Montag, 24. Juni 2013

Die Mesnerin von Sant’Anastasia

Einem Schatten gleich


Überhaupt weiß ich nicht, was es ist an bestimmten Dingen und Wesen, das mich manchmal so rührt: Für einmal ist es, im Interesse der etwas weniger empfänglichen Leser, offen ausgesprochen: die Reiseberichte des Selysses sind durchsetzt von mystischen Erlebnissen und metaphysischen Augenblicken. Anlaß der Rührung sind an der fraglichen Stelle ein paar Hühner mitten in einem grünen Feld, die sich, obschon es doch noch gar nicht lange zu regnen aufgehört hatte, für ein die winzigen Tiere, wie mir schien, endloses Stück von dem Haus entfernt hatten, zu dem sie gehörten. Aus einem mir nach wie vor nicht ganz erfindlichen Grund ist mir der Anblick dieser weit ins Feld sich hinauswagenden Hühnerschar damals sehr ans Herz gegangen. Man kann die einzelnen Augenblicke als Punkte stehen lassen oder zu einem Bild zusammenfügen, etwa dem einer eigenwilligen Vogelwelt: Selysses sieht die kleinen Tiere auf dem Feld aus dem Reisebus in Gesellschaft der sich als große schwarze Rabenvögel darstellenden Tiroler Weiber, die sich untereinander in ihrer hinten im Hals artikulierten Vogelsprache unterhalten; in Wien hatte Selysses mit den Dohlen und mit einer weißköpfigen Amsel in den Anlagen vor dem Rathaus einiges geredet.

Dem metaphysischen Erleben der Weite und des sich öffnenden Raums stehen Erlebnisse der beschützenden Enge gegenüber. Die Krummenbacher Kapelle ist so klein, daß mehr als ein Dutzend auf einmal gewiß nicht ihren Gottesdienst verrichten oder ihre Andacht üben konnten. Kapellen wie die von Krummenbach gab es zahlreiche um W. herum, und vieles von dem, was ich damals von ihnen gesehen und gespürt habe, wird in mir geblieben sein, so in seiner Unerfüllbarkeit der Wunsch nach einer Wiederholung der in ihrem Inneren herrschenden vollkommenen Stille.

Der Ritorno in patria ist zugleich ein Ritorno al catolicismo, nicht im Sinne einer Erweckung, wohl aber als Erinnerung des großen, für viele Jahrhunderte verpflichtenden metaphysischen Angebots des Christentums. Selysses stößt bei seiner Reise durch Oberitalien auf den heiligen Franziskus, der mit dem Gesicht nach unten in den Sümpfen von Venedig treibt, und auf die heilige Katharina mit ihrem Rädchen, in Venedig trifft er den Propheten Malachio und in Verona den Heiland, Salvatore, selbst. Vor allem aber versenkt er sich immer aufs Neue in die großen christlichen Bildwerke. In der Chiesa Sant’Anastasia will er sich das Fresco ansehen, das der Maler Pisanello über dem Eingang zur Kapelle der Pellegrini um das Jahr 1435 verfertigt hat. Die Kapelle existiert als solche heute nicht mehr, in den Torbogen ist eine mit einer Tür versehene Bretterwand eingebaut, hinter der sich jetzt der Aufenthaltsraum, wenn nicht gar die Wohnung der Mesnerin befindet. Mesnerin, das schöne Wort, etymologisch unbegründet klingt die heilige Messe an, die dunklen Vokale der Mansionaria sind längst verschliffen, gebaut ist das Wort nurmehr aus hellen Vokalen, drei an der Zahl, die sich einer Gruppe von fünf Konsonanten einpassen. Die Reformbarbaren haben das kostbare Wort übersehen, so daß ihm das schlimme, dem behenden BEHENDE zugedachte Schicksal erspart geblieben ist. Kümmern muß uns das hier, an diesem sicheren Zufluchtsort des Rechten und Wahren, allerdings ohnehin nicht.

