Dienstag, 19. Oktober 2010

Vor dem Stadttor

Aus dem Schattenreich
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Vor dem Stadttor war niemand, in der Torwölbung niemand. Auf rein gekehrtem Kies kam man hin, durch ein viereckiges Mauerloch sah man in die Zelle der Torwache, aber die Zelle war leer. Das war zwar merkwürdig, aber für mich sehr vorteilhaft, denn ich hatte keine Ausweispapiere, mein ganzer Besitz war überhaupt ein Kleid aus Leder, ein weiter brauner Mantel, den ein mächtiges Riemenzeug, es erinnerte an das Geschirr eines Pferdes, zusammenhält, und der Stock in der Hand. Neun Zehntel des Glanzes der Welt waren einst auf diese prachtvolle Hauptstadt vereint. Kunst und Gewerbe standen in hoher Blüte. Vor den Mauern dehnten sorgsam bebaute Gärten sich aus. Es gab Bäche, Quellen, Fischbrunnen, tiefe Kanäle und überall schattige Kühle. Kein Gedanke, daß die Stadttore nicht gut bewacht gewesen wäre bei Tag und bei Nacht. Aber dann kam die Zeit der Zerstörung, und heute nun über den Dächern kein Laut, kein Lebenszeichen, nichts. Nirgends, soweit das Auge ausschweift, erblickt man ein lebendiges Wesen, ein huschendes Tier oder auch nur den kleinsten Vogel im Flug. On dirait que c’est la terre maudite. Was ist noch zu bewachen.

Die Hütte des Jägers

Aus dem Schattenreich
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Die Hütte des Jägers lag nicht weit von der Hütte der Holzarbeiter, wie wir sie kennen aus den Bildern des Kunstmalers Hengge, der, wenn er nach seinem eigenen Kunstsinn sich richten konnte, nichts als Holzerbilder gemalt hat. Die Holzarbeiter, zwölf, wohnten dort, um jetzt, da guter Schnee war, die Stämme vorzubereiten, welche von den Schlitten bei Tag ins Tal geschleift wurden, wie ja auch Hengge nicht von ungefähr vom Tod überrascht wurde, wie es in seinem Nachruf hieß, mitten in einer Arbeit an einem Bild, das, aus einer genauen Kenntnis der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Holzer heraus, einen Holzer auf seinem Holzschlitten in halsbrecherischer Talfahrt darstellte. Es war viel Arbeit, aber den Arbeitern wäre sie nicht zuviel gewesen, wenn man ihnen nur genug Bier gegeben hätte. Sie hatten aber nur ein mittleres Faß und das war für eine Woche einzuteilen, eine unmögliche Aufgabe. Darüber klagten sie immer dem Jäger, wenn er am Abend zu ihnen herüberkam. Ihr habt es schwer, sagte der Jäger zustimmend und sie klagten an seinem Herzen. Freut Euch auf die Zeit, sagte er dann, wenn ihr wieder, wie ich es mir auch ersehne, beim Engelwirt sitzen könnt bei einem Glas, Abend für Abend, ohne mit irgend jemandem ein Wort zu wechseln. Aber wie sollte sein einsames Sehnen das der Zwölf sein. Die Hütte des Jägers liegt verlassen im Bergwald. Dort bleibt er während des Winters mit seinen fünf Hunden. Wie lang ist aber der Winter in diesem Land! Fast könnte man sagen, er dauere ein Leben lang. I de sidste Dage har jeg taenkt og taenkt paa Nordlandssommeren evige Dag! Der Jäger ist wohlgemut, es fehlt ihm an nichts Wesentlichem, über Entbehrungen klagt er nicht, er hält sich sogar für allzu gut ausgerüstet. Manchmal wünschte er sich eine Höhle auszuheben, in der er dann tage- und nächtelang sitzen würde gleich dem heiligen Hieronymus in einer Schneewüste. Käme ein Jäger zu mir, denkt er, und würde er meine Einrichtung und meine Vorräte sehn, es wäre wohl das Ende der Jägerschaft. Aber ist es nicht auch so das Ende? Es gibt keine Jäger, keine Drachentöter, so wie es auch keine Heiligen mehr gibt, Georgius Miles ist über die Schwelle des Rahmens getreten, und niemand, niemand kann nach Indien führen, auf keinen Fall aber gibt es Jäger, die einander besuchen in ihren einsamen Hütten. Er geht zu den Hunden in die Ecke, wo sie auf Decken und mit Decken zugedeckt schlafen. Der Schlaf der Jagdhunde. Sie schlafen nicht, sie warten nur auf die Jagd und das sieht wie Schlaf aus. Der Traum der Fünf ist ein Traum, dreaming in their sleep to follow again the advice of their nose, to traverse a patch of land in a completely anplottable manner and to invariably find what they are looking for. Ich habe immer Hunde gehabt. The hunter, in his lonely dream, yearns to learn from them how to do this. - Moments musicaux, mit einer Hand nur suchst du am Klavier, ohne viel Hoffnung, die verlorene Melodie.

Marie schläft

Aus der Schattenwelt
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Vor dem Morgengrauen noch erwachte er im Zimmer 38, einem großen, geradezu salonartigen Raum des Palace Hotels in Marienbad, mit einem derart abgründigen Gefühl der Zerstörung, daß er sich, ohne Marie auch nur ansehen zu können, wie ein Seekranker aufrichten und an den Bettrand setzen mußte. Sie schläft, dachte er, ich wecke sie nicht. Warum weckst du sie nicht? Es ist mein Unglück und mein Glück. Ich bin unglücklich, daß ich sie nicht wecken kann, daß ich nicht aufsetzen kann den Fuß auf die brennende Türschwelle ihres Hauses, daß ich nicht den Weg kenne zu ihrem Hause, daß ich nicht die Richtung kenne, in welcher der Weg liegt, daß ich mich immer weiter von ihr entferne, kraftlos wie das Blatt im Herbstwind sich von seinem Baume entfernt und überdies: ich war niemals an diesem Baume, im Herbstwind ein Blatt, aber von keinem Baum. – Ich bin glücklich, daß ich sie nicht wecken kann. Was täte ich, wenn sie sich erhöbe, wenn sie aufstehen würde von dem Lager. Er war ans Fenster getreten, sah entlang der noch regennassen Hauptstraße und im Halbrund gegen die Anhöhe hinauf die großen Hotelpaläste Pacifik, Atlantic, Metropol, Polonia und Bohemia mit ihren Balkonrängen, Ecktürmen und Dachaufbauten aus dem Frühnebel auftauchen wie Ozeandampfer auf einem dunklen Meer. Irgendwann in der Vergangenheit, dachte er, habe ich einen Fehler gemacht und bin jetzt in einer falschen Welt.

Montag, 18. Oktober 2010

Irgendwo in Südböhmen

Aus dem Schattenreich
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Irgendwo in Südböhmen auf einer waldigen Anhöhe, etwa zwei Kilometer von einem Fluß entfernt, den man leicht von hier aus sehen würde, wenn nicht der Wald die Aussicht benähme, liegt ein kleines Haus. Dort wohnt ein alter Mann. Äußere Würde des Alters ist ihm nicht zuteil geworden. Er ist klein, das eine Bein ist gerade, das andere aber stark nach außen gebogen. Das Gesicht ist schütter, aber überall von weißem, gelbem, hie und da auch wohl schwärzlichem Bart bewachsen, die Nase ist plattgedrückt und ruht auf der ein wenig vorgeworfenen Oberlippe, von ihr fast geschlossen, auf. Die Lider hängen tief. Diese alles in allem niederdrückende Erscheinung hat er nicht immer gehabt, war in seiner Jugend vielmehr ein stattlicher Mensch gewesen. Auf Wunsch seines Vaters hatte er in Brünn und Prag Rechtswissenschaften studiert und in der Folge, wie er seinen wenigen Besuchern mit einem gewissen Entsetzen sagte, mehr als ein halbes Jahrhundert in Anwaltskanzleien und Gerichtshöfen zugebracht, auf Korridoren und Treppen, die nirgendwo hinführen, in türlosen Räumen und Hallen, die von nie jemand zu betreten sind, mit Gängen, einmal links- und dann wieder rechts herum, und endlos geradeaus, unter vielen Türstöcken hindurch, über knarrende, provisorisch wirkende Holzstiegen, die hie und da von den Hauptgängen abzweigen und um einen Halbstock hinauf- oder herabführen in dunkle Sackgassen, an deren Ende Rolladenschränke, Stehpulte, Schreibtische, Bürosessel und sonstige Einrichtungsgegenstände übereinandergetürmt stehen, als habe jemand in einer Art Belagerungszustand ausharren müssen. Geschwächt und geradezu vernichtet von diesem Leben, war er in den Ruhestand eingetreten, um sich der Zucht seltener Rosen und Veilchen zu widmen.

Ich schreibe nun wieder

Aus dem Schattenreich
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Wie behütet habe ich mich nicht gefühlt, wenn ich in meinem nachtdunklen Haus am Schreibtisch saß und nur zusehen mußte, wie die Spitze des Bleistifts im Schein der Lampe sozusagen von selbst und in vollkommener Treue ihrem Schattenbild folgte, das gleichmäßig von links nach rechts und Zeile für Zeile über den linierten Bogen glitt. Jetzt aber war mir das Schreiben so schwer geworden, daß ich oft einen ganzen Tag brauchte für einen einzigen Satz, und kaum daß ich einen solchen mit äußerster Anstrengung ausgesonnenen Satz niedergeschrieben hatte, zeigte sich die peinliche Unwahrheit meiner Konstruktionen und die Unangemessenheit sämtlicher von mir verwendeten Wörter. Ich bin dann von Prag aus nach Wien gefahren in der Hoffnung durch eine Ortsveränderung über diese besonders ungute Zeit hinwegzukommen. Es hat geholfen, ich schreibe nun wieder, nach der Art der Dichter, schreibe, was ich gehört habe, was mir anvertraut worden ist. Doch ist es mir nicht anvertraut worden als Geheimnis, das ich bewahren müsse, anvertraut unmittelbar wurde mir nur die Stimme, die sprach, ihre Klangfarbe, das Übrige ist kein Geheimnis, ist vielmehr Spreu; und das, was nach allen Seiten fliegt, wenn Arbeit getan wird, ist das, was mitgeteilt werden kann und um die Barmherzigkeit bittet, mitgeteilt zu werden, denn es hat nicht die Kraft, verlassen stillzubleiben, wenn das, was ihm Leben gab, verrauscht ist.

Im Engelwirt

Aus dem Schattenreich
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Schließlich war nur noch einer außer Selysses in der Gaststube des Engelwirts geblieben. Die Wirtin, die, als sei es ihr kalt, mit der Linken ihre Strickjacke zusammenhielt, wollte schließen und bat ihn zu zahlen. Dort sitzt noch einer, sagte er mürrisch, weil er einsah, daß es Zeit wäre, nach oben auf sein Zimmer zu gehn, aber keine Lust hatte, weg- oder überhaupt irgendwo hinzugehn. Das ist die Schwierigkeit, sagte die Wirtin, ich kann mich mit dem Mann nicht verständigen. Wollt Ihr mir helfen? Hallo, rief Selysses zwischen den hohlen Händen durch, aber der Mann, stattlich, mit dunklem, lockigem Haupt- und Barthaar und ungewöhnlich tiefliegenden, überschatteten Augen, rührte sich nicht. Gekleidet war er in einen weiten braunen Mantel, den ein mächtiges Riemenzeug, es erinnerte an das Geschirr eines Pferdes, zusammenhielt. Er saß schon den Abend über bei seinem Glas, ohne mit irgend jemandem ein Wort zu wechseln. Die Füße staken in gespornten Schaftstiefeln, ein Fuß war jetzt auf eine umgestürzte Flasche gestellt, der andere auf dem Boden war etwas aufgerichtet und mit Ferse und Sporn ins Holz gerammt. Still wie bisher sah er von der Seite in sein Bierglas und nur dann und wann auf die auffallend kostbare goldene Taschenuhr, die er vor sich liegen hatte, als dürfe er irgend einen wichtigen Termin nicht versäumen.

