Freitag, 26. November 2010

Kommentar Schulfreunde

Das war, schon in der Kindheit, der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, obwohl es anfangs doch eher nach Feindschaft aussieht, aber nicht zuletzt das ist eine Essenz des Wundersamen. Ohne Zweifel ist Sebalds Schilderung der Schulbankfreundschaft zwischen Selysses und Fritz unter der Obhut des Lehrers Bereyter für sich genommen bereits wunderbar, aber die initiale Streitszene des Kafkafragments verleiht zusätzlich Würze, von der Fritz in seiner späteren Laufbahn als Meisterkoch mehr als andere verstanden hat

Mittwoch, 24. November 2010

Kommentar Zauberkunst

Kafkas Nähe zur Zirkuswelt ist allen vertraut, die Zirkusreiterin, der Hungerkünstler zählen zu seinen bekanntesten und eindrücklichsten Gestalten, der Trapezkünstler folgt dichtauf. Andererseits werden auch fortgeschrittene Sebaldleser vielleicht einen Augenblick benötigen, bevor sie sich erinnern an die Artistenfamilie im Mailänder Konsulat, das der von Schwindelgefühlen geplagte Selysses zwecks Paßausstellung aufsucht, oder an die Zirkusleute, wahlweise in Austerlitz oder in den Korsikafragmenten, von wo sie, wie vieles andere auch, mit einem Ausdruck Chandlers: filibustiert wurden. Wenn sich nun Sebalds, wie es scheint, recht harmloser Zauberkünstler mit einem zirkusnahen Mandatsträger aus Kafkas Welt zusammentut, verlängert sich der erkenntnissuchende Blick in die Tiefe bis zu dem Punkt, an dem er ratlos erlischt.

Von der Zauberkunst

Montag, 15. November 2010

Kommentar Geduldsspiel

Wenn man sich etwa vor Augen hält, mit welchem pompösen Aufwand Ernst Jünger sich im Abenteuerlichen Herz der Roulettekugel annähert und dann den Blick auf Kafkas kleine Kugel im Geduldsspiel lenkt, glaubt man zu verstehen, was der Prager Dichter meint, wenn er sagt, die Dinge kämen zu ihm und flehten um Darstellung. Ähnlich unvermittelt wie zum Dichter kommen sie wohl auch zu den geistig Derangierten, zu denen Sebald eine große Nähe wahrt, um ihnen nicht zuletzt am Beispiel und in der Gestalt des Dichters Ernst Herbeck ein Denkmal zu setzen. Mit großer Anteilnahme und Nähe hat er den Verfall des Ambros Adelwarth geschildert und zuvor den des Cosmo Solomon, für den die Roulettekugel sich ihrer Geheimnisse entkleidet hatte. Voller Liebe ist auch das Abgleiten des Schreiners Peter Seelos in den Wahnsinn geschildert, der zunehmend Freude an dem einfachen Geduldsspiel findet.

Geduldsspiel

Kommentar Wilde

Schwer zu sagen, ob Kafkas Interesse an den Wilden auch ethnologischer oder ausschließlich literarischer Natur war. Besonders eindringlich hat er die Wilden des Nordens dargestellt. Von ihnen weiß man wenig. Sprechen kann man mit ihnen nicht. Die Sprache des Südens kennen sie nicht, sie haben kaum eine eigene. Unter einander verständigen sie sich ähnlich wie die Dohlen. Immer wieder, käme man ihnen nahe, hört man diesen Schrei der Dohlen. Die Lebensweise, die Einrichtungen der Menschen im Süden sind ihnen ebenso unbegreiflich wie gleichgültig. Oft machen sie Grimassen, dann dreht sich das Weiß ihrer Augen und Schaum schwillt aus ihrem Munde, doch wollen sie damit weder etwas sagen noch auch erschrecken; sie tun es, weil es so ihre Art ist. Was sie brauchen, nehmen sie. Die Wilden des Nordens bleiben verborgen hinter ihrer undurchdringlichen äußeren Fassade, hier haben wir es eher mit Wilden des Südens zu tun, und Teile ihres Geheimnisses öffnen sich dem ethnologischem Blick. Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten bleiben die Erkenntnisse, da es sich um eine erdachte Population handelt, naturgemäß wertlos. Sebald beschäftigt sich in seiner Prosa kaum mit der Lebensweise von Naturvölkern, in Austerlitz allerdings lebt Novelli eine Zeitlang in der grünen Wildnis bei einem Stamm kleiner, kupferglänzender Leute, die eines Tages, ohne daß auch nur ein Blatt sich gerührt hätte, neben ihm aufgetaucht waren wie aus dem Nichts. Ihre Sprache, so wie Novelli sie darstellt, ähnelt auffällig der geschrieenen Sprache der Pirahās mit Wohngebiet am Maici, einem Nebenfluß des Marmelos, dieser wiederum ein Hauptnebenfluß des Madeira, der seinerseits in den Amazonas fließt. Daniel Everetts hat den Pirahās und ihrer Sprache eine ausführliche Monographie gewidmet
Jene Wilden

Kommentar Neumond

Selysses, unterwegs auf dem Sebaldweg, wird das den Platz des alten Zigeunerlagers, das in den Nachkriegsjahren in den Sommermonaten auf einem Schuttanger neben der Brücke eingangs der Ortschaft W. immer gewesen war, noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Kafka oder der von ihm entsandte Wanderer dringt tiefer vor in die Nacht und wird belohnt. Er trifft auf eine junge zigeunerartige Frau, die aus Federbetten und Decken ein weiches Lager zurecht macht. Sie ist bloßfüßig, hat einen weißgemusterten roten Rock, eine weiße, hemdartige, vorn nachlässig offene Bluse und wild verschlungene braune Haare. Gern nehmen wir in diesem Augenblick nach langer Wanderung Abschied vom niedergeschriebenen Text und erzählen ihn uns selbst weiter.

Neumond


Kommentar Schreibe wieder

Kafkas Fragment dringt hier tief in die Gegebenheiten dichterischen Schreibens ein. Ihm, dem Dichter, ist etwas anvertraut worden als Geheimnis, aber es ist nur eine Stimme, eine Klangfarbe, wie es zentraler Stelle bei Peter Weiss in der Ästhetik des Widerstands heißt. Das übrige, die Themen, die Handlung, die Überzeugungen und Meinungen ist kein Geheimnis, ist nur Spreu, davon geht der Dichter nicht aus, diese Dinge bitten vielmehr von sich aus um die Barmherzigkeit, mitgeteilt zu werden. On relit un paragraphe de Kafka et ne comprend pas pourquoi c’est si extraordinaire – wenn man sich vorstellt, daß nicht er zu den Dingen geht, sondern die Dinge zu ihm kommen und ihn anflehen, sie zu notieren, sieht man vielleicht ein wenig klarer, so klar, wie man in der Metapher sehen kann. Von Sebald ausgeliehen sind die Motive der sinnlichen Freude am Schreibvorgang selbst, von der er Austerlitz berichten läßt wie auch von der Zerstörung des Verhältnisses zur Sprache. In den Schwindel.Gefühlen wird erzählt von dem Versuch, sich reisend von der Strapaze des Schreibens zu erholen, ein Versuch, der allenfalls dann gelingen kann, wenn das Reisen wiederum in den Dienst des Schreibens gestellt wird.

Ich schreibe nun wieder

Kommentar Riva

Ihr Schleier fliegt, eine vornehme Frau also, auch wenn sie Dörfer, das flache Land durchläuft. Wird sie gehetzt, wovon aber oder von wem, ist es nur Bewegungslust, die sie laufen macht, die Stunde der weiblichen Waldläufer hatte aber noch nicht geschlagen, oder ist es ein Drittes, schwer Verstehbares, mit dem wir uns konfrontiert sehen? Auch im rahmenden Sebaldtext aus den Schwindel.Gefühlen ist Kafka vertreten, mit der Barke des Gracchus und ihrer Einfahrt in den Hafen von Riva sogar umfänglicher als in der kurzen Szene der mehr als hurtigen Läuferin, der man gerade noch entgegen und im gleichen Augenblick schon nachschaut. Obwohl nur eine Erfindung Stendhals leistet Mme Gherardi ihm auf der ganzen Reise doch fortwährend Widerstand und widerspricht bei allen nur denkbaren Gelegenheiten. Ohne weiteres vorstellbar also, daß sie, angesichts seines Zögerns, ihrer Aufforderung nachzukommen, unter Aufbietung eines unangeahnten Laufvermögens die Initiative ergreift. Trotz ihres offenbar hohen Lauftempos gelingt es dem beleibten Beyle, die Flüchtige wieder erhaschen, vielleicht, unter Ausnutzung ihrer Fiktionalität, mit einfachen Mitteln der Telepathie, denn in Fortsetzung der Erzählung Sebalds sehen wir die zwei schon bald einträchtig in den Bergen, wo es kühler und grüner wurde um sie herum, worüber sich Mme Gherardi, die so oft unter den staubigen Sommern ihrer Heimat zu leiden hatte, aufs äußerste entzückt zeigte. So wie im Großen die Schwindel.Gefühle dem Jäger Gracchus zum Guten, nämlich zum Sterben verhelfen, so ist auch der kleine Szene der rennenden Frau ein guter Ausgang beschert.

Flucht aus Riva

Kommentar Verloren

Sonne und Hitze liegen über der Heide während der englischen Wallfahrt unter den Ringen des Saturn, fast schon ist es die Wüste, Fata Morgana, Verirrung. Aber zum einen naht der rettende Abend, und zum anderen eilt Kafka zu Hilfe: das Haus liegt nicht weit, am Rand der Heide. Aber eignet Kafka sich als Helfer, ist es wirklich das gesuchte Haus, was hat der Wagen der Elektrischen hier zu suchen, auch wenn sich dann erweist, es ist ein ganz anderer Wagen, auf vier Rädern immerhin. Die Tagverirrung ist der Nachtverwirrung gewichen, der Sonnenglast hat in unbestimmt sich ausgießendes Mondlicht verwandelt, auf dem eben noch heißen Boden liegt der Schnee.

