Dienstag, 25. Dezember 2018

Feuersbrunst

Letzte Stunde

Von der Vielzahl der Ansichtskarten, die der Engelwirtin Rosina Zobel im Laufe der Jahre zugeschickt worden waren, ist die eine hervorgehoben, die den rauchenden Kegel des Vesuvs zeigt. Der Dichter hat als Kind die Engelwirtin immer wieder besucht und die Karten jedesmal aufs Neue betrachtet. Von dem Bild des Vesuvs mag seine spätere Vorliebe für Brände, große und kleine, wie auch für den Vorgang der Verbrennung als solchen ihren Ausgang genommen haben. Vor allem anderen für den Herrn und seinen dunklen Kumpan, für die Hölle und das Purgatorium ist das Feuer unverzichtbar, Officium für die abgestorbenen Seelen, brucia continuamente. Brucia di continuo, auch für nomadische Frühmenschen war es einfacher das Feuer zu bewahren als es neu zu entfachen, auf den Streifzügen durch Savanne und Prärie wurde es immer mitgetragen, Witschascha peta, Lordfeuerbewahrer, die vermutlich erste Beamtenstelle der Menschheitsgeschichte.

Für den metaphysischen Bereich ist ein gleichmäßiger, kontrollierter Brand anzunehmen, von Brandschäden in der Hölle oder im Purgatorium ist nie etwas bekannt geworden, abgesehen von den beabsichtigten und immer wieder abheilenden Brandwunden an den Schattenleibern der Verdammten. Anders sieht es aus in der Natur und in den Wohnbezirken der Menschen. Vulkanausbrüche, Gewitter und Dürrezeiten können Brände verursachen, ebensogut menschliche Unzulänglichkeit oder technische Pannen. Der Große Brand von London geht wohl auf beide Ursachenquellen zurück, eine langanhaltende Dürre einerseits und Fahrlässigkeit beim Entfachen und Bewahren von Haushaltsfeuern andererseits. Und nun brennt alles zugleich, die Kirchen, Häuser, Holz und Mauersteine. Am Gottesacker die immergrünen Bäume fangen Feuer. Ein rasend kurzer Fackelbrand, ein Krachen, Funkenstieben und Erlöschen. Ist dies die letzte Stunde? Ein dumpfer, ungeheurer Schlag, das Pulverhaus fliegt auf. Um uns der Widerschein, und vor dem tiefen Himmelsdunkel in einem Bogen hügelan die ausgezackte Feuerwand bald eine Meile breit. - Der Dichter ist offenbar angetan von der Art, wie Pepys den großen Brand schildert, über seine eigenen Gedanken läßt er uns im Unklaren.

An dem Brand des Luzerner Bahnhofs fühlt er sich dagegen auf eine geradezu mystische Weise beteiligt. Es macht einen Unterschied, ob man von etwas liest, was vor langer Zeit geschah, oder ob man sozusagen Tatzeuge ist. Während eines kurzen Besuchs in der Schweiz sei er am späten Abend auf der Luzerner Seebrücke stehengeblieben und habe zum Bahnhof hinübergeschaut. Ein paar Stunden später dann, als er längst in tiefstem Schlaf in seinem Zürcher Hotelzimmer lag, sei dann in dem Luzerner Bahnhof ein mit großer Geschwindigkeit sich ausbreitendes und den Kuppelbau gänzlich zerstörendes Feuer ausgebrochen. In den nächsten Tagen habe sich dann in seinem Kopf die Vorstellung verdichtet, er sei der Schuldige oder zumindest einer der Mitschuldigen gewesen an dem Luzerner Brand. - Die deklarierten Schuldgefühle waren aber wohl nicht sehr tief, in erster Linie wurden sie, so der Eindruck, der Schönheit wegen ersonnen.

Wie Schiffe trieben nun in der Düsternis die Schemen der Kraftwerke, in denen die Braunkohle glühte, kalkfarbene Quader, Kühltürme, hochaufragende Schlote, über denen weiß gegen den in krankhaften Farben gestriemten Himmel die reglosen Rauchfahnen standen. Nur an der nachtfahlen Seite des Firmamentes zeigten sich ein paar Sterne, rußig blakende Lichter, die eines um das andere ausgingen und Schorfspuren hinterließen in den Bahnen, durch die sie immer gezogen sind. Südwärts, in einem weiten Halbrund, erhoben sich die Kegel der erloschenen Vulkane, von denen er sich in diesem bösen Traum wünschte, daß sie ausbrechen und alles überziehen möchten mit schwarzem Staub. - Der Dichter läßt Austerlitz diese Worte sagen, aber es ist er, der sich den rauchenden Kegel des Vesuvs auf der Ansichtskarte erinnert. Schon immer sind bei Bränden mehr Opfer erstickt als verbrannt. Wie in der Hölle und im Fegfeuer brennen auch auf Erden vor allem die Toten, ein totenstilles Betongehäuse unter einen weißen Rauchfahne, brucia di giorno e di notte.

Donnerstag, 20. Dezember 2018

Te kury

In der Asche

Einmal fielen mir ein paar Hühner auf mitten in einem grünen Feld, die sich, obschon es doch noch gar nicht lange zu regnen aufgehört hatte, für ein die winzigen Tiere, wie mir schien, endloses Stück von dem Haus entfernt hatten, zu dem sie gehörten. Aus einem mir nach wie vor nicht ganz erfindlichen Grund ist mir der Anblick dieser weit ins Feld sich hinauswagenden Hühnerschar damals sehr ans Herz gegangen. Ja, diese Hühner, te kury, immer müssen sie irgendwo graben, wenn nicht in der Erde, dann in den Blättern, wenn nicht im Gras, dann in der Asche. Sie scharren mit dem linken Fuß und picken, sie scharren mit dem rechten Fuß und picken in maßvollem Feuereifer und ruraler Anmut. Immer muß irgendetwas sein. Wenn nicht im Wachen, dann im Traum. Wenn nicht das große Geld, dann das kleine. Etcetera, i tak dalej.

Mittwoch, 19. Dezember 2018

Riding Done

Auflösung

Jugendbilder zeigen den Dichter auf dem Fahrrad, dann wieder auf einem Traktor oder auf einem Pferd, in der Prosa wird von diesen Transportmitteln kein Gebrauch gemacht. Immerhin träumt der Erzähler während einer kurzen jugendlichen Phase der Amerikabegeisterung davon, den fernen Kontinent auf dem Rücken eines Pferdes zu durchmessen. Unter reiterlichen Gesichtspunkten fühlte er sich dafür gewappnet. Kafka stand dem Zeitalter des Pferdes noch weitaus näher, von einer persönlichen Nähe des Prager Dichters zum Reitsport ist nichts bekannt, und doch wünschte er seine Verwandlung in einen berittenen Indianer herbei. Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf. – Der Sattel war bei den Indianern kaum in Gebrauch und auch mit dem Zaumzeug war man sparsam, Sporen ließen sich an den Mokassins nicht anbringen, kein Wunder also, wenn es sie nicht gab. Verwunderlich ist aber, daß auch die Zügel fortgeworfen wurden, die es, noch verwunderlicher, ebenfalls gar nicht gab. Wenn schließlich auch Hals und Kopf des Pferdes fehlen, kann eine fatale Auflösung und Zerbröselung der Einheit von Pferd und Reiter sowie insbesondere des Pferdes nicht länger weggeredet werden. Der Umstand, daß für das Land der Indianer keine Heidelandschaften ausgewiesen sind, fällt da kaum noch ins Gewicht. Nur kurz also währt der Wunschtraum des Landarztes vom pfeilschnellen Indianerpferd, denn wer sonst sollte im Auftrag Kafkas diesen Traum geträumt haben. Das eigene Pferd des Arztes war in der letzten Nacht infolge der Überanstrengung im eisigen Winter verendet. Zwei Pferde, mächtige flankenstarke Tiere, die wohlgeformten Köpfe wie Kamele senkend, treten nun unheildrohend aus dem alten Schweinestall hervor, Rösser nicht nach dem Geschmack der Indianer.

Donnerstag, 13. Dezember 2018

Wunderhund

Indianer sein

Der Dichter hat mit Indianern nicht sonderlich viel im Sinn. Austerlitz kommt auf die in der grünen Wildnis lebenden kleinen, kupfrig glänzenden Leute zu sprechen, aber die sind üblicherweise nicht gemeint, wenn von Indianern die Rede ist, vielmehr die hochgewachsenen Prärieindianer zu Pferde, vornehmlich die Sioux. Als der Dichter sich in der kurzen amerikanischen Phase seiner Jugend auf einem Pferd die Weite des Landes durchmessen sieht, bleibt offen, ob damit für ihn die Verwandlung in einen Indianer verbunden war, wie Kafka sie rundheraus anstrebt: Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf. – Dabei waren die Indianer erst seit kurzem beritten, zuvor stand ihnen als Helfer aus dem Tierreich allein der Hund zur Seite. Von den überwältigenden Möglichkeiten, die ihnen das Pferd bot, waren sie so hingerissen, daß sie es Wunderhund, Schunka wakan, tauften. Die Dichter haben sich seit jeher auf den Wunderhund Pegasus verlassen. Der Lakota Tatscha Huschte meinte daher, sozusagen von der anderen Seite aus, das gleiche wie Kafka, als er zu Protokoll gab: Künstler sind die Indianer des Waschitschu, des weißen Mannes. Ja, wenn man den Pegasus zu reiten verstünde wie Kafka oder wie einst die Indianer den Wunderhund.

Dienstag, 11. Dezember 2018

Dux

Chevalier de Seingalt

Zweimal läuft Casanova uns über den Weg, ein schiefes Bild, denn beide Mal ist er am Laufen gehindert. Wenn die Schwindel.Gefühle nach der Erläuterung des Autors ein Buch über die Liebe sind, kann Casanova als der führende Vertreter der sportlich-athletischen Variante auf diesem weithin geschätzten, wenn auch nicht immer komplikationsfreien psychosomatischen Betätigungsfeld nicht fehlen. Auch Stendhal, so sehr er sich müht, fällt ihm gegenüber deutlich ab. Für den Augenblick ist der Held allerdings vom Spielfeld genommen und sitzt ein in den Bleikammern des Dogenpalastes. Die Decke des Gefängnisses ist so niedrig, daß er darin nicht stehen kann. Es herrscht eine furchterregende Hitze, nicht einfach, unter diesen Bedingungen die körperliche Kondition und die geistige Beweglichkeit zunächst für einen erfolgreichen Ausbruchversuch und für alles andere dann später zu bewahren. Mithilfe des Orlando Furioso und einer schwindelerregenden Zahlenakrobatik gelingt es ihm, den richtigen Tag für das Unternehmen zu bestimmen und den Palast sowohl wie die Stadt Venedig zu verlassen. Ob der Chevalier in seiner Spezialdisziplin dann wieder zur alten Größe zurückgefunden hat, darüber läßt der Dichter nichts verlauten.

