Mittwoch, 31. August 2011

Kommentar Deauville

Kafkas Reisetagebücher sind voller scharfgestochener Zeichnungen von Mitreisenden, schmale Körper, ohne die Vorbereitung der Arme und Schultern, bei Sebald sind die Mitreisenden, neben den Empfangsdamen, ein unverzichtbarer Teil seiner Prosapopulation. Hier hat Selysses es gleichzeitig mit zwei sehr unterschiedlichen Damen zu tun. Mit der einen, jung, schmal, jüdisches Aussehen und auch wieder nicht, würde er gern ins Gespräch kommen, kann seine Hemmung aber nicht überwinden. Die andere, dick, groß, gefiedert und Zigarre rauchend, fordert ihrerseits ihn mit Blicken heraus. Gern würde er, um seiner Verlegenheit zu entkommen, ein unverbindliches Wort mit ihr wechseln, bleibt aber dumm und stumm. Sichtlich erleichtert entkommt er am Zielort Deauville der insgesamt bedrückenden Lage im Einspänner, hin zu neuen Abenteuern.
Deauville

Dienstag, 30. August 2011

Deauville

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Schon als ich zustieg, saß da die junge Italienerin mit sonst jüdischem Gesicht, das sich im Profil ins Unjüdische verschiebt. Wie sie aufstand und die Hände zur Brüstung vorstreckte, und nur der schmale Körper zu sehen war, ohne die Vorbereitung der Arme und Schultern. Wie sie sich mit beiden Händen festhielt im Zugswind wie an einem Baum. Sie las eine Detektivbrochure und sah mich öfters an, aus Neugierde, ob ich mit meinem lästigen Hinsehn nicht doch endlich aufhören möchte. Er nimmt an, daß sie über den stummen Herrn zu ihrer Rechten, der immer wieder verstohlen hinblickt zu ihr, also über ihn, unglücklich sei. Ihr Kleid aus Rohseide. Im Compartment saß obendrein, dick, groß, duftend, eine gefiederte Dame mit einer Menge verschiedener Hutschachteln. Ihr Parfum verteilte sie mit dem Fächer in der Luft, ihr vieles Fleisch hielt es im Fuß nicht aus und stieg gleich hinter den Zehen in die Höhe, ich fühlte mich neben ihr eintrocknen. Zu allem Überfluß rauchte sie eine große Brasilzigarre und sah durch den, naturgemäß vom Fächer verwirbelten blauen Qualm manchmal auffordernd zu mir herüber. Ich wußte aber nicht, wie ich sie ansprechen sollte, und starrte in meiner Verlegenheit fortwährend auf die weißen Glacéhandschuhe mit den vielen Knöpfen, die neben ihr auf dem Sitzpolster lagen. In Deauville angekommen, nahm ich einen Einspänner zum Hotel des Roches Noires.

Montag, 29. August 2011

Kommentar Va banque

Was die verrufenen Orte anbelangt, so spricht einiges dafür, daß Kafka sich in den Bordellen besser auskannte, Sebald dagegen in den Billardcafés und Spielsälen. Kafka vermittelt denn auch nur Grundbegriffe des Spiels, die er womöglich selbst gerade erst erlernt hat, faites votre jeu – marquez le jeu – les jeux sont faits - sont marqués rien ne va plus. Eingangs hatte Sebald die Stimmung im Spielsaal als funestre gekennzeichnet, ganze Vermögen, Familienbesitze, Liegenschaften und Lebenswerke werden hier innerhalb weniger Stunden vertan. Nach Kafkas Grundbelehrung läßt er dann seinen mystischen Spieler, ausschließlich mit dem schwarzen Vokal im Namen, cOsmO sOlOmOn, Csm Slmn, am Spieltisch Platz nehmen. Der wahre Spieler läßt sich auf ein risikoreiches Spiel ein, in dem mit einer falschen Bewegung alles vertan ist. Er ist ein Heiliger des ausgebrannten Himmels, nur die Zahlen haben ihren Umriß bewahrt in der Asche. Der Verlust ist ihm vielleicht der bevorzugte Ausgang, die Lust des Verlustes, die Sehnsucht nach Entsagung. Schon Kafka, der Anfänger hatte den Verlust wird als eine zu schwache Verlockung zum Weiterspielen empfunden. Wenn der Spieler aber aus seiner mystischen Versenkung heraus unendlich gewinnt, ist er dem Gott des Nichts für einen Augenblick nah.

