Mittwoch, 19. Oktober 2011

Kommentar Accident

Zunächst scheint es auf einem Einzelfall abgewonnene allgemeine Betrachtungen herrenloser Hunde hinauszulaufen, dann aber schiebt sich die gefahrenträchtige Verkehrsituation in den Vordergrund. Es scheint sich um Eindrücke aus der Frühzeit des Automobils zu handeln, was die Besonderheit eines Privatmanns am Steuer sein soll, ist uns Heutigen schwer verständlich, zumal der Privatchauffeur obendrein auf einer kleinen Geschäftsfahrt ist, wie es heißt; privat oder geschäftlich, was denn nun, fragen wir. Der Betrachter hat offenbar Mühe, sich in das Geschehen hineinzudenken, selbst ist wohl nie am Steuer gesessen. Er macht die Unfallsituation zu einem bloßen Moment seiner launigen Einfälle. Beim Tricykle stutzen wir, anders als vielleicht erwartet, nicht, konnten wir doch in den letzten Tagen auf dem TV-Schirm erleben, wie eine große Anzahl dieser Gefährte eine bestimmte Kirschensorte zu Tal fährt, die, zu einer Praliné verarbeitet, dann denen köstlich schmeckt, die so etwas mögen.
Accident de circulation

Accident de circulation

Am späteren Nachmittag spazierte ich unter den Bäumen der Uferpromenade entlang. Ein hellfarbiger Hund, der einen schwarzen Fleck wie eine Klappe über dem linken Auge hatte und der wie alle herrenlosen Hunde schräg zu der Richtung, in der er sich fortbewegte, zu laufen schien, hatte sich am Domplatz mir angeschlossen, und war mir nun immer ein Stück weit voraus. Blieb ich stehen, so hielt auch er ein und schaute versonnen auf das fließende Wasser. Ging ich weiter, so machte auch er sich wieder auf den Weg. Als ich aber am den Corso überquerte, blieb er an der Bordsteinkante zurück, und ich wäre, weil ich mitten auf dem Corso mich umwandte nach ihm, um ein Haar überfahren worden. Der Unfall passierte dann nur einen Augenblick später und vielleicht hundert Meter weiter, ohne aber daß ich anders daran beteiligt gewesen wäre denn als bloßer Betrachter. Auf dem Asphaltpflaster sind die Automobile leichter zu dirigieren aber auch schwerer einzuhalten. Besonders wenn ein einzelner Privatmann am Steuer sitzt, der die Größe der Straßen, den schönen Tag, sein leichtes Automobil, seine Chauffeurkenntnisse für eine kleine Geschäftsfahrt ausnützt und dabei an den Kreuzungsstellen sich mit dem Wagen so winden soll, wie die Fußgänger auf dem Trottoir. Darum fährt ein solches Automobil knapp vor der Einfahrt in eine kleine Gasse noch auf dem großen Platz in ein Tricykle hinein, hält aber elegant, tut ihm nicht viel, tritt ihm förmlich nur auf den Fuß, aber während ein Fußgänger mit einem solchen Fußtritt desto rascher weiter eilt, bleibt das Tricykle stehen und hat das Vorderrad verkrümmt. Naturgemäß hätte es bei weitem schlimmer kommen können.

Dienstag, 18. Oktober 2011

Kommentar Geheimnisse

Selysses will in Paris die Metro benutzen, als ihm eine ungewöhnliche Leere auffällt. Er führt das zunächst auf den fehlenden Berufsverkehr am Sonntag zurück, bemerkt dann aber, daß er vor einer Station steht, von der aus er noch nie abgefahren ist, mehr noch, er hat sie schon oft durchgefahren, ohne irgend jemand ein- oder aussteigen zu sehen. Beklemmung kommt ihn an, verstärkt noch vom Anblick der sehr schwarzen, in einer Art Schalterhäuschen sitzenden Negerfrau, dem einzige lebenden Wesen, abgesehen von ihm selbst, in der dunklen Vorhalle. Wird ihn die Treppe nach unten zu den Gleisen führen, oder in eine andere geheimnisvolle und gefahrvolle Unterwelt. Unterstützt von Kafka lenkt er zur Wiedergewinnung des Gleichgewichts seine Gedanken um auf allgemeine und sachbezogene Fragen des Metroverkehrs in der Seinestadt, so etwa auf die Arbeit der die Waggontüren auf- und zuschiebenden und dazwischen sich hinein- und herausschwingenden Schaffner. Der Leser glaubt nichts anderes, als daß Selysses ungeachtet der imaginären Gefährdungen längst seinen Platz im Waggon eingenommen hat und dort seine Überlegungen fortspinnt. Überrascht und in gewissem Sinne auch erleichtert sieht er ihn dann aber die Station, unter Verzicht auf die unterirdische Beförderung, wieder zur Straße hin verlassen. Was bliebe uns, wenn alle Rätsel verfliegen und alle Geheimnisse sich in Luft auflösen würden.
Geheimnisse der Metro

