Donnerstag, 22. Oktober 2015

Frau mit Handschuhen

Verurteilt

Die denkbar engste Verbindung zwischen einem Bildnis und seinem Betrachter entwirft wohl The Picture of Dorian Gray, eine Vorbildwirkung auf die Schwindel.Gefühle ist nicht anzunehmen, obwohl auch hier die Betrachtung von Bildwerken prägend ist. Das Sichversenken in die Kunstwerke, in die Bilder Giottos und Pisanellos vor allem, ist naturgemäß nicht obsessiv ichbezogen wie bei Gray, aber auch nicht formal kunsttheoretisch, Fläche und Linie, Farbgebung und Farbauftrag, Proportionen, das spielt eine geringe Rolle. Fachliche Überlegungen fehlen aber nicht völlig, nicht allein die für die damalige Zeit hoch entwickelte Realismuskunst Pisanellos ziehe ihn an, so Selysses, sondern die Art, wie es ihm gelingt, diese Kunst in einer mit der realistischen Malweise eigentlich unvereinbaren Fläche aufgehen zu lassen. Bei Giotto erscheinen ihm die wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde als das weitaus Wunderbarste, was wir uns jemals haben ausdenken können; wer auf Reproduktionen angewiesen ist, kann die hellgrünen Flecken so schwer entdecken wie Prousts kleinen gelben Mauerfleck auf dem Gemälde Vermeers, von dem nicht wenige behaupten, es gebe ihn gar nicht. Letztlich geht es darum, die künstlerische Größe der Werke an bestimmten Einzelheiten für alle sichtbar (oder auch unsichtbar) aufscheinen zu lassen. Der persönliche, wenn auch in Vergleich zu Gray milde Bezug zu den Bildern fehlt nicht, Pisanello erzählt in Bildern die Geschichte des heiligen Georg, Namenspatron des Dichters, und die seit mehr als achthundert Jahren über unserem Leid andauernde Klage der Engel Giottos ist ein Echo des dichterischen Welterlebens.

Frederick Montgomery in Glanvilles The Book of Evidence ist in gewisser Weise nahe bei Dorian Gray. Zu dem Portrait of a Woman with Gloves eines weniger bekannten niederländischen Meisters entwickelt er ein ähnlich obsessives Verhältnis wie Gray zu seinem mobilen Konterfei, nur ist es eben kein Bild seiner selbst. Grays Verhältnis zu seinem Selbstbildnis ist klar wenn auch dunkler Natur, Montgomery weiß nicht, was er von dem Bild halten soll. Keine Mona Lisa, a youngish woman in a black dress with a broad white collar. She is not beautiful, the gold brooch that secures the wings of her collar is expensive and ugly. But knowing all this and more you still know nothing, next to nothing.
Was hätte ich von dir schon groß anderes erwarten können, scheint die Frau mit den Handschuhen zu sagen, als Montgomery einen letzten Blick auf das Bild wirft, das er gestohlen und für das er gemordet hat. Er sieht sich verurteilt, bevor noch die Richter Gelegenheit haben. Gray ist ohnehin verurteilt. Verurteilt sieht sich auch Prousts Bergotte, so wie Vermeer den Mauerfleck gemalt hat, so hätte ich schreiben müssen und habe es nicht vermocht, denkt er, bevor ihn der Schlag trifft, und sind nicht Selysses und die Schreibarbeiten, mit denen er fortwährend beschäftigt ist, gerad ebenso verurteilt, wenn die hellgrünen Spuren der Veroneser Erde auf Giottos Engelsflügeln das weitaus Wunderbarste sind, was wir uns jemals haben ausdenken können und ausdenken werden. Bereits in Haft, läßt Montgomery sich dickleibige Bände zur niederländischen Malerei bringen, um so dem Geheimnis der Frau mit den Handschuhen auf die Spur zu kommen, vergebliche Liebesmüh, wie man sich denken kann. How could mere facts compare with the amazing knowledge that flared out at me as I stood and stared at the painting? Flammt auf, bleibt aber unkenntlich, er hätte nach einer winzigen grünen Spur suchen sollen als dem Ursprung seiner Verzauberung, seiner Verfehlung und Schuld oder nach einem kleinen gelben Fleck, den es vermutlich nicht gibt.