Va banque

Sonntag, 28. August 2011

Va banque

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Nur Herren im Smoking hatten Zutritt zu dem privé, in welchem stets eine sehr funestre Stimmung herrschte, kaum verwunderlich, wenn man bedenkt, daß nicht selten ganze Vermögen, Familienbesitze, Liegenschaften und Lebenswerke innerhalb weniger Stunden vertan wurden. An jedem Tisch ein Ausrufer in der Mitte mit zwei Wächtern nach beiden Seiten hin. Ein Tisch mit Kugel, einer mit Pferdchen. Croupiers in Kaiserrock. Messieurs faites votre jeu – marquez le jeu – les jeux sont faits - sont marqués rien ne va plus. Croupiers mit vernickelten Rechen an Holzstangen. Was sie damit können: Ziehn das Geld auf die richtigen Felder, sondern es, ziehn Geld an sich, fangen von ihnen auf die Gewinnfelder geworfenes Geld auf. Einfluß der verschiedenen Croupiers auf die Gewinnchancen oder besser der Croupiers, bei denen man gewinnt, gefällt einem. Aufregung vor dem gemeinsamen Entschluß zu spielen, man fühlt sich im Saal allein. Das Geld verschwindet auf einer sanft geneigten Ebene. Der Verlust wird als eine zu schwache Verlockung zum Weiterspielen empfunden, aber doch als Verlockung. Wut über alles. Ausdehnung des Tags durch dieses Spiel. Der da gegenüber wird sich ganz anders fühlen, man weiß nicht wie, sicher noch viel einsamer, seul comme Franz Kafka, besessen wie Dostojewski. Nein, nicht besessen. In einer Art Selbstversenkung versucht er, die inmitten einer sonst undurchdringlichen Nebelhaftigkeit jeweils nur für den Bruchteil eines Augenblicks auftauchende Ziffer zu erkennen, um sie dann ohne das geringste Zögern, gewissermaßen im Traum noch, entweder en plein oder à cheval zu setzen. Mit halbgeschlossenen Augen setzte er Mal für Mal auf das richtige Feld. An zwei Abenden hintereinander mußten die Emissäre der von ihm ausgeräumten Bank neues Geld herbeischaffen, und am dritten Abend fiel ihm dann durch ein Spiel mit offener Bank ein dermaßen hoher Gewinn zu, daß sein Diener bis ins Morgengrauen hinein mit dem Zählen und Verstauen des Geldes in einem Überseekoffer zu schaffen hatte.

Freitag, 26. August 2011

Kommentar Schöne Schweiz

Ich weiß nicht, was die Leute wollen, sagt Thomas Bernhard, soll ich mich denn hinsetzen und schreiben, Salzburg, ist schön, das weiß doch eh jeder. Bernhard leugnet die Schönheit nicht, verweigert aber die offene literarische Annäherung, die vollkommene Schönheit aus der vollkommenen Häßlichkeit, mit diesen Worten bestimmt er irgendwo in der Verstörung sein Ideal. Sebald bekennt sich wie kaum ein anderer Dichter der Gegenwart offen zur Schönheit, seine Satzzeichnungen sind immer und an jeder Stelle schön, zweifellos nicht gegen den Willen des Autors. Immer wieder wendet er sich den schönheitstrunkenen Malern der Renaissance zu: Die Engel selbst aber hatten die Brauen im Schmerz so sehr zusammengezogen, daß man hätte meinen können, sie hätten die Augen verbunden. Und sind nicht, dachte ich mir, die weißen Flügel mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde das weitaus Wunderbarste von allem, was wir uns jemals haben ausdenken können? Gerade Leid und Schmerz verlangen nach Schönheit als einzigem Ausweg und werden von ihr keineswegs verdeckt. Das wird umso deutlicher, wenn die Aufmerksamkeit sich auf Grünewald richtet: Der ruhig auf seinem Podest stehende Heilige Antonius der ersten Schauseite des Altars des Antoniterklosters in Isenheim bleibt unberücksichtigt, nicht zu reden vom Engelskonzert der zweiten Schauseite, und auf der dritten Seite zieht nicht so der vor einer zerrissenen Landschaft gesetzte, aber doch in davon unberührter, maßvoller Unterhaltung mit dem Eremiten Paulus abgebildete Antonius auf der linken Tafel die Aufmerksamkeit des Dichters auf sich, als vielmehr der schlimmen Peinigungen ausgesetzte Heilige auf der rechten Tafel. Unbeirrt schön bleibt aber die verbale Nachzeichnung der Bilder. Was nun die Schweiz anbelangt, so läßt sich Selysses weder von seiner Niedergeschlagenheit beirren noch von der trivialisierten Überzeugung von der Schönheit des Landes, sondern übertrumpft das Plebiszit mit der Mitteilung, die Schweiz sei tatsächlich zum Erstaunen schön. Kafka wird mit der Aufgabe betraut, den Nachweis zu führen, mancher mag zweifeln, ob das eine gute Wahl war. Seine Eindrücke der Außenwelt sind gewohnt knapp, prägnante Sekundenbilder im Vorbeifahren. Es beginnt in der Nacht, auch er erwähnt die innere Dämmerung des Selysses, aus der heraus er die äußere anschaut. Eine in der Nacht beleuchtete Villa, Telegraphenstangen, eher schwache Zeugen für die Schönheit der Schweiz, dann aber, beeindruckend, das Erbleichen der Matten bei aufsteigender Sonne. An einer Stelle fragt man sich, ob das Tagebuchmanuskript richtig entziffert wurde, ist es die Armut des Fensterschmucks, oder vielleicht doch eher seine Anmut, ein Wort nahe bei dem der Schönheit. Wie auch immer, Selysses ist nicht ganz zufrieden mit Kafkas Schönheitsnachweisen. In Gestalt des Malers Aurach besteigt er den Grammont, um einen großartigen Blick auf das Schweizer Land zu gewinnen. Tief unten liegt der See in ungetrübtem Frieden, die Artefakte der Menschen geschrumpft auf Spielzeuggröße, die Menschen verschwunden, eine Szenerie, die Sebald so sehr liebt, wie sie Kafka fremd ist.

