Mittwoch, 25. Dezember 2019

Weltarm

Entomologie

Kafkas Käfer ist zweifellos der prominenteste Käfer überhaupt, nur ist er kein Käfer. Unter dem Panzer steckt, mit Heideggers Worten, weiterhin ein weltbildender Mensch, Gregor Samsa, und nicht ein weltarmes Tier. Das gilt gleichermaßen und umso mehr für den Erzähler der Ringe des Saturn, als er sich an der Fensterbrüstung mühsam emporzieht gleich dem armen Gregor, der, mit zitternden Beinchen an die Sessellehne sich klammernd, aus seinem Kabinett herausblickt. Die entomologisch-literarische Erforschung des Käfers als weltarmem Tier ist Raymond Chandler vorbehalten. In der Polizeistation beobachtet Marlowe, der Lieutenant ist noch nicht eingetroffen, auf der Schreibtischplatte einen schwarzglänzenden, rosagepunkteten Käfer mit einem rosa Kopf. Seine Fühler bewegen sich, als wolle er bald abheben. Er hebt aber nicht ab, sondern läuft ohne zu zögern weiter bis zum Rand des Tisches und darüber hinaus, stürzt am Boden auf den Rücken, schlägt wie hilfesuchend mit den Beinchen und stellt sich, als Erfolg und Hilfe ausbleiben, tot. Weiterhin ohne hilfreichen Retter - Marlowe verharrt in der neutralen Beobachterrolle - bemüht er sich erneut und schließlich gelingt es ihm aus eigener Kraft auf die Beine zu kommen, ziellos, so möchte man meinen, macht er sich auf ins Nirgendwo. Es scheint, als würde Marlowe im Gespräch mit dem inzwischen eingetroffenen Kommissar den Käfer vergessen, tatsächlich aber hat er beobachtet, wie das Tier bereits zwei Ecken des Zimmers erfolglos angesteuert hat und es nun mit der dritten versucht. In diesem Augenblick gibt Marlowe die wissenschaftliche Distanz auf und versucht seinerseits die Synthese von Weltarmut und Weltbildung, wenn auch auf entschieden andere Art als Kafka. Es scheint ihm, als sei das Tier die achtzehn Stockwerke zum Dienstzimmer des Kommissars heraufgestiegen nur um eine Freund zu finden, nämlich ihn, Marlowe. Er nimmt den Käfer auf vom Boden, fährt zusammen mit ihm im Fahrstuhl hinab und setzt ihn draußen hinter einem Busch aus. Wird er sich erneut auf den Weg machen ins achtzehnte Stockwerk? - vermutlich keine entomologisch begründbare Annahme. Über den weiteren Verbleib des Käfers ist nichts bekannt.

Montag, 23. Dezember 2019

Bodenschätze

Adnoddau mwynol


Wales war ein unterirdisches Land, im Süden die Steinkohle, im Norden die Schiefersteinbrüche. Den in Bala, Nordwales, stationierten Prediger Emyr Elias trägt es, in Begleitung seines Ziehsohnes Dafydd alias Austerlitz, bei seinen externen Einsätzen auch schon das ein oder andere Mal bis hinunter in den Süden. Der Ort, an dessen Namen Austerlitz sich nicht mehr erinnern kann, war von Kohlehalden umgeben, deren Ausläufer zu Teil bis in die Gassen hineinreichten, von ihrem Quartier aus konnte man einen Förderturm sehen mit einem riesigen Rad und weiter talabwärts sah man in regelmäßigen Abständen von jeweils drei oder vier Minuten hohe Feuer- und Funkengarben aus den Schmelzöfen eines Hüttenwerks stieben. Der Anblick des einmal ums andere im Feuerschein aufleuchtenden und gleich wieder in der Finsternis versinkenden Tals war es wohl, der Elias die von ihm am nächsten Morgen gehaltene Offenbarungspredigt eingab, eine Predigt über die Rache des Herrn, über Krieg und Verheerung, eine Predigt, bei der er sich bei weitem selbst übertraf. Auch die ausschließlich in der kymrischen Sprache verfaßten Bücher Kate Roberts‘ (1891–1985) - in Wales offiziell ausgerufen als Brenhines ein llên, Königin unserer Literatur - bestätigen die Oberhoheit der Prediger innerhalb der kymrischen Sprach- und Kulturgemeinschaft vor allem im bis weit in das zwanzigste Jahrhundert hinein überwiegend monoglotten Norden. Mehr noch aber richtete Roberts ihr Augenmerk auf die Arbeiter in den Steinbrüchen, zu denen auch ihr Vater gehört hatte, von früher Jugend bis ins Alter. Zu nennen sind unter anderem ihr autobiographisch eingefärbter Roman Traed mewn cyffion (Füße in Ketten), besonders aber ihre Autobiographie Y lôn wen (Der weiße Weg). Im Roman werden die Härten des Lebens der Bergleute betont, lange harte Arbeit, geringer Lohn. Buaswn yn dweud ei fod yn ‎£ 5 y mis am rai blynyddoedd ac yn ‎£ 4 yn y amser gwannaf un: Ich würde sagen, es waren £ 5 pro Monat für einige Jahre und £ 4 in der schwächsten Zeit. Der jeden Monat neu festgelegte Betrag konnte aber auch auf ‎£ 3 sinken, wenn er ausnahmsweise auf ‎£ 7 stieg, breitete sich ein Gefühl von Wohlstand und Luxus aus. Auch £ 5 waren kein Hungerlohn, aber nur wenig darüber; eine seriöse vergleichende Kaufkrafteinschätzung ist allerdings kaum möglich. Überdies war das Leben der Bergleute gefahrvoll, digwyddai damweiniau yn aml yn y chwareli bychain yn y cyfnod hwn: besonders in den kleinen Steinbrüchen kam es zu dieser Zeit häufig zu Unfällen, tödliche Unfälle oder Unfälle mit der Folge langer oder dauerhafter Arbeitsunfähigkeit. Das wird auch in der Autobiographie nicht übergangen, vor allem aber wird erzählt von einer behütete Kindheit in einer kargen, für die Kinder aber glückhaften Lebenswelt. Pobl syml oeddynt, es waren einfache Leute, Rhosgadfan erscheint als eine Art Combray der wenig begüterten Schichten. Gadewais y pethau anhyfryd allan, die schlimmen, gottlosen Dinge, die es auch gab, habe ich allerdings ausgelassen, bekennt die Brenhines.

Gerade jetzt, wo es scheint als habe die Menschheit sich übernommen und ihren Lebensraum überfordert, versetzt man sich gern zurück in schlichtere Verhältnisse, das hinter dem Versprechen einer hellen Zukunft lauernde Unheil begann allerdings mit den bis in die Gassen hineinreichten Kohlenhalden und den Feuer- und Funkengarben aus den Schmelzöfen, brucia da allora continuamente.

Sonntag, 15. Dezember 2019

Schattenmenschen

Verborgene Gänge
 
Von dem dunklen Stiegenhaus zweigten auf jedem Stockwerk hinter doppelten Wänden verborgene Gänge ab, die angelegt worden waren, um der Herrschaft den Anblick der ständig mit den verschiedensten Aufgaben hin- und herlaufenden Dienstboten zu ersparen. Wie mag das Innere der Leute beschaffen gewesen sein, die mit der Vorstellung leben konnten, daß hinter den Wänden ihrer Wohn und Schlafzimmer immer die Schatten der Dienerschaft vorbeihuschten. Der Gedanke an die verborgenen Gänge und die darin verborgenen Schattenmenschen wird den Dichter aus der Bahn gebracht haben, lange wird er nachgedacht haben über die damit verbundenen Fragen, wenn er zu einem Ergebnis gekommen ist, hat er es uns nicht mitgeteilt, in seinem Werk findet sich dazu wenig, die Mehrheit seiner Figuren hat kein Dienstpersonal. Die zu Morton Petos Prinzenpalast gehörigen Butler, Kutscher, Chauffeure, Gärtner, Köchinnen, Nähmädchen und Kammerfrauen, werden erst sichtbar, als sie, aus dem Dienst entlassen, heraustreten aus dem nach einer Gasexplosion halb niedergebrannten Anwesen. Das Besitztum der Solomons am Rock Point auf der äußersten Spitze von Long Island ist ohne Bedienstete nicht denkbar, im Blickfeld ist aber nur Ambros Adelwarth als der Regent der Dienerschaft. Im wurde schon zu Lebzeiten des alten Solomon ein Haus in Mamaroneck überschrieben und auch die ihm unterstellten Dienstboten sowie die Gärtner und Chauffeure waren wohl keine im Schatten der Wände huschenden Gestalten.

Von Morten Petos Anwesen heißt es, es sei ein sehr weit abgelegener, quasi extraterritorialer Ort und man wisse nicht recht, ob man sich an der Küste des Nordmeers oder im Herzen des schwarzen Kontinent befände, und hier, nicht in den verborgenen Gängen, sondern in einer afrikanischen Freiluftveranstaltung treffen wir auf die leibhaftigen Schattenmenschen, Joseph Conrad hat es zu Papier gebracht und in den Ringen des Saturn ist es nachgezeichnet: Zwischen den Geröllhalden und unterhalb der hohen Felsenklippen sowie an den steilen Abhängen der Ufer, überall sieht man schwarze Figuren in Trupps bei der Arbeit. Ein Stück weit außerhalb des besiedelten Areals stößt man auf einen Platz, an dem die von Krankheit Zerstörten und von Hunger und Arbeit Ausgehöhlten zum Sterben sich niederlegen. Wie nach einem Massaker liegen sie da in dem gräulichen Dämmer auf dem Grunde der Schlucht. Offenbar hält man diese totgeweihten Schattenwesen nicht auf, wenn sie sich davon schleichen in den Busch.

Donnerstag, 12. Dezember 2019

Weg mit dem Geld

Störfaktor


You could tell by his eyes that he was plastered to the hairline, but otherwise he looked like any other nice young guy in a dinner jacket who had been spending to much money in a joint that exists for that purpose and for no other. Offenbar verfolgt Terry Lennox im The Dancer ein unter jungen Leuten verbreitetes Bedürfnis, dem unter anderen auch Cosmo Solomon nachgeht, wenn er in Luxushotels wie dem Breakers, dem Ponciana oder dem American Adelphi ungeheure Mengen Geld durchbringt, woran ihm offenbar vorab gelegen war. Anders Wittgenstein. Immer wenn der Erzähler auf eine Photographie von Wittgenstein stößt, blickt ihm Austerlitz aus ihm entgegen, oder, wenn er Austerlitz anschaut, ist ihm als sehe er in ihm den unglücklichen, in der Klarheit seiner logischen Überlegungen ebenso wie in der Verwirrung seiner Gefühle eingesperrten Denker. Die Ähnlichkeiten bestehen nicht nur im Aussehen und der Statur, sondern mehr noch in ihrem nur provisorisch eingerichteten Leben und in dem Wunsch, mit möglichste wenig auszulangen. Was die Befreiung vom Geld anbelangt, ist Wittgenstein nicht dem unmittelbaren Vorbild Lennox’s und Solomons gefolgt. Zunächst hat er mit bedeutenden Summen bedürftigen Poeten wie Rilke und Trakl geholfen und dann das ganze restliche Vermögen, weil es ihm beim Denken störte, seinen ohnehin noch vermögenderen Geschwistern überschrieben, aus seiner Perspektive schon fast ein Racheakt für ein unbekanntes Vergehen, ein Fluch. Tatsächlich ist keiner der unglücklichen Wittgensteins mit dem zusätzlichen Geld glücklicher geworden. Austerlitz hatte von Beginn an nicht unter großen Geldmengen zu leiden, und auch Marlowe, Lennox’s Freund und Feind, ist, wie jeder gute Privatdetektiv, immer auf einen nachhaltig niedrigen Kontostand bedacht.

Dienstag, 10. Dezember 2019

Namentlich bekannt

Mensch und Tier


Kein Mensch ist fertiggestellt ohne Namen, und wenn sein Name auch nur Heb-Enwau wäre. Kaum jemanden aber, der uns in den Städten begegnet, kennen wir zu unserem Glück beim Namen, schon die Kenntnis aller Vornamen wäre eine unerträgliche Fülle, kämen auch noch die Nachnamen hinzu, wäre es der Garaus.

