Sonntag, 29. Juli 2012

Räume der Kindheit

Puer ludit, puella cantat

In der Erzählgegenwart der Bücher Sebalds gibt es keine Kinder, allem Anschein nach werden in der Gegenwart keine mehr geboren, die Prokreation wurde eingestellt. Wir treffen nur die Kinder, als die die Erwachsenen sich erinnern. Das sind vor allem Selysses selbst, ferner Austerlitz, Aurach, Aurachs Mutter Luisa Lanzberg, Bereyter und Mme Landau, Hamburger und Conrad.

So wie sich für die meisten von uns die frühe Kindheit aus nur wenigen nicht erloschenen Bildern zusammensetzt, so ist auch Paul Bereyters Erinnerung von nur einem Bild geprägt, den Zimtläden in Drogobytsch nicht unähnlich. Er sieht sich auf seinem Dreirädchen durch das von seinem Vater erstandene wundervolle Emporium fortbewegen, meistens auf der untersten Ebene, durch die Schluchten zwischen Ladentischen, Kästen und Budeln und durch eine Vielfalt von Gerüchen hindurch, unter denen die des Mottenkampfers sowie die der Maiglöckchenseife immer die hervorstechendsten gewesen sind, während die Walkwolle und der Loden einem nur bei feuchtem, die Heringe und das Leinöl nur bei heißem Wetter in die Nase gestiegen sind.

Auch die Kindheit der Mme Landau ist geprägt von einem Raum, einem Haus, das sich aber erheblich unterscheidet von dem Emporium, das der kleine Bereyter durchradelt. Während das Entzücken des Emporiums in seiner Vollgeräumtheit besteht, liegt der Zauber der kleinen Villa am Ufer des Sees in seiner Leere. Der Vater hatte mit dem Kauf fast sein gesamtes Vermögen aufgezehrt und sie hätten, infolgedessen, ihre ganze Kindheit hindurch in dem so gut wie unmöblierten Haus wohnen müssen. Das Wohnen in den leeren Zimmern sei ihr allerdings nie als ein Mangel, sondern vielmehr, auf eine nicht leicht beschreibbare Weise, wie eine besondere, durch eine glückliche Entwicklung der Dinge ihr zugefallene Entwicklung der Dinge ihr zugefallene Auszeichnung oder Vergünstigung erschienen. Fast könnte einem die Villa am Seeufer als eine Art Nullstufe der sorgsamen und kostbaren Interieurs in Stifters Nachsommer erscheinen, die man sich ja auch als klar und so leer wie nur möglich vorstellt.

Selysses hat als Kind die Bekanntschaft weder eines Emporiums voller Geheimnisse noch der klaren Linien einer leeren Villa am Seeufer gemacht. Das Wohnzimmer im Elternhaus war versehen mit einer standesgemäßen Einrichtung, die nach einer ungeschriebenen Vorschrift akkurat den Geschmacksvorstellungen des für die damals sich formierende klassenlose Gesellschaft repräsentativen Durchschnittspaars entsprach. Die später bezeugte Vorliebe für ungeputzte, verstaubte Ambiente dürfte in diesem, zweifellos immer im frischen Glanz gehaltenen Wohnzimmer ihren Ausgangspunkt haben. Überdies ging man in das Wohnzimmer werktags nicht hinein, so daß Selysses gleichsam exiliert und auf andere Räume angewiesen war. In der Abenddämmerung erfaßte ihn unfehlbar der Wunsch in die unter der elterlichen Wohnung gelegene Wirtschaft hinunterzugehen und dort der Romana, der Mutter aller Empfangsdamen, beim Abwischen der Tische und Bänke, beim Kehren des Bodens oder beim Trocknen der Gläser zu helfen. An der Seite des Großvaters besucht er die Kapellen, die es zahlreich um W. herum gab, und vieles von dem, was er damals von ihnen gesehen und gespürt hat, wird in ihm geblieben sein, die Angst vor den dort abgebildeten Grausamkeiten nicht weniger als in seiner Unerfüllbarkeit der Wunsch nach einer Wiederholung der in ihrem Inneren herrschenden vollkommenen Stille. Ein weiterer prägender Ort der Kindheit ist das Haus der Mathild Seelos, das Selysses häufig in der Begleitung des Großvaters besucht. Sie saßen dann im Kaffeezimmer, weil die Mathild niemand, auch den Großvater nicht, zu sich hinaufließ. Insbesondere aber hatte sie dem Jungen verboten, in den Dachboden hinaufzusteigen, wo, so die Begründung, der graue Jäger logierte. Die Begehungsverbote im Haus der Mathild haben keine Ähnlichkeit mit der werktags verschlossenen Stube in der elterlichen Wohnung, enthalten sie doch ein Transzendenzversprechen, das viele Jahre später, als Selysses den Dachboden erkundet und Mathilds hinterlassene Bibliothek an sich nimmt, nicht einmal enttäuscht wird.
Die zurückblickenden Erwachsenen sehen sich als Kind ganz überwiegend allein oder aber im Verhältnis zu Erwachsenen und kaum jemals unter Gleichaltrigen. Selysses sieht sich immerhin als Schüler der dritten, von Paul Bereyter geführten Klasse und er sieht sich überdies in einer Art Huckleberry-Finn-Beziehung zu Fritz, der, wie er bald herausfand, die dritte Klasse zum zweiten Mal machte und dem die Schularbeit unendlich langsam vonstatten ging. Meistens aber sieht man Selysses das Kind allein unterwegs, am Lehrerhaus und am Kaplanhaus vorbei die hohe Friedhofsmauer entlang, an deren Ende der heilige Georg ohne Unterlaß mit einem Spieß dem zu seinen Füßen liegenden greifartigen Vogeltier den Rachen durchbohrt, und dann den Kirchberg hinunter und durch die obere Gasse, oder aber an der endlosen Mauer der Jägerkaserne entlang in die Ostrachstraße hinaus, hinter welcher, in einer Entfernung von kaum mehr als fünf, sechs Metern, ein reißender Sägemühlenkanal vorbeifloß, aus dem man des öfteren schon eine Wasserleiche herausgezogen hatte, zuletzt einen sechsjährigen Knaben, dessen Bruder auch Paul Bereyters Klasse besuchte. Es ist, als wolle das Kind sich bereits einüben auf die spätere Existenz des Dichters, den wir nie zuhaus erleben und bei dem nur unsichere Indizien den Schluß zulassen, daß er ein Zuhause überhaupt hat.