Schöne Schweiz

Schöne Schweiz

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Die mit der zurückliegenden Zeit verbundenen Bilder und Ereignisse sind mir während der Fahrt durch die tatsächlich zum Erstaunen schöne Schweiz wieder in den Sinn gekommen. Beim Anblick einer Brücke verschaffte ich mir den ersten starken Eindruck von dem Land, trotzdem ich sie schon lange aus innerer in äußere Dämmerung anschaue. Der Eindruck aufrechter, selbständiger Häuser ohne Gassenbildung, ein Mann in einer beleuchteten Villa, der um zwei Uhr in der Nacht auf der Veranda über das Geländer beugt, die Tür ins Schreibzimmer ist geöffnet. Die schon wachen Rinder in der schlafenden Schweiz. Telegraphenstangen Querschnitt von Kleiderhaken. Erbleichen der Matten bei aufsteigender Sonne. Erinnerung an das strafhausähnliche Stationsgebäude, dessen Aufschrift in biblischem Ernst ausgeführt ist. Fensterschmuck scheint trotz seiner Armut gegen Vorschriften zu verstoßen. In zwei weit auseinander liegenden Fenstern des großen Hauses stehn vom Wind bewegt dort ein großes hier ein kleines Bäumchen. Von den weiter zurückreichenden Erinnerungen aber ging, wie sich dann während meines Aufenthalts im Palace erwies, eine eigentümliche Bedrohung aus, die mich schließlich veranlaßte, mein Zimmer zu versperren, die Jalousien herunterzulassen und stundenlang auf dem Bett liegen zu bleiben. Nach Ablauf von etwa einer Woche kam ich irgendwie auf den Gedanken, daß allein die Wirklichkeit draußen mich retten könne. Ohngeachtet meines inzwischen recht angegriffenen Zustands machte ich mich auf, den Grammont zu besteigen. Von dort oben sah ich die Genfer Seenlandschaft vor mir, reglos bis auf die wenigen auf dem tiefblauen Wasser drunten mit der unglaublichsten Langsamkeit ihre weiße Spur ziehenden winzigen Schiffchen und bis auf die am jenseitigen Ufer in gewissen Abständen hin- und herfahrenden Eisenbahnzüge.

Donnerstag, 25. August 2011

Kommentar Grillparzer


Kafka empfindet Sympathie für Grillparzer, heißt es. Wir haben Mühe, uns in das Sympathiegeflecht der vergangenen Zeit einzufühlen, da unsere Gegenwartsfavoriten naturgemäß in ihm nicht auftreten. Unbeschwert treffen wir uns alle bei Homer, Platon, oder bei den Evangelisten, hier sind die Differenzen der kurzen Zeitabstände zwischen uns und unseren Großeltern unwirksam. Der gleiche Abstand zu allen aus der Tiefe der Zeit ist nicht der geringste Vorzug der Alten, aber von all dem ist hier gar nicht die Rede. Zu Kafkas Zeit mußte man auf Radio und Fernsehen noch verzichten, und das Theater war konkurrenzlos. Kafka war gewohnheitsmäßiger Theatergänger, aber nicht ohne Zurückhaltung gegenüber der Bühnenkunst. Zwar bleiben ihm die Schrecken des modernen Regietheaters erspart, das Entsetzen, das Selysses in Bregenz erfaßt, als die Juden der Vorzeit ihr Sehnsuchtslied nach dem Willen des Spielleiters in gestreiften KZ-Anzügen anstimmen, aber auch so vermerkt er die Aufdringlichkeit des Theaters, die zu guten, zu lauten Schauspieler. Kafka tritt dann gleichwohl in die Analyse des Grillparzerstückes ein, dessen Exposition ihm durchaus zusagt. Vom dritten Akt ab aber notiert er Niedergang. Wir nehmen das hin und sinnen nach über den rätselhaften Ausdrucks als sei ein Feind dahinter her.

Sieht Grillparzer

Freitag, 12. August 2011

Sieht Grillparzer

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Er mietete sich in Wien im Hotel Matschakerhof ein, aus Sympathie für Grillparzer, der dort immer zu Mittag gegessen hat. Eine pietätvolle Geste, die sich leider als unwirksam erwies. Die meiste Zeit war es ihm äußerst unwohl. Er litt an Bedrücktheit und Sehstörungen. Obwohl er absagte, wo er nur konnte, war er, wie es ihm schien, fortwährend mit schrecklich vielen Leuten beisammen. Er saß dann als Gespenst mit am Tisch, hatte arge Platzangst und glaubte sich von jedem Blick, der ihn streift, durchschaut. Neben ihm, auf Tuchfühlung gewissermaßen, Grillparzer, bereits 1872 verstorben, jetzt hundertzweiundzwanzig Jahre alt und, wen kann es wundern, nahezu restlos vergreist. Er machte ungute Faxen und legte ihm einmal sogar die Hand aufs Knie. Abends im Theater dreimal immer ausverkauft: Des Meeres und der Liebe Wellen. Mit seiner Karte war er, bis die letzten Besucher in den Eingängen verschwunden waren, unschlüssig auf dem Vorplatz herumgestanden, unschlüssig, weil es ihm mit jedem vergehenden Jahr unmöglicher wird, sich unter ein Publikum zu mischen, unschlüssig, weil er die allzu guten Schauspieler, die zu viel Lärm machen, nicht sehen wollte. Und dann ist er doch auf dem Balkon gesessen, hatte mehrmals Tränen in den Augen, so beim Schluß des ersten Aktes, als die Augen Heros und Leanders voneinander nicht los konnten. Hero tritt aus der Tempeltür, durch die man etwas sah, was nichts anderes als ein Eiskasten sein konnte. Im zweiten Akt wie in den früheren Prachtausgaben, er ging ans Herz, Lianen schlingen sich von Baum zu Baum. Alles moosig und dunkelgrün. Vom dritten Akt ab Niedergang des Stückes, als sei ein Feind dahinter her.