Als ich verloren ging

Kommentar Genießer

Wie über alles wird auch über Kafkas Eßgewohnheiten schon geforscht worden sein, so daß die Menschheit weiß, ob er, wie sein Icherzähler bei auserlesenen und auserlesen gekochten Speisen gedieh, und auch auf die Anschlußfrage, ob er nun erlesene Speisen vorgesetzt bekam und also gedieh oder aber nicht gedeihen konnte, da die rechte Speise vorenthalten blieb, wird es eine Antwort geben. Sebalds reisender Selysses stellt sich hinsichtlich seiner Eßgewohnheiten als recht anspruchsvoll aber völlig glücklos dar und verzehrt meist in trostloser Umgebung und unter Unbehagen ein ihm in keiner Weise zusagendes Gericht. Einen Schicksalsgefährten findet er in Grillparzer, dessen Tagebuch einer Reise nach Italien er besonders schätzt, denn wie Selysses findet Grillparzer an nichts Gefallen und ist von allen Sehenswürdigkeiten maßlos enttäuscht. Grillparzer gelingt es auch das Mittagsmahl zu ergattern, das sich durch Ungenießbarkeit vor allen bisher genommenen auszeichnet, was in der That viel sagen will.

Der Genießer

Kommentar Abschied

In diesem Fall stammt das Kafkafragment nicht aus dem Nachlaßband Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande, sondern aus den Tagebüchern, Eintrag vom 1.11.1911. Auch wurde das Fragment hier nicht in einen Sebaldtext implantiert, Sebald selbst hat sich die Abschiedsszene bei Kafka ausgeliehen und in den Abschied des kleinen Austerlitz auf dem Wilsonbahnhof in Prag bei seiner Verschickung nach England umgeformt. Beide Versionen wurden übereinandergelegt und zu einer dritten fusioniert.
Abschied

Kommentar Bauträume

Wer Austerlitz als ein Buch vom Bauen liest und die anderen Motivfäden von dorther aufknüpft, hat keine schlechte Lektüreentscheidung getroffen. Alle Verirrungen und Verbrechen des Menschen spiegeln sich als Verirrungen und Verbrechen des Bauens, Festungen, Justizpaläste, die Anlage des Konzentrationslagers von Theresienstadt. Menschengerechtes Bauen, wenn der Mensch denn gerecht wäre, würde sich in unmittelbarer Nähe zum Nichtbauen abspielen, die Feldhütte und das Häuschen des Schrankenwärters. Auch Kafka ist zutiefst betroffen von der fiebrigen Bautätigkeit und der Notwendigkeit rastlosen Restaurierens, oder besser: er hört und erhört das Flehen der Bauten um Darstellung. Ruinen und Trümmerfelder werden, wie wir auch in den Ringen des Saturn lernen, zu neuen Aufmarschplätzen der im Bauen wie nirgends sonst sich manifestierende Megalomanie der Menschen, die stets weitere Ruinen vorbereitet und inzwischen, man muß es vermuten, den Jüngsten Tag fest im Visier hat.

Bauträume


Sonntag, 14. November 2010

Isabella Kommentar

Es ist nur natürlich, wenn die menschgewordene Stute Isabella von Alexanders Schlachtroß Bucephalus träumt, dem das gleiche Kunststück des Gattungswechsels gelungen ist. Auf der Sebaldseite denkt man sogleich an die pferdegleiche Mrs. FitzGerald aus den Ringen des Saturn, deren Brustumfang freilich noch von dem der ansonsten eher kleinwüchsigen Modistin Valerie Schwarz aus den Schwindel.Gefühlen übertroffen wird. Mrs. FitzGerald im Wesen einigermaßen verwandt scheint Mrs. Selwyn aus den Ausgewanderten, über das wiehernde Lachen nach Art der Pferde aber verfügt deren Hausangestellte Aileen.

Isabella

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Es ist Isabella, der Apfelschimmel, das alte Pferd, ich hätte sie in der Menge nicht erkannt, sie ist eine Dame geworden, wir trafen einander letzthin in einem Garten bei einem Wohltätigkeitsfest. Es ist dort eine kleine, abseits liegende Baumgruppe, die einen kühlen beschatteten Wiesenplatz einschließt, mehrere schmale Wege durchziehen ihn, es ist zuzeiten sehr angenehm, dort zu sein. Ich kenne den Garten von früher her und als ich des Festes müde war, bog ich in jene Baumgruppe ein. Kaum trete ich unter die Bäume, sehe ich von der andern Seite eine Dame von mächtigem Format mir entgegenkommen, starke abfallende Schultern und eine geradezu furchteinflößende Büste von Ausmaßen, wie man sie später nur noch einmal und zwar an der Trafikantin in Fellinis Film Amarcord gesehen hat; abgesehen davon aber wies ihre ganze Erscheinung eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Herzog von Wellington auf. Ihre Größe machte mich fast bestürzt, es war niemand sonst in der Nähe, mit dem ich sie hätte vergleichen können, aber ich war überzeugt, daß ich keine Frau kannte, welche dieser nicht um mehrere Kopflängen – im ersten Staunen dachte ich gar um unzählige – nachstehen müßte. Aber als ich näher kam, war ich bald beruhigt. Isabella, die alte Freundin! Wie bist du denn aus deinem Stall entwichen? Ach, es war nicht schwer, ich werde ja eigentlich nur gnadenweise noch gehalten, meine Zeiten sind vorüber; erkläre ich meinem Herrn, daß ich, statt unnütz im Stall zu stehn, nun auch noch ein wenig die Welt kennenlernen will, solange die Kräfte reichen, erkläre ich das meinem Herrn, versteht er mich, sucht einige Kleider der Seligen aus, hilft mir noch beim Anziehn und entläßt mich mit guten Wünschen. Wie schön du bist! sage ich, nicht ganz ehrlich, nicht ganz lügnerisch. In ihrer jetzigen Wohnung stehen und sitzen überall eine Unzahl von Puppen herum, sorgsam herausgeputzt und meistens mit Kopfbedeckung, sie liegen auch auf dem Bett, in dem sie schläft, wenn sie überhaupt schläft und nicht nur die ganze Nacht leise singend mit den Puppen spielt. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis sich die Nachbarn einigermaßen an sie gewöhnt hatten, denn bisweilen dringt aus ihrer Wohnung bis in den ersten Stock hinauf ohne jeden äußeren Anlaß ein seltsam wieherndes Lachen oder auch lachendes Wiehern und geht tatsächlich durch Mark und Bein. Insgeheim träumt das alte Mädchen von einer Verehelichung mit dem Dr. Bucephalus, in dessen Äußerem nur noch wenig erinnert an die Zeit, da er Streitroß Alexanders von Macedonien war. Jetzt ist er als Advokat tätig. Tag und Nacht ist er in die Gesetzesbücher zu versenkt. Frei, unbedrückt die Seiten von den Lenden des Reiters, bei stiller Lampe, fern von dem Getöse der Aleksanderschlacht, liest und wendet er die Blätter unserer alten Bücher.

Über die Alpen

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Mir ist Tiepolo wieder in den Sinn gekommen, und die von mir seit langem gehegte Vorstellung, daß er, als er mit seinen Söhnen Lorenzo und Domenico im Herbst von Venedig aus über den Brenner gezogen ist, sich in Zirl entschlossen hat, nicht wie ihm geraten worden war, über Seefeld aus dem Tirol hinauszugehen, sondern westwärts über Telfs hinter den Salzfuhrwerken her den Weg über den Fernpaß, den Gaichtpaß, durch das Tannheimer Tal, über das Oberjoch und durchs Illertal ins Unterland zu nehmen. Wie immer sein Weg im einzelnen verlaufen sein mag, belegt ist, daß er während der Reise immer wieder von Don Quixote gesprochen hat, der hundert Jahre zuvor auswandern mußte, ganz Spanien lachte über ihn, er war dort unmöglich geworden. Er reiste durch Südfrankreich, wo er hier und da liebe Leute traf, mit denen er sich anfreundete, überstieg mitten im Winter unter den größten Mühen und Entbehrungen die Alpen in der entgegengesetzten Richtung, zog dann durch die oberitalienische Tiefebene, wo er sich aber nicht wohlfühlte, und kam endlich nach Mailand. Wie würde es ihm, Tiepolo, im Norden ergehen?


Geduldsspiel

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Er ist meist im unteren Darf herumgegangen und hat den Leuten bei der Arbeit zugeschaut. Es kam nur selten vor, daß er selber ein Werkzeug in die Hand nahm und ein wenig im Hof oder im Garten herumstocherte. Es lag schon viele Jahre zurück, daß er nach und nach um den Verstand gekommen war. Es hatte damit angefangen, daß er sei8n Handwerk mehr und mehr vernachlässigte, Aufträge zwar noch annahm, aber nur zur Hälfte oder gar nicht mehr ausführte. Weitaus mehr als mit der Arbeit beschäftigte er sich mit einem Geduldspiel, einem billigen einfachen Spiel, nicht viel größer als eine Taschenuhr und ohne irgendwelche überraschende Einrichtungen. In der rotbraun angestrichenen Heizfläche waren einige blaue Irrwege eingeschnitten, die in eine kleine Grube mündeten. Die gleichfalls blaue Kugel war durch Neigen und Schütteln zunächst in einen der Wege zu bringen und dann in die Grube. War die Kugel in der Grube, dann war das Spiel zu Ende, wollte man es von neuem beginnen, mußte man die Kugel wieder aus der Grube schütteln. Bedeckt war das Ganze von einem starken gewölbten Glas, man konnte das Geduldspiel in die Tasche stecken und mitnehmen und wo immer man war, konnte man es hervornehmen und spielen. War die Kugel unbeschäftigt, so ging sie meistens, die Hände auf dem Rücken, auf der Hochebene hin und her, die Wege vermied sie. Sie war der Ansicht, daß sie während des Spieles genug mit den Wegen gequält werde und daß sie reichlichen Anspruch darauf habe, wenn nicht gespielt würde, sich auf der freien Ebene zu erholen. Manchmal sah sie gewohnheitsmäßig zu dem gewölbten Glase auf, doch ohne die Absicht, oben etwas zu erkennen. Sie hatte einen breitspurigen Gang und behauptete, daß sie nicht für die schmalen Wege gemacht sei. Das war zum Teil richtig, denn die Wege konnten sie wirklich kaum fassen, es war aber auch unrichtig, denn tatsächlich war sie sehr sorgfaltig der Breite der Wege angepaßt, bequem aber durften ihr die Wege nicht sein, denn sonst wäre es kein Geduldspiel gewesen. Der Eigentümer des Spiels ist dann in dem Jahr, in dem die Sägmühle abgebrannt ist, ins Spital eingeliefert worden, weil auf einmal kein Mensch mehr irgend etwas zu essen in ihn hineinbrachte. Aber auch im Spital hat er sich nicht halten lassen, sondern ist in der ersten Nacht auf und davon unter Hinterlassung eines Zettels, auf dem gestanden sein soll: Hochgeehrter Herr Doktor! Ich bin ins Mährische gegangen. Mit vorzüglicher Hochachtung ...