Geheimnisse der Metro

Die Metro schien mir, bevor ich noch herabgefahren war, an diesem Sonntag sehr leer, besonders wenn ich es mit jener Fahrt vergleiche, als ich krank und allein zum Rennen gefahren bin. Allerdings war die Metrostation, wie mir nun auffiel, eben diejenige, an der ich noch nie, wenn ich durch sie durchgefahren war, irgend jemand hatte ein- oder aussteigen sehen. Der Zug hält, die Türen öffnen sich, man blickt auf den leeren Bahnsteig hinaus, man vernimmt die sonst im allgemeinen Getriebe kaum, hier aber überdeutlich hörbare Warnung Attention, die Türen schließen sich wieder, und er Zug ruckt an. Jedesmal, wenn ich durch diese Station gefahren bin, ist das so gewesen, und kein einziges Mal hat auch nur einer der übrigen Fahrgäste mit der Wimper gezuckt. Offenbar ist dieser mich tatsächlich beunruhigende Sachverhalt nur mir allein aufgefallen. Jetzt also stand ich auf dem Trottoir vor dem Eingang zu der fraglichen Station und brauchte, um mir die Mühe des letzten Wegstücks zu ersparen, bloß einzutreten in die dunkle Vorhalle, in der außer einer sehr schwarzen, in einer Art Schalterhäuschen sitzenden Negerfrau nicht ein lebendiges Wesen zu sehen war. Den Namen dieser Station habe ich mir nie einprägen können. Das Aussehn der Metro unterliegt aber auch abgesehn von der Besonderheiten dieser Station und vom allgemeinen Besuch dem Einfluß des Sonntags. Die dunkle Stahlfarbe der Wände überwiegt. Die Arbeit der die Waggontüren auf- und zuschiebenden und dazwischen sich hinein- und herausschwingenden Schaffner stellt sich als eine Sonntagnachmittagsarbeit heraus. Die langen Wege zur Correspondence werden langsam gegangen. Die unnatürliche Gleichgültigkeit der Passagiere mit der sie die Fahrt in der Metro hinnehmen wird deutlicher. Das sich gegen die Glastüre wenden, das Aussteigen einzelner an unbekannten Stationen weit von der Oper wird als launenhaft empfunden. Sicher ist in den Stationen trotz der elektrischen Beleuchtung das wechselnde Tageslicht zu bemerken, besonders wenn man gerade heruntergestiegen ist, merkt man es, besonders dieses Nachmittagslicht, knapp vor der Verdunkelung. Die Einfahrt in die leere Endstation der Porte Dauphine, Menge von sichtbar werdenden Röhren, Einblick in die Schleife, wo die Züge die einzige Kurve machen dürfen nach so langer geradlinieger Fahrt. Tunnelfahrten in der Eisenbahn sind viel ärger, keine Spur von der Bedrückung, die der Passagier unter dem wenn auch zurückgehaltenen Druck der Bergmassen fühlt. Man ist auch nicht weit von den Menschen sondern eine städtische Einrichtung, wie zum Beispiel das Wasser in den Leitungen. Das Zurückspringen beim Aussteigen, mit dem dann folgenden verstärkten Vorgehn. Dieses Aussteigen auf ein gleiches Niveau. Meist verlassene kleine Schreibzimmer mit Telephon und Läutewerk dirigieren den Betrieb. Schrecklich war der Lärm der Metro, als ich mit ihr zum erstenmal im Leben vom Montmartre auf die großen Boulevards gefahren bin. Sonst ist er nicht arg, verstärkt sogar das angenehme ruhige Gefühl der Schnelligkeit. Die Reklame von Dubonnet ist sehr geeignet von traurigen und unbeschäftigten Passagieren gelesen, erwartet und beobachtet zu werden. Ausschaltung der Sprache aus dem Verkehr, da man weder beim Zahlen, noch beim Ein- und Aussteigen zu reden hat. Die Metro ist wegen ihrer leichten Verständlichkeit für einen erwartungsvollen und schwächlichen Fremden, die beste Gelegenheit, sich den Glauben zu verschaffen, richtig und rasch im ersten Anlauf in das Wesen von Paris eingedrungen zu sein. Vielleicht erübrigt sich die Feststellung, daß ich letztlich doch nicht in diese Intergrundstation hineingegangen bin. Zwar stand ich eine beträchtliche Zeit, während ich mir mit den angeführten Gedanken, das Wesen und den Betrieb der Metro insbsondere an Sonntagen betreffend, Mut zu machen suchte, sozusagen auf der Schwelle, wechselte auch einige Blicke mit der dunklen Frau, aber den entscheidenden Schritt wagte ich nicht zu tun.

Montag, 17. Oktober 2011

Kommentar Claqueurin

Selysses Vorbehalte gelten nicht so sehr Verdis Oper selbst als vielmehr ihrer Wirkung auf das deutsche Gemüt. Ihm schaudert bei dem Regieeinfall, der Gefangenenchor in Sträflingskleidung könne einen Beitrag zur sogenannten Vergangenheitsbewältigung leisten. Trotz seines Widerwillens nimmt er dann doch Platz im Parkett. Die abschließende Beurteilung des Stückes wird Thomas Bernhard überlassen, der sich seiner Aufgabe auf das knappste in der bewährt kompromißlosen Weise entledigt: Die Vorstellung war entsetzlich. Den aufbrausenden Beifall kann Selysses daraufhin nur verstört wahrnehmen. Dem Leser fällt es schwer, sich ein unabhängiges Urteil zu bilden. Einerseits ist an Bernhards ästhetischer Urteilsfähigkeit nicht zu zweifeln, andererseits kennt jeder seine Neigung zum Extremismus. In jedem Fall muß Selysses einräumen, daß die vom ihm zunächst als Claqueurin verdächtigte junge Frau überwältigt von ihren Eindrücken und aus reinem Herzen applaudiert.
Claqueurin

Sonntag, 16. Oktober 2011

Claqueurin

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Teure Heimat, wann seh’ ich dich wieder. Im Zuge der sogenannten Wiedergutmachung erst ist man auf den Gedanken gekommen, auch den Hebräern ihr Recht werden zu lassen und aus den anonymen Sklaven richtige Juden in Zebraanzügen zu machen. Bald nach der Eröffnung der Saison habe ich, was mich heute noch reut, teilgenommen an einer Veranstaltung des Festspielrahmenprogramms und für meine Bemühungen nebst einem Honorar auch zwei Karten für die Nabucco-Aufführung am selben Abend erhalten. Mit diesen Karten bin ich, bis die letzten Besucher in den Eingängen verschwunden waren, unschlüssig auf dem Vorplatz herumgestanden, unschlüssig, weil es mir mit jedem vergehenden Jahr unmöglicher wird, mich unter ein Publikum zu mischen; unschlüssig weil ich den Chor der verkleideten KZ-Häftlinge nicht sehen wollte. Ich bin dann doch in das Theater hineingegangen. Die Vorstellung war entsetzlich, der Applaus immens. In der eigenen Sitzreihe glaubte ich eine Claqueurin auszumachen, die nicht wenig zu der allgemeinen Begeisterung beitrug. Ihr Applaus schien dem Stockaufschlagen des über uns im letzten Rang beschäftigten Oberclaqueurs zu folgen. Sie klatschte mit so weit vorgebeugtem abwesenden Gesicht, daß sie, wenn der Applaus zu Ende war, erstaunt und besorgt die Innenfläche ihrer durchbrochenen Handschuhe anschaute. Sie fing aber gleich wieder an, wenn es nötig wurde, klatschte schließlich auch selbständig und war gar keine Claqueurin, sondern eine ehrlich Hingerissene.