Jene Wilden

Aus dem Schattenreich
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Kaum halbwegs wiederhergestellt sei er mit dem erstbesten Schiff nach Südamerika gegangen, um sich dort als Diamanten- und Goldsucher durchzubringen. Eine Zeitlang lebte er in der grünen Wildnis bei einem Stamm kleiner, kupferglänzender Leute, die eines Tages, ohne daß auch nur ein Blatt sich gerührt hätte, neben ihm aufgetaucht waren wie aus dem Nichts. Er nahm ihre Gewohnheiten an und stellte, so gut es ging, ein Lexikon ihrer Sprache zusammen, von der an dem Institut für Sprachwissenschaften in Sao Paulo nicht ein einziges Wort verzeichnet ist. Neben der Sprechversion hat die Sprache eine Schreiversion, die fast nur aus den in unendlichen Variationen betonten und akzentuierten Laut A besteht, aus Kó Xiáisoxái Baósaí wird, um nur ein Beispiel zu geben, Ká, Kaákakaá, kaákaá. Dabei ist das Leben dieser Leute, wie ihm schon bald klar wurde, in keiner Weise einfach oder leicht. Diese sogenannten Wilden haben kein anderes Verlangen haben als zu sterben oder vielmehr sie haben nicht einmal mehr dieses Verlangen, sondern der Tod hat nach ihnen Verlangen und sie geben sich hin oder vielmehr sie geben sich nicht einmal hin, sondern sie fallen in den Ufersand und stehn niemals mehr auf – jenen Wilden gleiche ich sehr, dachte er, und habe auch Stammesbrüder ringsherum, aber die Verwirrung ist auch hier so groß, das Gedränge wogt auf und ab bei Tag und Nacht und die Brüder lassen sich von ihm tragen. Das nennt man hierzulande einem unter den Arm greifen, solche Hilfe ist hier immer bereit; einen, der ohne Grund umsinken könnte und liegenbliebe, fürchtet man wie den Teufel, es ist wegen des Beispiels, es ist wegen des Gestankes der Wahrheit, der aus ihm steigen würde. Gewiß, es würde nichts geschehn, einer, zehn, ein ganzes Volk könnte liegenbleiben und es würde nichts geschehn, weiter ginge das mächtige Leben, noch übervoll sind die Dachböden von Fahnen, die niemals aufgerollt gewesen sind, dieser Leierkasten hat nur eine Walze, aber die Ewigkeit in eigener Person dreht die Kurbel. Und doch die Angst! Wie tragen doch die Leute ihren eigenen Feind, so ohnmächtig er ist, immer in sich. Später, in sein Heimatland zurückgekehrt, begann er mit dem Malen von Bildern. Das Hauptmotiv, dessen er sich dabei bediente, war das des Buchstabens A, den er in die von ihm aufgetragene Farbfläche hineinkratzte, immer gleich und doch sich nie wiederholend, aufsteigend und abfallend in Wellen, wie ein lang anhaltender Schrei der Todessehnsucht.

Bresche des Verstehens

Aus dem Schattenreich
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Ich stand auf dem Balkon meines Zimmers. Es war sehr hoch, ich zählte die Fensterreihen, es war im sechsten Stockwerk. Unten waren Rasenanlagen, es war ein kleiner von drei Seiten geschlossener Platz in Paris. Ich ging ins Zimmer hinein, die Tür ließ ich offen, es schien zwar erst März oder April zu sein, aber der Tag war warm. In einer Ecke stand ein kleiner, sehr leichter Schreibtisch, ich hätte ihn mit einer Hand heben und in der Luft herumschwingen können. Jetzt aber setzte ich mich zu ihm, Tinte und Feder war bereit, ich wollte eine Ansichtskarte schreiben. Ich griff unsicher, ob ich eine Karte hätte, in die Tasche, da hörte ich einen Vogel und bemerkte, als ich herumsah, auf dem Balkon an der Hausmauer einen Vogelbauer. Gleich ging ich wieder hinaus, ich mußte mich auf die Fußspitzen heben, um den Vogel zu sehn, es war ein Kanarienvogel. Dieser Besitz freute mich sehr. Ich drückte ein Stückchen grünen Salats, der zwischen den Gitterstäbchen steckte, tiefer hinein und ließ den Vogel daran knabbern. Dann wandte ich mich wieder dem Platz zu, rieb die Hände und beugte mich flüchtig über das Geländer. Jenseits des Platzes in einem Mansardenzimmer schien mich jemand mit einem Operngucker zu beobachten, wahrscheinlich, weil ich ein neuer Mieter war, das war kleinlich, aber vielleicht war es ein Kranker, dem die Fensteraussicht die Welt ist. Da ich in den Taschen doch eine Karte gefunden hatte, ging ich ins Zimmer, um zu schreiben, auf der Karte war allerdings keine Ansicht von Paris, sondern nur ein Bild, es hieß Abendgebet, man sah einen stillen See, im Vordergrund ganz wenig Schilf, in der Mitte ein Boot und darin eine Frau mit ihrem Kind im Arm. Weder der Kanarienvogel noch das Bild der Frau kamen mir aus dem Sinn, als Marie, die überdies der Frau auf dem Bild in einer schwer zu fassenden Weise glich, mit mir in den nachfolgenden Wochen und Monaten oft im Luxemburggarten, in den Tuilerien und im Jardin des Plantes spazierengegangen ist, in das Palmenhaus hinein und wieder aus dem Palmenhaus hinaus, über die verschlungenen Wege des Alpengartens oder auch durch das trostlose Zoogelände. Ich entsinne mich mehr noch als an alles andere an eine Damwildfamilie, die in einer graslosen, staubigen Einfriedung und zugleich verängstigt unter einer Heuraufe beieinander stand, und daran, daß die eingesperrten Tiere und wir, ihr menschliches Publikum, uns anblickten à travers une brèche d’incompréhension, wie Marie in einer mir unvergeßlich gebliebenen Weise sagte.

Sonntag, 17. Oktober 2010

Flucht aus Riva

Aus dem Schattenreich
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Als Beyle und Mme Gherardi wenige Tage später in den kleinen Hafen von Riva einliefen, saßen zwei Knaben auf der Kaimauer zum Würfelspiel. Ein schwerer alter Kahn - verhältnismäßig niedrig und sehr ausgebaucht, verunreinigt, wie mit Schwarzwasser ganz und gar übergossen, noch troff es scheinbar die gelbliche Außenwand hinab, die Masten unverständlich hoch, der Hauptmast im obern Drittel geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, keinem Windstoß gewachsen – hatte anscheinend auch vor kurzer Zeit erst angelegt. Zwei Männer in dunklen Röcken mit Silberknöpfen trugen gerade eine Bahre an Land, auf der unter einem großen, blumengemusterten, gefransten Seidentuch offenbar ein Mensch lag. Mme Gherardi fühlte sich von dieser Szene derart ungut berührt, daß sie darauf bestand, ohne jeden weiteren Verzug aus Riva abzureisen, und als Beyle Einwände machte, sprang sie, die ja nichts anderes war als eine Ausgeburt seiner Wünsche und Gedanken und dabei während der ganzen Reise schon seinen Gedanken und Wünschen wenig fügsam und aufgeschlossen, ohne ein weiteres Wort an Land und lief die Landstraße entlang, ich sah sie nicht, erzählte Selysses später, ungläubig noch immer, Zeuge dieses Vorfalls gewesen zu sein und keinesfalls restlos überzeugt, daß sich alles so abgespielt hatte, ich sah sie nicht, ich merkte nur, wie sie im Laufen schwang, wie ihr Schleier flog, wie ihr Fuß sich hob, ich saß am Feldrand und blickte in das Wasser des kleinen Baches. Sie durchlief die Dörfer, Kinder standen in den Türen, sahen ihr entgegen und sahen ihr nach.

Auf Wohnungssuche

Aus dem Schattenreich
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Ende September fuhr ich mit Marie auf Wohnungssuche nach M. hinaus. Über Felder, an Hecken entlang, unter ausladenden Eiben hindurch, vorbei an einigen zerstreuten Ansiedlungen, geht die Straße an die fünfzehn Meilen durchs Land, bis endlich M. auftaucht, mit seinen ungleichen Giebeln, dem Turm und den Baumgipfeln kaum aus der Ebene ragend. Wir brauchten nicht lange, um das Haus zu finden, es war eines der größten am Ort, verborgen hinter einer mannshohen Mauer und einem dicht ineinandergewachsenen Gebüsch aus Stechholder und lusitanischem Lorbeer. Die Fassade des breit hingelagerten klassizistischen Hauses war überwachsen von wildem Wein, das Haustor schwarz lackiert. Mehrmals betätigten wir den Türklopfer, einen messingnen, geschwungenen Fischleib, ohne daß sich im Inneren des Hauses etwas gerührt hätte. Da war ein äußerst niedriges Türchen, das unmittelbar in den Garten führte, nicht viel höher als die Drahtbogen, die man beim Croquetspiel in die Erde steckt. Wir konnten deshalb nicht nebeneinander in den Garten gehn, sondern einer mußte hinter dem andern hineinkriechen. Marie erschwerte es mir noch, indem sie mich, gerade als ich mit den Schultern in dem Türchen fast eingeklemmt war, noch an den Füßen zu ziehn anfing. Schließlich überwand ich es doch und auch Marie kam erstaunlicherweise durch, allerdings nur mit meiner Hilfe. Wir waren mit dem allen so beschäftigt gewesen, daß wir gar nicht bemerkt hatten, daß der Hausherr offenbar schon von allem Anfang an in der Nähe stand und uns zugesehen hatte. Das war Marie sehr unangenehm, denn ihr leichtes Kleid war bei dem Kriechen ganz zerdrückt worden. Aber nun ließ sich nichts mehr verbessern, denn der Hausherr begrüßte uns schon, mir schüttelte er herzlich die Hand, Marie klopfte er leicht auf die Wange. Ruhig hörte sie seine Begrüßungsworte an und zog sich unterdessen die grauen Handschuhe, die ich ihr gestern gekauft hatte, langsam an. Im Grunde war es mir ja sehr lieb, daß sie die Prüfung in dieser Art bestand. Der Hausherr lud uns dann ein, ihm zu folgen, wir gingen in der Richtung des Hauses, der Hausherr war immer einen Schritt vor uns, aber immer halb zu uns zurückgewendet. Soviel er sagen könne, sei die Wohnung noch nicht vergeben, doch müßten wir uns in jedem Fall bis zur Rückkehr seiner Frau gedulden, denn sie sei die Besitzerin des Gartens, er dagegen nur ein Bewohner des Gartens.