Als wir ihn Jahrzehnte später erneut treffen, und zwar im böhmischen Dux, ist seine Hochleistungskarriere jedenfalls längst abgeschlossen. Der gealterte Roué ist auf die Größe eines Kindes geschrumpft. Auf dem Schloß des Grafen Waldsteins ist er rastlos beschäftigt mit der Niederschrift seiner Memoiren, zahlreicher mathematischer und esoterischer Traktate sowie eines fünfteiligen Zukunftsromans. Die Puderperücke hat er abgelegt, und sein eigenes schütteres Haar schwebt gleichsam als Zeichen der Auflösung seiner Körperlichkeit wie ein kleines weißes Wölkchen über seinem Haupt. Die linke Schulter ein wenig hochgezogen, schreibt er ununterbrochen fort, man hört nichts als das Kratzen der Feder.

In den Ringen des Saturn finden wir uns unversehens nach China versetzt, dann wieder nach Afrika oder auch nach Amerika, in den Schwindel.Gefühlen werden nur Motive aufgegriffen, die am Wegrand liegen. Für einen Italienreisenden liegt Dux in Böhmen nicht am Wegrand, niemand aber ist gehindert, die in Austerlitz erzählte Episode auch bei der Lektüre der Schwindel.Gefühle im Sinn zu haben. Zum einen ist es die entfernte Fortsetzung der Episode in den Bleikammern des Dogenpalastes, andererseits radikalisiert der Chevalier einen Wandel, der auch bei den anderen drei Autoren zu beobachten ist. Stendhal schildert eine Reise an den Gardasee in Begleitung der imaginären Mme Gherardi, der Umgang mit erdachten Damen ist oft leichter als der mit realen, jedenfalls stören sie kaum beim Schreiben. Kafka ist letztlich froh, als sie Schweizerin aus Genua abreist, nun kann er sich literarisch mit dem Schicksal des Jägers Gracchus beschäftigen. Dem Dichter begegnen auf seiner zweiten Italienreise ständig bezaubernde Frauengestalten, auf allen Stationen der Reise aber sehen wir ihn gebeugt über seine Schreibkladde.

Sonntag, 2. Dezember 2018

Aufschub und Unterbrechung

Leseerlebnis

Dann verstrichen drei Tage: diesen Satz will Sted in der Erzählprosa nicht gelten lassen, kein Tag darf übersprungen werden, jeder Tag hat denselben, durch nichts geschmälerten Anspruch, erzählt zu werden in seinem Verlauf. Tatsächlich vermeidet der Dichter diesen oder ähnliche Sätze, unterbricht andererseits aber den Erzählverlauf abrupt für sieben Jahre, mehr als zweitausendfünfhundert Tage: 1987, sieben Jahre nach der Flucht aus Verona habe er die Reise nach Verona noch einmal gemacht. Auf die Nachricht vom Tod Bereyters hin kommt die Erzählung zunächst erst gar nicht in Gang, nur in Gedanken hat er sich zunächst in den nachfolgenden Jahren vermehrt mit Bereyter beschäftigt und später erst die Recherchen aufgenommen. Dem amerikanischen Onkel, Adelwarth, ist der Erzähler 1951 als Kind persönlich begegnet, kein Wunder, wenn er erst dreißig Jahre danach den Faden wieder aufnimmt, um ihn dann weitere drei Jahre später fortzuspinnen. Genau ein Jahr nach dem Beginn der englischen Wallfahrt ist er ins Spital eingeliefert worden und dort hat er sich zum ersten Mal Gedanken über eine Niederschrift gemacht, die er erst nach einem weiteren Jahr dann tatsächlich in Angriff nimmt. - Aufschübe und Unterbrechungen scheinen zum erzählerischen Programm zu gehören. Gleichzeitig aber fehlen die Unterbrechungen betonende Sätze wie: Sieben Jahre gingen ins Land. Die Sätze ziehen gleichmäßig auf ihrer schönen vor uns aufgerollten Bahn dahin, der Fluß der Prosa tritt an die Stelle der fließenden Zeit, wenn man nicht ausdrücklich auf die Zeitangaben achtet, nimmt man einen deutlich kürzeren Zeitverbrauch an. 

Naturgemäß stehen nur die Unterbrechungen der Präsenz des Erzählers zur Debatte, daß die Biographien der Ausgewanderten, darunter auch Austerlitz, nicht lückenlos aufgeführt werden können, ist ohnehin klar. Bei den zur Erzählzeit noch lebenden Probanden, Selby, Aurach, Austerlitz stellt sich allerdings eine gewisse Synchronizität zu den Ab- und Anwesenheiten des Erzählers ein. Geht man von ein und demselben Erzähler in den vier Prosabänden aus und bildet die Summe der Abwesenheiten, so ergibt sich wohl eine Zahl, die über die menschliche Lebensdauer hinausgeht. Die Summenbildung wäre aber irreführend, die Abwesenheit in einer Erzählung kann mit der Anwesenheit in einer anderen zusammenfallen. 1966, in seinem einundzwanzigsten Jahr, trifft der Erzähler in Manchester ein und noch in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre trifft er in Antwerpen mit Austerlitz zusammen. Die erzählte Bekanntschaft mit Austerlitz hält an bis zum Ende der neunziger Jahre. Alle anderen Erzählungen sind also zeitlich in Austerlitz eingebettet, vielfach sind sie zudem ineinander verschränkt, so fällt die erste Beschäftigung mit Bereyter in die siebenjährige Karenzzeit zwischen der ersten und der zweiten Italienreise. Eine sorgfältige wissenschaftliche Untersuchung könnte die verschiedenen Erzählteile ihrer zeitlichen Abfolge nach ordnen und reihen. Die Veröffentlichung des so enstehenden übergreifenden Prosawerks würde zu ganz neuen Leseerlebnissen führen.

Freitag, 30. November 2018

Nation

Schlaflos

Von der Terrasse herauf drang der Lärm der Musik und das Stimmengewirr der großteils schon angetrunkenen Gäste, bei denen es sich, wie er zu meinem Leidwesen feststellen mußte, fast ausnahmslos um seine ehemaligen Landleute handelte. Schwaben, Franken und Bayern hörte er die unsäglichsten Dinge untereinander reden, und waren ihm diese, auf das ungenierteste sich breitmachenden Dialekte schon zuwider, so war es ihm geradezu eine Pein, die lauthals vorgebrachten Meinungen und witzigen Aussprüche einer Gruppe junger Männer aus seiner unmittelbaren Heimat mit anhören zu müssen. Tatsächlich wünschte er sich in diesen schlaflosen Stunden nichts sehnlicher, als einer anderen oder, besser noch, gar keiner Nation anzugehören. – Die Nation hat schon seit langem keinen guten Ruf mehr, und zumal die deutsche, so heißt es, soll einen jeden, wenn er nur an sie denkt, um den Schlaf bringen. Auch der Dichter äußert sich harsch und unnachsichtig. Die Angehörigen anderer Nationen, insbesondere solcher Nationen, die die längste Zeit keine waren, sind oft konzilianter, milder im Urteil: Was die Weisheit meiner Nation anbelangt, so gehen die Meinungen auseinander, ale nikt nie powie, że jej jest za dużo – von einem Übermaß an Weisheit aber hat noch nie jemand gesprochen.

Donnerstag, 29. November 2018

Gespräche mit Frauen

Mutlos

Als die Winterkönigin, neben ihm im Gang des Schnellzugs stehend, das Gedicht vom weißen Rasen und schwarzen Krähen aufsagt, ist der Dichter trotz erheblicher innerer Bewegung nur dumm und stumm dagestanden und hat weiter hinausgeschaut in die nahezu vergangene Dämmerwelt. Generell fällt ihm die Gesprächsaufnahme mit Frauen nicht leicht. Dabei hatte es auf der zweiten Italienreise in Limone so gut begonnen. Das Gespräch nimmt seinen Ausgang auf der professionellen Ebene, einen Expreß und ein Glas Wasser möge sie, die Wirtin, ihm in regelmäßigen Abständen reichen, hatte er gebeten. Sie stellt Glas und Tasse vor ihm ab und knüpft eine kleine Unterhaltung an. Als sie erfährt, in dem Roman, an dem er schreibt, käme auch sie vor, geht sie geschwind hinter die Theke zurück, kehrt aber pünktlich wieder mit frischen Getränken und setzt die Unterhaltung fort. Obwohl, oder vielleicht auch weil sich alles derart gut anläßt, beschließt er schon am nächsten Tag weiterzureisen. Im Abteil sitzen neben ihm eine Franziskanerin von vielleicht dreißig oder fünfunddreißig Jahren und ein junges Mädchen mit einer aus vielen farbigen Flecken geschneiderten Jacke um die Schultern, beide von vollendeter Schönheit. Die Schwester liest ihr Brevier, das Mädchen, nicht minder versenkt, einen Bilderroman. Er bewundert den tiefen Ernst, mit dem sie jeweils die Blätter umwenden. Einmal blättert die Franziskanerschwester um, dann das junge Mädchen und dann wieder die Franziskanerschwester. Zu einem Blickkontakt oder gar einem Gespräch kommt es nicht, vielleicht kein Schaden, Worte hätten die traute Stimmung nur gestört. In den Tiroler Stuben des Innsbrucker Bahnhofs dann kommt es zu einer kurzen, aber heftigen Unterhaltung. Auf eine lustig gemeinte und seines Erachtens keineswegs unfreundliche Bemerkung über den Tiroler Zichorienkaffee hin hängt ihm die Bedienerin auf die bösartigste Weise, die man sich denken kann, das Maul an. Der Dichter nimmt es recht gelassen, traumatische Spätfolgen, die sich auf die Begegnung mit der Winterkönigin Wochen später ausgewirkt hätten, sind auszuschließen.

