Sonntag, 27. Januar 2019

Menschen, zu zweit, zu dritt

Lachend in der Mitte

Er ging eine breite Straße entlang, oder, besser gesagt, er ging auf einem breiten Trottoir, ungefähr fünf Meter breit, zwischen wohlgepflegten Alleebäumen, die daneben verlaufende Straße war fünfmal so breit. Viele Leute waren unterwegs, auf beiden Seiten ergingen sich die Menschen, zu zweit, zu dritt, auch in größeren Gruppen, die Männer außen, die lachenden Frauen in der Mitte. - Es ist ein Glück, vielen Menschen zu begegnen, solange sie dich und einander nicht bedrängen und jeder, der will, unbehelligt bleibt. Der Dichter kennt andere Orte des Glücks, den einsamen Wanderpfad, er führt um den Verhack herum, durch eine Ginsterböschung auf die Anhöhe der Lehmklippe hinauf. Draußen auf dem bleifarbenen Meer begleitet den Wanderer ein Segelboot, genauer gesagt schien es ihm, als stünde es still. Anders sieht es für den einsamen Wanderer in den Städten aus. Es dauerte nahezu eine Viertelstunde, bis er auf der anderen Seite des Karrees den ersten Menschen erblickte, eine vornübergebeugte Gestalt, die sich unendlich langsam an einem Stock voranbewegte und dann doch auf einmal verschwunden war. Sonst begegnete ihm den ganzen Morgen niemand in den schnurgeraden, verlassenen Straßen. Glücksgefühle stellen sich nicht ein, Terezín ist wohl auch nicht prädestiniert für Glücksgefühle. In Manchester aber ist es kaum anders. Alles war niedergerissen, so daß man weit über das derart entstandene Brachland hinwegschauen konnte. Wenn die Nacht sich herabsenkte, begannen an verschiedenen Stellen Feuerchen zu flackern, um die als unstete Schattenfiguren Kinder herumstanden und -sprangen. Ansonsten war, obschon bereits der Morgen graut, niemand zu sehen. Tatsächlich konnte man glauben, die Stadt sei längst von ihren Bewohnern verlassen und nun mehr ein einziges Totenhaus oder Mausoleum. Bei Nachtwanderungen trifft man selbst in einer Großstadt wie London kaum Menschen. Man geht fort und fort, auf der Mile End und Bow Road über Stratford bis nach Chigwell und Romford hinaus, quer durch Bethnal Green und Canonbury, durch Holloway und Kentish Town bis auf die Heide von Hampstead, südwärts über den Fluß nach Peckham und Dulwich oder nach Westen zu bis Richmond Park und begegnet auf diesen Wegen nur einzelnen Nachtgespenstern. - Einsame Wanderungen in menschenleeren Städten, ob am Tag oder bei Nacht, haben selten eindeutige Glücksgefühle zur Folge. Was man auch halten mag von den Menschen, in den Städten kann man kaum auf sie verzichten. Wo das Glück verborgen ist, weiß letztlich allerdings niemand. Schlimmer ist es in jedem Fall, wenn die Stadt, zumeist in der Gestalt von Touristen, ausgefüllt ist bis zum Rand. In Limone war das ganze Ferienvolk paar- und familienweise unterwegs. Eine einzige buntfarbene Menschenmasse schob sich wie eine Art Zug oder Prozession durch die engen Gassen des zwischen den See und die Felswand eingezwängten Orts. In Venedig lagerte in der Bahnhofshalle hingestreckt wie von schweren Krankheit ein wahres Heer von Touristen in ihren Schlafsäcken auf Strohmatten oder auf dem nackten Steinboden. Auch draußen auf dem Vorplatz lagen ungezählte Männer und Frauen, in Gruppen, paarweise oder allein auf den Stufen und überall ringsherum.