Austerlitz kennt Penelope Peacefull beim Namen, weil er sie bewundert und ihr Antiquariat oft aufsucht. Er erfährt den Namen der Archivangestellten Tereza Ambrosová im Prager Staatsarchiv, während er sich des längeren mit ihr beratschlagt. Adroddwr, der Erzähler, kennt den Artisten Giorgio Santini beim Namen, weil er ihn beim Namen kennen muß, um den verborgenen Bezug zu San Giorgio herzustellen. Aus Gründen, die nicht näher erläutert werden müssen, kennt er die Hotelwirtin in Limone bei vollem Namen und verständlicherweise auch den Venezianer Malachio, mit dem er eine Bootstour unternimmt, namenlos bleibt dagegen die verschreckte junge Frau, die ihm im Hotel in Lowestoft bewirtet, ferner die Signora mit Vogelblick im Hotel Boston, Mailand sowie die Dame unbestimmten Alters, die in einer lilafarbenen Bluse den Einlaß zum Museum in Theresienstadt regelt und noch viele andere mehr. Wenn ihm in den Straßen von Wien namentlich bekannte aber längst verstorbene Bewohner aus der Ortschaft W. und obendrein der italienische Dichter Dante begegnen, kann das unberücksichtigt bleiben. Daß er während seines Aufenthalts in W. den Namen der zuständigen Dame im Engelwirt nicht irgendwann erfahren hat, ist unwahrscheinlich, er verrät den Namen aber nicht. Insgesamt hat sich der Erzähler gegen eine überbordende Namensfülle gut abgesichert.

Auch die, deren Namen wir nicht kennen, haben einen Namen und ebenso die, die uns gar nicht erst begegnen. Wenn Malachio zum Abschied ruft: Ci vediamo a Gerusalemme, heißt das soviel wie, wir haben uns getroffen, haben uns einander mit unserem Namen vorgestellt und werden uns nicht wiedersehen. Wir können einen vorläufigen Namen vergeben, Winterkönigin, bevor wir den wahren Namen erfahren. Bei den amerikanischen Ureinwohnern hatte man üblicherweise zwei Namen, einen für die Öffentlichkeit, wenn man das unter den Bedingungen der Prärie so sagen kann, und den wahren Namen, den man nur selber kannte. Von daher gesehen, kann man es bei Winterkönigin belassen. Auch und gerade die Toten haben Namen, in Kissingen lassen wir uns den Schlüssel zum israelitischen Friedhof geben und lesen: Hamburger, Kissinger, Wertheimer, Friedländer, Arnsberg, Frank, Auerbach, Grunwald, Leuthold, Seeligmann, Hertz, Goldstaub, Baumblatt, Blumenthal. Ferner neigen wir dazu, den Tieren unserer näheren Umgebung einen Namen zu geben, Toby etwa, was die Tiere davon halten, wissen wir nicht.

Freitag, 6. Dezember 2019

Dienstpersonal

Namen

Die prekäre Situation, in der sich die walisische Haushälterin befindet, wurde entschärft durch die Feststellung, daß die regelmäßigen Angriffe der Papageien bei ihr weder physische noch psychische Schäden hinterlassen, und doch bleiben Fragen offen. Warum erfahren wir nicht ihren Namen, wie es die Höflichkeit gebietet, Mererid Jones vielleicht oder Rhiannon Ifans; holen wir es nach und nennen sie Mererid Ifans. Warum ist nichts zu hören von den Aufgaben, die sie im Haus verrichtet, von ihrem Status in der Gemeinschaft, Austerlitz hält sich lange genug auf in Andromeda Lodge, um über diese Dinge Bescheid zu wissen. Warum wirft ihr niemand bei den Attacken der Vögel wenigstens ein freundliches Scherz- und Trostwort zu?

Von der Wirtschafterin, oder wie man sie nennen will, im Haus der Selwyns erfährt man immerhin den Vornamen, Aileen, und wenn ihr Aufgabenfeld nicht beschrieben wird, dann wohl deshalb, weil sie keins hat. Zu jeder Stunde war sie in der finsteren Küche beschäftigt, meist machte sie sich über dem Ausguß zu schaffen. Welchen Arbeiten sie oblag, blieb unverständlich, eine Mahlzeit jedenfalls hat sie nie bereitet. Von dem dunklen Stiegenhaus zweigten auf jedem Stockwerk hinter doppelten Wänden verborgene Gänge ab, die angelegt worden waren, um der Herrschaft den Anblick der ständig mit den verschiedensten Aufgaben hin- und herlaufenden Dienstboten zu ersparen. Wie mag das Innere der Leute beschaffen gewesen sein, die mit der Vorstellung leben konnten, daß hinter den Wänden ihrer Wohn- und Schlafzimmer immer die Schatten der Dienerschaft vorbeihuschten. Wann Aileen in dieser Umgebung um ihren Verstand gekommen war, sofern sie jemals viel davon gehabt hatte, war nicht bekannt. In ihren winzigen Kammer lag und stand eine Unzahl von Puppen, sorgsam herausgeputzt und die meisten mit Kopfbedeckung. Vielleicht ist Aileen ein heimlich in den Gängen aufgewachsenes und vergessenes Kind des neunzehnten Jahrhunderts. Nicht auszuschließen ist andererseits, daß auch noch zu der Zeit, als die Selwyns reiche Lebeleute waren, die Dienstbotengänge bevölkert waren, Aileen wäre dann das Gespenst zu passend Selwyns Niedergang.

Im Haus des Majors Le Strange ist alles, wie es sein soll. Wir erfahren den vollen Namen der Haushälterin, Florence Barnes. Es gilt ein Arbeitsvertrag mit der zentralen Regelung, daß sie die von ihr zubereiteten Mahlzeiten gemeinsam mit dem Major, aber unter Wahrung absoluten Schweigens einnehme. War der Major selbst auch an das Schweigegelöbnis gebunden, durfte Florence anworten, falls der Major sie ansprach? Gegenüber der Außenwelt schweigen beide über die näheren Lebensumstände, man kann daher der Phantasie freien Lauf lassen oder darauf verzichten. Auch der Major ist ständig von Federvieh und Vögeln umgeben, Papageien sind nicht darunter, Schimpfattacken hat Florence Barnes nicht zu befürchten. Falls auch das große steinerne Herrenhaus mit Dienstbotengängen ausgestattet war, wurden sie nicht genutzt, soviel ist immerhin sicher.

Mererid Ifans ist ein schwarzer Schatten im bunten Treiben der Papageien, Aileen ein Gespenst, wie man es in einem englischen Landhaus jederzeit vermutet, für einen geringen Teil des ihr von Le Strange vermachten Riesenvermögens kauft Florence Barnes für sich und ihre Schwester Jemima einen Bungalow in ihrem Heimatort Beccles, und wenn sie nicht gestorben sind, so wohnen sie wohl noch heute darin.

Sonntag, 1. Dezember 2019

Wissen

Autor, Erzähler, Leser

Dämmert es Adroddwr, dem Erzähler, als er den Namen Giorgio Santini hört? Wo aber hat er den Namen überhaupt gehört oder auf andere Weise erfahren, nicht deutet darauf hin, daß der Artist und der Erzähler im Wartesaal des Konsulats ein Gespräch aufgenommen und sich gegenseitig vorgestellt hätten. Hat der Erzähler sich weiterführende Gedanken gemacht zu dem wirklich wunderbaren, formvollendeten weitkrempigen Strohhut, den Santini in der Hand dreht, hat Adroddwr später die englische Nationalgalerie mit dem ausdrücklichen Ziel aufgesucht, Santinis Strohhut mit dem zu vergleichen, den der von Pisanello gemalte San Giorgio auf dem Kopf trägt, weiß der Erzähler in dieser Angelegenheit so viel wie der Autor, oder ähnelt sein Wissen eher dem eingeschränkten Wissen des Lesers?

Beyle machte Mme Gherardi auf einen schweren alten Kahn aufmerksam, mit einem im oberen Drittel geknickten Hauptmast und faltigen gelbbraunen Segeln, der anscheinend vor kurzer Zeit angelegt hatte und von dem zwei Männer in dunklen Röcken mit Silberknöpfen eine Bahre an Land trugen. Zwar hat erst Kafka den Jäger Gracchus Jahrzehnte später identifiziert, das schließt eine Begegnung incognito mit dem Jäger, der, wie wir nun wissen, schon seit Jahrhunderten auf seiner Barke unterwegs ist, nicht aus. Adroddwr kann zu der Erscheinung nichts beitragen, er ist in der Eingangserzählung Beyle der Schwindel.Gefühle nicht vertreten und fällt als Interpret aus. Der Autor ist nicht allwissend, weiß aber viel, so viel, wie er wissen will.

Gern überläßt der Autor dem Erzähler das Wort, zieht sich aber nicht ganz zurück. Der Erzähler verwaltet vorwiegend die realistischen Ebene, der Autor ist eher verantwortlich für das untergründige mythische Geflecht. Der Leser ist doppelt bevorteilt, zum einen stehen ihm, wenn er nur will, beide Ebenen gleichermaßen offen und zum anderen kann er sich immer wieder aufs neue in den Text vertiefen. Zwar ist es dem Autor unbenommen, sich seinerseits unter die Leser zu begeben, wie es heißt, meiden die Autoren aber in der Mehrzahl die eigenen abgeschlossenen Texte. Der Erzähler ist benachteiligt, nach seinem Auftritt ist es um ihn geschehen, er kann sich als fiktionale Figur nicht unter die Leser begeben, um sein Wissen zu erweitern. Wo aber Ungemach droht, stellt Rettendes sich ein, der Autor schickt den Erzähler ein zweites nach Italien mit dem ausdrücklichen Auftrag, die Erinnerungen an die sieben Jahre zurückliegenden Erinnerungen genauer zu überprüfen und tiefer einzudringen in das damals Geschehene. Da der Erzähler sich aber nicht auf die Überprüfung des Vergangenen beschränkt, sondern auch ungeprüft von der zweiten Reise erzählt, scheint sich eine dritte Reise anzubahnen &c, tendenziell eine Reise ins Unendliche. Der Erzähler zieht aber einen Schlußstrich und quartiert sich in einem Hotel oberhalb von Bruneck ein, um dort, ohne weiter davon zu erzählen, den Winter abzuwarten.

Die walisische Haushälterin

Herzlos

Die Papageien verfolgten die walisische Haushälterin, die nur selten draußen sich sehen ließ, mit regelrechtem Haß (jeder Hundebesitzer kennt nur allzu gut die auf beklemmende Weise in der Tierwelt verbreitete rassistische Haltung), ja sie schienen genau zu wissen, zu welchen Zeiten sie, stets mit einem schwarzen Hut auf dem Kopf und dem schwarzen Regendach in der Hand, in das Bethaus ging und lauerten ihr bei diesen regelmäßig wiederkehrenden Gelegenheiten jedesmal auf, um auf das unflätigste hinter ihr herzuschreien. Wir schauen dem Geschehen hinterdrein und freuen uns an dem farblich schönen, suggestiven Bild, im Vordergrund die so lebhaften wie bunten Papageien, im Hintergrund verschwindet langsam die im Dunst nun schon kaum noch erkennbare graue Gestalt der Waliserin, die Vögel für sie unsichtbar im Rücken. Von einem körperlichen Angriff der Vögel wie im Hitchcockfilm ist nicht die Rede, den verbalen Unrat verschütten die sprachbegabten Tiere mit hoher Wahrscheinlichkeit im angelsächsischen Idiom, das die walisische Cynorthwy-ydd cartref nicht versteht. Weder körperlicher noch seelischer Schaden ist zu vermelden, das mildert zu einem gewissen Grade den Eindruck eines, was die Haushälterin anbelangt, bei unbefangener Betrachtung recht herzlos und empathiefrei erscheinenden Berichts.

Mittwoch, 27. November 2019

Tynged yr iaith

Emyr 
a llais y pregethwr yn sio ymlaen yn felfedaidd

An wohl mehr als fünfhundert sonntägliche Gottesdiensten der Predigers Emyr Elias hatte Dafydd Elias alias Jacques Austerlitz teilgenommen. Die Predigten gingen dem Knaben, gleichgültig ob sie in der walisischen oder der englischen Sprache gehalten wurden, größtenteils über den Kopf hinweg, nur soviel verstand er, es war immer von der Sündhaftigkeit und der Bestrafung der Menschen die Rede, von Feuer und Asche und dem drohenden Ende der Welt.

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gab es in Nordwales, Gwynedd, noch in größerer Zahl monoglotte Sprecher und fromme Kirchgänger, deren geistige und kulturelle Bedürfnisse durch die allsonntägliche, ausschließlich in kymrischer Sprache gehaltene Predigt in der Tradition des großen calvinistischen Methodistenpredigers John Elias und anderer seinesgleichen vollauf zufriedengestellt wurde. Die Kirchen und Bethäuser waren Bastionen keltischer Kultur und Sprache. Die fast immer und auf allen Gebieten zwiespältigen Eliten plädierten dann aber, nachdem der Waliser Lloyd George es bis zum britischen Premierminister gebracht hatte, im Interesse des Fortschritts der Briten und der Menschheit im allgemeinen für die englische Einheitssprache im Königsreich. Saunders Lewis wiederum hat mit seinem berühmten Radiovortrag aus dem Jahr 1963: Tynged yr iaith (Das Schicksal der Sprache), besonders viele junge Menschen, die dem Vortrag in kymrischer Sprache immerhin noch folgen konnten, aus ihrer kulturellen Lethargie aufgeweckt. Der wahlweise englisch oder walisisch predigende Emyr Elias markiert die in diesen Jahren bestehende Situation, der Schuster Evan (Ifan), in dessen Werkstatt Austerlitz die walisische Sprache wie im Flug erlernt hatte, das unbeirrte kulturelle Beharrungsvermögen der einfachen Leute. Emyr Humphreys, der inzwischen hundertjährige, einsprachig englisch erzogene und in der Folge auch überwiegend englisch schreibende Nestor der neueren walisischen Erzählliteratur, betont die Schutzfunktion der EU für die kleineren europäischen Sprachen, darunter prominent die keltischen, im Angesicht des immer auf sprachliche Einheit drängenden Nationalstaatsgedankens. Tatsächlich ist dank der EU das Hinweisschild: Interdit de cracher par terre ou de parler breton inzwischen aus den französischen öffentlichen Verkehrsmitteln verschwunden.