Es ist die Winterkönigin, die mit einem Gedicht, also auf dem ureigenen Feld des Dichters, das Gespräch eröffnet, wen kann es da wundern, daß es ihn gereut und gedauert hat, dumm und stumm dagestanden zu sein. Manches hat ihn schon gereut. Es hat ihn gereut, die Einladung zu den Bregenzer Festspielen angenommen zu haben. Es hat ihn gereut, nicht bei den Ashburys geblieben zu sein, um ihr immer unschuldiger werdendes Leben zu teilen. Es hat ihn gereut, dumm und stumm dagestanden zu sein. Wenig später nur nach der Begegnung mit der Winterkönigin, in der dunklen Vorhalle der U-Bahnstation in London, war außer einer sehr schwarzen, in einer Art Schalterhäuschen sitzenden Negerfrau nicht ein lebendiges Wesen zu sehen. Einige Blicke habe er mit der schwarzen Frau gewechselt, aber den entscheidenden Schritt nicht zu tun gewagt. Kein Wort davon, daß er seine Mutlosigkeit bedauert, daß sie ihn reut. Sie hätte ihn reuen sollen.

Aktentaschen

Per Eisenbahn, per Strick

Eine kurze Filmsequenz des syrischen Fernsehens zeigt Baschar Al-Assad, als er in einem schlichten Anzug okzidentalen Zuschnitts mit einer Aktentasche unterm Arm frühmorgens das Amtsgebäude betritt, wie jeder andere öffentliche Bedienstete bereit für das in seinem Fall besonders schwere Tagwerk. Eine Aktentasche ist immer der Ausweis eines geordneten bürgerlichen Lebens, all das andere, was man sonst noch zu hören und zu sehen bekommt aus Syrien, Kämpfen und Morden, ist offenbar getürkt und erlogen. So unverzichtbar die Aktentasche im bürgerlichen Leben ist, so fehl am Platz ist sie im sakralen. Wenn der Katechet die Flasche mit dem geweihten Wasser in einer schwarzglänzenden, schweinsledernen und nicht gottgefälligen Aktentasche befördert, hat er bereits verloren im Kampf mit Bereyter, der das Weihwasserbecken immer schon aus der profanen Gartenkanne aufgefüllt hat. Ungeachtet seiner tiefen, geradezu körperlich empfundenen Abneigung gegenüber dem Katholizismus gilt Bereyter als gottgläubig, die Umrisse dieser Gottgläubigkeit werden aber nicht erkennbar, auch nicht in der Stunde seines Todes.

In seinem Sterbetagebuch Pogodzić się ze światem, Seinen Frieden machen mit der Welt, findet Stachura am ehesten noch Halt am von keines Gedankens Blässe angekränkelte polnischen Katholizismus seiner Mutter, der ihm selbst naturgemäß verschlossen ist. Das Tagebuch führt vom ersten, in seinem Fall mißlingenden Suizidversuch per Eisenbahn – nur die rechte Hand wurde ihm abgefahren, er schreibt nun mit der linken – zum zweiten und erfolgreichen Versuch per Strick drei Monate später.

Sonntag, 25. November 2018

Schwarz

Verwunschener Ort


Verglichen mit dem menschenleeren Manchester ist die große Stadt London noch einigermaßen belebt, aber auch hier ist an einigen Stellen, wie man gern sagt, bereits der Wurm drin. Die U-Bahnstation war eben die, an der er noch nie jemanden hatte ein- oder aussteigen sehen. Der Zug hält, die Türen öffnen sich, man blickt auf den leeren Bahnsteig, die Türen schließen sich wieder, der Zug ruckt an. Kein einziges Mal hat auch nur einer der Fahrgäste mit der Wimper gezuckt. Die wahrscheinlichste Erklärung wäre, die Gegend um die Station ist unbewohnt und niemand hat Anlaß, ein- oder auszusteigen. Möglich aber weniger einleuchtend wäre eine Art Ghetto, bewohnt von Menschen, die, wie die Amish, mechanisierte Fahrzeuge verschmähen. Dieses Mal nähert sich der Erzähler der Station sozusagen nicht von der See-, sondern von der Landseite her. In der dunklen Vorhalle war außer einer sehr schwarzen, in einer Art Schalterhäuschen sitzenden Negerfrau nicht ein lebendiges Wesen zu sehen. Vielleicht, so denkt er, erübrigt sich die Feststellung, daß er schließlich doch nicht in diese Untergrundbahn hineingegangen ist. Einige Blicke habe er mit der schwarzen Frau gewechselt, aber den entscheidenden Schritt nicht zu tun gewagt. Erübrigt sich die Feststellung, er sei nicht hineingegangen, wirklich, war ihm nicht klar, daß die U-Bahnstation verwunschen ist, daß die nicht nur sehr schwarze, sondern fraglos auch sehr schöne Negerfrau verwunschen ist, daß sie auf jemanden wartet, der sie anrührt und erlöst?

Donnerstag, 22. November 2018

Sauvages

Unverdorben

Die fünfzehnjährige Tochter des Rektors lauschte mit wachsender Hingabe den Gesprächen, insbesondere wenn der vornehme Gast phantastische Geschichten ausmalte, in denen federgeschmückte Krieger vorkamen und Indianermädchen, deren dunkle Haut einen Anhauch zeigte von moralischer Blässe. Ganz besonders war Charlotte bewegt gewesen von dem Bild des Hundes, wie er mit einer Laterne, die er an einem Stecken trug in seinem Maul der angsterfüllten Atala vorausgeleuchtet hatte auf ihrem Weg durch die Nacht. Chateaubriand folgt offenbar dem Bild des edlen Wilden, der bei genauerem Hinsehen in zwei Varianten gesehen wurde, zwar edel aber halt noch wild und daher zu zivilisieren, unmündige Kinder, die erwachsen werden müssen im Gang der Geschichte; oder aber edel und bei genauem Hinsehen gar nicht wild, vielmehr nur unverdorben von der Zivilisation und somit Chance eines Neuanfangs auch für die verbrauchten Europäer. Furet fächert in seinem Aufsatz die Interpretationslage im 18. Jahrhundert weiter auf und erteilt zunächst dem Niederländer Cornelius de Pauw das Wort. De Pauw sah in den Indianern keine edlen Wilden, sondern einen unter den schlechten klimatischen und anderen üblen Bedingungen degenerierten Menschenschlag ohne jede Aussicht auf moralische Blässe. Er prophezeite den eingewanderten Europäern, wenn sie sich nicht schleunigst wieder zurückzögen aus dem unwirtlichen Erdteil, ein ähnliches Schicksal. Jean de Crèvecœur besteht demgegenüber auf den einfachen und natürlichen Sitten der Indianer als einem rettenden Vorbild für die Europäer, die sich längst im zivilisatorischen Prozeß verirrt hätten. Constantin François Volney schließlich verscheucht den romantisierenden Nebel und sagt voraus, was dann auch eingetreten ist. Aufgrund ihres vorproprietären Zustands seien die indianischen Kulturen extrem verwundbar, verdammt sich zu assimilieren oder, was imgrunde dasselbe ist, von der Bildfläche zu verschwinden.

Sonntag, 18. November 2018

Wohin auch immer

Gewahrsam

In der Goldene Taube wird der Dichter, der es gewohnt ist, schlecht bedient zu werden, von der anscheinend eigens in der Halle sich einfindenden Geschäftsführerin des Hotels mit der ausgesuchtesten Zuvorkommenheit behandelt, nicht anders als hätte man in ihm einen seit langem ihnen in Aussicht gestellten und nun endlich eingetroffenen Ehrengast vor sich. Im den Tiroler Stuben des Innsbrucker Bahnhofs schlägt das Pendel gleich wieder zur anderen Richtung aus. Auf eine seines Erachtens gar nicht unfreundliche Bemerkung über den Tiroler Zichorienkaffee hin hängt ihm die Bedienerin auf die bösartigste Weise, die man sich denken kann, das Maul an. Aufs Ganze gesehen wäre es wohl von Vorteil, wenn man den Damen weniger Bewegungsfreiheit einräumen und sie stattdessen in winzigen Zellen verwahren würde, so wie die Pförtnerin des Giardino Giusti, die ihm aus ihrem dunklen Gehäuse am Ausgang zum Abschied zunickt, oder wie die sehr schwarze, in einer Art Schalterhäuschen der Londoner U-Bahn sitzende Negerfrau oder auch wie die hinter den Kassentischen eines Museums sitzenden Damen, die in einer lilafarbenen Bluse und mit einer altmodisch gewellten Frisur in Theresienstadt oder die ein wenig eingeschlummerte Kassiererin der Casa Bonaparte in Ajaccio. Daß die Damen dann und wann ihre Zelle verlassen dürfen, Freigang bekommen, ist nicht verbürgt. Der Mesnerin von Sant’Anastasia hat man vielleicht schon zuviel Bewegungsspielraum zugestanden, ist es doch beunruhigend, wenn sie mit einer Regelmäßigkeit, als hätte sie den ewigen Umgang, immer wieder hervorkommt, sich ein Stück weit ins Dunkel hinein entfernt, um bald darauf, auf ihrer Umlaufbahn zurückkehrend, ihr Gehäuse wieder aufzusuchen. Selbst Luciana Michelotti ist zunächst nur ein geringes Bewegungsfeld zugestanden. Die längste Zeit wirtschaftet sie hinter der Theke und blickt aus den Augenwinkeln immer wieder herüber zum Dichter, in regelmäßigen Abständen bringt sie ihm, wie erbeten, einen Expreß und ein Glas Wasser. Da ist der verlorene Paß eine glückliche Fügung des Schicksals, die es den beiden erlaubt, zunächst gemeinsam zum Polizeiposten zu fahren um dann, nach der überraschenderweise vom Brigadiere vorgenommenen Trauung, miteinander zu verreisen, wohin auch immer. Möge all den Frauen in ihren engen Zellen schon bald ein ähnliches Glück wiederfahren.

Samstag, 17. November 2018

Niederschrift

El Dorado

Howard Hawks Film hat seine Höhepunkte zweifellos in den Szenen, in denen Mitchum das eingerissene, verdreckte, verschwitzte, ursprünglich vermutlich blaßrosa gefärbte Unterhemd mit langen Ärmeln trägt, an dem auf nicht ganz durchsichtige Weise der Sheriffstern hängt, dazu eine form- und farblose, ausgewaschene Hose, auf dem Kopf immer, sobald er das Büro verläßt, der Stetson als Erinnerung an die derzeit pausierende Wohlanständigkeit. Auch die Szene im Waschzuber mit dem Hut als einzigem Kleidungsstück hält das Niveau, nach der abgeschlossenen Verwandlung aber, gestriegelt und adrett gekleidet, ist der Höhepunkt fraglos überschritten.

