Donnerstag, 28. November 2013

Andromeda Lodge

East of Sense

Lle syberwyd, lle da byd, perllan, gwinllan ger gwenllys, hoff yw'r lle

Sinn ist für Luhmann, in der Auslegung Claudio Baraldis, das selektive Medium, das die Erzeugung aller sozialen und psychischen Formen ermöglicht. Sinn sei eine evolutionäre Errungenschaft der sozialen und psychischen Systeme, die deren Selbstreferenz und Komplexitätsaufbau Form gibt. Danach würden die Menschen im Gefängnis des Sinns leben, Un-Sinn wäre ihnen, wie alles andere, nur sinnhaft, mit Mitteln des Sinns erfaßbar, den Bereich der Sinnlosigkeit betreten können sie nicht. Gleichzeitig berechtigt das Verständnis von Sinn als Produkt der Humanevolution zu der Annahme, daß die gesamte nichthumane Welt in diesem Sinne ohne Sinn ist. Auch Gott, den man sich schlecht als Teilnehmer an der menschlichen Evolution und ihr unterworfen denken kann, wäre sinnfrei, dem Joch des Sinns ebensowenig unterworfen wie die der Wahrnehmung zugängliche Außenwelt. Ihn sinnhaft auszumalen, wäre in jedem Fall verfehlt. Gott ist sinnlos, aber das muß ihn weiter nicht kümmern, es schadet ihm nicht. Wenn der menschliche Sinnbereich dem Grunde nach homogen ist, so gilt das für den außen liegenden Un-Sinn nicht, Gottes Sinnfreiheit muß nicht das Gleiche sein wie die Sinnlosigkeit der interstellaren Leere. - Das ist nicht die bloße Neufassung der alten Theologenweisheit, wonach Gott für uns nicht erreichbar und sein Ratschluß unergründlich ist, dies aber in bloßer Erweiterung und Überhöhung des menschlichen Sinnbereichs - so als sei Gott eine Art Verlängerung von Grigori Perelman, dessen Beweis der Poincaré-Vermutung, abgesehen von einigen wirklich hohen Priestern der Mathematik, die denn auch, und vielleicht zu recht, beanspruchen, Gottes Sprache am ehesten noch zu verstehen, ebenfalls für alle unergründlich bleibt - und nicht außerhalb des menschlichen Sinnbereichs und ohne Berührung mit ihm. Nach christlichem Glauben aber hat Gott sich kurzfristig in den menschlichen Sinnbereich begeben und dort das mit menschlichen Mitteln nicht lösbare, unergründliche Rätsel de Kreuzes hinterlegt.
Wenn Sebald also im Gespräch erklärt, die Welt sei sinnlos und jeder wisse das, so hat er im Licht der Systemtheorie zumindest im ersten Teil recht. Offen hat er sich auch immer wieder als nicht religiös eingestellt bekannt, dabei aber die Formulierung, er sei religiös unmusikalisch, vermieden. Zum einen hatte er keinen Grund, sich als Papagei Webers und Habermas' zu betätigen, und zum anderen konnte er an seinem Prosaarbeitstisch nicht anders als musikalisch sein. Die Heiligen taumeln denn auch als so viele schöne, unreine Noten durch seine Partituren, der heilige Franz mit dem Gesicht nach unten im Morast, die heilige Katharina mit ihrem Marterrädchen in der Hand, Saint Jérôme im Erdloch und Mrs. Ashbury bei der an sich verdienten Himmelfahrt steckengeblieben im Plafond. Gottlos zwar, zeigt Sebald sich als Freund der Metaphysik und der Maler, die noch wußten, was über unseren Köpfen geschieht und die Gotteswelt beherzt ausmalten, Giotto, Grünewald, Pisanello, Tiepolo. Ähnlich wie die Astronomen mit ihren Riesenteleskopen das Hintergrundrauschen der Entstehung der Welt wahrnehmen, lauscht er in den Bildwerken auf den Nachhall der vergangenen Zeit. Zudem folgt er, auf einer niederen Stufe artikulierter Metaphysik, gern einer Koinzidenz- und Zahlenmystik. Mit den Worten des englischen Papageienforschers: Coincidences make you sense momentarily what it must be like to live in an ordered, God-run universe, with Himself looking over your shoulder and helpfully dropping coarse hints about a cosmic plan: bei Sebald ist es nicht mehr als das Aufschlaggeräusch seines Wanderstabes, you shall not want. Innerhalb einer sinnlosen, unbewohnbaren Welt hat er uns im Inneren seine Prosa einen eminent bewohnbaren Raum geschaffen. Thematisch spiegelt sich das an den Orten des Geschehens kaum, Manchester das einstige Jerusalem der Industrialisierung ist so menschenleer wie das offenbar verfluchte Terezín, und um Paris oder Venedig steht es nicht viel besser. Allenthalben tauchen die Karawanen der Wüstenmenschen auf. Aber nicht alle Orte auf der Erde sind unbewohnbar, am bewohnbarsten von allen ist Andromeda Lodge, der Wohnsitz der Fitzpatricks, an der walisischen Küste, unweit des Ortes Abermaw. Es ist der schönste Platz überhaupt, der Garten Eden in neuzeitlicher Fassung, unter den Bedingungen der Sterblichkeit. Noch heute wünscht sich Austerlitz, während er davon erzählt, daß er in dem Frieden, der dort ununterbrochen herrschte, spurlos hätte vergehen können. Diese Stimmung ist Selysses von Haus aus nicht fremd, so wenn er sich zurücksehnt nach einer Wiederholung der im Inneren den zahlreichen, in der Gegend von W. liegenden Kapellen herrschenden vollkommenen Stille. Meistens sind es nur kurze mystische Augenblicke, wie in Ajaccio, wo er sich vorstellt in einer der steinernen Burgen zu wohnen, bis an sein Lebensende mit nichts beschäftigt als mit dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit, dann aber sogleich ein Billett für das Musée Fesch ersteht.
Schon die Anreise nach Abermaw und Andromeda Lodge ist eine Fahrt ins Licht, vorbei an glänzenden Schieferdächern und silbrig wogenden Weiden, die sich abheben von den dunkleren Erlengehölzen. Andromeda Lodge selbst ist ein Lichtfest, mit dem weiter draußen schimmernden Meer, der durch die Dunstschleier über dem Mawddach brechenden Licht, der Lichtflut über dem Wasser und schließlich der Lichtverklärung Adelas, als sie aus der Tiefe des Gartens kommt, in grünlichbraunen Wollsachen, an deren hauchfein gekräuseltem Rand Millionen winziger Wassertropfen eine Art von silbrigem Glanz um sie bildeten. Beim Federballspiel schwebte Adela viel länger oft, als es die Schwerkraft erlaubte, ein paar Spannen über dem Parkettboden in der Luft, offenbar hat ein Paar der in Andromedas Haushalt gebräuchlichen Flügelschuhe überdauert.