Wenn wir die Gestalt des Selysses auf die werktags verschlossene Zimmertür zurückführen, kann dem, was als die meßbare Größe eines Ereignisses erscheinen mag, keine Bedeutung zukommen, jedenfalls ist die Vorenthaltung eines Hauses der Kindheit im Fall von Joseph Conrad weitaus gründlicher und das Ergebnis, nämlich die Berufung zum Prosadichter, doch ähnlich. Am Ende des Sommers 1862 reiste Mme. Evelina Korzeniowska mit ihrem damals noch nicht ganz fünfjährigen Knaben Teodor Josef Konrad von der kleinen podolischen Stadt Schytomyr nach Warschau, um sich ihrem Gemahl Apollo Korzeniowski anzuschließen. Noch im Oktober wird der Vater festgenommen, zunächst in die Zitadelle eingesperrt und dann mit der Familie nach Wologda verbannt. Der an Tuberkulose erkrankten Evelina samt ihrem kleinen Sohn wird als Gnadenerweis der zaristischen Behörden die Erlaubnis eines längeren Genesungsurlaubs auf dem Gut ihres Bruders zuteil, muß dann aber, dem Tod schon näher als dem Leben, zurück ins Exil, wo sie anderthalb Jahre später stirbt. Wiederum zwei Jahre später werden der Vater, seinerseits schon todkrank, und mit ihm der Sohn aus dem Exil entlassen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Lemberg beziehen sie ein paar Zimmer in der ul. Poleska in Krakau. Während der Sterbewochen saß Konrad immer an einem von einer grünen Lampe beleuchteten Tischchen in einem fensterlosen Kabinett und machte seine Hausaufgaben. Die Tintenflecke im Heft und an den Händen kamen von der Angst in seinem Herzen. Schon bald faßte er den für den Sohn eines polnischen Landadligen ganz und gar abwegigen Gedanken, Kapitän werden zu wollen, abwegig und doch auch naheliegend, Wohnung zu nehmen in einem fahrenden Haus, um Jahre später dann zurückzukehren an eine von einer grünen Lampe beleuchtete Schreibplatte.
Die denkbar schärfste Grenze ist für Austerlitz zwischen der ersten Kindheit und der späteren gezogen. Das Predigerhaus in Bala kann er nicht als Haus der Kindheit akzeptieren. Schlimm war beim Erwachen am frühen Morgen das Jeden-Tag-von-neuem-Begreifenmüssen, daß er nicht mehr zu Hause war, sondern sehr weit auswärts, in einer Art von Gefangenschaft. Es hat ihn immer gefroren in dem Predigerhaus, nicht bloß im Winter, wenn oft nur der Herd in der Küche geschürt wurde und nicht selten der steinerne Boden des Eingangs von Reif überzogen war, sondern auch schon im Herbst und bis weit in das Frühjahr und die unfehlbar verregneten Sommer hinein. Die Annäherung an das Haus der ersten Kindheit vollzieht sich in einer Art Erinnerungssturm der ausgelöst wird durch das unebene Pflaster der Šporkova. Der gesprenkelte Kunststeinboden des Entrees im Haus Šporkova 12, der feuchte Kalkgeruch, die sanft ansteigende Stiege, die haselnußförmigen Eisenknöpfe auf dem Handlauf des Geländers, lauter Buchstaben und Zeichen aus dem Setzkasten der vergessenen Dinge, die zu einer glückhaften und zugleich angstvollen Verwirrung der Gefühle führen. Die elterliche Wohnung verfehlt er knapp, die Tür öffnet ihm Vĕra Ryšanová, die die Nachbarin seiner Mutter sowohl als sein Kinderfräulein gewesen ist. Auch mit sich selbst als Kind kann er die Einheit nicht herstellen. Das Bild seiner selbst als Kinderkavalier bewegt und erschüttert ihn nicht etwa, sondern macht ihn nur sprach- und begriffslos und zu keiner Denkbewegung imstande.

Aurach findet nur vermittels eines illusionistischen Zugangs zurück in das Haus der Kindheit und auch das nur im Traum. Schließlich gelangten wir durch eine mit erstaunlicher Kunstfertigkeit gemalte trompe-l’œil-Türe in ein tief verstaubtes, seit Jahren offenbar nicht mehr betretenes, im größtmöglichen Gegensatz zu den gerade erst verlassenen glitzernden Glaspalast stehendes Kabinett, das ich nach einigem Zögern erkannte als das Wohnzimmer meiner Eltern. Auf dem Kanapee aber sitzt ein Fremder, Frohmann aus Drohobycz. Für Hamburger überblenden sich unentwirrbar Eindrücke seiner englischen Heimat in Middleton mit Erinnerungen an ein Haus der Kindheit in Berlin. Es braucht in der Traumzeit wohl eine Stunde und mehr, daß ich mich nicht in dem Haus in Middleton, sondern in der weitläufigen Wohnung der Eltern der Mutter in der Bleibtreustraße befinde, deren museale Räumlichkeiten mich bei meinen Kindheitsbesuchen kaum weniger beeindruckten als die Zimmerfluchten von Sanssouci. Und jetzt ist hier alles versammelt, die Berliner Verwandten, die deutschen und die englischen Freunde, meine Schwiegerleute, meine Kinder, die Lebendigen und die Toten. Unerkannt schreite ich durch sie hindurch, von einem Salon in den anderen. 

Die Erinnerung an die Kindheit führt bei allen zu einem Raum, einem Haus, einer Umgebung. Selysses nimmt insofern eine Sonderstellung ein, als er sich von dem mit einer standesgemäßen Wohnzimmereinrichtung versehenen Haus seiner Kindheit lossagt. Auf der anderen Seite steht Mme. Landau die ihr nach allem was man vermuten kann glückliches Leben in einem ungebrochenen und ungetrübten Verhältnis zu der kleinen leeren Villa am Ufer des Sees verbringt. Sieht man Bereyter das Kind auf seinem Dreirädchen, Austerlitz bei der Beobachtung des Schneiders Moravec, Aurach unterwegs mit seinem Vater dem Kunsthändler, so schien ihnen ein ähnlich ungebrochener Lebensverlauf verheißen wie Marie Landau, aber sie alle wurden auf die ein oder andere Weise aus dem Haus der Kindheit vertrieben. Sie sind Exilierte ihrer Kindheit, und so kann es nicht verwundern, wenn Nabokow, traumatisiert von der Zerstörung einer als unwirkliches Glück erlebten Kindheit in einem ebenso liebevollen wie reichen Elternhaus des zaristischen Rußlands, herumirrt zwischen den Ausgewanderten.

Mit dem unebenen Pflaster der Šporkova ist unüberhörbar ein Proustsches Motiv angeschlagen, und wenn Agáta endlich zu ihm ins Zimmer trat und sich zu ihm niedersetzte, umhüllt von einem seltsamen, aus verwehtem Parfüm und Staub gemischten Theatergeruch, dann scheint es für einen Augenblick, als seien wir wieder eingestiegen in den fünftausend Seiten langen Bericht von der Vertreibung aus dem Paradies der symbiotischen Existenz mit der Mutter. Selysses’ eigenes Erleben ist aber davon weit entfernt, und so überläßt er, dabei zurückgreifend auf einen sogenannten Prätext*, für den ausführlichsten Kindheitsbericht in seinem Werk das Wort der Luisa Lanzberg. Einmal beim Heimgehen am Sabbat ist der Leo untröstlich über seinen neuen, aus gesteiften hellblauweißen Baumwollstoff geschneiderten Matrosenanzug, hauptsächlich über den dicken Krawattenknopf und den über die Schultern hinabhängenden Latzkragen mit den gekreuzten Ankern, an denen die Mutter gestern bis tief in die Nacht hinein gestickt hat. Erst als wir, in der Dunkelheit schon, auf der vorderen Treppe hocken und zusehen, wie sich am Himmel die Gewitterwolken übereinanderschieben, vergißt er allmählich sein Unglück. Nachdem der Vater zurück ist, wird die aus vielen bunten Wachsträngen geflochtene Kerze zum Sabbatausgang angezündet. Wir riechen an dem Gewürzbüchschen und gehen hinauf ins Bett. Pausenlos fahren die grellweißen Blitze herunter, und es krachen die Donnerschläge, daß das Haus zittert. Wir stehen am Fenster. Heller als am Tag ist es manchmal draußen. Heubüschel treiben auf den Wasserstrudeln im Straßengraben. Dann zieht das Gewitter ab.

*Klaus Gasseleder, Erkundungen zum Prätext der Luisa-Lanzberg-Geschichte

Donnerstag, 19. Juli 2012

Die Toten

L’éternité perdue

Nichts ist ihm in der Kindheit sinnvoller erschienen als diese beiden Tage, Allerheiligen und Allerseelen, Tage der Erinnerung an die Leiden der heiligen Märtyrer und der armen Seelen, an denen die dunklen Gestalten der Dorfbewohner seltsam gebeugt im Nebel herumgingen als seien ihnen ihre Wohnungen aufgekündigt worden. Insbesondere aber berührte ihn alljährlich das Verspeisen der Seelenwecken, die der Mayrbeck einzig für diese Gedenktage machte, und zwar nicht mehr und nicht weniger als einen einzigen für jeden Mann, jede Frau und ein jedes Kind. Aus Weißbrotteig waren diese Seelenwecken gebacken und so klein, daß man sie leicht in einer geschlossenen Hand verbergen konnte. Der Mehlstaub, der an seinen Fingern zurückgeblieben war, nachdem er seinen Seelenwecken aufgegessen hatte, ist ihm wie eine Offenbarung vorgekommen, und am Abend desselben Tags hat er noch lange in der im Schlafzimmer der Großeltern stehenden Mehlkiste gegraben, um das dort verborgene Geheimnis zu ergründen.