In der gedrängten Masse werden die Menschen ununterscheidbar. In lockeren Verbänden scheinen sie sich in Mailand zu bewegen, der Dichter ist allerdings in seiner Urteilsbildung dadurch behindert, daß er ihnen nicht al nivello degli occhi begegnet, sondern aus großer Höhe, von der obersten Galerie des Doms auf sie herabschaut. Nur mit Mühe kann er den schlichten und zugleich seltsamen Gedanken fassen, es handele sich vorwiegend um lauter Mailänder und Mailänderinnen, die gegen den Wind geneigt einzeln ihrem Ende entgegenstürzen. Wäre er selbst unten auf der Piazza gewesen, hätte er vielleicht Menschen zu zweit und zu dritt gesehen, lachende Frauen darunter. Auch von einem Straßencafé aus hätte sich das gut beobachten lassen. Als der Erzähler in einer Bar an der Riva Malachio trifft, sind aber draußen keine Passanten zu sehen, nicht zu zweit oder zu dritt, die Männer außen, die lachenden Frauen in der Mitte, nichts und niemand ist zu sehen. Vor dem Fenster des Café des Sports in Evisa war seinerzeit immerhin eine seltsam theatralisch wirkende Person vorbeigezogen und ein halbwüchsiges Schwein, das ihr auf dem Fuße folgte. Vor dem Café auf der Piazza Bra, wo er mit Salvatore Altamura sitzt, werden die die Festspielbesucher scharenweise aus den Reisebussen gelassen, Kulturtouristen eng an eng, kein Lachen, kein Weinen. In der großen und weitläufigen Stadt Warschau, voller lachender Frauen, ist der Dichter nicht gewesen, nicht zur rechten Zeit und nicht im rechten Augenblick.

Sonntag, 13. Januar 2019

Belletristik

Schimmer

Die Melancholie verdeckt die Heiterkeit. Alle spüren die Melancholie des Dichters und viele sehen nicht seine Heiterkeit, weil sie, die Melancholie vor Augen, nicht mit ihr rechnen. Man stößt auf Äußerungen dahingehend, dem Dichter sei Humor völlig fremd. Ein Rezensent berichtet, er habe zu seiner nicht geringen Überraschung und entgegen aller Erwartung ausgerechnet in der posthum veröffentlichten Lyrik, anders als zuvor in der Prosa, Spuren von Humor entdeckt. Melancholie und Humor bilden, so Marquard, keinen Gegensatz. Man könne die Schwermut auf Heiterkeit ausrichten, verliere sie allerdings nicht. Der schönste Beleg dafür ist die Grabrede für Janine Dakyns. Einerseits die fast schon das Zwerchfell belastende Schilderung der wundersamen Papiervermehrung an ihrer Arbeitsstätte, eine richtige Papierlandschaft mit Bergen und Tälern, die an den Rändern, so wie ein Gletscher, wenn er das Meer erreicht, abbrach und auf dem Fußboden ringsum neue, ihrerseits unmerklich gegen die Mitte des Raums sich bewegende Ablagerungen bildete &c., andererseits der Hinweis auf Dürers Engel der Melancholie. Melancholie und Heiterkeit sind nicht immer so gleichmäßig verteilt wie in diesem Beispiel, mal erscheint der Dichter für einen Augenblick geradezu als lustiger Vogel, etwa bei der Vertilgung und Beschreibung der Fischschnitte in Lowestoft, und dann wieder gar nicht, aufs Ganze gesehen liegt aber ein Schimmer der Heiterkeit über der melancholischen Prosa. Marquard hat sich gern und wiederholt als Transzendentalbelletrist eingestuft. Im Wort Belletristik hört man, auch wenn die Etymologie anderes sagt, das Heitere (belle, was ist heiterer als die Schönheit?) sowohl wie auch das Traurige (triste). In diesem Sinne kann man den Dichter ganz und gar zu den Belletristen zählen. Auch der Transzendenz gegenüber ist er offen, wie unter anderem seine heitere Sympathie für die himmelfahrende Mme Ashbury belegt. Das Transzendentale überläßt er naturgemäß den Fachleuten.