Bevor wir aber noch auf die Menschen treffen, gehen wir durch den vollkommen verwilderten Garten, in dem Pflanzen und Stauden wuchsen, die sonst nirgends in Wales zu sehen waren, Riesenrhabarber und mehr als mannshohe neuseeländische Farne, Bambusdickicht und Palmen, bewohnt vom Volk der weißgefiederten Kakadus, die überall herumflogen und aus den Gebüschen hervorriefen: der Garten Eden ist nicht allein die Domäne des Menschen. Zugleich aber ist er nicht abgeschnitten von der uns bekannten Welt, die beiden großen Fraktionen sind vertreten, die von Gott Erleuchteten und die Erheller unseres Daseins. Auf Pisanellos Bild Giorgio con cappello di paglia sind sie unter der Aufsicht der Madonna in einem gewissen Zustand des Gleichgewichts, aber doch mit einem deutlichen Standortvorteil für den befreienden Ritter und Drachentöter, dessen aus weißem Metall geschmiedete, kunstreiche Rüstung alles Licht auf sich versammelt. Dieser Vorteil hat sich auf Rembrandts Bild von der Prosektur des Dr. Tulp wieder verloren, hinter der Demonstration des unerschrockenen Forschungsdrangs der neuen Wissenschaft, schaut das archaische Ritual der Zergliederung eines Menschen hervor, die nach wie vor zum Register der zu verhängenden Strafen gehörende Peinigung des Fleisches des Delinquenten bis über den Tod hinaus. Andromeda Lodge steht wieder im Zeichen des siegreichen, lichtvollen Ritters Georg. Die ansonsten unschuldige walisische Haushälterin wird jedesmal, wenn sie ihren schwarzen Hut aufsetzt, um ins Bethaus zu gehen, von den Kakadus mit regelrechtem Haß verfolgt und auf das unflätigste beschimpft. Der Papist Evelyn Fitzpatrick scheint den Unmut Herrn erregt zu haben, so daß der ihn mit der Bechterewschen Krankheit schlug und gleichsam eigenhändig auf sein Zimmer verwies, wo er, den abgewinkelten Oberkörper kaum höher als die Hand, nur Zoll für Zoll leise jammernd an einem eigens angebrachten Geländer vorrücken konnte. Die Seite der Aufklärer wird prominent nicht vom Sezierer Descartes vertreten, sie liegt in besseren Händen bei dem milden, beobachtenden Darwin, der im nahegelegenen, nur fünfzehn Kilometer landeinwärts von Abermaw entfernten Dolgellau an seiner Studie über die Abstammung des Menschen gearbeitet hat, die den Tieren zu ihrem Recht verhalf, indem sie die arrogant behauptete Distanz zum Menschen bis auf einen kaum wahrnehmbare Rest verdampfen ließ, auch wenn man der Kreatur ihr Recht außerhalb des Paradieses bis heute vorenthält.
Im Clan der Fitzpatricks ist in jeder Generation einer der beiden Söhne dem Katholizismus abtrünnig geworden, jetzt ist es der Großonkel Alphonso. Vom Sezieren hat er sich noch weiter entfernt als Darwin, er macht weitläufige Exkursionen und noch lieber sitzt er, hell wie der Ritter Georg, in einem weißen Kittel und mit einem Strohhut irgendwo in der Umgebung auf einem Feldstühlchen und aquarelliert, offenbar in der Nachfolge Turners, eigentlich nur Andeutungen von Bildern, hier ein Felsenhang, dort eine Böschung. Seinen begeisterten Vortrag über die verschiedenen Formen des nichtmenschlichen Lebens und besonders über die Falter und Motten schließt er mit dem Hinweis, es gebe eigentlich keinen Grund, den geringeren Kreaturen ein Seelenleben abzusprechen. Mäuse und Maulwürfe halten sich schlafend, wie man an ihren Augenbewegungen erkennen kann, in einer einzig in ihrem Inneren existierenden Welt auf, und wer weiß, vielleicht träumen auch die Motten oder der Kopfsalat im Garten, wenn er zum Mond hinaufblickt in der Nacht - Fragen, die eher schon über den unserer Gattung zur Verfügung stehenden, beurteilbaren Sinn hinausgehen, ohne die es aber das Paradies nicht geben kann.