Der Seelenwecken unterscheidet sich vielleicht in der Backsubstanz nicht allzu deutlich von Prousts Madeleine. La recherche du mystère dans une huche à farine, à l’ombre des morts: eine weitere der gültigen Selbstspiegelungen des Prosawerks, anders als die der durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung einer jeden Erscheinung, eines jedes Blättchens (Pisanello) und die der Levitation der Sätze (Browne) nicht in einem anderen Kunstwerk, sondern auf einer Fläche des eigenen Erlebens und Erinnerns aus der Ferne der Kindheit. Festum Omnium Sanctorum und Commemoratio Omnium Fidelium Defunctorum, Feiern der Annäherung an die Toten, die dunklen Gestalten der Dorfbewohner gehen seltsam gebeugt im Nebel umher, den Toten um einiges ähnlicher als an gewöhnlichen Tagen, und vom Seelenwecken erweckt beginnt Selysses im jungen Alter die Suche nach der Wahrheit dort, wo er sie auf Dauer vermuten wird, im Kleid des Geheimnisses in einem von keinem Menschen noch entdeckten Abseits.

Die beiden sinnvollen Tage sind vorüber und alles kehrt zurück zur Ordnung, die Lebenden in ihren Alltag, die heiligen Märtyrer an die Seite des Herrn und die armen Seelen ins Fegefeuer, das Jahr darauf wird man sich wieder treffen. Dieser Ablauf war aber nur möglich, solange die alten Meister noch einen Begriff geben konnten von dem, was sich über unseren Köpfen vollzieht und dabei zuverlässig auch die unsichtbare Zeitdimension der Ewigkeit mitmalten. But then people stopped thinking about eternity, they began do concentrate on measurable hours. Überall ticken die Uhren, eine Unzahl von Standuhren, Regulatoren, Wohnzimmer- und Küchenuhren, Weckern, Taschen- und Armbanduhren durcheinander, ganz so als könne ein Uhrwerk allein nicht genug Zeit zerstören. Und wir sind schon selbst wie eine Uhr, unsere getrübten Augen, die wir den Blinden gleich etwas aufrecht gegen die Helligkeit gerichtet halten, sind von derselben eisgrauen Farbe wie der Pastis im Glas. Wir blicken nur immer unverwandt nach oben und drehen dabei gleichmäßig mit dem Daumen und dem Zeigefinger der rechten Hand den sechskantigen Stiel des Glases Ruck für Ruck weiter, so gleichmäßig, als hätten wir in unserer Brust statt eines Herzens das Räderwerk einer Uhr.

Die Augen nach oben gerichtet gegen die vermeintliche Helligkeit sehen wir nichts als graues Dunkel, mit dem Verlust der Ewigkeit ist ein geordnetes Miteinander von Toten und Lebenden unmöglich geworden. Durch das fortwährende Ticken der Uhren wird die Zeit feingeschrotet zu einer ewigen Gegenwart, möglichst - vermittels Abortio am Eingang und Gerätemedizin am Ausgang - ohne weiteren Austausch des Personals, der einseitige Verlauf der Zeit streicht neben der Ewigkeit auch die Vergangenheit fort, und die Zukunft ist nurmehr eine ganz und gar leere Verheißung.

Selysses aber, in der Gestalt des Jacques Austerlitz, hat nie eine Uhr besessen, weder einen Regulator, noch einen Wecker, noch eine Taschenuhr, und eine Armbanduhr schon gar nicht. Seine Sehnsucht ist, sich in einer steinernen Burg bis an sein Lebensende mit nichts zu beschäftigen als dem Studium der vergangenen und der zeitlos vergehenden Zeit. Den Platz der Toten sucht er nicht in der von der christlichen Lebens- und Totenordnung verlassenen Gegenwart, die den Toten jeden Platz streitig macht, sondern in einer vorchristlichen Vergangenheit, etwa auf Korsika. Überall zogen sie dort herum, die Toten, in kleinen Banden und Gruppen und manchmal in regelrechten Regimentern. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie normale Leute, aber sowie man genauer hinschaut, verwischen sich ihre Gesichter oder flackern, gerade wie die Gesichter der Schauspieler in einem alten Film. Als Sebald das Korsikaprojekt aufgegeben hat, findet er die Regimenter bei der Niederschrift von Austerlitz im keltischen Wales wieder. Dort gehen Toten fast immer alleine, manchmal ziehen sie aber auch in kleinen Schwadronen herum: in bunten Uniformröcken oder in graue Umhänge gehüllt hat man sie schon gesehen, wie sie zwischen den Feldmauern, die sie nur knapp überragten, mit leisem Rühren der Trommel hinaufmarschierten in die Hügel über dem Ort.

Während bei einem der Mittelmeerinsel Korsika gewidmeten Buch die Beschäftigung mit archaischen Totenvorstellungen ohne weiteres einleuchtet, überrascht das Motiv in einem nach breitem Konsens vor allem anderen dem Holocaustthema verpflichteten Buch. Der Schuster Evan, von dem die keltischen Totenberichte stammen, ist in dieser Angelegenheit der Gegenspieler des Predigers. Im Gegensatz zu Elias, der Krankheit und Tod immer in einen Zusammenhang brachte mit Prüfung, gerechter Strafe und Schuld, erzählte Evan von Verstorbenen, die das Los zur Unzeit getroffen hatte, die sich um ihr Teil betrogen wußten und danach trachteten, wieder ins Leben zurückzukehren. Auszuschließen ist, daß Austerlitz, den die gewaltigen Kanzelreden des Prediger Elias nicht zum Glauben der Christenheit haben bekehren können, daraufhin der keltischen Mythologie und dem Glauben an die Krierien-noz anheimgefallen wäre. Evans Ausführungen mögen ihm eher einleuchten als die gewaltigen und fruchtlosen Rechtfertigungsanstrengungen des christlichen Lehrgebäudes, was erzählerisch benötigt wurde, war in jedem Fall ein scharfes Kontrastbild zur Moderne, die für die Toten keinen Platz in ihrer Mitte hat und sie unauffindbar unter ihren Tempeln verscharrt. Über die mit dem Staub und den Knochen zusammengesunkener Leiber versetzte Erdschicht hinweg war die große Stadt gewachsen. Um 1860, vor Beginn der Bauarbeiten an den beiden nordöstlichen Bahnhöfen, wurden ungeheure Erdmassen, mitsamt den in ihnen Begrabenen, aufgewühlt und verschoben, damit die Eisenbahntrassen, die auf den von den Ingenieuren angefertigten Plänen sich ausnahmen wie Muskel- und Nervenstränge in einem anatomischen Atlas, herangeführt werden konnten an den Rand der City.