Mittwoch, 20. November 2019

Aufbruch

Nördliche Gegend

Eine eher nördlich anmutende Gegend erhebt sich in den blauen Himmel des Freskos, das Pisanello über dem Eingang zur Kapelle der Pellegrini der Chiesa Sant’Anastasia gemalt hat. Bei den hellgrauen Gebäuden mit den Türmen, Kuppeln und Zinnen könnte es sich um eine Burganlage des Brenin Arthur handeln. Die Szenerie im Vordergrund ist die des Aufbruchs. Vertraut man den Berichten des Mabinogion, so sind die Ritter in den Burgen und Schlössern mit kaum mehr beschäftigt als mit Tafeln, Zechen und Würfel- oder Brettspiel, das Verlangen nach Abwechslung ist mehr als verständlich. In der Mehrzahl der Fälle bricht ein einzelner Ritter auf, wenn die Situation es erfordert aber auch eine ganze Schwadron. Als Geraint sich aufmacht, das Herzogtum seines Vaters in Kernow zu stabilisieren, wird er aus gegebenen Grund begleitet von Gwalchmai fab Gwyar, Rhigone fab Brenin Iwerddon, Ondiaw fab Dug Bwrgwyn, Hywel fab Emyr Llydaw, nicht zu vergessen Cai fab Cynyw, und einem Dutzend weiterer schlagkräftiger Recken. Warum allerdings der von Pisanello dargestellte Ritter, vorgeblich San Giorgio oder auch San Siôr, sich von einer Schar verwegen aussehender Gestalten begleiten läßt, bleibt unklar. Auf all den ungezählten Bildern, die die Tötung des Drachen dokumentieren, ist Giorgio oder Siôr allein mit der Bestie, wo sind unterdes der Kalmücke und die anderen sechs von Pisanello gemalten Berittenen geblieben? Würde man nicht auf der linken Hälfte des Freskos, wenn auch nur verwaschen, den Drachen erkennen, käme man womöglich gar nicht auf die Idee, in dem mit einer stattlichen Begleitung aufbrechenden Ritter San Siôr zu erkennen. Vielleicht hat sich Geraint mit einem Teil seiner Mannschaft auf das Fresko verirrt. - So oder so, das Untier wird liquidiert, doedd dim trugaredd i neb.

Der einsam aufbrechende Ritter hat in der Regel als Ziel die Ausschaltung eines Elements des Bösen vor Augen, ab und zu bricht er aber auch nur zu seinem Vergnügen auf. Owain lehnt höflich ab, als die Gräfin ihn einlädt, bei ihr zu bleiben, er wolle, so sagt er, durch Landschaften und Wüsten, durch Täler und über Höhen streifen. Immer wieder sind es anmutige Bachtäler, die die Dahinreitenden betören. Die Eingangssequenz vieler Westernfilme vermittelt uns einen authentischen Eindruck dieses Erlebens. Eine zerklüftete Landschaft, in der Ferne taucht hinter einem Felsvorsprung ein beweglicher Punkt auf, der Punkt rückt näher und wird größer, es ist ein Reiter, er zieht an uns vorbei, die Kamera folgt ihm beim Abstieg in ein Flußtal, er durchquert den Fluß, am anderen Flußufer tut sich ein weite Ebene auf, das Pferd verfällt in einen schnellen Trab, &c., ginge es nach uns, so könnte er immerfort so weiterreiten. Den mittelalterlichen Reiter trägt es von Schloß zu Schloß, andere Siedlungsformen werden kaum wahrgenommen, einmal werden im Mabinogion mähende Bauern am Wegrand erwähnt, dieses soziale Ungleichgewicht hat sich im Interesse der aufkeimenden Demokratie bei den moderneren Reitern der Neuen Welt geändert. Der Unterschied zwischen dem mit einem bestimmten Ziel und dem grundlos aufgebrochenen frühmittelalterlichen Ritter war nicht groß, auch der zu seiner Freude und zum Zeitvertreib Aufgebrochene trifft bald auf eine Herausforderung, der er sich stellen muß, ein marodierender schwarzer Ritter etwa oder eine fatale Bestie. Es sind aber nicht nur Mächte des Bösen, auf die der Ritter trifft, mit traumwandlerischer Sicherheit begegnet ihm alsbald schon das schönste Mädchen des von Menschen bewohnten Teils der Welt. Auch Siôr muß, wie das Bild belegt, im Interesse seines Jagdauftrags Abschied nehmen von einer ihm erkennbar wohlgesonnenen Schönen.

Wir treffen Adroddwr, den Erzähler, erstmals in Wien, aufgebrochen ist er, wie sich aus verschiedenen Hinweisen erschließen läßt, im Südosten Englands. Er reist immer allein, ein Aufbruch in oder mit einem Gefolge wie dargestellt auf dem Fresko über dem Eingang zur Kapelle der Pellegrini der Chiesa Sant’Anastasia ist unvorstellbar in seinem Fall. Von Wien aus bricht er auf nach Venedig, von Venedig nach Verona. Auch er, obwohl unterwegs ohne erkennbares Ziel, trifft, ohne daß er das gewollt hätte und ohne dem gewachsen zu sein, auf die Mächte des Bösen. Immer wieder hat er den Eindruck, zwei ihm feindlich gesonnene Augenpaare hätten ihn im Visier. Er stellt sich dem Übel nicht, sondern ergreift die Flucht, blamabel für den Ritter, der er allerdings nicht ist. Bei der zweiten Reise ist er besser aufgestellt. Als zwei junge Männer auf ihn zukommen, und er ihre Hände schon unter seiner Jacke spürt, läßt er die Schultertasche mit einem Schwung derart in sie hineinfahren läßt, daß sie sich nur noch davonmachen können. Zum Lohn für sein ritterliches Verhalten, so kann man es deuten, trifft er den unter dem Decknamen Giorgio Santini reisenden Giorgio oder Siôr als lebendige Gestalt in deutschen Konsulat zu Mailand. Diese Auszeichnung ist für Adroddwr nichts anderes als der Ritterschlag. Begegnungen mit den Schönen fehlen nicht. Die Franziskanerin und das junge Mädchen mit einer aus vielen farbigen Flecken geschneiderten Jacke um die Schultern, von vollendeter Schönheit waren sie beide. Dann die Winterkönigin, dumm und stumm ist er dagestanden wie einst der von seiner besorgten Mutter in Ahnungslosigkeit gehaltene Peredur fab Efrog zu Beginn seiner später dann glänzenden Laufbahn. Die Begegnung mit Luciana Michelotti schließlich hat etwas von Trystan ac Esyllt, der Zaubertrank ist offenbar dem dem Reisenden immer wieder gereichten Ristretto beigegeben.

Eindrücke und Erwägungen dieser Art stellen sich ein, wenn man die Schwindel.Gefühle aus der Perspektive des Freskos über dem Eingang zur Kapelle der Pellegrini der Chiesa Sant’Anastasia unter besonderer Berücksichtigung der nördlich anmutende Gegend betrachtet, zugestandenermaßen eine mehr als exzentrische Perspektive.

Mittwoch, 13. November 2019

Sünde

Explosion

There he was, the bluebottle, shining and blue-green and full of sin. Ein Bluebottle voller Sünde, das ist eine berauschende Explosion der Unsinnigkeit, eine Umwandlung vom bluebottle fly zum Knight Bluebottle, eine paradoxe Versetzung in die heroische sündenfreie Zeit. Das schimmernd blaugrüne Insektenpanzer erweist sich als Rüstung, der fly swatter wird zum Schwert, wir bewegen uns auf der Ebene eines archaischen Heldenepos, Ramayana, Táin Bó Cúailnge oder die Erzählungen des Mabinogion. Aus dem Kampf geht Marlowe erwartungsgemäß siegreich hervor, die sterblichen Überreste des Knight Bluebottle drop to the carpet. In Venedig zieht ein mit Bergen von Müll beladener Kahn vorbei, auf dem eine große Ratte die Bordkante entlangläuft. Die Ratte mag der Bluebottle im Säugetierreich sein, es fehlt ihr der blaugrüne Panzer. Keineswegs auch ruht sie schutzlos aus auf einem Sonnenfleck, stürzt sich vielmehr kopfüber ins Wasser und entkommt so dem Schwertstreich des ohnehin schwertlosen Ritters. Der Dichter schaut sich verstärkt im Bereich der Mythologie nach Gegnern und Waffenbrüdern um, brodyr mewn breichiau. Marchog Siôr hatte sich unter den Heiligen, in der fortwährenden Bewegung zwischen Sünde und Gottgefälligkeit, nie wohl gefühlt und verläßt auf Grünewalds Altarbild ihre Gemeinschaft, um unter der Aufsicht Pisanellos Marchog Dragon zum ritterlichen Kampf herauszufordern. In der Chiesa Sant' Anastasia sehen wir ihn ausrücken, in der Nationalgalerie London liegt Dragon bereits leblos zu Füßen des Ritters, ein eher kleines, geringeltes und geflügeltes, blutig von der Sünde reingewaschenes Tier, möglicherweise ein Bruder des Knight Bluebottle. Siôr steht vorausgreifend da in nachchristlicher Sündenfreiheit.

Der Kampf war der Beruf der Ritter, die Jagd die bevorzugte Freizeitgestaltung, wie üblich liegt beides nicht weit auseinander. Gracchus, Siôrs Gefährte im mythische Duo, jagte nicht zum Zeitvertreib, er war, soweit man zurückschauen kann in die Vorzeit, ein Berufsjäger, eine Art Revierförster. Auf dieser Grundlage beteuert er seine Unschuld, die Freiheit von Schuld und Sünde. In der Tat hat er keine Ähnlichkeit mit Julian, dem späteren Heiligen, von dem der Dichter in der Darstellung Flauberts auf Korsika liest. Julian, ein grausames Kind, das aus Lust Tiere tötet, bald der Leidenschaft der Jagd verfällt und von dieser Besessenheit schließlich durch ein Wunder erlöst wird: Es stellen sich ihm im Wald eine unermeßliche Anzahl von Tieren entgegen, die er alle getötet hat, um am Ende vom letzten Hirsch verflucht zu werden: er werde seine beiden Eltern ermorden. Wie es im einzelnen um den Gracchus bestellt war in der Tiefe der archaischen Zeit, läßt sich nicht feststellen. Jedenfalls war er, anders als Julian, weder auffällig grausam noch andererseits auf Heiligkeit erpicht.

Meister der Taverne

Wellengang


Die großen alten Meister Grünwald, Tiepolo, Pisanello, der allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zuspricht, der unvergleichliche Giotto, da Vincis fein gefiederte und gefächerte Zweige, unergründlich in ihrem scheinbar mit Gold oder Messing unterlegten Schwarzgrün, Turner an der Schwelle der Moderne, Hengge, wenig geachtet, obwohl das harte Leben der Waldarbeiter ihm so manches Denkmal verdankt, geachtet eher schon der der sich redlich mühende Meister der Krummenbacher Kapelle und schließlich die Meister der Taverne oder, wenn man so will, der Kaschemme.

Ein Seestück in einem mit goldener Ofenbronze gestrichenen knapp unter der Decke der PIZZERIA VERONA. Dargestellt ist ein Schiff, das auf einem türkisgrünen Wellenkamm mit schneeweißen Schaumkronen eben sich neigt, um in die unter seinem Bug sich öffnende Tiefe hinunterzustürzen. Das Seestück ist nur Teil einer umfassenden Innenraumgestaltung. Man nimmt Platz in einer mit Fischermetzen verhangenen Grotte, Boden und Wände sind in einem maritimen Blau gehalten und suggerieren, allseits von Wasser umgeben zu sein. Auf den Erzähler übt das Ensemble eine überraschend starke Wirkung aus, er muß sich an der Tischkante einhalten wie ein Seekranker an der Reling. Man kann das durchaus als eine Würdigung der eingebrachten Gestaltungskraft lesen. 