Ein großes Fahnentuch

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Die entscheidende Wendung dieser Schlacht in der lombardischen Landschaft, in deren Entfernung graue und blaue Farbbänder sich immer feiner voneinander absonderten, um sich zuletzt am Horizont in einer Art Höhenrauch aufzulösen, wurde herbeigeführt von einer furiosen Reiterattacke, die, als alles bereits verloren schien, die feindliche Hauptmacht im Licht der niedergehenden Sonne von der Seite her aufriß. Ein großes Fahnentuch lag auf ihm, er arbeitete sich mühselig hervor. Er fand sich auf einer Anhöhe, Wiesenland und kahler Felsen wechselten ab. Ähnliche Anhöhen zogen sich wellenförmig nach allen Himmelsrichtungen, die Aussicht ging weithin, nur im Westen löste Dunst und Glanz der jetzt halb schon untergegangenen Sonne alle Formen auf. Der erste Mensch, den er sah, war sein Kommandant, er saß auf einem Stein, die Beine gekreuzt, den Ellbogen aufgestützt, den Kopf in der Hand, und schlief. Zurückdenkend an diesen Septembertag, der zweifellos ein Tag des Sieges gewesen war, schien es ihm späterhin oft, als habe er die folgenden Jahre, sämtliche Kampagnen und Katastrophen damals vorausgesehen, und als sei ihm zu diesem Zeitpunkt klar geworden, daß er sein Glück nicht im Dienst der Armee würde machen können. Jedenfalls war es in jenen Herbstwochen gewesen, daß er den Entschluß faßte, der größte Schriftsteller aller Zeiten zu werden.

Custodes Georgii

Aus dem Schattenreich
Kommentar

llegar al corazón de la selva evitando las ciénagas

In der Ferne zieht sich ein Saum dunkelgrüner Baumwipfel. Zur Linken steht der Patron der Herden, Hirten und Aussätzigen, der heilige Antonius. Er trägt ein tiefrotes Kapuzenkleid und einen weiten erdbraunen Umhang. In der Hand hält er eine Schelle. Ein zahmer, zum Zeichen der Ergebenheit ganz an den Boden geduckter Eber liegt ihm zu Füßen. Von rechts her tritt uns der heilige Georg entgegen, zuvorderst hält er inne, eine Handbreit über der Welt, als wolle er gleich über die Schwelle der Zeit treten. Georgius Miles, Mann mit eisernem Rumpf, erzen geründeter Brust, rotgoldenem Haupthaar und silbernen weibliche Zügen. Mit strengem Blick sieht der Eremit auf die glorreiche Erscheinung des Ritters, der ihm gegenübergetreten ist und von dem etwas herzbewegend Weltliches ausgeht. Der Drache, ein geringeltes, geflügeltes Tier, hat sein Leben bereits ausgehaucht. Die aus weißem Metall geschmiedete, kunstreiche Rüstung versammelt auf sich allen Abendschein. Nicht der geringste Schatten der Schuldhaftigkeit fällt auf das jugendliche Gesicht Georgs. Schutzlos sind Nacken und Hals dem Betrachter preisgegeben. Mitten in den Sumpfwäldern unter den dunkelgrünen Baumwipfeln hatte ich, so Georg, eine Wache aufgestellt. Nun aber ist alles leer, niemand antwortet den Rufen, die Wache hat sich verlaufen, ich muß eine neue Wache aufstellen. Georg sah in das frische, starkknochige Gesicht des jungen Mannes, der herangetreten war. Der vorige Posten hat sich verlaufen, sagte er, ich weiß nicht warum, aber es geschieht, daß dieses öde Land den Posten von seinem Platz lockt. Nimm dich also in acht! Der Mann stand aufrecht vor ihm, in Paradestellung. Georg fügte noch hinzu: Solltest du dich aber doch verlocken lassen, ist es nur dein Schaden. Du versinkst im Sumpf, ich aber werde gleich eine neue Wache hier aufstellen, und wenn die untreu werden sollte, wieder eine andere und so fort ohne Ende. Gewinne ich nicht, so werde ich doch auch nicht verlieren. - Aber kann sich denn nicht jederzeit auch an einem aufmerksamen Wächter vorbei - von den unseligen Stunden fehlender Wachen ganz abgesehen - ein neues Untier aus den Sumpfwäldern heraus auf die Lichtungen unserer Welt schleichen.

Kommentar Kriminalfall

Die schönsten Passagen in Kriminalromanen sind oft die der Annäherung an einen Tatort. Marlowe steigt in das Oldsmobil und fährt durch die Stadt der Engel oder hinaus in die umliegenden Berge, in ein Villenviertel oder ein Gewerbegebiet, er betritt das Hochhaus mit heruntergekommenen Büros oder ostentativem Glitzer, keine Antwort auf die Türglocke, aber die Tür ist gar nicht verschlossen, weiß er es zuerst oder aber wir, die Leiche ist unumgänglich. In Austerlitz nähert sich Selysses mit nicht weniger aufmerksamen und sorgfältigem Blick für die Umgebung dem Haus eines innerlich Zerstörten. Kafka entwendet den ihm fehlenden Text der Annäherung und lenkt ihn um in die Welt des gängigen Verbrechens, an einen Tatort. Die detektivische Arbeit beginnt. Wer hat den Advokaten ermordet und warum? Wurde er überhaupt ermordet? Ohne Frage lenkt Mrs. Monderry durch ihr Verhalten Verdacht auf sich. Aber ist sie vielleicht nicht doch eher ein Opfer? Wen fleht sie um Gnade an, um Gnade für wen und wofür? Was hat es auf sich mit dem Bäckerjungen, ist er entgegen dem ersten Anschein vielleicht ihr Komplize? Der schwierigste und immer enttäuschende Teil des Kriminalromans, die Auflösung, bleibt uns erspart. Zweifellos liegt das Geheimnis bei Kafka um einiges tiefer als üblich.

Kriminalfall

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Die Straße, in der das Verbrechen geschehen ist, liegt ziemlich weit draußen am Rande der Stadt. Unweit einer großen Kreuzung, an der immer der Verkehr sich staut und wo auf den Gehwegen an Samstagen die Kleider- und Stoffhändler ihre Stände aufschlagen und Hunderte von Menschen sich drängen, verläuft sie, eine auffallend stille Gasse parallel zu der breiten Ausfallstraße. Gleich an der Ecke ein niedriger festungsartiger Wohnblock, dann ein grasgrüner Kiosk, in dem, obwohl die Waren offen ausliegen, kaum je ein Verkäufer zu sehen ist, ein von einem gußeisernen Zaun umgebener und, wie man meinen konnte, von niemandem je betretener Rasenplatz und schließlich eine mannshohe, zirka fünfzig Meter lange Ziegelmauer auf der rechten Seite, an deren Ende sich das Haus mit der Wohnung des Advokaten Monderry und seiner Frau befand. In der sehr geräumig wirkenden Wohnung gab es nur das Nötigste an Mobiliar und weder Vorhänge noch Teppiche. Die Wände waren in einem hellen, die Dielen in einem dunkleren Mattgrau gestrichen. In dem Vorderzimmer stand, außer einer alten Ottomane, einzig ein großer, gleichfalls mattgrau lasierter Tisch. Der Tatbestand, der rücksichtlich des plötzlichen Todes des Advokaten Monderry zunächst festgestellt wurde, war folgender: Eines Morgens gegen halb fünf Uhr, es war ein schöner Junimorgen und schon ganz hell, lief Frau Monderry aus ihrer Wohnung im dritten Stockwerk, beugte sich über das Treppengeländer und rief mit ausgebreiteten Armen, offenbar in der Absicht, das ganze Haus zu Hilfe zu rufen: Mein Mann ist ermordet worden! Gnade! Gnade! Mein guter Mann ist ermordet worden! Der erste, der Frau Monderry sah und hörte, war ein Bäckerjunge, der gerade zu dieser Zeit, in beiden Händen einen großen Korb mit Semmeln, die letzten Stufen zum dritten Stockwerk erstieg. Er war es auch, der beim ersten Verhör behauptete, den Anruf der Frau Monderry wortgetreu im Gedächtnis behalten zu haben. Später jedoch, als er Frau Monderry gegenübergestellt wurde, nahm er diese Aussage zurück und erklärte, er könne sich doch getäuscht haben, da er im ersten Augenblick allzusehr über die Erscheinung der Frau erschrocken sei. Das war allerdings sehr wahrscheinlich, denn noch nach Wochen war er, wenn er den Vorfall darstellte, so erregt, daß er seine Erzählung mit übertriebenen Bewegungen der Hände und Füße begleitete, um beim Zuhörer wenigstens einen Eindruck zu erzeugen, der annähernd an jenen heranreichte, den er in sich bewahrte. Nach seiner Erzählung war Frau Monderry aus der Tür, deren Öffnen er gar nicht bemerkt hatte und von der er daher glaubte, daß sie schon vorher offen gewesen war, mit einem Schrei herausgeflogen, habe ihre über dem Kopf ineinandergekrampften Hände auseinandergerissen und war zum Geländer geeilt. Sie war mit nichts anderem bekleidet gewesen als mit dem Nachthemd und einem kleinen grauen Tuch, das aber nicht einmal ihren Oberkörper vollständig verhüllte. Ihr Haar war aufgelöst und hing ihr zum Teil über das Gesicht herab, was auch dazu beitrug, ihren Ausruf undeutlich zu machen. Kaum erblickte sie den Bäckerjungen, als sie zur Treppe lief, ihn mit zitternden Händen zu sich emporzog, hinter ihn trat und ihn als eine Art Schutz vor sich her schob, während sie seine Schultern umklammert hielt. In der Eile dachte der Junge nicht daran, daß er den Korb mit Semmeln irgendwo hinstellen könne und ließ ihn die ganze Zeit über nicht aus den Händen. So gingen sie – die Frau preßte in steigender Angst den Jungen immer fester an sich – mit schnellen, aber ganz kurzen Schritten der Wohnungstüre zu, überschritten die Schwelle und rückten im dunklen schmalen Vorderzimmer vor. Immer war das Gesicht der Frau rechts oder links vom Jungen vorgebeugt, sie schien auf etwas zu lauern, das sich gleich zeigen müsse, manchmal riß sie den Jungen zurück, als wäre es unmöglich weiter vorzugehn, dann aber drückte sie ihn doch wieder mit ganzem Körper vorwärts. Die erste Zimmertür, die auf ihrem Wege lag, öffnete die Frau mit einer Hand, mit der andern hielt sie sich hinten am Halse des Jungen fest. Sie überblickte den Boden, die Wände und die Zimmerdecke, fand nichts, ließ die Tür offen und ging nun entschlossener, immer noch mit dem Jungen, zur nächsten Tür. Diese stand schon weit offen. Beim Eintritt sah man nicht viel mehr als zwei nebeneinander stehende Betten. Das Zimmer war dunkel, nur ein Schimmer des noch schwachen Tageslichtes drang herein. Auf dem Nachttischchen bei dem der Tür zunächst stehenden Bett brannte ein kleiner Kerzenstumpf. An diesem Bett war auch nichts Ungewöhnliches zu sehn, in dem andern aber mußte etwas geschehen sein. Jetzt war es der Junge, der nicht vorwärts wollte, aber die Frau stieß ihn mit Fäusten und Knien vor. Bei einem Verhöre wurde er gefragt, warum er gezögert habe, ob vielleicht aus Furcht vor dem, was er in dem Bett etwa zu sehen erwartet hatte. Darauf antwortete er, er fürchte sich überhaupt nicht und habe sich auch damals nicht gefürchtet, aber er habe damals das Gefühl gehabt, als halte sich etwas irgendwo im Zimmer versteckt und könne plötzlich hervorspringen. Dieses Etwas, das er nicht näher beschreiben konnte, habe er zunächst erwarten wollen, ehe er vorwärtsging. Da aber der Frau so viel daran zu liegen schien, zum zweiten Bett zu kommen, gab er schließlich nach.