Kommentar Chaleur

Das Wetter mit seinen hochsommerlichen Temperaturen im Oktober ist ungewöhnlich, das Lokal nicht weniger, es ist geradezu lächerlich in seiner Art, und selbst dem Habitué fallen noch Absonderlichkeiten auf wie die Geländer zwischen den Tischen. Der aufmerksame Leser wird gleich einen Widerspruch bemerken zwischen den in ihrer Vielzahl eher in vergangene Zeiten zurückverweisenden Hüten und dem neuzeitlichen Großbildschirm. Drei mögliche Lösungen des Widerspruchs bieten sich ihm an. So mag in diesem Lokal ein ausgewähltes, aus irgendwelchen Gründen am Hut festhaltendes Publikum verkehren. Angesichts der Sonnenhitze draußen mag einem sodann der vermeintlich rettende Gedanke kommen, daß es sich bei allen diesen Hüten um nichts anders handele als um lauter Sonnenhüte, für Frauen und Männer gleichermaßen; allerdings scheint es sich bei den mit Hüten gleich Bäume vollgehängten Kleiderrechen um ein dauerhaftes Phänomen zu handeln. Das führt zu dem letzten Lösungsansatz, demzufolge sich die Hüte als bloße, dem sogenannten Ambiente dienliche Ausstattungstücke entpuppen. Keine Lösung kann restlos überzeugen. Der auf dem Bildschirm ablaufende Bericht über eine Feuerbrunst in Indonesien dürfte so oder so eine zeitlich recht genaue Festsetzung des Lokalbesuchs ermöglichen. Die Hitze in den Straßen von Paris spiegelt sich in verheerenden Bränden im fernen Asien, die Globalisierung ist vor unserer aller Augen.
Chaleur d’automne

Samstag, 15. Oktober 2011

Kommentar Bedienerinnen

Im Düval am Boulevard Sebastopol ist es noch früh, die Gäste bislang spärlich, das Personal schon dienstbereit. Die geringe Bestellung des Gastes, ein Joghurt, wird nicht nur sorgfältig ausgeführt, die Bedienerin scheint besorgt um den leidenden Selysses und therapiert ihn gleichsam mit der Stille ihrer Handlungen. Bald schon wird rege Betriebsamkeit herrschen in diesem Lokal, Selysses denkt an die Begegnung mit einer Bedienerin im vergessenen Südosten Englands, wo die Stille noch weitaus tiefer war und anhaltend, aber ganz und gar nicht trostreich. Gut denkbar, daß damals der Gast, also er, und die Bedienerin die einzigen Menschen in dem gar nicht einmal kleinen Hotel waren, das aus vorgefertigten Teilen bestehende Mahl mochte sie vor dem Servieren selbst auf die eine oder andere Weise erhitzt haben. Ein Menschenpaar allein in einem großen Haus, das bietet alle Möglichkeiten, an die dunkelsten, in die Richtung, die Hitchcock in seinem vielleicht bekanntesten Film verfolgt hat, will man dabei noch gar nicht einmal denken.
Bedienerinnen

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Chaleur d’automne

Als ich anlangte an der Gare du Nord, herrschte, nach einer bereits mehr als zwei Monate dauernden, weite Landesteile völlig ausdörrenden Trockenheit, immer noch hochsommerliche Temperaturen, die bis in den Oktober hinein nicht nachließen. Schon am Morgen stieg das Thermometer über fünfundzwanzig Grad, und gegen Mittag ächzte die Stadt förmlich unter der Last der riesigen Glocke aus Benzin und Bleidünsten, die über der gesamten Ile de France hing. Die blaugraue, einem den Atem nehmende Luft war unbeweglich. Der Straßenverkehr schob sich zollweise über die Boulevards, die hohen Steinfassaden zitterten wie Spiegelbilder in dem gleißenden Licht, die Blätter der Bäume in den Tuilerien und im Luxemburggarten waren verbrannt, die Menschen in den Métrozügen und in den endlosen Gängen, durch die ein warmer Wüstenwind strich, zu Tode erschöpft. Wie immer waren wir in dem lächerlichen Restaurant in der Rue Richelieu verabredet, das ich nie anders als gedrängt voll gesehen habe, häßlicher Rauch hängt vor den Spiegelscheiben. Die regelmäßig verteilten Kleiderrechen sind mit Hüten vollgehängt wie Bäume. Man folgt der verbreiteten Sitte, Geländer zu haben zwischen den Tischen. Gleich nachdem die Täuschung des ungeschickten Ausländers, wo ein geländerartiger Rahmen sei, müsse auch eine Glasscheibe stecken, dadurch aufgeklärt wird, daß man frech in die Scheibe schaut, in der man das Spiegelbild entfernter Gäste zu sehen meint und durch den Gegenblick einsieht, daß man es mit wirklichen Gesichtern zu tun hat – fühlt man wie solche Geländer zwischen aneinander gestellten Tischen gerade viel für die Annäherung tun. Nun, mancher würde gern darauf verzichten. Als ich das auch mitten an diesem hellen Sommertag ziemlich dustere Lokal betreten hatte, brauchte es einige Zeit, um mich zu überzeugen, daß er noch nicht eingetroffen war. Über einen hoch an der Wand angebrachten, wenigstens zwei Quadratmeter großen Fernsehschirm liefen gerade Bilder der Rauchwolken, die seit vielen Wochen in Indonesien die Dörfer und Städte erstickten und eine grauweiße Asche auf die Häupter derer streuten, die sich, aus was für Gründen immer, außer Hauses wagten mit einer Schutzmaske vor dem Gesicht.