Mittwoch, 9. Januar 2019

Catherine

Vervollständigung


Catherine gehört zu den Menschen mit der reinen Stirn der Engel, die Benn zu seiner Verwunderung das eine oder andere Mal getroffen hat. Catherine war es wohl, die vor zehn Jahren nun schon in O’Hare's Ladengeschäft das inzwischen längst wieder entfernte B&B-Angebot hinterlegt hatte, jedenfalls ist es Catherine, die den Reisenden in Empfang nimmt. Abgesehen von der engelsgleichen Stirn erfahren wir wenig über die körperliche Erscheinung. Die weit offenen Augen blicken ins Leere, die Bewegungen sind seltsam starr, die Gedanken abwesend. Catherine scheint immer das gleiche blaßrote Kleid zu tragen an den Füßen keine Schuhe. Als Kind trug sie, wie im Bild festgehalten, zur Erzeugung eines farblichen Kontrasts, le rouge et le noir, einen schwarzen Schottenterrier auf dem Arm. Gesichtslos und lautlos wandert sie durch das Haus, wie überhaupt sämtliche Mitglieder der Familie andauernd auf den Stiegen und Korridoren herumwanderten. Catherine ist diejenige der drei Schwestern, von der wir noch am meisten noch am meisten erfahren, auch wenn es wenig ist. Von Christine hören wir überhaupt nur der Namen und den Umstand, daß auch sie sich an der sinnlosen Näharbeit beteiligt, der Anfertigung vielfarbiger Kissenbezüge, Bettüberwürfe und dergleichen, die die Schwestern am nächsten Tag dann wieder auftrennen. Catherine muß der Reisende suchen, als er Abschied nehmen will. Er findet sie in dem von allerlei Stauden überwucherten Küchengarten, in demselben roten Kleid wie bei der Ankunft, der Blick, den sie auf ihn richtet so leer wie eh und je, die Abschiedsworte hört sie nicht. Der Abschied ist nicht endgültig. Im Jahr darauf sieht er sie wieder auf der Bühne eines kleinen Liebhabertheaters in Berlin als Katherina von Siena in einem Dramenfragment von Jakob Lenz. Er sieht sie wieder oder glaubt sie zu sehen, denn naturgemäß haben wir nicht die von der Quiltnäherin zur Schauspielerin avancierten Catherine Ashbury vor uns. Der Dichter erblickt sie nicht wieder, er erblickt sie zu ersten Mal sozusagen vollständig in der Ergänzung durch die literarische Gestalt der Katharina von Siena - nicht der heilige Katharina, die über die Sümpfe schritt, ein kleines Modell des Rades, auf dem man sie gebrochen hatte, in der Hand – er sieht jetzt auch das, was nicht sichtbar war im realen Leben der Catherine Ashbury. Ich denke, sagt sie, ich will hier schlafen, der stille Abend deckt die kranken Sinne mit einem Mantel zu.

Dienstag, 8. Januar 2019

Blaugrünes Blechtischchen

Domino

Als vor Jahren von Spiel und Sport im Werk des Dichters gehandelt wurde, blieb das Dominospiel unberücksichtigt. Das Spiel, für das jährlich ein Weltmeister oder auch eine Weltmeisterin ausgerufen wird, findet nur eine denkbar kurze Erwähnung im Werk, die Spielstärke des Dichters sowie auch seines Gegners bleiben im Dunklen. Über der Szenerie liegt keine Wettkampfatmosphäre, eine Gartenszenerie, eine Idylle. In einer Sandkuhle unter einem unter einem Holderbusch scharren die Hühner, im Schatten liegt ausgetreckt der schwarze Hund Bletsoe. Die beiden Spieler sitzen an einem blauen Blechtischchen - aller Wahrscheinlichkeit nach der seinerzeit noch grüne Blechtisch im Garten der Mathild, an dem der Dichter als Kind den Atlas studiert hatte -, der Partner des Dichters in Hemdsärmeln und schwarzseidenem Jabot mit einem Zylinderhut auf dem Kopf. Der Park jenseits des Blumengartens erstreckt sich bis an den Weltrand, wo die Minarette von Khoranan aufragen. Nun ist es nicht mehr der Park in Boulge, sondern eine Landschaft in Irland. Eine Traumverwandlung, ein kurzer Traum vom Dominospiel mit Edward FitzGerald an einem grünblauen Blechtischchen aus vergangenen Tagen, letrzten Endes nur ein Scharnier zwischen der Episode FitzGerald und der Episode Ashbury.

