Freitag, 30. Dezember 2011

Sommerzeit

Aus dem Schattenreich
Kommentar
Es ist leicht, am Anfang des Sommers lustig zu sein. Man hat ein lebhaftes Herz, einen leidlichen Gang und ist dem künftigen Leben ziemlich geneigt. Man erwartet Orientalisch-Merkwürdiges und leugnet es wieder mit komischer Verbeugung und mit baumelnder Rede, welches bewegte Spiel behaglich und zitternd macht. Man sitzt im durcheinandergeworfenen Bettzeug und schaut auf die Uhr. Sie zeigt den späten Vormittag. Wir aber malen den Abend mit gut gedämpften Farben und Fernsichten, die sich ausdehnen. Und wir reiben unsere Hände vor Freude rot, weil unsere Schatten lang und so schön abendlich sind. Wir schmücken uns in der innern Hoffnung, daß der Schmuck unsere Natur sein wird. Und wenn man uns nach unserm beabsichtigten Leben fragt, so gewöhnen wir uns im Frühsommer eine ausgebreitete Handbewegung als Antwort an, die nach einer Weile sinkend wird, als sei es lächerlich unnötig, sichere Dinge zu beschwören. Aber die Hand sinkt weiter und weiter, ohne daß wir es bemerken, und wenn erst die Hundstage ihrem Ende zugehen, wissen wir nicht, wie wir der sich ausbreitenden Leere entkommen können. Es erscheint uns jetzt, als ob der alte Aberglaube, daß bestimmte Krankheiten des Gemüts und des Körpers sich mit Vorliebe unter dem Zeichen des Hundssterns in uns festsetzen, möglicherweise seine Berechtigung hat. Mühsam ziehen wir uns an der Fensterbrüstung empor, und in der krampfhaften Haltung eines Wesens, das sich zum ersten Mal von der ebenen Erde erhoben hat, stehen wir dann gegen die Glasscheibe gelehnt, und mit trübe gewordenen Augen erkennen wir in der stillen Straße, in der wir seit Jahren wohnen, nicht mehr und halten sie für eine graue Einöde.

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Kommentar Credo

Einiges spricht dafür, daß sich hier ein Textproduzent, womöglich gar ein Dichter zum komplizierten Geschäft des Lesens äußert, zu zwei verschiedenen Formen des Lesens, um genau zu sein. Zunächst sehen wir ihn in einer größeren Bibliothek, vielleicht der alten Nationalbibliothek in der rue Richelieu, bei der Recherche für die nächste Publikation. Der Blick gleitet hinüber zu einem schon älteren Geistesarbeiter, dem die verbleibenden Jahre wohl nicht mehr ausreichen werden, um bei der Arbeit am Lexikon noch zum Ω zu gelangen, und die verzerrten Spiegelbilder in den alten Glasscheiben werden zum Inbild der eigenen Sterblichkeit. Am Abend dann, im heimischen Bücherzimmer, so nehmen wir an, liest er die Bücher der Kollegen und spiegelt in ihnen, wie immer gewellt und gekräuselt, sich selbst und die eigenen Absichten als Autor. Eine Axt sein soll das Buch des Dichters für das gefrorene Meer in uns, daran glaubt er. An anderer Stelle in den bereits veröffentlichten Büchern hatte er erwogen, ob nicht die inwendige Vereisung und Verödung am Ende die Voraussetzung dafür sei, daß man, vermittels einer Art schwindelhafter Schaustellerei die Welt glauben machen kann, das arme Herz stünde noch in Flammen.

Dienstag, 27. Dezember 2011

Einfache Leute

In oculis infantis

Johann Peter Hebel zählte zu den von Sebald in besonderem Maße geschätzten Autoren, er hat ihn zu sich ins Landhaus eingeladen. Bei Hebel ist die Welt in einem Gleichgewicht, das für viele fortlebt als Kindheitstraum, eine Welt, in der alles zum Besten geordnet scheint. Dem blind und taub sich fortwälzenden Prozeß der Geschichte hält Hebel Begebenheiten entgegen, in denen das ausgestandene Unglück entgolten wird, auf jeden Feldzug folgt ein Friedenschluß, jedes Rätsel, das uns aufgegeben wird, hat eine Lösung, und selbst die kuriosesten Kreaturen wie die Prozessionsspinner und die fliegenden Fische haben ihren Platz in der auf das sorgfältigste austarierten Ordnung. Das aufs Haar gleiche Erleben wie bei der Hebellektüre wiederholt sich im erzählerischen Werk, als Selysses unterwegs im Zug nach Mailand im Beredten Italiener liest, einem praktischen Hülfsbuch der italienischen Umgangssprache, in dem alles auf das beste geordnet war, so als setze sich die Welt tatsächlich bloß aus Wörtern zusammen, als wäre auch das Entsetzlichste in Sicherheit gebracht, als gäbe es zu jedem Teil ein Gegenteil, zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge auch ein Stück Wahrheit. Wenn man so will, sind die Schwindel.Gefühle insgesamt ein Ritorno in patria, in infanzia, schon unterwegs im Zug nach Mailand tritt der reine Kindheitstraum auf dem Niveau der Leselernfibel ohne jede literarische Rechtfertigung ans Tageslicht.

Faßt Selysses die Menschheit ins Auge, so sieht er eine fehlgeleitete und in jeder Hinsicht zum Scheitern verurteilte Art. Auch ganzen Nationen geht es nicht besser in der Beurteilung, nicht der deutschen und nicht der belgischen, die mit ihrer Hauptstadt Brüssel stellvertretend für Europa steht und mit ihrem König Leopold II stellvertretend für die europäischen Kolonialverbrechen. Nach Berufen oder Verhaltensweise geordneten Gruppen wie die Goldgräber in der City of London oder die lärmenden Touristen unter dem Hotelfenster in Limone werden schonungslos beiseitegeschoben. Auf der Ebene einzelner Menschen ändert sich die Haltung. Individuelle Schurken begegnen nicht, wenn man absieht von diversen historischen Führergestalten und ihren Gefolgsleuten. Dabei verklärt sich der Blick keineswegs, der eine oder andere ist Gegenstand offenkundigen Unmuts, so der Brotzeiter im Zug nach Kissingen. Es überwiegen aber die schönen Erlebnisse, die beiden Leserinnen im Zug nach Mailand, die um ihren Sohn besorgte Mutter im Zug nach Bozen, gar nicht zu reden von der Winterkönigin im Zug nach Bonn. Wohlgefallen erwecken auch durchweg die sogenannten kleinen Leute.

Auch die Empfangsdamen wären bei textunabhängiger soziologischer Sortierung wohl zu den kleinen Leuten zu zählen, auch viele der Mitreisenden, textintern haben sie aber eine ganz andere Bedeutung. Ohnehin und deutlich unterschieden sind die kleinen Leute von den wittgensteinesken Gestalten in Sebalds Werk, den säkularen Heiligen, und des weiteren von Personengruppen, die im Werk so gut wie nicht auftreten, so dem Mittelstandspersonal mit seinen sogenannten Beziehungsproblemen, dessen segensreiche Absenz nicht der geringste Grund ist für die tiefe Erholsamkeit der Bücher Sebalds. Das eigentliche Charakteristikum der einfachen Leute, oft Kleingewerbetreibende, liegt gar nicht in ihnen selbst, sondern in dem Umstand, daß sie von Kinderaugen wahrgenommen werden, in denen sie Ewigkeitsgestalt gewinnen. Sie sind daher das krasse Gegenteil der Empfangsdamen und Reisenden, deren Wesen in ihrem flüchtigen Vorbeiziehen besteht.
Der Ritorno in patria ist eine Rückkehr vor allem auch zu den einfachen Leuten. Wir treffen den Buchdrucker Specht, der seit ewigen Zeiten und ohne jede Mithilfe das vierseitige Botenblatt geschrieben, redigiert, gesetzt und gedruckt hat und, wie das bei den Druckern nicht selten vorkommt, ein äußerst in sich gekehrter Mensch gewesen ist. Zudem ist er vom vielen Hantieren mit den Bleisätzen immer kleiner und grauer geworden. Er trug jahraus, jahrein einen grauen Kattunmantel, der nahezu an den Boden reichte und hatte eine runde Stahlbrille auf. Am Abend aber sah man ihn am Schein der Lampe am Küchentisch sitzen und die Artikel und Berichte schreiben, die in den Landboten aufgenommen werden sollten. Wir treffen die Schwestern Babett und Bina, die das Café Alpenrose betreiben, in das niemand jemals hineingegangen ist. Die Haustür war immer offen, und alle paar Minuten erschien unter ihr die Bina, um Ausschau zu halten nach den Gästen, die irgendwann doch einmal kommen mußten. In einem Glassturz stand neben dem am vorigen Samstag gebackenen Apfelkuchen der frische Gugelhupf oder umgekehrt, so daß also ein Gast, der am Samstagnachmittag gekommen wäre, zwischen zwei Kuchen hätte wählen können. Am Sonntagnachmittag war diese Möglichkeit dann nicht mehr gegeben, denn die Babett und die Bina hatten entweder den alten Apfelkuchen oder den alten Gugelhupf zum Sonntagnachmittagkaffee verspeist. Wir treffen auch die im Posthalterhaus wohnende Modistin Valerie Schwarz, die aus dem Böhmischen stammte und die trotz ihrer geringen Körpergröße eine Brust besaß von Ausmaßen, wie man sie später nur noch einmal, und zwar an der Trafikantin in Fellinis Film Amarcord gesehen hat. In den Moment Musicaux reist Selysses ein weiteres Mal in patria e infanzia und macht uns neben anderen mit dem Adam Herz bekannt, einem entlaufenen Klosterbruder, der jetzt als Stallknecht sein Auskommen fand. Jeden Sonntag schrie der Herz mit der Inbrunst eines von furchtbaren Seelenschmerzen um seinen Verstand gebrachten Menschen die katholischen Kirchenlieder, die er sämtlich auswendig kannte, aus sich heraus. Sein Gesicht war dabei mit einem qualvollen Ausdruck aufwärts gekehrt, die Kinnlade war vorgeschoben, und die Augen waren geschlossen.

Die einfachen Leute sind einfach in ihrer gesellschaftlichen Stellung und in ihrer materiellen Lebenssituation, vor allem aber auch, weil die Schlichtheit und Geradlinigkeit ihres Wesens in der Wahrnehmung immens gesteigert ist. In den Augen des Kindes sind diese Menschen auf einige Merkmale und Verhaltensweisen äußerster Konstanz und ständiger Wiederholung reduziert, die ihnen nahezu ein Ewigkeitsvermögen verleiht. Immer wird man den Specht am Abend durch das Fenster beim Schein der Lampe sehen, immer werden die beiden Cafébetreiberinnen am Sonntagnachmittag den einen oder den anderen Kuchen verspeisen, und von einer Zeit, als die Brust der Valerie Schwarz noch nicht ihr überwältigendes Ausmaß erreicht hatte, kann niemand berichten. In ihrem Gleichmaß sind sie Garanten der geordneten Welt. Alle sind sie eingebunden in ihre Besonderheit, die Verbundenheit liegt sehr weit entfernt, sehr tief, nicht auszuschließen, daß sie der eigentliche Erzählgegenstand ist.