Kommentar Alpen

Die Schwindel.Gefühle sind ein Buch der Alpenüberquerungen in beiden Richtungen, von Norden nach Süden und von Süden nach Norden. Kafka zählt zu den Gebirgsgängern, und in seiner unvergleichlichen, dem Absurden die Absurdität abstreifenden Art gelingt es ihm, auch Don Quijote, mit dem er sich mehr als einmal beschäftigt hat, über die Pässe und Gipfel zu locken. Ähnlich wie Kafka fühlt sich der Kastilier in Oberitalien nicht wohl, jedenfalls nicht, bevor er Mailand erreicht, was dort geschieht erfahren wir nicht. Kein Wunder, wenn Don Quijotes Reise Tiepolo zu denken gibt, als er seine italienische Heimat in Richtung Norden verläßt.

Über die Alpen


Dorngebüsch

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Mehr als ein Jahr lang bin ich bei Einbruch der Dunkelheit außer Haus gegangen, immer fort und fort, quer durch alle Stadtteile, auch hinaus auf die Heide, südwärts über den Fluß oder nach Westen in den großen Park. Man kann ja tatsächlich zu Fuß in einer einzigen Nacht fast von einem Ende der riesigen Stadt ans andere gelangen, und wenn man einmal gewöhnt ist an das einsame Gehen und auf diesen Wegen nur einzelnen Nachtgespenstern begegnet, dann wundert man sich bald darüber, daß überall in den zahllosen Häusern die Bewohner jeden Alters anscheinend aufgrund einer vor langer Zeit getroffenen Vereinbarung, in ihren Betten liegen, zugedeckt und, wie sie glauben müssen unter sicherem Dach, während sie doch in Wahrheit nur niedergestreckt sind, das Gesicht vor Furcht gegen die Erde gekehrt, wie einst bei der Rast auf dem Weg durch die Wüste. Nun aber war ich, als Strafe dafür, wie mir durch den Sinn schoß, mich nicht an diese Vereinbarung gehalten zu haben, in ein undurchdringliches Dorngebüsch geraten und rief laut den Parkwächter. Obwohl tiefe Nacht, kam er gleich, konnte aber nicht zu mir vordringen. Wie sind Sie denn dort mitten in das Dorngebüsch gekommen, rief er, können Sie nicht auf dem gleichen Weg wieder zurück? Unmöglich, rief ich, ich finde den Weg nicht wieder. Ich bin in Gedanken ruhig spazierengegangen und plötzlich fand ich mich hier, es ist, wie wenn das Gebüsch erst gewachsen wäre, nachdem ich hier war. Ich komme nicht mehr heraus, ich bin verloren. Sie sind wie ein Kind, sagte der Wächter, zuerst drängen Sie sich auf einem verbotenen Weg durch das wildeste Gebüsch und dann jammern Sie. Sie sind doch nicht in einem Urwald, sondern im öffentlichen Park und man wird Sie herausholen. So ein Gebüsch gehört aber nicht in einen Park, sagte ich, und wie will man mich retten, es kann doch niemand herein. Will man es aber versuchen, dann muß man es gleich tun, es ist ja gleich Abend, die Nacht halte ich hier nicht aus, ich bin auch schon ganz zerkratzt von den Dornen, und meine Brille ist mir hinuntergefallen und ich kann ihn nicht finden, ich bin ja halbblind ohne Brille. Das ist alles gut und schön, sagte der Wächter, aber ein Weilchen werden Sie sich noch gedulden müssen, ich muß doch zuerst Arbeiter holen, die den Weg aushacken, und vorher noch die Bewilligung des Herrn Parkdirektors einholen. Also ein wenig Geduld und Männlichkeit, wenn ich bitten darf. Auf der Heimkehr von meiner nächtlichen Exkursion, Stunden später nach der glücklichen Befreiung, begann ich durch eine Art von treibenden Rauch oder Schleier hindurch Farben und Formen verminderter Körperlichkeit zu sehen, Bilder aus einer verblichenen Welt. Zurückgefahren bin ich schließlich mit der Untergrundbahn, zusammen mit all den armen Seelen, die um diese Zeit zurückfluten von der Peripherie in die Mitte.

Kommentar Operngucker

Der Versuch, bei Sebald einen Textrahmen für eine Streitszene zu finden, scheint aussichtslos. Sebalds Menschen streiten sich nicht. Sie stehen gemeinsam in einem abgrundtiefen Abstand zur Alltäglichkeit der Welt, jeder Gedanke eines Streits würde in diesem Abgrund sang- und klanglos verschwinden. Soll sich der Major Wyndham Le Strange mit Mrs. Ashbury streiten oder Mme Landau mit dem Richter Farrar, der heilige Georg gar mit dem heiligen Antonius. Georg ist natürlich von Haus aus ein Streiter, aber nun hat der Drache, ein geringeltes, geflügeltes Tier, sein Leben bereits ausgehaucht. Noch weniger werden Sebalds Menschen sich mit jemandem streiten, der nicht zu ihnen gehört, auf welchem gemeinsamen Boden auch. Allenfalls einem Angehörigen des aus der historischen Realität in Sebalds Welt eingewanderten Personals wie Stendhal ist der Streit um ein Opernglas überhaupt zumutbar. Immerhin ist der durch das Fehlen des Glases in seiner Leidenschaft für Opernmusik und Frauen erheblich behindert.

Der Operngucker

Samstag, 13. November 2010

Gesang

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Was sich jetzt sauber herausgeputzt als eine sogenannte Stätte gepflegter Gastlichkeit darbot, war seinerzeit ein übel beleumundetes Wirtshaus gewesen, damals eine kleines Gebäude nur, ebenerdig, ringsum war Leere. Die Bauern hockten dort bis tief in die Nacht hinein und tranken, vor allem im Winter, oft bis zur Besinnungslosigkeit in der rauchverhangenen Gaststube, unter deren Decke das verschlungenste Ofenrohr entlanglief, das man je irgendwo gesehen hatte. Eines Abends kam nicht das übliche laute Grölen, sondern ein feiner vielstrophiger Gesang aus dem Wirtshaus, ein Fenster war geöffnet, es war nicht eingehakt und schwankte hin und her. Es kam ein später Gast, schleichend, auf den Fußspitzen, in enganliegendem Kleid, tastete sich vor wie im Finstern und es war doch Mondlicht, horchte am Fenster, schüttelte den Kopf, verstand nicht, wie dieser schöne Gesang aus einer solchen Kneipe kam, schwang sich rücklings auf das Fensterbrett, unvorsichtig wohl, denn er konnte sich nicht oben erhalten und fiel gleich ins Innere, aber nicht tief, denn beim Fenster stand ein Tisch. Die Weingläser flogen zu Boden, zwei Männer, die bei dem Tisch gesessen waren, erhoben sich und warfen kurz entschlossen den neuen Gast, die Füße hatte er ja noch außen, wieder durch das Fenster zurück, er fiel in weiches Gras, stand gleich auf und horchte, aber der Gesang hatte aufgehört.

Freitag, 12. November 2010

Autobiographie

Aus dem Schattenreich
Kommentar


Den Kopf gegen die Wand gelehnt und ab und zu langsam durchatmend, wenn die Übelkeit in mir aufstieg, hatte ich einige Zeit schon die Arbeiter in den Goldminen der City beobachtet, die sich zu dieser frühen Abendstunde hier, an ihrem gewohnten Trinkplatz, einfanden, alle einander ähnlich, in ihren nachtblauen Anzügen, gestreiften Hemdbrüsten und grellfarbenen Krawatten, und indem ich versuchte, die rätselhaften Gewohnheiten dieser in keinem Bestiarium beschriebenen Tierart zu begreifen, ihr enges Beieinanderstehen, ihr halb geselliges, halb aggressives Gehabe, das Freigeben der Gurgel beim Leeren der Gläser, das immer aufgeregter werdende Stimmengewirr, das plötzliche Davonstürzen des einen oder anderen, da bemerkte ich auf einmal, am Rande der schon schwankenden Horde, einen vereinzelten Menschen, der niemand anders sein konnte als der seit bald zwanzig Jahren, wie mir in diesem Augenblick zu Bewußtsein kam, von mir vermißte K. Ohne Auch nur ein Wort zu verlieren über unser nach solch langer Zeit rein zufällig erfolgtes Zusammentreffen hat er, ohne mit irgendwelchen Präliminarien sich aufzuhalten, das Gespräch mehr oder weniger dort wieder aufgenommen, wo es einst abgebrochen war. Das Schreiben versagt sich mir, so K. Daher Plan der selbstbiographischen Untersuchungen. Nicht Biographie, sondern Untersuchung und Auffindung möglichst kleiner Bestandteile. Daraus will ich mich dann aufbauen, so wie einer, dessen Haus unsicher ist, daneben ein sicheres aufbauen will, womöglich aus dem Material des alten. Schlimm ist es allerdings, wenn mitten im Bau seine Kraft aufhört und er jetzt statt eines zwar unsichern aber doch vollständigen Hauses, ein halbzerstörtes und ein halbfertiges hat, also nichts. Was folgt ist Irrsinn, also etwa ein Kosakentanz zwischen den zwei Häusern, wobei der Kosak mit den Stiefelabsätzen die Erde so lange scharrt und auswirft, bis sich unter ihm sein Grab bildet.