Mit nichts anderem beschäftigt als dem Studium der vergangenen und vergehenden Zeit: der Begriff des Studiums überrascht in diesem Zusammenhang, eher würde man mit Betrachtung oder Versenkung oder ähnlichem rechnen, zumal bei Selysses vor Jahren schon den Wunsch erweckt wurde, alles aufgeben zu können außer dem Schauen. Man kann eine ironische Verwendung von Studium diagnostizieren. Bildung ist der operative Begriff der Aufklärung und Studium ihr Einsatzmodus. Zum einen erhofft man, da das nüchterne Studium des Vorhandenen häßliche Vorurteile und üble Meinungen über den Menschen vertreibt, und zum anderen soll das Studium, technisch ausgerüstet, zu Verbesserungen und Erleichterungen des Lebens der Menschen und damit in der Summe zu einer lichten Zukunft führen. Nichts dergleichen aber ist vom Studium der vergangenen und vergehenden Zeit zu erwarten.
Vor allem die Ringe des Saturn können als Protokoll einer längeren Studiensitzung gelten. Dem Studium der vergehenden Zeit dient die aktuelle Wanderzeit, die fortwährenden Abschweifungen in mehr oder weniger weite geschichtliche Tiefen erlauben das Studium der vergangenen Zeit, wenn es aber ein Studienergebnis gibt, dann dies, das beides ein und dasselbe ist. Das Buch beginnt mit zwei Totenreden und wird fortgeführt mit der Suche nach dem Schädel Thomas Brownes, der in seinem berühmten, halb archäologischen, halb metaphysischen Traktat über die Praxis der Feuer- und Urnenbestattung zu den späteren Irrfahrten des eigenen Schädels den schönsten Kommentar liefert an der Stelle, wo er schreibt, aus dem Grabe gekratzt zu werden sei eine Tragödie und eine Abscheulichkeit. Möglicherweise, so Selysses, war Browne anwesend bei der anatomischen Vorlesung des Dr. Tulp, die, so wie Rembrandt sie gesehen und festgehalten hat, das Scheitern der Neuzeit belegt bei dem Versuch, die alte Zeit abzustreifen, denn zweifellos handelte es sich bei der Prosektur einesteils um eine Demonstration des unerschrockenen Forschungsdrangs der neuen Wissenschaft, andernteils aber, obzwar man das sicher weit von sich gewiesen hätte, um das archaische Ritual der Zergliederung eines Menschen, um die nach wie vor zum Register der zu verhängenden Strafen gehörende Peinigung des Fleisches des Delinquenten bis über den Tod hinaus. An Schädeln und Gebeinen fehlt es in der im witeren Verlauf des Buches nicht, im Kongo nicht, nicht in China, auf dem Balkan und in Bergen Belsen. Dann aber schließt das Buch, so als gäbe es die Ewigkeit, mit einem schönen Totenbild, kaum weniger innig als das von den Seelenwecken: Zu Brownes Zeit ist es in Holland Sitte gewesen, im Hause eines Verstorbenen alle Spiegel und alle Bilder, auf denen Landschaften, Menschen oder die Früchte der Felder zu sehen waren, mit seidenem Trauerflor zu verhängen, damit nicht die den Körper verlassende Seele auf ihrer letzten Reise abgelenkt würde, sei es durch ihren eigenen Anblick, sei es durch den ihrer bald für immer verlorenen Heimat.

Wie klar ist die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten? Als Selysses in seinen Heimatort W. zurückkehrt, ist die Engelwirtin, die namenlos bleibt, die einzige unter den aktuellen Bewohnern, mit der er, notgedrungen, in ein weitgehend wortloses Gespräch eintritt. Überlebt hat auch der Lukas Seelos, der nun den ganzen Tag auf dem Sofa lag oder höchstens mit nutzlosen kleinen Arbeiten im Haus herum verbrachte, und dem es geradezu unbegreiflich geworden war, daß er einmal ein guter Torwart gewesen sei und daß er, der immer öfter von schweren Depressionen geplagt wurde, im Dorf seinerzeit den Hanswursten gemacht hatte, ja daß er jahrelang in der Fasnacht das Ehrenamt des Fasnachtskaspers innegehabt hatte. Auf sein vergangenes Ich schaut er zurück wie auf einen Toten, und Selysses selbst verwandelt sich in seinen eigenen Großvater, indem er beim Herauskommen aus einer Haustür wie dieser zuerst stehengeblieben ist, um nach dem Wetter zu schauen und auf sein verlorenes Ich als Kind wie auf einen vertrauten Fremden. Wenn die Toten, die Krierien-noz, regelmäßig kleiner sind als die Lebenden, so vielleicht deswegen, weil sie den Durchschnittswert unserer verschiedenen nacheinander dahinscheidenden Lebensabschnitte innehaben.

Dienstag, 10. Juli 2012

Festivitäten

Dionysisches


Wenn in Westernfilmen amerikanische Langreiter von Texas her die Grenze zu Mexiko überqueren, treffen sie auf eine, ungeachtet der dort herrschenden bitteren Not, fortwährend festbereite und fiestaerprobte Bevölkerung. Der Griff zur Gitarre ist in dieser Gegend, so muß man glauben, nicht weniger schnell als der zum Revolver. Bedeutende Filme wie Viscontis Gattopardo oder Ciminos Deer Hunter haben als Zentrum eine ausgedehnte Festsequenz, einen Ball oder eine Hochzeit. Tolstoi hat Natascha Rostowa die Seligkeit der ersten Ballnacht gegönnt, bevor er sie dann in ernstere und nüchterne Bahnen lenkt. Dimitri Karamasow beschäftigt wiederholt und für nicht wenig Geld eine Zigeunerkapelle für sein Zusammensein mit Gruschenka. Sucht man, solchen Eindrücken nachhängend, in Sebalds Werk nach Festveranstaltungen, bleibt der Ertrag gering.
Die Erzählung Ambros Adelwarth eröffnet mit einer an die sechzig Personen umfassenden Familienfeier in der gesitteten Form einer großen Kaffeetafel, an der der Onkel Adelwarth sich schon bald erhebt und mit seinem Löffelchen an ein Glas klopft, um eine Kaffeetafelansprache zu halten. Weitere Einzelheiten des Festverlaufes erfahren wir nicht.

Das Bild des Jacquot Austerlitz auf dem Einband der Taschenbuchausgabe zeigt ihn in einem Pagenkostüm, in dem er seine Mutter Agáta auf einem Maskenball begleiten durfte und das eigens für diesen Anlaß geschneidert worden war. Näheres über den Verlauf des Maskenballs erfahren wir nicht. Als man ihm das Bild des Kinderkavaliers vorlegt, ist Austerlitz sprach- und begriffslos und zu keiner Denkbewegung fähig. Ach wenn er später an den fünfjährigen Pagen dachte, erfüllte ihn nur eine blinde Panik.

Lukas Seelos, der nun den ganzen Tag auf dem Sofa lag oder höchstens mit nutzlosen kleinen Arbeiten im Haus herum verbrachte, war es geradezu unbegreiflich geworden, daß er, der immer öfter von schweren Depressionen geplagt wurde, im Dorf seinerzeit den Hanswursten gemacht hatte, ja daß er jahrelang in der Fasnacht das Ehrenamt des Fasnachtskaspers innegehabt hatte. In der Rückschau auf diese glorreiche Zeit kam Bewegung in die gichtigen Hände des Lukas, wenn er vormachte, wie er die große Fasnachtsschere ausgefahren hatte oder wie er den Weibern mit der Pritsche von hinten her gerade dann unter den Rock gefahren war, wenn sie es sich am wenigsten versahen.

Weitere Festivitätsspuren im Werk bleiben unterhalb der Relevanzgrenze wissenschaftlicher Wahrnehmung, so daß die Feiertätigkeit alles in allem zu den Themen zu zählen ist, die im Werk Sebalds fehlen. Nach unserer Überzeugung ist der Ton eines Prosakunstwerks vom Fehlenden nicht weniger bestimmt als vom Enthaltenen. Angewiesen auf die klassische Unterscheidung von apollinisch und dionysisch wäre Sebald, angesichts des Umstandes, daß die Pritsche des Kaspers unter dem Rock der Weiber bereits zu den dionysischten Momenten seines Werks zählt, dem Lager Apolls zuzuschlagen. Auf Sprachhaltung und Satzgestaltung trifft das ohne weiteres zu, die häufigen Feuersbrünste und Vernichtungsvisionen bis hin zur Prophezeiung des Weltuntergangs passen weniger ins Bild. So leicht kommen wir nicht davon, die Unterscheidung scheint für den verhandelten Fall ungeeignet.