Ganz wie die des Selysses ist die Kindheit seines Doppelgängers Austerlitz von einfachen Leuten begleitet. In Wales ist er jede freie Stunde bei Evan, dem Schuster gesessen, der nicht weit vom Predigerhaus seine Werkstatt hatte und in dem Ruf stand, ein Geisterseher zu sein und von dem er, förmlich im Flug, das Walisische gelernt hat. Bereits in Prag, wie er sich dann erinnert, durch das Fenster, gerade wie in W. den Drucker Specht, den Schneider Moravec beobachtet, der sein schweres, mit Kohlenglut gefülltes Bügeleisen durch die Luft schwenkte und am Ende des Tages dann den mit Filz überzogenen Arbeitstisch abräumte, ein doppeltes Zeitungsblatt auf ihm ausbreitete und auf diesem Zeitungsblatt das Nachtessen, auf das er gewiß die längste Zeit sich schon gefreut hatte. Als, wenn man so sagen kann, gegenteiliger Zwilling der Modistin Valerie Schwarz tritt die Tante Otýlie in Erscheinung, ein alleinstehendes Fräulein von einer beängstigend zierlichen Statur, die schon seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ein Handschuhgeschäft an der Šeříková führte. Sie trug stets ein schwarzseidenes plissiertes Überkleid mit einem abnehmbaren Kragen aus weißer Spitze und bewegte sich in einer kleinen Wolke aus Maiglöckchenduft.

Auch die Reise nach Amerika wird für Selysses zu einer Reise in patria. Um seine Erinnerungen an den Onkel Ambros, die Tante Theres, die Lina und auch die Rosa anzureichern, besucht er die Tante Fini und den Onkel Kasimir, Spengler seines Zeichnens, in Newark, alles einfache Leute. Das Ölgemälde an der Wand, kommentiert die Tante Fini ein Photo aus dem Album, stellt unseren Heimatort W. dar. Es gilt inzwischen als verschollen. Nicht einmal der Onkel Kasimir, der es als ein Abschiedsgeschenk der Eltern zusammengerollt in einer Pappdeckelrolle mit nach New York gebracht hat, weiß, wo es hingekommen sein kann. Das Ölgemälde, soviel erkennt man, zählt nicht zu der Sorte, die den Kunstsinn des Selysses entfachen konnte, dennoch folgt er dem Bericht der Tante mit freundlichem Interesse. In der Krummenbacher Kapelle hatte er schönes Mitgefühl gezeigt für die ungeschickte Hand des Malers der vierzehn kleinen Kreuzwegstationen, der sich vielleicht nicht weniger gemüht hatte als Tiepolo bei einem seiner großen Deckengemälde. Warum verfolgt er dann mit so nachhaltiger Häme den mit einer spürbar geschickteren Hand ausgestatteten Maler Hengge?

Hengges bevorzugtes Sujet sind die Holzknechte, die bei Sebald nicht zur hier behandelten Gruppe der einfachen Leute zählen, sondern tendenziell, wie die Bauern und die Sandler, der Trunkensucht verdächtig sind. Noch bei den Sandlern beeindruckt andererseits die spirituelle Ausrichtung. Durch die Bank hatten sie einen Zug ins Philosophische, ja sogar ins Theologische, über das Tagesgeschehen sowohl als über den Grund der Dinge, wobei es regelmäßig gerade denjenigen, die besonders lauthals das Wort ergriffen, mitten im Satz die Rede verschlug. Besonderes Wohlgefallen findet beim Dichter auch die elterliche miniaturhafte Landwirtschaft der Ramona, mit einer Kuh und einem Ochsen, zwei Geißen, zwei Schweinen und zwei Gänsen. Bloß Katzen und Hühner waren es mehrere und diese saßen und liefen bis weit hinaus in den umliegenden Felder herum. Das kleine Haus sah mit seinem geschindelten, vielfach geflickten, für die Gegend ganz ungewöhnlichen Walmdach einem auf der Hügelkappe gestrandeten Schiffchen gleich, und er Vater, der ein verschmitzter Mensch gewesen ist schaute gewöhnlich wie der Noah aus der Arche zu einem der winzigen Fenster hinaus und rauchte einen Stumpen aus seinem Waldhörnchen.

Allem Anschein nach ist es also nicht Hengges künstlerische Bindung an das Holzermotiv – wenn er ganz nach seinem eigenen Kunstsinn sich richten konnte, hat er nicht als Holzerbilder gemalt -, die den Zorn des Dichters erweckt. Die in den Schwindel.Gefühlen wiedergegebenen Beispiele für Hengges Kunstschaffen sind denn auch keine Holzerbilder, hervorstechend ist vielmehr das an der Raiffeisenkasse angebrachte Fresko einer hochaufgerichteten Schnitterin, die dasteht vor einem Feld zur Zeit der Ernte, das dem Dichter immer wie ein entsetzliches Schlachtfeld vorgekommen ist. Die Porträtierung einfacher Leute ist eine delikate Abgelegenheit. Selbst Hebel ist, ganz ohne eigenes Verschulden, der ideologische Vereinnahmung des Bildes vom schlichten Leben anheimgefallen ist. Mit welch falschem neogermanischen Zungenschlag* diese Vereinnahmung sich präsentiert, kann noch anhand von Heideggers Rede über Hebel aus dem Jahr 1957 gezeigt werden. Hengge kann nicht in gleicher Weise wie Hebel von Schuld freigesprochen werden.

Sebalds Melodien von den einfachen Leuten sind ohne Mißton. Wer sich vorstellt, die Kleingewerbetreibenden und andere ihrer Art würden fehlen in seiner Prosa, hört gleich, wie sehr sie an Klangfülle verliert, als sei im Orchester eine komplette Instrumentengruppe verstummt.

* Nicht allzu falsch und keineswegs durchgehend so: Die deutsche Schriftsprache, in der Hebels Betrachtungen und Erzählungen sprechen, ist die einfachste, hellste, zugleich bezauberndste und besinnlichste, die je geschrieben wurde. - Was wäre dagegen einzuwenden?


Mittwoch, 21. Dezember 2011

Liest Thomas Browne

The finall pyre of all things

Auf der linken Tafel tritt uns der heilige Georg entgegen. Zuvorderst steht er am Bildrand eine Handbreit über der Welt und wird gleich über die Schwelle des mittelalterlichen Rahmens treten, der ihn noch gefangen hält. Von der glorreichen Erscheinung des Ritters geht etwas herzbewegend Weltliches ausgeht. Der Drache, ein geringeltes, geflügeltes Tier, hat sein Leben bereits ausgehaucht. Die aus weißem Metall geschmiedete, kunstreiche Rüstung versammelt auf sich allen Abendschein – sollte es nicht aller Erwartung nach das Morgenlicht der neuen Zeit sein? Schutzlos sind Nacken und Hals preisgegeben: Wir sehen, der Drachentöter hatte nie eine nachhaltige Chance, ebensowenig wir, die wir alle Hoffnung in ihn gesetzt hatten.
Zwei Augenblicke einer Welt im Lot beschwört Sebald in seinem Werk. Einmal den mythischen Augenblick, der seinem Namenspatron, dem heiligen Georg gelingt, vornehmlich in der bildenden Kunst. Zur Linken steht der heilige Antonius vor einem Saum dunkelgrüner Baumwipfel, er trägt ein tiefrotes Kapuzenkleid und einen weiten erdbraunen Umhang, rechts Georg im Licht, wie wir ihn gerade betrachtet haben. Die alte und die neue Welt scheinen einig, ein leichter Vorteil nur des Neuen, auf das sich in den kommenden Jahrhunderten vermehrt die Hoffnungen richten werden. Der zweite Augenblick ist der des alemannischen Gleichgewichts im frühen 19. Jahrhundert, am schönsten abzulesen bei Hebel und fortlebend als Kindheitstraum, eine Welt, in der alles zum Besten geordnet scheint. Dem blind und taub sich fortwälzenden Prozeß der Geschichte hält Hebel Begebenheiten entgegen, in denen das ausgestandene Unglück entgolten wird, auf jeden Feldzug folgt ein Friedenschluß, jedes Rätsel, das uns aufgegeben wird, hat eine Lösung, uns selbst die kuriosesten Kreaturen wie die Prozessionsspinner und die fliegenden Fische haben ihren Platz in der auf das sorgfältigste austarierten Ordnung. Das aufs Haar gleiche Erleben wiederholt sich im erzählerischen Werk, als Selysses unterwegs im Zug nach Mailand im Beredten Italiener liest, einem praktischen Hülfsbuch der italienischen Umgangssprache ohne jeden literarischen Anspruch, in dem alles auf das beste geordnet war, so als setze sich die Welt tatsächlich bloß aus Wörtern zusammen, als wäre auch das Entsetzlichste in Sicherheit gebracht, als gäbe es zu jedem Teil ein Gegenteil, zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge auch ein Stück Wahrheit. Wer auf dem Dorfe lebt, morgens zum Bäcker geht und dort den Postboten und vielleicht den Fliesenleger trifft, dem mag es noch heute für einen Augenblick so scheinen, als sei in der Leselernfibel bereits alles Wichtige über die Welt und den Menschen gesagt worden.

Die Wahrheit aber ist wohl eine andere, das kühne Hervortreten des heiligen Georg aus dem Tableau des Mittelalters war nicht die Vorwegnahme eines endgültigen Austritts aus Unterwerfung und Unmündigkeit mithilfe der reinen nicht weniger als der praktischen Vernunft, der Schritt voran verliert sich schon bald wieder, wie der Blick auf das 17. Jahrhundert zeigt, dem sich die Ringe des Saturn besonders verpflichtet zeigen. Im Inhaltsverzeichnis ist den aufgezählten Zehn Teilen nach der Art barocker Dichter jeweils ein kleines Abstract beigegeben. Die Erzählung des Ersten Teils beginnt dann, ähnlich wie John Aubreys Erzählung seines eigenen Brief Life, mit einer astrologischen Betrachtung. Mit einer geringen Lautverschiebung – im Rahmen der insgesamt weitaus grundlegenderen und grauenhaften Verwandlung nicht weiter auffällig – wird der Wanderer Georg S. zum Käfer Gregor S. und schaut in dessen Gestalt zurück in die vergangene Zeit. Janine Rosalind Dakyns verwandelt sich in Dürers Engel der Melancholie. Spiralförmig über immer weitere Ringe des Saturn bewegt sich die Erzählung vom 17. Jahrhundert in den folgenden Teilen dann wieder bis in unsere Zeit, ohne daß Besserung zu verzeichnen wäre. Erster Gewährsmann für das 17. Jahrhundert ist Thomas Browne.

Brownes Vita wird vorgestellt, er erwirbt in Leiden den Grad eines Doktors der Medizin, und die Vermutung des Selysses geht dahin, er habe an der von Rembrandt im Bild festegehaltenen Anatomie des Dr. Tulp teilgenommen. Zweifellos handelte es sich bei dem in diesem Bild Dargestellten einesteils um eine Demonstration des unerschrockenen Forschungsdrangs der neuen Wissenschaft, andernteils aber, obzwar man das sicher weit von sich gewiesen hätte, um das archaische Ritual der Zergliederung eines Menschen, um die nach wie vor zum Register der zu verhängenden Strafen gehörende Peinigung des Fleisches des Delinquenten bis über den Tod hinaus. Das Mittelalter, der Drache, das geringelte, geflügelte Tier hat sich unbemerkt in die beginnende Neuzeit geschlichen. In diesem Zwischenreich tragen sich das Leben und die Schriften Brownes zu.