Drei heißt Vier

Uwe Schütte: W.G. Sebald

In einem Interview mit dem Spiegel unterscheidet Sebald zwischen der bürgerlichen Person, dem Schriftsteller, dem Erzähler und den Figuren im Prosawerk. Damit ist er selbst, bei genauer Betrachtung, in seinem Werk und in dessen Umgebung gleich fünffach vertreten, fünffach, wenn man noch den Wissenschaftler hinzuzählt, der ja, nimmt man Wittgenstein als einen seiner Prototypen, nicht unbedingt als Bürger zu verstehen ist, und wenn man ferner den Erzähler ein weiteres Mal unter den erzählten Figuren wiederfindet. Schließlich ist es ein Unterschied, ob der Erzähler sich, wie in Ritorno in Patria oder in Paul Bereyter, auch über vergangene Zustände seines eigenen Ichs beugt, oder ob er nur als blasser Schatten Jacques Austerlitz begleitet, der selbst für lange Strecken als Icherzähler auftritt, so daß der Leser des öfteren innehält und sich fragt, wer denn nun im Augenblick eigentlich das Wort hat.

Wenn die kleinen Sebaldstücke den Bürger, den Wissenschaftler und fast auch den Schriftsteller nach Möglichkeit außen vor lassen, um sich ungestört an den mit der Chiffre Selysses belegten Erzähler zu halten, ist das nicht zu deuten als fehlendes Interesse an den anderen Facetten des Autors, die ja sämtlich in einem gleichsam bebenden Verhältnis zueinander stehen. Vielleicht ließe sich die in David Foster Wallace’s Roman über Wittgensteins Besen im System von dem genialen Seelenkundler Dr. Curtis Jay Ph.D. zur Anwendung gebrachte geniale Membranentheorie für eine genauere Beschreibung der Verhältnisse nutzen. Unbestritten in jedem Fall sind die schönen und gültigen Ergebnisse, die sich erreichen lassen, wenn man vom Autor her auf das Werk schaut. Legt nun jemand eine Darstellung von Sebalds Leben und Werk vor, der den Dichter persönlich gekannt hat, so erfaßt gerade auch den auf das dichterische Werk konzentrierten wahren Sebaldleser – eine wichtige Spezies innerhalb der von Sebald entdeckten Gattung der wahren Leser, erkenntlich daran, daß sie die neue Pariser Nationalbibliothek meiden – ein numinoser Schauder, ähnlich dem des Frommen, der die Evangelisten Matthäus und Johannes für die Apostel gleichen Namens nimmt und so zu leibhaftigen Begleitern des Herrn macht. Schickt man sich in Oberjoch an, den Sebaldweg herabzuwandern, hat man ähnliche Empfindungen wie auf dem Berg Tabor, Empfindungen numinoser Art , da die von den Zeitzeugen berührte Wirklichkeit im Vergangenheitsschlund des Unwirklichen verschwunden und für ihn, den späteren Leser, auf immer unerreichbar ist. Erleichtert und beglückt ist der wahre Sebaldleser, wenn er feststellen kann, daß U. Schütte seinen Wirklichkeitsvorsprung nicht zur Kumpanei nutzt und sich selbst ein hagiographisches Verhältnis zum Dichter bescheinigt.

Im biographischen Teil erfährt man viel Neues, naturgemäß aber nicht alles, was man gern gewußt hätte, und auch die gemeine Menschenneugier wird längst nicht in allen Punkten gestillt. So hätte mancher sich insgeheim erwünscht, das Werk wäre als Rororomonographie erscheinen, der dort genreüblichen Bebilderung wegen. So wie es ist, kennt die breitere Öffentlichkeit, um ein Beispiel zu geben, von Sebalds Familie weiterhin nur die Augenpartie der Tochter. Gern wäre man über Sebalds Verhältnis zum Vater so tiefgehend unterrichtet, wie man es im Fall Kafkas zu sein glaubt, nach dem man seinen langen Brief gelesen hat, gern wäre man bei den Reisevorbereitungen des Dichters dabei oder bei Gesprächen in der Fakultät &c.

Da das alles nicht erfüllt werden kann, mag man verleitet sein, in einem Gedankenspiel in die entgegengesetzte Richtung zu gehen und zu fragen was wäre, wenn wir es statt mit W.G. Sebald mit Traven B. Sebald zu tun hätten, von ihm gar nichts wüßten und nur auf sein Werk angewiesen wären. Da man ohnehin, wie herausgefunden wurde, zu keinem Wort, sei es Würfel oder Sebald je ein vollständiges Bild aufrufen kann, ist das Spiel in philosophischer legitim.

In einem weiteren Schritt könnte man sich vorstellen, auch das literaturkundlich-essayistische Werk sei verloren gegangen und nur die Dichtung erhalten. Man liest verschiedentlich, Sebald der Dichter langer weicher Satzmelodien sei nicht zu haben ohne Sebald den aggressiven Polemiker. Das ist richtig, solange es um den Menschen Sebald geht, die Freunde des Selysses hingegen würden nur geringen Trennungsschmerz verspüren. Um ihr Geschäft gebracht wären allerdings diejenigen, die immer wieder gern streiten, ob die Luftkriegsvorwürfe gegen die deutsche Nachkriegsliteratur stichhaltig sind und ob Andersch hinreichende Gerechtigkeit widerfährt.

In einem dritten Schritt schließlich stellen wir uns vor, das Korsikaprojekt wäre ausgeführt und stattdessen Austerlitz nicht mehr geschrieben worden. Dieser Schritt würde zu einem erheblich veränderten Bild des Dichters führen, der Holocaust wäre das mehr oder weniger kräftige Wetterleuchten am Horizont der ersten drei Prosabücher geblieben, und niemand wäre auf die Idee verfallen, Sebald als Prime Speaker des Themas anzusehen, der auch nicht viel anderes als eben dieses im Sinn gehabt habe. Es geht nicht darum, die unbezweifelbare Bedeutung des Themas in Sebalds Werk herabzumindern, wohl aber seine Überbetonung durch den Teil der Leserschaft, gegen den Nabokow Zeit seines Lebens ebenso vehement wie erfolglos vorgegangen ist, erfolglos schon wegen der Überzahl derjenigen, die dem Literarischen in der Literatur fremd gegenüber stehen, dagegen stark sind im Feld der Meinungen und weltanschaulichen Positionen und die Dichtung in größerer Nähe zum Journalismus als zur Musik vermuten.