Der Operngucker

Aus dem Schattenreich
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In der Stadt, wo sämtliche Häuser und öffentlichen Plätze von der biwakierenden Armee belegt waren, gelang es mir, für mich und den Capitaine, in dessen Gesellschaft ich in die Stadt eingeritten war, im Warenlager einer Färberei zwischen allerlei Fässern und kupfernen Kesseln ein von einer eigenartig säuerlichen Luft durchwehtes Quartier aufzutun. In einem Anflug von Unternehmungslust, weder meines Hungers noch meiner Übermüdung noch des Einspruchs des Capitaines achtend, bin ich am Abend dann in das Emporeum, wo, wie ich auf mehreren Affichen angezeigt gesehen hatte, Cimarosas Il Matrimonio Segreto gegeben wurde. Im Verlauf der Aufführung sind mir wiederholt die Tränen in die Augen getreten und beim Verlassen des Emporeums war ich überzeugt, daß die Actrice, die die Caroline gegeben hatte mehrmals eigens auf mich gerichtet hatte. Sicherheit hatte ich allerdings in Ermangelung meines Opernguckers nicht. Am Tag darauf hatten wir diesbezüglich einen kleinen Streit. Der Capitaine behauptete, er hätte mir den kleinen Operngucker bestimmt zurückgegeben, er habe zwar großes Verlangen nach ihm gehabt, habe ihn auch längere Zeit in den Händen hin und her gedreht, habe sich ihn vielleicht sogar für ein paar Tage ausgeborgt, habe ihn aber bestimmt zurückgegeben. Ich dagegen suchte ihn an die Situation zu erinnern, nannte die Gasse, in der es geschehen war, das Gasthaus gegenüber dem Kloster, an dem wir gerade vorübergegangen waren, beschrieb, wie er mir zuerst den Gucker hatte abkaufen wollen, wie er mir dann verschiedene Sachen zum Tausch für ihn angeboten hatte und wie er dann allerdings mit der Bitte herausgerückt war, ihm den Gucker zu schenken. Warum hast du mir ihn fortgenommen, sagte ich klagend. Mein Lieber, sagte er, das ist ja nun alles längst vorüber. Ich bin zwar überzeugt, daß ich dir den Gucker zurückgegeben habe, aber selbst wenn du ihn mir geschenkt haben solltest, warum quälst du dich jetzt deshalb, und mich dazu. Fehlt dir der Gucker hier etwa? Oder hat der Verlust dein Leben sehr beeinflußt? Nicht das, nicht jenes, sagte ich, indem ich die Wahrheit vor ihm verbarg, es tut mir nur leid, daß du mir den Gucker damals fortgenommen hast. Ich hatte ihn als Geschenk bekommen, er hat mich sehr gefreut, ein wenig vergoldet war er, erinnerst du dich? und so klein, daß man ihn immer in der Tasche tragen konnte. Dabei waren es scharfe Gläser, man sah durch ihn besser als durch manchen großen Gucker.

Am Quai

Aus dem Schattenreich
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Am Abend, wenn die Dunkelheit über dem Meer heraufzog, spazierte er, ein einsamer Fremder wohl auf der Esplanade. Ich sehe ihn beispielsweise draußen auf dem Pier stehen, wo von einer Blechkapelle gerade die Tannhäuserouvertüre gespielt wird als Nachtmusik. Wer ist es? Wer geht unter den Bäumen am Quai? Wer ist ganz verloren? Wer kann nicht mehr gerettet werden? Über wessen Grab wächst der Rasen? Träume sind angekommen, flußabwärts sind sie gekommen, auf einer Leiter steigen sie die Quaimauer hinauf. Man bleibt stehn, unterhält sich mit ihnen, sie wissen mancherlei, nur woher sie kommen, wissen sie nicht. Es ist recht lau an diesem Herbstabend. Sie wenden sich dem Fluß zu und heben die Arme. Warum hebt ihr die Arme, statt uns in sie zu schließen? Und als er zwischen den anderen Zuhörern durch die über dem Wasser wehende Brise langsam nach Hause geht, da wundert er sich, mit welcher Leichtigkeit die ihm bisher vollkommen unvertraute Sprache dieses Landes zufliegt, und wie sie ihn zu erfüllen beginnt mit einer ganz neuen Zuversicht und Zielstrebigkeit.

Fern von Madrid

Aus dem Schattenreich
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In Kafkas Tagebüchern, Heften und Blättern sind zahllose Edelsteine zu finden, nicht selten haben sie den Glanz des Staubs, das Leuchten verlassener und heruntergekommener Orte. Neben Erde, Wasser, Luft und Feuer ist der Staub das fünfte Element des Dichters Sebald, eine Vorliebe zu Ruderalflächen wird ihm nachgesagt. So verwundert es nicht, wenn er zwei der Edelsteine, die Barke des Jägers Gracchus und den Dachboden des Jägers Hans Schlag, hervorgezogen hat, um ihren Glanz in den Schwindel.Gefühlen leuchten zu lassen. Unmöglich hätte er sich alle diese Edelsteine vornehmen und neu fassen können. Bei einigen, die ohne weiteres für seine Sammlung sich zu eignen scheinen, mag man sich fragen, was daraus hätte werden können.

Manchmal geschieht es, die Gründe dessen sind oft kaum zu ahnen, daß der größte Stierkämpfer zu seinem Kampfplatz die verfallene Arena eines abseits gelegenen Städtchens wählt, dessen Namen bisher das Madrider Publikum kaum gekannt hat. Eine Arena, vernachlässigt seit Jahrhunderten, hier wuchernd von Rasen, Spielplatz der Kinder, dort glühend mit kahlen Steinen, Ruheplatz der Schlangen und Eidechsen. Oben an den Rändern längst abgetragen, Steinbruch für alle Häuser in der Runde, jetzt nur ein kleiner Kessel, der kaum fünfhundert Menschen faßt. Keine Nebengebäude, keine Ställe vor allem, aber das Schlimmste, die Eisenbahn ist noch nicht bis hierher ausgebaut, drei Stunden Wagenfahrt, sieben Stunden Fußweg von der nächsten Station.

Offen bleibt, ob überhaupt jemand den Austragungsort der Corrida erreicht. Auch dem glühendsten Aficionado dürften drei Stunden Wagenfahrt, sieben Stunden Fußweg im Anschluß an die Bahnfahrt zu denken geben, und gar der Stier, wo sollte er sich aufhalten, wenn keine Nebengebäude, keine Ställe zu finden sind. Wir sehen lediglich den von ungefähr eingetroffenen Matador inmitten der Kinder, die im schattigen, grasbewachsenen Teil der Arena grad so spielen wie sie gespielt haben auf der Kaimauer in Riva bei der Einfahrt der Barke des Jägers Gracchus; und wir sehen den Matador auf der von der Sonne staubigen Seite, inmitten der Schlangen und Eidechsen, die ihn umschwärmen wie den Major Le Strange das Federvieh; der aber war zuvor Georg Miles gewesen und hatte die große Echse zur Strecke gebracht. Wir nennen den bis dahin namenlosen Matador Jorge oder besser Jordi und erleben ihn in der seiner Herkunft angemessenen Einsiedelei. Dem blutigen Treiben hat er den Rücken gekehrt. Eine Haushälterin stellt er nicht ein, auf geregelte Mahlzeiten legt er keinen Wert. Das Spiel der Kinder, dem er aus einiger Entfernung zuschaut, ist ihm menschliche Wärme genug. Mit ihnen sprechen oder sie gar unterrichten will er nicht, am allerwenigsten in seiner ehemaligen Kunst.

Samstag, 16. Oktober 2010

Schulfreunde

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Ich kenne ihn schon seit meiner frühen Jugend. Er ist um zwei oder drei Jahre älter als ich, aber dieser Altersunterschied ist wenig zur Geltung gekommen, heute scheine sogar ich der Ältere zu sein, er selbst sieht es nicht anders an. Doch hat sich das nur allmählich entwickelt. Er stammte aus einer vielköpfigen Kleinhäuslerfamilie und hatte, soweit man wußte, keinen richtigen Vater. An nichts hatte er so viel Interesse, wie an allem, was mit Viktualien, mit ihrer Zubereitung und Einverleibung zu tun hatte. Ich erinnere mich an unsere erste Begegnung. Wir waren neu am Ort und ich zum ersten Mal auf dem Weg zur neuen Schule. Es war ein dunkler Winternachmittag, ich war ein kleiner Junge bestimmt für die dritten Volksschulklasse. Als ich um eine Straßenecke bog, sah ich ihn, er war stark, untersetzt und hatte ein knochiges und dennoch fleischiges Gesicht, er sah ganz anders aus als heute, körperlich hat er sich seit seiner Kindheit bis zur Unkenntlichkeit verändert. An einer Leine zerrte er einen jungen scheuen Hund. Ich blieb stehn und sah zu, nicht aus Schadenfreude, nur aus Neugierde, ich war sehr neugierig, alles reizte mich. Er aber nahm das Zuschauen übel und sagte: Kümmere dich um deine Sachen, Dummkopf. Nur eine halbe Stunde später trafen wir und in der Schule wieder. Er machte, wie ich bald herausfand, die dritte Klasse zum zweiten Mal. Er war sichtlich um seine Arbeit bemüht, doch ging sie ihm unendlich langsam vonstatten. Sogar als die Nachzügler längst fertig waren, hatte er nicht mehr als ein Dutzend Kreuzchen auf seinem Papier. Nach einem stillschweigenden Blickwechsel führte ich geschwind sein fragmentarisches Werk zu Ende, wie ich in den fast zwei Jahren, die wir von diesem Tag an noch nebeneinander saßen, einen Gutteil seiner Rechen- und Schreibarbeiten erledigte, was sich vor allem deshalb sehr leicht bewerkstelligen ließ, weil wir, wie der Lehrer Kopfschüttelnd bemerkte, die gleiche schweinische Handschrift hatten, mit dem Unterschied, daß er nicht geschwind und ich nicht langsam schreiben konnte. Eines Tages hat er mir eröffnet, daß er Koch werden würde, und Koch ist er dann auch geworden, und zwar, wie ohne weiteres gesagt werden kann, ein Koch von Weltrenommé.


Der Petent

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Ich war damals ein kleiner, etwa sechsjähriger Junge. Ohne besondere Absicht war ich am Abend durch das hintere Haus hinausgetreten in den Hof. Dort glitzerten um mich her die Kristalle im Schnee, und es glitzerten über mir in ihrer Unzahl die Sterne am Himmel. Der kopflose Riese Orion mit dem kurzen funkelnden Schwert im Gürtel stieg soeben hinter den blauschwarzen Schatten der Berge herauf. Lang bin ich inmitten dieser Winterpracht stehengeblieben und habe gehorcht auf das Klirren der Kälte und das Klingen der Himmelslichter in ihrer langsamen Bahn. Dann dünkte es mich auf einmal, als rührte sich hinter dem Holzschopf ein Schemen. Ein fremder Mann trat hervor, viel Lederzeug hatte er über seinem Kleid, Gürtel, Querriemen, Halter und Taschen. Aus einer Tasche zog er einen Notizblock, notierte etwas und fragte dann: Wo ist der Petent? Der Petent trat vor. Die halbe Bewohnerschaft des Hauses war in großem Halbkreis um ihn versammelt, gesehn und gehört habe ich alles, hätte man es mir aber nicht viel später genau erzählt, wüßte ich kaum etwas davon. Es war zu unverständlich, als daß ich damals sehr aufmerksam hätte sein können, trotzdem hat die fremde Nacherzählung durch die eigene undeutliche Erinnerung an Leben sehr gewonnen. So sehe ich förmlich noch heute, wie der Fremde den Petenten mit scharfem Blicke maß. Es ist nichts Geringes, was du verlangst, sagte der Fremde, bist du dir dessen bewußt?