Der Protagonist eines Romans von Thomas Bernhard bezeichnet sich als Festivitätenhasser und kann dabei offenbar mit dem Verständnis des Autors rechnen. Ob auch Selysses zu den Festivitätenhassern zählt, steht nicht fest. Er äußert sich nicht zu der Frage, und wir haben nicht die Gelegenheit, ihn bei Festen zu beobachten. Zuhaus könnte er sich der Teilnahme an dem einem oder anderen Familienfest wohl nicht entziehen, zuhaus erleben wir ihn aber nicht. Seine Reisekasse hätte wohl kaum ausgereicht, um in Italien, den Beispiel Lord Byrons folgend, eine Villa zu mieten und Feste in ihr zu veranstalten. Der Blick auf die Selysses nahestehenden Ricchissimi im Werk legt überdies die Annahme, er hätte vorhandenen Reichtum zu diesem Zweck genutzt, nicht nahe. Wittgenstein schenkt sein Erbe weg und wandert mit dem Rucksack durch die Welt. Cosmo Solomon schlägt sämtliche Einladungen aus, um nie mit jemand anderem als Ambros Adelwarth auszugehen und zu speisen, und Le Strange schließ sich kategorisch von jeder Gesellschaft aus.
Gesellschaft aber ist das Medium und die unverzichtbare Voraussetzung für jede Festveranstaltung, von einem einsamen Fest kann nur als Paradox in Abgrenzung von dieser Regel gesprochen werden. Selysses tut sich schwer in Gesellschaft. Ins Gespräch kommt er in aller Regel nur mit Einzelnen, mit Salvatore in Verona über die Aida, mit William Hazel, Gärtner in Somerleyton, über den Luftkrieg oder mit Cornelis de Jong im Crown Hotel zu Middleton über den Zucker. Als er sich in Limone auf dem Weg zurück ins Hotel unversehens inmitten einer Menschenmasse buntfarbener Feriengäste findet, die sich wie eine Art Zug oder Prozession durch die engen Gassen des zwischen den See und die Felswand eingezwängten Orts schiebt, sieht er nur lauter Lemurengesichter, die verbrannt und bemalt über den ineinander verschlungenen Leibern schwanken. Undenkbar, daß er an einem der Feste teilnehmen könnte, von dem sie kommen oder zu dem sie streben.

Zählten die Feste nicht zum Fehlenden, sondern zum Enthaltenen, müßte eine seriöse Untersuchung mit einer Typologie der Festlichkeiten beginnen, hier kann immerhin das Festspiel als besondere Gattung hervorgehoben werden. Zweimal, in Verona und in Bregenz, versäumt Selysses es, den Festspielort zu betreten. In Verona sind es die scharenweise aus den Reisebussen herausgelassenen Festspielbesucher, die ihn verstören, und in Bregenz muß er sich eingestehen, daß es ihm von Jahr zu Jahr unmöglicher wird, sich unter ein Publikum zu mischen.

Auch die religiösen Feste fehlen so gut wie vollständig. Es wird nicht geheiratet, Kinder werden nicht geboren und getauft. Die großen Freudenfeste der Christenheit, Weihnacht, Ostern und Pfingsten, werden übergangen, nichts aber ist ihm in der Kindheit sinnvoller erschienen als diese beiden Tage, Allerheiligen und Allerseelen, Tage der Erinnerung an die Leiden der heiligen Märtyrer und der armen Seelen, an denen die dunklen Gestalten der Dorfbewohner seltsam gebeugt im Nebel herumgingen als seien ihnen ihre Wohnungen aufgekündigt worden. Insbesondere aber berührte ihn alljährlich das Verspeisen der Seelenwecken, die der Mayrbeck einzig für diese Gedenktage machte, und zwar nicht mehr und nicht weniger als einen einzigen für jeden Mann, jede Frau und ein jedes Kind. Aus Weißbrotteig waren diese Seelenwecken gebacken und so klein, daß man sie leicht in einer geschlossenen Hand verbergen konnte. Der Mehlstaub, der an seinen Fingern zurückgeblieben war, nachdem er seinen Seelenwecken aufgegessen hatte, ist ihm wie eine Offenbarung vorgekommen, und am Abend desselben Tags hat er noch lange in der im Schlafzimmer der Großeltern stehenden Mehlkiste gegraben, um das dort verborgene Geheimnis zu ergründen. - Ein wahrhaft stilles Fest. Der Seelenwecken unterscheidet sich vielleicht in der Backsubstanz nicht allzu deutlich von der Madeleine, und der kleine Junge, der in der Mehlkiste das Geheimnis sucht, ist auf seine Weise ein frohes, in jedem Fall aber ein beglückendes Bild, immerhin sind wir eingeladen zum Geburtsfest des Dichters. La recherche du mystère dans une huche à farine, à l’ombre des morts.

Freitag, 6. Juli 2012

Verdi

Tonausfall

In den Moments musicaux feiert Selysses Brahms und macht kein Hehl aus seiner Abneigung gegenüber bayerischer Volksmusik und Zitterspiel. Die Einstellung zu weiteren Formen und Gebieten der Musik wie der Oper und insbesondere auch die Einstellung zu Verdi bleiben unklar.

Für eine Bregenzer Aufführung der Oper Nabucco hatte Selysses als Dank für die Teilnahme an einer Veranstaltung des Rahmenprogramms Freikarten erhalten und steht nun unschlüssig mit den Karten in der Hand auf dem Vorplatz, unschlüssig, weil es ihm mit jedem vergehenden Jahr unmöglicher wird, sich unter ein Publikum zu mischen und unschlüssig, weil er den Chor der gemäß einem genialen Regieeinfall in richtige Juden mit KZ-Zebraanzügen verwandelten Sklaven nicht sehen will. Er verzichtet letztlich auf das Klangtheater und versenkt sich stattdessen vor dem Einschlafen an jenem Bregenzer Abend in ein Bild der Stille: Als der Maestro im Januar 1901 im Sterben lag, hatten die Mailänder vor seinem Haus Stroh in die Straßen gestreut, damit die Hufschläge der Pferde sich dämpften und er hinübergehen könnte in Ruhe. Im Traum dann sieht Selysses diese strohbedeckte Mailänder Straße und Kutschen und Droschken, die lautlos hin und her fuhren auf ihr.
Eine weitere Möglichkeit der Auseinandersetzung mit Verdi ergibt sich in Verona. Den Tag über hat Selysses in der Biblioteca Civica Veroneser Zeitungen aus den August- und Septemberwochen des Jahres 1913 studiert. Als er Abend Salvatore vor einer Bar auf der Piazza Bra gegenüber der Arena trifft, liegt auf dessen Tisch Sciascias Buch mit dem Titel 12 & 1. Auch die Oper ist nicht mehr, was sie einmal war, urteilt Salvatore. Dabei hätte er beim Besuch der Aufführung keineswegs Choristen in Zebraanzügen zu befürchten, die Bühnenbilder und die Kostüme für die Aida, die heute gegeben wird, sind vielmehr exakte Nachschöpfungen der im Jahre 1913 für die Eröffnung der Veroneser Festspiele von Ettore Fagiuoli entworfenen. Aber die Vergangenheit läßt sich weder mit dummer Gewalt und gestreiften Kitteln in die Gegenwart befördern, noch unberührt in ihr verwahren. Zumal das Jahr 1913 war ein ganz besonderes Jahr, die Zeit wendete sich, und wie ein Natter durchs Gras lief der Funken die Zündschnur entlang. Nichts ist seither mehr das, was es einmal war. Obwohl ihm die Oper alles bedeute, fährt Salvatore fort, habe er in den dreißig Jahren, die er lebe in der Stadt, nie eine Aufführung gesehen in der Arena. Er sitze hier draußen auf der Bra, wo von der Oper nichts zu hören ist, nicht der Orchesterklang, nicht der Chor, nicht die Stimmen der Sänger, kein Ton. Er höre gewissermaßen eine lautlose Oper. 

La spettacolosa Aida, als säße die ganze Gesellschaft immer noch zur Feier des unaufhaltsamen Fortschritts im Operhaus in Kairo bei der Uraufführung im Jahre 1871. Die Wälder wirst du wiedersehen, lautet das Versprechen Amanorosos. Und jetzt bricht ein Feuer aus im Opernhaus. Durch die Rauchschwaden unter der Decke senkt sich eine unbekannte Figur herab, di morte l’angelo a noi s’apressa. Das Kairoer Opernhaus ist aber nicht 1871, sondern 1971 niedergebrannt, der Todesengel senkt sich nicht auf Aida und Radames herab, sondern, ohne Gesang, auf uns. Die Geschichte geht jetzt ihrem Ende zu. Wir erleben sozusagen die Generalprobe der Abschlußszene der Schwindel.Gefühle, die aus dem Brand Londons hinleitet zum Weltende im Jahre 2013.