Samstag, 17. Oktober 2015

Humber Hawk

Farben der Zukunft

Morden hat den Eindruck, seine Gegenwart entspreche eigentlich recht genau der Zukunft, die er sich als Kind vorgestellt und gewünscht hatte: A man of leisurely interests and scant ambition sitting in a room just like this one, in my sea-captain's chair, leaning at my little table, in just this season, the year declining towards its end in clement weather. Yes, this is what I thought adulthood would be, a kind of long indian summer. Weiteres Nachdenken führt zu der Erkenntnis, die erwartete Zukunft habe gar nicht die Farbe einer wie auch immer gearteten Zukunft gehabt, sondern die der Vergangenheit, a genteelly outmoded atmosphere pervaded my dream of what was to come. So what I foresaw for the future was in fact, if fact comes into it, a picture of what could only be an imagined past. Das überrascht, obwohl nichts Überraschendes daran ist. Wie soll sich ein Kind die Zukunft anders ausmalen als mit den Farben, die es bereits kennt. Seit Jahrhunderten aber sind wir dressiert, die Vergangenheit im Archiv der Museen und der Geschichtskunde zu verstauen, und den Blick nach vorn in eine gleißend helle Zukunft zu richten, von der herrliche und ganz und gar ungeahnte Dinge zu erwarten seien.

In den fünfziger Jahren gab es Nachhilfe bei den Zukunftsvisionen, die auf eine Neugestaltung des Straßenverkehrs zielten. In Magazinen konnte man Entwürfe sehen von mit einem Atomreaktor und einer vollautomatischen Steuerung ausgestatteten Limousinen, die von aller Verantwortung entlasteten Passagiere vertrieben sich die auf zwei Stunden geschrumpfte Fahrzeit von Hamburg nach München mit Karten- und Würfelspielen. Manchem Betrachter im Kindesalter wurde es weh ums Herz, ersehnte er doch nichts mehr, als sich bald, wie der Vater oder der Onkel, als genialer Lenker auf engen und kurvigen Straßen am Steuer eines Wagens zu beweisen, nun fühlte er sich beraubt, ein Opfer des Fortschritts. Auch Morden hält nichts von automatischer Steuerung, I entertained a precise image of myself as a grown-up in the back seat of my chauffeured Humber Hawk, say, in three-piece pinstriped suit and with a blanket over my knees.

A man of leisurely interests sitting in a room, in a sea-captain's chair, leaning at a little table, man könnte Selysses ähnliche Zukunftsträume zutrauen, und tatsächlich entwirft er ein ganz ähnliches Gegenwartsbild: Wenn ich in der Gegend bin, ist der Sailors’ Reading Room bei weitem mein liebster Ort. Besser als sonst irgendwo kann man hier lesen, Briefen Schreiben, seinen Gedanken nachhängen oder, während der langen Winterszeit, einfach hinausschauen auf die stürmische, über die Promenade hineinbrechende See. A kind of long indian summer: Wie es wohl wäre, wenn ich in einer dieser steinernen Burgen wohnte, bis an mein Lebensende mit nichts anderem beschäftigt als dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit.