U. Schütte widerspricht entschieden der Einschätzung von Sebald als Holocaustdichter, für manchen Geschmack aber, so mag es zunächst scheinen, nicht entschieden genug. So zitiert er zu Beginn weitgehend kommentarlos die Ansicht, Sebald habe eigentlich immer das gleiche Buch geschrieben, nur jedesmal besser, Austerlitz müßte bei dieser Rechnung dann das Opus Maximum sein. Tatsächlich verläuft eine klare und für jedermann leicht erkennbare Trennlinie zwischen den beiden Reise- und Wanderbüchern auf der einen und den zwei Lebensgeschichtenbüchern auf der anderen Seite. Die Vorliebe nicht weniger Leser kann durchaus auf der Seite der Reisebücher liegen, und nicht wenige, zu denen, wie sich später zeigt, auch U. Schütte gehört, haben in Austerlitz ausdrücklich nicht die Krönung des Werks sehen wollen. Dem wahren Sebaldleser ist angesichts der betörenden Schönheit aller vier Prosabücher ohnehin immer das Buch das liebste, das er gerade liest.

U. Schütte spricht einleitend drei, im einzelnen nicht genannten Werken des Dichters Ewigkeitswert zu und könnte, wie man zunächst vermutet und befürchtet, die Schwindel.Gefühle als Wackelkandidaten ansehen. Diese Vermutung scheint bestärkt durch den Umstand, daß eine wichtige Facette des Dichters in seiner Arbeit kaum zu Worte kommt: der scherzende Sebald. Sucht man im Erstlingswerk, dem Elementargedicht Nach der Natur nach Spuren von Humor, so sucht man lange und vergebens, in den Schwindel.Gefühlen bestimmt er dann aber nahezu die allgemeine Tonlage, wenn auch stets umschleierte und immer wieder scharf kontrastiert von dem in verschiedensten Formen einbrechenden Unheil. Man denke nur an das in wahrhaft umwerfender Weise ins Stehbuffet des Bahnhofs Venedig verlagerte Jüngste Gericht, wo der mit Wucht auf dem Tresen abgestellte Capuccino gleichbedeutend ist mit der Einweisung ins Paradies; oder an die Kafkaklone im Bus nach Riva; oder an den verlorenen Paß in Limone, an den Brigadiere mit der schwungvollen Bedienung der Schreibmaschine, an das kradbetriebene Arzt-Pfarrer-Paar in W. und viele andere mehr. Die Bus- und die Paßszene werden auch von U. Schütte ausdrücklich behandelt, nur bei der Busszene aber vermerkt er knapp einen Umschlag ins Komödiantische. Auch die von U. Schütte ausführlich behandelte Koinzidenzpoetik steht innerhalb des Zweiklangs von Scherz und tiefere Bedeutung näher beim Scherz, und, verbunden damit, ist auch das selbstironische Lächeln Sebalds über Sebald den Apokalyptiker am ENDE des Buches schwer zu übersehen. There is a mighty judgement coming on - but I may be wrong. Wahrscheinlich verdanken die Schwindel.Gefühle ihre relativ geringe Beachtung in der werkbegleitenden Literatur ihrer Heiterkeit, stört sie doch empfindlich das sorgsam um den Holocaust gerundete Bild eines immerzu untröstlichen Sebald. Ein deutscher Forscher ist beim Studium des nachgelassenen Lyrikbandes erstmals auf mögliche Anzeichen von Humor bei dem zu Lebzeiten zuverlässig humorlosen Dichter gestoßen.

In den weiteren Büchern ist die humoristische Stillage zurückgenommen, aber keineswegs verschwunden. Empfindsame glauben in fast jedem Satz ein feines Lächeln zu spüren; ein Lächeln nahe dem Geheimnis, warum wir uns in Sebalds Prosa immer wohl fühlen und guten Mutes sind, von welchen Schrecken auch gerade berichtet werden mag. Ein Lächeln das sich stellenweise immer wieder verdichtet, man denke an die Tante Theres, die bei ihren Heimatbesuchen nur eine tränenfreie Woche kennt, da sie die ersten drei Wochen fortwährend vor Freude weint und die drei letzten des schon wieder einsetzenden Trennungsschmerzes wegen (AW); an die Papierlandschaften der Dozentin Janine Rosalind Dakyns (RS); an den Lehrer Hilary, der seinen Stoff wegen eines Bandscheibenleidens auf dem Rücken am Boden liegend vorträgt (AUS). Die Beteuerung des Erzählers, die Unterrichtsgestaltung in der Rückenlage sei keineswegs komisch gewesen, ist eine der zahllosen kleineren und größeren Irreführungen und Schwindeleien in Sebalds Büchern.

Auf den dem Spaßmacher eng verwandten Schwindler geht U. Schütte zu recht immer wieder ein. Die Schwindeleien können, einmal durchschaut, dem Leser besondere Glücksgefühle bereiten. So hat der Major Wyndham Le Strange alle Merkmale einer besonders schönen und tiefen Sebalderfindung, und der Leser ist enttäuscht und fast schon verärgert, daß er ihn als eine nur reale, auf eine Zeitungsnotiz zurückgehende Gestalt ansehen soll, umso größer ist dann die Euphorie, wenn sich die Realitätsnachweise als Fiktion erweisen.

Christian Wirth hebt hervor, daß U. Schüttes Buch in einer Sprache fern vom Fachchinesisch der Germanisten geschrieben ist, eine Sprachhaltung, die Sebald verhaßt gewesen sei. Vielleicht kann man noch weitergehen und vermuten, daß Sebald Dichter geworden ist, weil er kein Germanist mehr sein, weil er nicht mehr über seine Dichterfreunde schreiben wollte, sondern mit ihnen. Dieser Schritt ist im Aufsatzbuch Logis in einem Landhaus vollzogen, und die Schwindel.Gefühle sind ein wahrer Tanz mit Stendhal und Bernhard, auch mit Giotto, Pisanello und Tiepolo, vor allem aber naturgemäß mit Kafka.