Salvatore ist längst gegangen und Mitternacht längst vorbei, als Selysses, der immer noch auf der Piazza Bra sitzt, glaubt, den Hufschlag eines Pferdes zu hören auf dem Pflaster des Platzes und das Rollen einer Kutsche, für ihn offenbar das Sinnbild der Verdizeit, der Zeit, als alles noch hätte ganz anders kommen können, als es dann gekommen ist. Die Kutsche bekommt er nicht zu Gesicht, stattdessen taucht vor seinem inneren Auge eine Freilichtaufführung der Aida auf, die er als Kind in Begleitung der Mutter gesehen hatte. An nichts kann er sich erinnern und schon gar nicht an die Musik, nur an den Triumphzug bestehend aus einem armseligen Reiterkontingent und einigen gramgebeugten, vom Zirkus Krone entliehenen Kamelen und Elefanten.
Die Erzählung All’estero schließt mit einer Szene am Sterbebett Kafkas, des frühen Sängers vom Scheitern der Neuzeit. Werfel überreicht dem todkranken Freund ein Exemplar seines Verdibuches, das Kafka wohl kaum noch hat lesen können. Vielleicht nicht der größte Verlust, den Kafka verschmerzen mußte, urteilt Selysses. Er selbst jedenfalls habe in dem immerhin gut sechshundert Seiten starken Roman nichts Bemerkenswertes gefunden außer dem Exlibris eines Dr. Samson, der die Aida so geliebt haben muß, daß er das Todesbildnis der Pyramiden zu seinem Insignium wählte. Kafka selbst, so mutmaßt der Dichter, habe im übrigen die Gelegenheit, bei der Eröffnung der Veroneser Festspiele im Jahre 1913 dabei zu sein, nur knapp verpaßt und noch an allen Ecken und Enden die vom August herrührenden Anschläge der spettacoli lirici all’Arena gesehen, ganz besonders aber und in Großbuchstaben: AIDA. Verdis Musik aber war unwiderruflich verklungen.

Die Frage, wie Selysses zu Verdis kompositorischen Leistungen steht, hat sich nicht erhellen lassen, da kein einziger Ton erklingt. Verdi erscheint als Tonmeister der Lautlosigkeit. Inwieweit dieser Ansatz für die Musikwissenschaft als wegweisend gelten kann, muß dahingestellt bleiben. Tatsächlich wird Verdi gar nicht als Tondichter gesehen, sondern als der italienische Notenfürst des neunzehnten Jahrhunderts, als Sinnbild des Glanzes und der Herrlichkeit, den die Menschen dieses Jahrhundert selbst über ihren Köpfen sahen. Das Jahr 1913 aber war ein ganz besonderes Jahr, die Zeit wendete sich, und wie eine Natter durchs Gras läuft seither der Funken die Zündschnur entlang. Wäre nicht der schreckliche Lärm überall, die Brandung des Verkehrs, die Stunde um Stunde über uns hinweggeht, würde man das leise Knistern hören zwischen den Halmen, die Musik jedenfalls schweigt.

Mittwoch, 4. Juli 2012

Zum ewigen Frieden

Fragen der Strategie

Sebald ist in der unmittelbaren Nachkriegszeit geboren, mehrfach erzählt er von der Überzeugung seiner Kindheit, Trümmerfelder seien feste Bestandteile eines jeden Stadtbildes, ähnlich wie, könnte ein anderer ergänzen, Bombentrichter als unverzichtbare Ausstattung der allen nach pädagogischen Gesichtspunkten angelegten Spielplätze weit überlegenen natürlichen Spielareale in den Waldungen galten.

An die Stelle dieser gleichsam ruhenden, dem Auge des Kindes unverfänglichen Kriegsspuren, treten für den Heranwachsenden schon bald die lebendigen Verheerungen und die sich nicht schließenden Wunden. Dabei sind es eher Spuren aus dem entsetzlichen Weichbild der Kriege als unmittelbare Folgen der Kampfhandlungen, die Selysses fortan nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Im Barrestaurant des Crown Hotels sitzt er bei der Teestunde, der Perpendikel der Standuhr bewegt sich gleichmäßig hin und her, Ruck für Ruck geht der große Zeiger durch seine Runde, und eine Weile schon fühlt er sich WIE IM EWIGEN FRIEDEN, als er bei der eher achtlosen Durchsicht des Independent auf einen langen Artikel über die wohl kaum als Kriegshandlung zu bezeichnenden Greueltaten der kroatischen Ustascha stößt. Auch die in den Ausgewanderten und dann naturgemäß in Austerlitz virulente Judenverfolgung und -vernichtung kann nicht als Kriegshandlung angesehen werden, auch wenn sie nur, wenn man so sagen kann, im Schutze des Krieges möglich wurde. Verschiedentlich aber wird auch der Krieg in dem Sinne, wie er Gegenstand der Militärwissenschaften ist, behandelt, Krieg zu Land (in den Überlegungen zum Festungsbau), zu Wasser (in der Schilderung des Battle of Sole Bay) und in der Luft, im Bericht William Hazels, Gärtner in Somerleyton, von den über seinen Kopf hinwegziehenden Bombergeschwadern.

Zusätzlich wird ein Blick auf Gattung des Kolonialkrieges geworfen, dadurch gekennzeichnet, daß zwischen den Kriegsparteien keine auch nur annähernd ausgewogene Waffengleichheit besteht. In China, im Vierten Teil der Ringe des Saturn, beschränkt sich die taktische Aufgabe der Engländer im wesentlichen darauf, geeignete Anlässe zu finden für die Attacke. Der strategische Grund steht mit der Öffnung des Marktes für die englischen Baumwollprodukte ohnehin fest, ebenso mit der christlichen Missionierung die vorgeschobene hehre Begründung. Im belgischen Kongo, im Fünften Teil, ist angesichts der Wehrlosigkeit der autochthonen Bevölkerung kein einleitender Krieg vonnöten, die Massakrierung der Schwarzen in den Rohstoffminen kann ohne militärische Präliminarien beginnen.
Bei innereuropäischen Kriegen waren die Verhältnisse herkömmlich anders. Das Emblem des Mittelalters ist die Burg, die für ein ausgeglichenes Verhältnis von kriegerischen Angriffs- und Abwehrmöglichkeiten stand. Mit Beginn der Neuzeit konnten die auf baulichen Vorkehrungen gründenden Abwehrmaßnahmen mit der rasante Fahrt aufnehmenden Entwicklung der Waffentechnik nicht mehr mithalten. Mit dieser Lage beschäftigt sich Austerlitz zu Beginn des Buches. Um gegen jeden Einbruch der Feindesmächte gewappnet zu sein, so führt er aus, waren wir gezwungen, in sukzessiven Phasen uns stets weiter mit Schutzwerken zu umgeben, so lange, bis die nach außen sich verschiebenden konzentrischen Ringe an ihre Grenzen stießen. Und auch dabei war die Waffentechnik immer einen Schritt voraus. Bei der Belagerung von Antwerpen wurden aus gerade erst erfundenen Riesenmörsern an die siebzigtausend tausendpfündige Bomben auf die Zitadelle geschleudert worden, und der greise Feldherr Baron de Chassé hatte schon Anstalten getroffen, sich mit dem Denkmal seiner Treue und seines Heldenmutes in die Luft zu sprengen, als ihm gerade noch rechtzeitig die Erlaubnis zur Kapitulation übermittelt wurde. Fest in ihren Gleisen können die Festungsbaumeister allerdings nur die eine Lehre ziehen, daß man nämlich die Ringanlagen um die Stadt um vieles mächtiger wieder aufbauen und weiter noch nach draußen verschieben mußte. Nach verschiedenen Erweiterungen hätte das Wachstum Antwerpens letztendlich erfordert, die Linie des Forts um weitere drei Meilen nach außen zu verlegen, womit sie freilich mehr als dreißig Meilen lang geworden wäre, mit der Folge, daß die gesamte belgische Armee nicht ausgereicht hätte, um eine adäquate Besatzung für die Anlage zu stellen. – Austerlitz’ Überlegungen dienen insgesamt als Beleg der These, daß gerade unsere gewaltigsten Pläne nicht selten am deutlichsten den Grad unserer Verunsicherung verraten.
Ähnlich wie bei der Belagerung von Antwerpen mit dem greisen Baron de Chassé tritt uns auch beim Battle of Sole Bay als einziger unter allen Kombattanten in Gestalt des drei Zentner schweren Earl of Sandwich ein an sich kriegsuntauglicher Schlachtenteilnehmer vor Augen. Von Flammen umzingelt sieht man ihn wild gestikulierend auf dem Hinterdeck und Wochen später dann als bei Harwich an den Strand gespülte Leiche. Die Nähte der Uniform waren geplatzt, die Knopflöcher ausgerissen, aber der Hosenbandorden strahlte noch in unverminderter Pracht.