Donnerstag, 11. August 2011

Kommentar Teólogos

Eine Mitarbeit Kafkas bei diesem Schattenstück ist nicht zu erkennen, nirgends eine Spur in seinen Werken und Aufzeichnungen, und wenn der Titel auf Borges verweist, so ist das nichts als eine Finte. Offenbar hat Selysses sich mit einem obskuren Autor zusammengetan, den wir aber nicht seiner bloßen Obskurität wegen geringschätzen dürfen. - Nicht selten begegnet Selysses diversen Mitmenschen mit offener Abneigung, man denke nur an den Brotzeiter im Zug nach Kissingen, hier sind es die sich am frühen Abend im Pub entspannenden Arbeiter aus den Goldminen der City, Investmentbanker im normalen Sprachgebrauch, jung und alert. Plötzlich erscheint vor Selysses innerem Auge ihr unheiliger Hintergrund, es sind die Auguren des leergefegten Himmels, hilflose Interpreten des Waltens der Systeme, deren Gestalt ein zu recht ungnädiger Gott angenommen hat. Selysses’ vertraute Heilige sind verschwunden. Der heilige Georg freilich, sein Namensvetter, hatte sich schon bei Grünewald angeschickt, das mittelalterliche Tableau zu verlassen, um sich bei Pisanello als Heiliger von herzbewegender Weltlichkeit zu bewähren, schutzlos Nacken und Hals preisgegeben, dem heiligen Antonius im tiefroten Kapuzenkleid und weitem erdbraunen Umhang gleichwohl gewachsen. Seine Nachfolger haben die Gestalt, das Aussehen und die Attribute Wittgensteins, daß sie am Rande des Geschehens sitzen, ist unumgänglich.
Los Teólogos

Mittwoch, 10. August 2011

Kommentar Polizeiposten

In der Darstellung des Selysses hört es sich so an, als seien Luciana und er mit großem Schwung die steilen Gassen hinauf ohne Verzug zum Polizeiposten gelangt, Kafka aber stellt klar: sie haben sich zu ihrem Ziel mühsam durchfragen müssen. Des weiteren verändert Kafka das Bild dahingehend, daß wir nicht nur einen Brigadiere, sondern eine Vielzahl von Polizeileuten sehen, in neuen, schönen und farbigen Uniformen, die sie im Außendienst gewöhnlich unter dunklen Mänteln verbergen. Sie ruhen sich auf verschiedene Art aus, darüber und auch über den Grund ihrer Erschöpfung wüßte man gern mehr. Fasziniert verliert Selysses sich ganz an die schöne Theatralik der Amtshandlung in diesem südlichen Land und gerät so in das Schwindelgefühl, das ihn glauben läßt, eine Trauung habe stattgefunden. Wenn das auch sicher unzutreffend ist – auf einem Polizeiposten finden keine Trauungen statt – können wir doch nur raten, welcher Art von Dokument mit demonstrativen Schwung aus der Walze gerissen wird. Nicht auszuschließen, daß es sich um ein notwendiges Dokument im Vorfeld einer Trauung handelt, ein Leumundszeugnis oder ein Ersatzpapier für einen verlorengegangenen Ausweis.

Polizeiposten

Dienstag, 9. August 2011

Los Teólogos

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Quizá detrás de la moneda esté Dios

Den Kopf an die Wand gelehnt und ab und zu langsam durchatmend, wenn die Übelkeit in mir aufstieg, hatte ich einige Zeit schon die Arbeiter aus den Goldminen der City beobachtet, die sich zu dieser frühen Abendstunde hier, an ihrem gewohnten Trinkplatz, einfanden, alle einander ähnlich, in ihren nachtblauen Anzügen, gestreiften Hemdbrüsten und grellfarbenen Krawatten, und hatte versucht, die rätselhaften Gewohnheiten dieser in keinem Bestiarium beschriebenen Tierart zu begreifen, ihr enges Beieinanderstehen, ihr halb geselliges, halb aggressives Gehabe, das Freigeben der Gurgel beim Leeren der Gläser, das immer aufgeregter werdende Stimmengewirr, das plötzliche Davonstürzen des einen oder anderen. Sind das am Ende die Priester der letzten Transzendenz, ging mir durch den Kopf, Theologen des Geldes, dessen Wege wir schon lange nicht mehr verstehen, Auguren eines Jenseits, bei dem Himmel und Hölle nicht unterscheidbar sind, der Satan nicht vom Herrgott. Ist unserem Herrn vielleicht ein böser Kunstgriff unterlaufen, als er seinen Sohn schickte, uns zu erlösen, oder aber haben wir ihn gründlich mißverstanden, als wir übermütig folgerten, durch den Gebrauch der Vernunft könnten wir heraustreten aus vermeintlicher Unmündigkeit. Seinerzeit, so heißt es, konnte man sich noch entscheiden zwischen dem Mammon und Gott, nun zeigt sich der aufgebrachte Gott selbst als der Mammon und zeigt uns die Grenzen unseres Tuns. Gott selbst hat, nachdem wir ihn seines Prachtgewandes beraubt haben, in seinem Zorn das Gewand des Mammons angelegt. Sind die Paläste der Deuter des Geldes nicht inzwischen weitaus höher und gediegener als die größten Kathedralen. Kein Grünewald aber wäre bereit, sie auszumalen. Geht die Bereicherung der Exegeten des Geldumlaufs nicht weit über das hinaus, was einer Priesterkaste bislang je eingefallen wäre. Kein Heiliger aber ist mehr bereit für uns einzutreten, nicht die drei Nothelferinnen Barbara, Katharina und Margarethe und nicht Blasius, Achaz und Eustach, Pantaleon, Aegidius, Cyriax, Christophorus oder der wirklich schöne heilige Veit mit dem Hahn, der heilige Georg schließlich, schon seit längerem bereit, über die Schwelle des Rahmens zu treten. Als ich aufschreckte aus meinen reichlich wirren Gedanken, bemerkte ich am Rand der schwankenden, fast schon tanzenden Horde der Schamanen einen vereinzelten, Ludwig Wittgenstein auffällig ähnlichen Menschen, mit dem gleichen entsetzten Ausdruck im Gesicht und einem Rucksack an seiner Seite, wie ihn auch Wittgenstein ständig dabeihatte, in Puchberg und Otterthal geradeso wie wenn er nach Norwegen fuhr oder nach Irland oder nach Kasachstan oder zu den Schwestern nach Hause, um das Weihnachtsfest in der Alleegasse zu feiern. Am Rande, dachte ich, am Rande, wo sonst könnte man sich noch aufhalten ehrlichen Herzens. 