Ältere Frauen behandelt der Dichter für gewöhnlich nicht sonderlich zuvorkommend. Von den Tirolerinnen, die zu ihm in den Bus einsteigen, redet er so schlecht, daß der Leser fast schon in die Handlung eingreifen möchte. Auch die ältere Frau im Zug nach Kissingen, die in aller Sorgfalt einen Apfel zum Verzehr vorbereitet, erregt eher sein Mißfallen, zwischen der Signora mit dem Vogelblick in der Rezeption des Hotels Boston in Mailand und dem Dichter besteht ein Verhältnis herzlicher wechselseitiger Abneigung, und auch die Mesnerin in der Chiesa Sant’Anastasia erweckt keinerlei Begeisterung. Jedenfalls ist die Mesnerin, eine kummervolle und von langen Jahren des Schweigens und der Einsamkeit fast schon vergangene Frau, nachdem sie kurz nach vier Uhr das schwere eisenbeschlagene Hauptportal aufgesperrt hatte, und einem Schatten gleich durch das Kirchenschiff vor mir, dem einzigen Besucher, hergeschwankt war, wortlos in ihrem Verschlag verschwunden. Während der Zeit, in der ich das Fresco betrachtete, kam sie, mit einer Regelmäßigkeit, als hätte sie den ewigen Umgang, mehrmals hervor und entfernte sich ein Stück weit ins Dunkel hinein, um bald darauf, auf ihrer Umlaufbahn zurückkehrend, ihr Gehäuse wieder aufzusuchen.
In einer seiner schönsten Scholien bekennt Gómez Dávila: Mis convicciones son las mismas que las de la anciana que reza en el rincón de una iglesia: Überzeugungen, von denen Selysses naturgemäß meilenweit entfernt ist, aber in der Prosa geht es nicht um Überzeugungen, sondern um zu künstlerischer Form gewordene Wahrnehmungs- und Erlebnismuster, und da ist der Abstand schon deutlich geringer. Zeuge eines Gebets der Mesnerin werden wir nicht und bringen sie auch kaum in Verbindung mit frommen Verhaltensweisen, umso eindrucksvoller ist ihr Rincón, der die Stelle der ursprünglichen Kapelle eingenommen hat. Wie immer, wenn Selysses beim Betreten eines Hotels, eines Museums, einer U-Bahnstation oder, hier, einer Kirche sein Auge auf das Empfangs- und Einlaßpersonal richtet, wächst dieses unter seinem Blick über sich hinaus und gewinnt mythische Qualität. Die vage Annahme, hinter dem Verschlag könne sich die dauerhafte Wohnung der Mesnerin befinden, wird ohne Umschweife Gewißheit, seit Jahren schon hat sie den Kirchenraum schon nicht mehr verlassen und ist von der Einsamkeit zugrundegerichtet. Das düstere gezeichnete Gemälde des Innenraums der Kirche ist kaum weniger beindruckend als Pisanellos Gemälde, dem der Besuch eigentlich gilt, die Mesnerin ist der fragwürdige, im ewigen Umgang begriffene Geist dieses sakralen Raums. Wußte Selysses, daß die Mesnerin die Kirche kurz nach vier Uhr aufschließen würde, hat er einfach nur gewartet oder war er der Mesnerin bereits zuvor magisch verbunden?

Niemand sonst macht Anstalt, die Kirche zu betreten, weder zu religiösen Zwecken noch aus ästhetischem Antrieb. Das Bildwerk scheint im übrigen mitsamt der Kapelle verschwunden zu sein, nur schattenhaft zeichnet es sich über dem Torbogen ab. Allein mit der Hilfe eines technischen Tricks in der Gestalt eines münzbetriebenen Illuminationsapparates kann es für eine kurze Zeit ins Leben zurückgeholt werden; die sakrale Stimmung wird dadurch nicht gehoben. Das Bild führt nicht ins Herz des katholischen Christentums, ist doch die Legende vom Drachentöter einer eher heidnischen Peripherie zuzurechnen. Keines der in den Schwindel.Gefühlen bedachten Bildwerken stellt eine zentrale Szene des Christentums dar, nicht die Geburt des Gottessohnes, die Kreuzigung oder die Auferstehung, mit Ausnahme von Giottos Compianto sul Cristo morto. Hier aber bleibt die untere Bildhälfte, die sich mit der Beweinung im engeren Sinne beschäftigt, so gut wie unbeachtet, alle Aufmerksamkeit gilt der oberen Hälfte mit den kleinen Flugkörper, die eher gedrungenen Kummerdrohnen ähneln als Engeln, deren weiße Flügel aber mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde das weitaus Wunderbarste von allem sind, was wir uns jemals haben ausdenken können. Wenn sich Selysses in reichem Maße des bildnerischen und metaphysischen Angebots des Christentums bedient und sein Erleben darin einzeichnet, so bleiben es doch Kostümteile, die er über- und wieder abstreift, um seine Wanderungen in einer dem Anlaß gemäßen Kleidung fortzusetzen.

Samstag, 15. Juni 2013

Urbanes Leben

Sicherheitsfragen


Die Stadtmauern haben ihre Bedeutung verloren, auch die aufwendigsten Befestigungsanlagen können schon seit langem die Sicherheit nicht mehr gewährleisten. Die rapide industrielle und kommerzielle Entwicklung und das dadurch bedinget Wachstum der Städte trieb die Forts so weit hinaus, daß bald schon die gesamte Armee des Landes für die ordnungsgemäße Besatzung der Anlage einer einzigen Stadt nicht mehr ausreichte. Der Luftkrieg besiegelte dann endgültig das Schicksal des Festungsbaus, riesige Formationen von Lancaster- und Halifaxbombern flogen nachts über die graue Nordsee hinweg, um im Morgengrauen, ihrer Bombenlast über den Städten entledigt, weit auseinandergezogen wieder heimzukehren. Ohnehin konnten die Mauern und Festungen immer nur vor äußeren Feinden schützen und nicht die Menschen in der Stadt voreinander.