Winterbuch

Aus dem Schattenreich
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Ein junger Student wollte an einem Abend im Januar zur Zeit der großen Gesellschaften seinen besten Freund, den Sohn eines hohen Staatsbeamten, aufsuchen. Auf dem Weg glitzerten um ihn her die Kristalle im Schnee, und es glitzerten über ihm in ihrer Unzahl die Sterne am Himmel. Der kopflose Riese Orion mit dem kurzen funkelnden Schwert im Gürtel stieg soeben hinter den blauschwarzen Schatten der Berge herauf. Er wollte dem Freund ein Buch zeigen, das er gerade las und von dem er ihm auch schon viel erzählt hatte. Es war ein schwer verständliches Buch über die Grundzüge der Geschichte der Volkswirtschaft, man konnte nur schwer folgen. Sein Vater, der gar nie auf den Gedanken gekommen wäre, ein Buch dieser Art zu lesen, hatte es in einer Anwandlung von Kulturbewußtsein eines Tages einem Reisevertreter abgekauft. Der Autor hielt sein Thema, wie es in einer Kritik sehr bezeichnend hieß, an sich gedrückt wie der Vater das Kind, mit dem er durch die Nacht reitet. Trotz aller Schwierigkeit verlockte es aber den Studenten sehr; wenn er eine zusammenhängende Stelle durchdrungen hatte, fühlte er einen großen Gewinn; nicht nur die gerade vorgetragene Ansicht, sondern alles ringsherum schien ihm einleuchtender, besser bewiesen und widerstandskräftiger. Einigemal auf dem Weg zu seinem Freund blieb er unter einer Laterne stehn inmitten der Winterpracht stehen, horchte auf das Klirren der Kälte und das Klingen der Himmelslichter in ihrer langsamen Bahn und las bei dem durch Schneenebel gedämpften Licht einige Sätze. Große, seine Fassungskraft übersteigende Sorgen bedrückten ihn, das Gegenwärtige war zu erfassen, die vor ihm liegende Aufgabe aber erschien ihm undeutlich und ohne Ende, vergleichbar nur seinen Kräften, die er ebenso und noch nicht aufgerufen in sich fühlte. Er dachte an den Wunsch, den er als Kind immer gehabt hatte, daß alles zuschneien möge, die ganze Stadt und das Tal bis zu den obersten Höhen hinauf, und daran, daß er sich vorstellte damals, wie es wäre, wenn wir im Frühjahr wieder auftauten und hervorkämen aus dem Eis. Jetzt fragte er sich, ob nicht eine äußere und inwendige Vereisung und Verödung am Ende die Voraussetzung dafür sei, daß man, vermittels einer Art schwindelhafter Schaustellerei die Welt und sich selbst glauben machen könne, das arme Herz stünde in Flammen, jeder Aufgabe gewachsen.

Hochmut

Aus dem Schattenreich
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Nachdem ich das Museum verlassen hatte, saß ich eine Zeitlang auf einer steinernen Bank auf der Piazza, die eigentlich nur ein kleiner, zwischen hohen Häusern gelegener Baumgarten war, wo Eukalyptus und Oleander, Fächerpalmen und Lorbeer und Myrthen eine Oase bilden inmitten der Stadt. Der Garten war durch ein Gitter getrennt von der Gasse, auf deren anderer Seite die geweißelte Front eines Hauses über die der Nachbargebäude emporragte. Der Nachmittag neigte sich bereits seinem Ende zu, als ich endlich die Gasse überquerte. An der einen Seite des Gebäudes war ein schmaler, niedriger, rundgewölbter, ebenfalls weiß getünchter Gang, ich stand vor seinem Eingang, er führte schief in die Tiefe. Ich wußte nicht, ob ich eintreten sollte, unschlüssig zerrieb ich mit meinen Füßen das schüttere Gras, das vor dem Eingang wuchs. Da kam ein Herr vorüber, wohl zufällig, er war ein wenig gebückt, aber willkürlich, weil er mit mir sprechen wollte. Wohin denn, mon cher? fragte er. Noch nirgendhin, sagte ich und blickte in sein fröhliches, aber hochmütiges Gesicht – es wäre hochmütig gewesen auch ohne das Monokel, das er trug – noch nirgendhin. Ich überlege erst.

Ritorno in Patria

Aus dem Schattenreich
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Er konnte also, bloß mit dem kleinen ledernen Rucksack über der Schulter ,durch die an das Niemandsland grenzenden Moorwiesen und den Absteigtobel hinab nach K. und von dort über den Bach und an der Mühle vorbei nach V. hinausgehen. Immer wieder, wenn die Luft von droben etwas in Bewegung geriet, regnete das Tropfwasser in Güssen herunter. Stellenweise, wo es lichter wurde, wuchsen vereinzelte, längst blattlose Buchen, das Geäst und die Stämme von der fortwährenden Nässe geschwärzt. Keinen Laut gab es als den des Wassers im Talgrund, keinen Vogelschrei, nichts. Und dann lag schon die Ebene vor ihm. und in der Ferne, weit im Blauen auf einem kleinen Hügel, kaum zu erkennen, das Haus, zu dem er strebte. Aber es dauerte noch bis zum Abend und viele Male war ihm während des Tages das Ziel aus dem Blick entschwunden, bis er auf schon dunkelndem Feldweg plötzlich am Fuße jenes Hügels stand. Da ist also mein Haus, sagte er sich, ein kleines altes klägliches Haus, aber es ist meines, und in ein paar Monaten soll es anders aussehn. Und er stieg zwischen Wiesen den Hügel hinauf. Die Tür war offen, ja sie konnte gar nicht geschlossen werden, denn der eine Türflügel fehlte. Eine Katze, die auf der Schwelle gesessen hatte, verschwand mit großem Geschrei, so schreien Katzen sonst nicht. Die Türen der zwei Räume rechts und links von der Treppe waren offen, mit ein paar halbzerbrochenen alten Möbelstücken ausgestattet, sonst leer. Aber von oben, von der Treppe herab, die sich im Finstern verlor, fragte eine zitternde, fast röchelnde Stimme, wer gekommen sei. Er machte einen großen Schritt über die ersten drei Stufen, die in der Mitte zerbrochen waren – sonderbarerweise sahen die Bruchstellen frisch aus, als sei es heute oder gestern geschehn –, und stieg hinauf. Auch oben war die Zimmertür offen.

Vestalin der Versenkung

Aus dem Schattenreich
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Ich hatte mich, von den Bergen herabkommend, in einem kleinen dämmrigen Laden nach einer Unterkunftsmöglichkeit erkundigt und war von dem Ladeninhaber, der einen seltsamen zimtfarbenen Übermantel aus dünnem Kattunstoff trug, in ein langes Gespräch verwickelt worden, das sich, wie ich mich noch entsinne, um die Gravitationslehre Newtons drehte. Auch was mein Nachtquartier anbelangte, wußte er Rat und konnte mich sogar einen Teil der Wegstrecke. in seinem Lieferwagen mitnehmen zu den Achenbachs, die nach seinen Worten B&B anboten. Nur eine geringe Strecke hatte ich noch zu laufen und kam doch atemlos an. Eine Stange war ein wenig schief in den Boden gerammt und trug eine Tafel mit der Aufschrift Versenkung. Ich dürfte am Ziel sein, sagte ich mir und blickte mich um; die Frage der Unterkunft war vergessen und kümmerte mich schon nicht mehr. Nur ein paar Schritte weit war eine unscheinbare, dicht mit Grün überwachsene Gartenlaube, aus der ich leichtes Tellerklappern hörte. Ich ging hin, steckte den Kopf durch die niedrige Öffnung, sah kaum etwas in dem dunklen Innern, grüßte aber doch und fragte: Wissen Sie nicht, wer die Versenkung besorgt? Ich selbst, Ihnen zu dienen, sagte eine freundliche Stimme, ich komme sofort. Nun erkannte ich langsam die kleine Gesellschaft, es war ein junges Ehepaar, drei kleine Kinder, die mit der Stirn kaum die Tischplatte erreichten, und ein Säugling, noch in den Armen der Mutter, die ein verblaßtes rotes Sommerkleid trug und so eigenartig steif da stand, als sei sie über dem Anblick des unangemeldet erschienenen Fremden aus der Bewegung heraus erstarrt. Mit weit offenen Augen sah sie mich an oder sah vielmehr durch mich hindurch. Der Mann, der in der Tiefe der Laube saß, wollte gleich aufstehn und sich hinausdrängen, die Frau aber bat ihn herzlich, zuerst das Essen zu beenden, er jedoch zeigte auf mich, sie wiederum sagte, ich werde so freundlich sein und ein wenig warten und ihnen die Ehre erweisen, an ihrem armen Mittagessen teilzunehmen, ich schließlich, äußerst ärgerlich über mich selbst, der ich hier die Sonntagsfreude so häßlich störte, mußte sagen: Leider leider, liebe Frau, kann ich der Einladung nicht entsprechen, denn ich muß mich augenblicklich, ja wirklich augenblicklich versenken lassen. Ach, sagte die Frau, gerade am Sonntag und noch beim Mittagessen. Ach die Launen der Leute. Die ewige Sklaverei. Zanken Sie doch nicht so, sagte ich, ich verlange es ja von Ihrem Mann nicht aus Mutwillen, und wüßte ich, wie man es macht, hätte ich es schon längst allein getan. Hören Sie nicht auf die Frau, sagte der Mann, der schon neben mir war und mich fortzog. Verlangen Sie doch nicht Verstand von Frauen. Als sie daraufhin ohne ein Wort davonging über die steinernen Fliesen, fiel mir auf, daß sie barfuß war. Lautlos verschwand sie im Dunkel des Hintergrunds, und ebenso lautlos kam sie nach ein paar Minuten, die mir mit keinem Maß zu messen schienen, aus dem Dunkel als eine Vestalin der Versenkung wieder hervor.