Montag, 8. August 2011

Polizeiposten

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Eh ich es mich versah, saß ich neben Luciana in dem gelben Alfa und fuhren wir die steilen Gassen bis an die Hauptsstraße hinauf, wo der Polizeiposten etwas zurückgesetzt hinter einem hohen, in ein Betonfundament eingelassenen Eisenzaun lag. Es so darstellen heiß allerdings, die Dinge im Zeitraffer darstellen, denn Luciana hatte nur eine sehr ungenaue Vorstellung davon, wo der Posten zu suchen sei. Ein erster Passant, den wir fragten, wußte zwar den Namen der Straße zu sagen vermochte aber nicht die genauere Richtung anzugeben, und der zweite wußte weder das eine noch das andere. Sie erklärten es damit, daß sie erst seit kurzem in der Stadt wohnten. Schließlich traten wir ein in die Wachstube, wo genug Polizeileute auf verschiedene Art sich ausruhten, alle in Uniformen, deren Schönheit, Neuheit und Farbigkeit überraschte, da man sonst überall auf der Gasse nur die dunklen Mäntel sieht. Der Brigadiere Dalmazio Orgiu, der eine riesige Rolexuhr am linken und ein schweres Goldarmband am rechten Handgelenk trug, hörte sich unsere Geschichte an, setzte sich an eine altmodische, überdimensionale Schreibmaschine mit einem fast einen Meter breiten Wagen, spannte einen Bogen ein und verfertigte ohne das geringste Zögern das als notwendig angesehene Dokument, das er dann mit einem demonstrativen Schwung aus der Walze riß und zuerst mir, der ich diesem Akt der Amtswaltung sprachlos gefolgt war, und dann Luciana zur Unterschrift vorlegte, ehe er selbst es unterzeichnete und, zur Vervollständigung des Werks, mit einem rechteckigen und einem runden Stempel versah. Als ich, diese Bescheinigung in der Hand, mit Luciana wieder im Auto saß, war es mir, als seien wir von dem Brigadiere getraut worden und könnten nun miteinander hinfahren, wo wir wollten.

Sonntag, 7. August 2011

Kommentar Unrast

Viele Romane sind geschrieben worden über die wechselseitigen Vorteile von Stadt und Land. In der Literatur hat das Dorf gesiegt, in der Wirklichkeit die Stadt. In einer apokalyptisch eingefärbten Szene, bei aufkommenden Sturm, schaut Selysses, offenbar von einem Turm auf die unten hastenden Gestalten. Kafka schaltet sich als nüchterner Beobachter ein. Die Stadtbewohner hasten nicht nur getrieben vom Wind und drohendem Unwetter, sie hasten bei jeder Gelegenheit, obwohl sie es eigentlich gar nicht nötig hätten. Für längere Strecken können sie die Straßenbahn benutzen, auf kurzen Strecken, im Innenstadtbereich, gemächlich gehen, die Plätze, die es zu überqueren gilt, sind ja nur klein. Selysses hat die Lösung des Rätsels, sie besteht in einer vollkommenen Tautologie: Es sind Städter, die dort hasten in der Stadt, die Hast ist ihr Wesen.
Städtische Unrast

Städtische Unrast

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Im Westen stand eine ungeheure Wolkenwand, die bereits den halben Himmel einnahm und ihren Schatten breitete über das anscheinend endlose Häusermeer. Ein starker Wind erhob sich, und ich mußte mich einhalten, um hinabschauen zu können, wo die Menschen sich in seltsamer Neigung über den Platz bewegten, als stürze ein jeder einzelne von ihnen seinem Ende entgegen. Laufet eilends vor dem Wind, ging es mit durch den Kopf. Über die eigentliche Absicht aber von Personen, die am Abend in einer Stadt rasch gehn, ist man ganz im unklaren. Wohnen sie außerhalb, dann müssen sie doch die Elektrische benützen, weil die Entfernungen zu groß sind. Wohnen sie aber im inneren Stadtbereich, dann gibt es ja wieder keine Entfernungen und keinen Grund zum schnellen Gehn. Und doch kreuzen Leute mit gestreckten Beinen diesen Ringplatz, der für eine Kleinstadt nicht zu groß wäre und dessen Rathaus durch seine unvermittelte Größe ihn noch kleiner macht (mit seinem Schatten kann es ihn reichlich bedecken), während man von dem kleinen Platze aus der Größe des Rathauses nicht recht glauben will und den ersten Eindruck seiner Größe mit der Kleinheit des Platzes erklären möchte. Schließlich kam mir der so rettende wie unsinnige Gedanke, daß es sich bei den dort unten kreuz und quer über das Pflaster hastenden Gestalten um nichts anderes handeln könnte als um lauter Städter und Städterinnen.