Eingeschlossen in Metallgehäuse reist Selysses in die verschiedensten Städte, meist ist es die Eisenbahn, in selteneren Fällen auch das Flugzeug. Die Mitreisenden sind von unterschiedlicher Qualität, auf bezaubernde Weise verstörend wie die Winterkönigin im Zug rheinabwärts, von Grund auf abstoßend wie der Brotzeiter im Zug nach Kissingen, in keinem Fall erweisen sie sich aber als gefährlich. Oft nimmt Selysses kaum Notiz von ihnen oder sie von ihm, nicht im Flugzeug: Es befanden sich nur wenige Passagiere an Bord, die, in ihre Mäntel gehüllt, weit voneinander entfernt in dem halbdunklen und ziemlich kalten Gehäuse saßen; und nicht in der Bahn: Meine wenigen Mitreisenden saßen im Halbdunkel auf den abgewetzten lilafarbenen Sitzpolstern, alle in Fahrtrichtung, möglichst weit voneinander entfernt und so stumm, als hätten sie noch niemals in ihrem Leben ein Wort über die Lippen gebracht. An Bord, so könnte man schließen, fühlt Selysses sich sicher. Den etwa zweistündigen Flug von Kloten nach Manchester übersteht er nach eigenen Angaben ohne größere Besorgnis.
Gleich nach der Ankunft in einer Stadt aber wächst die Gefahr oft spürbar. Selysses hat in der so angenehmen Gesellschaft der Franziskanerin und des jungen Mädchen Mailand erreicht, als, noch in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs, zwei junge Männer auf ihn zukommen. Schon spürt er ihre Hände unter seiner Jacke, und erst als er die Schultertasche mit einem Schwung in sie hineinfahren läßt, gelingt es ihm freizukommen. In Venedig unterzieht sich Selysses in einem Barbiergeschäft noch auf dem Bahnhofsgelände einer scharfen Rasur, eine Handlung sträflicher Todesverachtung, wie es ihm beim Gedanken an den Bader Köpf nachträglich vorkommt. Wer dann vom Bahnhof aus hineingeht in das Innere von Venedig, weiß nie, was er als nächstes sieht oder von wem er im nächsten Augenblick gesehen wird. Geht man in einer sonst leeren Gasse hinter jemandem her, so bedarf es nur einer geringen Beschleunigung der Schritte, um demjenigen, den man verfolgt, die Angst in den Nacken zu setzen und umgekehrt wird man leicht selbst zum Verfolgten. Verwirrung und Schrecken wechseln einander ab. Wen kann es wundern, wenn Selysses schon bald wieder den rettenden Zug aus Venedig heraus besteigt. In Desenzano wird er noch auf dem Bahnhofsvorplatz Zeuge eines kleinen Aufruhrs gegen die Staatsgewalt, kein Grund zur Panik aber auch nicht geeignet, die Stimmung zu heben. In Verona vermeidet Selysses die Gefahr zunächst, indem er sogleich, einer alten Gewohnheit gemäß, in den Giardino Giusti geht. Dort ist er, während der frühen Nachmittagsstunden, auf einer steinernen Bank unter einer Zeder gelegen. Lang war ihm nicht mehr so wohl gewesen. Umso mehr braut es sich zusammen, als er schließlich die Stadt betritt. Beim Verzehr einer Pizza schließlich überkommt ihn das Gefühl einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe und er muß sich mit den Händen an der Tischkante einhalten wie ein Seekranker an der Reling. Sein Herz setzt einen Schlag aus. Er legt 10 000 Lire auf den Teller, rafft die Zeitung zusammen, stürzt auf die Straße hinaus, läuft zur Piazza hinüber, geht dort in eine hellerleuchtete Bar, läßt sich ein Taxi rufen, fährt ins Hotel zurück, packt in aller Eile seine Sachen und flüchtet sich in das Metallgehäuse des Nachtzugs nach Innsbruck. In Den Haag geht schon von den vor den Eingängen der diversen Unterhaltungs- und Eßlokale in kleinen Gruppen versammelten morgenländischer Männer, von denen die meisten stillschweigend rauchen, während der eine oder andere ein Geschäft abwickelt mit einem Klienten, ein zwiespältiger Eindruck aus, und als dann ein dunkelhäutiger Mensch auf Selysses zustürzt, das blanke Entsetzen im Antlitz, verfolgt von einem seiner Landsleute dessen Augen geradezu glänzten vor Mordlust und Wut, ein langes, blitzendes Messer in der Hand, das so knapp an ihm vorbeifuhr, daß er bereits zu spüren glaubte, wie es ihm zwischen die Rippen drang, bleibt ihm nichts als die Flucht.

