Mittwoch, 18. März 2015

Taufregister

Ancienne paroisse

Unweit des Waldrands stand die Krummenbacher Kapelle, die so klein ist, daß mehr als ein Dutzend auf einmal darin gewiß nicht ihren Gottesdienst verrichten oder ihre Andacht üben konnten. Ich setzte mich eine Zeitlang hinein in dieses gemauerte Gehäuse. Kapellen wie die von Krummenbach gab es zahlreiche um W. herum, und vieles von dem, was ich damals in ihnen gesehen und gespürt habe, wird in mir geblieben sein, die Angst vor den dort abgebildeten Grausamkeiten nicht weniger als in seiner Unerfüllbarkeit der Wunsch nach einer Wiederholung der in ihrem Inneren herrschenden vollkommenen Stille. Fast möchte es scheinen, der Wanderer sei schon angelangt am Ziel seines Weges. Die Zeitdauer, die er in der Kapelle verbracht hat, ist nicht genauer bemessen, jedenfalls aber nimmt eine zur Stille des Ortes passende Duldsamkeit in ihm Platz, wenn er sich fragt, ob der Maler der vierzehn kleinen Kreuzwegstationen sich vielleicht in der Winterzeit desselbigen Jahres mit seiner ungeschickten Hand nicht weniger mühte als Tiepolo an seinem großen Deckengemälde. Angelangt in W., ist bei der Betrachtung der säkularen Kunstwerke des Malers Hengge von diesem Großmut nichts geblieben.
In dem sehr kurzen und sehr schönen Kapitel VIII des Livret de famille sucht der Erzähler in Biarritz zunächst die Église Saint-Joseph auf, die sich nicht als die richtige erweist. In einem petit bâtiment en face der bescheideneren Église Saint Martin erkundigt er sich bei einer dame d'une voix très douce nach einem Auszug aus dem Taufregister. Elle a recopié l'acte de baptême et m'a donné cette feuille, où l'on peut lire: Extrait de Baptême, Paroisse St Martin - Biarritz Diocèse Bayonne &c. Wenig später, à la terrasse d'un petit café, au soleil, j'ai tâté à travers l'étoffe de ma veste l'extrait de mon acte de baptême. Depuis, bien de choses avaient changé, il y avait eu bien de chagrins, mais c'était tout de même réconfortant d'avoir retrouvé son ancienne paroisse. Immer wieder versucht Modianos Erzähler sich durch amtliche Dokumente, durch Telefon- und Adressenlisten notdürftigen Halt in einer unwirklichen Welt zu verschaffen, daß er sie aber gleich dem Taufregister am Herzen trägt und die Hand darauf legt wie auf einen Talisman ganz besonderer Art, hat man sonst nicht gehört.

Selysses ist das Herzstück des bürgerlichen Seins in der Welt, der Paß, abhanden gekommen. Er nimmt das wenig ernst, zur Ausstellung eines Ersatzdokuments kommt es sozusagen zwangsweise und einen gewissen Wert gewinnt das Schriftstück für ihn erst, nachdem es sich vor seinem inneren Auge in einen Trauschein verwandelt hat. Im deutschen Konsulat zu Mailand dann fesselt die mit ihm wartende Artistenfamilie Santini den Dichter weitaus mehr als der amtliche Akt der Ausstellung eines Ersatzpaßes. Beide Dokumente, die vorläufige Bescheinigung und der Ersatzpaß, sind der Erzählung im Bild beigegeben, so als wolle der Dichter sich ihrer wieder entledigen, die amtlichen Maßnahmen gesellschaftlicher Inklusion schätzt er offenbar nur in geringem Maße.
Es war der Glockenturm von Saint-Hilaire de Combray, qui donnait à toutes les occupations, à toutes les heures, à tous les points de vue de la ville, leur figure, leur couronnement, leur consécration. Sebald, Modiano, Proust, drei Dichter, zwei von ihnen Juden, alle außerhalb der Glaubenswelt, die gleichwohl die einmalige Integrations- und Inklusionsleistung der christlichen Glaubensgemeinschaft nicht verkennen. Proust stellt ohne Umschweife den Kirchturm von Combray in den Mittelpunkt seiner Welt, Modiano verschafft der Auszug aus dem Taufregister eine eigenartige Genugtuung. Die besondere Bedeutung eines Ankerpunktes im Dasein beruht für ihn auf seiner nomadenhaft, mit ständigen Ortswechseln und Betreuungsverhältnissen quer durch Frankreich verbrachten Jugend, ohne daß er, ein zweiter Chatwin, eine Vorliebe für das Nomadenleben entwickelt hätte. Sebalds statische Jugend in W. bildet dazu einen klaren Gegensatz. Sein ihm vermutlich routinemäßig und nicht erst im Alter von fünf Jahren unter abenteuerlichen Umständen verpaßter Taufschein kann ihm keine Reliquie in den Kümmernissen des Lebens sein. Der Ambivalenz von Sorgen des Lebens und Trost des Taufscheins entspricht der von dargestellter Grausamkeit und friedvoller Stille im Inneren der Kapelle. Was könnte man Selysses als Einlage für seine Jackentasche empfehlen, daß er Hand darauf legen könnte zur Vergewisserung seines Daseins und seines Platzes in der Welt - vielleicht ein Bild der Kapelle, das er uns, anders als das seines Paßes, vorenthält.