Donnerstag, 11. November 2010

Arztbesuch

Aus dem Schattenreich
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Der Kranke war viele Stunden allein gelegen, das Fieber war ein wenig zurückgegangen, hie und da hatte er einen leichten Halbschlaf einfangen können, im übrigen hatte er, da er sich vor Schwäche nicht rühren konnte, zur Decke hinaufgesehn und gegen viele Gedanken kämpfen müssen. Sein Denken schien überhaupt nur in Abwehr zu bestehn, alles, woran er zu denken anfing, langweilte oder quälte ihn und er verbrauchte seine Kraft damit, sein Denken zu ersticken. Es war gewiß schon Abend, jedenfalls war es schon lange finster, da es November war, als sich die Tür des Nebenzimmers öffnete, die Vermieterin hereinschlüpfte, um das elektrische Licht aufzudrehn, und der Arzt ihr folgte. Es war nicht, wie erwartet, der Dr. R., der aus einer mährischen Stadt, soweit bekannt aus Nikolsburg, mit seiner blassen Frau und seinen beiden halbwüchsigen Töchtern Felicia und Amalia nach P. gekommen war, sondern um den sicher schon auf die Siebzig gehenden Dr. P., den man zu jeder Tages- und Nachtzeit auf seiner siebenhundertfünfziger Zündapp im Ort herum oder bergauf und bergab zwischen den umliegenden Ortschaften hin und her fahren sehen konnte. Bei seinem Anblick wunderte der Kranke sich, wie wenig krank er eigentlich war oder wie wenig die Krankheit ihn angriff, denn er erkannte den Eintretenden ganz genau, keine seiner bekannten Einzelheiten fehlte, ja nicht einmal jene, welche ihm Gefühle einer unbestimmten Art, der Öde einerseits und einer fragwürdigen Ewigkeit andererseits, zu erregen pflegten, erschienen irgendwie übertrieben, alles war, wie es immer war.

November

Aus dem Schattenreich
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Am nächsten Morgen, als er in seinem Hotel erwachte nach einem tiefen traumlosen Schlaf, den nicht einmal die vom Ring heraufdringenden Brandungsgeräusche der Verkehrsströme hatten stören können, war es ihm, als hätte er während der Stunden seiner nächtlichen Abwesenheit ein breites Wasser überquert. Er blickte aus dem Fenster. Ein trüber Tag. Es ist November. Ihm scheint, daß zwar jeder Monat eine besondere Bedeutung hat, der November aber noch einen besondern Zusatz von Besonderheit. Vorläufig ist davon allerdings nichts zu sehn, es fällt bloß ein mit Schnee untermischter Regen. Aber das ist vielleicht nur der äußere Anblick, der immer täuscht, denn da sich die Menschen als Gesamtheit allem gleich anpassen und man doch zunächst nach dem Anblick der Menschen urteilt, sollte man eigentlich niemals eine Veränderung der Weltlage wahrnehmen können. Aber da man auch selbst ein Mensch ist, seine Anpassungskraft kennt und von ihr aus urteilt, erfahrt man doch einiges und weiß, was man davon zu halten hat, daß der Verkehr unten nicht stillsteht, sondern Straße auf, Straße ab mit verbissener unermüdlicher undurchdringlicher Überlegenheit sich in Gang erhält. Noch ehe er die Augen aufgemacht hatte, hatte er sich die Gangway eines großen Fährschiffs herunterkommen sehen, und nun, da er gleichsam festen Boden unter den Füßen hatte, faßte er den Entschluß, mit dem Abendzug nach Venedig zu fahren, ins Licht, wie er meinte.

Mittwoch, 10. November 2010

Die höhere Schule

Mein Vater führte mich zum Schuldirektor, der bekannt dafür war, daß er, wenn er nicht gerade ruhte, in seinem verstaubten Talar ohne Unterlaß, vom Morgen früh bis spät in die Nacht in den Schulgebäuden herumwanderte. Er war ein hoffnungslos zerstreuter, vollkommen geistesabwesender Mensch, und auch die übrige Lehrerschaft setzte sich zusammen aus den absonderlichsten gestalten, die größten teils über sechzig waren oder an irgendeinem Gebrechen litten. Es schien eine große Anstalt zu sein, wir durchschritten einige saalartige Räume, allerdings war alles leer. Einen Diener fanden wir nicht, wir gingen daher rücksichtlos weiter, auch waren alle Türen offen. Plötzlich zuckten wir zurück, das Zimmer, in das wir eilig eingetreten waren wie in alle früheren, war, wenn auch mit sehr wenig Möbeln, doch als Arbeitszimmer eingerichtet und auf dem Kanapee lag ein Mann. Es war, ich erkannte ihn nach Photographien, der Schuldirektor; ohne aufzustehn, forderte er uns auf, näherzutreten. Die Entschuldigungen meines Vaters wegen unseres unhöflichen Eindringens ins Direktorat hörte er mit geschlossenen Augen an, dann fragte er, was wir haben wollten. Das zu hören war auch ich neugierig, so sahen wir beide, der Direktor und ich, den Vater an. Der Vater sagte, es liege ihm daran, daß sein Sohn, jetzt achtzehn Jahre alt, in die besten pädagogischen Hände komme. Daran würde es, wie ihm versichert wurde, hier nicht fehlen. Das Schulleben in dieser Anstalt hielt sich, wie ich schon bald herausfand, mehr oder weniger von selber in Gang, eher trotz als dank der dort wirkenden Pädagogen. Es wurde bestimmt nicht durch ein wie immer dort wirkendes Ethos, sondern durch die vielen Schülergenerationen zurückreichenden Sitten und Gebräuche, von denen manche einen geradezu orientalischen Charakter hatten. Es gab die verschiedensten Formen der Großtyrannei und des Kleindespotismus, der erzwungenen Dienstleistung, der Versklavung, der Hörigkeit, der Begünstigung und des Zurückgesetztwerdens, der Heldenverehrung, des Ostrazismus, des Strafvollzugs und der Begnadigung, vermittels deren die Zöglinge, ohne jede Oberaufsicht sich selber, ja man kann sagen, die gesamte Anstalt, die Lehrer nicht ausgenommen, regierten. Für mich sind die Jahre in dieser Lehranstalt, anders als für die meisten anderen, nicht eine Zeit der Gefangenschaft, sondern der Befreiung gewesen.

Auf der Brücke

Aus dem Schattenreich
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No faltaban puentes per donde correr

Ich schärfte die Sense und begann zu schneiden. Es fiel viel vor mir nieder, dunkle Massen, ich schritt zwischen ihnen durch, ich wußte nicht, was es war. Aus dem Dorf riefen warnende Stimmen, ich hielt sie aber für ermutigende Stimmen und ging weiter. Ich kam zu einer kleinen Holzbrücke, sie war sogar im Sommer gefahrvoll, im Winter so gut wie ungangbar. Nicht wenige waren beim Überqueren des Tobels in den Tod gestürzt. Obendrein war die Arbeit für mich zu Ende und ich übergab die Sense einem Mann, der dort wartete, die eine Hand nach ihr ausstreckte und mit der andern wie einem Kind über meine Wange strich. In der Mitte der Brücke bekam ich ernstliche Zweifel, ob ich auf dem richtigen Weg sei, und rief laut in die Finsternis, aber es antwortete niemand. Auf das genaueste mit den Grenzen des Reviers vertraut, war es für mich, wenn ich mich nur recht bedachte, ausgeschlossen, auf die andere Seite hinüberzuwechseln. Da ging ich wieder zurück auf das feste Land, um den Mann zu fragen, was zu tun sei, aber er war nicht mehr dort.

Neumond

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In einer Neumondabend ging ich aus einem Nachbardorf nach Hause. Als ich aus dem Wald herauskam, war es vollends Nacht geworden. Aus den Wiesen stiegen die weißen Nebel, und drunten an dem nunmehr ein gutes Stück weit entfernten Flußlauf erhob sich die schwarze Sägmühle, die vor langen Jahren, unmittelbar nach meiner Einschulung, mit ihrem gesamten Holzlager in einem großen, das ganze Tal erleuchtenden Feuer niederbebrannt war. Das Dunkel senkte sich jetzt auch über die Straße. Es war nur noch ein kurzer Weg auf gerader, völlig dem Monde ausgesetzter Landstraße, man sah jede Kleinigkeit auf dem Boden genauer als bei Tag. Ich war nicht mehr weit von der kleinen Pappelallee, an deren Ende dann schon unsere Dorfbrücke sich anschließt, da sah ich ein paar Schritte vor mir – ich mußte geträumt haben, daß ich es nicht früher gesehen hatte –, einen kleinen Verschlag aus Holz und Tuch, ein kleines, aber sehr niedriges Zelt, Menschen hätten darin nicht aufrecht sitzen können. Es war völlig abgeschlossen; auch als ich es ganz nahe umging und betastete, fand ich keine Lücke. Man sieht auf dem Land mancherlei und lernt daraus, auch Fremdes leicht zu beurteilen, aber wie dieses Zelt hierhergekommen war und was es sollte, konnte ich nicht verstehn. Eine junge zigeunerartige Frau macht vor dem Altar aus Federbetten und Decken ein weiches Lager zurecht. Sie ist bloßfüßig, hat einen weißgemusterten roten Rock, eine weiße, hemdartige, vorn nachlässig offene Bluse und wild verschlungene braune Haare. Auf dem Altar steht ein Waschbecken.

Die Kartenspieler

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Der Bau diese singulären architektonischen Monstrosität war überstürzt in Angriff genommen worden, was zur Folge hatte, daß es in diesem mehr als siebenhunderttausend Kubikmeter umfassenden Gebäude Korridoren und Treppen gibt, die nirgendwo hinführen, türlose Räumen und Hallen, die von nie jemand zu betreten sind, Gänge, die einmal links- und dann wieder rechts herum, und endlos geradeaus, unter vielen Türstöcken hindurch, über knarrende, provisorisch wirkende Holzstiegen, die hie und da von den Hauptgängen abzweigen und um einen Halbstock hinauf- oder herabführen in dunkle Sackgassen, an deren Ende Rolladenschränke, Stehpulte, Schreibtische, Bürosessel und sonstige Einrichtungsgegenstände übereinandergetürmt stehen, als habe jemand in einer Art Belagerungszustand ausharren müssen. Im Verlaufe der Jahre sind auch immer wieder einmal in irgendwelchen leerstehenden Kammern und abgelegenen Korridoren kleine Geschäfte entstanden, etwa ein Tabakhandel, ein Getränkeausschank oder ein Wettbüro mit einem Raum für Glücksspiele verschiedener Art. Ich kam durch einen Nebeneingang auf das Gelände, ängstlich, ich wußte nicht, wie es sich verhält, ich war klein und schwach, ich sah sorgenvoll an meinem Anzug hinab, er war recht finster, über einen gewissen leeren Umkreis sah man nicht hinaus, der Boden war mit Gras bedeckt, ich bekam Zweifel, ob ich am richtigen Ort war; wäre ich durch den Haupteingang gekommen, wäre kein Zweifel möglich gewesen, aber ich war durch einen Nebeneingang gekommen; vielleicht wäre es gut, zurückzugehen und die Überschrift über der Tür anzusehen, aber ich glaubte mich zu erinnern, daß dort gar keine Überschrift gewesen war. Da sah ich in der Ferne einen matten silbrigen Schein, das gab mir Vertrauen, ich ging in dieser Richtung. Es war ein Tisch, in der Mitte stand eine Kerze, ringsum saßen drei Kartenspieler. Bin ich hier richtig angekommen? fragte ich, ich wollte zu den drei Kartenspielern. Das sind wir, sagte der eine, ohne von den Karten aufzublicken.