Wenn Mauern schon lange nicht mehr helfen, so ist auch von den Ordnungskräften nicht viel zu erwarten. Dem auf dem Bahnhofsvorplatz in Desenzano in seiner Würde arg verkürzten Gesetzhüter blieb nichts, als sich in seinen Polizeiwagen hineinzusetzen und mit quietschenden Reifen die Via Cavour hinab davonzufahren, unter den Augen des ruchlosen Pöbels, der sich vor Lachen schier nicht zu fassen wußte, und die Stärke des Postenkommandanten Dalmazio Orgiu liegt unverkennbar mehr auf dem Gebiet nachträglich ausgestellter Zertifikate als auf dem erfolgreicher Gefahrenprävention. Der Dichter kann seine körperliche Unversehrtheit nur mit dichterischen Mitteln sicherstellen.
In Wien hat sich Selysses offenbar gegen von außen drohende Gefahren immunisiert, aber um einen hohen Preis. Die einzige Beschäftigung in Wien besteht für ihn aus ebenso endlosen wie leeren Gängen, die aber über ein eher enges Areal nicht hinausführen, einen genau umrissenen, sichel- bis halbmondförmigen Bereich, dessen Rand zugleich die Grenze seiner Vernunft, Vorstellungs- und Willenskraft ist. Die reale Gefahr droht von Innen und besteht in der Überschreitung dieser Grenze. Der Ausflug mit Ernst Herbeck führt durch den Ort Kritzendorf. Von den Kritzendorfern war nichts zu sehen, sie saßen alle am Mittagstisch und klappern mit ihren Bestecken und Tellern. Ein Hund wirft sich an ein grüngestrichenes eisernes Gartentor, völlig außer sich, als sei er um den Verstand gekommen. Die Kritzendorfer haben sich eingeschlossen, der Hund ist eingeschlossen, Gefahr droht nicht, und doch ist die Situation nicht befriedigend. Erst in Prag ist der richtige magische Kniff gefunden. Selysses, in der Gestalt des Jacques Austerlitz, trifft an einem viel zu hellen, gewissermaßen überbelichteten Tag ein, an dem die Menschen so krank und grau aussehen, als wären sie sämtlich chronische, nicht mehr weit von ihrem Ende entfernte, zu gefahrenträchtigen Handlungen nicht mehr fähige Raucher. Zu tun hat Austerlitz zunächst nur mit zwei Menschen, mit Tereza Ambrosová im Staatsarchiv in der Karmelitská und mit Vĕra Ryšanová ihrer Wohnung in der Šporkova. In den Gemäuern ist man ohnehin sicher, Gefahren lauern auf den Reisenden auf den offenen Plätzen der Stadt, und auf dem Weg von der Karmelitská in die Šporkova lassen sich die Lungenkranken schon nicht mehr blicken. In Theresienstadt fehlen die Menschen so gut wie vollständig. Eine vornübergebeugte Gestalt bewegt sich an einem Stock unendlich langsam voran und ist dann plötzlich verschwunden. Ein Geistesgestörter fuchtelt wild, ehe er, mitten im Davonspringen, vom Erdboden verschluckt wird, das ist es schon, beklemmend aber ohne Risiko. Auf dem Höhepunkt seiner magischen Kraft ist der Dichter in Manchester, über Jahrzehnte gelingt es ihm, die englische Großstadt menschenleer zu halten. Schon bei der Fahrt vom Flughafen aus im Taxi kann er erkennen, daß die Wunderstadt des letzten Jahrhunderts beinahe restlos ausgehöhlt. Im Inneren der Stadt ist, obschon bereits der Morgen graut, niemand zu sehen. Tatsächlich konnte man glauben, die Stadt sei längst von ihren Bewohnern verlassen und nun mehr ein einziges Totenhaus oder Mausoleum. Auf seinen ersten Ausflügen sieht Selysses so gut wie keine Menschen, nur verlorene Hinterlassenschaften der Vergangenheit, eine längst außer Betrieb gesetzte Gasanstalt, ein Kohlendepot, eine Knochenmühle. In der Nachmittagsdämmerung brachen die Stare in einer weit in einer weit in die Hunderttausende gehenden Zahl in dunklen Wolken über die Stadt herein. Und auch viele Jahre später führt in der Weg erneut durch menschenleere Wohnviertel, vorbei an Lagerhäusern über deren zerschlagenen Fensterlöchern sich die Ventilatoren noch drehten. Nichts allerdings wäre irriger als der Glaube, mit der Räumung der Städte und der damit verbundenen Beseitigung der Gefahrenherde wäre das Paradies auf Erden hergestellt. Für Selysses sind die Tage, Wochen und Monate bestimmt von einer bemerkenswerten Geräuschlosigkeit und Leere. Nur die teas-maid, dieses ebenso dienstfertige wie absonderliche Gerät, ließ ihn damals durch ihr nächtliches Leuchten, ihr leises Sprudeln am Morgen und durch ihr bloßes Dastehen untertags am Leben festhalten.