Samstag, 14. März 2015

Quatorze Juillet

Tag und Nacht

A mon retour, vers minuit, quelques groupes, parmi lesquels je remarquais des enfants, se dirigeaient vers l'entrée du zoo. Il restait ouvert, à l'occasion du 14 juillet, et sans doute les animaux demeureraient dans leurs cages et leurs enclos, à moitié endormis. Pourquoi ne pas faire, moi aussi, cette visite nocturne et avoir ainsi l'illusion de réaliser le rêve qui était le nôtre autrefois: nous laisser enfermer la nuit dans le zoo. Modianos Erzähler schließt sich der Gruppe der nächtlichen Zoobesucher dann doch nicht an, Selysses dagegen sucht nach seiner Ankunft in Antwerpen ohne Verzug den Nachtzoo, das Nocturama auf. Als der Nachmittag sich schon neigte, schaute ich hinein in das erst vor einigen Monaten neu eröffnete Nocturama. Es dauerte eine ganze Weile, bis die Augen sich an das künstliche Halbdunkel gewöhnt hatten und ich die verschiedenen Tiere erkennen konnte, die hinter der Verglasung ihr von einem fahlen Mond beschienenes Dämmerleben führten. Ein Nachtzoo ist kein Zoo bei Nacht, tagsüber bietet er bei künstlichem Dämmerlicht Gelegenheit, das Leben nachtaktiver Tiere zu beobachten, die nachts vermutlich bei grellem Neonlicht dann ihre Ruhe finden. Im Nocturama ist die Ordnung der Zeit umgestülpt, der Tag ist zur Nacht und die Nacht zum Tag gemacht. Der Waschbär mag sich täuschen, wenn er annimmt, das über jede vernünftige Gründlichkeit hinausgehende Waschen könne ihm von Nutzen sein, das Gefühl, ohne sein eigenes Zutun in eine falsche Welt geraten zu sein, täuscht ihn nicht.
Gli animali, im Zoo und in freier Wildbahn, hanno continuato a essere fedelmente ciò che erano, soltanto l'uomo osava espandere il repertorio dei suoi gesti, das betrifft nicht zuletzt den Eingriff in die Beleuchtungsverhältnisse, ein der Tierwelt ganz und gar verschlossener Bereich. Um 1870, als allerorten an Projekten zu einer totalen Illumination unserer Städte gearbeitet wurde, sollen zwei englische Wissenschaftler das absonderliche Phänomen der von den toten Heringen ausgeschwitzten luminösen Substanz untersucht haben in der Hoffnung, die Formel einer organischen, sich fortwährend von selber regenerierenden Lichtessenz ableiten zu können. Das Scheitern dieses exzentrischen Plans war, wie letztlich in einer Monographie über die Geschichte des künstlichen Lichts zu lesen war, ein kaum nennenswerter Rückschlag in der sonst unaufhaltsamen Verdrängung der Finsternis, das Nocturama eine seltsame Perversion, eine winzige Gegenströmung im Fluß der Geschichte. Am Quatorze Juillet ist, mehr noch als sonst, die Nacht zum Tag gemacht, auch der Zoo wird, schon aus Gründen der Sicherheit, heller beleuchtet sein als sonst üblich. Der Erzähler tut also gut daran, sich den Besuchergruppen nicht anzuschließen, sein Kindheitstraum, das wahre, geheime Leben der Tiere zu teilen, hätte sich nicht erfüllt.
Vertreibung der Finsternis, Aufklärung mit den Mitteln der Technik, naturgemäß stößt dieses Vorhaben bei Sebald auf geringen Widerhall. Wenn über dem menschenleeren und unbeleuchteten Manchester die Nacht sich herabsenkte, dann begannen an verschiedenen Stellen Feuerchen zu flackern, um die als unstete Schattenfiguren Kinder herumstanden und -sprangen, Kinder oder zwergwüchsige Menschen des Neolithikums, das läßt sich nicht unterscheiden. Auf der Nachfahrt glimmt im Abteil wohl nur, ähnlich wie im Nocturama, eine fahle Notbeleuchtung und das Morgengrauen dann bringt hinter den Fenstern verschobenes Erdreich, Felsbrocken, in sich zusammengesunkenes Bauwerk, Schutt- und Schotterhalden an den Tag. Modianos frühe Bücher über die Okkupationszeit sind in ein moralisches Zwielicht getaucht, das sich auch später nie endgültig aufhellt. In einem der Bücher identifiziert sich der Erzähler mit dem Observateur Nocturne des Nicolas-Edme Restif De La Bretonne aus der Zeit, als das Dunkel der Nacht noch nicht aus Paris vertrieben war. Endlose Gänge führen den Erzähler unterschiedslos bei Tag und bei Nacht durch die große Stadt, auch zu den abgelegensten Stunden sind hinter den beleuchteten Scheiben eines Cafés Menschen zu sehen, wie in einem Zoo.