An der automobilen Komponente ist ihm offenbar weniger gelegen, nur ein Bild aus der Kindheit steht ihm deutlich vor Augen. Am unteren Ende der Gasse tauchte ein Fahrzeug auf, wie er zuvor noch nie eins gesehen hatte. Es war eine allseits weit ausladende lila Limousine mit einem hellgrünen Dach. Unendlich langsam und völlig geräuschlos glitt sie heran, und drinnen an dem elfenbeinfarbenen Lenkrad saß ein Neger, der ihm, als er vorbeifuhr, lachend seine gleichfalls elfenbeinfarbenen Zähne zeigte. - Zweifellos ist er von dem Gefährt, weit mehr aber noch von dem Insassen beeindruckt. Insgesamt werden wir so gut wie gar nicht in seine Kindheits- und Zukunftsträume eingewiesen - generell gibt er ja so wenig wie möglich von sich preis -, mit einer Ausnahme. Während der Genesung von einer schlimmen Krankheit wurde er, um im Lernen nicht den Anschluß zu verlieren, für zwei Stunden täglich bei dem Lehrerfräulein Rauch in Obhut gegeben. Bei schlechtem Wetter saß er neben der sanftmütigen Lehramtskandidatin auf der Ofenbank, bei schönem Wetterdraußen in dem drehbaren Gartenhaus, und bald schon war ihm, als wüchse er mit großer Geschwindigkeit und als sei es darum durchaus möglich, daß er im Sommer bereits mit seiner Lehrerin vor den Traualtar würde treten können. - Vermittels eines schwindelhaften Taschenspielertricks versucht er in die Zukunft zu springen, nur um sie für immer in eine dauerhafte Gegenwart zurückzuziehen. Das konnte kaum gelingen, und wir haben den Nachweis, daß es nicht gelungen ist. In Dr. Henry Selwyn, der ersten und kürzesten der vier langen Erzählungen, finden wir Selysses vermählt mit einem Wesen namens Clara, bei dem es sich, wie aus vielen Einzelheiten zu erkennen, nicht um das Fräulein Rauch handelt.

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Am Canal grande

Gleichschritt

Mandelstam schließt sein Rundfunkfeature (радиокомпозиция) Goethes Jugend mit einem Blick auf die erste Italienreise. Von Jugend im engeren Sinne konnte da bereits nicht mehr die Rede sein, Goethe war älter als Selysses bei dessen erster Italienreise.

Прислушайтесь к шагам иностранца ... Hört auf die Schritte des Ausländers auf dem warmen Stein eines bereits menschenleeren Kais am Canal Grande. Das ist kein Mensch, der zu einem Stelldichein geht: zu groß der Schwung seiner Gangart, zu entschieden und jäh kehrt er um, wenn er zweihundert oder dreihundert Schritte getan hat. - Der Schritt eines Eroberers, eines Napoleons des Geistes auf dem Kai des Canal grande. Selysses betritt den Kai nach einer scharfen Rasur beim Bahnhofsbarbier, also auch irgendwie schneidig. Von einem erobernden Schritt ist dann allerdings in der Folge nichts mehr zu spüren, vielmehr verliert er sich schon bald in die für Klaustrophobiker nicht geigneten engen Gassen. Wer hineingeht in das Innere dieser Stadt, weiß nie, was er als nächstes sieht oder von wem er im nächsten Augenblick gesehen wird. Geht man in einer sonst leeren Gasse hinter jemandem her, so bedarf es nur einer geringen Beschleunigung der Schritte, um demjenigen, den man verfolgt, die Angst in den Nacken zu setzen.