Zwei Stilideale identifiziert Sebald bei Browne und wiedererkennt sie als seine eigenen. Das eine sieht er in Verbindung mit Brownes Vater, dem Seidenhändler: to spin out. We are unwilling to spin out our thoughts into the phantasmes of sleep, läßt er wissen, um dann das Spinngeschäft am folgenden Morgen mit aller Sorgfalt wieder aufzunehmen. Als Schüler noch der unteren Klassen hatte Selysses gehofft, das Fräulein Rauch auf immer einspinnen und zu verstricken in ein Netzwerk von Zeilen und Zahlen, um dann im Sommer bereits mit seiner Lehrerin vor den Traualtar treten zu können. Herangewachsen zum Dichter spinnt Sebald, als sei er Browne’s Bruder, die Seitenfäden über alle Ringe des Saturn.

Das andere Ideal, irgendwie gegenläufig, möchte man meinen, ist das der Levitation. Zwar gelingt es Thomas Browne, unter anderem wegen dieser enormen Belastung nicht immer, von der Erde abzuheben, aber wenn er, mitsamt seiner Fracht, auf den Kreisen seiner Prosa höher und höher getragen wird wie ein Segler auf den warmen Strömungen der Luft, dann ergreift selbst den heutigen Leser noch ein Gefühl der Levitation. Vielleicht ist es nicht nur eine Selbstspiegelung, sondern eine Projektion. Man liest, Browne baue labyrinthische, bisweilen über ein, zwei Seiten sich hinziehende Satzgebilde, die Prozessionen oder Trauerzügen glichen in ihrer schieren Aufwendigkeit: In Brownes bekanntestem Werk Urne Burial zumindest findet sich aber kein Satz, der in Umfang und Gestalt dem Beschriebenen auch nur irgend nahe käme, anders als verschiedene Sätze Sebalds. Der Satz, der in Austerlitz die Stadt vorstellt, die der Führer den Juden geschenkt hat, geht sogar noch weit über das genannte, bereits gargantuahafte Maß hinaus, muß aber auch eine Last tragen, die eigentlich nicht zu tragen ist.

Der Begriff der Levitation läßt aufmerken. Schwebte nicht Grünewalds heiliger Georg im Altarbild der Pfarrkirche von Lindenhardt eine Handbreit über der Welt und was ist die extravaganten Kopfbedeckung des Heiligen in Pisanellos Gemälde San Giorgio con cappella di paglia, über die sich zu wundern Selysses vorgibt, angesichts ihres gewaltigen Ausmaßes anderes als ein an am Kopf befestigtes Sonnensegel, das den hellen, leichten Ritter im Aufwind der Abendsonne schon im nächsten Augenblick deutlich über den fest am Boden stehenden Antonius erheben wird. Und was ist die von Benjamin bemerkte ätherische Flüchtigkeit der Prosa Hebels anderes als die Folge aufschwebender Satzgebilde.

Levitation ist ein stilistisches wie auch ein philosophisches Ideal. Als gelungen kann sie nur gelten, wenn, wie im Falle Brownes, schwere Fracht und Last mitgetragen wird. Auch der Drachen unter den Füßen des Ritters ist nicht so tot, daß er sich nicht jederzeit in den gewaltigen Sporen des Ritters verschlingen und verhaken könnte. Ballast abwerfen von der Last des Daseins allerdings müssen Dädalus und alle, die ihm gleich sein wollen, dann doch, bevor sie sich in die Luft wagen, am Boden können sie nichts als Außenseiter sein ohne schweres Gepäck, gelehnt lediglich an den Strom der Zeit, nicht einbeschlossen in den Kern des blind und taub sich fortwälzenden Prozesses.

Das Ideal der Levitation ist durchdrungen von christlicher Himmelfahrtsmetaphorik. Sebald hat sich in Gesprächen wiederholt als im üblichen Sinne ungläubig ausgewiesen, gleichzeitig aber auf dem metaphysischen Impetus der Literatur bestanden. Die einzigartigen, in der Kunst verwahrten metaphysischen Leistungen des Christentums waren ihm so selbstverständlich wie sie es für Blumenberg waren, und Bach konnte noch den Radikalnihilisten Cioran, nach dessen eigenem Bekenntnis, den Tod Gottes jederzeit vergessen lassen.

Das Feuer ist für Sebald, der unter dem Eindruck einer ständig und überall kombustierenden Welt steht und wiederholt ihr Ende in einem großen Brand beschwört, der stärkste thematische Bezugspunkt in Brownes Werk. Wie leicht es auch ist, einen Menschen zu verbrennen. Wenn tatsächlich die dem Isaak aufgeladene Bürde gelangt hätte für einen Holocaust, dann könnte jeder von uns den eigenen Scheiterhaufen auf seiner Schulter tragen, und ohnehin zeigt die Wintersonne an, wie bald das Licht erlischt in der Asche, wie bald uns die Nacht umfängt.

Browne ist nicht eingesperrt in den Ersten Teil der Ringe des Saturn, er hat vielmehr das letzte Wort im Buch. Als Sohn des Seidenhändlers hatte er, so wird vermutet, viel Sinn für die Sitte, im Haus eines Verstorbenen alle Spiegel und alle Bilder mit seidenem Trauerflor zu verhängen. Gesponnen aus dem endlosen Faden des Seidenwurms und gewebt zu einem federleichten, jedem Luftzug und Aufweind preisgegebenen Tuch, ein schönes Nichts vor dem kalten Antlitz des Todes.

*

The night of time far surpasseth the day, and who knows when was the AEquinox? Weit länger währt die Nacht der Zeit als deren Tagespanne, und es weiß keiner, wann das Äquinoktium gewesen ist.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Credo

Nicht selten beschäftigte mich damals die Frage, ob ich mich in dem von einem leisen Summen, Rascheln und Räuspern erfüllten Bibliothekssaal auf der Insel der Seligen oder, im Gegenteil, in der Strafkolonie befand. Neben mir saß meist ein älterer Herr mit sorgsam gestutztem Haar und Ärmelschonern, der seit Jahrzehnten an einem Lexikon zur Kirchengeschichte arbeitete, in welchem er bis an den Buchstaben K gelangt war und das er also nie würde zu Ende bringen können. Von meinem Arbeitsplatz in der Manuskripten- und Dokumentenabteilung habe ich  oft für eine Stunde oder länger hinübergeblickt auf die hohen Fensterreihen des jenseitigen Trakts, in denen die dunklen Schieferplatten des Daches sich spiegelten, die schmalen ziegelroten Kamine, der strahlend eisblaue Himmel und die blendend schneeweiße Wetterfahne mit de aus ihr ausgeschnittenen, blau wie der Himmel selbst aufwärts segelnden Schwalbe. Die Spiegelbilder in den alten Glasscheiben waren etwas gewellt oder gekräuselt, und nicht selten sind mir bei ihrem Anblick aus irgendeinem unbegreiflichen Grund die Tränen gekommen. Ganz anders stellt sich die Frage der Bücher und des Lesens, wenn man dann am Abend und in der Nacht allein zuhaus mit den Dichtern ist, wenn man eine ihre Lebensgeschichten und Tagebücher liest, so ein Leben überblickt, das sich ohne sich ohne Lücke wieder und wieder höher türmt, so hoch, daß man es kaum mit seinem Fernglas erreicht, da kann das Gewissen nicht zur Ruhe kommen. Aber es tut gut, wenn das Gewissen breite Wunden bekommt, denn dadurch wird es empfindlicher für jeden Biß. Man sollte überhaupt nur Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch. Damit es uns glücklich macht? – glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.

Freitag, 16. Dezember 2011

Gespräche

Auf ungeheuer dünnem Eis

Wenn auch schon der Nachlaß eines Autors, den man geschätzt hat und mehr, geschlossen scheint, und dann doch noch ein weiteres Buch von ihm erscheint, ist die Freude naturgemäß groß. So war es bei Bernhards Preisreden, und jetzt wieder, zum zehnten Todestag bei: W.G. Sebald, Auf ungeheuer dünnem Eis. Ähnliche Sammlungen von Gesprächen des Dichters in englischer Sprache, durchsetzt allerdings mit Aufsätzen über ihn, sind als Sekundärliteratur erschienen, aber im Grunde sind wir dankbar für die kleine Täuschung und sei es auch nur, weil sich die so beklagenswert kurze Reihe der Bücher mit dem Namen des Dichters auf dem Rücken im Regal ein wenig weitet. Der erste Blick in das Inhaltsverzeichnis findet zwanzig Gespräche aus dreißig Jahren, und auf die eine oder andere Weise, so viel ist schon sicher, werden wir erneut unserer Lieblingsbeschäftigung nachgehen können, die schlanke Gestalt des Dichters auf Abschnitten ihrer Lebenswanderungen zu begleiten.
 
 Das erste Gespräch ist aus 1971, zwei weitere noch sind aus den siebziger Jahren, zwölf aus den neunziger Jahren, ein Gespräch ist aus 2000 und vier sind aus dem Todesjahr 2001. Kein Gespräch ist aus den achtziger Jahren, also aus der Zeit, in der sich die Verwandlung vom beachtenswerten Germanisten zum Magier der Prosa vollzogen hat. Nach einem kurzen Augenblick der Enttäuschung ist man es zufrieden, wahren Sebaldlesern geht es ohnehin nicht darum, Geheimnisse zum Verschwinden zu bringen, sie wissen, auch der einzige Kriminalroman dieses Dichters ist, genreunüblich, ohne eindeutige Auflösung geblieben.

In den Gesprächen wird dann doch verschiedentlich Licht auf die Wandlung geworfen. Am greifbarsten ist die verheerende Wirkung der Metamorphose auf das nahe Umfeld: Besonders beliebt macht man sich bei den Personen, mit denen man das Leben teilt, dadurch nicht und selbst der Hund findet das eigenartig – da sitzt dieser Typ da oben, und unter der Tür qualmt es heraus. Irgendwann kriecht er, der Dichter, dann ramponiert zum Abendessen hervor. - Für den Hund ist das besonders tragisch, hatte er doch erst, wie wir bereits wissen und wie uns im Verlauf der Gespräche erneut versichert wird, Sebald leichtfertig und, wie nun zu sehen ist, zum eigenen Schaden, das Handwerk des Schreibens gelehrt: immer mit der Nase oder Schnauze am Boden, so geht das. Den schönsten Niederschlag dieses Erlebens der Asozialität des Dichtens findet sich im Werk wohl in der Gestaltung des Calvinistenpredigers Emyr Elias, der, wie es seine (und Sebalds) unabänderliche Gewohnheit war in seinem Studierzimmer saß und sich seine am nächsten Sonntag zu haltende Predigt ausdachte. Völlig niedergeschlagen kam er (wie Sebald) jeweils am Abend aus seiner Kammer hervor, nur um am folgenden Morgen (wie Sebald) wieder in ihr zu verschwinden. Am Sonntag führte er dann der versammelten Gemeinde mit erschütternder Wortgewalt das allen bevorstehende Strafgericht, die Farben des Fegefeuers und die Qualen der Verdammnis vor Augen – schön zu erleben, wie von dort her nun wieder ein grader Weg zu Thomas Bernhard führt: Ich sehe ihn, immer wenn ich an in denke, irgendwie auf einer Kanzel, wie er also das Sonntagspublikum sozusagen fix und fertig macht, bis sie also nicht mehr schnaufen können.

