in Mariánske Lázne das Quellwasser trinkt. Auch entsinne ich mich, daß sie ausnahmslos Regenhüllen aus dünnem, blaugrauen Perlon trugen, wie sie Jahrzehnte zuvor im Westen in Mode gewesen waren. Bis heute höre ich manchmal das trockene Rascheln, mit dem sie, so unversehens, wie sie auf der einen des Weges aufgetaucht waren, auf der drüberen Seite wieder verschwanden. Der Nebel hatte sich inzwischen zu einem Nieseln verdichtet. Wir wollten, um uns vor dem Regen zu schützen, in den Flur des Hotels treten, da springt Marie zurück und zur Seite. Ein seltenes Ereignis in unserer Zeit, der Rabbi kommt. Niemand darf sich vor ihm aufhalten, vor ihm muß immer alles frei sein, es ist nicht leicht, dies immer einzuhalten, da er sich oft überraschend wendet und es nicht leicht ist, im Gedränge schnell genug auszuweichen. Diese Sitte macht alles sehr feierlich, der Rabbi trägt förmlich (ohne zu führen, denn rechts und links von ihm sind ja Leute) die Verantwortung für die Schritte aller. Und immer wieder ordnet sich die Gruppe neu, um ihm freie Blickrichtung zu geben. Er sieht aus wie ein Sultan, und nicht nur Sultan, sondern auch Vater, Volksschullehrer, Gymnasialprofessor und so fort. Er ist mittelgroß und recht umfangreich, aber nicht schlecht beweglich. Langer weißer Bart, außergewöhnlich lange Schläfenlocken, die er auch an andern liebt; wer lange Locken hat, für den ist er schon gut gestimmt; er lobt die Schönheit zweier Kinder, die der Vater an den Händen führt, er kann aber mit der Schönheit nur die Locken meinen. Ein Auge ist blind und starr. Der Mund ist schief gezogen, es sieht gleichzeitig ironisch und freundlich aus. Er trägt einen seidenen Kaftan, der vorn offen ist; einen starken Gurt um den Leib; eine hohe Pelzmütze, die ihn äußerlich am meisten hervorhebt. Weiße Strümpfe und weiße Hosen. Es gingen etwa zehn Juden hinter und neben ihm. Einer trug den Silberstock und den Sessel, auf den sich der Rabbi vielleicht würde setzen wollen, einer trug das Tuch, mit dem er den Stuhl abtrocknen wird, einer trug das Glas, aus dem der Rabbi trinken wird, einer trug eine Flasche mit dem Wasser der Rudolfsquelle.