Man muß allerdings froh sein, daß nicht alle Sebald auf diesem Weg folgen können und wollen, sonst gäbe es unter anderem U. Schüttes Buch nicht zu lesen. Gerade für jemanden, der vor allem von kleineren, querschießenden Motiven, wie etwa den Empfangsdamen oder den Mitreisenden, den Sehfehlern oder den Uhren, in Sebalds Werk sich hat fesseln lassen, ist es ein besonderes Erlebnis, sich unter sorgsamer Aufsicht Schritt für Schritt durch das Gesamtwerk führen zu lassen. Viele bisherige Verständnislücken werden dabei geschlossen, nicht wenig ist zu korrigieren. Ärger kommt verschiedentlich auf, aber ausschließlich Ärger über sich selbst: warum hast du diese Einzelheit immer wieder überlesen, warum diesen Zusammenhang nicht selbst erkannt. Alles ist bemerkens- und bedenkenswert, auch wenn man dann beim Bedenken hie und da zu einer etwas anderen Auffassung neigen mag. Man schließt das Buch und kann die eigenen Sebaldlektüren weiterhin unbeschwert in der Haltung des einfachen, nur seiner Freude verpflichteten Lesers fortsetzen, dies aber mit neuer Qualität.

Ungeklärt ist die Frage nach dem vierten Buch, dem der Zutritt zur Ewigkeit verweigert bleibt. Die Möglichkeit, das Elementargedicht Nach der Natur könne ein weiteres Prosabuch aus dem verbleibenden Triumvirat stoßen, soll ausgeschlossen sein. U. Schütte bringt erhebliche Vorbehalte gegen das Austerlitzbuch vor, denen man nur beipflichten kann. Kehren wir aber zurück zu unserem Gedankenspiel, drehen es im letzten Schritt radikal um und stellen uns vor, vom unbekannten Dichter Traven B. Sebald sei nur Austerlitz erhalten: die Pforte zur Ewigkeit müßte sich öffnen, und so auch, bei gleichem Verfahren, für jedes andere der Prosabücher. U. Schütte hat denn auch, möchte man meinen, kein bestimmtes Buch im Auge gehabt, sondern aus Gründen der Vorsicht eine Art negativen Joker eingeführt, den jeder Leser nach Belieben einsetzen kann, den er aber, wenn er nur bei Sinnen ist, nicht ins Spiel bringt.

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Bedienerinnen

Im Düval, am Boulevard Sebastopol, mußte ich, ohne daß ich sagen könnte warum, an die verschreckte junge Frau denken, die vor Jahren in dem großen Speisesaal eines Hotels in Südostengland, in dem ich an jenem Abend als einziger Gast saß, meine Bestellung entgegennahm und die mir bald darauf einen gewiß schon seit Jahren in der Kühltruhe vergrabenen Fisch brachte, an dessen paniertem, vom Grill stellenweise versengten Panzer ich dann die Zinken meiner Gabel verbog. Tatsächlich machte es mir solche Mühe, ins Innere des, wie es sich schließlich zeigte, aus nichts als seiner harten Umwandung bestehenden Gegenstandes vorzudringen, daß mein Teller nach dieser Operation einen furchtbaren Anblick bot. Die Sauce Tartare, die ich aus einem Plastiktütchen hatte herausquetschen müssen, war von den rußigen Semmelbröseln gräulich verfärbt, und der Fisch selber, oder das, was ihn hatte vorstellen sollen, lag zur Hälfte zerstört unter den grasgrünen Erbsen und den Überresten der fettig glänzenden Chips. Die in nichts bemerkenswerte Bedienerin ist mir wohl gerade wegen der desaströsen Mahlzeit, wegen des das Haus in jeder Beziehung erfüllenden Unglücks und wegen eines vagen Schuldgefühls in Erinnerung verblieben, und in der ganz anders gestimmten Gaststätte am Boulevard Sebastopol ist sie wieder vor mein inneres Auge getreten. Drei Gäste waren in diesem Lokal verstreut. Die Kellnerinnen redeten leise miteinander. Die Kassa war noch leer. Ich bestellte einen Joghurth, dann noch einen. Die Kellnerin brachte es still, das Halbdunkel des Lokals trug auch zu der Stille bei , sie nahm die Bestecke weg, die für das Abendessen auf meinem Platz vorbereitet waren und mich beim Trinken hätten hindern können. Es war mir sehr angenehm, Duldung und Verständnis für meine Leiden bei einer Frau ahnen zu können, die so still war. Die ganze Zeit aber dachte ich weiter auch an die junge englische Bedienerin, in deren Augen keine Hoffnung war.

Montag, 10. Oktober 2011

Kommentar Vorstellung

Ein weiteres Mal besucht Selysses in Paris ein Theater, wieder in Begleitung von Marie, wie wir annehmen, obwohl sie an diesem Abend in einem bloßen wir versteckt ist. Hatte er sich einmal auf dem Weg zu den Sitzplätzen ganz von den Fragen eines angemessenen Trinkgeldes einnehmen lassen, so beobachtet er jetzt im Foyer in aller Genauigkeit einen Herr, der, nicht ohne Mühe, zwei Damen unterhält. Die Vorstellung selbst zieht wieder so gut wie ungesehen an ihm vorüber, auf den Höhen des Pariser Kunstgeschehens erinnert er sich an die Aufführung des gleichen Stücks durch eine Laientruppe in seinem Heimatort. Es scheint ihm, als ob das auch die tiefe Freude, die von den großen Kunstwerken ausgeht, letztlich nicht heranreicht, an das völlige sich Verlieren im Kindes- und frühen Jugendalter an eine laienhafte Theateraufführung oder etwa an die Werke des Kara Ben Nemsi. Erst nach der Vorstellung verdichten sich die Hinweise, daß Selysses von Marie begleitet ist. Mit wem sonst könnte er schweigend dasitzen, eins miteinander und der Welt. Die Kunst des Sitzens auf öffentlichen Plätzen ist in unseren Tagen fast schon niedergetreten durch ein Übermaß der Sitzenden an allen Ecken der Städte, die Kunst der Osmose zwischen dem eigenen und dem Leben der anderen so gut wie zerstört.
Nach der Vorstellung