Uhrenzeit

China und sonstwo

Szerucki verflucht die Simplizität der Uhren, die es nicht erlaubt, die Zeit zu wenden und zurückzufahren zu dem Augenblick, als das Leinwandidol auf den Bahnsteig in Breslau spurtet. Bei der Wiederholung würde entweder der schon oft geübte Sprung auf den bereits anfahrenden Zug gelingen, oder der Zug wäre gerade zum Bahnhof hinaus, und Zbigniew Cybulski hätte, wie auch andere, ob nun geduldig oder ungeduldig auf die nächste Verbindung nach Warschau gewartet - aber sie Uhren spielen nicht mit. Od dawna już nie nosiłem zegarka, selbst trägt Szerucki schon keine Uhr mehr mit sich, sie störe ihn, mit einer Uhr fühle er sich unwohl. Er erweist sich als Gesinnungsgefährte des noch radikaleren Austerlitz, der betont, nie eine Uhr auch nur besessen zu haben, weder einen Regulator, noch einen Wecker, noch eine Taschenuhr, und eine Armbanduhr schon gar nicht. Eine Uhr sei ihm immer als etwas Lachhaftes vorgekommen, wie etwas von Grund auf Verlogenes. Auch Austerlitz verspürt den Drang, sich entgegen der Zeit zu bewegen, hinter sie zurückzulaufen. Der Dichter selbst hatte sich auf seinen Gängen durchs Dorf an der Hand des Großvaters schon früh an das Treiben der Uhren gewöhnt. Die Türschelle schepperte und gleich darauf standen wir in dem kleinen Uhrenladen des Uhrmachers Ebentheuer, in dem eine Unzahl von Standuhren, Regulatoren, Wohnzimmer- und Küchenuhren, Weckern, Taschen- und Armbanduhren durcheinandertickten, gerade so als könne ein Uhrwerk allein nicht genug Zeit zerstören. Zu seiner späteren, reifen Einstellung zur Uhr äußert er sich an dieser Stelle nicht. Der chinesische Kaiser Qiánlóng war, Ransmayr zufolge, ein Enthusiast außergewöhnlicher Uhren. An eine die Zeit rückwärtsbefördernde Uhr hat er nicht zu denken gewagt, wohl aber an die unterschiedlichen Zeitbedürfnisse angepaßte Uhren, eine Uhr eingestellt auf das Zeiterleben eines Kindes, eine andere für das Zeiterleben eines alten Mannes &c. Von dem noch kindlichen Prinzen Kuang-hsu, Jahrhunderte später, wird berichtet, er habe seine größte Freude beim Zerlegen mechanischer Spielzeuge und Uhrwerke gefunden. Bevor er noch den Thron besteigen konnte, hatte ihm seine Tante und kommissarische Kaiserin Tzu-hsi die Lebenszeit freilich schon abgestellt. Tzu-hsi selbst hatte keine Ader für die mechanische Zeitmessung. Mit besonderer Vorliebe saß sie, zumal in der Nacht, ganz für sich zwischen den Stellagen und lauschte, von aller Zeitnahme befreit und zugleich verschmolzen mit dem Zeitverlauf, hingebungsvoll auf das leise, gleichmäßige, ungemein beruhigende Vertilgungsgeräusch, das von den ungezählten, das frische Maulbeerlaub zernagenden Seidenwürmern kam. - Richtungswechsel, zerstören, individuelle Anpassung, verschmelzen, nichts kann wirklich gelingen und niemand kann mit der Zeit, dem rätselhaftesten, tödlichen Teil der Schöpfung, zufrieden sein, das machen die Uhren mehr als deutlich.