Der Ausblick aus dem Zimmer mit dem blauen Plafond grenzte wahrhaftig ans Überwirkliche. Über der ganzen Bucht von Abermaw lag ein gleichmäßiger Glanz, in einem perlgrauen Dunst lösten sämtliche Formen und Farben sich auf, es gab keine Abstufungen mehr, nur noch fließende, vom Licht durchpulste Übergänge, und es ist gerade die Flüchtigkeit dieser Erscheinungen gewesen, aus der so etwas wie ein Gefühl der Ewigkeit entstand. Am Abend dann, als wir hineinblickten in die verdämmernde Welt, fragte Adela: Seht ihr die Wipfel der Palmen und die Karawane, die dort durch die Dünen kommt? – Das Paradies ist nicht auf Dauer angelegt. Die rätselhafte Karawane, die immer wieder Sebalds Texte durchquert, in Paris, in Manchester, in Amerika erscheint auch hier. Was ist ihr Ziel, erreicht sie in Andromeda Lodge die ersehnte Oase, oder bringt sie die Wüste mit sich? Das Medium der Ewigkeit ist das Flüchtige, Austerlitz hatte in Andromeda Lodge nicht bleiben, sondern vergehen wollen. Sebalds immer geschmeidige und auch im Flüchtigen bedachtsame und sorgfältige Prosa aber sichert uns ein Bleiben im Vergehen.