Vermutlich im Widerspruch zu empirisch-statistischen Erkenntnissen vermögen die Reisebehälter aus Metall dem Dichter mehr Sicherheit zu bieten als das Leben auf den offenen Plätzen der Städte. Verkehrsmittel jeglicher Art muß man irgendwann wieder verlassen, sagt der gesunde Menschenverstand, schon deswegen können sie keinen dauerhaften Schutz gewähren, immerhin aber treffen wir bei Cortázar auf ein Volk, das, vielleicht aus ähnlichen Überlegungen und Ängsten, sein Leben ganz in das U-Bahnnetz der Stadt Buenos Aires verlegt hat. Um sich in der U-Bahn einzurichten, müßte Selysses aber zunächst eintreten in die dunkle Vorhalle, in der außer einer sehr schwarzen, in einer Art Schalterhäuschen sitzenden Negerfrau nicht ein lebendiges Wesen zu sehen war. Vielleicht erübrigt sich die Feststellung, daß er in die Untergrundstation nicht hineingegangen ist. Zwar stand er eine beträchtliche Zeit sozusagen auf der Schwelle, wechselte auch einige Blicke mit der schwarzen Frau, den entscheidenden Schritte aber wagte er nicht zu tun. Zudem sind die günstigen Bedingungen in den Beförderungsmitteln keineswegs konstant. Heutzutage ist man in den Flugzeugen zumeist mit einer Vielzahl von Menschen auf das entsetzlichste zusammengezwängt und von der beständigen Betulichkeit des Personals aus der Fassung gebracht, und auch die zweite Bahnfahrt nach Venedig läßt jeden Komfort vermissen. Der Zug war dermaßen überfüllt, daß Selysses die ganze Fahrt über auf dem Gang stehen mußte oder in verschiedenen, äußerst unbequemen Stellungen zwischen den allseits sich türmenden Koffern und Rucksäcken kauern mußte. Bahn- und Luftverkehr haben längst die Merkmale überfüllter Städte angenommen. Ganz anders sind die Reiseverhältnisse in Amerika. Gleich außerhalb des Flughafengeländes wäre Selysses um ein Haar von der Straße abgekommen, als er über einem dort aufgeworfenen wahren Riesengebirge aus Müll einen Jumbo wie ein Untier aus ferner Zeit aufsteigen sah. Besser vertraut geworden mit den Landessitten, gleitet er aber wie von selber auf der breiten Fahrbahn dahin, fast schon wie auf Gleisen, die einzelnen Fahrzeuge wie Abteile in einem Zug, denn die Überholvorgänge verliefen so langsam, daß man, während man Zoll für Zoll sich nach vorn schob oder zurückfiel, sozusagen zu einem Reisebekannten seines Spurnachbarn wurde. In die Ewigkeit könnte man so weiterfahren, und es heißt, nicht wenige Bewohner des nordamerikanischen Kontinents hätten ihre Lebensweise diesem Ideal weitgehend angepaßt. Unvorstellbar allerdings, Selysses, dem nur wenig zuvor noch nichts absurder erschienen wäre als der Gedanke, er könne irgendwann einmal ungezwungenermaßen eine Reise nach Amerika zu unternehmen, sich nun kurzfristig für ein Leben auf den Highways entscheiden würde.

Mittwoch, 12. Juni 2013

Café arabica

Drama und Idylle


In den Ringen des Saturn wird der Weg der Seide vom fernen China bis nach Europa in den Einzelheiten nachgezeichnet. Die Seide ist längst Teil unseres Lebens aber kaum noch beachtetes Thema im öffentlichen Raum, vielleicht hat der Dichter sich gerade aus diesem Grunde ihr zugewandt. Wenig hat er sich immer um Dinge gekümmert, die den Menschen, wie es heißt, auf den Nägeln brennen. Zu diesen Dingen zählt augenscheinlich der Kaffee, eine andere Gabe des Orients. Bei jedem Einkauf stoßen wir auf neue Kapseln, Säckchen, Mischungen, Zubereitungsformen und -maschinen, sogenannte Größen aus Film und Fernsehen vertreten mit Nachdruck den Wert des einen oder anderen Produkts, in den Innenstädten winken die Kaffeehäuser der verschiedenen Ketten einander über die Straße zu, die Menschen sitzen an den Tischchen drinnen und draußen oder tragen das dunkle Labsal in Pappbechern einher. Über die Art und Weise, wie der Kaffee zu uns kam, unterrichtet uns der Dichter nicht, eine der eindrucksvollsten Szenen des Kaffeeverzehrs in der Weltliteratur überhaupt aber hat er nach Venedig verlegt, der östlichen Stadt Italiens, die für lange Phasen ihrer Geschichte den Blick eher zum Orient als zum Okzident hin gerichtet hatte. Von Venedig aus sind auch Cosmo Solomon und Ambros Adelwarth zu ihrer Orientreise aufgebrochen
Die Zeitverlorenheit althergebrachter orientalischer Kaffeestuben finden wir nicht im Stehbuffer der Ferrovia, vielmehr werden wir in ein überaus dramatisches Geschehen einbezogen. Als eine Art feste Insel ragte das Buffet heraus aus der wie in einem Ährenfeld schwankenden Menge der Menschen. Aus Leibeskräften mußte man zunächst, wenn man wie ich eines Billets ermangelte, sein Begehren zu den auf erhobenen Posten sitzenden Kassiererinnen hinaufschreien, die nur mit einer Art Schürze bekleidet, mit lockigem Haar und halbgesenkten Blick in völliger Ungerührtheit über den Häuptern der Bittsteller schwebten und willkürlich, wie mir schien, irgendeinen der von den einander durchdringenden und sich überschlagenden Stimmen vorgebrachten Wünsche herausgriffen, sodann den Preis des Verlangten hinausriefen in den Raum und huldvoll und verächtlich zugleich einem das Zettelchen und das Wechselgeld aushändigten. Einmal im Besitz des inzwischen einem schon lebenswichtig erscheinenden Billets mußte man sich in die Mitte der Cafeteria hinüberkämpfen, wo die männlichen Angestellten dieses ungeheuren Gastronomiebetriebs hinter einem kreisförmigen Buffet mit Todesverachtung geradezu dem andrängenden Volk gegenüberstanden und ihre Arbeit mit einer Gelassenheit erledigten, die vor dem Hintergrund der allgemeinen Panik die Wirkung eines zerdehnten Zeitablaufs hervorbrachte. Der Eindruck, daß hier Gericht gehalten wurde über ein korrumpiertes Geschlecht, wurde noch dadurch verstärkt, daß den weißgekleideten, würdevollen Männern, die im Inneren des Kreises offensichtlich auf einer erhöhten Plattform sich befanden, das Buffet nur etwa bis zur Hüfte reichte, den Außenstehenden hingegen bis unter die Schultern, wo nicht gar bis zum Kinn. Mein Capuccino wurde serviert, und einen Augenblick war mir zumut, als hätte ich mit dieser Auszeichnung den bisher bedeutendsten Sieg meines Lebens errungen.
Man könnte meinen eingeführt zu sein in ein weiteres Bild von Tiepolo oder Pisanello oder eines bisher unbekannten Malers, in dem der Ritter Georg sich für eine neue Aufgabe rüstet, wieder muß er mithilfe der Mächte des Himmels denen der Hölle trotzen, kein Drache ist diesmal zu erlegen, sondern, ungleich schwerer und gefahrvoller, ein Cappuccino zu erringen. Vielleicht hören wir auch eine Oper von Verdi oder einem anderen Tonmeister mit viel Klangaufwand für eine karge Librettostelle, oder wir verfolgen an der Seite Kafkas einen frühen Slapstickfilm, und Buster Keaton schaut nach wilder Schlacht und unerwartetem Sieg ernst und traurig drein, während wir, die Zuschauer, uns vor Lachen schier nicht zu fassen wissen.

