Donnerstag, 24. Oktober 2013

Vom Himmel gefallen

Leselücken
Die Großmutter hat das Buchgeschenk mit größter Sorgfalt und unter diffiziler Abwägung verschiedenster pädagogischer Gesichtspunkte ausgesucht, dem Beschenkten scheinen die Bücher wie vom Himmel gefallen. Schon der Titel des einen, François le Champi, läßt ihn etwas Unbestimmbares und Köstliches erwarten. Die Handlung erscheint ihm umso dunkler und schöner, als er in jenen Kindertagen beim Vorlesen oft ganze Abschnitte und Seiten verträumt. Die durch Unaufmerksamkeit verursachten Lücken werden noch dadurch vermehrt, daß die Mutter zur Schonung des Knaben alle Liebesszenen überspringt. Die bizarren Bewegungen, denen das Geschehen auf diese Weise unterworfen war, schienen die tiefsten und erregendsten Geheimnisse zu bergen. - Die Zensur der Mutter wird bald entfallen, die Konzentrationsfähigkeit wird steigen, sollen wir aber hoffen, daß die Lücken sich vollends schließen? Vieles in der Recherche geht auf eine aufmerksame Lektüre von Balzac, Ruskin und anderen zurück, der endlose Strom der Worte aber steigt auf aus den Bereichen des Verträumten, endlose Wortfolgen, die ihrerseits auf Lückenlosigkeit bedacht scheinen und uns, die Leser, doch nicht daran hindern können, in Träumereien zu verfallen.
Für jeden obsessiven oder professionellen, Leseprogramme abarbeitenden Leser ist es eine Wohltat, wenn ihm durch einen Zufall ein Buch in die Hand kommt, auf das er von sich aus nie verfallen wäre. Ein solches Buch kann lebensrettend sein. Marie de Verneuil hat Austerlitz als Berufsleser in der Nationalbibliothek in der rue Richelieu kennengelernt, wo er meist bis in den Abend hinein in stummer Solidarität mit den zahlreichen anderen Geistesarbeitern an seinem Platz beschäftigt mit seinem Lesepensum gesessen ist. Als Austerlitz nach Verlassen des Veterinärmedizinischen Museums in Paris zusammengebrochen ist, bringt Marie bei einem ihrer regelmäßigen Besuche am Krankenbett aus der Bibliothek ihres Großvaters ein altes Arzneibüchlein mit, pour toutes sortes de maladies, internes et externes, invéterées et difficiles à guérir. Eine jede Zeile des schönen Vorworts hat er mehrfach gelesen und desgleichen die Rezepturen für die Herstellung von aromatischen Ölen, Pulvern, Essenzen und Infusionen zur Beruhigung der kranken Nerven, zur Reinigung des Blutes von den Säften der schwarzen Galle und Austreibung der Melancholie, und wirklich hatte er über der Lektüre dieses Büchleins sein verloreneres Selbstgefühl und seine Erinnerungsfähigkeit wieder erlangt. - Austerlitz liest das Arzneibüchlein sicher nicht in der Hoffnung, die richtige Rezeptur für ein sein Leiden heilendes Medikament zu finden, die Lektüre selbst ist das Remedium, er läßt sich von ihr aus der Welt tragen, in der ihm der Aufenthalt zu schwer geworden ist. In dem Büchlein trifft er sich mit Marie de Verneuil, die es ihm nicht ohne Bedacht geschenkt hat und die, so kann er annehmen, den gleichen Sätzen gefolgt ist. Oft wird er die Zeit beim Lesen verträumt haben.

Die Schwindel.Gefühle und die Ringe des Saturn sind Bücher einer Lesepause, das heißt nicht, Bücher würden ganz aus dem Blickfeld geraten, sie werden aber nur beiläufig erworben und zur Hand genommen. Die Memoiren des Duc de Sully hat Selysses vor Jahren auf einer Auktion in dem nördlich von Norwich gelegenen Landstädtchen Aylsham erworben, und seither gehören sie zu seiner liebsten Lektüre. In einer Bar an der Riva blättert er in Grillparzers Tagebuch auf der Reise nach Italien. Auf einem Dachboden in W. dann stößt er in einem Regal, in sich zusammengesunken, wie es den Anschein hatte, auf die bald an die hundert Bände umfassende, ihm in der Folge in zunehmenden Maße wichtig werdende Bibliothek der Mathild. Neben Literarischem aus dem letzten Jahrhundert und einem türkischen Lexikon samt kleinem Briefsteller gab es zahlreiche religiöse Werke spekulativen Charakters, Gebetsbücher aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert mit zum Teil drastischen Abbildungen der uns alle erwartenden Pein. Zum anderen fanden sich mit den geistigen Schriften vermischt mehrere Traktate von Bakunin, Fourier, Bebel, Eisner, Landauer sowie der biographische Roman von Lily von Braun.