Sonntag, 8. März 2015

Stimmwechsel

Ausgewanderte und Unbekannte

Umfangen von einem ihm unbegreiflichen Gefühl der Unverbundenheit, habe er sich zu Beginn seines Aufenthalts in Manchester sehr leicht aus dem Leben entfernen können. Als wir Selysses, chronologisch gesehen, das nächste Mal wiedertreffen, frisch verheiratet und auf Wohnungssuche in Hingham, ist der Zustand allem Anschein nach überwunden, in den Schwindel.Gefühlen ist er wieder zurück. Im weiteren Verlauf der Ausgewanderten sowie auch in Austerlitz sind die Schwindelgefühle durch die Teilnehme am Schicksal Anderer abgeklungen.
Für Modianos Helden ist das Gefühl der Unverbundenheit ein Dauerzustand. Die namenlose Heldin der zweiten längeren Erzählung in den Inconnues trägt, während sie noch die Schule besucht, ein Röhrchen mit Barbituraten bei sich, die es ihr erlauben würden, jederzeit aus dem Leben sich zu entfernen. Bald schon ersetzt sie die Schlaftabletten durch ein ständiges Gefühl des être ailleurs, das sie gewissermaßen unangreifbar macht. Der Protagonist des Accident nocturne verleiht dem Gefühl der Unverbundenheit eine positive Färbung: La lecture des Merveilles célestes m'avait vraiment remonté le moral. Désormais, je considérais les choses de très haut. Einen Gesinnungsgenossen findet er in dem venezianischen Astronom Malachio, der alles aus der größten Entfernung sieht, nicht nur die Sterne.
Bei Sebald ist das Verhältnis zwischen Autor und Erzähler, der Abstand zwischen den beiden, ohne daß er sich genauer bestimmen ließe, weitgehend konstant, bei Modiano ist er großen Schwankungen unterworfen. Den Icherzähler von Un pedigree, Livret de famille oder auch Dora Bruder kann weitgehend dem Autor gleichgestellt werden, der Icherzähler von La Place de l'Étoile hat mit ihm keine unmittelbare Ähnlichkeit. Die bevorzugte Inkarnation des Erzählers ist die eines jungen Mannes kurz vor Erreichen der Volljährigkeit, so wie sie in den sechziger Jahren festgesetzt war, der ein in etwa gleichaltriges Mädchen trifft, das sich mit Spieler, Gaunern und Schiebern oder auch mit Revolutionären eingelassen hat. Der junge Mann betritt im Gefühl der Unverbundenheit die Szene, unberührbar wie Parzival, unbedarft und von eigenartiger Unschuld, begeht seinerseits, wenn es das Mädchen erwartet, Straftaten, stielt, fälscht, haust in Wohnungen, deren Besitzer gerade verreist sind, wäre auch zu einem Mord bereit, rien ne semble le choquer, alles perlt ab an seinem weißen Kleid. Die Dezenz in der Behandlung der choses de l'amour übertrifft noch die der Erzählungen von den Rittern der Tafelrunde. Verschiedentlich wird die hünenhafte, durchaus der des Dichters entsprechende Gestalt des Helden erwähnt. Das Mädchen steht unter seinem Schutz, weniger in der entworfenen Realität als in der Versicherung der Sätze, solange sie dauern. In La Petite Bijou hat sich die Perspektive verschoben, die junge Frau ist die Icherzählerin, der junge Mann hilft ihr so gut er kann aus dem Hintergrund, vordringlich ist er damit beschäftigt Radiosendungen in zwanzig verschiedenen Sprachen zu verfolgen und zu übersetzen.
Die Ausgewanderten haben den Untertitel Vier lange Erzählungen, Des inconnues könnte den Untertitel Drei lange Erzählungen haben. Drei Frauen erzählen Begebenheiten aus der Zeit ihres Erwachsenwerdens, erzählen voller Hast, es bleibt ihnen nicht die Zeit, auch nur ihren Namen zu erwähnen. Sie sind allein, ihr Leben ist eine offene Wunde, Parzival wird schmerzlich vermißt. Sie erzählen aus einer inzwischen Gegenwart gewordenen Zukunft, im Grunde aber sind sie verstummt. Die Erzählerin der ersten Geschichte sieht für sich kein weiteres Leben: Des filles que l'on a repêchées dans les eaux de la Seine, on dit souvent qu'elles étaient inconnues ou non identifiées. Moi, j'espère bien le rester pour toujours. Die Zweite müßte von Rechts wegen aus einer Gefängniszelle sprechen: Pour le tir, je devais avoir le même don que mon père puisque j'ai tué Monsieur du premier coup. Die Dritte, eine Midinette, wie sie sich selbst sieht, ist an eine seltsame Sekte geraten und hat ihr Leben an sie abgetreten.

Sebald scheint von einer weiblichen Erzählstimme weit entfernt, aber auch Modiano hatte für den Stimmwechsel mehr als die vier Bücher benötigt, die Sebald vergönnt waren. Immerhin, ließe sich anführen, erfahren wir das Entscheidende über Paul Bereyter aus dem Munde der Mme Landau. In Austerlitz ist der Part des Icherzählers, verglichen mit den Ausgewanderten, stark geschrumpft, überwiegend spricht Austerlitz selbst. Man würde sich wünschen, zusätzlich die Stimme Marie de Verneuils zu hören. Die Zeit war reif, für Parzival war es ohnehin schon zu spät.