Die Freskomalerei im WADI HALFA bleibt dem Motiv des Seestücks treu, allerdings in der Form des Wüstenschiffs. Eine Karawane bewegt sich aus der fernsten Tiefe des Bildes heraus und über ein Wellengebirge von Dünen hinweg direkt auf den Betrachter zu. Die scheinbare Ungeschicktheit des Malers im Umgang mit der schwierigen Perspektive erweist sich in Wahrheit als eine besondere Kunstferigkeit, die die menschlichen Figuren sowohl als die Lasttiere in ihren Umrissen leicht verzerrt, so daß es, wenn man die Lider senkt, tatsächlich so ist, als erblicke man eine in der Helligkeit und Hitze zitternde Fata Morgana. Nicht umsonst und abgesehen von den köstlichen Gerichten schätzt Aurach das WADI HALFA höher als jedes andere Speiselokal, und insbesondere an Tagen, an denen er selbst mit Kohle gearbeitet und der pudrig feine Staub seine Haut mit einem metallischen Glanz imprägniert hatte, konnte es scheinen, als sei er soeben aus dem Wüstenbild herausgetreten und als gehöre er in es hinein.

Freitag, 25. Oktober 2019

Kellner

Verborgenes

Wenn Handke, wie er in diesen Tagen betont, von Homer und Tolstoi herkommt, so ist er von dem eingeschlagenen Weg schon bald scharf abgebogen. Sebald hat eine positive Einstellung zu Handkes Erzählung Die Wiederholung und insbesondere zu der Figur des Kellners im Gasthof Zur Schwarzen Erde im dritten und letzten Abschnitt des Buches. Der Erzähler steht nicht in einer lebendigen Beziehung zu dem Kellner, er malt sein Bild aus der Entfernung, in dunklen und auch hellen blauen Farben, möchte man meinen. Mit ihm und auch mit den anderen Gästen spricht der Kellner nur das Notwendigste, mehr noch als beim Servierdienst sieht man ihn bei der Arbeitsvorbereitung, dem Putzen der Gläser, dem Decken der Tische &c., ein Vorgesetzter, ein Wirt tritt nicht ins Bild. In der abschließenden Einstellung sieht der Erzähler durchs Fenster den Kellner auf der Brücke über den Bach, einen Stapel Teller in der Beuge des rechten Arms, mit der Linken greift er einen Teller nach dem anderen und läßt ihn elegant, wie eine Sammlung von Spielschgeiben ins Wasser segeln. Bei realistischer Betrachtung, die aber wohl nicht gefragt ist, kann darin nur der Abschied vom Kellnerberuf gesehen werden, die Gäste können ohne Teller nicht mehr bedient werden, und der Wirt kann das Zerstörungswerk nicht billigen. Vieleicht war es aber auch vom Wirt aussortiertes und zum Verderb freigegebenes Steingut, man wird es nicht erfahren.

Sebalds Erzähler bleibt, was die Kellner und Kellnerinnen anbelangt, weitaus getreuer auf Tolstois Spuren einer realistischen Erzählweise. Fünfter November 1980, der Kellner bringt dem Erzähler  die Rechnung, Pizzeria Verona, di Cadavero Carlo e Patierno. Das Telefon läutet, erst im letzten Moment hebt Carlo Cadavero, der Kellner, ab. Wenn er ins Telefon spricht, kehrt er den Blick gegen die Decke. Ob der Erzähler die bedrohliche Atmosphäre, die ihn zur eiligen Flucht veranlaßt, zu recht oder zu unrecht verspürt, bleibt offen. Wenig an Klarheit zu wünschen übrig läßt dagegen die Situation im Bahnhofsrestaurant Innsbruck. Auf eine gar nicht unfreundlich gemeinte Bemerkung über den Tiroler Zichorienkaffee hin hängt die Bedienerin dem Erzähler auf die bösartigste Weise, die man sich denken kann, das Maul an. Nicht offen unfreundlich aber auch nicht gerade einnehmend ist die verschreckte junge Frau, die im großen Speisesaal des Hotels Lowestoft seine Bestellung entgegennahm und ihm bald darauf einen gewiß schon seit Jahren in der Kühltruhe vergrabenen Fisch brachte, an dessen paniertem, vom Grill stellenweise versengten Panzer er dann die Zinken seiner Gabel verbog. Ganz anders geht es zu im Hotel Sole in Limone, wo Luciana Michelotti unter anderem auch für die Kellnerei zuständig ist. Verabredungsgemäß bringt sie dem mit seinen Manuskripten beschäftigten Erzähler in regelmäßigen Abständen einen Express und ein Glas Wasser, bleibt bei ihm stehen und knüpft eine kleine Unterhaltung an, und einmal ist ihm gewesen, als spürte er gar ihre Hand auf seiner Schulter.

Wie immer bei Sebald sucht man auch in diesen vier Szenen nach etwas unangekündigt Verborgenem, das aber nicht leicht offenbar wird. Vielleicht war alles nur so, wie es war und wie es bei Tolstoi gewesen wäre. Handke versucht, sich soweit wie möglich auf der unteren, verborgenen Ebene zu bewegen, auf der weder Tolstoi noch Homer anzutreffen sind.

Mittwoch, 23. Oktober 2019

Bethäuser

Unter der Woche

Die Bahnhöfe seien die neuen Kathedralen, heißt es an einer Stelle, die Bahnhöfe haben diesen Status aber nicht wahren können, die Kathedralen selbst treten im Rahmen der umfänglichen Architekturbetrachtung nicht auf. In Paris bekommen wir Notre Dame nicht zu Gesicht, in London nicht Sankt Paul, in Mailand mißbraucht der Erzähler den Dom als Aussichtsturm. Vom Brüsseler Justizpalast heißt es, er könne niemandem gefallen, der bei Verstand ist, von den Kathedralen wird derlei nicht gesagt und kann auch von keinem Verständigen gesagt werden, und weil es nicht gesagt werden kann, bleiben die Kathedralen ganz unerwähnt. Auch um die Verkünder des Heils ist es eher schlecht bestellt, wir stoßen auf zwei Komödiantenpaare, auf den Katecheten Meier und den Benefiziaten Meyer in der Erzählung Bereyter sowie auf den Zündapp-Pfarrer im Verein mit dem Zündapp-Arzt in der Erzählung Ritorno in Patria. Halbwegs ernst zu nehmen als Künder der frohen Botschaft ist allein der calvinistische Prediger Emyr Elias, möglicherweise ein Nachfahre des seinerzeit prominenten walisischen Predigers John Elias (ganwyd 1774, bu farw 1841). Ein zeitgenössisches gemaltes Bild zeigt John Elias auf einer Freiluftveranstaltung in Bala, bei der er von einer eigens errichteten hölzernen Kanzel einer größeren Zahl von Menschen predigt, als in einem Bethaus Platz finden könnten. Generell aber wird der Gottesdienst in Wales weder unter freiem Himmel noch in Kathedralen gehalten, sondern in Bethäusern, von deren vermutlich anspruchsloser Architektur wir weiter nichts erfahren, von deren Besuch aber sich die Waliser und Waliserinnen in ihren schwarzen Hüten und ihren schwarzen Regendächern durch nichts und von niemanden abhalten lassen, nicht einmal von aggressiven Papageien, die schon auf sie lauern bei diesen regelmäßig wiederkehrenden sonntäglichen Gelegenheiten, um auf das unflätigste hinter ihnen herzuschreien. Im Grunde war das Papageiengeschrei die geeignete Vorbereitung auf den von Emyr Elias gehaltenen Gottesdienst, in dem er das allen bevorstehende Strafgericht, die Farben des Fegefeuers, die Qualen der Verdammnis sowie, im Gegenzug, in den wundervollsten Stern- und Himmelsbildern das Eingehen der Gerechten in die ewige Seligkeit vor Augen führte. Immer gelang es ihm, wie seinerzeit auch schon dem älteren Elias, die Herzen der Zuhörerschaft mit einem solchen Gefühl der Zerknirschung zu erfüllen, daß nicht wenige mit einem kalkweißen Gesicht nach Hause gingen.

Wenn schon nicht auf die Kathedralen, läßt sich der sich Dichter versuchsweise auf die Kapellen seiner Heimat ein, in denen er den gleichen Zwiespalt aufspürt wie in den Predigten des Emyr Elias, die Qualen der Verdammnis und als Kontrastprogramm die ewige Seligkeit, hier, in den Kapellen, als die Angst vor den dort abgebildeten Grausamkeiten zum einen und dem Wunsch nach einer Wiederholung der in ihrem Inneren herrschenden vollkommenen Stille zum anderen. In veränderter Form finden wir den Zwiespalt auch in der Bibliothek der Mathild Seelos wieder, in der neben religiösen Werken spekulativen Charakters und Gebetsbüchern aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert mit zum Teil drastischen Abbildungen der uns alle erwartenden Pein Traktate von Bakunin, Fourier, Bebel, Eisner, Landauer stehen. Das christliche Heilsversprechen ist in dieser Bücherei den Sozialutopisten überantwortet worden, deren Glanz nun aber auch längst verblaßt ist. Das Netz der Bethäuser in Wales war wohl ähnlich dicht wie das der Kapellen im Allgäu. Emyr Elias hat nicht nur in Bala, sondern auch in Llandrillo, Corwen und anderen nordwalisischen Ortschaften gepredigt, mal in der englischen und mal in der kymrischen Sprache. Man stellt sie sich die Bethäuser als karge Nutzbauten der Frömmigkeit vor, eine in ihrem Inneren beglückend herrschende vollkommene Stille, diese Atmosphäre haben sie wohl nicht ausgestrahlt. Man stellt sich vor, daß die Bethäuser unter der Woche dem Leben des Predigers unter der Woche ähneln. Der Prediger saß auch heute wieder, wie es seine unabänderliche Gewohnheit war, in seinem Studierzimmer, das auf ein finsteres Eck des Gartens hinausging, und dachte sich seine am nächsten Sonntag zu haltende Predigt aus. Keine dieser Predigten hat er je niedergeschrieben, vielmehr erarbeitete er sie nur in seinem Kopf, indem er sich selber damit peinigte, wenigstens vier Tage lang. Völlig niedergeschlagen kam er jeweils am Abend aus seiner Kammer hervor, nur um am folgenden Morgen wieder in ihr zu verschwinden. Er war ein ehrlicher Arbeiter am Wort, ein Confrère des Dichters, erst am Sonntag, bei der Predigt kam die zurückgehaltene Leidenschaft zum Ausbruch. Nicht zuletzt die kalvinistischen Prediger haben, nach König Arthurs Tod und dem Ende des Rittertums, das Land der Waliser beisammen und die kymrische Sprache am Leben erhalten.

Samstag, 19. Oktober 2019

Brautwerbung

Unig wraig
Nie ist von einer aufwendigeren und blutigeren Brautwerbung erzählt worden als von der erst nach endlosen Taten und Umwegen erfolgreichen Werbung Culhwchs um Olwen, Einzelheiten können im Mabinogion nachgeschlagen werden. Wenn es am Ende dann heißt: Ac fe fu hi’n unig wraig iddo fra bu byw - und sie war für ihn die einzige Frau, solange er lebte -, war das das Mindeste, was erwartet und verlangt werden konnte nach all dem Geschehenen. Selbst Casanova, den wir ohnehin nur mit stark herabgesetzter Aktivität einmal in den Bleikammern zu Venedig und dann als Greis in Dux erleben, wäre zu weiteren Taten nicht ohne weiteres imstande gewesen. In den Schwindel.Gefühlen, nach Auskunft des Autors ein Buch der Liebe, werden wir weder mit einer ähnlich komplizierten Brautwerbung noch mit dem Prinzip der unig wraig iddo fra bu byw, der lebenslangen Beschränkung auf eine Frau, unmittelbar konfrontiert. Stendhal ist das Unig wraig-Prinzip, anders als seinem Helden Fabrizio del Dongo, ganz fremd. Mit einem Stock zeichnet er langsam die Initialen seiner vormaligen Geliebten wie eine rätselhafte Runenschrift seines Lebens in den Staub, es sind nicht wenige, ihre Namen erscheinen ihm nun wie fremd gewordene Sterne. Kafkas zahllosen Fledermausbriefe mögen in ihrer schieren Menge Culhwchs die Brautwerbung untermauernde Taten vielleicht noch übertreffen, die Verlobung mit Felice Bauer wird gleichwohl aufgelöst. Der Erzähler, grundsätzlich ähnlich eingestellt wie del Dongo, füllt in jungen Jahren mit Hingabe seine Schulhefte mit einem Netzwerk von Zeilen und Zahlen, in welches er das Fräulein Rauch auf immer einzuspinnen und zu verstricken hofft. Durchaus sind mythische, an die keltische Tradition anschließende Bezüge zu erkennen, allein der Erfolg bleibt aus. Aldous Fitzpatrick, kein Kelte aber auf keltischem Gebiet ansässig, können wir zum Unig wraig-Prinzip nicht befragen, er ist schon tot, als wir von ihm hören, abgestürzt als Kampfpilot über dem Ardennerwald. Adela Fitzpatrick heiratet nach einer angemessenen Trauerzeit einen Entomologen namens Willoughby. Das Wort Entomologe klingt, als sei es ein Vorwurf.