Jeder wahre Leser ist überzeugt, den anderen Menschen nicht besser erkunden und verstehen zu können als durch das Studium des Bücherregals. Findet er nichts vor als vielleicht Kochanleitungen und andere praktische Ratgeber, ist er hilflos. Wenn Selysses die in seinen Besitz gelangte Bibliothek der Mathild immer wichtiger geworden ist, so nicht so sehr des zusätzlichen Lesestoffs wegen. Vielmehr steigt ihm aus den Büchern das Leben der Mathild auf, die unmittelbar vor dem ersten Krieg in das Regensburger Kloster der Englischen Fräulein eingetreten war, das Kloster aber noch vor Kriegsende unter eigenartigen Umständen wieder verlassen und einige Monate lang, in der roten Zeit, in München sich aufgehalten hatte, von wo sie in einem arg derangierten und fast sprachlosen Zustand nach Haus zurückgekehrt ist. Jeder Blick auf die Bibliothek der Mathild ist Anlaß für neue Fragen und Überlegungen. Man möchte meinen, aus der Beschäftigung mit der Bibliothek der Mathild heraus habe Selysses seinen Meister Sebald angeregt zu dem Plan, ein Buch über die Münchener rote Zeit zu verfassen.
In der Prager Wohnung Věra Ryšanovás sind es die in einem verglasten Bücherschrank verwahrten fünfundfünfzig kleinen karmesinroten Bände der Comédie humaine, die ins Auge fallen. Věras Verhältnis zu Balzac ist weniger durchsichtig als das der Mathild zu der bunten Mischung aus Gebetsbuch und Sozialutopie, aber es ist das Dunkel, das Austerlitz zur Lektüre des Colonel Chabert anregt. Seine geraffte Wiedergabe des Buchinhalts könnte auf eine ähnlich lückenhafte Lektüre schließen lassen wie im Fall des François le Champi, Lücken, die auch hier, wie der eine oder andere urteilen mag, dem vorgefundenen Lesestoff nur guttun konnten.

Auf seiner Reise durch Oberitalien hat Selysses nicht nur Grillparzers Tagebuch dabei, auf der Fahrt nach Mailand zieht er den Beredten Italiener aus dem Reisegepäck hervor, ein praktisches Hülfsbuch der italienischen Umgangssprache. Er greift zu dem Hülfsbuch, als er seine Reisegefährtinnen, die eine in ihr Brevier und die andere in ihren Bilderroman, versunken sieht. Die schönen und weitreichenden Gedanken zu einer harmonischen Welt wären ihm wohl nicht durch den Sinn gegangen, hätte er ernsthaft studiert und es in der reizenden Lesegemeinschaft nicht beim bloßen Blättern belassen. Im weiteren Verlauf der Reise stößt Selysses auf die Winterkönigin, auf das tiefste versenkt in ein Buch, welches den Titel Das böhmische Meer trug und verfaßt war von einer ihm unbekannten Autorin namens Mila Stern. Vergeblich hat er in der Folge geforscht nach dem Buch, das sie in der Hand gehalten hatte, das aber, obschon für ihn von größter Wichtigkeit, in keiner Bibliographie, in keinem Katalog, ja, absolut nirgends verzeichnet war. – Wohl jeder Leser kennt die Sehnsucht nach dem einen, wahren, über alle anderen Bücher hinausgehenden Buch, das jede denkbare Sehnsucht stillt. Dieses Buch scheint auf in den François le Champi transzendierenden Leselücken, und es ist beglückend, wenn auch ein so unerhörtes Buch wie die Schwindel.Gefühle noch das Verlangen nach dem ganz und gar unerhörten Buch sozusagen offiziell aufrecht erhält.