Mittwoch, 4. März 2015

Vergehende Zeit

Comme une algue


In dem Gefühl, daß ich frei sei und ledig, wanderte ich in den Gassen herum, betrat hier und da einen der dunklen stollenartigen Hauseingänge, las mit einer gewissen Andacht die Namen der fremden Bewohner auf den blechernen Briefkästen und versuchte mir vorzustellen, wie es wohl wäre, wenn ich in einer dieser steinernen Burgen wohnte, bis an mein Lebensende mit nichts beschäftigt als dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit. Der Leser ist von dieser Vorstellung so angetan, daß er gleich in das benachbarte Anwesen einzieht, mit der Absicht, es dem Dichter gleichzutun. Schon aber stellt sich Unsicherheit ein. Wie soll das Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit vonstatten gehen, ist es der gleiche Studienansatz für die vergangene und die vergehende Zeit oder müssen die beiden Zeitformen separat studiert werden; man hätte den Dichter fragen sollen, bevor er die Tür hinter sich schließen konnte. Für die Vergangenheit bietet sich die Historiographie an, sollte für die vergehende Zeit die Form des Romans in Betracht kommen? Aber ist nicht die vergehende Zeit immer schon so gut wie vergangen, und kann das Studium der vergehenden Zeit nicht das der vergangenen umfassen? Nehmen wir ein Buch wie die Schwindel.Gefühle, Stendhals Studium der vergehenden Zeit im frühen, Kafkas Studium der vergehenden Zeit im späten neunzehnten Jahrhundert, das bis 1913 dauert, lesen wir als Studium der Vergangenheit, und auch die vergehende Zeit, durch die hindurch wir dem Erzähler folgen, ist längst Vergangenheit geworden, nicht weniger als der das Buch beschließende Blick auf die Zukunft des Jahres 2013.
Und überhaupt, muß das Wohnen in der steinernen Burg notwendig verbunden sein mit dem Studium der Zeit in ihren verschiedenen Erscheinungsformen? Ohnehin sieht sich der Leser, der vermeintlich dem Vorbild des Dichters folgend voreilig die Villa okkupiert hat, düpiert, der Dichter ist ihm nicht, wie erwartet, mit gutem oder auch schlechtem Vorbild vorangegangen und sein Nachbar geworden: Weil aber keiner von uns wirklich still sein kann und wir alle immer etwas mehr oder weniger Sinnvolles vorhaben müssen, wurde das in mir auftauchende Wunschbild bald schon verdrängt von dem Bedürfnis, den Nachmittag irgendwie auszufüllen, und also fand ich mich, kaum daß ich es wußte, wie, in der Eingangshalle des Musée Fesch mit Notizbuch und Bleistift und einem Billett in der Hand. Der entschlußfreudige Leser aber läßt nicht ab von seinem Plan, ne jamais sortir de cette villa. Ne jamais quitter cette pièce. Rester allongés sur le canapé , où peut-être par terre, comme nous le faisions de plus en plus souvent. Chez moi, cela correspondait à une horreur du mouvement, une inquiétude vis-à-vis de tout ce qui bouge, ce qui passe et ce qui change, au besoin de me pétrifier. Mais chez elle? Je crois qu'elle était simplement paresseuse. Comme une algue. Als Bewohner der steinernen Burg hat der, im übrigen dem französischen Autor Modiano auffällig ähnelnde Leser die dem Dichter vorschwebende Idee der Einsamkeit aufgegeben, eine Gefährtin hinzugewonnen und seine Situation neu interpretiert. Das Gefühl des Dichters, frei und ledig zu sein, kann er nicht mehr teilen, vielmehr ist er von einer Art Stockstarre befallen. Die Gefährtin aber erweist sich als ein Naturtalent in der Beherrschung des Zustands, zu dem die Dichter, wenn sie ihr Ziel noch über die fortdauernde Beobachtung der Zeit hinaus entwerfen, nur auf zerebralem Umweg gelangen, das Ziel, eine Alge zu sein, zeitlos, ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor.