Sonntag, 6. Januar 2019

Gesegnet

Städtetour


Dublin, Baile Átha Cliath, ist eine gesegnete Stadt, allein schon wegen des zehnten Kapitels im Ulysses, allein schon wegen Fr Conmees Gang durch die Stadt, in Gedanken bei Mary Rochfort, first countess of Belvedere, no more young, walking alone the shore of lough Ennel, not startled when an otter plunged. Who could know the truth? Not the jealous husband Lord Belvedere and not her confessor if she had not admitted adultery fully, ejaculatio seminis inter vas naturale mulieris, with her husband‘s brother? God knows and she and he, her husband‘s brother. Warschau ist eine gesegnete Stadt, sobald Szerucki sie betritt. Szedł ulicą szeroką, er ging eine breite Straße entlang, oder, besser gesagt, er ging auf einem breiten Trottoir, ungefähr fünf Meter breit, zwischen wohlgepflegten Alleebäumen, die daneben verlaufende Straße war fünfmal so breit. Venedig ist eine vom Dichter gesegnete Stadt, rauschend tauchen die bis zur Bordkante beladenen Kähne aus dem Nebel auf, reglos stehen die Steuermänner im Heck, ein Sinnbild der Wahrhaftigkeit. Geht man in das Innere der Stadt, so weiß man nicht, was man als nächstes sieht oder von wem man im nächsten Augenblick gesehen wird. Kaum tritt jemand auf, hat er die Bühne durch einen anderen Ausgang schon wieder verlassen. Verona ist eine gesegnete Stadt schon wegen des in seiner Dunkelkammer hantierenden taubstummen Photographen, der, als der Dichter sich eben zum Gehen anschickt, in seinem Rücken eine Reihe wüster Verwünschungen ausstößt. Jerusalem ist eine gesegnete Stadt, über den Dächern kein Laut, kein Lebenszeichen, nichts. Nirgends, soweit das Auge ausschweift, erblickt man ein lebendiges Wesen, ein huschendes Tier oder auch nur den kleinsten Vogel im Flug. On dirait que c’est la terre maudite.

Donnerstag, 3. Januar 2019

Karte und Territorium

Enttäuscht

Immer wenn der Großvater mit der Mathild kartenspielte, studierte der Junge währenddessen den alten Atlas, im Sommer draußen in einem Gartensessel, das Kartenwerk vor sich auf einem grünen Blechtisch, in der schlechten Jahreszeit mit dem Atlas auf den Knien auf dem oberen Absatz der Stiege. Auf den Garten scheint er nicht weiter achtzugeben, jedenfalls erfahren wir nichts Näheres, im Stiegenhaus ist er abgeschlossen von der Außenwelt. Alle Konzentration wird gebraucht für die Entzifferung der winzigen Beschriftung kaum erst entdeckter Erdteile, Schriftzeichen, die alles nur Ausdenkbare an Geheimnissen zu enthalten schienen. Auch später, im Erwachsenenalter, neigt der Erzähler dazu, der Weltabstraktion den Vorzug zu geben vor der Welt. Von allen Sehenswürdigkeiten ist er maßlos enttäuscht und meint oft, er wäre besser zu Hause geblieben bei seinen Landkarten und Fahrplänen. Als der Dichter aus dem hohen Fenster des Zimmers schaut, in das Catherine Ashbury ihn einweist, sieht er nichts, was sich üblicherweise als Sehenswürdigkeit beschreiben ließe, wohl aber eine den Menschen eher froh stimmende Landschaft, ein schönes, vom Wind durchwogtes Stück Weideland hinter den Dächern der Stallungen und Remisen und dem Gemüsegarten, weiter in der Entfernung blinkte von einer Flußkrümmung her das seitwärts dem tiefen Ufer zuströmende Wasser. Dahinter waren Bäume in mancherlei Grün und darüber die schwache gegen das Himmelsblau sich abhebende Linie der Berge des Sliabh Bladhma. In dem saalartigen Raum selbst hatte man die Vorhänge und die Tapeten abgenommen. Die kalkweißen, wie die Haut eines absterbenden Leibs von bläulichen Schlieren unterlaufenen Wände glichen einer jener bewundernswerten Karten des höchsten Nordens, auf denen fast nichts verzeichnet ist. – Wird das bisher erkennbare Verhältnis von bevorzugter Karte und vernachlässigtem Territorium bestätigt oder widerrufen? Die Aussicht, das Territorium ist eindrucksvoll aber nicht überwältigend, eine Karte ist nicht vorhanden, Schlieren an der Wand erinnern an weitgehend merkmalslose Karten aus dem menschenleeren höchsten Norden. Der Nihilismus des Dichters wird sichtbar, die ihn immer wieder heimsuchende Vision einer von den Menschen befreiten Welt, Gebirge ohne Namen, Flüsse ohne Namen, Städte ohne Namen, keine Städte, Straßen ohne Namen, keine Straßen, weit und breit kein Kartograph in Sicht.