Das Erleben der beiden Venedigbesucher hat soweit, abgesehen vom reinen Faktums des Gehens selbst, kaum Deckungsbereiche. Sehen wir uns also weiter um. Чему так непрерывно, так щедро ... - was war es denn, worüber sich Goethe in Italien so unablässig, so großzügig und funkensprühend gefreut hat? Die Popularität und Ansteckungskraft der Kunst, die Nähe der Künstler zur Menschenmenge, deren lebhaftes Echo, deren Begabtheit, Empfänglichkeit. Mehr als alles war ihm die Abtrennung von Kunst und Leben zuwider. - Auch wenn es zutreffen sollte, was Calasso sagt, mit Tiepolo sei die integrale europäische Hochmalerei an ihr Ende gekommen, hätte Goethe auf seiner Reise davon nichts wissen können. Giambattista Tiepolo war gerade einige wenige Jahre tot, sein Sohn Domenico Tiepolo, kaum minderen Ranges, lebte noch, Goethe bewegte sich inmitten der lebendigen venezianischen und italienischen Malerei, inmitten der großen Künstler. Diese Bedingungen waren für Selysses naturgemäß längst nicht mehr gegeben. Seine kulturelle Leitung vertraut er nicht Goethes Italienischer Reise, sondern Grillparzers Reise nach Italien an, Grillparzer also, der an nichts Gefallen findet und von allen Sehenswürdigkeiten maßlos enttäuscht ist. Mit ihm ist eher im Gleichschritt als mit Goethe, dessen ausdrückliche Nichterwähnung einer verkappten Erwähnung gleichkommt.
In Mandelstams Vorstellung ist der Kai am Canal Grande menschenleer, als Goethe ihn betritt. Er führt es auf die späte Stunde zurück, aber ist es nicht eher der Respekt vor dem großen Mann, der die anderen zurücktreten läßt? Auf eine vergleichbare Sonderbehandlung konnte Selysses nicht hoffen, und doch scheint auch er allein auf dem Kai, jedenfalls werden Passanten nicht erwähnt. Auch die beklemmende Szene in den Gassen des Stadtinneren geht nicht auf Überfüllung zurück, es ist nur ein Einzelner, der ihm folgt oder dem er folgt, und vielleicht ist auch der nur ein Gedankenspiel. Allein ist er immer mit den alten Meistern, mit Giotto und Pisanello, in Padua, Verona und London, selbst die Sixtinische Kapelle, vor der andere stundenlang ausharren in der Warteschlange, hätte sich für ihn, wäre er nach Rom weitergereist, zweifellos wie von Zauberhand geleert. Wenn Goethe, wie Mandelstam ihn sieht, sich einfügt in das in der Menschenmenge erklingende lebhafte Echo der Kunst, so versenkt sich Selysses in die abgeschiedene, einsame Bildbetrachtung, über achthundert Jahre hinweg vernimmt er die lautlose Klage der Engel Giottos. Venedig eignet sich nicht für seine Exerzitien, als er das zweite Mal anreist, findet er die Stadt gleichsam verbarrikadiert, in der Bahnhofshalle lagerte hingestreckt wie von schweren Krankheit ein wahres Heer von Touristen in ihren Schlafsäcken auf Strohmatten oder auf dem nackten Steinboden. Auch draußen auf demVorplatz lagen ungezählte Männer und Frauen, in Gruppen, paarweise oder allein auf den Stufen und überall ringsherum. Er reist gleich weiter.

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Darwin

Wissenschaftsprosa

In einem Roman der Autorin Patricia Highsmith wird der Protagonist, als er durch die Straßen einer am afrikanischen Ufer des Mittelmeers gelegenen Stadt flaniert, urplötzlich von einem derart starken Verlangen nach der Lektüre wissenschaftlicher Prosa erfaßt, daß er spornstreichs zurückläuft in seine Unterkunft. Gerade wer vorzugsweise und in nicht geringem Maße Belletristik konsumiert und dabei neben Freud' auch viel Leid und Pein erfährt, wird Verständnis haben für dieses Verlangen.

In seinem kurzen Aufsatz Rund um die Naturforscher gibt Mandelstam einen Einblick in die Entwicklung des wissenschaftlichen Schreibstils. Der wissenschaftliche Stil der alten, von Linné herkommenden Naturforschung kannte nur zwei Elemente: Gemeinplatzrhetorik, metaphysische wie theologische Moralpredigten und passiv-beschauliche Beschreiberei. Mit Buffon und Lamarck brach eine staatsbürgerliche, revolutionäre, publizistische Strömung in den wissenschaftlichen Stil ein. Darwin nimmt der Natur gegenüber die Haltung eines Kriegsberichterstatters ein, eines Interviewers, eines tollkühnen Reporters, dem es gelungen ist, das Ereignis an seinem Ursprung zu beschreiben.