Die Großmutter hat das Buch für Prousts jungen Erzähler ausgewählt, die Mutter liest es ihm vor, der Vater ist kaum beteiligt. Auf der Vaterseite ist die Situation für Selysses ähnlich: Im Aufsatz des Schranks hatten nebst dem chinesischen Teeservice eine Reihe in Leinen gebundener dramatischer Schriften ihren Platz, und zwar diejenigen Shakespeares, Schillers, Hebbels und Sudermanns. Es waren dies wohlfeile Ausgaben des Volksbühnenverbands, die der Vater, der gar nie auf den Gedanken gekommen wäre, ins Theater zu gehen, und noch viel weniger auf den, ein Theaterstück zu lesen, in einer Anwandlung von Kulturbewußtsein eines Tages einem Reisevertreter abgekauft hatte. Nicht krasser dagegen könnte der Unterschied auf der Seite der Mutter sein, die bei Selysses gar nicht in Erscheinung tritt, geschweige denn mit einem Buch in der Hand. Da mag es kaum verwundern, wenn später ein Großteil der wie vom Himmel gefallenen Bücher, wie um den Schaden wieder gut zu machen, aus Frauenhand stammen, die Bibliothek der Mathild, Maries Arzneibüchlein, Věras karmesinrote Balzacbände, der Beredte Italiener, den erst die Reisegefährtinnen hervorzaubern, das unerhörte Buch der Winterkönigin. Es könnte scheinen, als würden wahre Leser nur à l’ombre weiblicher Fürsorge gedeihen.
Weibliche Fürsorge hält die Kindheit wach, und bei genauerem Hinsehen zeigt sich, daß auch das Kind Selysses nicht ohne diese Fürsorge auskommen mußte. Da ist einmal die in drei großen Folianten untergebrachte Ansichtskartensammlung, die er sich immer wieder bei der trunksüchtigen Engelwirtin Rosina Zobel anschaut, und zum anderen der alte Atlas, den die Mathild bei seinen Besuchen in der Begleitung des Großvaters jedesmal für ihn bereitlegt, und in dem ihn jedesmal das Blatt mit den größten Strömen und den höchsten Erhebungen in ein wohliges Grübeln versetzt. Ähnlich vertieft sich Austerlitz in der kymrischen Kinderbibel, die ihm Miss Parry geschenkt hat, nahezu ausschließlich in das Studium des großformatig abgebildeten Heerlagers in der Wüste Sinai. Von diesen frühen, eher von den Bildern als von den Worten geprägten Eindrücken her läßt sich erahnen, warum noch die Prosabücher, durch die sich Selysses später bewegt, in so auffälliger Weise mit Bildern durchsetzt sind.

Dienstag, 15. Oktober 2013

Siebenundneunzig Stufen

Dorfkirchen
Das Großartigste an der Kirche von Combray, so der Curé, sei der Ausblick vom Glockenturm. Quatre-vingt-dix-sept marches müsse man überwinden, um nach oben zu gelangen, juste la moitié du celèbre dôme de Milan. Selysses hat die doppelte Anzahl von Stufen nicht gescheut und ist bis auf die oberste Galerie des Mailänder Doms aufgestiegen, ohne sich einen die Mühe lohnenden Aussichtserfolg einzuhandeln. Das vom Dunst verdüsterte Panorama einer ihm vollends fremd gewordenen Stadt nimmt er in Augenschein, und weit unten auf der Piazza bewegen sich die Menschen in seltsamer Neigung vor dem starken Wind dahin, als stürze jeder einzelne von ihnen seinem Ende entgegen. Weder die spirituelle Kraft des Kirchengebäudes noch die Weite des Ausblicks jedoch können die Schwindelgefühle lindern.
Es war der Glockenturm von Saint-Hilaire de Combray, qui donnait à toutes les occupations, à toutes les heures, à tous les points de vue de la ville, leur figure, leur couronnement, leur consécration. Auf dem Ölbild der Ortschaft W., das die Wand über dem Sofa der nach Amerika ausgewanderten Verwandten schmückt, ist die Kirche in ähnlicher und selbstverständlicher Weise das Zentrum, außer ihr und umgebender Gegend vermag das unbewaffnete Auge kaum etwas erkennen. Selysses aber gelingt es, von Oberjoch herab den Sebaldweg entlang auf W. zuzuhalten, ohne daß ihm der Kirchturm ins Gesichtsfeld gerät. Schon als Kind konnte er in nächster Nähe an der Kirche des Ortes vorbeigehen, ohne sie auch nur wahrzunehmen. Mein Weg ging am Lehrerhaus und am Kaplanhaus vorbei und die hohe Kirchhofsmauer entlang. Dann mußte ich den Kirchberg hinunter und durch die obere Gasse, und dann ist er schon bei der Schmiede angelangt. Nachweislich aber hat er die Kirche von innen gesehen, sonst hätten die Kreuzigungsbilder und das große Gemälde von der Schlacht auf dem Lechfeld nicht den vernichtenden Eindruck auf ihn machen können, den sie tatsächlich auf ihn gemacht haben. Auch die kirchenmusikalischen Erlebnisse waren zwiespältig. Der Chorregent, der das vom Geheul der Gemeinde begleitete Abspielen der ewigselben zwei Dutzend Lieder mehr oder weniger im Schlaf absolvierte, kam jedesmal erst am Ende der Messe wieder zu sich, wenn er die Herde der Gläubigen mit einem von ihm in freier Phantasie auf der Orgel entfesselten Sturm gleichsam beim Kirchentor hinausfegte.