Bei den Toten

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Ein böses Wort, ein schiefer Blick genügte oft, um die Rituale der Blutrache ins Rollen zu bringen. Selbst die unter Anwesenheit zweier sich befehdender Parteien oftmals gelesenen Versöhnungsmessen endeten nicht selten damit, daß man sich gleich nach dem Gottesdienst wieder Beleidigungen an den Kopf warf. In gewissem Sinne wurde der hohe Blutzoll der fortwährenden Rachefeldzüge dadurch relativiert, daß die Toten einigermaßen unbeirrt weiterlebten. Überall zogen sie herum, in kleinen Banden und Gruppen und manchmal in regelrechten Regimentern. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie normale Leute, aber sowie man genauer hinschaut, verwischen sich ihre Gesichter oder flackern, gerade wie die Gesichter der Schauspieler in einem alten Film. Diesem ungewöhnlichen, uns jedenfalls in dieser Form nicht vertrauten Verhalten der Toten korrespondieren die ebenso aufwendigen wie zweideutigen Klage- und Bestattungssitten; zweideutig, denn nicht nur beschränkt sich die Kundgebung der ewig währenden Untröstlichkeit der Hinterbliebenen auf das absolute Minimum, sondern sie wirkt fast wie ein den Toten nachgesandtes Schuldbekenntnis, wie eine halbherzige Bitte um Nachsicht an diejenigen, die man vor der Zeit unter die Erde gebracht hat. Das alles hatte mich offenbar so tief beeindruckt, daß auch ich in der Nacht bei den Toten zu Gast war. Es war eine große reinliche Gruft, einige Särge standen schon dort, es war aber noch viel Platz, zwei Särge waren offen, es sah in ihnen aus wie in zerwühlten Betten, die eben verlassen worden sind. Ein Schreibtisch stand ein wenig abseits, so daß ich ihn nicht gleich bemerkte, ein Mann mit mächtigem Körper saß hinter ihm. In der rechten Hand hielt er eine Feder, es war, als habe er geschrieben und gerade jetzt aufgehört, die linke Hand spielte an der Weste mit einer glänzenden Uhrkette und der Kopf war tief zu ihr hinabgeneigt. Eine Bedienerin kehrte aus, doch war nichts auszukehren. Nach der eher ungut verlaufenen Nacht begab ich mich am darauffolgenden Tag auf eine Exkursion ins Innere der Insel und verspürte, trotz der wahrhaft staunenswerten Schönheit der Ansichten, die sich mir boten, in der Herzgegend eine dumpfe, allmählich die Sinne abtötende Bedrängnis, eine Art Weltverlassenheit, die, wie ich glaube, herrührt von der in zunehmenden Maße in einen Zustand der Sprachlosigkeit mich versetzenden, überall offenbaren Gewalt der lebendigen Natur.

Trunksucht im Grenzland

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Seinerzeit war es ein übel beleumundetes Gasthaus gewesen, in dem die Bauern bis tief in die Nacht hinein hockten und, vor allem im Winter, oft bis zur Bewußtlosigkeit tranken. Die Bauern und Holzknechte saßen fast immer gruppenweise beieinander am oberen beziehungsweise unteren Ende der Gaststube. In der Mitte stand der große eiserne Ofen, der im Winter nicht selten derart geschürt wurde, daß er zu glühen begann. Zunächst, wenn der Alkohol seine verstummende oder aber die Rede auf ein zusammenhangloses Satzstottern oder Grölen hin reduzierende Wirkung noch nicht entfaltet hatte, konnte man Gespräche hören, die einen Zug ins Philosophische, ja sogar ins Theologische hatten, über das Tagesgeschehen sowohl als über den Grund aller Dinge, wobei es aber schon bald gerade denjenigen, die besonders lauthals das Wort ergriffen, mitten im Satz die Rede verschlug. Einer sitzt oft in ihrer Runde und ist doch keiner von ihnen, sie scheinen ihn auch gar nicht zu kennen. Er ist sehr kräftig und wird immer kräftiger. Er scheint auf fremde Kosten zu leben. Man könnte sich ihn als ein Tier in der Wildnis denken, das am Abend allein, langsam, bedächtig, schaukelnd zur Tränke geht. Seine Augen sind trübe, man hat oft nicht den Eindruck, daß er den, auf den er die Augen richtet, auch wirklich sieht. Es ist dann aber nicht Zerstreutheit, Beschäftigtsein, das ihn hindert, sondern eine gewisse Stumpfheit. Es sind trübe Trinkeraugen eines Menschen, der offenbar nicht Trinker ist. Vielleicht geschieht ihm Unrecht, vielleicht hat ihn das so verschlossen gemacht, vielleicht ist ihm immer Unrecht geschehn. Es scheint jene Art von unbestimmtem Unrecht zu sein, das junge Leute so oft auf sich lasten fühlen, das sie aber schließlich abwerfen, solange sie noch die Kraft dazu haben, er freilich ist schon alt, wenn auch vielleicht nicht so alt wie er aussieht mit seiner schwerfälligen Gestalt, den fast aufdringlichen, abwärts ziehenden Furchen in seinem Gesicht und dem Bauch, über dem sich die Weste wölbt.


Freitag, 15. Oktober 2010

Frei und ledig

Aus dem Schattenreich
Kommentar
Ich wanderte in dem Gefühl, daß ich frei sei und ledig, in den Gassen umher, betrat hier und da einen der dunklen, stollenartigen Hauseingänge, las mit einer gewissen Andacht die Namen der fremden Bewohner auf den blechernen Briefkästen und versuchte mit vorzustellen, wie es wohl wäre, wenn ich in einer dieser steinernen Burgen wohnte, bis an mein Lebensende mit nichts beschäftigt als dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit. In eines der Häuser trat ich und schloß hinter mir das Türchen im großen verriegelten Tor. Aus dem langen gewölbten Flur ging der Blick auf ein gepflegtes Hofgärtchen mit einem Blumenaufbau in der Mitte. Links von mir war eine Glasverschalung, in welcher der Portier saß, er stützte die Stirn auf die Hand und war über eine Zeitung gebeugt. Vorn an einer Glasscheibe, den Portier ein wenig verdeckend, war ein großes aus einer illustrierten Zeitschrift ausgeschnittenes Bild geklebt, ich trat näher, es war ein offenbar italienisches Städtchen, den größten Teil des Bildes nahm ein wilder Bergstrom mit einem mächtigen Wasserfall ein, die Häuser des Städtchens waren an seinen Ufern eng an den Bildrand gedrückt. Ich grüßte den Portier und sagte, auf das Bild zeigend: Ein schönes Bild, ich kenne Italien, wie heißt das Städtchen? Ich weiß nicht, sagte er, die Kinder aus dem zweiten Stock haben es in meiner Abwesenheit hier aufgeklebt, um mich zu ärgern. Was wünschen Sie? fragte er dann. Ich antwortete nicht, immer noch gebannt von dem Bild und ganz und gar eingenommen von dem Versuch mich zu erinnern, ohne aber mehr als unzusammenhängende Bildfetzen erhaschen zu können. Ohne Zweifel war ich schon dort gewesen, wenn auch nur auf der Durchreise. Die Schönheit der Gegend war unbeschreiblich. Man fühlt sich sehr glücklich da. Allerdings, so wollte mir scheinen, war der Kaffee dort unbeschreiblich elend, und das Mittagsmahl, das uns vorgesetzt wurde, zeichnete sich durch Ungenießbarkeit vor allen bisher genommenen aus, was in der That viel sagen will.

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Auf dem Dachboden

Jagdreviere

Selysses dem Kind, das noch nichts wußte von Stendhal, Kafka oder Marengo, nichts vom Riva und kaum etwas vom Schwarzwald, war es untersagt, im Haus der Tante Mathild in den Dachboden hinaufzusteigen, wo, wie ihm die Mathild mit der ihr eigenen Überzeugungskraft beigebracht hatte, der graue Jäger logierte, über den sie sonst keine näheren Angaben machte.

In späteren Jahren dann hat Selysses das Verbotene nachgeholt und ist auf den Dachboden hinaufgegangen. Kisten und Körbe waren aufeinandergestellt, Säcke, Lederzeug, Schellen, Stricke, Mausfallen, Honigrahmen und allerhand Futterale hingen von den Balken. Das schräg durch das Dachbodenfenster eindringende Licht gab eine uniformierte Gestalt zu erkennen, eine alte Schneiderpuppe, die mit hechtgrauen Beinkleidern und einem hechtgrauen Rock angetan war. Als ich näher herantrat und an einen der leer herabhängenden Uniformärmel rührte, ist dieser, zu meinem blanken Entsetzen in Staub zerfallen. Aus meinen seither angestellten Nachforschungen ist hervorgegangen, daß es einer jener österreichischen Jäger gewesen ist, die in der furchtbaren Schlacht von Marengo ums Leben gekommen sind.

Die Mathild hatte also in gewissem Sinne die Wahrheit gesagt, allerdings dann doch nur von der aufgezäumten Hinterlassenschaft eines Toten gesprochen. Der bei Marengo gefallene Jäger führt zurück zu Stendhal, dem beim Besuch des Schlachtfeldes angesichts der Differenz zwischen den Bildern der Schlacht, wie er sie in seinem Kopf trug, und dem, was er als Beweis dessen daß die Schlacht sich wahrhaft ereignet hatte, nun vor sich ausgebreitet sah, ein noch niemals zuvor gespürtes, schwindelartiges Gefühl der Irritation erlebte. Ein ähnliches ganz Gefühl befällt den Selysses auf den Dachboden begleitenden Leser.

Als Knabe hatte Selysses natürlich nicht an Jäger im Sinne einer militärischen Einheit gedacht, sondern an den Heger und Pfleger im Wald, und es spricht für den frühen Durchbruch seines dichterischen Genies, daß sich seine diesbezüglichen Träume und Vorstellungen fast harrgenau entlang der Satzlinien einer der eindringlichsten Prosastellen Kafkas entwickelten: Eine große runde Mütze aus Krimmerpelz saß tief auf seinem Kopf. Ein starker Schnurrbart breitete sich steif aus. Gekleidet war er in einen weiten braunen Mantel, den ein mächtiges Riemenzeug, es erinnerte an das Geschirr eines Pferdes, zusammenhielt. Auf dem Schoß lag ein gebogener kurzer Säbel im mattleuchtender Scheide. Die Füße staken in gespornten Schaftstiefeln, ein Fuß war auf eine umgestürzte Weinflasche gestellt, der andere auf dem Boden war etwas aufgerichtet und mit Ferse und Sporn ins Holz gerammt.

Anders als der Schneiderpuppenjäger auf dem Dachboden des Selysses, ist der Jäger mit der Mütze aus Krimmerpelz auf Kafkas Dachboden, so wie Selysses ihn sich erträumt hat, durchaus am Leben, wenn auch müde, mit einem Gesicht, das weder Schrecken noch Staunen, nur Stumpfheit zeigte, und mit klaren Augen. Seinen Namen gibt er mit Hans Schlag an, aus Koßgarten am Neckar, und so ist es kaum verwunderlich, wenn der Knabe Selysses, nur ein oder vielleicht zwei Jahre älter inzwischen, ihn wiedertrifft, wie er allein und unbeachtet von allen in der Gaststube des Engelwirts in W. sitzt, offenbar erholt inzwischen, ein stattlicher Mann mit dunklem lockigen Haupt- und Barthaar, und ungewöhnlich tiefliegenden, überschatteten Augen. Nach seinem Unfalltod entlarvt ihn eine eintätowierte Barke auf der Schulter als den Jäger Gracchus, den sowohl Stendhal als auch Kafka erlebt hatten, wie er, ganz und gar auf der Höhe der glanzvollen Prosa seines Verweilens auf den Dachböden in der Ortschaft W. im Allgäu und in Böhmen, vor ihnen auftaucht, indem aus den Schatten sich allmählich die Umrisse einer Barke abzeichneten auf dem Gardasee, ein schwerer alter Kahn, verhältnismäßig niedrig und sehr ausgebaucht, verunreinigt, wie mit Schwarzwasser ganz und gar übergossen, noch troff es scheinbar die gelbliche Außenwand hinab, die Masten unverständlich hoch, der Hauptmast im obern Drittel geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, keinem Windstoß gewachsen. Drei ganze Tage dauert es, bis die Barke, als werde sie über das Wasser getragen, leise in den Hafen von Riva schwebte.