Das Ausmaß der Persönlichkeitsveränderung wird auch insofern deutlich, als in den Gesprächen ab den neunziger Jahre der Sebald der siebziger Jahre kaum wiederzuerkennen ist. 1971 nimmt er mit Karasek und anderen an einer Gesprächsrunde über Sternheim teil. Möglicherweise haben er und Karasek sich dann nicht mehr getroffen bis zu der denkwürdigen Lesung in Klagenfurt 1990, bei der unter Karasek Jurorenschaft ungefähr alle außer Sebald einen Preis erhalten haben. Man kann sich gut vorstellen, Karasek habe im wörtlichsten Sinne des Wortes seinen Ohren nicht getraut bei dem, was er aus dem Munde dessen hörte, den er als einigermaßen hölzern argumentierend und ihm selbst unterlegen aus der Diskussion in Erinnerung hatte. Er hat wohl zunächst die Stille seines Lesezimmers aufsuchen müssen, bevor er dann 1993 die Ausgewanderten im Literarischen Quartett mit einiger Leidenschaft gegen die Ignoranz Reich-Ranickis verteidigen konnte.

Im Gespräch aus dem Jahre 1975 beleuchtet Reiner Kunze mit bitterstem Ernst, wie es immer sein Los war, das eigene Dichtertum, vom Interviewer, dem jungen Sebald, dabei im gleichen Tonfall assistiert. In den Gesprächen ab 1990 ist Sebald von der Seite des Fragenden auf die des Befragten gewechselt, immer wieder wird er fortan, durchaus beifällig, für seine oft nonchalante Tiefstapelei gerügt. Naturgemäß erreicht er in den Gesprächen nicht die Gipfelhöhen seiner veröffentlichten Prosa und strebt sie auch nicht an. Wenn er schon zuhause jeden Abend ramponiert und niedergeschlagen zur Arbeitskammer herauskam, wollte er wenigstens, so kann man sich denken, die Aufnahmestudios und Veranstaltungsräume einigermaßen unversehrt verlassen. Gern räumt man ein, daß die in einem Gespräch geäußerten Wahrheiten schlichter sind als die nur schwer fixierbaren im Werk, ist aber gerade darum versucht, ihnen einen handfesteren und verläßlicheren Charakter zuzuschreiben. Hinter dem schemenhaften Erzähler soll ein Autor aus Fleisch und Blut mit vermeintlich klaren Eigenschaften hervortreten, antiklerikal, liberal, Wähler dieser oder jener Partei oder auch das Gegenteil. Garcia Marquez hat diese Erwartung einmal karikiert mit der Bemerkung, falls er kein Kommunist wäre – also nicht geschlagen mit diesem ebenso rätselhaften wie unheilbaren Leiden – würde er genau so denken wie sein Landsmann Gomez Davila, der von diesem Leiden, wie jeder weiß, ganz und gar frei war.

Wer war dieser Sebald? Diese Frage stellt sich dem Leser seiner Bücher auf fast jeder Seite, so beginnt Torsten Hoffmann sein Nachwort. Sie stellt sich dem Leser einmal auf der Grundlage der gemeinen Neugier (curiositas communis sive vulgaris), von der niemand frei ist und zu anderen auf der Grundlage des wohl ältesten und mit gutem Grund nicht totzukriegenden literaturwissenschaftlichen Ansatzes, der die wesentlichen Antworten in der Rückführung des Werkes auf den Autor sucht. Aber wenn der Weg vom Werk zum Autor auch verheißungsvoll ist, so bleibt der Weg zurück zum Werk doch nicht ohne Tücken, und außerdem geht jeder Leser ohnehin seinen eigenen Weg. Wer, obwohl ungefähr gleichen Alters, in seiner Kindheit andere Eindrücke hatte als Sebald in seinem Allgäuer Winkel und in der späten Jugend und Studienzeit weitaus mehr polnische Literatur als deutsche gelesen hat - also weniger Peter Weiss und Jean Améry als Aleksander Wat und Gustaw Herling-Grudzinski - kann an vielen persönlichen Obsessionen Sebalds nicht teilnehmen, ohne daß es ihm irgend den Zugang zu seiner Literatur erschweren würde. Falls dadurch etwas in den Hintergrund tritt, was andere weiter vorn sehen, bleibt das folgenlos, da ohnehin den Hauptdarstellern und  den Komparsen und jedem einzelnen Blatt am Baum die gleiche ungeschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen ist.* Auch ihm, diesem Leser, ist klar, daß in einer umfassenden Weltklage, wie Sebald sie anstimmt, soll sie denn nicht gänzlich gehaltlos und unbestimmt sein, der Klagegrund Holocaust nicht fehlen kann, anders als mancher andere aber nimmt er am Klagegrund Heringe keinen Anstoß. Befremdlich wird er finden, wie sehr einige der späten Gespräche sich auf Holocaust und Luftkrieg verengen, so als würden sie mit einem Historiker und nicht mit einem Dichter geführt. Niemand interessiert sich für Andromeda Lodge, das Paradies mit anderen Worten, das es auch gibt, oder für Marie de Verneuil. Kein Wort, nirgends. Fast könnte einem der bedauernswerte Papst in den Sinn kommen, der nie zum Geheimnis des Kreuzes, sondern immer nur zum Zölibat und noch schlimmeren Dingen befragt wird. Der Vergleich ist weniger fernliegend als es scheinen mag, denn bei Licht besehen verwaltet Sebalds Prosa ein Mysterium, das dem in der Zuständigkeit des Vatikans nicht unähnlich ist: daß wir uns so gern aufhalten in in dieser Sprache, obwohl sie so viel Schreckliches berichtet, daß wir getröstet sind.
Auf ungeheuer dünnem Eis besteht die Probe für ein weiteres Sebaldbuch mit authentischem Buchrücken: Ist man am Ende angelangt, möchte man gleich wieder vorn beginnen.

* So jetzt auch bei John Burnside Deutung der Pisanellopassage als Selbstbeschreibung Sebalds, FAZ 14.12.2011

Dem Exemplar der schon seit ewigen Zeiten bezogenen FR, die den Todestag hat passieren lassen, es gibt ja Wichtigeres, lag an diesem 14.12.2011 erstmalig, versehentlich und jedenfalls völlig unerklärlich der Feuilletonteil der FAZ mit dem schönen Aufsatz über den Koinzidenzdichter Sebald bei. Schwindelgefühle.




Dienstag, 13. Dezember 2011

Kommentar Petit pan de mur

Die Stimmung ist traum- oder märchenhaft, Fragen der Größenordung haben eine entscheidende Bedeutung. Was zunächst wie ein kleiner gelber Mauerfleck aussieht - man denkt an Proust, ohne recht zu wissen, warum - erweist sich bei näherem Hinsehen als eine gemalte trompe-l’oeil-Türe im Miniaturformat, die der Erzähler aber ohne Mühe durchschreiten kann, um so in ein verstaubtes, seit Jahren offenbar nicht mehr betretenes Kabinett zu gelangen. Jemand sitzt auf dem Kanapee und erzählt zu dem Kästchen, das er in der Hand hält, eine längere Geschichte, die ganz offenbar nur er Irreführung dient und die auf das Kästchen gerichteten Erwartungen zum Nullpunkt absinken läßt. Umso größer ist das Entzücken, als er das Kästchen dann öffnet und ein erstaunlich kunstfertiges Modell des Tempels Salomonis vorweist. Wieso aber führt die Kunstfertigkeit auf gradem Wege zum wahren Kunstwerk? Zeigt sich in der Erhebung des Modellbaus zur Kunstgattung eine besondere Neigung für den Hyperrealismus, dem im weiteren Sinne auch die trompe-l’oeil-Malerei zugerechnet werden kann? Oder ist das Sujet, der Tempel, die Kultstätte, von überragender Bedeutung? Mehr Fragen als Antworten.

Freitag, 9. Dezember 2011

Petit pan de mur jaune

Was zunächst nur wie ein petit pan de mur jaune ausgesehen hatte, erwies sich bei genauerer Betrachtung als eine mit erstaunlicher Kunstfertigkeit gemalte trompe-l’oeil-Türe, durch die ich trotz ihrer winzigen Ausmaßes ohne weiteres in ein tief verstaubtes, seit Jahren offenbar nicht mehr betretenes Kabinett gelangte. Ein wenig seitwärts auf dem Kanapee saß ein mir fremder Herr. Er hielt eine verschlossene Schachtel auf dem Schoß, nicht winzig klein aber auch nicht riesig. Frohmann, aus Drohobycz gebürtig, sagte er, sich leicht verneigend. Meine Neugier, was die Schachtel anbelangte, zugleich bemerkend, fragte er, ohne darauf eine Antwort zu erwarten: Wissen Sie, was an manchen Leuten Besonderes ist? Sie sind nichts, fuhr er dann ohne Umschweife fort, aber sie können es nicht zeigen, nicht einmal ihren Augen können Sie es zeigen, das ist das Besondere an ihnen. Alle diese Menschen sind Brüder jenes Mannes, der in der Stadt herumging, sich auf nichts verstand, kein vernünftiges Wort herausbrachte, nicht tanzen konnte, nicht lachen konnte, aber immer krampfhaft mit beiden Händen eine verschlossene Schachtel trug. Fragte ihn nun ein Teilnehmender: Was tragen Sie so vorsichtig in der Schachtel, - da senkte dann der Mann den Kopf und sagte unsicher: Ich verstehe mich zwar auf nichts, aber was in dieser, wohlgemerkt verschlossenen Schachtel ist, das kann ich nicht sagen, nein, nein, das sage ich nicht. Dabei lächelt er ein wenig, wenn auch verzerrt. Immer wieder im Laufe der Jahre fragten die Teilnehmenden nach dem Inhalt der Schachtel, vielleicht ein Schatz, vielleicht eine Verkündigung. Übrigens lassen sie das Schächtelchen nur zu, riefen sie, wir glauben es Ihnen auch ohnedem. Nach seinem Tode fand man in der Schachtel zwei Milchzähne. Nun, so ist es bei mir aber ganz und gar nicht, lachte Frohmann, nachdem eine stille Minute verstrichen war, öffnete die Schachtel und ans Tageslicht trat ein aus Fichtenholz, Papiermaché und Goldfarbe gemachtes Modell des Tempels Salomonis. Sehen sie, sagte er, man erkennt eine jede Turmzacke, jeden Vorhang, jede Schwelle jedes eilige Gerät. Und ich, schloß Selysses seinen Bericht, beugte mich über das Tempelchen und wußte zum erstenmal in meinem Leben, wie ein wahres Kunstwerk aussieht.

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Marc Aurel

Er könne es nicht lassen, in der ersten Feierabendstunde, wenn er endlich der Tageshast entkommen sei, ein Buch sich vorzunehmen, selbst dann nicht, wenn er wie heute seine Lesebrille vergessen habe. Zwar könne er aufgrund seiner extremen Kurzsichtigkeit ohne Lesebrille die einzelnen Worte kaum geschwinder als ein Erstkläßler enträtseln, aber seinem Bedürfnis zu lesen wisse er um diese Tageszeit einfach keinen Widerstand entgegenzusetzen. Am Feierabend rette er sich in die Prosa wie auf eine Insel, und wenn er die ersten Sätze anfange zu lesen, so komme es ihm jedesmal vor, als rudere er weit auf das Wasser hinaus. Einzig allein dank dieser allabendlichen Lektüre sei er bis heute halbwegs zurechnungsfähig. Marc Aurel sei es, den er lese im Augenblick, er schiebe ihn nur schwer zur Seite. Er glaube, er könne jetzt ohne ihn nicht leben, denn schon zwei, drei Sprüche machten ihn gefaßter und straffer, wen auch das ganze Buch nur von einem erzähle, der mit klugem Wort und hartem Hammer und weitem Ausblick sich zu einem beherrschten, ehernen, aufrechten Menschen machen möchte. Aber man müsse gegen einen Menschen ungläubig werden, wenn man immerfort hört, wie er zu sich redet: Sei doch ruhig, sei doch gleichgültig, gib die Leidenschaften dem Wind, sei doch standfest. Gut sei es, wenn man sich vor sich selbst mit Worten zuschütten kann, aber noch besser sei es, wenn man sich mit Worten ausschmücken und behängen kann, bis man ein Mensch wird, wie man es sich von Herzen wünscht.