Sonntag, 9. Oktober 2011

Nach der Vorstellung

Ich weiß nicht zu sagen, warum wir in Paris ein Theater aufgesucht haben, um dort Schillers Räuber, Les Brigands, zu sehen. Im Foyer stand ein Herr, der zwei Damen unterhielt. Er hatte eine ausgezogene, abgenützte Gesichtshaut und trug einen Frackanzug, der etwas lose hing und der, wenn er nicht neu vom Schneider wäre, hier nicht getragen würde und besser in ein Historienstück gepaßt hätte. Er ließ das Monokel fallen und nahm es wieder auf, klopfte, wenn das Gespräch stockte unsicher mit seinem Stock auf. Er stand immer da mit Armzuckungen, wie wenn er jeden Augenblick die Absicht hätte, mit ausgestrecktem Arm seinen Damen mitten durch die Menge Platz zu machen. Von dem Stück habe ich im Grunde dann nicht viel gesehen, im Dunkel des Parketts fühlte ich mich vielmehr für die längste Zeit zurückversetzt in den in einem Wirtshaus untergebrachten Veranstaltungssaal meiner Geburtsortes. Sicher ein halbes dutzendmal bin ich in dort unter der teilweise bis aus den Nachbardörfern herübergekommenen Zuhörerschaft gesessen, um dieses eine Stück, Die Räuber, zu sehen. Immer habe ich damals in die Handlung eingreifen und die Amalia mit einem einzigen Wort darüber aufklären wollen, daß sie, um sich aus dem staubigen Kerker in das Paradies der Liebe zu versetzen, wie sie es sich doch wünschte, bloß die Hand hätte ausstrecken müssen. Die Tiefe unseres frühen literarischen Erlebens läßt sich später auch mit einem vielleicht tausendmal besseren Buch oder einer tausendmal kühneren Inszenierung nicht wieder erreichen. Nach der Vorstellung, auf dem Platz, wurde uns nach der Hitze im Theater, wo ich die heiße Luft durch das offene Hemd an meine Brust gefächelt hatte, die Nachtluft, das Sitzen im Freien, das Ausstrecken der Beine auf das Trottoir hinaus besonders bewußt, trotzdem die erleuchtete große Teaterfacade mit den Seitenlichtern der Kaffeehäuser des Theaters ausreichte, den kleinen Platz, besonders seinen Boden bis unter die Tischchen hin, wie ein Zimmer zu beleuchten. Wir hingen jeder unseren Gedanken nach.

Samstag, 8. Oktober 2011

Kommentar Trinkgeld

Die Schlendereien an Maries Seite durch die Straßen und Parks von Paris sind für Selysses, in der Gestalt des Jacques Austerlitz, Zeiten besonderen Glücks, das auch durch den Eindruck des deprimierenden, weitgehend aufgelassenen Zoogeländes im Jardin des Plantes nicht gemindert werden kann. Gern auch besucht er in Begleitung von Marie abends die Theater auf, obwohl seine Neigung für die darstellende Kunst längst nicht mehr auf der Höhe der frühen jugendlichen Begeisterung sich befindet. Ausführliche, geradezu verwinkelte Gedanken macht er sich zur Frage des Trinkgeldes. Seinen im Hinblick auf die beleibte Platzanweiserin am ersten Abend gefaßten Vorsatz kann er angesichts ihrer mageren Kollegin am darauffolgenden Abend nicht aufrechterhalten. Hatte er bei der Aufführung einer Verdioper in Bregenz mit der Einlaßkarte in der Hand vom Besuch abgesehen, so findet er jetzt, Marie zu Liebe, seinen Platz im Parkett, kann sich aber schon bald nicht mehr entsinnen, was er gesehen hat. Das scheint einen nicht mehr zu überbietenden Tiefpunkt in seinem Verhältnis zur Bühnenkunst zu markieren. Nicht selten aber wird in unserem Gedächtnis das Wichtige vom Unbedeutenden, wie in diesem Fall der Trinkgeldfrage, beiseite geschoben, ohne daß man allzu leichtfertige und weitreichenden Schlüsse daraus ziehen sollte.
Trinkgeld

Freitag, 7. Oktober 2011

Trinkgeld

Aus dem Schattenreich
Kommentar

In den nachfolgenden Wochen und Monaten sind wir oft zusammen im Luxemburggarten, in den Tuilerien und im Jardin des Plantes spazieren gegangen, die Esplanade zwischen den gestutzten Platanen hinauf und herunter, die Westfront des Naturhistorischen Museum einmal zur Rechten und einmal zur Linken, in das Palmenhaus hinein und wieder aus dem Palmenhaus hinaus, über die verschlungenen Wege des Alpengartens oder durch das trostlose Zoogelände, in dem die einst aus den afrikanischen Kolonien herbeigebrachten Riesentiere, die Elefanten, Giraffen, Nashörner, Dromedare und Krokodile zur Schau gestellt waren, während jetzt die Mehrzahl der mit erbärmlichen Naturresten, künstlichen Felsen und Wassertürmen ausstaffierten Gehege leer und verlassen sind. An den Abenden haben wir des öfteren ein Theater besucht. Als noch ganz junger Mensch habe ich das Theater geliebt wie kaum etwas. Den tiefsten Eindruck hat im Veranstaltungssaal meiner Geburtsortes in mir die Aufführung der Räuber hinterlassen. Sicher ein halbes dutzendmal bin ich in dem verdunkelten Saal unter der teilweise bis aus den Nachbardörfern herübergekommenen Zuhörerschaft gesessen. Immer habe ich damals in die Handlung eingreifen und die Amalia mit einem einzigen Wort darüber aufklären wollen, daß sie, um sich aus dem staubigen Kerker in das Paradies der Liebe zu versetzen, wie sie es sich doch wünschte, bloß die Hand hätte ausstrecken müssen. In späteren Jahren ist dann von dieser frühen Begeisterung wenig geblieben. Das eine oder andere Mal bin ich gar, die Karte schon in der Hand, bis die letzten Besucher in den Eingängen verschwunden waren, unschlüssig auf dem Theatervorplatz herumgestanden, unschlüssig, weil es mir mit jedem vergehenden Jahr unmöglicher wird, mich unter ein Publikum zu mischen, unschlüssig, weil ich das Stück im Grunde gar nicht sehen wollte. Wie sich jeder leicht denken kann, war es denn auch keineswegs mein Einfall, in Paris die Theater aufzusuchen. Warum saß, so fragte ich mich, im Cassenraum des Teatre Francais ein Polizeimann, Gendarm oder Soldat? Eine dicke Placeuse nahm uns ziemlich von oben herab etwas Trinkgeld ab. Ich dachte, es liege daran, daß wir mit unsern Theaterkarten in der Hand etwas zu sehr Schritt für Schritt hintereinander heraufgekommen waren und nahm mir vor am nächsten Abend, für den wir wieder Karten hatten, der Placeuse in ihre Augen hinein das Trinkgeld zu verweigern, während ich jetzt vor ihr und mir mich schämend ein großes Trinkgeld gab. Gar als alle andern ohne Trinkgeld hineinkamen. Ich brachte tags darauf auch meinen Satz heraus, in dem ich das Trinkgeld etwas meiner Meinung nach nicht unumgängliches nannte, mußte aber wieder zahlen, als die diesmal magere Placeuse klagte, sie sei von der Verwaltung nicht entlohnt und das Gesicht zur Schulter neigte. Ich könnte nicht mehr sagen, welche Stücke an diesen Abenden gegeben wurden.