Mittwoch, 16. Oktober 2019

Handwerk

Arbeit und Denken

Soll man den Schmied zu den Handwerkern zählen, ist er als Herr des Feuers und der Materie nicht zu gewaltig für dieses Wort? Ohnehin bekommt man ihn nicht zu Gesicht, das Essenfeuer ist ganz in sich zusammengesunken, und das Werkzeug, die schweren Hämmer, Zangen und Raspeln liegen und lehnen herrenlos überall herum. Nirgends rührt sich etwas. Das Wasser im Bottich, in den der Schmied sonst jeden Augenblick mit dem glühenden Eisen, daß es zischt, hineinfährt, ist so still und glänzte von dem schwachen Widerschein, der vom offenen Tor auf seine Oberfläche fiel, so tiefschwarzdunkel, als hätte noch nie jemand es angerührt und als sei ihm bestimmt, in solcher Unversehrtheit bewahrt zu bleiben.

Den Uhrmacher Ebentheuer erleben wir bei der Kundenbedienung, die immer ins linke Auge geklemmte Lupe gibt aber zu erkennen, wonach ihm wirklich der Sinn steht. Ist er bei der Reparatur der Uhren ganz allein auf die Arbeit konzentriert, oder gehen ihm auch andere Dinge durch den Sinn? Den Bader Köpf bekommen wir so wenig zu Gesicht wie den Schmied. Der Rasiersessel stand leer. Das Rasiermesser lag, aufgeklappt, auf der marmorierten Platte des Waschtischs. Das Handwerk kann nur am Kunden und zumeist begleitet von seichten Gesprächen ausgeübt werden, kompliziertere Gedankengänge sind ausgeschlossen. Anders schaut es aus beim Mayrbeck. Alljährlich zu Allerheiligen und Allerseelen hält er für jeden Mann, jede Frau und ein jedes Kind einen Seelenwecken parat. Aus Weißbrotteig waren in einsamer Nacht schon diese Seelenwecken gebacken, so klein, daß man sie leicht in einer geschlossenen Hand verbergen konnte. Jeweils vier davon kamen auf eine Reihe. Ob das bloßes Geschäftsgebaren ist oder ob tiefere Gedanken dahinter stehen, läßt sich nicht feststellen. Wenn jeder Dorfbewohner, ob er will oder nicht, einen Wecken bekommt, kann man allerdings vermuten, daß das Gebäck aus christlichen Überlegungen heraus gratis verteilt wird, das winzige Format verhindert zugleich jeden Überschwank. Klar und deutlich ist die philosophische Begleitmusik bei den Schustern zu hören. Die Arbeit geht ihnen längst wie im Traum von der Hand, die Gedanken schweifen. Bereyter verbringt seine freie Zeit mit Vorliebe in der Gesellschaft des Schumachers Colo, der ein von atheistischen Anschauungen geprägter Philosoph gewesen ist. Ifan, bei dem der jugendliche Austerlitz jede freie in der Werkstatt gesessen war, ist der mythischen Ausrichtung des Landes Cymru entsprechend neben seiner Handwerkstätigkeit ein Geisterseher und ausgewiesener Philosoph des Totenreiches gewesen, sozusagen an der Schwelle noch, an der sich seinerzeit in Griechenland die Philosophie vom Mythos gelöst hat. Die Voraussetzungen für eine philosophische Entwicklung dürften bei einem Schneider traditioneller Art ähnlich günstig sein wie bei den Schuhmachern. Austerlitz das Kind beobachtet von der Fensterbank in Veras Wohnung aus im niedrigen Haus gegenüber den buckligen Schneider Moravec, wie er den abgewetzten Saum einer Jacke ausbesserte, in einer Knopfschachtel kramt oder ein Steppfutter einnäht in einem Paletot. Schließlich legt der Schneider Nadel und Faden beiseite und breitet auf dem Arbeitstisch ein doppeltes Zeitungsblatt aus und darauf sein Nachtessen. Einen unmittelbaren Einblick in die Gedankenwelt des Moravec erhalten wir nicht. Das Behagen aber, mit dem er die Stulle verzehrt und dazu einen tiefen Zug aus dem Bierglas tut, läßt eine epikureisch-hedonistische Ausrichtung vermuten, wie sie in der Gegenwartsphilosophie etwa von Michel Onfray vertreten wird.

Tempi passati, vergangene Träume, man muß unterstellen, daß der Fortschritt in Wissenschaft und Technik längst alle Philosophie aus dem Handwerk vertrieben hat.

Montag, 14. Oktober 2019

Zufall und Planung

Begegnungen

In Wien trifft der Erzähler keinen Menschen, mit dem er sprechen könnte, auch die Telefone schweigen, die drei bis vier Personen, mit denen er unter Umständen reden wollen, melden sich nicht. Nach seiner Weiterreise, in Italien, trifft er verschiedene Leute, Hotelpersonal, Kellner, eine Parkwächterin im Giardino Giusti &c., alles Begegnungen ohne Wiederholung und Nachspiel. Einigermaßen andauernd und detailreich ist die Begegnung mit dem Astrophysiker Malachio. Zum Abschied ruft Malachio: Ci vediamo a Gerusalemme, aber das ist naturgemäß nicht wörtlich zu nehmen. Bei der zweiten Italienreise sind diese ungeplanten, zufälligen Begegnungen reichhaltiger und denkwürdiger, Mitreisende in den Zügen, die Franziskanerin und das Mädchen in der bunten Jacke im Zug nach Mailand, die Winterkönigin bei der Heimreise. Aus dem ebenfalls ungeplanten Zusammentreffen mit der Wirtin Luciana Michelotti entwickelt sich gar ein kleiner Roman, im deutschen Konsulat begegnet der Erzähler der wundersamen Familie Santini. Zwei Treffen sind, anders als diese zufälligen Begegnungen, geplant und werden angebahnt, das Treffen mit Ernst Herbeck im Rahmen der ersten und das Treffen mit Salvatore Altamura im Rahmen der zweiten Reise. Details der Planung und Anbahnung werden aber nicht berichtet. Als der Erzähler bei dem Wohnheim eintrifft, steht Herbeck schon parat, der Zeitpunkt des Treffens wurde vermutlich telefonisch verabredet, vielleicht mit Herbeck selbst, vielleicht mit der Anstaltsleitung. Auch über die Anbahnung des Treffens mit Altamura läßt sich nur mutmaßen. Da man über die Planung nichts erfährt, unterscheiden sich die geplanten Treffen nur wenig von den zufälligen, für den Leser treten Herbeck und vor allem Altamura genauso unversehens auf den Plan wie die zufällig Begegnenden.

In den Ringen des Saturn überwiegen die geplanten Treffen, auch hier aber ohne Planungseinzelheiten. Die ganze Zeit über auf seinen Irrwegen durch das Heidelabyrinth verschweigt der Erzähler das Ziel seiner Wanderung, wir erfahren es erst, als er bereits vor Michael Hamburgers Haus steht. Der Besuch bei Alec Garrard eröffnet sich dem Leser ebenso überraschend. Auch die Beschaffung von Zeugen bei den diversen Nachforschungen in den Ausgewanderten wird kaum erläutert, Lucy Landau, um uns auf sie zu beschränken, ist plötzlich zur Stelle. In der Erzählung Aurach taucht gar der Protagonist aus dem Nichts auf. Nachdem der Erzähler auf den vorausgehenden Seiten seine Einsamkeit in Manchester mit einer mechanischen Teas Maid als einziger Begleitung geschildert hat, heißt es plötzlich, er besuche den Maler in seinem Atelier so oft, wie er glaube es verantworten zu können. Wie er die Bekanntschaft des Malers gemacht hat, wie es zu dem ersten Besuch kam, bleibt im Dunklen.

Austerlitz ist der Herr, wenn nicht der Gebieter des Zufalls, obgleich er herangewachsen ist in der florierenden Ära der Planungseuphorie als eines weiteren Versuchs, die Vernunft siegreich in Stellung zu bringen. Das ungeplante Zusammentreffen von Austerlitz und dem Erzähler im Bahnhof Antwerpen hätte, wie auch in anderen Fällen, auf eine kurze Episode beschränkt bleiben können. Die nachfolgenden Treffen in Lüttich, Brüssel und Seebrügge sind für jedermann leicht erkennbar von  provokativer Zufälligkeit, für jeden erkennbar, aber nicht für Austerlitz, der die Kategorie des Zufalls augenscheinlich ganz ablehnt und stattdessen, wie er bei späterer Gelegenheit erläutert, entgegen aller statistischen Wahrscheinlichkeit im Hintergrund der Welt eine erstaunliche, geradezu zwingende innere Logik sieht. Nach einer längeren Unterbrechung treffen Austerlitz und der Erzähler unter höchst unwahrscheinlichen und damit Austerlitz’ Theorie entsprechenden Umständen in der Bar des Great Eastern Hotels wieder aufeinander. Austerlitz scheint die Verhältnisse umzukehren, so als sei der Zufall gegenüber der Planung der zuverlässigere Weg zum Ziel, eine Annahme beruhend womöglich auf der bodenlosen, Schwindelgefühle erregende Zufälligkeit unserer aller Dasein in der Welt. Die Deklarierung der Grenze zwischen Zufall und Planung als nichtexistent, unseres Lebens als Zufällige in einer endlosen Menge von Zufälligen ist kein zufälliges, sondern ein tragendes Moment dieser Prosa.

Samstag, 12. Oktober 2019

Gottgläubig

Ein Gerücht

Von Paul Bereyter ging das Gerücht um, er sei gottgläubig. Ähnlich wie sich der Dichter bei Hebel, angesichts der ätherischen Flüchtigkeit seiner Gestalten, immer wieder vergewissert, ob es den Barbier von Segringen und den Schneider von Pensa noch gibt, blättert der Leser angesichts der bis zur Unglaubwürdigkeit ätherischen Gestalt des Gerüchts erneut nach, ob davon wirklich geschrieben steht. Dem Dichter selbst spricht von einem ihm lange Zeit unverständlichen Gerücht, es ist nicht klar ob ursprünglich unverständlich wegen seiner Jugend und Unerfahrenheit oder später unverständlich angesichts des Bildes, das er inzwischen von Bereyter hat. Weder ist bekannt ob es das Gerücht gibt, oder vielleicht nur ein Gerücht, daß es dieses Gerücht gibt, ein Gerücht des Gerüchtes also, noch woher es kommt und wer es in Umlauf gebracht hat. Unbekannt ist ferner, worauf, auf welchen Beobachtungen das Gerücht, wenn es denn besteht, beruht, was es beinhaltet, was die Substanz der Gottgläubigkeit ist und ob sie stabil ist oder nur eine flüchtige Laune.

Für einen Augenblick mag es scheinen, als sei das Gerücht von der Gottgläubigkeit ohne Zusammenhang so dahingestellt, der Zusammenhang stellt sich aber sogleich ein mit der Episode des Weihwasserstreits. Immer wenn der Katechet Meier das Weihwasserbehältnis aus einer eigens geweihten Flasche nachfüllen will, hat Bereyter, dem nichts so zuwider ist wie die katholische Salbaderei, bereits mit der Gartengießkanne den Pegelstand auf das angemessene Maß gehoben. Seine freie Zeit verbringt Bereyter mit Vorliebe in der Gesellschaft des Schumachers Colo, der ein Philosoph und regelrechter Atheist gewesen ist. Am Tage des Herrn spielen Bereyter und Colo gern Schach miteinander, beautiful, cold remorseless chess, almost creepy in its silent implacability. Es stellt sich die Frage, ob das Gerücht der Gottgläubigkeit Bereyters durch die Freundschaft mit Colo bereits widerlegt und verworfen ist, oder ob nur die Umrisse der Gottgläubigkeit ein wenig deutlicher geworden sind. Offenbar ist sie näher beim Atheismus als beim Katholizismus, sie muß mit Colos Atheismus, den wir im Detail nicht kennenlernen, aber nicht zusammenfallen.

Dem Duo bestehend aus dem Katecheten Meier und dem Schuhmacher Colo ähnelt in auffälliger Weise dem Duo Prediger Emyr Elias und Schuhmacher Evan. Der Dichter, so die Fiktion, erzählt das, was Austerlitz ihm erzählt hat und läßt dabei eine gewisse Sympathie für den Prediger als einem Waffenbruder im Kampf mit den Worten durchblicken. Der Prediger saß, wie es seine unabänderliche Gewohnheit war, in seinem Studierzimmer, das auf ein finsteres Eck des Gartens hinausging, und dachte sich seine am nächsten Sonntag zu haltende Predigt aus. Keine dieser Predigten hat er je niedergeschrieben, vielmehr erarbeitete er sie nur in seinem Kopf, indem er sich selber damit peinigte, wenigstens vier Tage lang. Völlig niedergeschlagen kam er jeweils am Abend aus seiner Kammer hervor, nur um am folgenden Morgen wieder in ihr zu verschwinden. Auch der Umstand, daß die schwer erarbeiteten Predigten regelmäßig den Charakter einer Strafpredigt annehmen, nach der die Gemeindemitglieder kreideweiß im Gesicht aus dem Gotteshaus treten, mindert seine Zuneigung des Dichters nicht, sieht doch auch er im Menschen, als Gattung und als Individuum, nicht allein das herrliche Geschöpf, dem man ständig nur bestätigend auf die Schulter klopfen kann. Der Mensch kann tiefer sinken als das Tier, verkündet Heidegger, aber eignet sich denn das Tier als Meßlatte, kann nicht allein der Mensch sinken und das Tier nicht? Der junge Dafydd Elias, später Austerlitz, neigte freilich weniger dem Prediger zu als dem Schuster Evan (Ifan), der neben seiner Handwerkstätigkeit ein Geisterseher und ausgewiesener Philosoph des Totenreiches gewesen ist. Jede freie Stunde ist er bei ihm in der Werkstatt gesessen. Wie Bereyter gleitet auch Austerlitz von Theologie und Kirche hinüber zur philosophischen Schuhmacherwerkstatt.