Austerlitz trifft bei seinem Besuch in Andromeda Lodge auf die Spuren Darwins. Im Jahre 1869 hatte ein Vorfahre Geralds Bekanntschaft mit Darwin gemacht, als dieser in einem von ihm unweit Dolgellau gemieteten Haus arbeitete an einer Studie über die Abstammung des Menschen. In Gestalt des Onkels Alphonso lernt Austerlitz einen späten Jünger Darwins kennen, beschäftigt sich aber weiter nicht mit dem Evolutionstheoretiker. Wenn Darwins Lebensspanne das Ottocento so gut wie ausfüllte, so gilt das gleiche für Linné in Bezug auf das Sette- und für Thomas Browne in Bezug auf das Seicento. Browne gilt offensichtlich die Vorliebe des Dichters, er wird zu wissenschaftlichen Leiter, der uns durch die Ringe des Saturn führt. Bei Browne befindet sich die wissenschaftliche Prosa noch im Larvenzustand, hat sich noch nicht freigemacht, ist, in wissenschaftlicher Prosa ausgedrückt, noch nicht ausdifferenziert.

Unter Thomas Brownes nachgelassenen Schriften über den Nutz- und Ziergartenbau, das Anlegen künstlicher Hügel und Berge, die altsächsische Sprache, die Falknerei oder die Altersfreßsucht verliert sich das Musaeum Clausum nahezu. Das Musaeum wiederum handelt vom Schatten des Denkens, vom Briefwechsel in hebräischer Sprache zwischen Molinea von Sedan und Marie Schurmann, den beiden gelehrtesten Frauen ihrer Zeit, von den furchtbarsten Foltermethoden und zahllosen anderen Dingen und schließlich auch von den zwei persischen Mönchen, die zur Zeit Justinians in einem ausgehöhlten Wanderstab die ersten Eier der Seidenraupe nach Europa brachten. Die Seidenraupe hat sich im Verlauf der Zeit dann als Gegenstand theoretischer und angewandter Wissenschaft etabliert. In Frankreich besorgte Olivier de Serres, älter noch als Browne, mit seiner Publikation Théâtre d'agriculture et mesnage de Champs die wissenschaftliche Grundlegung des Seidenbaus, einen Einblick in das Werk und seinen Schreibstil erhalten wir nicht. Gründlicher werden wir mit seinem Widerpart Béthune de Sully vertraut, der sich ein wissenschaftliches Kleid anlegt, ohne irgend an Wissenschaft interessiert zu sein, vielmehr allein an seinen politischen, gegen den Seidenbau gerichteten Interessen. Zum einen sei das französische Klima nicht günstig für den Anbau von Maulbeerbäumen und zum anderen würde die Leichtigkeit des Seidenbaus zur Verweichlichung der Nation und zur fehlenden Kriegstauglichkeit des Heeres führen. Ersichtlich werden die später von Linné gesetzten Standards wissenschaftlicher Darlegung, mochte sie auch in Gemeinplatzrhetorik eigebettet bleiben, gründlich verfehlt.
Auf dem Boden des deutschen Staatsgebiets dürfen, was den praktischen Teil anbelangt, die Verdienste eines gewissen Seybolt nicht hintangestellt werden, Kunstschönfärber seines Zeichens und in der Seidenanstalt angestellt als Wärter der Seidenwürmer und Aufseher bei der Abhaspelung und Filierung. Wissenschaftlich hinkte das Vaterland hinterher, erst 1826 wurde Joseph von Hazzis Lehrbuch des Seidenbaus für Deutschland veröffentlicht. Auch Hazzi interessiert sich nicht zuletzt für das soziologische Beiwerk, die zu erwartende bürgerliche Verbesserung des Weibergeschlechts und aller anderen an ein regelmäßiges Arbeiten ungewohnten Teilen der Bevölkerung. Das änderte sich auch nicht, als gut hundert Jahre später das Deutsche Reich die Sache in die Hand nahm und ein neues Seidenbauaufbauprogramm einleitete. Der Dichter beschäftigt sich weniger mit den im engeren Sinne seidenbaukundlichen Ausführungen in Friedrich Langes grundlegendem Werk Deutscher Seidenbau, Aufzucht der Raupen, Verarbeitung des Trockenkokons, sondern schaut vor allem auf die nach wie vor virulente, hier vor allem im pädagogischen Bereich angesiedelte zeitgemäße Gemeinplatzrhetorik. Der Seidenraupe sei in jeder Entwicklungsstufe zu den verschiedensten Versuchsanordnungen verwertbar. Bau und Besonderheit des Insektenkörpers seien an ihr aufzuzeigen, desgleichen Domestikationserscheinungen, Verlustmutationen, Auslese und Ausmerzung zur Vermeidung rassischer Entartung.
Die Geburt der reinen, von Moralpredigten befreiten Wissenschaftsprosa erleben wir bei Descartes. Bekanntlich lehrte dieser, daß man absehen muß von dem unbegreiflichen Fleisch und hin auf die in uns bereits angelegte Maschine sich orientieren, auf das, was man vollkommen verstehen, restlos für die Arbeit nutzbar machen und, bei allfälliger Störung, entweder wieder instand setzen oder wegwerfen kann. Leider ist nicht erinnerlich, zu welcher Gattung in der reichen Palette wissenschaftlicher Prosa Patricia Highsmiths Romanheld Zuflucht genommen hatte, um den Seidenbau ging es jedenfalls nicht.