Montag, 2. März 2015

Pitié-Salpêtrière

Unheilanstalt

Wer Sebald als den Prime Speaker of the Holocaust sieht und Austerlitz als sein maßgebliches Werk, der wird in Modianos Oeuvre, wenn er es denn zur Kenntnis nimmt, Dora Bruder den Vorzug geben. Austerlitz folgt Agata, nach dem er ihre Spur in Prag gefunden hat, nach Theresienstadt, Modiano folgt Dora Bruder nach Auschwitz. Dabei ist Modiano, der in diesem Buch von seinem Erzähler kaum unterscheidbar ist, mit Dora weder verwandt noch verschwägert. Beim Blättern in alten Zeitungen war er auf die folgende Anzeige aus dem Jahre 1941 gestoßen: On recherche une jeune fille, Dora Bruder, 15 ans, 1 m 55, visage ovale, yeux gris-marron, manteau sport gris, pull-over bordeaux, jupe et chapeau bleu marine, chaussures sport marron. Adresser toutes indications à M. et Mme Bruder, 41 boulevard Ornano, Paris. Was er über Dora im Verlauf einer achtjährigen Recherche herausfindet, ist nur wenig, indem er aber die Viertel besucht, in der sie gelebt und sich bewegt hat, in den Straßen geht, in denen sie wohl gegangen ist, in der Metro auf Strecken fährt, die sie vermutlich gefahren ist, ergibt sich eine Gemeinschaft der Orte und Wege. In den acht Jahren zwischen dem Lesen der Anzeige und der Niederschrift von ist der Erzähler naturgemäß auch Wege in und außerhalb von Paris gegangen und gefahren, die nicht von seinen Nachforschungen berührt waren. Einer dieser Wege führt ihn zum Spital Pitié-Salpêtrière, nachdem er gehört hatte, sein Vater, den er seit seiner Jugendzeit nicht mehr gesehen hatte, sei dort eingeliefert worden.
In das Spital Pitié-Salpêtrière wird auch Austerlitz nach einem Herzanfall in der Metro eingewiesen. Wer weiß, was aus ihm geworden wäre, wenn nicht ein Krankenpfleger namens Quentin Quignard in seinem Notizbuch die Adresse von Marie de Verneuil entdeckt hätte, die, einmal benachrichtigt, offenbar keine besondere Mühe hatte, ihn in der weitläufigen Anlage aufzufinden und Stunden und Tage an seinem Krankenbett gesessen ist. Ganz anders bei Modiano: Ich erinnere mich, daß ich für mehrere Stunden durch die schier unendliche Weite der Spitalanlage geirrt bin. Ich bin in einige der sehr alten Gebäude eingetreten, dans des salles communes où étaient alignés des lits, je questionnais des infirmières qui me donnaient des renseignements contradictoires. Je finissais par douter de l'existence de mon père en passant et repassant devant ces corps de bâtiments irréels. J'ai arpente les cours pavées jusqu'à ce que le soir tombe. Impossible de trouver mon père. Je ne l'ai plus jamais revu.