Nachdem die beiden ungleichen Zwillinge Evelyn und Alphonso im Abstand von nur wenigen Tagen verstorben waren, verkauft Adela Andromeda Lodge und geht mit einem Entomologen namens Willoughby nach North Carolina. Ob Willoughby die Forschungen zum Seelenleben der niederen Tiere fortführt oder aber die Tiere zergliedert im modern-archaischen Ritual, erfahren wir nicht. Andromeda Lodge wird mit dem Auftritt des Entomologen ähnlich lakonisch beschlossen wie der kurze Sehnsuchtstraum in Ajaccio mit dem Kauf der Eintrittskarte zum Museum.
Gerald Fitzpatrick hat dann den Beruf des Astrophysikers ergriffen. Mehr noch als der Andromeda- begeistert ihn der Adlernebel, riesige Regionen interstellaren Gases, die sich zu gewitterwolkenartigen, mehrere Lichtjahre in den Weltraum hinausragenden Gebilden zusammenballen und in denen, in einem unter dem Einfluß der Schwerkraft ständig sich intensivierenden Verdichtungsprozeß ständig neue Sterne entstehen, eine wahre Kinderstube von Sternen. Während Gerald versucht, die sinnlose Weite des Universums mit dem anthropomorphen Bild der Kinderstube unserem Sinn zugänglich zu machen, ist sein Studien- und Berufskollege Malachio in Venedig zu den alten metaphysischen Fragen zurückgekehrt. In letzter Zeit habe er viel nachgedacht über die Auferstehung und zumal über den Satz, demzufolge unsere Gebeine und Leiber von den Engeln dereinst übertragen werden in das Gesichtsfeld Ezechiels. Das an sich schon schier unlösbare Problem verschärft sich noch einmal erheblich, wenn man es mit Alphonso Fitzpatricks Überlegungen zum Seelenleben auch der niederen Kreaturen kombiniert. Ohnedies hat Malachio Antworten nicht gefunden, aber es genügen ihm eigentlich auch schon die Fragen.

Montag, 18. November 2013

Psittaciformes

Ornithologische Metaphysik

Tatsächlich, so Sebald, habe er seine Art zu schreiben dem Hund abgeschaut, wie er, allein dem Rat der Nase folgend, über das Feld läuft. Er durchquert das Areal auf eine Weise, die sich jeder Planung entzieht und findet doch immer, wonach er sucht. Was aber sucht der Hund? Sucht er etwas Bestimmtes, etwas Allgemeines oder das, was sich im Augenblick aufdrängt? Folgt er weiter der Spur des Hasen, wenn er auf die überlegene Spur eines Wildschweins stößt, und was, wenn anstelle des Beutetiers ein übler Feind vor ihm auftaucht, ein Fuchs, ein Dachs oder gar der Hund des Nachbarn.

Sebalds Werk hat eine Unmenge von Spuren, die den Hund verwirren können. Da sind Hasen und Schweine, ungezählte Insekten, vereinzelt gibt es unter den Hunden begeisterte Fliegenschnäpper. Was die kaum weniger zahlreichen Vögel anbelangt, so hat der ausgewachsene Hund mit hinreichendem Intelligenzquotienten allerdings begriffen, daß sie für ihn unerreichbar sind, und wenn er sie jagt, dann nur aus Langeweile, just for the hell of it, ohne Erfolgserwartung. Bei den Fischen, den Heringen und Makrelen aber müssen wir den Hund verlassen und uns, um sie einzubeziehen, dem kynisch veranlagten Dichter zuwenden.