Das Besondere am klassischen Seekrieg war, daß er auf engem Raum wie auf einer Schaubühne ablief. Wahrscheinlich sind damals die Bewohner von Southwold, sowie die ersten Kanonenschüsse gefallen waren, hinausgeeilt vor die Stadt und haben das seltene vom Strand aus verfolgt. Wahr an der Zuschauerperspektive ist aber nur, daß die Darsteller nicht die geringste Möglichkeit hatten, die Bühne zu verlassen, während die erlittene Pein, das gesamte Werk der Zerstörung nicht nur den Betrachtern verborgen blieb, sondern auch jedes Vorstellungsvermögen um ein Vielfaches überstieg, ebenso wie es nicht auszudenken ist, was für ein enormer Aufwand an Arbeit – vom Schlagen und Zurichten der Bäume, von der Gewinnung und der Verhüttung des Erzes und dem Schmieden des Eisens bis zum Weben und Vernähen der Segel – vonnöten gewesen sein muß, um die ja von vornherein größtenteils zur Vernichtung bestimmten Fahrzeuge zu bauen und auszurüsten.

Es ist nie richtig klar geworden, welche der beiden Parteien des Seegefechts am Ende siegreich gewesen ist, der holländische Niedergang hat mit einer kaum tarierbaren Verschiebung der Kräfte hier seinen Anfang genommen, während andererseits die nahezu bankrotte englische Seite trotz eines scheinbar völligen Mangels an Strategie und einer am Rande der Auflösung sich befindenden Marineverwaltung, dank vielleicht allein des damaligen Spiels der Winde und der Wellen ihre so lange ungebrochene Vorherrschaft über die Meere einleiten konnte. Wer will, mag hier eine gewisse Nähe zur Tolstoischen Geschichts- und Militärphilosophie, zur von ihm gestalteten Kutusowschen Strategie des Nichthandelns heraushören.

Tolstoi tritt in Sebalds Prosawerk nicht auf, gleich die erste Gestalt aber, der wir überhaupt begegnen, ist mit Stendhal ein anderer Stratege, der nach Einschätzung von Kennern des Kriegsfaches mit dem über das Schlachtfeld von Waterloo irrenden Fabrizio del Dongo die Wirklichkeit des Kampfgeschehens in unübertrefflicher Weise eingefangen hat. In den Schwindel.Gefühlen allerdings wird Stendhal bald klar, daß er selbst sein Glück im Dienst der Armee nicht würde machen können, so daß er den Entschluß faßt, der größte Schriftsteller aller Zeiten zu werden, ein sehr weit gestecktes Ziel, das er dann nicht ganz erreichen konnte. Der Geschichtslehrer André Hilary jedenfalls kommt bei der Analyse der Napoleonischen Schlachten und insbesondere der bei Austerlitz zu Ergebnissen, die Fabrizios Eindrücken entsprechen. Zuletzt bliebe, führt er aus, ungeachtet der penibelsten Detailkenntnisse, nichts übrig, als das, wovon man nichts wisse, zusammenzufassen in dem lachhaften Satz: Die Schlacht wogte hin und her. Die Beschäftigung mit der Geschichte sei immer eine Beschäftigung mit vorgefertigten Bildern, während die Wahrheit irgendwoanders, in einem von keinem Menschen noch entdeckten Abseits liege.

Wenn also schon in den historischen Schlachten das wahre Geschehen sich hinter dem Rücken der Menschen abspielte, so geht der moderne Luftkrieg im wahrsten Sinne über unsere Köpfe hinweg. Abend für Abend, so Hazel, sah ich die Bombergeschwader über Somerleyton hinwegziehen, und Nacht für Nacht malte ich mir vor dem Einschlafen aus, wie die deutschen Städte in Flammen aufgingen. Ich kann heute noch kein Auge zutun, ohne die Formationen der Lancaster- und Halifax-Bomber, der Liberators und sogenannten fliegenden Festungen über die graue Nordsee hinweg nach Deutschland einfliegen und im Morgengrauen weit auseinandergezogen wieder heimkehren zu sehen. Neben dem unvorstellbaren Grauen in den deutschen Städten, die in Flammen aufgingen, die Feuerstürme in den Himmel lohten und die Überlebenden in den Trümmern wühlten, erklingt erneut das Motiv des wahnwitzigen Aufwands. Die achte Luftflotte allein hat im Verlauf der eintausendundneun Tage eine Milliarde Gallonen Gasolin verbraucht, siebenhundertzweiunddreißigtausend Tonnen Bomben abgeworfen, nahezu neuntausend Flugzeuge und fünfzigtausend Mann verloren.

Mit den Flugzeugen ist der Krieg zu dem geworden, was über unsere Köpfe hinweggeht, ohne daß wir uns noch sinnvolle Bilder davon machen könnten in der Art Tiepolos. Mit aufheulenden Motoren jagen die Maschinen der Flight Officers Russel P. Judd und Louis S. Davies hinter- und nebeneinander her durch die glänzende Frühlingsluft, bis sich die Tragflächen in einem Aufschwung berühren. Weder Stichflammen noch Rauchwolken steigen auf, die See hat sie lautlos verschluckt. Jahre später hat man sie hervorgeholt und die Gebeine begraben. Himmel, Wasser und Erde, die drei Elemente des Lebens und Tötens waren involviert, bevor die beiden zum Ewigen Frieden gefunden haben.

R.I.P.

Kaum ein Prosawerk atmet inniger die Sehnsucht nach dem ewigen Frieden, und kaum eins ist weiter entfernt von der beliebten Königsberger Schrift über die Möglichkeiten seiner Herbeiführung mit den Mitteln der Vernunft.

Montag, 2. Juli 2012

Ferienvolk

Verkleidete Hunde und Lemurengesichter

Ohne Mitreisende wäre nicht nur die Erlebenswelt des Selysses, sondern auch Sebalds Literatur ärmer. Die Mitreisenden mögen abstoßend sein wie der Brotzeiter im Zug nach Kissingen, sie mögen sich einer ungerechten Abneigung des Selysses ausgesetzt sehen, wie die Tiroler Weiber im Bus von Innsbruck nach Schattwald, sie mögen trostreich sein wie die Mutter mit ihrem Sohn im Zug von Rovereto nach Bozen oder beglückend wie die Franziskanerin und das Mädchen im Zug nach Mailand oder gar die Winterkönigin im Zug rheinabwärts bis Bonn: die Mitreiseden sind in keinem Fall Touristen. Sie sind aus einem bestimmten, wenn auch unbekannten Grund unterwegs, meist nur für eine eher kurze Strecke, und sie haben ein Gesicht und eine Gestalt. Die Touristen dagegen sind ein gesichtsloses fremdes Volk auf dem Weg durch die Wüste, die sie selbst hervorgerufen haben. Die Schwindel.Gefühle sind das Buch der Touristen, die Ringe des Saturn, genauer der Zweite Teil, sind das Buch der Wüste, die sie hinterlassen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren im Südosten Englands Seebäder entstanden, die den Ansprüchen der vornehmsten Londoner Kreisen gerecht wurden. Neben den Hotels errichtete man Wandelhallen und Pavillons, Kirchen und Kapellen für jede Denomination, baute eine Leihbibliothek, einen Billardsaal, ein tempelartiges Teehaus und eine Straßenbahn mit einem prunkvollen Terminus. Heute nun verbiegt Selysses als einsamer Gast im Hotel Victoria die Gabel an der legendären Fischschnitte und der jetzige Lord Somerleyton steuert eigenhändig ein Miniaturbähnchen durch die Felder, auf dem eine besichtigungserprobte Anzahl von Menschen hockt, die an verkleidete Hunde erinnerten oder an Seehunde im Zirkus – eine Bestialisierung, die über die bloße Gesichtslosigkeit der modernen Touristen noch hinausgeht.