Samstag, 6. August 2011

Kommentar Parklandschaften

Der Mensch hat die Erde auf dem Gelände des Gartens Eden betreten, den man sich am besten als großzügigen Landschaftspark vorstellt. Leider wurde er schon in der ersten Generation aus dieser ihm mehr als genehmen Umgebung vertrieben, aus Gründen, die auch später nicht befriedigend geklärt werden konnten. Das Bild des Gartens hat er als Traum- und Wunschbild nicht aus den Augen verloren und vieltausendfach auf den unterschiedlichsten Niveaustufen ins Werk gesetzt, in der Wirklichkeit wie in der Kunst. Der Garten steht für einen gerechten Ausgleich zwischen dem, was der Mensch glaubt, erwarten zu können von der Welt und dem, was er ihr zu geben bereit ist. Wie Sebald es mehrfach getan hat, setzt auch Kafka als betontes Zentrum des Gartenfriedens zwei Wasservögel auf einen Teich. Ferner belebt er nach der Art impressionistischer Maler das Gartenareal durch zwei Mädchengestalten, denen er absichts- und folgenlos in einigem Abstand nachgeht. Wieder aber scheint eine Gottheit unzufrieden mit dem Gartenleben und vernichtet in einem Strafgericht, durch Krankheit und durch Sturm, die Baumbestände. Vom niedrigen Holz gar nicht zu reden, das klingt wie Rabelais, der bei der Nennung exorbitanter Opferzahlen, etwa in den Sturzfluten von Gargantuas gewaltigem Wasserabschlag, immer wieder betont, Frauen und Kinder seien noch nicht einmal mitgezählt, ein Zeilenschluß, den wir heutzutage naturgemäß unter keinen Umständen mehr durchgehen lassen können.
Parklandschaften

Freitag, 5. August 2011

Kommentar Bücherkauf

Selysses verwendet in fremden Städten große Sorgfalt auf die Wahl der Lokale, in die er einkehrt, es nützt nichts, meist endet die Suche mit einem Fiasko und er verzehrt schließlich in trostloser Umgebung und unter Unbehagen ein ihm in keiner Weise zusagendes Gericht. Kafka macht geltend, daß der Kauf eines Buches kaum weniger Sorgfalt erfordert als das bestellen einer Mahlzeit. Dem wahren Leser sind die Bücher wie Freunde, und man möchte keine falschen im Haus haben. Die Kaufentscheidung ist in einer ungemein günstigen Umgebung zu treffen, eine Buchhandlung stellt den Zusammenhang einer Stadt mit der Welt her und einzutreten heißt glücklich sein. Die beiden Kaufentscheidungen muß er denn auch nicht bereuen. In Grillparzer findet er einen Verwandten im Geist des Reisens und das italienische Lehrbuch führt mit betörend schlichten Mitteln ins Herz der Dichtung, dort wo die Welt tatsächlich von den Wörtern zusammengehalten wird. Es mag so scheinen, als würde er einsam in seinem Abteil im Beredten Italiener lesen, an anderer Stelle aber haben wir bereits erfahren, daß in dem Waggon ein Leserquartett eine stille kleine Lesemusik aufführt.

Bücherkauf

Donnerstag, 4. August 2011

Bücherkauf

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Ich setzte mich in eine der Bars an der Riva, trank meinen Morgenkaffee, studierte den Gazzettino, machte mir einige Notizen zu einem Traktat über König Ludwig in Venedig und blätterte in Grillparzers Tagebuch auf der Reise nach Italien aus dem Jahre 1819. Ich hatte das Buch in der Auslage des Buchladens in einem Vorstadtbezirk von Wien bemerkt und beschlossen, es zu kaufen, änderte diesen Beschluß dann wieder, kam nochmals darauf zurück, währenddessen ich oftmals zu allen Tageszeiten vor dem Schaufenster stehenblieb. Beim Bücherkauf bin ich einerseits sehr wählerisch und gehe oft wieder hinaus aus dem Buchladen und dann stundenlang durch die Straßen und Gassen, ehe ich mich entscheiden kann und kaufe dann meistens doch, ohne mir auch nur im geringsten über die Gründe klar geworden zu sein, das ursprünglich ins Auge gefaßte Buch und oft noch andere, von denen ich gar nichts wußte zuvor. So verlassen schien mir der Buchladen, die Bücher so verlassen. Den Zusammenhang der Welt mit Wien fühlte ich nur hier, und da war er so dünn. Aber wie jede Verlassenheit mir wieder Wärme erzeugt, so fühlte ich rasch auch das Glück dieses Buchladens, und einmal ging ich hinein, schon um das Innere zu sehn. Weil man dort wissenschaftliche Werke nicht braucht, sah es in den Regalen fast belletristischer aus als in den innerstädtischen Buchläden. Eine alte Dame saß unter einer grünüberdachten Glühlampe. Vier, fünf eben ausgepackte Kunstwart-Hefte erinnerten mich daran, daß es Monatsanfang war. Die Frau zog, meine Hilfe ablehnend, das Buch, von dessen Dasein sie kaum wußte, aus der Auslage heraus, gab es mir in die Hand, wunderte sich, daß ich es hinter der vereisten Scheibe bemerkt hatte. Unterwegs geht es mir nicht selten so wie Grillparzer, dessen Reiseerinnerungen ich nun in der Hand hielt. Wie er findet ich an nichts Gefallen und bin von allen Sehenswürdigkeiten maßlos enttäuscht und wäre, wie ich oft meint, viel besser bei meinen Landkarten und Fahrplänen zu Hause geblieben. Ich hatte dann noch den Beredten Italiener mitgenommen, ein praktisches Hülfsbuch der italienischen Umgangssprache, das ich am Tag darauf während der Weiterfahrt über die Alpen im Zug hervorgezogen habe. Ein Büchlein ganz nach meinem Herzen, hier war alles auf das beste geordnet, so als setze sich die Welt tatsächlich bloß aus Wörtern zusammen, als wäre auch das Entsetzlichste in Sicherheit gebracht, als gäbe es zu jedem Teil ein Gegenteil, zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge auch ein Stück Wahrheit.