Sonntag, 4. Oktober 2015

Olfaktorien

Von den Sinnen

Veilchen und Rosen mögen in Lyrik und Prosa duften, abgesehen davon ist in der Prosa - lassen wir die Lyrik beiseite - die Wiedergabe olfaktorischer Eindrücke eher rar. Es gibt Ausnahmen, eine ist das von Geruchswahrnehmungen durchsetzte Prosawerk John Banvilles. Einige wahllos aus wenigen Seiten herausgegriffene Beispiele:

She stood very close to him, half a head shorter, her civet scent stinging his nostrils. - It was crowded and there were the mingled smells of coffee and fried sausages and sugary pastry.  - He was coming more and more to hate this city, its crowds, its dirt, its smells - the river was particularly foul today. - She, too, had a smell, very different from his mother's smell, delicate and cool, like the scent of wet lilac. - There was a smell of old cigarette smoke, sweat and urine. - He tried to imagine himself a damp and odoriferous infant on his knee. - He hated the smell of sheep his clothes gave off in the rain. - A slightly nauseating smell of hops was coming over the brewery wall.

Das Ausbleiben von Geruchshinweisen läßt sich naturgemäß nicht in der gleichen mühelosen Weise durch Zitate belegen, was nicht da ist, läßt sich nicht anführen. Es müssen Situationen gefunden werden, in denen olfaktorische Wahrnehmung erwartbar wäre und doch fehlt. Als Austerlitz sich auf den Weg von Losovice aus auf den Weg nach Terezín macht, liegt im Vordergrund ein giftgrünes Feld, dahinter ein vom Rost zerfressenes petrochemisches Kombinat, aus dessen Kühltürmen und Schloten weiße Rauchwolken aufsteigen, wahrscheinlich ohne Unterlaß seit einer Reihe von Jahren. Der üble Geruch, der zweifellos über der Landschaft liegt, wird nicht vermerkt. Als wir in den Canale della Giudecca hineinfuhren, lag ein totenstilles Betongebäude unter einer weißen Rauchfahne. Brucia continuamente, fortwährend wird hier verbrannt, allerdings ohne daß über den Geruchssinn eine Umweltbeeinträchtigung spürbar würde. Auch der Brand von London am Ende der Schwindel.Gefühle ist ein rein visuelles Spektakel. Als Selysses mit viel Müh' und Plag' im Stehbuffet der Ferrovia seinen Cappuccino ergattert hat, dürfen wir das köstliche Aroma nicht genießen. Selbst der Besuch des Bahnhofspissoirs in Desenzano wird zu einem optischen, geruchsfreien Erlebnis: Il cacciatore stand da in einer ungelenken Schrift an der Wand.