In der wissenschaftlichen Betrachtung wird man die Reiseaktivitäten zumal der vornehmsten Kreise in vergangener Zeit unterscheiden vom Massentourismus, wie er nach dem letzten Großen Krieg aufgeblüht ist, und auch für den Dichter fallen Adelwarths Reisen als Begleiter von Cosmo Solomon nicht in die Rubrik Tourismus. Die Vergangenheit des Reisens bleibt, nach dem kurzen Blick auf die Verhältnisse in Südostengland, in der Folge von der Betrachtung ausgeschlossen.
Anders als die Hundsmenschen auf dem Bähnlein in Somerleyton gewinnt der steinalte Cicerone in der Arena zu Verona ausdrücklich Gestalt. Da er bucklig war und stark vornübergebeugt ging, reichte sein um vieles zu großes Jackett mit dem vorderen Saum bis an den Boden. Die Gruppe später Ausflügler aber, denen er mit einer dünn und brüchig gewordenen Stimme die Einzigartigkeit des Bauwerks beschrieb, zeigte sich wenig beeindruckt von seiner Architektur- und Opernbegeisterung. Ähnlich durchwandern die Besucher mit einem Ausdruck völliger Verständnislosigkeit die Säle der Nationalgalerie in London. Man stellt sich nichts anderes vor, als daß Selysses erst, nachdem der letzte Schritt verklungen ist, sich in die Betrachtung von Pisanellos San Giorgio con cappello di paglia vertieft.

Am wohlsten aber fühlt Selysses sich in jedem Fall ganz ohne konkurrierende profane Besucher, wie es ihm im Giardino Giusti oder in der Chiesa Sant’ Anastasia in Verona widerfährt. Wie oft auch in Landschaftsgemälden akzentuiert jeweils nur eine einzige menschliche Gestalt die Bildfläche, einmal die Pförtnerin, die ihm beim Verlassen des Gartens aus dem dunklen Gehäuse zunickt, und dann die Mesnerin, die ihm das schwere eisenbeschlagene Hauptportal der Kirche aufschließt und wortlos vor ihm, dem einzigen Besucher, schattengleich durch das Kirchenschiff herschwankt. Die unbeachtet im Verborgenen wirkenden Diener des Tourismus, eher seine Opfer als Mittäter, der Cicerone, die Pförtnerin, die Mesnerin, sind es, die ihm einen Rest von Menschlichkeit verleihen.

Nicht besser als der Besichtigungstourismus schneidet der Festivaltourismus ab. Nach Bregenz reist Selysses nicht als Tourist, sondern aufgrund einer Einladung zum Beiprogramm. Daß er die Einladung angenommen hat, reut ihn noch Jahre später. Die Aufführung der Oper Nabucco besucht er nicht, unter anderem, weil es ihm von Jahr zu Jahr unmöglicher wird, sich unter ein Publikum zu begeben, zumal wenn das Publikum aus Touristen besteht. Auch der Aufführung der Aida in der Veroneser Arena bleibt er, anders als die scharenweise aus den Reisebussen herausgelassenen Festspielbesucher, fern.
 
Schließlich ist der Blick ist zu werfen auf den gemeinen Tourismus mit den Spielarten des Erholungs- und des sogenannten Erlebnistourismus. Als Selysses in Limone gegen Mitternacht zum Hotel zurückgeht, ist auch das ganze Ferienvolk paar- und familienweise unterwegs. Eine einzige buntfarbene Menschenmasse schiebt sich wie eine Art Zug oder Prozession durch die engen Gassen des zwischen den See und die Felswand eingezwängten Orts. Lauter Lemurengesichter waren es, die verbrannt und bemalt, unkenntlich wie hinter einer Maske, über den ineinander verschlungenen Leibern schwankten. Schlimmer noch als in Verona ist es naturgemäß in Venedig. Auf seiner ersten Venedigfahrt hatte Selysses Gestalt einer neuseeländischen Lehrerin nur eine einzige Mitreisende, beim der zweiten Reise, in den Ferialmonaten, ist der Zug überfüllt mit Touristen, die er aber keines Blickes würdigt. Auch in der Bahnhofshalle lagert hingestreckt wie von schweren Krankheit ein wahres Heer von Touristen in ihren Schlafsäcken auf Strohmatten oder auf dem nackten Steinboden. Auch draußen auf dem Vorplatz liegen ungezählte Männer und Frauen, in Gruppen, paarweise oder allein auf den Stufen und überall ringsherum. Wider Erwarten erhebt sich der eine oder andere und wandert herum zwischen den noch an der Erde liegenden Brüdern und Schwestern, als müßte er sich einüben in die Mühseligkeiten der nächsten Etappe einer endlosen Reise.
Das spezielle Grauen des Kreuzfahrttourismus erspart uns der Dichter. Als die Augen sich an das sanfte Zweilicht gewöhnten, konnte man das weiße Schiff sehen, das aus der Mitte des Sonnenfeuers hervorgekommen war und jetzt auf den Hafen von Porto zuhielt, so langsam, das man meinte, es bewege sich nicht. Knapp war sie an der Grenze zum Stillstand und rückte doch so unaufhaltsam vor wie der große Zeiger der Uhr. Das Schiff fuhr, sozusagen, entlang der Linie, die das, was wir wahrnehmen können, trennt von dem, was noch keiner gesehen hat. Vielleicht eine Stunde lag das Schiff hell leuchtend in der Finsternis, als warte sein Kapitän auf die Erlaubnis, einlaufen zu dürfen in den hinter den Calanches verborgenen Hafen. Dann, als die Sterne schon über den Bergen hervortraten, drehte es ab und fuhr so langsam, wie es gekommen war, wieder davon. Der Kapitän, auch er imgrunde nur ein Postulat, scheint einsam und allein, ein gnädiger Gott hat uns behütet vor dem Anblick der Menschen an Bord.

Ein noch nicht eingeweihter Leser der Schwindel.Gefühle wird den fortwährend reisenden Selysses wohl als Touristen sehen und ihn damit einer vom Dichter selbst tief und durchaus im Stil Bernhards verabscheuten Spezies der menschlichen Gattung zuordnen. Selysses selbst gesteht sich ein, daß er viel besser zu Hause geblieben wäre da er wie Grillparzer an nichts Gefallen findet und von allen Sehenswürdigkeiten maßlos enttäuscht ist. Zu Hause aber treffen wir Selysses nie an. In den Ringen des Saturn wandert er durch Gegenden ohne besondere Sehenswürdigkeiten, in den Schwindel.Gefühlen ist er im Grunde auf der Flucht und zum anderen sucht er bestimmte Bilder von Pisanello oder Giotto auf, die er, wie wir wissen, nicht mit den Augen eines Feriengastes betrachtet, so wenig wie der Maler Aurach, der seine Reisephobie einzig der Altarbilder Grünewalds wegen überwindet.

Was Selysses aber radikal von uns Touristen unterscheidet, sind die Bücher, die er über seine Wanderungen und Reisen schreibt, und so dämmert dem fortgeschrittenen Leser die Einsicht, daß er den eigenen Anspruch auf Reise nur durch die Ablieferung ähnlicher Bücher aufrechterhalten könnte und daß er, da ihm das naturgemäß nicht möglich ist, den Anspruch also verwirkt hat. Er müßte von Rechts wegen zuhaus bleiben und sich bis an sein Lebensende mit nichts beschäftigen als mit dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit. Weil aber keiner von uns wirklich still nur für sich sein kann, lösen wir, dem Zorn des Selysses trotzend, schon bald wieder einen Fahrschein und finden uns, kaum daß wir es wissen, in der Eingangshalle eines Museums, dessen Säle wir dann mit dem Ausdruck weitgehender Verständnislosigkeit durchwandern werden.