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Kommentar Badeanstalt

Selysses, in der Gestalt des Jacques Austerlitz, leidet in den heißen Straßen von Paris, einer Ohnmacht nahe. Dankbar bemerkt er, daß Kafka ihn an die Tore der am Fluß gelegenen Badeanstalt geführt hat. Im Inneren herrschen bizarre Verhältnisse, Schwimmeister, die einander die Kundschaft abjagen, das kennen wir nicht. Es ist gar nicht sicher, ob Selysses über sein Schauen überhaupt zu der ersehnten Abkühlung kommt, vielleicht reicht ihm auch schon die relative Kühle des Flußufers. Vielleicht aber sind die kurzen, abgerissen Sätze und Satzfetzen darauf zurückzuführen, daß er sich gerade schon die Kleider über den Kopf zieht, oder aber er ist schon im Wasser, und berichtet, was er sieht, wenn er nach jeweils drei Kraulzügen für einen Augenblick aufschaut. Wie die topographisch nicht ganz durchsichtige Beschreibung des Seelentränkers befürchten läßt, ist aber ein anständiges Schwimmen in langen Bahnen wohl gar kein Platz.
Kommentar Badeanstalt am Fluß

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Badeanstalt am Fluß

Ich entsinne mich, daß die Nachmittagshitze weiß in den Höfen stand, als ich das Museum verließ, daß ich beim Gehen der Mauer entlang glaubte, in ein steiles, unwegsames Gelände gekommen zu sein, daß ich das Bedürfnis hatte, mich niederzusetzen, dann aber doch weitergegangen bin gegen die blinkenden Strahlen der Sonne, bis ich zu meiner großen Erleichterung unversehens vor der geschlossenes Badeanstalt mit ihrer in der Erinnerung türkisch wirkenden Außenbemalung stand. Ich zögerte keinen Augenblick einzutreten. Sie ist eisengrau beleuchtet mitten am Nachmittag, weil Sonnenlicht nur durch die Lücken der oben ausgespannten Tücher in einer Ecke mit einzelnen Strahlen kommt und unten das Flußwasser das Ganze verdunkeln hilft. Großer Raum. In einer Ecke eine Bar. Die Schwimmeister jagten hier und drüben das Bassin entlang laufend einander die Kundschaften ab. Sie traten an den Besucher vor seiner Kabine von der Seite drohend heran und verlangten mit unverständlichen aber beharrlichen Reden ein Sperrgeld. Ein Verlangen in unverständlicher Sprache scheint mir diskret vorgebracht. Grand bains du pont Royal. In den Ecken standen auf den Stufen Leute die sich gründlich mit Seife abwuschen. Das Seifenwasser um sie herum rührte sich nicht. Man sah durch die Lücken zum Fluß zu etwas sich vorbeibewegen, es waren Dampfer. Die Ärmlichkeit dieses Schwimmvergnügens zeigtt sich, als zwei mit einem alten Seelentränker sich unterhielten, der von einer Wand weggeschoben schon an die gegenüberliegende stieß. Kellergeruch. Schöne grüne Gartenbänke. Viel Deutsch. In einer Schwimmschule hing über Wasser ein Knotenstrick zum beliebigen Turnen herunter.

Montag, 3. Oktober 2011

Kommentar Kaffeehausvergleich

Selysses unterbricht auch beim Morgenkaffee in Venedig nicht sein literarisches Geschäft, liest in der Zeitung und macht sich Notizen zu einer geplanten Arbeit über den König Ludwig, nur nebenher vermerkt er die gute Qualität des Getränks. In Paris dagegen, geleitet von Kafka, der, wie es heißt, äußert liberal war in den großen Fragen, penible aber in den Dingen und Ritualen des Alltags, untersucht er gründlich die Vor- und Nachteile der Cafés Biard, einer frühen und preiswerten Version der inzwischen zahllosen Kaffeehausketten, 10 Centimes die Tasse. Er ist allerdings weniger an der Qualität des Kaffees als solchem interessiert als an der Klärung der Frage, ob er auch mit Milch gereicht wird; er wird, allerdings zum höheren Preis von 15 Centimes. Einige Mühe verwendet er auf die Beschaffung des rechten Gebäcks und unterbreitet beiläufig eine erstaunliche Variationsbreite in der Schreibweise des belebenden Getränks, und ununterscheidbar davon, der Orte, an denen es ausgeschenkt wird. Irgendwann beginnt es ihn dann doch zu langweilen in Paris, seine Gedanken kehren nach Italien zurück, und er erzählt wie in erstaunlicher Weise das Jüngste Gericht Einzug gehalten hat im Stehbuffet des Bahnhofs von Venedig.