Besonders bedrängend bei Banville sind die Geruchswahrnehmungen bei körperlicher Nähe, stellenweise scheint es, als seien wir abgestiegen in das Reich der Hunde. Szenen körperlicher Nähe sind bei Sebald an sich schon selten und kommen aus, ohne den Geruchssinn zu beanspruchen. Una fantesca, hörte ich sie leis sagen, und es ist mir gewesen, als spürte ich ihre Hand auf meiner Schulter. Selten genug ist es mir vorgekommen in meinem Leben, daß ich von einer mir fremden Frau angerührt worden bin. - Das Gehör ist angesprochen, ohne durch Lärm strapaziert zu werden, und, in aller Flüchtigkeit, der Tastsinn. Schwer vorstellbar, Selysses würde auch noch Lucianas Wohlgeruch erwähnen und ausgeschlossen, Austerlitz würde, als er in Marienbad an der Seite Marie de Verneuils erwacht, von ihrem civet scent berichten.

Die Wahrnehmungssinne lassen sich ordnen nach der Distanz, die sie überbrücken können, Tastsinn, Geruchssinn, Gehör, Gesicht. Sebalds Prosa ist eine Prosa der Distanz, eine Gesichts- und Augenprosa, seine Prosareise beginnt er in Italien, dem Land des Lichts. Dublin ist nicht Venedig oder Verona, der Horizont liegt näher, die Eindrücke sind anders. Der Geruchssinn erzeugt, da die Wohlgerüche in der Minderzahl und oft artifiziell hergestellt sind, schnell eine aggressive Enge, vielleicht einer der Gründe dafür, daß Banville unter dem Pseudonym Black eine zweite Karriere als Kriminalschriftsteller aufgenommen hat, ein Vorhaben, mit dem Selysses, der Augenmensch, in den Schwindel.Gefühlen nur kurz kokettiert.

Freitag, 2. Oktober 2015

Spitaleremit

Nursery

Nabokow, wie jeder weiß, hatte sich, als er zu Geld gekommen war, auf Dauer im Montreux Palace eingemietet, Dylan Thomas hat sich im Chelsea Hotel New York mit Bedacht und Methode aus dem Leben getrunken, das Hotelzimmer also in ein Sterbe-, zunächst aber in ein Krankenzimmer verwandelt. Morden, der Protagonist in Banvilles Roman The Sea, vergleicht die Vorzüge des Hotel- mit denen des Krankenhauszimmers. Hotel rooms are always impatient for us to be gone. Hospital rooms, on the contrary are there to make us stay and be content. They have a soothing suggestion of the nursery, the miniature hand-basin in the corner with its demure little towel and the bed, of course, with its wheels and levers, where one might sleep and dream, and be watched over, and cared for, and never, not ever, die. I wonder if I could rent one, a hospital room, and work there, live there, even. Selysses hat, soweit uns bekannt, derlei Überlegungen nicht angestellt, so unbefriedigend, wie seine Hotelübernachtungen mehrheitlich verlaufen, hätte er sich aber womöglich überzeugen lassen. Die Einweisung in das Spital der Provinzhauptstadt Norwich nimmt er trotz des bedenklichen Zustands einer nahezu gänzlichen Unbeweglichkeit ausgesprochen gelassen hin. Das Schrumpfen der Außenwelt auf ein farbloses Stück Himmel im Rahmen des Fensters scheint er eher zu begrüßen. Geradezu euphorisch aber wird die Stimmung nach der Operation. In seinem eisernen Gitterbett fühlte er sich wie ein Ballonreisender, der schwerelos dahingleitet durch das ringsum ihn sich auftürmende Wolkengebilde. Droben am Himmel waren die Sterne, winzige Goldpunkte, in die Öde gestreut. An sein Ohr drangen durch die dröhnende Leere die Stimmen der beiden Schwestern, die ihm den Puls maßen und ab und zu die Lippen netzten. Katy und Lizzie hießen die beiden Wesen, die ihn von fern an die beiden Leserinnen im Zug nach Mailand, die Franziskanerin und das Mädchen in der bunten Jacke, erinnerten. Warum sollte er dieses paradiesische Krankenhauszimmer je wieder verlassen, so wie Le Strange ein Garteneremit, wäre er, wenn er bliebe, fortan ein Spitaleremit. Die englische Wallfahrt müßte deswegen nicht ausfallen, er wäre nicht in einer geschlossenen Anstalt.