Bereyters Gottgläubigkeit, wenn sie denn besteht, zielt auf irgendeine Form des christlich-jüdischen Glaubens, sonst wäre das Gerücht in seinem katholischen Umfeld nicht aufgetreten, und ist doch weit entfernt von den offiziellen Glaubensangeboten. Dann und wann scheint ein diffuses Gerücht umzugehen, auch der Dichter sei gottgläubig gewesen. Seine Gläubigkeit wäre dann der Gottgläubigkeit Bereyters in jedem Fall ähnlich, wie immer es um sie bestellt gewesen sein mag.

Dienstag, 8. Oktober 2019

Weltarmut

Bluebottle

Fast möchte man sagen, Sebalds Prosa ist überwuchert von der Tier- und Pflanzenwelt. Vor allem die sogenannten niederen Tiere, Insekten, Falter, Motten haben es ihm angetan. Das ist, neben den kriminalistischer Untersuchung und der Architekturmalerei in Worten, ein weiteres mit Chandler (Raymond) geteiltes Motiv. Gleich auf der ersten Seite von The Little Sister treffen wir Marlowe bei der Beobachtung eines Bluebottle: I had been stalking the bluebottle fly for five minutes, waiting for him to sit down. He didn‘t want to sit down. He just wanted to do wing overs and sing the prologue to Pagliacci. Offenbar noch mehr als Sebald ist Chandler von Heidegger beeindruckt, der in den Grundbegriffen der Metaphysik mit äußerster philosophischer Sorgfalt den Unterschied zwischen dem weltarmen Tier und dem weltbildenden Menschen herausarbeitet. Auf Seite 378 zieht er ein erstes Fazit, die folgenden Begriffe sind unerläßlich für ein angemessenes Verständnis der Weltarmut des Tieres: Genommenheit. Hingenommenheit. Eingenommenheit. Offenheit für ein anderes. Die damit gegebene Struktur des Umringes. Und schließlich der Hinweis, daß die Benommenheit die Bedingung der Möglichkeit für jegliche Art des Benehmens ist.

Heidegger leitet seine philosophischen Überlegungen exemplarisch von der Beobachtung der Biene ab und stützt sich dabei auf Erkenntnisse der Wissenschaft und insbesondere auf die Forschungen von Karl Kuno Thure von Uexküll, der auf die überragende Bedeutung der Sonneneinstrahlung für die Orientierung der Tiere in der Welt hinweist. Genau an dieser Stelle hakt Chandler/Marlowe ein. I had the fly swatter poised in mid-air and was all set. There was a patch of bright sunlight on the corner oft he desk and I knew that sooner ar later that was where he was going to light. But when he did I didn’t even see him at first. Now, there he was, shining and blue-green and full of sin. I took a deep breath and swung. What was left of him sailed half-way across the room and dropped to the carpet. Marlowes entomologische Forschungen haben durchaus nicht immer letale Folgen für das Untersuchungsobjekt. Er beobachtet über längere Zeit die Irrwege eines Käfers auf der Schreibtischplatte. Dann und wann stürzt der Käfer über den Rand und erklimmt den Tisch vom Boden aus aufs Neue. Wieder und wieder. Nach Abschluß der Untersuchungen setzt Marlowe den Käfer, der seine wissenschaftlich-philosophische Pflicht getan hat, wohlbehalten in der freien Natur aus.

Freitag, 4. Oktober 2019

Ermittler

Second Hand

Wenn der Erzähler Luciana Michelotti bekennt, er sei mit der Niederschrift eines Kriminalromans beschäftigt, stellt sich die Frage, wer in welcher Funktion mit der Aufklärung des Verbrechens betraut war. Mit der wahrhaft beängstigenden Flut an Kriminalromanen hat sich auch die Erscheinungsform des Detektivs in unüberschaubarer Weise aufgefächert. Ein staatlich alimentierter Kommissar in der Art Ingravallos scheidet hier ebenso aus wie eine weibliche Ermittlerin nach dem Muster der ohnehin nur in Krakau aktiven Professorowa Szczupaczyńska. Um es geradheraus und ohne weitere Verzögerung zu sagen: nach Lage der Dinge kann es sich bei dem Ermittler in den Schwindel.Gefühlen nur um den als Privatdetektiv tätigen Erzähler selbst handeln.

Im Sektor der Privatermittler sind zwei übergeordnete Kategorien festzuhalten, einmal den Ermittler nach Art des Sherlock Holmes, der ausgehend von den verborgensten Indizien mit messerscharfer Logik den Übeltäter entlarvt, und auf der anderen Seite der sogenannte hartgesottene Ermittler, der paradigmatisch von Philip Marlowe vertreten wird. Der von Schwindelgefühlen geplagte Erzähler wird kaum in der Weise von Holmes vorgehen können, und hartgesotten ist er auch nicht unbedingt. Zwar stellt er am Mailänder Bahnhof eine gewisse Schlagkraft unter Beweis, als es ihm gelingt, mit dem Schwung seiner Reisetasche zwei Straßenräuber in die Flucht zu schlagen, vor allem aber an den fast noch wichtigeren sogenannten Nehmerqualitäten dürfte es fehlen. Gewisse Annäherungen, ähnliche Motive &c. aber gibt es schon. Was etwa das Empfangspersonal anbelangt, mit dem sie zu tun haben, bewegen sich der Erzähler der Schwindel.Gefühle und Marlowe auf einem zahlenmäßig vergleichbaren Niveau, bei Marlowe stehen allerdings in der Mehrzahl nicht Frauen, sondern Männer an der Rezeption. The clerk on duty was a man with no interest in me or in anything else. He yawned as he handed me the desk pen and looked off into the distance as if remembering his childhood. Ins Deutsche übersetzt würde diese Szene an der Rezeption in der Prosa des Dichters nicht als Fremdkörper empfunden werden. 

Der hartgesottene Ermittler war alles in allem eine falsche Spur, mehr Aussicht auf Erfolg hat die Zuordnung zum Ermittler wider Willen, wie wir ihn exemplarisch in Santo Piazzeses Helden Lorenzo La Marca vorfinden. Wie der Erzähler der der Schwindel.Gefühle ist La Marca Wissenschaftler, Naturwissenschaftler allerdings, Biologe. Er geht seinem Beruf nach und kann sich nicht allein auf die Ermittlungen konzentrieren, ab und zu scheint es, als seien die Nachforschungen aus Zeitgründen ganz versiegt, dann aber kehrt das Motiv der Kriminalistik doch wieder zurück. Die Schwindel.Gefühle sind vom Kriminalroman im engeren Sinne noch weiter entfernt als La Marca mit seiner lockeren Form der Tataufklärung. Ohne den eigentlich nur für Luciana Michelotti und womöglich als Scherz gedachten Hinweis wäre dem Leser das Kriminalgenre kaum in den Sinn gekommen. Um welches Verbrechen handelt es sich eigentlich, diese Frage sollte der nach dem Ermittler vorausgehen. Zwei, wenn nicht gar drei Verbrechen kann der Leser ermitteln. Da sind einmal die blutigen Untaten der ORGANIZZAZIONE LUDWIG, und dann ist da das mysteriöse Geschehen im Umfeld der Pizzeria Cadavero, das den Dichter nicht etwa zur Aufnahme von Ermittlungen, sondern zur Flucht veranlaßt. Schließlich ist noch der Jäger Gracchus zu erwähnen.

Die Ermittlungen nimmt der Erzähler erst sieben Jahre später im Rahmen seiner zweiten Italienreise auf, als eine Art Second hand-Ermittler, eine innerhalb der Gattung des Kriminalromans bislang kaum vertretene Gruppierung. Er scheitert mit dem spontanen Versuch über die Vorfälle in und um die inzwischen geschlossene Pizzeria Cadavero im gegenüberliegenden Photographengeschäft etwas zu erfahren, obwohl man dort durchaus Bescheid weiß. Auf die Klärung der Angelegenheiten der ORGANISATION LUDWIG hat er sich besser vorbereitet und ein Gespräch mit dem Journalisten Salvatore Altamura verabredet, der ihm die offiziellen Ermittlungsergebnisse in der gebotenen Ausführlichkeit zu schildern vermag. Im Bezirk der mythologischen Kriminalität dagegen, wie sie dem Jäger Gracchus angelastet wird, fühlt der Dichter sich aus eigenem Vermögen kompetent. Der Jäger Gracchus weist jede Schuld zurück, und doch währt die aus seiner Sicht ungerechte Strafe schon seit ewig. Der Dichter sieht den Sinn der unablässigen Fahrten des Gracchus in der Abbuße einer Sehnsucht nach Liebe. Das ist wohl weniger die Frucht einer Ermittlung als ein Bemühen um Vermittlung von unklarer Schuld und fragwürdiger Sühne.

Mittwoch, 2. Oktober 2019

Außenbezirke

Ausgefranst

Wenn wir vom Brüsseler Justizpalast lesen, seine ummauerte Leere sei das innerste Geheimnis der sanktionierten Gewalt, werden womöglich Erwartungen geweckt, die sich dann nicht erfüllen. Man mag sich vorstellen, wie am Morgen die sanktionsberechtigten Beamten in die in ihrer Großzügigkeit geradezu leer wirkende Hallen, Säle und Räume einströmen, um sie bis zum Abend zu besetzen. Tatsächlich aber stößt man, wie Austerlitz ausführt, auch tagsüber auf türlose Räume und Hallen, die von niemandem je zu betreten seien. Viele Stunden irrt man durch dieses steinerne Gebirge, durch Säulenwälder, an kolossalen Statuen vorbei, treppauf und treppab, ohne daß einen je ein Mensch nach seinem Begehren gefragt hätte. Die Situation ist unverkennbar kafkaesk, und so muß man hinter dem innersten Geheimnis der sanktionierten Gewalt Kafkas Rechtsphilosophie vermuten, wie sie im Prozeß und Vor dem Gesetz zum Ausdruck kommt. Diesem rechtsphilosophischen Ansatz sind Benjamin und Scholem penibel nachgegangen, ihnen wiederum Agamben unter Einbeziehung Foucaults, den der Dichter nach Kafka selbst womöglich als ersten im Auge hatte. Festgehalten werden kann, daß der Justizpalast, seiner Aufgabe entkleidet, nach allen Seiten ausfranst. In den alle Vorstellungskraft übersteigenden Verwinkelung richteten sich immer wieder in irgendwelchen leerstehenden Kammern und abgelegenen Korridoren kleine Geschäfte ein, etwa ein Tabakhandel, ein Wettbüro oder ein Getränkeausschank, und einmal soll sogar eine Herrentoilette im Souterrain von einem Menschen namens Achterbos, der sich eines Tages mit einem Tischchen und einem Zahlteller in ihrem Vorraum installierte, in eine öffentliche Bedürfnisanstalt mit Laufkundschaft von der Straße und, in der Folge, durch Einstellung eines Assistenten, der das Hantieren mit Kamm und Schere verstand, zeitweilig in einen Friseurladen umgewandelt worden sein.