Dienstag, 9. November 2010

Bei Tisch

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Die Haushälterin kam mit einem Servier- und Wärmewagen, einer Art Patentkonstruktion aus den dreißiger Jahren, herein. Sie trug ihre graue Kleiderschürze und tat stumm, höchstens ein paar gemurmelte Worte mit sich selber wechselnd, ihre Arbeit. Sie zündete die Lichter an, stellte die Schüsseln auf den Tisch und schlurfte wortlos, wie sie gekommen war, wieder hinaus. Wir legten uns selbst vor, wobei wir die Schüsseln um die Tafel herum einander zutragen mußten. Die Vorspeise bestand aus einigen wenigen mit marinierten jungen Spinatblättern bedeckten grünen Spargeln. Den Hauptgang bildeten Brokkolisprossen in Butter und in Pfefferminzwasser gesottene neue Kartoffeln, die im sandigen Boden eines der alten Glashäuser bereits Ende April die Größe von Walnüssen erreichten. Zuletzt aßen wir ein mit Rohrzucker bestreutes, mit Rahm unterzogenes Rhabarberkompott. Es war eine kleine Gesellschaft im engen Zimmer abends bei diesem Diner. Ein Vogel umflog uns, ein Rabe, zupfte den Mädchen die Haare und tauchte den Schnabel in die Teller. Wir kümmerten sich nicht um ihn, sangen und lachten, da wurde er kühner,

Die Schauspielerin

Aus dem Schattenreich

Im Ständetheater hatte sie im Herbst ihren ersten Auftritt in der Rolle der Olympia, von der sie seit Beginn ihrer Laufbahn schon träumte. Mitte Oktober, als die Operette fertig einstudiert war, ging ich in die Generalprobe und bin im Parkett genau unter dem Zenit der Kuppel gesessen. Rings um mich stiegen die Ränge, deren goldener Zierat durch das Dämmer blinkte, in die Höhe hinauf. Erst nach einer gewissen Zeit, als irgend jemand hinter dem zugezogenen Vorhang geschwind über die Bühne gehuscht war und durch sein eiliges Laufen eine Wellenbewegung in den schweren Stoffballen ausgelöst hatte, begannen sich die Schatten zu regen und ich sah drunten im Orchestergraben den befrackten, käferartigen Dirigenten und andere schwarze Figuren, die mit allerlei Instrumenten hantierten, hörte ihr Durcheinanderspielen beim Stimmen und glaubte auf einmal, zwischen dem Kopf eines der Musikanten und dem Hals eines Baßgeige hindurch, in dem hellen Lichtstreif zwischen dem Bretterboden und dem Saum des Vorhangs ihren himmelblauen, mit Silberfutter bestickten Schuh zu erblicken. Es war schon spät in der Nacht, als ich den Wagen, der sie aus der anderen Welt zurückbrachte, vor der Haustür anhalten hörte. Endlich trat sie ins Zimmer und setzte sich zu mir nieder, umhüllt von einem seltsamen, aus verwehten Parfum und Staub gemischten Theatergeruch. Von der Theaterprofession dürfe ich mir wirklich keine idyllischen Vorstellungen machen, sagte sie. Das ist ein Leben zwischen Kulissen. Es ist hell, das ist ein Morgen im Freien, dann wird gleich dunkel und es ist schon Abend. Das ist kein komplizierter Betrug, aber man muß sich fügen, solange man auf den Brettern steht. Nur ausbrechen darf man, wenn man die Kraft hat, gegen den Hintergrund zu, die Leinwand durchschneiden und zwischen den Fetzen des gemalten Himmels durch, über einiges Gerumpel hinweg in die wirkliche enge dunkle feuchte Gasse sich flüchten, die zwar noch immer wegen der Nähe des Theaters Theatergasse heißt, aber wahr ist und alle Tiefen der Wahrheit hat.

Wandermusikanten

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Es gab in unserer Gegend am Nordrand der Alpen in jener Zeit außer den gelegentlichen Darbietungen einer durch die Kriegseinwirkung stark dezimierten Jodlergruppe und dem feierlichen Spiel der gleichfalls nur mehr aus ein paar älteren Gesellen bestehenden Blaskapelle bei der Flurumgangs- und Fronleichnamsprozession so gut wie überhaupt keine Musik. Am Sonntag aber hörte ich schon frühmorgens aus dem neuen Rundfunkgerät die Rottachtaler oder andere eingeborene Musikanten mit ihren Hackbrettern und Zupfgeigen, denn der Vater, der nur zum Wochenende zu Hause war, hatte eine besondere Vorliebe für die altbayerische Volksmusik, die für mich in der Rückerinnerung den Charakter von etwas Schauderhaften angenommen hat, von dem ich weiß, daß es mich verfolgen wird bis ins Grab. Wenn sich mein musikalischer Horizont dann doch nach und nach, wenn zunächst auch nur langsam und unvollkommen, zu erweitern begann, so nicht zuletzt wegen der fahrenden Musikanten, die in der schlechten Zeit in nicht geringer Zahl durch das Land zogen. Oft kamen sie von weit her und sangen mit einer hohen, aus dem Kehlkopf hervorgepreßten Stimme in einer Weise, wie sie wohl im Mittelmeerraum, auf Korsika und Sardinien nicht weniger als in der Türkei, verbreitet ist. Auch an jenem Tag hörten wir, zunächst von weit her, musikalische Laute und ein Lied dieser Art, das dann urplötzlich abbrach. Wir liefen vor das Haus. Es stand dort ein Wandermusikant mit einer Harmonika. Sein Kleid, eine Art Talar, war unten so in Fetzen, wie wenn der Stoff ursprünglich von einem Tuchstück nicht abgeschnitten, sondern roh mit Gewalt abgerissen worden wäre. Und es stimmte dazu irgendwie die verwirrte Miene des Mannes, der aus einem tiefen Schlaf geweckt zu sein schien und sich mit aller Anstrengung nicht zurechtfinden konnte. Es war, wie wenn er immer von neuem einschliefe und immer von neuem geweckt würde. Wir Kinder wagten nicht ihn anzusprechen und wie sonst Wander- und Bettlermusikanten um ein Lied zu bitten. Auch lief er uns immerfort mit den Augen ab, als bemerke er zwar unsere Anwesenheit, könne uns aber nicht so genau erkennen, wie er wollte. Wir warteten also, bis der Vater kam. Er war hinten in der Werkstatt, es dauerte ein Weilchen, ehe er den langen Flur durchschritt. Wer bist du? fragte er im Nebenzimmer laut und streng, sein Blick war mürrisch, vielleicht war er mit unserem Verhalten dem Musikanten gegenüber unzufrieden, aber wir hatten doch nichts getan und jedenfalls noch nichts verdorben. Wir wurden womöglich noch stiller. Es war überhaupt ganz still, nur die Linde vor unserem Haus rauschte. Ich komme aus Italien, sagte der Musikant, aber nicht wie eine Antwort, sondern wie ein Schuldbekenntnis. Es war, als erkenne er in unserem Vater seinen Herrn. Die Harmonika drückte er an seine Brust, als sei sie sein Schutz.

Eiche der Erinnerung

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Eines Nachmittags im November hatte ich den Beschluß gefaßt, nach England zurückzukehren, zuvor aber noch auf eine gewisse Zeit in meine Heimatstadt zu fahren, wo ich seit meiner Kindheit nicht mehr gewesen war. Und nun wurde ich in dem am Sonntag vollkommen verlassenen Hotel von einem solch überwältigenden Gefühl der Ziel- und Zwecklosigkeit erfaßt, daß ich, um wenigstens die Illusion einer gewissen Ausrichtung zu haben, mich auf den Weg in das Stadtinnere machte, wo ich dann allerdings planlos herumwanderte zwischen den im Verlauf der Zeit ganz und gar schwarz gewordenen Monumentalbauten aus dem vorigen Jahrhundert. Ich bin auf dieser Wanderung, während der knappen wirklich taghellen Stunden, in denen das Winterlicht die menschenleeren Straßen und Plätze durchflutete, immer wieder erschüttert gewesen von der Rückhaltlosigkeit, mit der die anthrazitfarbene Stadt die Spuren ihrer augenscheinlich chronisch gewordenen Verarmung und Degradierung dem Betrachter preisgab. Erfaßt von einer großen Niedergeschlagenheit trieb es mich heraus aus der Stadt ins freie Land, und dann war ich weiter vor die Stadt gekommen, als ich eigentlich gewollt hatte. Und als ich so weit war, trieb es mich noch weiter. Auf einer Anhöhe stand eine alte sehr große Eiche grad wie die des Vercingetorix auf Courbets mir immer besonders lieben Bild. Sie erinnerte mich irgendwie daran, daß es nun endlich aber Zeit sei, zurückzukehren. Es war schon abendlich genug geworden. Ich stand vor ihr, strich über ihre harte Rinde und las zwei eingeritzte Namen. Ich las sie, aber ohne sie mir zu merken, es war wie ein kindlicher Trotz, der mich, wenn ich schon nicht weitergehen sollte, wenigstens hier festhielt, um mich nicht zurückgehn zu lassen. Man ist manchmal im Bann solcher Kräfte, man kann ihn leicht zerreißen, es ist ja nur etwas wie ein zarter Scherz eines Fremden, aber es war Sonntag, nichts war zu versäumen, ich war schon müde und ergab mich deshalb in alles. Nun erkannte ich, daß einer der Namen Josef war und erinnerte mich eines Schulfreundes, der so geheißen hatte. In meiner Erinnerung war er ein kleiner Junge, der kleinste der Klasse vielleicht, er war einige Jahre neben mir in der gleichen Bank gesessen. Er war häßlich gewesen, selbst uns, die wir doch damals mehr Kraft und Geschicklichkeit – und beides hatte er – als Schönheit zu beurteilen verstanden, erschien er sehr häßlich.