Darum aber geht es gar nicht, es geht nur um eine einzige, nur wenige Sekunden dauernde geniale Szene. Mitchum, in der geschilderten Kluft des Säufers, lehnt an der Theke und wartet auf die Abfüllung der in Auftrag gegebenen Flasche Whisky, als der sorgfältig und modisch gekleidete Pistolero McLeod mit seinem Gefolge den Saloon betritt. Die fünf, sechs Männer ziehen zwischen Thesen und Kamera vorüber gleich einem überdimensionalen, lebendigen Lattenzaun, in den Lücken ist immer wieder Mitchum zu sehen, jedesmal den Kopf ein wenig weiter in die Richtung gewandt, in der McLeod bereits verschwunden ist, der Gesichtsausdruck ein wenig ungläubig, ein wenig amüsiert, gleichgültig und aufmerksam zugleich, all das ohne die geringste Grimasse, ähnlich einem Erzähler, der das Personal, von dem zu handeln ist, noch einmal an sich vorüberziehen läßt, bevor er sich an die Niederschrift begibt.

Donnerstag, 15. November 2018

Beste Welt

Anders gekommen

Anmerkungen zu Gottfried Keller
Als Keller im Vormärz mit dem Schreiben begann, trieb die Hoffnung auf einen neuen Gesellschaftsvertrag schöne Blüten, stand die Verwirklichung der Volksherrschaft zu erwarten, hätte alles noch anders kommen können, als es dann tatsächlich kam.
Hätte es anders kommen können? Schauen wir uns um bei drei prominenten Gewährsleuten. 

*
Leibniz
Gott kann zwar alle möglichen Welten denken, aber doch nur die beste von ihnen wollen, denn mit seiner Vollkommenheit wäre es unverträglich, das weniger Vollkommene, oder wenn man will, das Böse zu tun. Er hat die beste aller Welten durch seine Weisheit erkannt, durch seine Güte erwählt und durch seine Macht verwirklicht.

Furet
Le postulat de la nécessité de ce qui a eu lieu est une illusion rétrospective classique de la conscience historique: le passé est un champ de possibles à l‘intérieur duquel ce qui est arrivé apparaît après coup comme le seul avenir de ce passé.

Luhmann
Alles könnte ganz anders sein, und kaum etwas läßt sich ändern. 

**

Leibniz‘ Ansatz ist von Voltaire auf die bekannte Weise verspottet worden und hat auch sonst wenig Anhänger gefunden, vielleicht zu Unrecht. Zwar kann die beste der möglichen Welten die Menschen nicht zufriedenstellen, der Herr, moderner als gedacht, mag in seiner Gesamtverantwortung aber auch Faktoren berücksichtigt haben, die nicht den Menschen betreffen. Die beste aller möglichen Welten könnte sich so gesehen noch in einem göttlichen Optimierungsprozeß befunden haben, bevor sich die Revolutionäre der Sache annahmen und die Anthropodizee an die Stelle der Theodizee trat. Die perfekte Welt ließ sich aber, wie schon bald sichtbar wurde, mithilfe des statischen Kants und ähnlicher Denker nicht einrichten. Man ging den halben Weg zu Leibniz zurück und ersetzte Gottes vollkommene Welt, deren innere Bewegung man nicht wahrgenommen hatte, durch eine zeitlich gestreckte, eine werdende Welt. Hegel und Marx wiesen die Richtung, die Theodizee machte der Istoriodizee Platz. Marx glaubte, ein ehernes geschichtliches Gesetz aufgedeckt zu haben, das unweigerlich zum ersehnten Ziel führen mußte. Ehern, stalin, war das Gesetz schon, inzwischen wird aber kaum noch jemand behaupten, das ersehnte Ziel sei erreicht worden. Furet, ursprünglich selbst Kommunist, weist in seinen Arbeiten jeden historischen Determinismus zurück: Lénine, Staline, Hitler sont autant d’accidents: supprimons-les par hypothèse, et tout prends un autre cours. Un autre cours, einen anderen Verlauf – aber keinen völlig anderen. Nationalismus und Universalismus waren laut Furet eine Zwillingsgeburt der Französische Revolution, eine Auseinandersetzung, wie unter Zwillingen üblich, war nicht zu vermeiden, schon aber die extreme Form, in der beide Seiten ihre häßlichste und als solche kaum mehr unterscheidbare Visage zeigten.

Sicher hätte auch zur Zeit des Vormärz alles noch anders kommen können, als es dann tatsächlich kam, anders sollte man aber nicht voreilig als besser lesen; daß es noch schlimmer hätte kommen können, als es dann letztendlich gekommen ist, vermag sich allerdings niemand vorzustellen. Luhmann betritt die Szene nicht als Philosoph oder Historiker, sondern als Evolutionstheoretiker. Geschichte ist für ihn Evolution im Bereich der Gesellschaftsstruktur, verbunden mit dem aus seiner Sicht vergeblichen Wunsch der Evolution in diesem Bereich einen menschenfreundlichen Charakter zu verleihen. Luhmanns Bonmot ließe sich vielleicht noch etwas zielführender so umformulieren: Alles ändert sich ständig, unbekümmert aber um unsere, der Menschen Wünsche. Zu ergänzen bleibt, daß jede Entscheidung, jeder Richtungswechsel Möglichkeiten, die vorher bestanden, beseitigt und andere an den Horizont wirft. Die verborgenen großen Bewegungen weit unten, die von Luhmann diagnostizierte Umwandlung der Gesellschaft von einer primär vertikalen in eine primär funktionale Ordnung etwa, bleiben unberührt und ließen sich nur noch vermittels einer Katastrophe aufhalten. Abgesehen davon hätte aber viel, sehr viel anders kommen können.

Montag, 12. November 2018

Tungkaschila

Auf dem Arm der Mutter

Das Bild ist in der oberen Hälfte fast ganz ausgefüllt von einer aus dem Himmelsblau hervorstrahlenden goldenen Scheibe, die als Hintergrund dient für eine Darstellung der Jungfrau mit dem Erlöserkind. Die Väter, der himmlische Erzeuger und der irdische Adoptionsvater, treten nicht in Erscheinung. Eli, eli lama sabachthani, die christliche Bildwelt hält auf eigentümliche Weise den Kreuzestod des vom Vater Verlassenen das ewige Leben auf dem Arm der Mutter entgegen. Zahllose Romane und Erzählungen haben das immer schwierige Verhältnis zwischen Vater und Sohn vor Augen geführt, von Freud ganz zu schweigen. Die Lakota haben auf der religiösen Ebene reagiert und Gottvater durch Gottgroßvater, Tungkaschila, ersetzt und so für Entspannung im Dies- und Jenseits gesorgt, eine Maßnahme, die dem Dichter, hätte er von ihr gewußt, durchaus einleuchtend gewesen wäre, war es doch der Großvater, der ihn, das Kind, überall an seiner Hand mithingenommen und gleichsam das Leben gegeben hatte.

Dienstag, 23. Oktober 2018

Brücken

Verschlossen

Es war spätabends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehn, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führt und blickte in die scheinbare Leere empor. – Robert Crumbs Illustration läßt Kafkas Brücke über einen Bachlauf führen. Die meisten Brücken überqueren Gewässer, aber längst nicht alle, auch wasserlose Geländevertiefung werden überbrückt, besonders oft auch Eisenbahntrassen. Unwahrscheinlich aber, daß der Landvermesser K. gerade einem Zug entstiegen ist, alles deutet auf das Ende eines längeren Fußweges hin, möglicherweise von einem entfernten Bahnhof her. Warum steht K. längere Zeit auf der Holzbrücke, zögert er weiterzugehen, spielt er mit dem Gedanken der Umkehr? Der Leser wäre es durchaus zufrieden, sich auf ewig mit dieser Frage zu beschäftigen, wenn weiteres nicht käme.

Auf der steinernen Brücke kurz vor den ersten Häusern von W. bleibt der Dichter lange stehen, horcht auf das gleichmäßige Rauschen der Ach und schaut in die nun alles umgebende Finsternis hinein. Im Fall des Dichters ist uns der Weg hin zur Brücke in allen seinen Etappen bekannt: von Bruneck nach Innsbruck im Zug, von dort mit dem Bus nach Oberjoch, von Oberjoch nach W. zu Fuß. Auch für ihn ist sein Ziel in der Finsternis verborgen, und verschwunden bleibt der Ort auch bei einem ersten Rundgang durch die in einem bleichen Licht unbekannter Herkunft daliegenden Straßen. Es ist nicht der Ort, der während der dreißigjährigen Abwesenheit in seinen Tag- und Nachtträumen ständig wiedergekehrt war und ihm vertrauter war als jemals zuvor, nicht von dem, was er vor seinem inneren Auge mit sich trägt, findet er vor. Das Haus des Forstverwalters, eine geschindelte kleine Villa, hatte einem Ferienhaus Platz gemacht, das Spritzenhaus mit dem schönen jalousierten Turm stand nicht mehr, die Bauernhöfe waren ausnahmslos umgebaut und aufgestockt, der Pfarrhof, das Kaplanhaus, die Schule, das Bürgermeisteramt, die Käsküche, das Armenhaus, die Kurz- und Kolonialwarenhandlung von Michael Meyer, alles war auf das gründlichste renoviert, wo nicht gar vollends verschwunden. Die Hallen seiner Kindheit sind noch unzugänglicher als das Schloß, das irgendwann aus Nebel und Finsternis auftauchen wird, sie sind auf immer dahin.

Dienstag, 16. Oktober 2018

Warten

Furcht und Freude

Wenn Großstädte wie Manchester menschenleer sind oder, wie Prag, kurz vor der Entvölkerung stehen - sämtlich chronische Raucher, krank und grau, nicht mehr weit von ihrem Ende entfernt -, dann ist es nicht weiter verwunderlich, wenn der Dichter sich in Hotels, Pensionen oder auch Museen nie in eine Warteschlange einreihen muß. Die Empfangsdamen wenden sich ihm gleich zu, so als hätten sie ihn schon erwartet, in Furcht oder in Freude. Luciana Michelotti gehört sicher zu denen, die ihn mit Freude erwarten, versucht das aber zu kaschieren. Mit auffälliger Langsamkeit nahm sie das Registrationsgeschäft vor, blätterte in Verwunderung vielleicht über seine Gleichaltrigkeit mit ihr, in seinem Paß, verglich mehrmals sein Gesicht mit der Photographie, wobei ihm mir einmal lang in die Augen schaute, verschloß das Dokument zuletzt bedachtsam in seiner Lade und händigte ihm den Zimmerschlüssel aus. Später aber gelingt es ihr dann, die Feriengäste auf die Terrasse zu verbannen, um den Innenraum allein mit dem Dichter zu teilen. Bei der Engelwirtin sieht es auf den ersten Blick eher nach Furcht und Abscheu aus. Mit unverhohlener Mißbilligung musterte sie ihn, sei es wegen seiner von der langen Wanderschaft in Mitleidenschaft gezogenen äußeren Erscheinung, sei es wegen seiner ihr unerklärlichen Geistesabwesenheit. Obzwar ein zur Straße hinaus gelegenes Zimmer im ersten Stock ohne jeden Zweifel verfügbar war, blätterte sie vorwärts und rückwärts in ihrem Register herum, ehe sie ihm die Schlüssel aushändigte. Dabei hielt sie, als sei es ihr kalt, mit der Linken die Strickjacke zusammen und erledigte umständlich und ungeschickt alles nur mit der anderen Hand, wodurch sie, wir ihm schien, sich Bedenkzeit gewinnen wollte diesem eigenartigen Novembergast gegenüber. Was die Langsamkeit des Vorgehens anbelangt, unterscheiden sich die Registrierungsprozeduren in Limone und W. nicht sonderlich, vielleicht verbirgt die Engelwirtin ihre Freude nur um einiges sorgfältiger noch. Hinweise, die diese Deutungsmöglichkeit stützen würden, ergeben sich im weiteren Verlauf allerdings nicht. 