Kommentar Marc Aurel

Marcus Aurelius Antoninus Augustus (26 Aprilis 121 - 17 Martii 180) fuit philosophus Stoicus et imperator Romanus ab anno 161 usque ad mortem suam anno 180. Dixit : Cucumis amarus: mitte! Vepres in via: declina! sufficit. Die Zahl derjenigen, die sich heute noch auf die Lektüre der alten Autoren berufen, ist stark rückläufig. Thomas Bernhards Helden schwören immerhin noch auf Pascal und Voltaire, also auf Autoren der frühen Neuzeit, wie ernst es ihrem Schöpfer damit war, ist schwer zu sagen. Es gibt sie sicher noch, die Leser von Cicero und Seneca, aber, so wie die Öffentlichkeit inzwischen ausschaut, kann man damit kaum noch punkten, dafür bedarf es schon der Einsicht in neuere literarische Errungenschaften und Feuchtgebiete. Der Leser, mit dem wir es hier zu tun haben, gibt zunächst seine suchtähnliche Abhängigkeit von der Prosa ganz allgemein zu Protokoll, um sich dann ihrer momentanen Zuspitzung auf Marc Aurel zuzuwenden. Ich schiebe ihn nur schwer zur Seite. Dabei ist er kein blinder Verehrer des römischen Kaisers. Die heroischen Sprüche der Stoiker, und zumal Marc Aurels, sind ihm suspekt. Für den Augenblick zwar machen sie ihn, angegriffen wie er ist, gefaßter und straffer, auf Dauer aber kann es nur darum gehen, ein Mensch zu werden, wie man es im Herzen wünscht. Auf Dauer gesehen, wird er sich wohl auch wieder anderen Autoren zuwenden.

Marc Aurel

Kommentar Wenzelsplatz

Prag, Warschau, Budapest, Selysses deutet an, daß er sich recht häufig in den osteuropäischen Länder aufgehalten hat, und tatsächlich ist man dort in den Parkanlagen bis vor kurzem noch häufig feinen und sehr schönen alten Damen mit bürgerlichen Habitus begegnet, an deren Wesen und Erscheinung der braune und auch der nachfolgende rote Spuk vorübergegangen war, ohne Spuren zu hinterlassen, es sei denn in der giftigen Art ihrer kleinen Begleiter. Nachdem Selysses die Brücke überschritten und den Wenzelsplatz erreicht hat, ändert sich der Ton schlagartig. Es scheint, als sei er durch die krummen Risse und Sprünge des Vergangenen hineingegangen in die alte Zeit und nun ein Teil von ihr. Der Handelsangestellte, auch Commis genannt oder Ladenschwengel, ist eine typische Erscheinung der Literatur des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert, wir finden ihn bei Kafka, bei Prus oder auch bei Hamsun, der als K. Pedersen ursprünglich ein solcher war. Die ehrabschneiderische Art, in der von den Gesichtern der Juden gesprochen wird, konnte man bereits damals allenfalls einem Juden durchgehen lassen und eigentlich auch das nicht. Von schöner Durchtriebenheit ist die Himmelsmetaphorik, die keine ist und platzt wie ein überblasener Luftballon. Wenn es sich bei dem Briefschreiber oben auf dem Schloß um den Landvermesser handelt, so hat er seine Situation in grob beschönigender Weise dargestellt.
Wenzelsplatz

Sonntag, 4. Dezember 2011

Lament and Prosecution

Veroneser Erde

Als ich im Inneren der Kapelle vor den vom Gesims bis zum Bodensaum in vier Reihen sich hinziehenden Wandbildern stand, erstaunte mich am meisten die lautlose Klage, die seit nahezu siebenhundert Jahren von den über dem unendlichen Unglück schwebenden Engeln erhoben wird. Wie ein Dröhnen war diese Klage zu hören in der Stille des Raums. Die Engel selbst aber hatten die Brauen im Schmerz so sehr zusammengezogen, daß man hätte meinen können, sie hätten die Augen verbunden. Und sind nicht, dachte ich mir, die weißen Flügel mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde das weitaus Wunderbarste von allem, was wir uns jemals haben ausdenken können? Man wird in dieser Betrachtung eines Wandgemäldes Giottos eine poetologische Selbstspiegelung Sebalds sehen, ähnlich der, und mit ihr eng verbunden, in den Bildern Pisanellos, wo allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird.

In der Betrachtung des Giottobildes sind drei Begriffe zu einem engen Kreis geschlossen, unendliches Unglück, dröhnende Klage und wunderbare Schönheit, ein unvollständiges Ensemble, möchte man meinen, und auch ungewohnt, da die intransitive, nach innen gekehrte Klage ihren Platz im Wörterbuch der Literatur schon fast gänzlich der transitiven, einen Schuldigen suchenden Anklage hat abtreten müssen. Dem so gut wie konkurrenzlos die Neuzeit bestimmenden Meliorismus gilt Klage als fruchtlos, Sinn gewinnt sie erst als Anklage eines als Ursache des Unglücks ausgemachten Umstandes, der dann auszuschalten ist.

Bruegels Gemälde von der Kreuztragung Christi gehört nicht zu den von Sebald besprochenen ist aber im Augenblick anläßlich seiner Verfilmung Gegenstand breiten Interesses. Man kann viel darüber lesen, so etwa, das Bild sei nichts anderes als eine Anklage gegen die Spanier. Eine andere Fundstelle erklärt den Hintergrund des Gemeinten: Die Spanier sind eigentlich die wild gewordenen Fundamentalisten, die Christus opfern - in einer Zeit, in der Protestanten gegen Spanier sich wüst bekämpften. Das ist sicher zutreffend, aber wieso NICHTS ANDERS ALS? Wieso ist die so seltsam auf einen spitzen Felsen gesetzte Mühle, durch was sind die am linken Bildrand ihrer üblichen Beschäftigungen nachgehenden Leute eine Anklage gegen Spanien?

Man wird das, Pisanello so wenig achtend wie Prousts Mauerfleck in Vermeers Gemälde, als unerheblich beiseite wischen und lieber darauf verweisen, daß die Verfilmung das alte Bild mit vielen politischen und aktuellen Botschaften aufgefrischt hat, so daß man anstelle der Spanier jetzt auch gern die amerikanischen Truppen im Irak oder in Afghanistan dargestellt sehen könne. Wenn es aber die Spanier oder auch Amerikaner wären, die uns so tief berühren bei der Betrachtung des Bildes, und nicht sein unerschöpflicher Vorrat an Rätseln, die wir nicht lösen wollen, wären wir wohl kaum recht bei Trost. Nun würde man doch gern wissen, was Sebald bei einer Versenkung in dieses Bild zu Tage gebracht hätte.

Daß alles Politik sei, war eine bis zum heutigen Tag überdauernde Lieblingsidee der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Von vielen nicht zur Kenntnis genommen wurde die schon bald danach verabreichte soziologische Aufklärung, das sei zwar richtig, aber Angelegenheit des Blickwinkels und insofern letztlich bedeutungslos. Geradeso wie die Politik in allem nur das Politische sieht, so sieht die Wirtschaft, um mit ihr zu beginnen, in allem nur das Wirtschaftliche, die Justiz in allem nur Recht und Unrecht, die Erziehung überall nur Erziehbares &c., und auch die Kunst in allem nur das Künstlerische. Je weniger es den Primat der Politik gibt, desto heftiger wird er aus Erinnerungstreue an die guten tollen Jahre im Feuilleton beschworen, fortwährend krönt der Dichter in den Augen zahlreicher Rezensenten sein Werk dadurch, daß er sich einmischt, Mißstände bloßstellt, anprangert und geißelt, Anklage erhebt, j’accuse. Auch Sebald konnte ein größeres Publikum erst als vermeintlich anklagender Holocaustdichter erreichen, er selbst aber hat Austerlitz eine Elegie genannt, anklagende Töne werden bei ihm nur als Begleitstimme der Klage hörbar. Benn notiert irgendwo, jeder könne zwei Seiten über etwas schreiben - etwa eine Anklageschrift zu einem Mißstand - zwei Seiten Prosa aber, die – und sei es im Klageton – nur in und aus sich heraus leben, das sei ganz etwas anderes: eigentlich eine Binsenwahrheit aus dem Einmaleins des Literaturverständnissen, vielen aber offenbar nicht zugänglich. Der Roman gerät zur bitteren sozialen Anklage: in diese Feststellung mündet zwanghaft der Klappentext zum Buch eines Autors, den Sebald geschätzt* hat, ihm wäre diese Art der Apotheose wohl nicht in den Sinn gekommen.
Wenn Pisanello, wie Selysses in seinen Bildern wahrnimmt, allem, den Vögeln am Himmel und jedem einzelnen Blatt in den Wäldern dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zuspricht, bedeutet das nicht eine Verkleinerung und Verniedlichung der Weltsicht, sondern ihre enorme Erweiterung und ein Anwachsen nicht zuletzt des Leids ins Unermeßliche. Schon das Leid der Menschen ist, faßt man es ernstlich ins Auge, bei weitem zu groß für eine Anklage. Vermag man aber, wie der Dichter, obendrein auch die Fische, den Hering (Clupea harengus) und die Makrele (Scomber scombrus), zu hören, so werden die Ohren taub von dröhnender Klage. Anklage könnte in dieser Situation nur noch beim obersten Weltenrichter erhoben werden, der aber ist, wie schon Cioran vermutete, nicht bereit, die Klage zur Verhandlung anzunehmen.

Giottos Engel könnten jederzeit die Augen nach oben richten, abdrehen und Höhe gewinnen, es bliebe nichts als die Spur ihrer Schönheit. Neuzeitliche Vertreter der Engel Giottos sind bei Sebald zum einen die Flieger, allen voran Gerald Fitzpatrick, wenn er in seine Cessna steigt, um das Elend der Welt unter sich zu lassen. Daß er von einem dieser Flüge nicht mehr heimkehrt, war ihm wohl vorherbestimmt. Wie weit die Vorbestimmung reicht, und ob auch die Engel ihr unterworfen sind, wissen wir nicht. Noch stärker in der Engelsnachfolge steht der, in Thomas Browne gespiegelte Anspruch auf Levitation, den Sebalds Prosa erhebt, daß die Sätze, mitsamt ihrer Fracht und uns als Passagieren, höher und höher getragen werden wie Segler auf den warmen Strömungen der Luft.