Es ist, als haben sich die beiden Dichter in Paris mit Kafka nicht in einem Schloß, sondern in einer Heilanstalt verabredet, einer Heilanstalt anderen Kalibers als die des Dr. Hartungen in Riva. Auch für Austerlitz hat das Spital Pitié-Salpêtrière, dieser ein eigenes Universum bildende Gebäudekomplex, in welchem die Grenzen zwischen Heil- und Strafanstalt von jeher unsicher gewesen sind, surreale Züge. Im Wachtraum einer halben Bewußtlosigkeit sah auch er sich herumirren in einem Labyrinth aus meilenlangen Gängen, Gewölben, Galerien und Grotten. Im Brüsseler Justizpalast hatte er sich zuvor bereits eingeübt auf ein Erlebnis dieser Art, türlose Räume und Hallen, die von niemandem je betreten schienen und deren ummauerte Leere das innerste Geheimnis aller sanktionierten Gewalt sei. Viele Stunden sei er durch dieses steinerne Gebirge geirrt, durch Säulenwälder, an kolossalen Statuen vorbei, treppauf und treppab, ohne daß ihn je ein Mensch nach seinem Begehren gefragt hätte.

Die Dinge sind nicht so, wie sei scheinen. Wenn, was man unterstellen kann, Modianos Erzähler den Vater im Spital Pitié-Salpêtrière nicht wirklich hat finden wollen, mag man auch mutmaßen, daß es Austerlitz insgeheim darum ging, von Marie dort gefunden zu werden.

Sonntag, 1. März 2015

Couvent et Pissoir

Koinzidenzen

Er habe, so der Erzähler von Dora Bruder, im Grunde also Modiano selbst, während der Arbeit an seinen Aufzeichnungen das fünfte und das sechste Buch der Misérables noch einmal gelesen, als Cosette und Jean Valjean gemeinsam das nächtliche Paris durchqueren. Auf der Rive droite fliehen sie vor ihren Verfolgern in die kleine rue du Chemin-Vert-Saint-Antoine. Brusquement ils sont projetés dans le quartier d'un Paris imaginaire que Hugo nomme Petit Picpus. Sie entkommen der Polizeipatrouille mit knapper Not, en se laissant glisser derrière un mur. Ils se retrouvent dans un jardin fort vaste et d'un aspect singulier. Et voici ce qui me trouble, so der Erzähler: Am Ende ihrer Flucht durch ein imaginäres Stadtviertel finden sie sich wieder in einem realen Garten, c'est le jardin d'un couvent que Hugo situe exactement au 62 de la rue du Petit-Picpus, la même adresse que le pensionnat du Saint-Cœur-de-Marie où était Dora Bruder.