So häufig die Begegnungen mit Empfangsdamen in Übernachtungsstätten und Museen sind - nur zwei wurden hier erneut vorgestellt -, so selten geht der Dichter die Gefahr von Wartezeiten in Ladengeschäften ein, Wartezeiten unter den modernen Bedingungen der Selbstbedienung vornehmlich an der Kasse. Middleton ist nicht der geeignete Ort, die Probe aus Exempel zu machen. Das Mädchen hinter der Theke des ansonsten menschenleeren Dorfladens mißt ihn stumm mit einem mißbilligenden Blick, auf seinen Gruß hin starrt sie ihm nur völlig fassungslos ins Gesicht. Eine Deutung dieses Verhaltens als kaschierter Freude ist nicht möglich, es ist überdies die denkbar blasseste Begegnung überhaupt, wortlos bis zum Ende. Wieviel lebhafter geht es doch an den Kassen der Supermärkte zu, jedenfalls in Ländern, in denen man den Menschen mit offenem Herzen begegnet, da wird die Wartezeit nicht lang. Sie habe ein fabelhaftes Gedächtnis, läßt die Kassiererin wissen, zum Beispiel die Dame, die als nächste an der Reihe ist, sie wisse noch genau, wie sie vor dreißig Jahren ausgesehen habe, ein Fräuleinchen, ein Mädchen, ein Mädchen mit zwei blonden Zöpfen, in einer weißen Bluse, mit einem Jabot, und einem granatfarbenen Plisseerock. Davon sei nun nicht mehr viel übrig. Auch an Pola Negri könne sie sich erinnern, als sie aber von Wincenty Rozański zu Paderewski befragt wird, muß sie passen, nein, von Paderewski weiß sie nichts zu sagen.

Montag, 15. Oktober 2018

Norditaliener

Rudimentäre Typologie

In einer Bar an der Riva kommt der Dichter mit einem Venezianer namens Malachio, Astrophysiker seines Zeichens, ins Gespräch. Malachio sieht alles aus größter Entfernung, nicht nur die Sterne. Astrophysikalischer Erkenntnisgewinn und altmetaphysische Überlegungen zur Auferstehung des Fleisches sind ihm gleich nah und fern. Der Leser, genauer gesagt der Sebaldleser, ist davon angetan, auch wenn er sich keinen rechten Reim darauf machen kann. Salvatore Altamura, den der Dichter vor einer Bar auf der Piazza in Verona trifft, sieht alles aus größter Nähe, zumindest, wenn er seine Lesebrille nicht dabei hat. Er las, die Fernbrille in die Stirn geschoben, in einem Buch, das er so nah vor sein Gesicht hielt, daß es unvorstellbar war, wie er auf diese Weise etwa zu entziffern vermochte. Am Feierabend, so Salvatore, rette er sich unter allen Umständen in die Prosa wie auf eine Insel. Den ganzen Tag säße er in der Lärmflut der Redaktion, am Abend aber setze er über auf eine Insel, und wenn er die ersten Sätze anfange zu lesen, so käme es ihm jedesmal vor, als rudere er weit auf das Wasser hinaus. Naturgemäß ist der Sebaldleser auch von Altamura angetan. Eine Vorstellung vom Aussehen der beiden wird nicht vermittelt, Malachio scheint heller zu sein, Altamura dunkler.

Norditalien ist nicht ausschließlich von Intelligenzlern bewohnt, die volkstümlichen Schichten legen größeren Wert auf die äußere Erscheinung. Am linken Handgelenk trägt der Brigadiere im Polizeiposten eine riesige Rolexuhr, am rechten Handgelenk ein schweres Goldarmband. Beeindruckend ist der demonstrative Schwung, mit dem er das fertiggestellte Dokument aus der Walze reist. Sein Name wird nicht mitgeteilt, auf dem abgelichteten Blatt ist er kaum zu entziffern. Der Gesprächsertrag ist gering, auf die Frage, ob man mit dem Dokument auch ausreisen könne, ist die lapidare Antwort nur: No siamo in Russia, signore. Vollends sparsam mit den Worten ist der Taxifahrer in Mailand. Die Einordnung Mailands als gefährliches Pflaster beantwortet er nur mit einer Geste der Hilflosigkeit. Das Schmuckbedürfnis ist nach außen verlagert in Gestalt eines bunten Medaillons Unserer Lieben Frau zwischen den Armaturen. Mit einiger Sicherheit kann man zusätzlich eine unterm Hemd verborgene Kette mit dem christlichen Kreuz vermuten.

Zwei Augenpaare sind immer wieder auf den Dichter gerichtet, in Venedig und dann in Verona, er glaubt, es sind immer dieselben. Die Augen sind so groß wie die der Lemuren, die Gesichter bleiben dahinter verborgen. Sind es oberitalienische Augen und Gesichter? Falls es, beängstigend aber sehr unwahrscheinlich, die Augen der GRUPPE LUDWIG gewesen sein sollten, so war Furlan der Sohn eines italienischen Primarius an der Abteilung für plastische Chirurgie, Abel dagegen der Sohn eines deutschen Juristen, er zumindest kein waschechter Oberitaliener.

Freitag, 12. Oktober 2018

Ludwig

Gazzetino

Wenn man absieht von den zwei drei Seiten des ausklingenden Endes, schließen beide Italienreisen, die im Jahre 1980 und die im Jahre 1987, mit Erkenntnissen über die Gruppe Ludwig. Verstört und bedrängt von der Atmosphäre in der Pizzeria Verona, holt der Dichter den am Nachmittag gekauften Gazzetino aus der Jackentasche hervor und stößt auf den Bericht zu einem Schreiben der Gruppe Ludwig, in dem sie sich zu einer Reihe von Mordtaten in den Jahren 1977 bis 1980 bekennt. Opfer sind ein Zigeuner in Verona, ein Kellner in Padua und ein Heroinsüchtiger in Venedig. Verständlicherweise führt die Lektüre des Artikels nicht zu einer seelischen Beruhigung. Besser, er hätte den Gazzetino nicht erstanden.

Bis zum Jahr 1980 wisse er ja gut Bescheid, leitet Salvatore Altamura seinen Bericht ein und fährt fort, in einem zweiten Bekennerschreiben habe die Gruppe den Tod derjenigen, die Gott verraten hätten, als Grund und Ziel ihres Tuns genannt. Ihre Attentate hatten sich seither beschleunigt und waren nicht auf Einzelpersonen beschränkt geblieben. Sechs Männer waren in einem von ihnen gelegten Brand in einem Mailänder Pornokino auf einen Schlag zu Tode gekommen. Festgenommen wurden die Gruppe, die, wie sich zeigte, nur aus zwei jungen Männern bestand, wenig später, als sie in Castiglione delle Stiviere versuchten, Feuer in einer an dem Abend von vierhundert jungen Leuten besuchten Diskothek zu legen. Er glaube, so schließt Altamura seinen Bericht, sie waren zueinander wie Brüder und wußten nicht, wie sie herauskommen sollten aus ihrer Unschuld - undurchsichtige Bemerkungen sind nicht Kafkas alleiniges Privileg. Das Team Ludwig stammt aus gutem Hause, Furlan der Sohn eines Chirurgen, Abel der Sohn eines deutschen Juristen, Abel studiert Mathematik, Furlan Chemie. Naturwissenschaft und Rächer im Namen Gottes, die Struktur ähnelt der des venezianischen Astrophysikers Malachio, der in Ergänzung der Sternenforschung auch das Geheimnis der Auferstehung des Fleisches zu ergründen versucht. Verfehlungen sind im Fall Malachios aber nicht bekannt geworden.

Der Dichter war nur durch Zufall in die Pizzeria Verona geraten, zum Gazzetino hatte er nur in der Not seines inneren Aufruhrs gegriffen, was hatte ihn so beeindruckt an der Geschichte der Gruppe Ludwig, daß er eigens einen Gewährsmann um Unterrichtung gebeten hatte? Vermutlich hatte er die Geschichte in Zusammenhang gebracht mit den Augenpaaren zweier junger Leute, die er immer wieder auf sich gerichtet fühlte. Von ihm, dem Dichter, erfolgt aber kein Kommentar auf Altamuras Bericht, keine Erkenntnis, kein einziges Wort. Nichts gewonnen und doch zerronnen, ein Zeichen gelingenden Erzählens.