Unendliches Unglück und dröhnende Klage, das ist eng zusammengeschlossen, die wunderbare Schönheit steht unerwartet und ein wenig ratlos daneben. Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, woher das Schöne kommt und die Kunst. Schönheit gilt uns als Kontingenzformel der Kunst, auch dann wenn sie, wie Bernhard beansprucht, aus äußerster Häßlichkeit oder aber äußerstem Leid entsteht. Immer wieder steuert Sebalds Prosa auf Situationen zu, in denen Schönheit und Sinn explosionsartig aufeinander stoßen, der Sinn verdampft, die Glut der Schönheit überdauert noch für einen Augenblick und gefriert dann vielleicht zu Eis: Sand Sebolt entfacht im Herd eines um Holz geizenden Wagners ein Feuer aus Eiszapfen. Immer ist diese Geschichte von der Verbrennung der gefrorenen Lebenssubstanz für mich von besonderer Bedeutung gewesen, und ich habe mich oft gefragt, ob nicht die inwendige Vereisung und Verödung am Ende die Voraussetzung ist dafür, daß man, vermittels einer Art schwindelhafter Schaustellerei die Welt glauben machen kann, das arme Herz stünde noch in Flammen.

*Gert Hofmann, nach einer Mitteilung von Uwe Schütte

Freitag, 2. Dezember 2011

Wenzelsplatz

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Heute, am Sonntag, meinem dritten Tag in Prag, bin ich am frühen Morgen in den Seminargarten hinaufgestiegen. Die alten Kirsch- und Birnbäume waren abgeholzt und an ihrer Statt neue gepflanzt, deren magere Zweige noch lange nicht tragen würden. Der Weg ging in Schleifen durch die taunassen Wiesen bergan. Auf halber Höhe begegnete mir eine alte Dame mit einem dicken, fuchsfarbenen Dackel, der nicht mehr gut auf den Beinen war und ab und zu stehen blieb, um mit gefurchter Braue vor sich hin in den Erdboden zu starren. Oft habe ich auf meinen Spaziergängen, in Prag ebenso wie in Warschau oder in Budapest, solche alten Damen gesehen mit griesgrämigen kleinen Hunden, die fast alle einen Maulkorb aus Draht trugen und vielleicht deshalb so verstummt und böse gewesen sind. Bis gegen Mittag bin ich dann auf einer Bank gesessen und habe über die Häuser der Kleinseite und die Moldau hinweg auf das Panorama der Stadt geschaut, das mir, genau wie der Firnis auf einem alten Bild, durchzogen schien von den krummen Rissen und Sprüngen der vergangenen Zeit. Ich bin dann herabgestiegen zur Karlsbrücke und hineingegangen in die Stadt bis hin zum Wenzelsplatz. Wie immer an Sonntagen kamen die Handelsangestellten den Platz hinunter über den Graben und schrieen nach Sonntagsruhe. Man hätte meinen können, ihre roten Nelken und ihre dummen und jüdischen Gesichter und ihr Schreien sei etwas sehr Sinnvolles, es ist fast so, wie wenn ein Kind zum Himmel wollte und heult und bellt, weil man ihm den Schemel nicht reichen will. Aber es will gar nicht zum Himmel. Die anderen aber, die auf dem Graben gehen und dazu lächeln, weil sie selbst ihren Sonntag nicht zu nutzen verstehn, wenn ich dazu den Mut hätte und nicht selbst lächelte. Der aber auf seinem Schloß darf lachen, denn dort ist der Himmel der Erde nah, wie er schreibt.

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Kommentar Wunderliche Zeit


Für jeden einleuchtend ist Kafkas Wunsch nach der Fähigkeit, stundenlang gedankenlos nur dazuliegen, sei es im Gras, sei es auf einer Weinbergmauer, weniger glaubhaft dagegen, er habe diese Fähigkeit auch tatsächlich gehabt. Das ersehnte Ruhevermögen wird denn auch gleich auf seine besseren Stunden beschränkt, die es nicht zuhauf gab in seinem Leben, und in seiner Reinheit von Grund auf getrübt durch die befremdlichen Wonnen der Deklassiertheit. Es ist schon eine wahrlich wunderlichen Zeit, wenn das Ruheglück unverfälscht auftritt als reine Naturseligkeit, ein Regenbogen über den weiten Feldern, und als ewige Kindheit mit einem guten Vater, dessen Part er, spielend und Sandburgen bauend wie die Kleinen, gleich selbst mit übernimmt.
Wunderliche Zeit

Mittwoch, 30. November 2011

Wunderliche Zeit

Einfach im Gras zu liegen, das gehört in besseren Zeiten zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Er genießt dann, wenn beispielsweise, wie in Prag einmal, ein ziemlich vornehmer Herr, mit dem bisweilen amtlich zu tun hat, zweispännig an ihm vorbeifährt, die Freuden (allerdings, wie er selbst schreibt, nur die Freuden) der Deklassiertheit. Eine wunderliche Zeit, denkt er in solchen Augenblicken, so eine wunderliche Zeit habe ich gebraucht, in der ich stundenlang auf einer Weinbergmauer liege und in die Regenwolken starre, die nicht weg wollen von hier oder in die weiten Felder, die noch weiter werden, wenn man einen Regenbogen in den Augen hat, oder wo ich im Garten sitze und den Kindern (besonders einer kleinen sechsjährigen, die Frauen sagen, sie sei herzig) Märlein erzähle oder Sandburgen baue oder Verstecken spiele oder Tische schnitze, die – Gott sei mein Zeuge – niemals gut geraten. Eine wahrhaft wunderliche Zeit. Mehr als vielleicht einmal im Jahr aber will sich auch dieses bescheidene Glück nicht einstellen.

Dienstag, 29. November 2011

Kommentar Spätsommerschatten

Die Erzählung hat einen geistlichen ersten und einen weltlichen zweiten Teil. Die in den Kapellen bewahrte christliche Metaphysik ist auf ihr Grundgerüst reduziert, Darstellung kreatürlichen Leidens und Verheißung von Stille und Frieden. Diesen uns bestimmenden Dualismus wird kaum jemand, gleich welcher Denomination, von der Hand weisen. Er ergibt sich nicht aus einer Belehrung des Großvaters, sondern aus der Rückerinnerung eigenen Erlebens. Der Großvater aber singt auf den Wanderungen das Hohe Lied von Feld und Ackererde in einer derart hymnischen und schwärmerischen Weise, daß der eingangs festgestellte Dual von geistlich und weltlich letztlich hinfällig wird. Wenn die Erde wehmütig ist und sich der Kuh entgegenhebt, so sind das deutlich pantheistische Anklänge. Wie sich diese in der Kindheit gewonnene spannungsreiche Grundlage aus Kapelle und Ackerland als ausgearbeitetes philosophisches System darstellen würde, ist schwer abzuschätzen, eingesponnen in Prosadichtung bleibt sie unauffällig.

Spätsommerschatten

Montag, 28. November 2011

Spätsommerschatten

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Die Krummenbacher Kapelle ist so klein, daß mehr als ein Dutzend auf einmal gewiß nicht ihren Gottesdienst verrichten oder ihre Andacht üben konnten. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich als Kind mit dem Großvater, der mich überallhin mitgenommen hat, jemals in der Krummenbacher Kapelle gewesen bin. Aber Kapellen wie die von Krummenbach gab es zahlreiche in unserer Gegend, und vieles von dem, was ich damals von ihnen gesehen und gespürt habe, wird in mir geblieben sein, die Angst vor den dort abgebildeten Grausamkeiten nicht weniger als in seiner Unerfüllbarkeit der Wunsch nach einer Wiederholung der in ihrem Inneren herrschenden vollkommenen Stille. Der Großvater war kein Landwirt, stand aber in vielerlei Hinsicht und vor allem, was die Liebe zu Feld und Land anbelangt, den Bauern nicht nach. Wenn er zur Haustür hinauskam, blieb er immer zunächst stehen, um nach dem Wetter zu schauen. Das ganze Jahr über ging ich mit ihm durch die Felder, und wenn es Herbst war, machte er mich darauf aufmerksam, wie ganz braun und wehmütig sie jetzt dastanden mit den verlassenen Pflügen, und wie die doch silbrig aufleuchteten, wenn dann trotz allem die späte Sonne kam und unsere langen Schatten auf die Furchen warf. Hast Du schon bemerkt, rief der Großvater, wie Spätsommerschatten auf durchwühlter dunkler Erde tanzen, wie körperhaft sie tanzen. Hast Du schon bemerkt, wie die Erde sich entgegenhebt der fressenden Kuh, wie zutraulich sie sich entgegenhebt. Hast Du schon bemerkt, wie schwere fette Ackererde unter den allzu feinen Fingern zerbröckelt, wie feierlich sie zerbröckelt. In diesen frühen Wanderungen und Gesprächen mit dem Großvater erhielt mein Weltbild eine Ausrichtung, die bis zum heutigen Tag noch wirkt.

Kommentar Mestiere

Wer eine Wand zu weißen versteht, beherrscht damit noch nicht das Handwerk des Malers, wer die Seite eines Tagebuchs füllt mit gelenken Sätzen und dabei die Stimmung des Erinnerten einfängt, ist noch kein Dichter. Hier erörtern zwei Meister die Zwiespältigkeiten ihres Fachs, man weiß nicht, ob man durch das Schreiben klüger oder verrückter wird. Wie auch in den anderen Handwerken kann die Lösung einer Schwierigkeit oft verblüffend einfach sein, hier beruht sie auf zwei erschrecklichen Holzspitzen des Schreibtisches. Die Wissenschaft wird sich mit der stilbestimmenden Wirkung des Schreibtisches nicht zufrieden geben und weiter unbeirrt nach anderen Quellen suchen, so wie sie ja auch Sebalds Versicherung, er habe das Schreiben von seinen Hunden gelernt, nicht mit dem gebührenden Ernst begegnet. Ein Allheilmittel gegen alle Schwierigkeiten und Tücken des Schreibens ist der Tisch naturgemäß nicht.
Il mestiere di scrivere

Sonntag, 27. November 2011

Il mestiere di scrivere

Tage- und wochenlang zermartert man sich vergebens den Kopf, wüßte nicht, wenn man danach befragt würde, ob man weiterschreibt aus Gewohnheit oder aus Geltungssucht, oder weil an nichts anderes gelernt hat, aus Wahrheitsliebe, aus Verzweiflung oder Empörung, ebensowenig wie man zu sagen wüßte, ob man durch das Schreiben klüger oder verrückter wird. Vielleicht verliert ein jeder von uns den Überblick genau in dem gleichen Maß, in dem er fortbaut am eigenen Werk, und vielleicht neigen wir aus diesem Grund dazu, die zunehmende Komplexität unserer Geisteskonstruktionen zu verwechseln mit einem Fortschritt an Erkenntnis, während wir zugleich schon ahnen, daß wir die Unwägbarkeiten, die in Wahrheit unsere Laufbahn bestimmen, nie werden begreifen können. Allerdings, fügte er nach einer kurzen Pause mit einem Lachen hinzu, habe ich in meinem Schreibtisch einen ebenso guten wie strengen Freund. Du kennst ihn, hast ihn aber wohl noch nie genauer angeschaut, warum solltest Du auch. Das ist nämlich ein gutbürgerlicher Schreibtisch, der erziehen soll. Der hat dort, wo gewöhnlich die Knie des Schreibers sind, zwei erschreckliche Holzspitzen. Und nun gib acht. Wenn man sich ruhig setzt, vorsichtig, und etwas gut Bürgerliches schreibt, dann ist einem wohl. Aber wehe, wenn man sich aufregt und der Körper nur ein wenig bebt, dann hat man unausweichlich die Spitzen in den Knien und wie das schmerzt. Und was will das bedeuten: Schreibe nichts Aufgeregtes und laß deinen Körper nicht zittern dabei. Der Schreibtisch hat meinen Stil zweifellos stärker beeinflußt als irgend jemand sonst.