Es hat den Anschein, als seien alle Schwindel.Gefühle von zwei berückenden Absätzen Kafkas, betreffend die Jäger Schlag und Gracchus, die vermutlich ein und derselbe sind, auf Dachböden und am Gardasee, ausgelöst und auch wieder beruhigt worden.

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Schopenhauers Pudel

Lupus domesticus homine praeceptor

In einem Gespräch schildert Niklas Luhmann seinen normalen Tagesablauf - bei Übergehen selbstverständlicher und unvermeidbarer Dinge wie Nahrungsaufnahme und Körperpflege - als eine einzige Abfolge von Schreiben und wiederholtem Ausführen des Hundes. In seinen veröffentlichten Arbeiten ist er dagegen nicht als Hundebesitzer zu erkennen, angesichts des durchweg humansoziologischen Charakters seiner Schriften keine Überraschung, wenngleich eine Monographie Die Tiere der Gesellschaft durchaus denkbar und lohnend gewesen wäre. Durch den frühen Tod der Großen wird uns vieles vorenthalten.
Das gilt umsomehr für Sebald, der, nachdem er das literarische Schaffen erst spät aufgenommen hatte, in noch deutlich jüngeren Jahren gestorben ist. Auch bei ihm bereitet das Werk auf das öffentliche Eingeständnis, er habe immer Hunde gehabt, nicht eigentlich vor. Nicht, daß Hunde fehlen würden im Werk, nie aber hat Selysses, der sebaldnahe Icherzähler, auf seinen Reisen und Wanderungen einen Hund als Gefährten dabei, mit einer charakteristischen Ausnahme: Ein hellfarbiger Hund, der einem schwarzen Fleck wie eine Klappe über dem linken Auge hatte und der wie alle herrenlosen Hunde schräg zu der Richtung, in der er sich fortbewegte, zu laufen schien, hatte sich auf dem Domplatz mir angeschlossen und war mir nun immer ein Stück weit voraus. Blieb ich stehen, um ein wenig auf den Fluß hinabzusehen, so hielt auch er ein und schaute versonnen auf das fließende Wasser der Etsch. Ging ich weiter, so machte auch er sich wieder auf den Weg. Als ich aber am Castelvecchio den Corso Cavour überquerte, blieb er an der Bordsteinkante zurück, und ich wäre, weil ich mitten auf dem Corso mich umwandte nach ihm, um ein Haar überfahren worden.

Thomas Manns Herr und Hund steht, wesentlich knapper gefaßt, Sebalds Hund ohne Herr gegenüber. Wir müssen uns in jedem Fall vor Augen halten, daß Selysses auf seinen Reisen und Wanderungen nicht von Hunden aber auch nicht von Menschen für längere Zeit begleitet wird. Menschen trifft er an seinen Zielorten oder sie sitzen im gleichen Zug, Bus oder Flugzeug und teilen, gerade wie der Hund in Verona, für eine kurze Weile nur seine Wegstrecke. Die Hunde sind also im Werk gegenüber den Menschen nicht benachteiligt, allerdings auch nicht, wie bei Schopenhauer, bevorzugt. In den Band Unerzählt, ein Gemeinschaftswerk des Dichters Sebald und des bildenden Künstlers Jan Peter Tripp, sind neben mehr als zwanzig menschlichen Augenpaaren, darunter die solcher Größen wie Onetti, Beckett oder Borges, die Augen und obendrein, besonders ehrenvoll, die Schnauze des Hundes Morris (Maurice) zu sehen.
In Sebalds Leben haben die Hunde nach seinen eigenen Aussagen eine bedeutende Rolle gespielt, und das in dreifacher Hinsicht: Als Schutz vor den hereinbrechenden Erinnerungen, als Lehrmeister des Schreibens und als Türöffner zur Metaphysik.

Als Schutz vor hereinbrechenden Erinnerungen: We can not escape memory. The only thing you can do, is to subdue it: And if you can do that by playing baseball or watching football, that’s a good thing. – What do you do? – I walk with the dog.

Als Lehrmeister des Schreibens: My writing was always done in a random, haphazard fashion, in the same way in which a dog runs through a field. If you look at a dog following the advice of his nose, he traverses a patch of land in a completely anplottable manner. And he invariably finds what he is looking for. I think, as I have always had dogs, I’ve learned from them how to do this. (Audience laughter – das Gespräch wurde öffentlich geführt). – Das ist eine deutliche Warnung und Absage an alle, die, verleitet durch Sebalds kalkulierte und in gewisser Hinsicht zufallslose, dabei aber für den Leser in ihrem Ablauf immer überraschenden Sätze, in ihm einen peniblen Planer in jeder Hinsicht vermuten.

Als Türöffner zur Metaphysik: Metaphysics is a legitimate concern. Writers like Kafka are interested in metaphysics. If you read a story like Forschungen eines Hundes, it has a subject whose epistemological horizon is very low. The dog goes through the most extravagant speculations about reality, which we know is quite different. As he, the dog, has this limited capacity of understanding, so do we. Die Begrenztheit des Hundes wird zum Abbild unserer eigenen, vor den Augen Gottes, wenn die Metaphysik ihn denn lebendig erhält, kaum geringeren Begrenztheit.

Die Metaphysik zählt zur Domäne der Philosophie. Wollte man Sebald philosophiegeschichtlich einordnen, so stände er Schopenhauer und seinem Pudel naturgemäß um vieles näher als Descartes, dem gnadenlosen Hundezerschneider. Schopenhauers Feststellung, wer gegen Thiere grausam ist, könne kein guter Mensch sein, hätte Sebald in dem Umfang, in dem er sich überhaupt an Unterschriftsaktionen beteiligt hat, sicher abgezeichnet. Seine Spaziergänge mit Hund in Norfolk sind aber, wie schon gesehen, grundlegend anders verlaufen als diejenigen Schopenhauers mit seinem Pudel am Mainufer, er hat, soviel können wir annehmen, nicht versucht, dem Hund seine Werke zu erklären und hat ihn auch nicht im Frankfurter Hof oder einem anderen Hotel neben sich auf einem Stuhl sitzen und ihm auftragen lassen. Schopenhauers Überlegungen zum Pudels Kern hätte er sich vielleicht anschließen können und seine eigenen Ausführungen zur Makrele und zum Hering widerlegen Schopenhauers Annahmen zur Weltenseele im Tier nicht, seinen Hund Atman zu nennen, lag Sebald aber wohl fern.

Alles im allem hätten ihm aber die nüchternen tierphilosophischen Überlegungen Reinhard Brandts wohl mehr zugesagt. Brandt leitet seine Überlegungen zur Frage Können Tiere denken? mit zwei einander widersprechenden Thesen ein: 1. Natürlich können Tiere denken, Sie werden es nicht glauben, aber unser Leo versteht jedes Wort. 2. Natürlich können Tiere nicht denken. - Beide Thesen, wäre denn die eine oder aber die andere in ungemilderter Form wahr, müßten das Interesse am Hund zum Erliegen bringen. Welchen Zusatzwert sollte Leo für mich haben, wenn er mich ebenso gut verstünde wie die eigene Frau oder gar um einiges besser, und wie, andererseits, sollten wir, Leo und ich, Zugang zueinander finden, wenn Leo nichts dem Denken in irgendeiner Weise Verwandtes aufweisen würde. Brandts ausgewogenes Forschungsresultat ist denn auch: Tiere können nicht denken im Sinne einer Fähigkeit zur Urteilsbildung und insbesondere der Fähigkeit zur Bildung negativer Urteile, sie weisen aber, verstreut über die Gattungen, einen riesigen Fächer von Analoga rationis auf.

Freunde der Tiere verfügen über die Fähigkeit, diese Analoga zu entdecken und begeistert zu erleben. Mit der beobachteten Fährtensuche auf dem Feld hat Sebald ein canines Analogon rationis et scripturae aufgedeckt. Er kann sich seinerseits in seiner dichterischen Arbeit diesem Analogon anpassen und den menschlichen Urteilszwang nahezu vergessen, nur die Gestalt der Sätze bleibt ihm als genuine Aufgabe. Thomas Manns Erzählung vom Hund Bauschan ist ein Wunderwerk der Aufdeckung eines ganzen Bündels hündischer Analoga rationis. Kafka hingegen, mag man ihn sonst auch über alles lieben, ist mit seinem forschenden Hund und anderen Tierfabeln für das Verständnis zwischen den verschiedenen Ordines naturales letztlich wenig gewinnbringend. Die Geschichte des Käfers Gregor rechnen wir naturgemäß nicht zu dieser Kategorie. Wir glauben ja auch, daß Selysses dem Gregor das Fliegen beigebracht hat.

Sonntag, 10. Oktober 2010

Kafka wird erheitert

Aufheiterung eines Untröstlichen

Nach den strengen Maßstäben, die seit einiger Zeit aufgrund diverser Vorkommnisse gelten, sind drei der vier Prosabücher Sebalds als Kafkaplagiate zu entlarven. Was die Schwindel.Gefühle anbelangt, so ist die Sachlage offensichtlich. Die Erzählung Dr. K.s Badereise nach Riva folgt eng Tagebuchaufzeichnungen Kafkas und der Jäger Gracchus ist im gesamten Buch allgegenwärtig. Das mag durchgehen, da es, wenn auch nicht explizit eingestanden, für jedermann erkenntlich ist. Auch den Jäger Hans Schlag als Erfindung Kafkas zu erkennen, mit seiner großen runden Mütze aus Krimmerpelz tief auf seinem Kopf, seinem starker, sich steif ausbreitendem Schurrbart und seinen weiten braunen Mantel*, gerade so, mit einem Wort, wie er dann auch auf dem Dachboden der Tante Mathild sitzt, bedarf aber schon eines erheblichen Maßes an Philologenfleiß oder Finderglück. Zu Beginn der Ringe des Saturn richtet sich Selysses – so nennen wir den sebaldnahen Erzähler, dem wir in allen vier Prosabüchern begegnen, immer ist er unterwegs, nie zuhaus – mühsam am Fenster des Krankenzimmers auf und wird zum Käfer Samsa, alles folgende erscheint vor dessen innerem Auge, daß die Originalität des Buches darunter nicht leidet, wird man einräumen müssen. Wirklich delikat wird die Angelegenheit bei Austerlitz. Der Autor gibt offen zu, daß Kafka Namenspate des Titelhelden ist, nicht aber, daß Kafka ihm auch die allesentscheidende Stelle der Abfahrt des kleinen Jacques vom Prager Bahnhof gestaltet hat, mit den flatternden Taschentüchern und dem Eindruck, der Zug fahre nicht eigentlich weg, sondern fahre nur die kurze Bahnhofstrecke uns ein Schauspiel zu geben und dann zu versinken**. Eine Petitesse scheint es da schon, wenn auch die schlafenden Londoner, an die Austerlitz bei seinen nächtlichen Streifzügen durch die große Stadt denkt, bei näherem Hinsehen Kafkas Schläfer sind, wie sie da in ihren Betten liegen, zugedeckt und im Glauben unter sicherem Dach zu sein, während sie doch in Wahrheit nur niedergestreckt sind, das Gesicht vor Furcht gegen die Erde gekehrt***.