Donnerstag, 11. Oktober 2018

Augenpaare

Im Blickpunkt

Beyle, der imgrunde immer gesehen werden möchte, hält irrtümlich einen gelben Rock, dunkelblaue Beinkleider, schwarz lackiertes Schuhwerk, einen extrahohen Velourshut und ein paar grüne Brillen für das geeignete Outfit, um seiner Geliebten heimlich und inkognito nach Volterra zu folgen. Obwohl er einerseits niemanden für weniger sehenswert hält als sich selbst, fühlt Dr. K. ständig fremde Augen auf sich gerichtet, am liebsten wäre er unsichtbar. In Triest, so kommt es ihm vor, bleiben die Leute auf der Straße stehen und blicken ihm nach, als wollten sie sagen, da ist er ja endlich. Haben sie einen großen Verbrecher erwartet oder den Messias oder aber, aufgrund eines rätselhaften Mißverständnisses einfach den in jeder Hinsicht unmöglichen Dr. K.? In Desenzano hat sich die Mehrheit der Einwohner des Ortes zu seinem Empfang auf dem Marktplatz versammelt, er aber liegt drunten am See in Gras, und als einziger Trost bleibt ihm, daß niemand weiß, wo er ist. Von den Einwohnern von Desenzano ist nicht bekannt, wie lange sie an diesem Nachmittag nach ihm Ausschau gehalten haben und wann sie enttäuscht wieder auseinandergegangen sind. Anstelle des absenten Dr. K. rückt auf der einschlägigen Illustration der Leser in den Blickpunkt der Versammelten und kann sich eines Gefühls der Bedrohlichkeit nicht erwehren. Kaum jemand, so führt Dr. K. aus, habe den rechten Blick, zumal nicht in der Liebe, es gäbe fast nur solche, die die Augen geschlossen hielten, und, was dasselbe sei, solche, die sie weit aufrissen vor Gier. Da ist es nicht verwunderlich, wenn die russische Dame ihm von unten in die Augen schaut und festhält, er sei wohl der seltsamste Gast in Riva seit langem. Der Dichter steht zu den ihm Vorausreisenden in einem Verhältnis der eingeschränkten Wiederholung und Nachahmung. Auf dem Feld der Liebe führt das zum für die Dauer eines flüchtigen Augenblicks bemessenen Eheverhältnis mit Luciana Michelotti. Was die Beobachtung durch fremde Augen anbelangt, so findet er im Bahnhof Venedig zwei Augenpaare auf sich gerichtet. Es kommt ihm vor, als seien ihm die beiden jungen Männer, die, wie er sich nicht nur einbildete, zu ihm herüberschauten, seit seiner Ankunft in Venedig schon mehrfach begegnet. In Verona nimmt er im tiefen Schatten der jenseitigen Hälfte der Arena zwei Gestalten wahr, bei denen es sich bei genauerem Hinsehen zweifellos um die beiden jungen Männer aus der Ferrovia handelte. Sie erhoben sich, und es dünkte ihn, als verbeugten sie sich gegeneinander, ehe sie im Dunkel des Ausgangs verschwanden. Am Abend dann, als er in der Pizzeria im Gazzetino von der mörderischen ORANIZZAZONE LUDWIG liest, vermischen sich die Eindrücke, und er verläßt Italien in panischer Eile. Als Salvatore Altamura ihn sieben Jahre später detailliert über die Organisation unterrichtet und auch darüber, daß sie nur aus zwei jungen Männern, Furlan und Abel, bestanden habe, fühlt er sich in einem gewissen Umfang bestätigt, obwohl die Wahrscheinlichkeit, alles sei, wie schon bei Dr. K., nur eine Projektion seiner von Schwindelgefühlen geplagten Einbildungskraft gewesen, nach wie vor überwältigend ist. Ad acta. Die ausgehenden Sommerwochen verbringt der Dichter mit verschiedenen Arbeiten in Verona, die Oktoberwochen in einem Hotel oberhalb von Bruneck, ohne in den Fokus bedrohlicher Augenpaare zu geraten.

Mittwoch, 10. Oktober 2018

Pizza Cadavero

Silberknöpfe

Ich weiß nicht, wie ich mir in den fremden Städten die Lokale aussuche, in die ich einkehre. Einerseits bin ich zu wählerisch und gehe stundenlang durch die Straßen und Gassen, ehe ich mich entscheiden kann; andererseits gerate ich zuletzt meistens wahllos einfach irgendwo hinein und verzehre dort in trostloser Umgebung und unter Unbehagen ein mir in keiner Weise zusagendes Gericht – auf diese, von ihm selbst beschriebene Weise, imgrunde also gegen seinen Willen, gelangt der Dichter in die Pizzeria Verona. Schon das Ambiente ist nicht jedermanns Sache. Der Bodenbelag und die Wände waren in einem gräßlichen maritimen Blau gehalten gehalten, das jede Hoffnung je wieder festes Land sehen zu dürfen, zunichte machte. Man sollte in diesem Zusammenhang allerdings nicht aus den Augen verlieren, daß das stilistisch ähnlich einzuordnende Wadi Halfa Aurach vorzüglich paßt, und mit ihm auch Austerlitz und dem Dichter. Die des weiteren erwähnte nur halb verzehrte Pizza ist kein sicheres Indiz ihrer mangelnden Qualität. Der Umstand, mit dem Wirt namens Carlo Cadavero allein in dem Gastraum zu sein, mag nicht ermuntern und vielmehr klaustrophobische Impulse auslösen, die vernehmbaren Gesprächsfetzen aus dem andauernden Telefonat, das Signor Cadavero mit einem Unbekannten führt, sind an sich aber nicht beunruhigend. Wenig erheiternd, für einen Menschen im Gleichgewicht aber auch nicht verstörend sind allerdings die Nachrichten über die mörderische ORGANIZZAZIONE LUDWIG, die im Gazzetino zu lesen sind. Die Panik, die den Dichter ergreift und flüchten läßt, ist alles in allem offenbar endogener Art.

Als der Dichter sieben Jahre später in Verona durch dieselbe Straße geht, findet er die Pizzeria verschlossen, die Eingangstür mit einer Spanplatte vernagelt. Die Erkundigung beim Photographen gegenüber bleibt erfolglos, der Mann schweigt hartnäckig, und bricht dann, als der Dichter geht, in wüste Verwünschungen aus, die offenbar den einstigen Betreibern der Restauration gelten. Womöglich war die Beängstigung sieben Jahre zuvor doch nicht unbegründet. Zwei Hochzeitsreisende bittet er um ein Photo der Fassade. Was er damit beabsichtigt, bleibt unklar, aufklärerische Absichten hinsichtlich dessen, was sich in der Pizzeria abgespielt hat, können kaum im Spiel sein. Es wäre ein Leichtes gewesen, Salvatore Altamura nicht nur zur Gruppe Ludwig, sondern auch zu den Vorgängen in der Taverne Cadavero zu befragen, scusi, un'altra domanda per favore, die Frage unterbleibt. Mit zumindest einem Fuß folgt der Dichter immer auch dem Weg des mythischen Duos. Wichtiger als Aufklärung ist ihm die Vision, die ihn im Angesicht des aufgelassenen Hauses überkommt. Zwei Männer, schwarze Röcke, silberne Knöpfe, eine Bahre, unter einem blumengemusterten Tuch ein Mensch, es ist aufs Haar genau, bis hin zu den Silberknöpfen die gleiche Anordnung, in der der Jäger Gracchus an Land getragen wurde, als Kafka nicht weit entfernt von Verona in Riva wohnte.

Mittwoch, 3. Oktober 2018

École de vertige

In der Fremde

L’exile est une école de vertige: All’estero unter Schwindelgefühlen, das klingt wie ein Echo auf die Einlassung des aus Rumänien ausgewanderten Philosophen. Wir werden Zeuge einer experimentellen Selbstexilierung, die schon auf der ersten Station, Wien, aus der Bahn zu gleiten droht. Deutliche Spuren der Verwahrlosung waren schon bald nicht zu übersehen, er begann in einer aus England mitgebrachten Plastiktüte allerlei unnütze Dinge mit sich herumzuführen, die ihm immer unentbehrlicher wurden. Der Anblick des inwendig schon gänzlich in Fetzen aufgelösten Schuhwerks entsetzt ihn, es würgt ihm im Hals und die Augen trüben sich. Der Übergang in die Lebensform des Stadt- und Landstreichers kann noch abgewendet werden, Verwirrung aber bleibt, Bedrohlichkeit, eingebildet oder tatsächlich. Sind wirklich zwei Augenpaare auf ihn gerichtet in Venedig wie auch in Verona, oder bildet er es sich ein, sind es harmlose Augenpaare oder sind es die Augen der GRUPPE LUDWIG, die Augen Furlans und Abels, die ihn ins Visier nehmen. In der Pizzeria VERONA bricht er den Selbstversuch wegen übergroßer Schwindelgefühle ab und fährt nach Haus, zurück in ein Land, von dem wir nichts wissen, und von dem wir nichts erfahren, ein Zwischenreich offenbar, kein Estero, keine Fremde, aber auch keine Heimat, Patria. Sieben Jahre später macht er sich wieder auf in die Fremde. 

Die zweite Reise ist weniger eine Wiederholung und Fortsetzung als der Versuch einer Auswertung der ersten, Schwindelgefühle stellen sich gleichwohl ein, spätestens bei der Begegnung mit den Kafkazwillingen und ihren Eltern im Bus nach Riva. Im Ergebnis fährt er nur bis Limone und findet Frieden unter den Augen Lucianas, die hinter ihrer Theke wirtschaftet und immer wieder aus den Augenwinkeln zu ihm herüberblickt, so als wollte sie sich vergewissern, daß ihm bei seinen Aufzeichnungen der Faden nicht abgerissen sei. Wichtiger Teil und Endpunkt der Auswertung ist der Report Salvatore Almaturas. Den unwahrscheinlichen Verdacht, vor sieben Jahren habe die GRUPPE LUDWIG ihre Augen auf den Exilanten gerichtet, kann er naturgemäß nicht bestätigen, aber auch nicht widerlegen. Gleichwohl ist mit dem Bericht Altamuras die Mission erfüllt, das nomadenhafte Weiterziehen kommt zu seinem Ende, die ausgehenden Sommermonate verbringt der Reisende mit verschiedenen Arbeiten in Verona, die Oktoberwochen in einem Hotel oberhalb von Bruneck.

Der Aufenthalt all’estero geht über in den ritorno in patria, nach Bekundung des Reisenden ein Ort weiter in der Fremde als jeder andere denkbare Ort. Patria ist denn auch nicht die aktuelle Ortschaft W., die er kaum wahrnimmt, sondern das W. seiner Kindheit, in das er sich zurückversetzt, vor allem die Zeit in der Obhut des Großvaters, die gemeinsamen Besuche beim Uhrmacher, die regelmäßigen Besuche bei der Mathild, die gemeinsamen Wanderungen durch das Land der Kapellen, die Betreuung während der Diphterie. Das Verlassen der Kindheit ist die eigentliche Exilierung, der Aufenthalt all’estero nurmehr eine Verdeutlichung, niemand hat intensiver darauf bestanden als Cioran: der Segen der Kindheit und der Fluch des Lebens.

Montag, 17. September 2018

Menschen getroffen


All’estero

Die englische Wallfahrt wird fast ausschließlich zu Fuß absolviert, All’estero ist Selysses vorwiegend mit Verkehrsmitteln unterwegs, in den Städten legt er allerdings häufig nicht unbedeutende Fußstrecken zurück. In England trifft er vor allem Bekannte, mit denen er sich offenbar verabredet hat, all’estero macht er so gut wie nur Zufallsbekanntschaften.