War es in Venedig das Drama des Kaffees, so ist es in Limone am Gardasee, fern vom Orient, die Idylle. Das Schreiben ging mir mit einer mich selbst erstaunenden Leichtigkeit von der Hand. Zeile um Zeile füllte ich die Bogen des linierten Schreibblocks. Luciana, die hinter der Theke wirtschaftete, blickte immer wieder aus den Augenwinkeln zu mir herüber und brachte mir, wie ich es erbeten hatte, in regelmäßigen Abständen einen Expreß und ein Glas Wasser. Ab und zu auch ein in eine Papierserviette gewickeltes Toastbrot.
Es ist beruhigend, daß auch Toast serviert wird, war doch nicht auszuschließen, Selysses würde nach dem schlimmen Erlebnis in der Pizzeria Verona auf feste Kost fortan ganz verzichten. Ansonsten und in der Hauptsache aber geht es: nicht um die die große Trophäe in der Gestalt eines Cappuccinis, sondern um die Verabreichung winziger Ristretti in kurzen Zeitabständen. Die schwerelos verstreichende Zeit erhält so ihren Rhythmus. Die Schreibfeder gleitet unbehindert über das Papier, Luciana bleibt beim Servieren meistens eine kurze Weile stehen und knüpft eine kleine Unterhaltung an. Einmal ist es dem Dichter gewesen, als spürte er ihre Hand auf ihrer Schulter. Wie könnte man es sich idyllischer ausmalen.

Aber schauen wir überhaupt aufmerksam genug hin, ist es wirklich eine Idylle oder doch wieder ein Drama, ein verstecktes Drama von Untreue und Verrat. Hat Luciana, Isolde und Brangaene in einer Person, dem Kaffee etwas beigegeben, war sie es, die den Paß mit voller Absicht dem Herrn Doll ausgehändigt hatte, so daß der Padrone sie dann auffordern muß, sich mit Tristan Selysses auf eine Reise zu begeben, die das ehebrecherische Paar ohne Verzug vor den Postenkommandanten Dalmazio Orgiu führt zum Zweck einer frevlerischen Trauung.

Das Drama und die Idylle oder, wenn man es so sehen will, die zwei Dramen sind zu unserem Behagen aufgegossen aus einem aromatischen Nichts, wir verspüren ein großes inneres Vergnügen und eine Belebung, die weit hinausgeht über die des realen Kaffeegenusses und sei es auch bei Starbucks.