Wenn gleichwohl von einer näheren Verfolgung der Angelegenheit abzusehen ist, so aus drei Gründen. Zum einen gelten die für die Wissenschaft erstellten Regeln nicht in gleicher Weise für die Kunst, sie gelten hier eigentlich gar nicht. Zum anderen sind es naturgemäß samt und sonders keine Plagiate, sondern Verneigungen vor einem möglicherweise noch Größeren, und obwohl also keine Sünde ist, so wird sie doch vergeben für das rührende Bemühen der Schwindel.Gefühle, Kafka zu erheitern.

In seinem Aufsatz Melancholy Longings: Sebald, Benjamin, and the Image of Kafka im Band Searching for Sebald geht Markus Zisselsberger aus von einem schon berühmten Jugendbildnis Kafkas, in das Benjamin sich wiederholt deutend vertieft und zu dem sich auch Sebald geäußert hat. Das Photo zeigt ein Kind, das, so möchte man meinen, in seinem Leben nicht lachen wird. Das einzige Photo Kafkas, das Sebald in die Schwindel.Gefühle aufgenommen hat, zeigt ihn aber, winzig und undeutlich genug, als einen, der zur eigenen Verwunderung eine Art Lächeln zustande bringt. Vermutlich lächelt er, weil er Sebalds Buch schon gelesen hat bis zu der Stelle, an der dieses Photo erscheint. Er hat gelächelt über Stendhal, seinen, freilich ganz anders gearteten Leidensgenossen in Liebesdingen, wenn der in Volterra in einem gelben Rock, dunkelblauen Beinkleidern, schwarz lackiertem Schuhwerk, einem extrahohen Velourshut und ein paar grünen Brillen nach eigenem Erwarten: unbemerkt und inkognito Métilde Dembowski nachsteigt; er hat gelacht über Selysses, dem es nicht gelingt, sich auf Reisen anständig zu ernähren, der einerseits zu wählerisch ist und stundenlang durch die Straßen und Gassen geht, ehe er sich entscheiden kann; andererseits zuletzt meistens wahllos einfach irgendwo hineingerät und dort in trostloser Umgebung und unter Unbehagen ein ihm in keiner Weise zusagendes Gericht verzehrt; der im Bahnhofsbistro von Venedig um seinen Capuccino kämpft, als gelte es die Seligkeit. Er lernt auch, vorsichtig über sich selbst zu lachen.

Wenn Kafka auf der Seite hundertundsechzig der Schwindel.Gefühle bereits lächeln kann, wenn auch nur zur eigenen Verwunderung, so hat er das Beste auf dem Gebiet der Aufheiterung in jeder Hinsicht noch vor sich. Ein wahrer sogenannter Angriff auf seine Lachmuskeln könnte es sein, wenn einige Seiten später beim Anblick eines Bild des Marktplatzes von Desenzano behauptet wird, die dort zu sehende zahlreiche Menschenschar habe sich zum Empfang des Vicesekretärs der Prager Arbeiterversicherung, Kafkas mit anderen Worten, versammelt. Das Lachen wird allenfalls dadurch in Zaum gehalten, daß Kafkas für ihn selbst wenig spaßige Angst, immer seien alle Blicke auf ihn gerichtet und von jedem Blick, der ihn streift, sei er durchschaut, - daß diese Angst also durch den Scherz aufgegriffen und therapeutisch gedämpft wird. Alle diese Blicke, die zum Bild herausschauen, sind nicht auf ihn, Kafka gerichtet: ob dieser Erkenntnis können nach einem Augenblick des Erschreckens Kafka und dann auch, zunächst den Erfolg seines Scherzes abwartend, Selysses herzlich lachen. Sie lachen miteinander. Als Selysses später im Graffito Il cacciatore im Bahnhofpissoir von Desenzano einen unzweideutigen Hinweis zu sehen glaubt, Kafka habe Jahrzehnte zuvor an gleicher Stelle gestanden, sorgt das erneut für Erheiterung. Recht wild und übermütig geht es dann schon zu, als Selysses seinem Freund auf die denkbar witzigste Weise erzählt, wie er beim Versuch, im Bus von Desenzano nach Riva, den er geplagt von seiner Scham dann vorzeitig in Limone verläßt, Photographien der beiden geklonten Kafkazwillinge zu erhalten, - bei diesem Versuch also, sich wortwörtlich zum Narren macht und in Verdacht gerät, ein zu seinem sogenannten Vergnügen in Italien herumreisender Päderast zu sein.

Die Verwandlung des Jägers Gracchus in den Jäger Hans Schlag, der die verhängnisvolle Barke nurmehr als kleine Tätowierung am Oberarm trägt, hat Kafka auf seinem Dachboden, den Sebald zum Dachboden der Tante Mathild macht, selbst noch eingeleitet; daß dem so lange um seinen Tod Betrogenen dann aber von einem zur Verwechslung des Arbeitsgerät neigeden Slapstickduo auf Motorrädern, dem Dr. Piazolo und dem Pfarrer Wurmser, aus dem Leben geholfen wird, daß bei seiner Leiche ein Dackel namens Waldmann sitzt und die Taschenuhr ein letztes Mal Üb' immer Treu und Redlichkeit spielt, das wird Kafka von der Verwunderung, lachen zu können, endgültig befreit haben. Er lacht.

Wer nur das, offenbar vor einem Publikum geführte Gespräch mit Joseph Cuomo gelesen hat (in the emergence of memory, Lynne Sharon Schwartz ed.), in dem er ein um das andere Mal Audience laughter hervorruft, weiß, daß Sebald das Geschäft der Erheiterung verstand. Aber mußte Kafka überhaupt aufgeheitert werden? Er soll sich Chaplin verwandt gefühlt, seine eigenen Sachen für komisch gehalten und bei ihrem Vortrag im Freundeskreis gern gelacht haben, als einziger vermutlich. Das hat ihm naturgemäß noch kein leichtes Leben beschert. Selysses seinerseits empfindet ganz ähnliche Ängste und Schwindelgefühle und gleich zu Anfang der Ringe des Saturn, es wurde schon erwähnt, verwandelt er sich in Kafkas schrecklichste Erscheinungsform, den armen Gregor, der mit zitternden Beinchen an die Sessellehne sich klammernd aus seinem Kabinett herausblickt in undeutlicher Erinnerung, wie es heißt, an das Befreiende, das früher einmal für ihn darin gelegen war, aus dem Fenster zu schauen. Wir haben es nicht mit einem Therapeuten, Selysses, und einem Leidenden, Kafka, sondern mit zwei Therapeuten und zwei Leidenden zu tun, oder einfach mit zwei sich begleitenden Wanderern auf unterschiedlichem und doch als ähnlich empfundenen Lebensweg, zwei, die, bei allem bitteren Ernst, mit dem sie auf die Welt schauten, ernstlich miteinander lachen können. Selbst noch an Kafkas Sterbebett, als von ihm erwartet wird, er solle vor dem Verscheiden Werfels Verdiroman noch lesen, lächeln beide in stillem Einverständnis bei dem Gedanken, das ungelesen gebliebene Buch sei wohl nicht der größte Verlust, den Kafka in seinem Leben verschmerzen mußte.

* Oktavheft A (I, 17)
** TB 1.11.1911
*** Nachts

Samstag, 9. Oktober 2010

Florence Barnes

Ein glückliches Paar

Sebald hat den Major George Wyndham Le Strange erfunden und den beigefügten Beweise seiner vorgeblich realen Existenz ebenfalls und zusätzlich auch gleich noch die Haushälterin Florence Barnes, eine einfache junge Frau aus dem Landstädtchen Beccles, von Le Strange eingestellt unter der ausdrücklichen Bedingung, daß sie die von ihr zubereiteten Mahlzeiten mit ihm gemeinsam, aber unter Wahrung absoluten Schweigens einnehme. At his death, the wealthy eccentric left her his vast estate. Asked about Le Strange she refused to give any details of the Major’s eccentric way of life.

Wenn wir WG Sebald, oder eigentlich Selysses, mit GW Strange identifizieren, so unter Mißachtung einer ganz zentralen Differenz. Während Selysses ausschließlich auf Reisen und nie zuhaus erlebt werden kann, verläßt Le Strange sein Haus und seinen Besitz überhaupt nicht. Allerdings läßt sich auch nicht behaupten, Le Strange wäre zuhaus erlebbar, allenfalls lassen sich vereinzelte Blicke über den Zaun seines Besitztums werfen. Unser Erleben des Wyndham Le Strange ist damit noch zerrissener und augenblickshafter als das des Selysses, der einmal hier und einmal da auftaucht, einmal in Italien und dann wieder in Belgien oder auch auf Korsika, so zerrissen im Fall des Majors, daß die riesigen Lücken des Erlebens sich tilgen und nur ein einziges kurzes und geradezu mystisches Erleben seiner Existenz und seiner Gestalt bleibt, im kanarienfarbenen Gehrock und umschwärmt gewesen von allem möglichen Federvieh, von Perlhühnern, Fasanen Tauben und Wachteln und den verschiedenen Garten- und Singvögeln.

Gleich zu Beginn seines ersten veröffentlichten größeren Dichtwerks kommt Sebald auf die furchtbare Separation der Geschlechter zu sprechen, die auch das Unglück der Heiligen sei. Die auffällig androgyne Gestalt des Heiligen Georg - sowohl bei Grünewald im Lindenhardter Altar als auch bei Pisanello, con cappella di paglia - scheint dem zu entkommen, die via Georg imiteinander dentifizierten Selysses und Le Strange können nicht uneingeschränkt folgen. Selysses, der immer allein reist, ist darauf angewiesen, daß er auf weibliche Mitreisende trifft, und daß Empfangsdamen ihn am Zielort erwarten. Ihr Merkmal ist häufig eine intensive Aura des Weiblichen und immer eine Distanz, die die Separation nicht furchtbar werden läßt. Lediglich mit Luciana Michelotti wird in einer halluzinierten Trauung die Separation für einen Augenblick fortgeträumt.

In Florence Barnes können wir eine verstetigte und seßhaft gewordene Empfangsdame und Mitreisende des Majors Wyndham Le Strange sehen. Über die Form ihrer Separation oder vielleicht ihrer Aufhebung erfahren wir nichts, denn mehr noch als über Le Strange schweigt sich Florence über Einzelheiten ihres Zusammenlebens mit ihm aus. Ist sie ein cœur simple wie Flauberts Félicité mit dem gleichen Initial? Hatte sie Schwierigkeiten mit der Heiligkeit ähnlich wie Félicité, die, als sie, bis dahin unberührt von jeder Schulbildung und religiösen Erziehung, eine verspätete Einführung in die Geheimnisse der Christenlehre erfuhr, sich doch nie ganz zurecht fand in der Christlichen Ordnung der Dinge und insbesondere nicht in der schwierigen Sache der heiligen Trinität.

Oder dürfen wir Florence Barnes auf der Ebene der hohen Gefährtinnen Paul Bereyters und Jacques Austerlitz’, Lucy Landau und Marie de Verneuil, sehen? Wenig spricht dagegen, daß wir in ihr, die wir nicht kennen, beides sehen und damit ein anderes, drittes.