Wien
Mit drei oder vier Personen hätte er sprechen können, aber die Telefone blieben stumm. Einige hat er getroffen die mit Sicherheit nicht mehr am Leben waren, die Mathild Seelos etwa. Außer mit Kellnern und Serviererinnen hat er mit niemanden ein Wort gewechselt. Nur mit den Dohlen in den Anlagen und mit einer weißköpfigen Amsel hat er einiges geredet. Zurück im Hotel spürte er den fragenden Blick des Nachtportiers im Rücken. Er faßte den Entschluß, mit dem Abendzug nach Venedig zu fahren, vorher aber noch den Tag mit Ernst Herbeck zu verbringen.

Der Tag mit Ernst Herbeck ist eine Geschichte in der Geschichte und der übergreifenden Erzählung nicht wirklich eingepaßt. Man sollte sie gesondert lesen und bei der Lektüre von All’estero dann überspringen. Folgt man dieser Anweisung, bleibt niemand, abgesehen von den Dohlen und der weißköpfigen Amsel, mit dem Selysses in Wien ernstlich gesprochen hätte, niemand, den er getroffen hätte.

Venedig
Unweit entfernt saß ein Mensch, den er sogleich als Ludwig II. von Bayern erkannte. In der Bar an der Riva ist er mit einem Venezianer namens Malachio, Astrophysiker seines Zeichens, ins Gespräch gekommen. In der Ferrovia findet er zwei Augenpaare auf sich gerichtet.

Ludwig II. ergänzt die Reihe der Zombies (Mathild Seelos u.a.) aus Wien. Die Begegnung mit Malachio ist eine der wichtigsten, auch wenn man ihren Ertrag nicht recht deuten kann. Wie ernst die beiden Augenpaare zu nehmen sind, läßt sich nicht klären.

Verona
Indem er sich dem Ausgang des Gartens zuwandte, erwiderte er den Gruß der Pförtnerin, die ihm aus ihrem dunklen Gehäuse heraus zunickte. Den Cicerone in der Arena betrachtet er nur aus der Ferne. Die beiden jungen Männer mit den beiden Augenpaaren finden sich auch hier wieder ein, sie betrachten ihn, wie er glaubt. An einem Gespräch mit der Mesnerin von Sant’Anastasia ist er anscheinend nicht interessiert. In der Pizzeria VERONA vermag er nicht, den Kellner herbeizurufen. Im Zug setzt sich eine alte Tirolerin mit ihrem vielleicht vierzigjährigen Sohn, sie steigen in Bozen aus.

Einen Menschen getroffen: zu einem minimalen beiderseitigen Kontakt kommt es nur mit der Pförtnerin.

Wieder Venedig
Keinen Menschen getroffen, nur eine Masse von Touristen und eine Ratte. 

Padua
Begegnung mit Giotto in der Kapelle Enrico Scrovegni.

Desenzano
Er beobachtet, wie ein Carabiniere sein Auto unmittelbar vor dem Bahnhof ins Halteverbot stellt, die versammelten Taxifahrer spielen daraufhin eine Art Komödie mit ihm, um sich die Langeweile zu vertreiben. In den Bus nach Riva steigen zwei Knaben zu, die dem jungen Kafka wie zwei Eier dem dritten ähneln. Ein Versuch, mit dem Elternpaar ins Gespräch zu kommen, scheitert aufgrund unzureichender Sprachkenntnisse auf desaströse Weise.

Der Carabiniere und seine Quälgeister werden aus sicherer Distanz beobachtet. Die sprachliche Barriere verhindert den Meinungsaustausch mit den Busreisenden.

Limone
Er füllte die Bogen des Schreibblocks, Luciana, die hinter der Theke wirtschaftete, blickte immer wieder aus den Augenwinkeln zu ihm herüber, als wolle sie sich vergewissern, daß ihm der Faden nicht abgerissen sei. Der Padrone tritt erst in Erscheinung, als es gilt, das Rätsel des verlorenen Passes zu lösen. Der Brigadiere stellt auf der Polizeistation schwungvoll die nötige Verlustbescheinigung aus.

Worte werden mit Luciana nur wenige gewechselt, aber es herrscht ein tiefes Einverständnis. Einmal hat sie möglicherweise sogar seine Schulter berührt. Der Padrone und der Brigadiere sind flüchtige, wenn auch einprägsame Erscheinungen

Mailand
Ihm gegenüber im Zug nach Mailand saßen eine Franziskanerschwester von vielleicht dreißig oder fünfunddreißig Jahren und ein junges Mädchenmit mit einer aus vielen farbigen Flecken geschneiderten Jacke um die Schulter. Von vollendeter Schönheit waren sie beide. Am Ausgang des Bahnhofs kommen zwei junge Männer, heftig aufeinander einredend auf ihn zu, und plötzlich spürte er ihre Hände unter seiner Jacke. Mit dem Taxifahrer tauscht er sich während der Fahrt zum Hotel über die Gefährlichkeit des Mailänder Pflasters aus. Im Hotel Boston hält die Signora, ein fast völlig ausgetrocknetes Wesen, skeptisch ihren Vogelblick auf ihn gerichtet. Im Wartesaal des deutschen Konsulats trifft er auf eine Artistenfamilie, bestehend aus dem Oberhaupt, einer nordländisch wirkenden jungen Frau, der Nonna und drei Töchtern. Ein zwergwüchsiger Konsulatsbeamter stellt ihm den neuen Paß aus. Von der obersten Galerie des Domes sieht er die Menschen über die Piazza hasten, lauter Mailänder und Mailänderinnen.

Unmittelbar nach der Trennung von Luciana findet er Trost in den beiden schönen Mitreisenden, die Härte des Lebens trifft er dann in Gestalt der beiden Raublustigen. Der Taxifahrer mit dem Medaillon Unserer Lieben Frau zwischen den Armaturen beeindruckt ähnlich wie zuvor der Brigadiere mit der Rolexuhr und der Goldkette, die Signora in der Rezeption ist kein rechter Trost, umso mehr die Artistenfamilie im Wartesaal des Konsulats. Der Konsulatsbeamte verrichtet still seine Pflicht. Die Mailänder und Mailänderinnen sind auch bei aufkommendem Sturm unterwegs.

Wieder Verona
Im Hotel wird er vom Portier und dann von der Geschäftsführerin mit ausgesuchter Zuvorkommenheit behandelt. Obzwar die Bibioteca Civica offiziell geschlossen ist, sieht der Bibliotheksangestellte keine Schwierigkeit, ihn einzulassen. Als er am späten Nachmittag die Uferpromenade des Adige entlangspaziert, schließt sich ihm ein herrenloser hellfarbiger Hund an. Zwei Männer in schwarzen Röcken mit silbernen Knöpfen tragen aus einem Hinterhaus eine Bahre heraus, auf der unter einem blumengemusterten Tuch offensichtlich ein Mensch lag. Der Photograph gegenüber der geschlossenen Pizzeria VERONA stellt sich taubstumm. Das aus der Erlanger Gegend stammende Paar macht auf seinen dringenden Wunsch hin ein Photo der Pizzeria, weigert sich aber, ein zweites zu machen. Salvatore Altamura berichtet über drei Dinge, über das Buch, das er gerade liest, dann, auf Wunsch des Erzählers, über die GRUPPE LUDWIG und schließlich über die Aufführungsgeschichte der Oper Aida.

Liste der Begegnungen:
Wien
Mögliche Telefonkontakte
Mathild Seelos u.a. Zombies
Kellner und Serviererinnen
Dohlen
Nachportier
Ernst Herbeck
Venedig
Ludwig II 
Malachio
Zwei Augenpaare
Verona
Pförtnerin
Cicerone
Zwei Augenpaare
Mesnerin
Kellner
Mutter und Sohn
Desenzano
Carabiniere und Taxifahrer
Zwei Knaben und ihre Eltern
Limone
Luciana Michelotti
Il Padrone
Il Brigadiere
Mailand 
Die zwei Schönen
Zwei Unholde
Taxifahrer
Signora im Hotel Boston
Artistenfamilie
Konsulatsbeamter
Mailänder und Mailänderinnen
Verona
Portier und Geschäftsführerin
Bibliotheksangestellter
Hellfarbiger Hund
Zwei Männer mit Bahre
Photograph
Paar aus Erlangen
Salvatore Altamura

*
Begegnungen, denen eine gewisse Prominenz zukommt, sind unterstrichen. Die wortreichste Begegnung ist die mit Salvatore Altamura. Aber auch wortlose Begegnungen, wie die mit den zwei Schönen im Zug nach Mailand, können Prominenz erlangen. Die Begegnung in Limone hat die Besonderheit, daß der Erzähler hier womöglich mehr spricht als Luciana Michelotti. Alle Begegnungen sind flüchtig und wiederholen sich nicht. Klang und Rhythmus der Prosa sind davon entscheidend bestimmt, dem ruhigen Fluß der Sätze widerspricht ständig die Rastlosigkeit der Begegnungen. Der Prosaerstling steht in dieser Hinsicht in einem krassen Gegensatz zu Austerlitz, dem letzten Werk des Dichters. Hier trifft sich der Erzähler im Prinzip nur mit einer Person, Austerlitz, und das immer wieder. Wäre der Dichter bei den betörenden, flüchtigen Nichtigkeiten der Schwindel.Gefühle geblieben, hätten wir womöglich noch mehr Grund ihn zu bewundern.

Tiefbau

Kotlowan

Josef K. wird eines Morgens verhaftet, obwohl er nichts Böses getan hatte, Woschtschew, der auch nichts Böses getan hatte, wird entlassen wegen Träumerei bei der Arbeit in einer Maschinenfabrik. Dem ersten Anschein nach ergeht es Woschtschew besser als Josef K., er wird nicht verhaftet und findet bereits in der nächsten Ortschaft eine neue Arbeitsstelle beim Aushub der Grube für den Bau eines Allproletarischen Gemeinschaftshauses. Einen Einblick in die Baupläne erhalten wir nicht und wir sind auch nicht sicher, daß es Baupläne gibt. Noch während des Aushubs wird beschlossen, den Umfang der Grube um ein Mehrfaches zu erweitern, ohne daß von einer Anpassung des Bauplans für das Gebäude die Rede wäre. Auf keinen Fall wäre der fertiggestellte Bau nach Austerlitz‘ Einteilung auf der richtigen Seite, nicht bei den Bauten unter dem Normalmaß der domestischen Architektur, nicht bei der Feldhütte, der Eremitage, dem Häuschen des Schrankenwärters, dem Aussichtspavillon, der Kindervilla im Garten, Bauten die wenigstens einen Abglanz des Friedens uns versprechen. Im Gegenteil, das Allproletarische Gemeinschaftshaus soll die einfachen, friedlichen bäuerlichen Katen ersetzen. Das Allproletarische Gemeinschaftshaus würde, wie der Brüsseler Justizpalast zweifellos zu den Riesengebäuden zählen, von denen niemand, der bei rechten Sinnen ist, behaupten kann, daß sie ihm gefallen.