Samstag, 26. November 2011

Kommentar Witwe

Lederriemenartig, das ist sicher nicht galant, aber man glaubt, den Typus zu kennen. Immerhin wird die Witwe im weiteren Verlauf dann als zart dargestellt. Ihre ganze Erscheinung und ihr ganzes Wesen scheinen nur auf ein Ziel abgestimmt, das Reisen. Allerdings erfahren wir weniger von ihr, als wir erfahren könnten, wenn Selysses nicht so unaufmerksam und abgelenkt wäre. Bestimmt klärt sich in den Plaudereien und Gesprächen, warum sie jetzt in ihre Heimatstadt reist, was sie dort vorhat und wie lange sie zu bleiben gedenkt, bevor sie wieder aufbricht zu neuen fernen Zielen. Selysses aber hört nicht hin und renkt sich lieber beim Blick hinauf in die Kuppel des Bahnhofs fast den Hals aus. Man kann sich das gut als Filmszene vorstellen, alles plaudert und einer schaut starr nach oben. Den Hals renkt er sich zwar nicht aus, scheint aber in eine halluzinatorische Trance zu verfallen, die winkenden Taschentücher werden zu einer Taubenschar, der Zug scheint zu versinken, kaum daß er aus dem Bahnhof hinausgerollt ist.
Schwedische Witwe

Freitag, 25. November 2011

Schwedische Witwe

Heute haben wir, in größerer Anzahl, die schwedische Witwe, ein lederriemenartiges Geschöpf, zum Bahnhof gebracht. Ich kenne sie kaum, habe mich auch um das Geplauder wenig gekümmert, lieber um mich geschaut und bin meinen Gedanken nachgehangen. Das einst weit über Prag hinaus berühmte Jugendstilbauwerk des Bahnhofs ist 1919 zum Andenken an den freiheitsliebenden amerikanischen Präsidenten Wilson eingeweiht worden. Von einer Art Mezzanin kann man emporblicken in den mächtigen Kuppeldom. Entlang dem Halbrund des Kuppelsaums verläuft eine Galerie, auf der Kaffeehaustischchen aufgestellt sind. Dort sind wir, nachdem die Witwe ihre Fahrkarte gekauft hatte, bis zur Abfahrt des Zuges noch eine halbe Stunde gesessen. Ich habe mir beinahe den Hals ausgerenkt, weil ich die Augen nicht abwenden wollte von der über uns ungeheuer weit sich hinaufwölbenden Kuppel. Später, auf dem Bahnsteig, war ich kaum weniger gefesselt vom Anblick des aus Dreiecken, Kreisbögen, waag- und senkrechten Linien und Diagonalen sich zusammenfügenden Musters der im Halblicht nur unscharf erkennbaren Glas- und Stahlüberdachung. Die Witwe trug über ihrer gewöhnlichen Kleidung nur ein graues Jäckchen und zudem ein graues Hütchen mit kleinem Schleier. In dieser Umrahmung wird ihr braunes Gesicht sehr zart, über den Eindruck regelmäßiger Gesichter entscheidet nur Entfernung und Einhüllung. Ihr Gepäck ist ein kleiner Rucksack, viel mehr als ein Nachthemd ist nicht darin. Sie reist unaufhörlich, kam aus Ägypten. Jetzt trat sie eine Reise an, die sie für eine kurze Weile an ihren Heimatort, die Hafenstadt Umea, weit im Norden, fast schon am Polarkreis, tragen sollte. Weiter vorn am Zug winkten zurückbleibende Eltern mit weißen Taschentüchern, gleich einer auffliegenden Taubenschar, ihren Kindern nach, die, begleitet von ihren Lehrern, zu einer Klassenfahrt aufbrachen. Ich hatte den seltsamen Eindruck, daß der Zug, nachdem er unendlich langsam angerückt war, nicht eigentlich weggefahren, sondern bloß, in einer Art Täuschungsmanöver, ein Stück aus der überglasten Halle herausgerollt und dort, noch nicht einmal in halber Ferne, versunken sei. Man sie dann aber noch das ein und andere Mal, wie er durch einen Korridor zwischen mehrstöckigen Wohnhäusern hindurchfuhr, dann in den schwarzen die Neustadt unterquerenden Tunnel hinein um schließlich über die Moldau hinweg tatsächlich zu verschwinden.

Kommentar Hütte im Regen

Mit dem Bewohner der Hütte sind wir bereits bekannt. Noch immer plagt ihn der gleiche obsessive Wunsch nach der entgültigen Vernichtung des benachbarten Schlosses, aus dem er ausgezogen ist. Es scheint jetzt klar, daß das Schloß gänzlich verlassen ist, aber wir erfahren das nur aus seinem Munde, und der ist nachweislich unzuverlässig. Vom Schloß vermittelt er uns den unhaltbaren Eindruck, es sei ganz aus Holz gebaut, repräsentative Gebäude wie Schlösser, Rathäuser, Philharmonien oder Sanatorien pflegen aber nicht in der reinen Holzbauweise errichtet zu werden. Es fehlen ihm aber für seine Vernichtungsphantasien die auf das Gestein spezialisierten Klopfkäfer und Totenuhren, die neben dem Häufchen puderfeines, blütenstaubähnliches Holzmehl einen ähnlichen, nur wesentlich größeren Haufen aus Steinmehl aufwerfen könnten. Wegen des augenblicklichen Regenwetters muß der Augenblick des Untergangs ohnehin verschoben werden, der Staubhaufen würde sogleich zerfließen in den Wasserlachen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, die baldige Rückbesinnung ist gewiß. Für den Augenblick aber läßt ihn das Regenwetter seinen Groll vergessen. Faszinierend die Bewegung der Tropfen, seine Augen folgen einem alten Mann, der in die nasse Wiese hineinläuft und er freut sich schon auf die Regenmusik in der Nacht. Am Morgen, wenn er aus der Hütte tritt, wird der Boden weich unter den Füßen sein, staubtrockenes Wetter aber ist schon angesagt.
Hütte im Regen

Donnerstag, 24. November 2011

Hütte im Regen

Das gesamte Aktenmaterial ist in der Zwischenzeit wahrscheinlich längst von den Mäusen zerfressen worden, die von der Narrenburg nach ihrer Auflassung Besitz ergriffen und sich seither dort drinnen bis ins Ungeahnte vermehrt haben. Jedenfalls höre ich in den windstillen Nächten ein ständiges Huschen und Rascheln durch das ausgetrocknete Gehäuse gehen, und bisweilen, wenn der volle Mond hinter den Bäumen heraufkommt, erhebt sich auch, wie mich dünkt, ein aus Tausenden von winzigen Kehlen gepreßter pathetischer Gesang. Eine besonders begnadete Mäusesolistin des Gesangs glaube ich herauszuhören, ich habe sie Josephine genannt. Dem Mäusevolk gilt heute meine Hoffnung, und sie gilt den Holzbohrern, den Klopfkäfern und Totenuhren, die das ächzend an einigen Stellen schon nachgebende Schloß über kurz oder lang zum Einsturz bringen werden. Es wird mit unendlicher Langsamkeit geschehen, und eine große gelbliche Wolke wird aufsteigen und verwehen, und an der Stelle des ehemaligen Schlosses bleibt nichts als ein Häufchen puderfeines, blütenstaubähnliches Holzmehl. Heute ist noch nicht der Tag. Es ist ein Regentag, ich liege im Bett und das laue Klopfen des Regens auf das Dach ist so, als gienge es gegen die eigene Brust. Auf der Kante des vorspringenden Daches erscheinen die Tropfen mechanisch wie Lichter, die eine Straßenzeile entlang angezündet werden. Dann fallen sie. Wie ein wildes Tier jagt plötzlich ein Greis über die Wiese und nimmt ein Regenbad. Nachts schlagen die Tropfen an , als säße man in einem Violinkasten. Am Morgen dann das Laufen, die weiche Erde unter sich.

Mittwoch, 23. November 2011

Kommentar Hütte beim Schloß

Ein Mensch beobachtet von einer benachbarten Hütte aus den Verfall eines Schlosses und sehnt offenbar dssen endgültigen Einsturz herbei. Zuvor war er, so muß man annehmen, selbst ein Bewohner des Schlosses. Ob es sich bei den Insassen der anderen Hütten ebenfalls um ehemalige Schloßbewohner handelt, ist nicht klar. Obwohl man es annimmt, ist auch nicht sicher, daß das Schloß unbewohnt ist, sein ruinöser Zustand mag in den Augen des Beobachters schlimmer erscheinen, als er ist. Während der Beobachter sehnsüchtig auf das letzte Schaben des Kieferrands eines Käfers wartet, der den Palast zum Einsturz bringt, muß er sich eingestehen, daß auch in seiner Hütte, wie man sagt, der Wurm darin ist. Nichts ist an seinem Platz, nicht die dringend benötigten Zündhölzer, nicht die Schuhe und das Reisetintenfaß und ein naßgemachter Waschlappen liegen auf dem Bett. Er sieht in der Unordnung die Strafe für einer ungenannten Schuld, offenbar das Ergebnis einer Paranoia, es sei denn er bezieht die Schuld nicht allein auf die Unordnung in der Hütte, sondern auch auf den Verfall des Schlosses. Dann müßten wir in ihm wohl den Schloßherrn erkennen, hätten wir es mit einem grausigen Geheimnis im Sinne des Gothic Novel zu tun, vielleicht aber ständen wir auch vor Kafkas Schloß in einer späten Phase seiner Geschichte, die wir so noch nicht kannten.
Hütte beim Schloß

Dienstag, 22. November 2011

Hütte beim Schloß

Ich sehe das Schloß auf seinem erhobenen Platz, sehe alles zugleich, das Gebäude in seiner Gesamtheit sowohl als jede kleinste Einzelheit, und ich weiß, daß das Fachwerk, das Dachstuhlgebälk, der Türstock und die Paneele, die Böden, Dielen und Stiegen, die Geländer und Balustraden, die Rahmungen und Gesimse unter der Oberfläche restlos bereits ausgehöhlt sind und daß jeden Augenblick, wenn der aus der blinden Heerschar der Käfer auserwählte mit einem letzten Schaben seines Kieferrands den letzten, schon gar nicht mehr materiellen Widerstand durchbricht, alles in sich zusammensinken wird. Selbst wohne ich schon die längste Zeit, wie viele andere auch, in einer der Hütten in gehöriger Entfernung vom Hautgebäude. Wenn ich abends in meine Hütte komme, finde ich die Streichhölzer nicht, borge sie mir in der Nachbarhütte aus und leuchte unter den Tisch, ob sie nicht vielleicht heruntergefallen wären. Dort sind sie nicht, dagegen steht dort das Wasserglas. Allmählich zeigt sich, daß die Sandalen hinter dem Wandspiegel, die Zündhölzchen auf einem Fensterbrett sind, der Handspiegel an einer vorspringenden Ecke hängt. Der Nachttopf steht auf dem Schrank, die Education sentimental ist im Kopfkissen, ein Kleiderhaken unter dem Leintuch, das Reisetintenfaß und ein naßgemachter Waschlappen im Bett. Alles zur Strafe, weil ich nicht ...