Dienstag, 1. Januar 2019

Lebenspraxis

Fach

Santa Polonia, życie praktyczne to nie była nasza najmocniesza strona, das praktische Leben war nicht gerade unsere starke Seite. Szerucki und Rozański haben nicht etwa eine fehlende Hand- und Fingerfertigkeit zu beklagen, sie haben kein Problem mit dem Nagel in der Wand. Sie bewähren sich auf dem Gebiet der Gewässerpflege nicht weniger als in der Forstwirtschaft oder als Hilfsarbeiter auf dem Bau, aber immer auf der untersten Stufe der Karriereleiter. Alle hatten Szerucki schon früh geraten, einen Beruf zu erlernen, ein fach, wie man in Polen sagt. Er war durchaus einsichtig und hatte doch Bedenken, ein Fach, so die Befürchtung, würde ihn zu weit ins praktische Leben zerren, ihn womöglich erblinden lassen für die Welt. Wenn er denn das praktische Leben gewönne und nähme Schaden an seiner Seele.

Im Werk des Dichters sind die Vertreter handwerklicher Berufe rar. Der Onkel Kasimir hatte eine Spenglerlehre durchlaufen und auch in den USA längere Zeit als Blechschmied gearbeitet, bevor ihn eine beim Schlittschuhlaufen erlittene Verletzung arbeitslos machte. Der Landwirt Garrard ist kaum noch auf den Feldern anzutreffen und widmet sich nahezu ausschließlich dem Bau eines Jerusalemer Tempelmodells. Le Strange hatte sich nach seiner Demissionierung als Offizier zunächst der Verwaltung seiner Güter gewidmet, um sich bald schon von allem und jedem zurückzuziehen. Auch die Vertreter akademischer Fächer gehen nicht auf geschweige denn unter in ihrer Tätigkeit. Der pensionierte Richter Farrar kann sich nur wundern, wie lange er es immerhin ausgehalten hat in den Amtsstuben und Gerichtssälen. Der Astrophysiker Malachio beschäftigt sich vordringlichen mit Fragen der Wiederauferstehung nach dem Tode, der Berufskollege Gerald Fitzpatrick hat sich der Fliegerei und seiner Cessna verschrieben bis zum frühen Unfalltod. Niemand von den Genannten würde das praktische Leben als seine starke Seite benennen, am allerwenigsten aber die Ashburys. Edmund, Szeruckis Namensvetter, zimmert seit Jahren an einem langen dickbauchigen Schiff, das niemals in See stechen wird. Die drei Schwestern, Catherine, Clarissa und Christine verbringen jeden Tag mehrere Stunden damit, aus Stoffresten vielfarbige Kissenbezüge, Bettüberwürfe und dergleichen zusammenzunähen, die sie am nächsten Tag wieder auftrennten. Im fernen Manchester, jenseits der See, löscht der Maler Aurach das am Vortag gemalte Bildnis unfehlbar am nächsten Tag wieder aus. Mrs. Ashbury sammelt Blumensamen in Papiertüten, die sie an einer kreuz und quer am Bibliotheksplafond aufhängt, sodaß sie eine Papierwolke bildeten, in der sie, auf der Bibliotheksstaffelei stehend, immer wieder wie eine in den Himmel auffahrende Heilige zur Hälfte verschwand. Heilige und Künstler, wenn sie es denn sind, und solche, die wenigstens den Keim in sich tragen, haben ihre starke Seite nicht im praktischen Leben.