In Prag trifft Austerlitz bei seiner Spurensuche, bevor er noch einem Menschen begegnet, im Traum auf einen Papagei. Der gesuchte Volksstamm der Azteken sei leider vor vielen Jahren schon ausgestorben, heißt es, höchstens daß hie und da noch ein alter Papagei überlebe, der noch etliche Worte ihrer Sprache versteht; Papageien sind dafür bekannt, daß sie jedwede Menschensprache wie im Flug erlernen, mit gewissen Defiziten auf der Verständnisseite. Wie nicht anders zu erwarten, bildet der Traum die Realität nicht korrekt nach, die Azteken sind im engeren Sinne nicht ausgestorben, und die verschiedenen Dialekte des Nahuatl werden auch heute noch von vielen Menschen und nicht ausschließlich von Papageien gesprochen. Austerlitz, das ist der Hintergrund des Traums, hat, wie er glaubt, die tschechische Sprache verloren und muß befürchten, daß die Menschen, die er in der Tschechei sucht, nicht mehr leben.

Dem Spürhund fällt es nicht schwer, den Traumpapagei zurückzuverfolgen im Buch, es dürfte sich um Jaco handeln, den Aschgrauen Papagei, Psittacus erithacus L., wie die Aufschrift auf seinem grünen Pappdeckelsarkophag zu verstehen gibt. Zu Lebzeiten hatte Jaco nur eine Unsitte, wenn man ihm nicht genug Aprikosenkerne und harte Nüsse zu knacken gab, ging er mißgelaunt umher und zernagte überall die Möbel. Daß man ihn gewähren ließ und dann nach dem Tod auch noch ehrenhaft verwahrte, ist ein deutliches Zeichen für das, sofern man vom Onkel Evelyn absieht, aufgeschlossene und liberale Klima in Andromeda Lodge.
Das Exotische in Andromeda Lodge aber waren in erster Linie die weißgefiederten Kakadus, die bis zu einem Umkreis von zwei, drei Meilen überall um das Haus herumflogen und aus den Gebüschen herausriefen. Aber nicht nur in der Sprechfähigkeit ähnelte die gefiederte Population auf eine, je nach Einstellung des Betrachters, beglückende oder erschreckende Weise den Menschen. Wenn sie nicht flogen oder kletterten, hüpften sie über den Boden dahin, immer geschäftig und, so hatte man den Eindruck, immer auf irgend etwas bedacht. Man hörte sie seufzen, niesen, lachen und gähnen. Auch wie sie sich in andauernd wechselnden Gruppen zusammenrotteten und dann wieder paarweise beieinander saßen, als kennten sie nichts als die Eintracht und seien auf ewig unzertrennlich, war ein Spiegel der menschlichen Sozietät. Auf einer Lichtung hatten sie sogar ihren eigenen, wenn auch nicht von ihnen selber verwalteten Friedhof mit einer langen Reihe von Gräbern. - Unwillkürlich hält man in der Nähe der Gräber zur Vervollständigung des gewohnten Bildes Ausschau nach einem Kakadukirchturm. Den verschiednen Formen des Totenkults geht Sebald nach, wo immer sich die Möglichkeit eröffnet, im walisischen Bala, auf Korsika, bei der Lektüre Thomas Brownes. Ganz ähnlich wie die toten Kakadus in Andromeda Lodge verwahrt Austerlitz später die verblichenen Motten in kleinen Bakelitschächtelchen. Aus dem Fenster seiner Wohnung sah man hinter einer Ziegelmauer einen von Lindenbäumen und Fliederbüschen bewachsener Platz, auf dem man seit dem 18. Jahrhundert Mitglieder der aschkenasischen Gemeinde beigesetzt hatte, unter anderem den Rabbi David Tevele Schiff und den Rabbi Samuel Falk, den Baal Schem von London. Von diesem Platz, so ist zu vermuten, waren die Motten ins Haus geflogen. Mythologisch Vorstellungen von den Seelen, die als Schmetterlinge aus den toten Körpern ausfahren drängen sich auf. Wenn aber der Tod der Beginn der Metaphysik ist, warum soll man sie dann den Tieren vorenthalten, indem man ihnen nur metaphorischen Zutritt gewährt, ihnen, die nicht weniger sterblich sind als wir, und deren Lebensspanne oft noch beträchtlich kürzer ist als die unsere, ganz abgesehen von den Abermilliarden, die wir hinmeucheln vor der Zeit.
Sebald ist nicht der erste, der auf die metaphysische Tauglichkeit des Papageis aufmerksam geworden ist. Nach Korsika hat Selysses einen Band der Bibliothèque de la Pléiade mitgenommen, der unter anderem Flauberts Erzählung Un cœur simple enthält. Die zweite Hälfte der Geschichte steht ganz im Zeichen des Papageis Loulou, der seine hohe Form und Verklärung erst nach dem Tod als Mumie erfährt. Félicité, die Frau mit dem schlichten Herzens, ist unberührt von jeder Schulbildung und religiösen Erziehung, und als sie eine verspätete Einführung in die Geheimnisse der Christenlehre erfährt, findet sie sich doch nie ganz zurecht in der christlichen Ordnung der Dinge und insbesondere nicht in der schwierigen Sache der heiligen Trinität. Von dem in ihrem Zimmer hängenden Bild des heiligen Geists schaut sie immer auch ein wenig hinüber zu ihrem über alles geliebten Papagei. Elle contracta l’habitude idolâtre de dire ses oraisons agenouillée devant le perroquet. Sie ist überzeugt, daß der Herr, um sich der Mutter Gottes zu verkündigen, nicht eine einfache weiße Taube geschickt hatte, sondern einen der schönen Vorfahren Loulous, und in der Stunde ihres Todes sieht sie hoch über sich einen gigantischen Papagei seine Kreise ziehen in dem zur Hälfte schon geöffneten Himmel. - Loulous sterbliche Hülle hat dann ihren Weg auf Flauberts Schreibtisch gefunden, Julian Barnes ist den Einzelheiten nachgegangen.