Mittwoch, 5. Juni 2013

Tiepolos Freunde

Vie de la petite morte

Es ist schwer, Pierre Michons Buchtitel Vies minuscules in seiner Bündigkeit ohne Verlust oder willkürliche Anreicherung ins Deutsche zu übersetzen, daher soll auch nicht bemängelt werden, wenn als Titel der deutschen Ausgabe derjenige der letzten der acht Erzählung oder Kapitel gewählt wurde: Leben der kleinen Toten, Vie de la petite morte. Der Sebaldleser möchte ohnehin dem Vorbild deutscher Filmverlage folgen und, den Originaltitel weiter nicht beachtend, sich für Ritorno in patria entscheiden; im Klang des Italienischen wäre, so könnte er ohne viel Grund anführen, bereits die Vorliebe beider Autoren für Tiepolo zu spüren. Beim Betrachten der von ungeschickter Hand gemalten Kreuzwegstationen in der Krummenbacher Kapelle auf dem Weg von Oberjoch in die Heimatortschaft W., sinnt Selysses darüber nach, der anonyme Maler habe sich vielleicht nicht weniger gemüht als Tiepolo, der zu dieser Zeit mit seinen Söhnen Lorenzo und Domenico über die Alpen gezogen war, und nun auf dem Gerüst einen halben Meter unter der Decke des Treppenhauses der Würzburger Residenz an seinem riesigen Weltwunderbild arbeitete. Wenn Tiepolo, wie Michon sagt, der Mozart der Malerei ist, so ist Sebald, trotz eingestandener Vorliebe für Schubert, derjenige, der dem Maler im Feld der Dichtung näher steht, die Deckenmalerei, mit dem Himmel als offenem Fluchtpunkt, kommt seinem Stilideal der Levitation wie kaum etwas sonst entgegen. Leicht und melodiös ineinander verschlungen bewegen sich die Bewohner der Ortschaft W. dahin, die hellen und dunklen Schönheiten, zwar fehlt die wunderbare Amazonenheldin mit dem Federputz auf dem Kopf, aber der Mohr ist dabei: Am unteren Ende der Gasse tauchte ein Fahrzeug auf, wie er zuvor noch nie eins gesehen hatte. Es war eine allseits weit ausladende lila Limousine mit einem hellgrünen Dach. Unendlich langsam und völlig geräuschlos glitt sie heran, und drinnen an dem elfenbeinfarbenen Lenkrad saß ein Neger, der ihm, als er vorbeifuhr, lachend seine gleichfalls elfenbeinfarbenen Zähne zeigte. Da unter unseren Krippenfiguren einer der drei Weisen aus dem Morgenland und zwar derjenige mit dem schwarzen Gesicht, einen lila Mantel mit hellgrünen Besatz trug, stand es für ihn außer Zweifel, daß der Fahrer des Automobils in Wahrheit der König Melchior gewesen ist. Dunkelheit beschränkt sich bei Tiepolo nicht auf die Hautfarbe der Afrikaner, bei der Einreise nach Italien hatte Selysses über Santa Tecla libera Este della peste meditiert, ein Bild Tiepolos, auf dem es in Erdnähe düster zugeht, himmelwärts, über unseren Köpfen allerdings lichtvoll. Michon, durchweg beklemmender und ganz ohne Sebalds Heiterkeit, hat Tiepolos lichtem Bild von der Hochzeit Barbarossas in der Gestalt des François-Èlie Corentin einen dunklen Tiepolo, den Tiepolo de la Terreur entnommen.

Die beiden Freunde Tiepolos treffen sich noch bei einem anderen Maler, einem anderen Bild: On eût dit que les docteurs de La Leçon d’anatomie avaient changé de toile, s’étaient massés dans l’ombre derrièrre l’Alchimiste à sa fenêtre, et emplissaient l’espace habituel de son recueillement de leurs puissantes présences empesées de blanc. Die Ärzte auf Visite haben sich hinter dem Père Foucault versammelt, dem Analphabeten, der sich von ihren Blicken in seiner Seele und seiner Würde seziert fühlt und der sich auf keinen Fall den Blicken der Hauptsstadtärzte stellen will, die allein sein Leben vielleicht retten könnten, – eine philosophische Haltung, die in den Augen des Erzählers mehr Respekt noch verdienen als die Lehrmeinungen des gleichnamigen, von ihm durchaus geschätzten philosophe en vogue et missionaire illustre. Dem Foucault minuscule fühlt er sich verwandt nach seiner Zeit in der Hauptstadt als vom rechten Wege abgekommener, schreibunfähiger Dichter ohne Worte, Worte, die er erst findet nach seiner Rückkehr ins bro gozh zadoù, einige hundert Kilometer südwestlich der Bretagne, im sehr ländlichen Limousin.
Auch Sebald kehrt in seinem Prosaerstling in den ländlichen Raum, allerdings, nach langer Irrfahrt, erst am Ende des Buches und mit gespielter Beiläufigkeit: Eines Nachmittags faßte ich den Entschluß, nach England zurückzukehren, zuvor aber noch auf eine gewisse Zeit nach W. zu fahren, wo ich seit meiner Kindheit nicht mehr gewesen war. Die Rückkehr als kleiner Umweg ohne besondere Bedeutung – wir sollten uns nicht täuschen lassen. Zwar hatte Sebald sich im realen Leben weiter von der Heimat entfernt, zwar hatte er besser Fuß gefaßt in der großen Welt, zur Literatur ist er erst gekommen, als ihm klar war, daß es, nach seinen eigenen Worten, eine Literatur der Armut sein müßte. Die Rückkehr führt in nicht an den aktuellen Ort, wo die Landwirte inzwischen ein Schweinegeld verdienen – Michon spricht, sozusagen von der anderen Seite her, vom deuil de la ruralité -, sondern zu den unscheinbaren Toten seiner Kindheit. Bei beiden Freunden Tiepolos ist das Elternpaar so gut wie abwesend, bei Michon begünstigt dadurch, daß er den familienflüchtigen Vater nicht kennengelernt hat. Der Mutter sind die Vies minuscules gewidmet, gut möglich auch, daß die vielen Anreden an den Leser in Wahrheit Anreden an die Mutter sind, Anreden über uns hinweg an sie, die, unsichtbar, in unserem Rücken steht.