Modiano läßt eine kleine Theorie der Koinzidenz in der Literatur folgen: Ich glaube an Koinzidenzen und manchmal an eine seherische Begabung des Romanciers. Das ist nichts, was ihn erhöht über andere, es gehört ganz einfach zu seinem Metier: les efforts d'imagination, nécessaires à ce métier, le besoin de fixer son esprit sur des points de détail - et cela de manière obsessionnelle - pour ne pas perdre le fil et se laisser à la paresse -, toute cette tension, cette gymnastique cérébrale peut sans doute provoquer à la longue de brèves intuitions, wie im Larousse unter voyance zu lesen: intuitions concernant des événements passés où futurs.
Sebald unterlegt seine Vorliebe für Koinzidenzen nicht mit einer Theorie, sie muß aus der Immanenz des Werkes entschlüsselt werden. Wie der Schnee auf den Alpen stellt uns unter den Schutz der heiligen Nothelfer, dem Maler Grünewald selbst helfen sie in seinem Leben nur wenig. In Und ich blieb am äußersten Meer führt der Forscherdrang Georg Wilhelm Steller in Eiseskälte und Tod. Die beiden ganz großen Erzählungen des Abendlandes, Christenglaube und Aufklärung, sind zu Ende erzählt, die Stimmen der Erzähler sind verstummt, dem Dichter bleibt in Die dunckle Nacht fährt aus das ewig sinnlose Klappern der Sternenkoinzidenzen. Die Geburt am Christi Himmelsfahrttag nimmt die Mutter als gutes Zeichen, nicht ahnend, daß der kalte Planet Saturn die Stunde regierte. In einer nicht intelligiblen Welt obsiegt die astrologische Entschlüsselung von Koinzidenzen über die Theologie sowie auch über die Astronomie und die anderen Wissenschaften.

Tra il fin d'ottobre e il capo di novembre, die auf den Stundenschlag akkurate Angabe ist für Casanova der entscheidende Fingerzeig, denn in der Ungeheuerlichkeit solcher Koinzidenz glaubt er ein Gesetz am Werk, das auch dem klarsten Denken nicht zugänglich ist und dem er sich deshalb unterordnet. Mich hat der Versuch Casanovas meinerseits veranlaßt, in meinem Kalender zurückzublättern, wobei ich zu meiner Verwunderung, ja zu meinem Schrecken feststellte, daß der Tag, an dem ich an der Bar der Riva gesessen bin, der letzte Tag des Monats Oktober gewesen ist, ein Jahrestag somit jenes Tages, an dem Casanova den bleiernen Panzer seines Gefängnis durchbrochen hat. - Verwunderung, ja Schrecken, sollen wir dem Dichter die heftige Gemütsbewegung glauben? Es wäre dann ein Erschrecken nicht über das eigene Sehertum, sondern über die Blindheit der Welt.

Aber es gibt auch hellsichtige Koinzidenzen im Sinne Modianos, ähnlich wie der im Kloster Hugo trifft, trifft Selysses Kafka im Bahnhofspissoir, allerdings mit einem denkbar kurzen Text und überdies in einer Sprache, derer sich der Prager Dichter nur selten bedient hat: Il cacciatore stand da in einer ungelenken Schrift, und ich fügte dem noch die Worte nella selva nera hinzu. Eine Koinzidenz concernant des événements passés et futurs, leicht vorstellbar, der im Pissoir entworfene Satz sei der erste der Schwindel.Gefühle, der niedergeschrieben wurde, und von dort sei es zurückgegangen ins Jahr, als bereits Stendhal den Cacciatore Gracchus in den Hafen von Riva einfahren sah, und dann voraus zum Tod des Jägers, viele Jahre später, in der Ortschaft W.