Kommentar Vergnügungspark

Es mag Selysses’, hier in Kafkas Gestalt, und dann auch geleitet von ihm, erste Freude sein, einfach im Gras zu liegen, er scheut aber auch die Rummelplätze nicht. Was ihn bedrückt und sich zu einer Ungeheuerlichkeit auswächst, ist die Begleitung, jede Art der Begleitung im Grunde. Er fühlt sich wohl nur unter Menschen, die er nicht kennt und die ihn nicht kennen, die er beobachten kann, ohne daß sie ihn ansehen. So wendet sich sein Blick ab von Lise, die sich auf dem Karussell vergnügt, und hin zu dem Bauern mit dem endgültigen Gesicht, eine Charakterisierung, die sofort und schlagend einleuchtet, wenn ihr Sinn auch ein wenig unscharf bleibt. Das schöne Bild der drei Frauen, die wie aufgereiht vor im stehen, und schließlich die kleinen Mädchen, die über glatte Bretter gleiten, ein glücklicher Tag.
Vergnügungspark

Montag, 21. November 2011

Vergnügungspark

Auf dem Weg in den Prater empfindet er die Begleitung der beiden Gefährten in zunehmendem Maße als eine Ungeheuerlichkeit, und auf dem Gondelteppich fühlt er sich bereits vollend als ihr Gefangener. Daß sie ihn wieder an Land bringen, ist ein geringer Trost. Ebensogut hätten sie ihn mit dem Ruder erschlagen können. Lise, die auch mit von der Partie ist, fährt jetzt auf einem Karussell einen Tag durch den Urwald. Lieber als ihr zuzuschauen betrachtet er den langen Bauern aus dem Burgenland, der sich hierher verirrt hat, etwas eingesunkene Brust, endgültiges Gesicht, Stulpenstiefel, Kleider wie aus Leder, wie umständlich er sich vom Pfosten des Totes ablöst. Drei Frauen stehen vor ihm, eine vor der andern, die mittlere dunkel und schön. Der Tanzboden, zweigeteilt, in der Mitte, abgeteilt von einem zweireihigen Verschlag, die Musikkapelle, vorläufig leer, kleine Mädchen lassen sich über die glatten Bretter gleiten.

Samstag, 19. November 2011

Schlanke Gestalt

Dosierungen des Selbst
Ein Photo im Band Saturn’s Moons zeigt Sebald im Kreise einer größeren Zahl von Seminarteilnehmern, für den ausschließlich an den in den Prosabücher allgegenwärtigen sebaldnahen Erzähler gewöhnten Leser ein befremdlicher Anblick: so kennt er Selysses nicht. Aus dessen eigenem Munde hat der Leser erfahren, daß es ihm von Jahr zu Jahr unmöglicher wird, sich unter ein Publikum zu begeben. Nun haben wir es auf dem Photo nicht gerade mit einem Publikum zu tun, aber doch mit einer größeren Menschengruppe, und auch so kennt man Selysses kaum. Oft ist er allein, nicht selten in einer eigens von seinem magischen Blick entvölkerten Welt, wir sehen ihn im Gespräch mit einem Partner oder selbdritt, selten in einer Gesellschaft, die hinausgeht über den russischen Dual, der bekanntlich bis zur Zahl Fünf reicht. Wenn Trupps in Regimentsstärke vorüberziehen, sind es zumeist die ruhelosen Toten in Wales oder auf Korsika.

Der Sebald auf dem Gruppenbild scheint ähnlich zu denken wie seine Leser. Einerseits dominiert er das Bild durch die zentrale Stellung im Vordergrund, durch die hochaufgeschossene Gestalt und die leuchtend helle Hose, andererseits aber schaut kein anderer der Photographierten so abwesend und nach innen gekehrt, mit einem Lächeln wohl das Gefühl überspielend, er sei in einer falschen Welt und sehne sich zurück in die Geborgenheit seiner Bücher.

In einem in diesen Tagen veröffentlichten Streitgespräch zwischen Derek Burke und Uwe Schütte geht es um Sebalds Position an der University of East England, und wieder erfaßt den Sebaldleser ein leichtes Gefühl der Befremdung. Zwar weiß er, daß Sebald im Hauptberuf Hochschullehrer war und als Dichter erst spät hervorgetreten ist, will es aber doch nicht recht glauben. Im Werk ist von seiner Professur nur selten und dann in kaschierter Form die Rede. Von den Kollegen Janine Rosalind Dakyns und Michael Parkinson wird zu Beginn der Ringe des Saturn recht ausführlich berichtet, auch ihre Arbeitsgebiete, Ramuz und Flaubert, werden vorgestellt, Selysses selbst bleibt in dieser Hinsicht abgeschattet, und der Leser ist es zufrieden.

Wie dem Beruf, so ergeht es auch der Familie des Dichters, sie bleibt weitgehend unsichtbar. Sebalds Frau tritt wohl nur zweimal, mit anderem Namen und jeweils nur kurz, als Frau des Selysses auf. Der scheint auch keine dauerhafte Wohnung und kein Arbeitszimmer zu haben. Seine Name wird nicht genannt, es gibt aber verschiedene Hinweise darauf, daß er häufig unter Verwendung des Alias Sebald unterwegs ist, als Beleg zu nennen wäre etwa das Ersatzdokument für den in Limone verlorenen Paß. In einem Hotel in Verona heißt er freilich Jakob Phillip Fallmerayer. Verschiedene Photos im Text, so undeutlich sie auch sein mögen, geben eine unverkennbare Ähnlichkeit des Wanderers mit Sebald zu erkennen, Photos, die eine Ähnlichkeit mit Fallmerayer bezeugen könnten, fehlen. Es ist wohl die schlagendste und schönste Koinzidenz in dem an Koinzidenzen reichen Werk ist, daß Selysses gerade so aussieht wie Sebald. Hätte Sebald die leicht adipöse Silhouette des Pyknikers Stendhal aufgewiesen, so würden die Leser damit kaum weniger Schwierigkeiten haben als Stendhal mit seinem realen Leben als tour ambulante, denn naturgemäß müßte Selysses die schlanke Gestalt und, zumindest im Groben, die Gesichtszüge des Sebalds behalten, den wir kennen.

Hält man sich an die traditionelle Eidesformel, so sagt Sebald in seinem dichterischen Werk über sich die Wahrheit, keineswegs aber die ganze Wahrheit und ebensowenig nichts als die Wahrheit. Die Verschlankung des realen Sebald zur Kunstfigur des Selysses hat ihren Grund dabei weniger in bürgerlicher Diskretion denn in ästhetischer Empfindlichkeit. Wie wichtig die richtige Dosierung beim Einsatz des Selysses für das Gelingen des jeweiligen Werkes ist, zeigt der deutlich unterdosierte Einsatz in Austerlitz. Selysses entwickelt in diesem Buch kaum Eigenleben, stellt keine eigenen Recherchen an, blättert in keinen Aufzeichnungen, spricht mit keinen Zeugen wie mit Mme Landau in Paul Bereyter oder der Tante Fini und dem Onkel Kasimir in Ambros Adelwarth. Die entsprechenden Aktivitäten nimmt Austerlitz selbst wahr, und Selysses ist nur der blasse Rezipient seiner Berichte bei teils zufälligen und teils anberaumten Treffen der beiden. Das gegenteilige Beispiel eines überdosierten Selysses, der die Erzählung durch seine Präsenz erdrücken würde, fehlt im Werk. In den perfekt ausgewogenen Ringen des Saturn füllt sich die gar nicht überladene und aufnahmefähige Gestalt des Wanderers mit allen Inhalten des Buches, trügen sie sich auch in China zu. Als ich von diesem Aussichtspunkt herabblickte, sah ich auch das Labyrinth selber, den hellen Sandboden, die scharf abgezirkelten Linien der mehr als mannshohen, fast schon nachtschwarzen Hecken, ein im Vergleich mit den Irrwegen, die ich zurückgelegt hatte, einfaches Muster, von dem ich mit absoluter Sicherheit wußte, daß er einen Querschnitt darstellte durch mein Gehirn. - Bei einem derart autornahen, aber sparsam ausgemalten Erzähler kann der Versuch nicht ausbleiben, das Fehlende aus dem wahren Leben zu ergänzen. Ästhetisch fruchtbar ist dieser Ansatz aber wohl nur, wenn er sozusagen rückwärts angewandt wird, zu besseren Konturierung dessen, was der Autor ausgespart und verworfen hat in seiner Zeichnung.

In dem bereits erwähnten Disput weist U. Schütte die Idee, Sebald habe nur vom Ausland aus über Deutschland schreiben können, schon aus dem Grund als falsch zurück, daß er über Deutschland kaum geschrieben habe. Er fügt hinzu: What would, of course, make much more sense were if Sebald had explained about his need to distance himself from a German-speaking environment in order to write in his native tongue - just as he did explain in so many interviews. Wenn er Abstand von einer Sprache brauchte, um in ihr zu schreiben, so ist im Umkehrschluß das leicht vorwurfsvolle Erstaunen vieler angelsächsischer Rezensenten fehlgeleitet, das Erstaunen darüber, daß Sebald nicht wie jeder gute Conrad oder Nabokow - und im Grunde jede vernünftige Person, sei sie jung oder alt, Mann oder Frau - in englischer Sprache geschrieben hat. Man wird dem entgegenhalten, nur von historisch kompromittierten Deutsch habe er den Abstand gebraucht, vom unbefleckten Englisch keineswegs, aber das ist, wie der Dichter sagt, ein weites Feld.

Der Abstand von der deutschen Sprache erlaubte es Sebald, sie nach seinen Vorstellungen zu lichten. Neologismen im Lexikon und in der Syntax sind nur bis zu einem bestimmten Stichtag zugelassen, Sebalds schauderndes Zurückschrecken vor dem deutsche Wort Handy ist bekannt. Auch auf die sprachlichen Läuterungen hin zu einer welterlösenden Gerechtigkeit hat er sich nicht eingelassen, die Zigeuner sind Zigeuner geblieben und die Neger Neger, nicht nur wenn er Conrad in die Vergangenheit und an den Lauf des Kongo folgt, sondern auch, wenn er ihnen im heimischen Allgäu, auf den amerikanischen Highways und in den Londoner U-Bahnschächten begegnet. Selysses bedarf dessen nicht, er wandert auch so durch einen Garten Eden der Sprache.

Der Gedanke, daß sich Sebalds Tod in diesen Wochen zum zehnten Mal jährt fällt als schwere Last auf seine Leser, eine Last aber, die in keiner Weise vergleichbar ist dem Schmerz derer, die ihn im Leben gekannt haben und jetzt im Leben vermissen. Für die Leser bleibt sein Tod im Grunde unwirklich, denn die schlanke Gestalt, die allein sie kennen, wandert unbeirrt weiter in den Büchern. Vielleicht, so denken sie, hat sich ja auch Sebald selbst vorsorglich immer mehr in seine Bücher begeben und so mit einem durchtriebenen Zaubertrick ein größeres Maß an Unsterblichkeit erreicht als kaum jemand vor ihm, vermittels einer Art schwindelhafter Schaustellerei sich und die Welt glauben gemacht, das arme Herz stünde noch in Flammen. I think all our philosophical systems, all our systems of creed are build in order to make some sort of sense, which there isn’t, as we all know. (Audience laughter)