Was den ererbten Reichtum anbelangt, so lesen wir: Beyond wanting to buy a bungalow in Beccles for herself and her sister, she had no idea what to do with it. – In dem fingierten Zeitungsartikel, der uns ausführlicher als an anderen Stellen erlaubt, Sebald als Prosadichter in englischer Sprache zu würdigen, stoßen wir auf das große Thema der Heiligen, die ihren ererbten Reichtum nicht nutzen oder fortgeben. In der säkularisierten Form hat bereits Thomas Bernhard das Thema gern und häufig aufgegriffen. Offenbar hat Florence Barnes sich von Le Stranges Heiligkeit infizieren lassen, wenn auch mit einer milden Form der heiligen Krankheit, sie ist eine Soldatin in der Kohorte des Georgius Miles, ihr Leben ist unschuldig verlaufen, das mönchische Schweigen war ihr keine Last. Le Strange und Florence Barnes haben siebenunddreißig gemeinsame Lebensjahre verbracht, als sie sich kennenlernten war sie zwanzig und er vierzig. Es war eine sehr dauerhafte und, nach dem wenigen, das zu sehen ist, auch glückliche Verbindung.

Klangfarbe

Fast lautlose Klage

Noch im ersten Drittel des monumentalen Werkes vermerkt der Icherzähler in Peter Weiss’ Ästhetik des Widerstands, der einerseits unermüdlich und unerschrocken für Freiheit und Revolution kämpft und andererseits Dichter werden will, eine Klangfarbe habe sich eingestellt, die es ihm möglich erscheinen ließe, allen Gedanken und Erfahrungen Ausdruck zu geben. Im Umkehrschluß ist zu vermuten, ohne die gefundene Klangfarbe ließe sich weniges nur oder gar nichts ausdrücken und ferner: ohne die Klangfarbe zerfiele das zum Ausdruck Gebrachte zu Asche.

Sebald wird ein bestimmter, für ihn charakteristischer Sound nachgesagt, mit Klangfarbe recht gut ins Deutsche übertragen. Nicht alle aber können den Sound hören oder die Klangfarbe wahrnehmen. In jedem Fall scheint es so, als hielten viele Interpreten für wahr, alle vom Thema des Holocausts Affizierten Schriftsteller, Améry, Simon, Weiss, Sebald, hätten den gleichen Sound, nämlich den notgedrungen tonlosen des Holocaust, und folglich müsse man sich um Fragen dieser Art bei ihnen weiter nicht kümmern. Aber schon die Klangfarben bei Sebald und Weiss sind so unterschiedlich wie nur denkbar. Erscheint uns Sebald als der Dichter der lächelnden Sätze, so steigt in den tausendzweihundert steinernen Seiten der Widerstandsästhetik weder dem Autor noch einer seiner zahllosen Figuren je ein Lächeln in die Augen, und kein Mundwinkel bewegt sich.

Tonlos ist er nicht, der Widerhall der lautlosen und obendrein längst schon verstummten Klage, die seit nahezu siebenhundert Jahren von den über dem unendlichen Unglück schwebenden Engeln auf einem Fresco des Malers Giotto erhoben wird. Wie ein Dröhnen war diese Klage zu hören in der Stille der Kapelle des Enrico Scrovegni zu Padua. Die Engel selbst aber hatten die Brauen im Schmerz so sehr zusammengezogen, daß man hätte meinen können, sie hätten die Augen verbunden. Und sind nicht, dachte ich mir, die weißen Flügel mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde das weitaus Wunderbarste von allem, was wir uns jemals haben ausdenken können?

Dem aufmerksamen Leser entgeht nicht, daß die Einschätzung als wunderbar und Wunderbarstes nach den Regeln der Sprache allein auf die Färbung der Flügel zu beziehen ist und damit ein Motiv aufgreift, das bei Sebald auch in der gleichsam säkularisierten Form auftritt: Die Farbgebung Federkleids der Enten, insbesondere das Dunkelgrüne und das Schneeweiße, als die einzige mögliche Antwort erschienen auf die Fragen, die mich von jeher bewegten. So könnte auch Weiss gedacht haben, dem als Maler, der er auch gewesen ist, sicher klar war, daß sich Antworten ebenso gut wie aus einer Klangfarbe aus einem Farbklang ergeben können und ohne das eine oder das andere oder ein drittes von dieser Art alle Antworten der wichtigen Art ausbleiben müssen.

Der aufmerksame Leser mit Hang zum Peniblen ist nicht unbedingt der beste, im anstehenden Fall mag es ihm an Gespür dafür fehlen, daß das Wunderbare auf den gesamten Absatz und die lautlose Klage in der Stille der Kapelle ausstrahlt. Wenn in dem Pisanello zugeschriebenen Prinzip, daß allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird, auch ein Darstellungsprinzip auch der Prosa Sebalds zu sehen ist; wenn Thomas Browne als Bewegungsideal der Prosa abgelesen wird, daß es ihr gelinge, von der Erde abzuheben mitsamt ihrer Fracht, um sich höher und höher tragen zu lassen wie ein Segler auf den warmen Strömungen der Luft, damit selbst den Leser ein Gefühl der Levitation ergreift; wenn das also richtig ist, so kann vielleicht der Beschreibung des Frescos in der Kapelle des Enrico Scrovegni ein Hinweis auf die angestrebte Klangfarbe der Prosa entnommen werden: es ist die der schönen, fast lautlosen Klage in einem stillen Raum. Wer außer Selysses hat die hellgrünen Spuren der Veroneser Erde gesehen in den Engelsflügeln, wer hat ähnlich tief die Klage der Engel empfunden und wer getraut sich, ihre Klage als Klangfarbe seiner Prosa wahrzunehmen, wo sie doch nach verbreiteter Auffassung bei einem sogenannten prime speaker of the Holocaust nur als anstößig gelten müßte. Tatsächlich sind entsprechende Vorwürfe erhoben worden. Läßt man aber die abwegige Einordnung als prime speaker of the Holocaust fallen, kann man fortfahren in den Überlegungen.

Natürlich hat Sebalds Prosa weder den Farbklang noch die Klangfarbe des spätmittelalterlichen-frühneuzeitlichen von Giotto gemalten Freskos. Über Sebalds Welt schweben keine Engel, wir hören ihre Klage nicht, sie hören nicht die unsrige und können sie auch nicht weiterleiten, da der Adressat verloren gegangen ist. Sebalds Klageton ist der einer Menschheit, die mit ihrer Klage allein zurecht kommen muß. Abprallend von der Wand, hinter der einst das Absolute vermutet und benannt wurde, ändert sie ihre Klangfarbe. Ein Verlust des Wunderbaren und Schönen aber ist bei Sebald nicht zu beklagen, auch wenn der Himmel offenbar verloren ging und die Menschen auf Hilfe nicht hoffen können.

Bei Flaubert wird beobachtet, wie die Erkundung der Seelenzustände auf die intimste und zugleich diskreteste Weise vonstatten geht, ohne aber, wäre hinzuzufügen, daß der Autor seine tatsächliche oder vorgeschobenen Kälte für einen Augenblick ablegt, umso auffälliger, wenn wir ihn durch die Fenster der ungleich angenehmer temperierten Räume Sebalds betrachten. Hier, in diesen Räumen, herrscht die Atmosphäre eines milden Spotts, wie er dem Zustand einer verlassenen Menschheit zukommt, in dem wir uns gegenseitig in unserer Schwäche sehen und erkennen, ein milder Spott über die umfassende Unzulänglichkeit der Existenz. Der Spott hat dabei nur das winzige Ausmaß der hellgrünen Spuren der Veroneser Erde, er verleiht der Milde Würze und Halt und ist nichts anderes als eine Form der Liebe, heilsamer Spott auch, wenn etwa Kafka, der nichts mehr fürchtet als die auf ihn gerichteten Augen der anderen, erzählt wird, die geschlossen auf dem Marktplatz von Desenzano versammelte Bevölkerung schaue allein auf ihn. Die Liebe verführt keinen Augenblick zu der Annahme, alles sei gut, und beeinträchtigt nicht das Wissen, daß kaum etwas gut ist. Die wunderbare lautlose Klage kann nicht verstummen, und die Liebe gilt längst nicht allen, sondern nur denen, die die ungute Welt in gewisser Weise verlassen haben, den Soldaten in der Kohorte des Georgius Miles. Aber auch alle anderen können sich trösten, denn früher oder später, das steht außer Frage, werden auch sie sich aus der Welt zurückziehen müssen.

Die Schwindel.Gefühle haben wir gelesen als einen einzigen Versuch, Kafka und mit ihm all die anderen Untröstlichen aufzuheitern. Auf den Tag genau ein Jahr nach dem Beginn meiner Reise, heißt es zu Beginn der Ringe des Saturn, wurde ich, in einem Zustand nahezu gänzlicher Unbeweglichkeit in das Spital eingeliefert wurde, wo ich dann, in Gedanken zumindest, begonnen habe mit der Niederschrift der nachstehenden Seiten. Bei Einbruch der Dämmerung war es mir irgendwie gelungen auf allen vieren die Wand zu erreichen und trotz der damit verbundenen Schmerzen mich aufzurichten, indem ich mich an der Fensterbrüstung mühsam emporzog. In der krampfhaften Haltung eines Wesens, das sich zum ersten Mal von der ebenen Erde erhoben hat, stand ich gegen die Glasscheibe gelehnt und mußte unwillkürlich an die Szene denken, in der der arme Gregor, mit zitternden Beinchen an die Sessellehne sich klammernd aus seinem Kabinett herausblickt in undeutlicher Erinnerung, wie es heißt, an das Befreiende, das früher einmal für ihn darin gelegen war, aus dem Fenster zu schauen.

Der Blick geht zurück zu Giottos Engeln, die in ihrer gedrungenen Aerodynamik durchaus etwas Hummelhaftes haben. Nicht selten haben wir auch einen Käfer beobachtet, wie er, ganz doch, wie es schien, auf seine wenig behende Art der Vorwärtsbewegung am Boden verwiesen, unversehens innehielt für einen Augenblick, um dann zu unseren erstaunten Erschrecken einfach fortzufliegen. Vielleicht geht es darum, die Fenster aufzustoßen und Gregor an seine vergessene Flugfähigkeit zu erinnern. Selysses erlernt wenige Seiten später von Thomas Browne die Kunst der Levitation und mit ihm lassen wir uns höher und höher tragen zu lassen Segler auf den warmen Strömungen der Luft über dem Osten Englands und bis nach Afrika und China. Außer Frage steht, daß Kafka dabei ist, zumal beim Ausflug nach China, wo er sich in seinen Schreibträumen so gern und kenntnisreich aufgehalten hat, auch wenn er und seine Erlebnisse in diesem Buch weiter nicht weiter erwähnt werden.

Donnerstag, 7. Oktober 2010

George Wyndham Le Strange

MWGS & MGWS

De nada me valieron el fulgor y el dragón y el San Jorge
In seinem Essay Donner à Voir im Band Searching for Sebald klärt Adrian Daub darüber auf, daß der Major George Wyndham Le Strange in den Ringen des Saturn eine fiktive Gestalt ist. Der Zeitungssausriß Housekeeper Rewarded for Silent Dinners, der das Gegenteil und die leibhaftige Realität des Majors belegen soll, ist von Sebald gefälscht oder, besser: fabriziert worden. Nun ist das in keiner Hinsicht eine Entdeckung, die den Sebaldleser und -freund aus der Bahn wirft. Ihm war so oder so klar, daß George Wyndham Le Strange dem Herzen des Dichters besonders nahe steht, ob er seinen Glanz nun dem Grau einer realen Gestalt abgewonnen oder ob er seinem strahlenden Helden gleich noch ein vorgeblich reales Substrat hinzugedichtet hat. Die zweite Version schien angesichts ihrer sebaldtypischen Hinterlist ohnehin die wahrscheinlichere.