Sebald hat einigen Motiven des aufgegebenen Korsikaprojektes Logis im Austerlitzbuch gewährt, darunter dem der Psittaciformes. Seine Nachdichtung der Erzählung Flauberts ist eigentlich die schönere Geschichte, jedenfalls ist sie von mehr Mitgefühl und Nähe getragen als das Original, vielleicht kein Maßstab, denn Flaubert hatte aus schriftstellerischer Überzeugung sichtbare Zeichen von Empathie immer vermieden. So gern Selysses Janine Rosalind Dakyns’ begeisterten Flaubertvorträgen lauscht, ihre Begeisterung für den normannischen Dichter teilt er wohl nur eingeschränkt, mit der Éducation sentimentale jedenfalls hat er sich ziemlich geplagt. In Austerlitz macht sich Sebald das Papageienmotiv dann ganz zu eigen, löst den Papagei nicht nur aus Flauberts Erzählung, sondern befreit ihn auch vom blasphemischen Dienst innerhalb der hochartikulierten christlichen Metaphysik. Stattdessen verleiht er den Kakadus mit dem Gräberfeld sozusagen eine metaphysische Grundausstattung, wie weit sie sie nutzen konnten, wie weit sie zum Nachdenken über dem Tod angeregt wurden, wissen wir nicht. Bei Elephanten und anderen höheren Säugetieren glaubt man, Spuren eines durch den Tod der Stammesangehörigen verursachten metaphysischen Schocks ausgemacht zu haben. Malachio, der venezianische Astrophysiker, merkt an, er habe in letzter Zeit viel nachgedacht über die Auferstehung und zumal über den Satz, demzufolge unsere Gebeine und Leiber von den Engeln dereinst übertragen werden in das Gesichtsfeld Ezechiels, und ein weites Feld lag voller Totengebein, und des Gebeins lag sehr viel auf dem Feld, sie waren sehr verdorrt. Schon mit den menschlichen Gebeinen scheint der Herr vor kaum lösbare Aufgaben gestellt, was aber, wenn die der Psittaciformes noch hinzukommen, und mit ihnen könnte es ja kein Bewenden haben. Antworten, so Malachio, habe er nicht gefunden, aber es genügten ihm eigentlich auch schon die Fragen.