Das einzige Bauwerk, das in Platonows Kotlowan fertiggestellt wird, ist ein Floß, auf dem man die Großbauern und andere sogenannte Kapitalisten ins Verderben schickt. Was das Allproletarische Gemeinschaftshaus anbelangt, so bleibt es beim Grubenbau zu Babel, ein getreues Abbild des auf ungezählten Toten vom Baumeister Stalin errichteten, von Menschen nicht bewohnbaren Gebäudes der kommunistischen Gesellschaft in den frühen dreißiger Jahren. Aber ist nicht alles Bauen auf Toten gegründet? Gerade wie die Lebendigen ziehen die Toten, wenn es ihnen zu eng wird, nach draußen in eine weniger dicht besiedelte Gegend. Aber es kommen ja immer neue hinzu, in unendlicher Folge. In jedem Kubikmeter Abraum, den man aus einer Grube entfernt, mögen die Gerippe von durchschnittlich acht Menschen gefunden werden. Über die solchermaßen mit dem Staub und den Knochen zusammengesunkenen Leiber versetzte Erdschicht hinweg wuchs dann eine neue Stadt, oft in einem immer verwinkelter werdenden Gewirr fauliger Gassen und Häuser, zusammengebacken aus Balken und Lehmklumpen und jedem sonstigen verfügbaren Material. Dem sollte mit den Allproletarischen Gemeinschaftshäusern ein Ende gesetzt werden. Der Erfolg ist ausgeblieben.

Sonntag, 16. September 2018

Nachsicht

Nur sehr wenig

Als die Bedienerin in den Tiroler Stuben ihm auf die seines Erachtens gar nicht unfreundliche Bemerkung hin auf die bösartigste Weise, die man sich denken kann, das Maul anhängt, scheint er einigermaßen nachsichtig darüber hinwegzugehen. Gut denkbar aber, daß er seinen Groll später im Bus an den Tiroler Weibern ausgelassen hat. In gewissen Abständen standen sie unter ihren schwarzen Regendächern an den Haltestellen. Es kam auf diese Weise im Bus bald eine ganze Zahl solcher Tiroler Weiber zusammen. Sie unterhielten sich in einem hinten im Hals wie eine Vogelsprache artikulierten Dialekt, so als seien es keine Menschen. Ist sein Ohr verantwortlich für diese Wahrnehmung oder aber der nachhallende Groll? Vielleicht, wenn auch er zuvor den junge Mann gesehen hätte, wie er auf dem Boden saß, die Schultern an die Tischbeine gelehnt, die Knie bis zum Kinn hochgezogen. Mit den Händen hielt er die Knie umfaßt. Er saß unbeweglich da in dieser melancholischen Grundhaltung, und schaute, und hörte, und ein Schauder hätte ihn, den Betrachter, überlaufen, denn es war als würde der junge Mann urteilen über die Welt. Mit aller Strenge. Ohne Nachsicht (bez pobłażliwości). Und das war schrecklich. Denn ohne Nachsicht würde von all dem hier wenig bleiben. Von dem, das ich kenne, hätte er sich sagen müssen, nur wenig. Nur wenig und nur Wenige. Von allem, was ihm bekannt ist, nur sehr, sehr wenig.

Dienstag, 11. September 2018

Brunnen der Höflichkeit

Ein Fest

Auch wenn den Hauptdarstellern und den Komparsen dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen ist, sind sie sich doch nicht in allen Punkten gleich. Zwischen den Protagonisten ist Höflichkeit so selbstverständlich, daß man sie gar nicht bemerkt. Das Verhältnis zwischen Hauptdarstellern und Komparsen steht dagegen nicht immer im Zeichen der Freundlichkeit und Feingefühl. In Restaurants wird Selysses in der Regel schlecht bedient, in Hotels und Pensionen nicht immer mit einem Lächeln empfangen. Im Hotel Boston zu Mailand kommt die Signora, ein völlig ausgetrocknetes Wesen von sechzig bis siebzig Jahren aus dem Fernsehzimmer hervor und hält skeptisch ihren Vogelblick auf Selysses gerichtet, in Kissingen ist das Foyer des Hotels so leer wie der Bahnhofsvorplatz und die Empfangsdame mustert ihn mit einem Blick, als befürchte sie von ihm einen Hausfriedensbruch. Im Lift sieht er sich einem gespenstischen alten Ehepaar gegenüber, das ihn mit einem Ausdruck unverhohlener Feindseligkeit, wo nicht gar des Entsetzens anstarrt. Selysses selbst läßt sich wohl keine unmittelbare Unfreundlichkeit zu Schulden kommen, lästert aber hinter dem Rücken von Leuten, die ihm mißfallen, so über die Tirolerinnen im Bus von Innsbruck nach Oberjoch oder über den Brotzeitesser im Zug nach Kissingen.

Szerucki ist ein großer Freund von Höflichkeit. Gern genehmigt er sich schon am Morgen in der Knajpa einige Gläschen, parę kieliszków, es graust ihm aber, wenn er dabei die wenig höflichen Gespräche wahrer Männer über die Frauen mitanhören muß. Darin ähnelt er schon fast Aljoscha Karamasow. Andererseits sind auch ihm Grobheiten nicht fremd. Als ihn jemand auf der Straße um ein paar Złote bittet, fertigt er ihn ab mit dem Wort Spierdalaj, das bei wörtlicher Übersetzung in korrektes Deutsch Fuck off ergibt. Als Szerucki bei anderer Gelegenheit die Öffentliche Bibliothek auf Rädern aufsucht, kommt es zwischen ihm und der Bibliothekarin, Panna Halinka, zu einem ausufernden Fest, einem Tanz der Höflichkeit, schließlich hat Szerucki das Gefühl, in einem Brunnen der Höflichkeit (studnia uprzejmości) zu versinken. Tief ist der Brunnen der Höflichkeit, es scheint kein Entkommen zu geben, jedes höfliche Abschiedswort auf der einen Seite fordert unweigerlich das nächste höfliche Abschiedswort auf der anderen Seite heraus und so fort, schließlich aber gelingt es Szerucki doch zu entweichen mit einem: Es hat mich sehr gefreut, Pani Halinko, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Auch wenn die Situation am Ende, im Brunnen, schon fast bedrohlich schien, ist das Fest der Höflichkeit doch eine wahre Freude in einer Welt, für die Feindseligkeit und Entsetzen nicht ungewöhnlich sind. 

Montag, 10. September 2018

Distanz

Bildungsgrade

Malachio hatte in Cambridge Astrophysik studiert und sah alles aus der größten Entfernung, nicht nur die Sterne. Riesenhafte Entfernungen sind das ihrem Gegenstandsbereich inhärente Markenzeichen der Astrophysik, die richtige Entfernung aber ist der Prüfstein einer jeden Wissenschaft, wie weit muß man zurücktreten, um das rechte Bild zu erlangen. Es ist nicht so, daß für jede Wissenschaft eine und nur eine Distanz die richtige wäre, vielmehr bringen unterschiedliche Distanzen unterschiedliche Ergebnisarten zu Tage. Luhmann schwingt sich in extreme Höhen der Theorie, er ist gleichsam der Malachio der Soziologie. Andere bleiben auf dem festen Boden der Empirie und wollen durch Umfragen zur Wahrheit vorstoßen. E. Todd verläßt sich auf die Statistik, die er auf sonst wenig beachteten und verborgenen Feldern zur Anwendung bringt. Zentral für seinen Ansatz ist die in der jeweiligen Gegend dominante Familienstruktur, die durchaus bereits der Vergangenheit angehören kann, als sogenannte Zombiestruktur aber weiterhin die Vor- und Einstellungen der Menschen beeinflußt. Alphabetisierung, Bildungsstand und Rückgang der Kinderzahl sind für ihn entscheidende Meßbereiche fortschreitender Modernisierung. Einen Namen hat sich Todd damit gemacht, daß er den Untergang der Sowjetunion auf der Grundlage seiner Vermessungen weit vor der Zeit voraussagen konnte.

Wenn man den Fritz als Banknachbar in der Schule hat, sieht alles ganz anders aus, Distanz ist bei dieser Nähe nicht möglich. Auch der Fritz war sichtlich um seine Arbeit bemüht, doch ging sie ihm unendlich langsam vonstatten. Sogar als die Nachzügler längst fertig waren, hatte er nicht mehr als ein Dutzend Kreuzchen auf seinem Blatt. Nach einem stillschweigenden Blickwechsel führte der Banknachbar geschwind das fragmentarisches Werk zu Ende. Der Lehrer, Bereyter, hatte an dieser Kooperation nichts auszusetzen gehabt. Ob der Einfluß der im Alpenvorland vorherrschenden Formation der Stammfamilie diese Schüler und Lehrer übergreifende Hilfsbereitschaft ermöglichte, müßte der Fachmann entscheiden. Indem der Fritz durch hilfreiche Hände zum erfolgreichen Schulabschluß geführt wurde, ergab sich in jedem Fall ein positiver Einfluß auf die Bildungsstatistik, ohne daß man dabei über ein vernünftiges Maß hinausgeschossen wäre. Wem hätte es genutzt, wenn aus dem Fritz nach Abitur und Diplom ein weiterer Astronom und Sternengucker geworden und der Menschheit gleichzeitig ein begnadeter Koch verlorengegangen wäre. Denn ein Koch von Weltruf ist schließlich geworden aus dem Fritz, der sich schon während der Schulzeit eigentlich immer nur für das Essen interessiert hatte. Er hat in den besten Hotels in Zürich und Interlaken, in Madrid, New York und London gearbeitet. Der akademisch gebildete seinerzeitige Schulbanknachbar hat ihn nach langen Jahren wiedergetroffen im Museum des British Museum, der eine beschäftigt mit der Geschichte der Beringschen Alaskaexpedition, der andere mit französischen Kochbüchern aus dem 18. Jahrhundert, ein wirklich schönes Bild der Überwindung der von Todd lebhaft beklagten neuen gesellschaftlichen Ungleichheit durch die Hierarchie der Bildungsabschlüsse.