Dem Dichter sind diese Übergänge vom Großen und Pompösen zum kleinen und Alltäglichen nicht fremd. Nach dem Gespräch über den Justizpalast ist Brüssel kein Treffpunkt mehr für Austerlitz und den Dichter, man trifft sich in einem Billardcafé in Terneuzen, schon jenseits der Grenze in den Niederlanden. Die Wirtin, eine Frau mit dicken Brillengläsern, strickte an einem grasgrünen Strumpf, ein Kaminfeuer aus glühenden Eierkohlen, auf dem Fußboden feuchtes Sägemehl, ein bitterer Zichoriengeruch, durch das von einem Gummibaum umrankte Panoramafenster blickte man hinaus auf die ungeheuer weite, nebelgraue Mündung der Schelde. Gelegentlich eines anderen Besuchs in Brüssel reist der Dichter weiter nach Waterloo, ein rundum enttäuschender Ausflug. Vor der Rückfahrt wärmt er sich in einer der Gaststätten ein wenig auf. Am anderen Ende der Stube saß in dem trüben, durch die belgischen Butzenscheiben einfallenden Licht eine Rentnerin, bucklig: der Einfluß der nur wenige Kilometer entfernten Stadt Brüssel mit ihren Übermaß an Buckligen und Irren macht sich auch hier geltend. Die Frau trug eine wollene Haube, einen Wintermantel aus dickem Noppenstoff und fingerlose Handschuhe. Die Bedienerin brachte ihre einen Teller mit einem großen Stück Fleisch – ohne jede Beilage? Die Alte schaute es eine Weile an, dann holte sie aus ihrer Handtasche ein scharfes Messerchen mit einem Holzgriff und begann, das Fleisch aufzuschneiden. Bei der alten Frau im Zug nach Kissingen, die mit ihrem Federmesser Schnitz um Schnitz einen Apfel zerteilt, ist die Benutzung eines eigenen Schneideinstruments ohne weiteres verständlich, hätte aber hier, in der Gaststätte in Waterloo, nicht die Bedienerin ein geeignetes Schneidemesser reichen müssen? Die ganze Situation ist seltsam und reicht ins Geisterhafte.

Ein grasgrüner Strumpf, ein scharfes Messerchen mit Holzgriff, auch wenn der Dichter für die beiden Einkehrsituationen, anders als für den Justizplast mit dem ummauerten Geheimnis der sanktionierten Gewalt, keine eigene Deutung anregt, spüren wir doch einen vagen, anscheinend allem Geschehen beigegebenen metaphysischen Hintergrund. Der Dichter kennt keine in sich bedeutungslosen Überleitungspassagen, die zum nächsten Höhepunkt führen, die kleinen Beobachtungen, Strumpf und Messerchen, verweisen in ihrem Hintergrund mit gleicher Kraft auf die gleiche Bodenlosigkeit wie der Justizpalast.

Dienstag, 24. September 2019

W.G. Sebald: Schwindel.Gefühle.

Eine Empfehlung

Das Buch hat keine Romanhandlung, keinen Plot. Es bündelt vier, dem ersten Anschein nach separate Reiseberichte, Berichte von Reisen, die Oberitalien und zumal den Gardasee als Ziel haben, eine Reise Stendhals, eine Reise Kafkas und zwei Reisen des Icherzählers, der große Ähnlichkeit mit dem Autor, Sebald, hat, mit ihm aber nicht identisch ist. Der schöne Fluß der Sätze trägt uns schwere- und mühelos bis ans Ende des Buches, wir schließen das Buch und fragen: Was haben wir da eigentlich gelesen? Was war das denn mit dem Jäger Gracchus, eine, wie jeder weiß, von Kafka ersonnene mythologische Gestalt, die aber, wie wir lesen, fast hundert Jahre vor ihrem Entstehen auch bereits Stendhal begegnet war, und die wir, verwandelt in den ebenfalls von Kafka ersonnenen Jäger Hans Schlag, im Heimatort des Erzählers im Allgäu wiedertreffen. Was war das mit dem heiligen Georg, San Giorgio, den wir auf verschiedenen Bildern Giottos und Pisanellos betrachten dürfen, und den wir dann, wenn wir aufmerksam sind, unter dem Decknamen Giorgio Santini als lebendigen Hochseilartisten in Fleisch und Blut im deutschen Konsulat zu Mailand antreffen. Was ist mit der Zahl 13, die, zumeist verkleidet als Jahreszahl 1913, ständig wieder auftaucht. Was ist mit der seltsamen Schreibweise des Titels &c., in Wien läuft dem Erzähler Dante über den Weg, &c. Die Reiseberichte verwandeln sich keinesfalls in eine Fantasyroman, aber unter der realistischen Oberfläche tut sich mehr und mehr ein unüberschaubares, Schwindelgefühle auslösendes Motivgeflecht auf, wir lesen immer erneut im Buch und finden immer Neues. Der Autor selbst hat uns geholfen in unserer Not und, auf den ersten Blick überraschend, kundgetan, das Buch handele von der Liebe, sei aber keine vermaledeite sogenannte Beziehungsgeschichte, das um alles in der Welt nun wirklich nicht! Es ist freilich Sergio Chejfec, der ausspricht, was als erstes gesagt werden muß, wenn man sich Sebalds Texten zuwendet: Sebald führt den Leser zurück zu einer seit langem so gut wie verlorenen Position: Bewunderung und schiere ästhetische Freude.

Geschlossene Fenster

Persiana

Wenn von einem geschlossenen oder verschlossenen Fenster die Rede ist, weiß man nicht ohne weiteres, was geschlossen ist, ob die Fensterflügel, wenn das Fenster denn Flügel hat, oder aber nur die Fensterläden oder Jalousien, wenn das Fenster denn entsprechend ausgerüstet ist, oder sowohl die Flügel als auch die Läden, oder ob die geschlossenen Läden vielleicht nur geöffnete Flügel verbergen. Bei verschlossenen Fenstern geht man zusätzlich von Sicherheitsvorkehrungen an den Flügeln oder Läden oder an beiden aus. Als der Dichter in seinem Hotelzimmer in Venedig erwacht, ist es ein anderes Aufwachen als man es sonst gewohnt ist. Wie oft hat er, die Hände unterm Kopf, mit wachem Entsetzen auf die Brandung des Verkehrs gehört, hier aber bricht der Tag still an, nur einzelne Rufe, das Hinauflassen eines blechernen Rolladens. Die Fensterstellung wird nicht erwähnt, bei geschlossenen Fenster aber, zumindest bei moderner Dreifachverglasung, wäre die von wenigen Geräuschen nur akzentuierte Stille kaum aufgefallen. Am wahrscheinlichsten sind offene Flügel mit einer ausgestellten Persiana - una persiana discretamente socchiusa -, die das Sichtbare filtert, akustische Eindrücke aber kaum beeinträchtigt.

Ist das geöffnete oder das geschlossene Fenster literarisch ergiebiger, der Blick des Bewohners aus oder der Blick des Passanten auf das Fenster? Nicht immer eröffnet sich den Passanten ein ergiebiges Blickfeld. Die Schließung der grünen Fensterläden in der Wohnung der Eheleute Zufrass im Dorf Steinach bei Kissingen ist eine jeweils nur kurze aber sich ständig wiederholende Episode. Immer nämlich, wenn die Regina Zufrass am Abend oder in der Nacht das volltrunkene Jofferle heimgeholt hatte, blieben anderntags die grünen Läden der Wohnung geschlossen. Die geschlossenen Fenster sollen das Elend verbergen, aber das Leben geht weiter, das Jofferle muß wieder ausfahren mit seinem Pferdegespann, und eher über kurz als über lang wird der betrunkene Kutscher wieder im Straßengraben liegen.

In Deauville ist die Lage weitaus weniger episodenhaft. Die Häuser sind scheinbar sämtlich unbewohnt, tatsächlich aber von einer offenbar ausschließlich zur femininen Seite hin orientierten Gattung unbekannter Geistwesen besetzt. Bleibt man eine Zeitlang vor einem der Häuser stehen, tut sich seltsamerweise schon bald einer der geschlossenen Fensterläden etwas auf, und es erscheint eine Hand, die mit auffallend langsamer Bewegung ein Staubtuch ausschüttelt, so als wolle sie dem Passanten mit ihren Staubfetzen ein Zeichen geben. Türen oder andere Vorrichtungen, die es den Geisteswesen erlauben würden, die Häuser zu verlassen oder den Passanten, sie zu betreten, gibt es offenbar nicht, eine genauere Erkundigung der Lage ist insofern nicht möglich.

In Terezín wird man von einer völligen Verhärtung ausgehen. Niederdrückend war das Abweisende der stummen Häuserfronten, hinter deren blinden Fenstern, man mochte noch so oft hinsehen, nirgends ein einziger Vorhang sich rührte. Unmöglich war es sich vorzustellen, wer oder ob überhaupt jemand in diesen öden Gebäuden noch wohnte. Alles scheint auf eine endgültig verlorene Stadt hinzuweisen, deren Fenster sich nie wieder öffnen werden. Auffällig sind allerdings die vielen Aschenkübel, an der Wand entlang aufgereiht, so als seien sie noch im Betrieb.

In Amerika steht ein einsamer Mensch am Fenster. Seine letzten Monate, Wochen und Tage verbringt Cosmo Solomon damit, aus dem Fenster zu schauen. In seinem Geburtshaus stand er mit bewegungslos herabhängenden Armen auf einem Schemelchen und starrte hinaus auf das Meer, wo manchmal, sehr langsam, die Dampfschiffe vorbeifuhren nach Boston oder Halifax. Zur Genesung und Wiederherstellung seiner psychischen Stabilität schickt man ihn mit Adelwarth in das berühmte kanadische Banff Springs Hotel. Auch hier sah er nur viele Stunden lang zum Turmfenster hinaus auf die ungeheuren, ringsherum sich ausdehnenden Tannenwälder und den gleichmäßig aus unvorstellbarer Höhe herabfallenden Schnee. Die Fenstersituation in der Nervenheilanstalt Samaria in Ithaca, in die er schließlich eingeliefert wird, bleibt verborgen.

Nicht jeder, der allein an einem Fenster steht, ist einsam und verloren. Das kleine Haus mit seinem geschindelten Walmdach sah einem auf der Hügelkuppe gestrandeten Schiffchen gleich. Und jedesmal, wenn jemand vorbeikam, schaute gerade der Vater der Romana, der ein verschmitzter Mensch gewesen ist, wie der Noah aus der Arche zu einem der winzigen Fenster heraus und rauchte einen Stumpen auf seinem Waldhörnchen. Man stellt sich vor, die Fensterläden sind nach außen, die Flügel nach innen aufgeschlagen

Freitag, 20. September 2019

Photowelt

Erschrecken


Der Charme der den Text begleitenden Photos in Sebalds Prosawerken liegt in ihrer schlechten Qualität, nicht immer kann man ohne Hilfe des Textes entschlüsseln, worum es sich handeln soll. In den Schwindel.Gefühlen und den Ausgewanderten sind die Photos eher klein und übersteigen jedenfalls ein gewisses Größenmaß nicht. In den Ringen des Saturn und vermehrt in Austerlitz stoßen wir auf Bilder, die eine textlose Doppelseite komplett ausfüllen. Was ist zu dieser Entwicklung zu sagen, abgesehen von der Frage, ob man sie gutheißt? Was unterscheidet die Riesenphotos von den kleinformatigen und wie kommt es zu dieser Auszeichnung durch Größe? Kann man überhaupt von Auszeichnung sprechen, wenn der Dichter doch immer wieder auf die gleiche Daseinsberechtigung von Großem und Kleinem, von Hauptdarstellern und Komparsen pocht, möglicherweise mit einer geheimen Vorliebe für die Komparsen, für Größenformate unterhalb des Normalmaßes. Ist in der Größe vielleicht eine Herabstufung, ein Hinweis auf Monsterhaftigkeit, auf eine aus den Fugen geratene Welt zu sehen? Daß es um das Monströse zumindest gehen kann, belegt das Photo auf den Seiten 354/5 Austerlitz TB. Es handelt sich um ein Standphoto aus dem Theresienstädter Film. Seite 354 ist ausgefüllt von einer der im Text erwähnten schadhaften Stellen des Films, die Seite zeigt zwei nicht näher identifizierte Männerköpfe im Profil. Das Photo auf Seite 358 belegt, daß ein kleineres Format dem Bildverständnis imgrunde entgegenkommt. Ganz anders ist es wohl mit der Doppelseite 86/87, die ein Bild aus einer walisischen Kinderbibel zeigt, in das Dafydd Elias sich intensiv vertieft hatte. Zu sehen sind neben Bergen und Wasser ein Steinbruch, winzige Figuren, die ein Lager bevölkern, Bahngleise und anderes mehr. Das große Format erlaubt dem Leser das Studium des Bildes in der gleichen Weise zu wiederholen, das Format ist insofern nützlich. Utilität ist aber keinesfalls die allgemeine Ausgangsüberlegung für das große Format, wie spätestens das Bild auf den Seiten 158/9 erweist. Der Bildinhalt besteht aus zwei Billardkugeln, einer schwarzen auf der linken und einer weißen auf der rechten Seite, auf grauem Hintergrund. Der wenig detailreiche Bildgehalt wäre bei deutlich verkleinertem Format nicht weniger gut erkennbar. Ist das Großformat in diesem Fall Aufforderung zu einer Lesepause, Einladung zu meditativer Einkehr?

Eines haben die doppelseitigen Photos gemeinsam, man erwartet sie nicht und erschrickt beim Aufblättern. Soll Erschrecken auf diesem Wege als ein von Heidegger möglicherweise vergessener (man müßte bei ihm nachschlagen) Grundbegriff der Metaphysik sinnlich erfahrbar werden? Gleichzeitig aber haben die bebilderten, textfreien Doppelseiten den Vorteil, daß man sie getrost überblättern oder gar verkleben kann, wenn des Erschreckens genug ist, wenn die Seiten zum Ärgernis werden sollten.