Führen wir uns George Wyndham Le Strange vor Augen: Er nimmt an der Befreiung von Bergen Belsen teil und zieht sich anschließend in noch recht jungen Jahren auf seine Landgüter zurück, um in eigenwilliger Weise Logis in einem Landhaus zu beziehen. Als Haushälterin verschreibt er sich eine einfache junge Frau namens Florence Barnes unter der ausdrücklichen Bedingung, daß sie die von ihr zubereiteten Mahlzeiten mit ihm gemeinsam, aber unter Wahrung absoluten Stillschweigens einnimmt. Le Strange sei in seinem späteren Alter, weil er seine Garderobe völlig abgetragen hatte und neue Stücke sich nicht mehr zulegen wollte, in Kleidern aus früheren Zeiten herumgegangen, die er bei Bedarf aus den Kästen auf dem Dachboden seines Hauses hervorholte. Es gab Leute, die behaupteten, ihn gelegentlich gesehen zu haben in einem kanarienfarbenen Gehrock (vielleicht derselbe gelbe Rock, den Stendhal sich besorgt hatte, um, wie er glaubte, Métilde Dembowski inkognito beobachten zu können, eine völlige Fehleinschätzung, wie sich bald erwies) oder einer Art Trauermantel aus verschossenem veilchenfarbenen Taft mit vielen Knöpfen und Ösen. Auch hieß es, Le Strange, der immer schon einen zahmen Hahn auf seinem Zimmer gehalten hatte, sei nachmals ständig umschwärmt gewesen von allem möglichen Federvieh, von Perlhühnern, Fasanen Tauben und Wachteln und den verschiedenen Garten- und Singvögeln, die teils am Boden um ihn herumliefen, teils in der Luft ihn umflogen. Einmal im Sommer habe Le Strange in seinem Garten eine Höhle ausgehoben, in der er tage- und nächtelang gesessen sei gleich dem heiligen Hieronymus in der Wüste.

Adrian Daubs Nachweis erleichtert die Entdeckung und Deutung der Gleichheit der Initialen von George Wyndham Le Strange (GWS) und W.G. Sebald (WGS), die jetzt, angesichts der Fiktionalität des Helden, nicht mehr als naturgegeben, sondern nur noch als gewollt gelten kann. Die vermutete Identifikation Sebalds mit seinem Helden ist für den Sebaldleser und -freund fortan eine unumstößliche Wahrheit. Offen bleibt dabei, was Identifikation näher bedeuten mag.

In der Erzählung Ambros Adelwarth schildert Sebald einen verfehlten und mißlingenden Identifikationsversuch: Es folgte eine kurze Phase der inneren Amerikanisierung meiner Person, während der ich streckenweise zu Pferd, streckenweise in einem dunkelbraunen Oldsmobile die Vereinigten Staaten in allen Himmelsrichtungen durchquerte, und die ihren Höhepunkt erreichte zwischen dem sechzehnten und siebzehnten Lebensjahr, als ich die Geistes- und Körperhaltung eines Hemingway-Helden an mir auszubilden versuchte, ein Simulationsprojekt, das aus verschiedenen Gründen, die man sich denken kann, von vornherein zum Scheitern verurteilt war.

Eine andere und erfolgreichere, vom Autor nicht mit gleicher Offenheit eingestandene ist die mit dem Namenspatron Georg. Diese Identifikation zielt nicht auf die Ausbildung einer vergleichbaren Geistes- oder gar Körperhaltung und hat vielmehr den Charakter eines Wiedererkennens bestimmter Komponenten der Lebenssituation, naturgemäß begünstig für Sebald, der immer nur ungern über eine Koinzidenz hinweggegangen ist, durch die Namensgleichheit.

Eine frühe Begegnung mit dem Heiligen hatte Seylsses bereits als Kind noch vor der Hemingwayanwandlung in seinem Heimatort W. gemacht. Sein Weg ging am Lehrerhaus und am Kaplanhaus vorbei die hohe Friedhofsmauer entlang, an deren Ende der heilige Georg ohne Unterlaß mit seinem Spieß dem zu seinen Füßen liegenden greifartigen Vogeltier den Rachen durchbohrte; er bohrt bis auf den heutigen Tag. Mag sein, daß bereits damals eine erste tastende und eher ratlose Phase der Identifikation eingesetzt hat. Erkennbar hat sich Sebald-Selysses dann später mit dem Heiligen Georg identifiziert in zwei Bildwerken, der linken Tafel des Lindenhardter Altars von Grünewald, wo Georgius Miles, der Mann mit eisernem Rumpf, erzen geründeter Brust, rotgoldenem Haupthaar und silbernen weiblichen Zügen offenbar auf dem Sprung ist, die Welt des Mittelalters zu verlassen, dessen Vertreter ihn umringen in Gestalt der verbleibenden heiligen Nothelfer; und sodann Pisanellos San Giorgio con capello di paglia, zur Linken die alte Welt in dunklem Gewand und mit strengem Blick, rechts San Giorgio im Licht mit den ausdrücklichen Merkmalen der herzbewegenden Weltlichkeit und der schutzlosen Unschuld. Das Böse hat sein Leben ausgehaucht. Die Jungfrau mit dem Erlöserkind verbleibt im Schwebezustand darüber. Die Identifikation betrifft den kurzen Augenblick der Hoffnung auf eine bessere Zeit beim Ausgang von der alten zur neuen Zeit, ein Hoffnungsaugenblick, der sich wiederholte, als Sebald geboren wurde und das Dritte Reich endlich sein Leben aushauchte.

Adrian Daub richtet seine besondere Aufmerksamkeit auf das Photo, daß in den Ringen des Saturn Bergen Belsen darstellen soll, an dessen Befreiung Wyndham Le Strange teilgenommen haben soll. Die Eigenartigkeit dieses Bildes ist auch dem aufgefallen, dessen Aufmerksamkeit eher auf die Prosa gerichtet blieb. Insbesondere in der Vollversion der Eichbornausgabe und dann, wenn der Blick auf die obere Bildhälfte fällt, wird man es zuerst der Gattung der Baum- und Waldphotos zurechnen, die Sebalds überbordender und immer überbordend schöner Baum- und Waldprosa entsprechen; senkt sich der Blick langsam gegen die untere Bildhälfte, mag es scheinen als habe eine der Nomadenscharen, die Selysses überall begegnen - in der ganzseitigen Illustration der Wüste Sinai, auf italienischen Bahnhöfen, in der neuen Pariser Nationalbibliothek - hier ihr Lager aufgeschlagen. Erst bei weiterer Vertiefung würde sich bei dieser Blickfolge die schreckliche Wahrheit des Bildes enthüllen.

Drei Gründe, neben den bereits von Daub dargelegten, könnten für die Wahl dieses Photos sprechen. Einmal die besondere Dezenz, zu der Sebald, der an der Befreiung Bergen Belsens nicht teilgenommen hat, sich genötigt sah, also keine umstandslosen Leichenberge, und zum anderen der symbolische Bildgehalt: Die Welt schluckt auch das unermeßlichste Grauen und zwar, so skandalös es ein mag, in Schönheit, in der Schönheit der Bäume und Wälder. Die dritte Möglichkeit aber heißt: es ist der Wald, in dem der Heilige Georg, in der Darstellung Altdorfers, den Drachen getötet hat, denn immerhin wurde Bergen Belsen befreit und der Drachen des Bösen niedergerungen, auch wenn der Sieg natürlich viel zu spät kam und auch nichts mehr ändern konnte an der totalen Niederlage des Menschseins.

Zur Linken und zur Mitte hin ein Saum dunkelgrüner Baumwipfel, zur Rechten die glorreiche Erscheinung des Ritters, der ihm gerade gegenübergetreten ist und von dem etwas herzbewegend Weltliches ausgeht. Der Drache, ein geringeltes, geflügeltes Tier, hat sein Leben bereits ausgehaucht. Die aus weißem Metall geschmiedete, kunstreiche Rüstung versammelt auf sich allen Abendschein. Nicht der geringste Schatten der Schuldhaftigkeit fällt auf das jugendliche Gesicht Georgs. Schutzlos sind Nacken und Hals dem Betrachter preisgegeben. Die Komposition des Pisanellogemäldes, so wie Selysses es sieht, entspricht in seiner Komposition der Wyndham Le Strange gewidmete Textabschnitt. Der dunkle Wald von Bergen Belsen ist verlassen, Le Strange steht da in der Helle seines kanarienfarbenen Rocks und der Gloriole des ihm umschwärmenden Federviehs: Ich wüßte gern, wie Pisanello auf den Gedanken gekommen ist, den heiligen Georg ausgerechnet mit einer solchen, angesichts der Umstände eigentlich unpassenden, ja geradezu extravaganten Kopfbedeckung auszustaffieren. San Giorgio con cappella di paglia. An Extravaganz nicht nur der Gloriole übertrifft Le Strange Pisanellos Giorgio um Längen.

Neben dem Sebalds Werk prägenden Willen, Verbrechen und Leid nicht zu vergessen, steht die Sehnsucht, herauszutreten aus dem Wald der Schuld. Wenn Wyndham Le Strange sich in den Heiligen Franz in einer Wolke von Federvieh und in den Heiligen Hieronymus verwandelt - ein wahrhaft flimmernder Hintergrund von Heiligkeit -, nicht aber in den Heiligen Georg, dann nur, weil er Georg ist in einer zeitgemäßen Inkarnation. Ein Major ist eine Untergattung des Miles, die parallelen Initialreihen verlängern sich von WGS und GWS in MWGS und MGWS, Miles Sebald-Selysses ist Major Wyndham ist Miles Georgius ist Wyndham Le Strange.

Natürlich ist Georgius Miles nicht mehr derselbe, der er einmal war. Er ist alt geworden, er tritt nicht mehr hoffnungsfroh heraus aus dem Tableau in die neue Welt, der Drache hat sein Leben keineswegs ausgehaucht, der Schritt heraus führt den modernen Heiligen wieder, wie viele Vorgänger des Heiligen Georg, nicht in eine hoffnungsfrohe Zukunft, sondern heraus aus der Welt, so wie Georg selbst, in der Inkarnation des Wyndham, die Gestalt des weltflüchtigen Hieronymus annimmt. Der Major George Wyndham ist Georgius Miles als Le Strange, ein der Welt Fremder, nicht im Sinne Camus, sondern im Sinne Sebalds, als jemand, der dem Grauen ins Auge geschaut hat und als jemand mit einem von Tag zu Tag unschuldiger werdenden Leben in einer schuldbeladenen Welt, so wie die Ashburys, wie Janine Rosalind Dakyns und Michael Parkinson, wie Dr. Abramsky in der Narrenburg Haus Samaria, wie der Richter Frederick Farrar, der nur noch mit Entsetzen zurückschaut auf sein mehr als ein halbes Jahrhundert in Anwaltskanzleien und Gerichtshöfen zugebrachtes Leben und wie viele andere in Sebalds Personal auch noch, lauter auf ihre Art glückliche Menschen, lauter Soldaten in der Kohorte des Georgius Miles. Selysses hatte Mrs. Ashburys unausgesprochenen Aufforderung verspürt, er möge bei ihnen bleiben und ihr Leben teilen, daß er es nicht getan habe – dieses Versagen ziehe ihm heute noch manchmal wie ein Schatten über die Seele: aber er ist ja geblieben und hat ihrer aller nach dem Vorbild des Heiligen in schutzloser Unschuld geführtes Leben aufgezeichnet.

Der Verfasser dieses kleinen Sebaldstückes versucht verzweifelt, seine Initialen in einer Weise zu ordnen, die ihm eine Annäherung an das glorreiche Trio Selysses, Le Strange und Georgius ermöglichen. Aber selbst unter Aufbietung aller in seinem schon länger andauernden Leben verwendeten Pseudonyme läßt sich nichts ausrichten. Wie man es auch dreht und wendet, die Distanz bleibt gewaltig.