Kaum ein großer Autor hat auf den Weg zurück in die Kindheit verzichtet. Prousts Leser könnten sich allenfalls vorstellen, die Recherche würde nach Combray abbrechen, nicht vorstellbar ist ihnen die Recherche ohne Combray. Wenn Kunst, wenn Dichtung sich im Reich der Wahrnehmung abspielt, dann ist die Kindheit für sie ein unvergleichliches Reservoir unbearbeiteter, sozusagen noch nicht wahrgenommener, beim Aufbruch in die Jugend wie versiegelt zurückgelassener Wahrnehmungen, an deren künstlerischer Erschießung der Dichter zu sich finden kann. Eine auf dem Land verbrachte Kindheit mag dabei gleichsam als eine besonders tiefe, gleichsam verdoppelte Kindheit erscheinen, da sich hier auch schon die einfachste Gegenstände als Schatztruhen erweisen. Das nach dem Verzehr des Seelenwecken am Finger zurückgebliebene Mehl kommt vor wie eine Offenbarung, und noch am Abend desselben Tags gräbt das Kind lang noch mit einem Holzlöffel in der im Schlafzimmer der Großeltern stehenden Mehlkiste, um das dort, wie er meinte, verborgene Geheimnis zu ergründen. Die dörflichen Verhältnisse in Frankreich zu dieser Zeit stellt man sich, zu Recht oder zu Unrecht, sich noch um einiges dörflicher vor. Von der dialektalen Prägung seiner Kindheit hat sich Sebald später deutlich, wenn nicht mit einem gewissen Abscheu losgesagt, andererseits aber immer wieder mit lexikalischen und syntaktischen Alemannismen gespielt. Um einiges weitergehend noch Michon: Cette langue désuète travaille en secret mon texte, certaines sonorités, des ellipses balourdes en sont directement issues. Et quand j’écris, je me parle souvent à moi-même, je me commente, je me moque de moi, je m’approuve ou me désapprouve, en patois. Ce sont ces vieux paysans morts qui, en moi, se défendent opiniâtrement contre le non-être.
Für den athée mal convaincu ist Rückkehr in die Kindheit auch Rückkehr zum sakralen Vokabular, das, weitaus mehr als die profane Sprache der Gottlosen, geeignet ist, eine gottverlassene Welt darzustellen, ce monde privé de grâce depuis l’origine des espèces mortelles. Einer der Höhepunkte des Buches ist die Messe, die ein der Trunksucht verfallener Priester für die Insassen einer Irrenanstalt ließt, crétins et idiots, wie es unverblümt heißt, so wie auch Sebald, die moderne, welterrettende Sprachschulung mißachtend, hartnäckig von Krüppeln, Negern und Zigeunern spricht. Peut-être l’abbé eût-il voulu, comme François d’Assise, parler pour les seuls oiseaux, les loups; car si ces êtres sans langage l’eussent compris, alors il en, eût été sûr: c’eût été que la Grâce le touchait. Corbeaux et sangliers émurent les idiots. Bei Sebald begegnen uns überall die entwurzelten Heiligen, den heiligen Franz hatte Selysses schon mit dem Gesicht nach unten in den Sümpfen von Venedig schwimmen sehen, trifft ihn dann aber wiedererstanden in der Person des demissionierten Majors Le Strange, der, den Menschen gänzlich entfremdet, ständig umschwärmt gewesen ist von allem möglichen Federvieh, von Perlhühnern, Fasanen Tauben und Wachteln und den verschiedenen Garten- und Singvögeln, die teils am Boden um ihn herumliefen, teils in der Luft ihn umflogen.

J’étais quai d’Austerlitz, je ne partais pas. Das war noch, bevor Austerlitz sich anschickte, vom Austerlitzbahnhof aus die Suche nach dem Vater fortzusetzen. Ein Jahr jünger als Sebald war Michon drei Jahre vor ihm in Manchester allerdings nur kurz und ohne greifbare Folgen. Je m’envolai pour Manchester, rien n’y fut considérable.

Hat es zunächst den Anschein, als handle es sich um eine Autobiographie, in der der Autor nur als in den anderen gespiegelter Schemen erscheint, tritt er dann doch deutlicher hervor. Eine offenbar länger andauernde Phase im Dunkel von Trunk- und Tablettensucht wird mit einer Art nachsichtigen Schonungslosigkeit gezeichnet, die nicht jedem gefallen muß. Die leichte Eleganz, mit der Sebald als Selysses stets anwesend ist, ohne aber viel von sich preiszugeben, mag man vermissen. Die im engeren Sinne autobiographischen Passagen gewinnen ihren größten Wert in dem Augenblick, wo sie vom Leben und Sterben der anderen überwältigt werden, so während der Messe, die der geistliche Trunkenbold den Schwachsinnigen liest.
Acht Leben, davon zwei Doppelleben, also zehn: Vie d’André Dufourneau, das Leben eines Afrikareisenden; Vie D’Antoine Peluchet, das eines verlorenen Sohns; Vies d’Eugène et de Clara, das Leben der Großeltern väterlicherseits; Vies des frères Bakroot, das Leben zweier ungleichen Brüder; Vie du père Foucault, das Leben eines Analphabeten; Vie de Georges Brandy, das eines der Trunksucht verfallenen Priesters; Vie de Claudette, das einer Geliebten; Vie de la petite morte, das Leben der erstgebornen Schwester Madeleine, es hat kein Jahr gewährt. Que dans mes étes fictifs l’hiver des morts hésite. Que dans le conclave ailé qui se tient aux Cards sur les ruines de ce qui aurait pu être, ils soient.