Montag, 8. November 2010

Die Karawanserei

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Ich habe versucht, die Wolkensäule mir vorzustellen, die dem wandernden Volk, wie es in einer seltsamen Wendung hieß, voran des Weges ging, und versenkte mich, alles um mich her vergessend, in eine ganzseitige Illustration der Kinderbibel, in der die Wüste Sinai mit ihren kahlen, ineinander verschobenen Bergrücken und dem grau gestrichelten Hintergrund, den ich manchmal für das Meer und manchmal für den Luftraum gehalten habe, ganz der Gegend glich, in der ich aufgewachsen war. Tatsächlich wußte ich mich unter den winzigen Figuren, die das Lager bevölkerten, an meinem richtigen Ort. Jeden Quadratzoll der mir gerade in ihrer Vertrautheit unheimlich erscheinenden Abbildung habe ich durchforscht. In einer etwas helleren Fläche an der steil abstürzenden Bergseite zur Rechten glaubte ich, einen Steinbruch zu erkennen und in den gleichmäßig geschwungenen Linien darunter die Geleise einer Bahn. Am meisten aber gab mir der umzäumte Platz in der Mitte zu denken und der zeltartige Bau am hinteren Ende, über dem sich eine Rauchwolke erhebt. Dieser Teil des Bildes war in meiner Vorstellung auf eine mich selbst überraschende Weise überlagert von dem von einer unbekannten Hand gemalten Fresko, das eine Karawane zeigte, die aus der fernsten Tiefe des Bildes heraus über ein Wellengebirge von Dünen hinweg direkt auf den Betrachter zu sich bewegte. Infolge der Ungeschicklichkeit des Malers und der schwierigen Perspektive, die er gewählt hatte, wirkten die menschlichen Figuren sowohl als die Lasttiere in ihren Umrissen leicht verzerrt, so daß es, wenn man die Lider halb senkte, tatsächlich war, als erblicke man eine in der Helligkeit und Hitze zitternde Fata Morgana. Das fragliche Fresko schmückte eine der Wände des ethnischen Lokals Wadi Halfa unweit unserer Wohnung, in das uns der Vater des öfteren einlud zu einem der grauenvollen, halb englischen, halb afrikanischen Gerichte, die vom Koch des Wadi Halfa in einer hinter dem Tresen aufgebauten feldküchenartigen Einrichtung mit einer apathischen Eleganz sondergleichen zubereitet wurden. Der eher abstoßende Charakter des Aufgetischten verdroß mich wenig, gefesselt wie ich war von dem Fresko, das mir die zentralen Anlagen der Bibelillustration unmißverständlich als Karawanserei zu verstehen gab. In dieser Karawanserei, so stellte ich mir vor, war niemals Schlaf, dort schlief niemand; aber wenn man dort nicht schlief, warum ging man hin? Um das Tragvieh ausruhn zu lassen. Es war nur ein kleiner Ort, eine winzige Oase, aber sie war ganz von der Karawanserei ausgefüllt und die war nun allerdings riesenhaft. Es war für einen Fremden, so schien es mir wenigstens, unmöglich, sich dort zurechtzufinden. Die Bauart verschuldete das auch. Man kam zum Beispiel in den ersten Hof, aus dem führten etwa zehn Meter voneinander entfernt zwei Rundbögen in einen zweiten Hof, man ging durch den einen Bogen und kam nun statt in einen neuen großen Hof, wie man erwartet hatte, auf einen kleinen finstern Platz zwischen himmelhohen Mauern, erst weit in der Höhe sah man beleuchtete Loggien. Nun glaubte man sich also geirrt zu haben und wollte in den ersten Hof zurückgehn, man ging aber zufällig nicht durch den Bogen zurück, durch den man gekommen war, sondern durch den zweiten nebenan. Aber nun war man doch nicht auf dem ersten Platz, sondern in einem andern viel größeren Hof voll Lärm, Musik und Viehgebrüll. Man hatte sich also geirrt, ging wieder auf den dunklen Platz zurück und durch den ersten Türbogen. Es half nichts, wieder war man auf dem zweiten Platz und man mußte durch einige Höfe sich durchfragen, ehe man wieder in den ersten Hof kam, den man doch eigentlich mit ein paar Schritten verlassen hatte. Unangenehm war nun, daß der erste Hof immer überfüllt war, dort konnte man kaum ein Unterkommen finden. Es sah fast so aus, als ob die Wohnungen im ersten Hof von ständigen Gästen besetzt seien, aber es konnte doch in Wirklichkeit nicht sein, denn hier wohnten nur Karawanen, wer hätte sonst in diesem Schmutz und Lärm leben wollen oder können, die kleine Oase gab ja nichts her als Wasser und war viele Meilen von größeren Oasen entfernt. Also ständig wohnen, leben wollen, konnte hier niemand, es wäre denn der Besitzer der Karawanserei und seine Angestellten, aber die habe ich, trotzdem ich einigemal dort gewesen bin, nie gesehn, auch nichts von ihnen gehört. Es wäre auch schwer vorzustellen gewesen, daß, wenn ein Besitzer vorhanden war, er solche Unordnung, ja Gewalttaten zugelassen hätte, wie sie dort üblich waren bei Tag und Nacht. Ich hatte vielmehr den Eindruck, daß die jeweilig stärkste Karawane dort herrschte und dann, nach der Stärke abgestuft, die andern. Allerdings alles wird dadurch nicht erklärt. Das große Eingangstor zum Beispiel war gewöhnlich fest verschlossen; es Karawanen zu öffnen, die kamen oder gingen, war immer eine geradezu feierliche Handlung, die man auf umständliche Weise erwirken mußte. Oft standen Karawanen draußen stundenlang im Sonnenbrand, ehe man sie einließ. Das war zwar offene Willkür, aber man kam ihr doch nicht auf den Grund. Man stand also draußen und hatte Zeit, die Umrahmung des alten Tores zu betrachten. Es waren rings um das Tor in zwei, drei Reihen Engel in Hochrelief, die Fanfaren bliesen; eines dieser Instrumente, gerade auf der Höhe der Torwölbung, ragte tief genug in die Toreinfahrt hinab. Die Tiere mußten immer vorsichtig herumgeführt werden, daß sie nicht daran schlugen, es war merkwürdig, insbesondere bei der Verfallenheit des ganzen Baus, daß diese allerdings schöne Arbeit gar nicht beschädigt war, nicht einmal von denen, die solange in ohnmächtigem Zorn vor dem Tor schon gewartet hatten. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß...

Die Lehrstelle

Nachdem wir im Dezember des fraglichen Jahres mit dem Möbelwagen des Spediteurs Karpatenvogel aus unserem Heimatort V. in die neunzehn Kilometer entfernte Kleinstadt umgezogen waren, hieß es für mich, daß ich, nach dem Willen meines Vaters, fortan für meinen sogenannten Lebensunterhalt selbst zu sorgen hatte. Also mußte ich nun sechsmal in der Woche in aller Frühe an der endlosen Mauer der Jägerkaserne entlang in die Smetanastraße hinaus, vorbei an dem geschindelten Reihenhäuschen des Musiklehrers Kerner, hinter welchem, in einer Entfernung von kaum mehr als fünf, sechs Metern, ein reißender, dunkler Sägemühlenkanal vorbeifloß, aus dem man des öfteren schon, wie mir bei seinem Anblick zwanghaft ständig in den Sinn kam, eine Wasserleiche herausgezogen hatte, zuletzt einen sechsjährigen Knaben, der auch aus V. stammte, und dessen Bruder mit mir in die Schule gegangen war. Was nun das Geschäft anbelangt in dem ich untergekommen war, so waren wir fünf Angestellte, der Buchhalter, ein kurzsichtiger schwermütiger Mann, der über dem Hauptbuch ausgebreitet lag wie ein Frosch, still, nur von einem mühseligen Atem schwach gehoben und gesenkt, dann der Kommis, ein kleiner Mann mit breiter Turnerbrust, nur eine Hand brauchte er auf dem Pult aufzustützen und schwang sich hinüber leicht und schön, nur sein Gesicht war dabei ernst und blickte streng ringsum. Dann hatten wir ein Ladenmädchen, ein älteres Fräulein, schmal und zart, mit anliegendem Kleid, meist hielt sie den Kopf zur Seite geneigt und lächelte mit den dünnen Lippen ihres großen Mundes. Ich, der Lehrjunge, der nicht viel mehr zu tun hatte, als mit dem Staubtuch am Pult sich herumzudrücken, hatte oft Lust, die Hand unseres Fräuleins, eine lange schwache, eingetrocknete holzfarbige Hand, wenn sie nachlässig und selbstvergessen auf dem Pult lag, zu streicheln oder gar zu küssen oder – dies wäre das Höchste gewesen – das Gesicht dort, wo es so gut war, ruhn zu lassen und nur hie und da die Lage zu ändern, damit Gerechtigkeit sei und jede Wange diese Hand auskoste. Aber das geschah niemals, vielmehr streckte das Fräulein, wenn ich näher kam, eben diese Hand aus und wies mir eine neue Arbeit an, irgendwo in einem fernen Winkel oder oben auf der Leiter. Dieses letztere war besonders unangenehm, denn oben war es von den offenen Gasflammen, mit denen wir leuchteten, bedrückend heiß, auch war ich nicht schwindelfrei, mir war dort oft übel, ich steckte dort manchmal unter dem Vorwand besonders gründlicher Reinigung meinen Kopf in ein Regalfach und weinte ein kleines Weilchen oder ich hielt, wenn niemand hinaufsah, eine kurze stumme Ansprache an das Fräulein unten und machte ihr große Vorwürfe, ich wußte zwar, daß sie bei weitem nicht, weder hier noch anderswo, die entscheidende Macht hatte, aber ich glaubte irgendwie, sie könnte diese Macht haben, wenn sie wollte, und sie dann zu meinen Gunsten benützen. Aber sie wollte nicht, sie übte ja nicht einmal die Macht aus, die sie hatte. Sie war zum Beispiel die einzige des Personals, welcher der Geschäftsdiener ein wenig folgte, sonst war er der eigenwilligste Mensch, gewiß, er war der älteste im Geschäft, noch unter dem alten Chef hatte er gedient, so vieles hatte er hier mitgemacht, wovon wir andern keine Ahnung hatten, aber er zog aus alledem den falschen Schluß, daß er alles besser verstehe als die andern, daß er zum Beispiel nicht nur ebenso gut, sondern viel besser als der Buchhalter die Bücher führen könne, besser als der Kommis die Kundschaft bedienen könne und so fort, und daß er nur aus freiwilligem Entschluß die Geschäftsdienerstelle übernommen habe, weil sich für sie niemand sonst, nicht einmal ein Unfähiger, gefunden habe. Und so quälte er sich, der gar nicht sehr stark gewesen sein dürfte und jetzt schon nur ein Wrack war, seit vierzig Jahren mit dem Handkarren, den Kisten und Paketen. Er hatte es freiwillig übernommen, aber das hatte man vergessen, neue Zeiten waren gekommen, man erkannte ihn nicht mehr an, und während rings um ihn im Geschäft die ungeheuerlichsten Fehler gemacht wurden, mußte er, ohne daß man ihn eingreifen ließ, die Verzweiflung darüber hinunterwürgen und überdies an seine schwere Arbeit gefesselt bleiben.