Dienstag, 17. September 2019

Bilderfolge

Indizien

Die optisch nachhaltigste Passage nicht nur in Austerlitz, sondern im Prosawerk insgesamt ist wohl die Photoreihe aus Terezín. Der Verwachsene und der Geistesgestörte, soweit ersichtlich die einigen Lebenden in der Stadt, sind verschwunden. Auf Seite 275 TB ist das Photo einer leeren Straßenflucht in den Text eingefügt. Auf Seite 276 ist zwischen einem Photo oben und einem Photo unten ein zweizeiliger Text eingefügt, der mitten im Satz versiegt und auf den Seiten 277 ff nicht fortgeführt wird. Auf Seite 280 wird der Text unversehens wieder aufgenommen und fortgeführt, über die untere Hälfte der Seiten 280 und 281 erstreckt sich ein Photo der ANTIKOS BAZAR. Auf der Seite 282 unten findet sich ein weiteres Photo des BAZAR, ebenso auf der Seite 284, ein Photo, auf dem auch das in dem Fenster gespiegelte Gesicht des Photographen zu erkennen ist, angeblich Austerlitz, tatsächlich aber der Dichter. Der weitere Verlauf des Aufenthalts in Terezín ist photographisch nicht dokumentiert. Bei etwas niedrigerer Seitenzahl ist in der gebundenen Ausgabe das Bildarrangement das gleiche.

Das Bild oben auf Seite 276 zeigt eine Reihe von Aschenkübeln entlang einer Hauswand, die als Indiz für eine immerhin denkbare Bewohnung des Hauses gedeutet werden, allerdings sind die Kübel geschlossen, so daß möglicher frischer, auf Leben hinweisender Inhalt nicht auszumachen ist. Die Bilder auf Seite 276 unten und Seite 277 zeigen verschlossene Fenster und Türen, Seite 278 eine nachdrücklich geschlossene und Seite 279 eine vernagelte Tür. Die Türen scheinen das schwache Indiz der Aschenkübel zu widerlegen.
Generell gilt: Je beunruhigender die erzählten Gegenstände sind, desto beruhigender ist der Fluß der Prosa. (Gilt das auch für den Autor selbst?) Diese Doppelstrategie kann in Orten wie Terezín/Theresienstadt nicht aufrecht erhalten werden, Beruhigung ist nicht angebracht, der Dichter läßt die Prosa ausklingen für eine Art Schweigeminute, richtiger gesagt: er läßt sie verenden. Auch der ANTIKOS BAZAR gibt keinen Hinweis auf gegenwärtige Belebtheit, vor nicht allzu langer Zeit wurde er aber offenbar noch bewirtschaftet. Menschliches Leben kehrt mit dem gespiegelten Konterfei des Photographen zurück und wird bestätigt durch die Dame unbestimmten Alters in einer lilafarbenen Bluse und einer altmodischen Frisur am Kassentisch des Ghettomuseums. Bereits von der Dame gibt es kein Bild, die Bildersprache des Leblosen, die den Text ergänzte und dann ersetzte, verschwindet wieder.

Sonntag, 15. September 2019

Großstadtbilder

Kalk- und Sandstein

Wenn an der neuen Nationalbibliothek, die in allen Einzelheiten auf die Verunsicherung und Erniedrigung des Lesers hin ausgelegt ist, gleichwohl etwas Zusagendes zu entdecken wäre, dann möchte es der Blick auf die Stadt Paris sein, der sich vom obersten Stockwerk des Nordostturms ergibt. Tatsächlich aber sieht man auf eine im Verlauf der Jahrtausende aus dem jetzt völlig ausgehöhlten Untergrund herausgewachsene Agglomeration, auf ein fahles Kalksteingebilde, eine Art Exkreszenz, die in ihren sich ausbreitenden Verkrustungen hinausreicht bis an die im Dunst jenseits der Vorstädte verschwimmende äußere Peripherie – nichts, was das Herz erfrischen könnte.

Als der Maler Georg von Dillis von der Villa Malta aus auf die Ewige Stadt Rom schaute, hatte er nicht diesen Tiefenblick. Die der Farbgebung nach zu urteilen offenbar aus Sandstein erbaute Stadt ist nahezu zur Gänze in einem nicht weiter erläuterten bräunlichen Nebel verschwunden, nur die Kuppel des Petersdom ist klar zu erkennen, in seiner Nähe einige weitere größere Gebäude, nahe der Villa ein weiterer Kuppelbau. Bewohner der Stadt, Menschen, sind nicht zu sehen. Auch der Blick aus der Höhe in Paris verschweigt die Menschen, es lohnt wohl nicht, sie noch zu erwähnen, denn offenbar befinden wir uns in einer Todeszone. Das ist so deutlich in Rom nicht zu erkennen. Vom Dichter sind wir es gewohnt, daß er die Städte weitgehend vom der menschlichen Besatzung befreit, der Maler steht ihm kaum nach. Aber einige werden wohl verborgen da sein, um über die Stadt zu wachen, und die Stadt wacht über sie. So kann Rom die ihm zugesprochene Ewigkeit vielleicht wirklich erreichen.

Donnerstag, 12. September 2019

Alpensakko

Seit an Seit


Literaturfreunde rätseln noch heute, was den Minister Piffl-Perčević an Bernhards Ansprache anläßlich der Verleihung des Staatspreises so verstört hatte, das er aus dem Saal gestürmt war, handelte es sich bei der Ansprache doch um eine metaphysische Wort- und Satzattacke, der eine Aussage nicht zu entnehmen war, es sei denn die, daß der Tod unwiderruflich ist. Aber vielleicht hatte gerade das Piffl-Perčević überwältigt und aus der Fassung gebracht, weil er aus eigener Kraft bislang so weit nicht hatte denken können. Die Verleihung des Staatspreises an Houellebecq jetzt ist ohne Eklat verlaufen, anschließend hat der Franzose gekleidet in ein Alpensakko den Vierkanthof in Ohlsdorf besucht, um Bernhard seine Reverenz zu erweisen. Wollte man Houellebecq in Deutschland einen ähnlichen Preis verleihen, könnte er das Alpensakko ein zweites Mal nutzen, um auch dem toten Dichter in W. seine Reverenz zu erweisen. Sebald hat aus seiner Vorliebe für Bernhard nie ein Hehl gemacht, seine Figur Le Strange könnte gut Seit an Seit mit Houellebecqs Figur Jed Martin gelebt haben, über den Gartenzaun hinweg hätten die beiden dann und wann freundliche Worte ausgetauscht, es hätte ihnen gutgetan.


Sonntag, 8. September 2019

Moderne Zeiten

Heiligenkandidat


In gewisser Weise ist es beruhigend, wenn Agamben mitteilt, am liebsten seien ihm die Bücher, die er gar nicht versteht. Was aber ist mit den abenteuerlichen Büchern, die man sofort versteht und dann immer wieder neu, immer anders und, Deo dante, immer tiefer?
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Der Dichter unterstützt insgeheim die Neigung seines Personals, den Beruf aufzugeben oder gar nicht erst zu ergreifen. Austerlitz war 1991 vorzeitig in den Ruhestand getreten. Bereyter, der geborene Melamed, hat den Lehrerberuf bis zur Versetzung in den Ruhestand ausgeübt, vielleicht ein Fehler, denn glücklich war er damit angesichts der äußeren Umstände und Rahmenbedingungen schon lange nicht mehr. Dr. Selwyn mußte, wie es heißt, im Jahre 1960 seine Praxis und seine Patienten aufgeben, der Grund wird allenfalls schemenhaft deutlich. Alec Garrard hat seinen Beruf als Landwirt so gut wie an den Nagel gehängt, schon ewig hat er keinen Traktor mehr gefahren, seit zwei Jahrzehnten widmet er sich mit wachsender Ausschließlichkeit dem Modellbau des Jerusalemer Tempels. Gleichzeitig aber vergällt der Dichter, der ja alles in der Hand hat, den Berufslosen die üblicherweise bevorzugte Freizeitbeschäftigung, indem er das von ihm so genannte Ferienvolk zum herausragenden Objekt seiner Verachtung macht, ob die Urlauber nun im Miniaturbähnchen durch die Felder fahren und an verkleidete Hunde oder Seehunde erinnern, ob sie gegen Mitternacht als eine einzige buntfarbene Menschenmasse sich nach Art einer Prozession durch die engen Gassen des zwischen den See und die Felswand eingezwängten Orts schieben, lauter Lemurengesichter, die, verbrannt und bemalt, unkenntlich wie hinter einer Maske, über den ineinander verschlungenen Leibern schwanken, oder ob sie in der Bahnhofshalle lagern in ihren Schlafsäcken auf Strohmatten oder auf dem nackten Steinboden, hingestreckt wie von schweren Krankheit. Arbeit und Urlaub, das sind die zwei Säulen im Leben des modernen Menschen, was bleibt ihm, wenn man ihm beides nimmt. Der Richter Farrar, nunmehr im Ruhestand, erinnert sich nur mit einem gewissen Entsetzen an das halbe Jahrhundert, das er in Anwaltskanzleien und Gerichtshöfen verbracht hat, und widmet sich ganz der der Zucht seltener Rosen und Veilchen. Ob das auf Dauer ohne ergänzende touristische Aktivitäten gereicht hätte, bleibt offen, denn bald schon kostet ihn der unsachgemäße Umgang mit einem Feuerzeug das Leben. 

Wenn der Dichter von der Berufswelt wenig und von Tourismus und Urlaub erkennbar gar nichts hält, ist das eine Aufforderung, die moderne Lebenssituation zu verlassen. Ein möglicher Ausweg führt zur Kunst. Sie wird nicht berufsmäßig ausgeübt wird. Jeder Arbeitnehmer bis hinauf zu den Vorständen hat Anspruch auf die Fünfunddreißigstundenwoche, wer länger arbeitet, sonnt sich nur im falschen Gefühl seiner Unersetzbarkeit. Aurach dagegen ist an jedem Tag der Woche vom Morgen bis zum Abend in seinem Atelier und vernichtet zuverlässig am Morgen das, was er tags zuvor zustande gebracht hatte. Das sieht nicht nach rationaler Berufsausübung aus. Das Reisen aus touristischen oder anderen Gründen ist Aurach nicht weniger fremd als der Gedanke an einen Beruf. An seiner Kunst zweifelt er zutiefst, das wahre Kunstwerk erkennt er in einem Traumbild, in dem Frohmann, gebürtig aus Drohobycz, auf dem Schoß ein winziges Modell des Jerusalemer Tempels hält. Das Tempelmodell ist für Aurach das, was für Bergotte und Proust der kleine gelbe Mauerfleck war: das unzugängliche Geheimnis des wahren Kunstwerks.

Auf seltsame Weise treffen sich Aurach der Kunstmaler und Garrard der Landwirt beim Tempel in Jerusalem. Der Tempel ist da, wenn auch nur als Miniatur, die Kirchen fehlen, kommen nicht ins Bild. Die Bahnhöfe seien die neuen Kathedralen, heißt es an einer Stelle, aber auch darüber ist die Zeit längst hinweggegangen. Dabei sind die Kirchen, wie wir alle wissen, sehr wohl und in großer Zahl vorhanden, die Dome und Kathedralen werden gepflegt und restauriert, und wenn sie niederbrennen, werden sie sogleich neu errichtet. Aber sie sind unsichtbar für das innere Auge, weil die Heiligen aus ihnen geflohen und, wie es scheint, verschwunden sind. Die Heiligen sind verschwunden und wiederum doch nicht. Der heilige Franziskus schwimmt einerseits mit dem Gesicht nach unten in einem Schilfbeet, andererseits hat er sich im stets von Vögeln und Federvieh umflogenen Major Le Strange reinkarniert. Der heilige Georg lebt weiter als der Zirkusartist Giorgio Santini und zugleich auch seinerseits in der Gestalt des Major Le Strange, dem Drachentöter von Bergen Belsen. Der Major, längst berufslos und ohne jeden Gedanken an eine Ferienreise, ist ein multipler Heiliger, der zusätzlich auch noch den heiligen Hieronimus beherbergt. Die heilige Katharina schreitet über die Sümpfe, ein kleines Modell des Rades, auf dem man sie gebrochen hatte, in der Hand, gleichzeitig lebt sie als Catherine Ashbury in Irland. So wie Turgenjew eine Adelsnest kennt, kennt der Dichter ein Heiligennest, die Ashburys. Sie sind ständig beschäftigt, ohne etwas zustande zu bringen, bauen Schiffe, die nie zu Wasser gelassen werden, verdienen mit all ihren Aktivitäten keinen Penny, der Gedanke andererseits, sich unter ein Ferienvolk zu mischen, ist ihnen so fern wie Anfang und Ende des Alls. Den Dichter reut es, nicht bei ihnen geblieben zu sein, um als Heiligenkandidat ihr immer unschuldiger werdendes Leben zu teilen.