Mittwoch, 3. August 2011

Parklandschaften

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Das am wenigsten aufwendige Geschäft bei der Anlage eines Landschaftsparks war wohl das Pflanzen der Bäume in kleinen Gruppen und einzelnen Exemplaren, auch wenn ihm oft das Umholzen vom Waldstücken, die nicht in das Gesamtkonzept paßten, und das Abbrennen von unansehnlichem Gestrüpp und Strauchwerk vorausging. Heute, da in den meisten Parks nur noch ein Drittel der ursprünglich gesetzten Bäume steht und wo jedes Jahr mehr an Überalterung und aus vielen anderen Ursachen zugrunde gehen, können wir uns bald wieder vorstellen, in welcher torricellischen Leere die großen Landhäuser im Ausgang des 18. Jahrhunderts gestanden sind. Dies war ein besonders schöner Park, der terrassenförmig am Abhang, aber auch teilweise unten um einen Teich herum mit verschiedenartiger Baumgruppierung lag. Im kühlen Teichwasser saßen zwei Schwäne, einer steckte Hals und Kopf ins Wasser. Ich folgte zwei Mädchen, die sich immerfort unruhig und neugierig auf mich Unruhigen und Neugierigen, überdies aber Unentschlossenen, umsahen, ließ mich von ihnen den Berg entlang über eine Brücke, eine Wiese, in eine überraschende, vom Waldabhang und einem Damm gebildete Rotunde weiter hoch hinauf in einen scheinbar nicht so bald endenden Wald führen. Die Mädchen gingen zuerst langsam, als ich mich über die Größe des Waldes zu wundern anfing, gingen sie rascher, da waren wir auch schon auf einer Hochebene mit starkem Wind ein paar Schritte vom Ort. Wenige Jahre später nur hat die von der Südküste ausgehende Ulmenkrankheit diese Gegend erreicht, und kaum waren zwei, drei Sommer vergangen, gab es im ganzen Umkreis bald keine lebende Ulme mehr. Um dieselbe Zeit konnte man bemerken, daß die Kronen der Eschen sich mehr und mehr lichteten und daß das Eichenlaub schütter wurde und seltsame Mutationsformen zeigte. Die Buchenbestände, die sich bislang einigermaßen gehalten hatten, wurden von einer Reihe extrem trockener Jahre stark in Mitleidenschaft gezogen. Eine nach der anderen gingen die Pappeln ein auf der Weide. Schließlich, im Herbst diese Jahres fuhr ein Sturm über das Land hinweg, wie ihn hier niemand erlebt hatte je zuvor und dem nach amtlichen Schätzungen über vierzehn Millionen ausgewachsene Bäume zum Opfer gefallen sind, vom niedrigen Holz gar nicht zu reden.

Dienstag, 2. August 2011

Kommentar Großvenediger

Wir sehen Selysses das Hotel weit oberhalb von Bruneck nicht betreten, lernen, entgegen aller Gewohnheit, die Empfangsdame nicht kennen und können uns auch kein Bild machen von der Unterkunft. Der im großen Bernhardschwung vorgetragene Eingangssatz der Erzählung Ritorno in patria – sicher ein Tribut an den Meister aus Österreich – kann für Auskünfte dieser Art nicht unterbrochen werden. Kafka gibt sich damit nicht zufrieden, er hat in den Reisetagebüchern geblättert und geforscht und einiges zutage gefördert. Eine große Diele, wo wir ein Foyer oder eine Lobby erwarten würden, ein Christus am Kreuz und kein Wasserklosett, offenbar also eine katholisch bäuerliche Herberge hart am Rande des einem modernen Reisenden noch Zumutbaren. Das Hotel ist menschenleer, aber die Hochzeiten der Umgebung werden hier gefeiert. Bestimmendes Merkmal ist die Kälte, kein Wunder in dieser Höhe und bei unbeheizter Diele. Hinsichtlich der Empfangsdame hat auch Kafka keine Erkenntnisse, dafür tritt unter seiner Anleitung Selysses mit dem Stubenmädchen in geradezu experimentelle Verhaltensstudien ein, die er im November zwecks Abreise dann aber aufgibt.
Großvenediger

Montag, 1. August 2011

Großvenediger

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Die Oktoberwochen habe ich, nachdem ich die ausgehenden Sommermonate mit meinen verschiedenen Arbeiten in Verona beschäftigt gewesen war, weil ich den Winter nicht mehr erwarten konnte, in einem weit oberhalb von Bruneck, am Ende der Vegetation gelegenen Hotel verbracht. Ich erinnere mich an die große Diele, ferner an einen Christus am Kreuz, der vielleicht gar nicht war. Kein Wasserkloset, der Schneesturm kam von unten herauf. Eine Zeitlang war ich der einzige Gast. Die meisten Hochzeiten der Umgebung werden im Hotel gefeiert. Ganz unsicher erinnere ich mich eines Blickes in einen Saal am Morgen nach einer Hochzeitsfeier. Auf der Diele und auf dem Gang war überall sehr kalt. Mein Zimmer war über der Hauseinfahrt; mir fiel gleich die Kälte auf, wie erst als ich den Grund bemerkte. Vor meinem Zimmer war eine Art Nebenzimmer der Diele; auf einem Tisch standen dort von einer Hochzeit her zwei vergessene Sträuße in Vasen. Der Verschluß der Fenster wurde nicht durch Klinken sondern durch Haken oben und unten bewerkstelligt. Jetzt fällt mir ein, daß ich einmal Musik hörte, ein Weilchen lang. In dem Gastzimmer war aber kein Klavier, vielleicht in jenem Hochzeitszimmer. Immer wenn ich das Fenster schloß, sah ich auf der andern Marktseite ein Delikatessengeschäft. Geheizt wurde mit großen Holzstücken. Das Stubenmädchen mit seinem großem Mund verrichtete seine Arbeit einmal trotz der Kälte mit freiem Hals und Brustansatz. Sie war bald abweisend bald überraschend anhänglich, ich immer gleich respektvoll und verlegen, dumm und stumm, wie meist vor allen freundlichen Leuten. Als ich mir für das Arbeiten am Nachmittag und Abend eine stärkere Glühlampe hatte einsetzen lassen, war sie ganz froh als sie das beim Einheizen sah. Ja, bei dem frühern Licht könne man nicht arbeiten, sagte sie. Bei diesem Licht auch nicht, sagte ich nach einigen lebhaften Ausrufen, wie sie mir in der Verlegenheit leider immer in den Mund kommen. Und ich wußte nichts anderes als meine schon auswendig gelernte Meinung herzusagen, daß das elektrische Licht sowohl zu grell als zu schwach sei. Sie heizte daraufhin schweigend weiter ein. Erst als ich sagte: Übrigens habe ich nur die frühere Lampe stärker angezündet, lachte sie ein wenig und wir waren einer Meinung. Dagegen kann ich solche Dinge: ich hatte sie immer als Fräulein behandelt und sie hatte sich danach eingerichtet; einmal kam ich zu ungewöhnlicher Zeit nachhause und sehe sie in der kalten Diele den Boden waschen. Da machte es mir nicht die geringste Mühe, durch Gruß und eine Bitte rücksichtlich des Einheizens sie vor jeder Beschämung zu bewahren. Dann, im November schon, faßte ich eines Nachmittags, als der Großvenediger auf besonders geheimnisvolle Weise aus einer grauen Schneewolke auftauchte, den Entschluß, nach Prag zurückzukehren, zuvor aber noch auf eine gewisse Zeit nach W. zu fahren, wo ich seit meiner Kindheit nicht mehr gewesen war.

Kommentar Reiselektüre

Für einen Leser ist es immer angenehm, auf andere Leser zu treffen, ganz besonders aber in einem Eisenbahnabteil. Es muß nicht befürchten, in ein Gespräch gezogen oder Gefangener unsäglicher Gespräche über seinen Kopf hinweg zu werden. Die Art der Lektüre, Brevier und Bilderroman, mag in den Augen des Selysses zu wünschen übrig läßt, aber das ist durch die Schönheit der Frauen mehr als ausgeglichen und beeinträchtigt in keiner Weise das friedliche Glück der Szene. Gegenüber dem von Kafka entdeckten Burschen auf der anderen Gangseite herrscht Gleichgültigkeit, als Leser kann man ihn kaum ansehen, allein seine Fertigkeit im Zusammenfalten der Zeitung erweckt eine gewisse Bewunderung. Als der Bursche seinen Sitz geräumt hat, schlägt die Befriedigung, sicher zu sein vor allen Gesprächsabsichten, fast schon um in den Wunsch, einige Worte wechseln zu können mit den Schönen. Selysses aber bescheidet sich und greift zu einem Buch, das keinerlei Lesearroganz zum Brevier oder zum Bilderroman zeigt. Aber man darf sich nicht täuschen lassen, die Sehnsucht nach einer Welt, in der alles auf das beste geordnet ist, wo zu jedem Bösen ein Gutes gibt, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge auch ein Stück Wahrheit, hat Sebald auf das schönste in Hebels Werk verkörpert gesehen, sie liegt insgeheim auch seinem Erzählen zugrunde, vielleicht allem Erzählen, sicher auch dem Brevier, und auch im Photoroman wird nichts anderes gesucht, in einer interessanten Zeitung aber ist davon nichts zu finden, sie eignet sich nur zum Zusammenfalten.Reiselektüre