Ganz anders ist das Erleben des noch kindlichen Erzählers bei Proust. Que je l’aimais, notre Église! Le doux effleurement des mantes des paysannes entrant et de leurs doigts timides prenant de l’eau bénite. Die Kirchenfenster, deren Licht nie schöner ist je weniger draußen die Sonne scheint. Die Tapisserien, die die Krönung Esthers in der Gestalt einer Dame aus dem Hause Guermantes zeigen, die vielen anderen Spuren der Geschichte, die der Kirche eine vierte Dimension verleihen, die der in ihr verwahrten Zeit. Anders als in Chartres oder Reims hat der glaubenslose Gläubige Proust, der sein eigenes Werk einer Kathedrale verglichen hat, sich in der schlichten Dorfkirche von Combray nicht gefragt, auf welche Weise und mit welcher Kraft hier das Gefühl der Religiosität zum Ausdruck gebracht werde. Aber auch die Großmutter, entschiedene Vertreterin des Natürlichen, spricht den Glockenturm von Combray frei von allem Vulgären, von Anmaßung sowohl wie von kleinlichem Wesen.
Hätte die Großmutter auch die, wie wir sie kennen, barock ausgestattete Kirche von W. freigesprochen, hätte der heilige Ulrich auf dem Lechfeld Prousts jungen Erzähler auf gleiche Weise ins Träumen versetzt wie die als Esther verkleidete Dame de Guermantes? Das ist schwer vorstellbar. Schmerzlich mußte Selysses überdies die auf den Kirchgang einstimmenden paysannes belles et timides vermissen, da die Weiberschaft von W., wie dem Leser mit Bernhardscher Entschiedenheit vor Augen geführt wird, ausnahmslos fast aus kleinen, dunklen, dünnzopfigen und bösen Bäuerinnen und Mägden bestand. Befreit aber von jeglicher Gemeinde, vom Pfarrer, vom Organisten und dem heiligen Ulrich, kommt Selysses schließlich doch zu Empfindungen, die denen des Proustschen Erzählers nicht unähnlich, wenn auch weniger eindeutig sind, und zwar in der Krummenbacher Kapelle, die so klein ist, daß mehr als ein Dutzend auf einmal gewiß nicht ihren Gottesdienst verrichten oder ihre Andacht üben konnten. Kapellen wie die von Krummenbach gab es zahlreiche um W. herum, und vieles von dem, was ich damals von ihnen gesehen und gespürt habe, wird in mir geblieben sein, die Angst vor den dort abgebildeten Grausamkeiten nicht weniger als in seiner Unerfüllbarkeit der Wunsch nach einer Wiederholung der in ihrem Inneren herrschenden vollkommenen Stille. So ist er auch erfüllt von ungewohnter Milde gegenüber dem Maler, der die Kreuzwegstationen mit ungeschickter Hand zwar aber vielleicht mit nicht geringerer Mühe zustande gebracht hat als in den gleichen Tagen Tiepolo sein großes Deckengemälde in der Würzburger Residenz. Von Krummenbach zu Tiepolo, das ist ein fast noch weiterer Weg als von Combray nach Chartres oder Reims.
 
Die Neben-, wenn nicht gar die Hauptbeschäftigung des Curé de Combray ist die Etymologie, und wie alle Anhänger dieser schönen Wissenschaft ist er gesegnet mit Unverständnis und Rücksichtslosigkeit in seinen Vorträgen gegenüber dem Teil der Menschheit, der seine Vorliebe nicht teilt. In gewisser Weise ähnelt er dem Reverend Ives. In seinem Pfarrhaus in Ilketshall St. Margaret bekommt er in den Sommermonaten des Jahres 1795 öfters Besuch von einem jungen französischen Adeligen, der vor den Schrecken der Revolution nach England geflohen ist. Reverend Ives ist ein Mann der Aufklärung und der Mathematik und Hellenistik womöglich enger verbunden als der Theologie. In seinem wahren Leben kommt Selysses in Berührung mit dem Pfarrer Wurmser, einem Gottesmann anderen Schlags, Doppelgänger oder Schattenreiter des gleichfalls nicht mehr zu den Jüngsten zählenden Arztes Piazolo. Seine Versehgänge macht Wurmser die längste Zeit schon wie dieser mit dem Motorrad, wobei er das Versehgerät, das Salböl, das Weihwasser, das Salz, ein kleines silbernes Kruzifix sowie das Allerheiligste Sakrament in einem alten Rucksack mit sich führt.  Wurmsers theologische Ausrichtung wird nicht greifbar. In der Schule wird der für den katholischen Religionsunterricht vorgesehene Katechet Meier mit Duldung, wenn nicht mit Hilfe des Dichters gemobbt. Ein neben der Türe angebrachtes, das flammende Herz Jesu darstellendes Weihwasserbehältnis wurde von Bereyter rechtzeitig vor jeder Religionsstunde mit der sonst zum Gießen der Geranienstöcke verwendeten Kanne bis zum Rand gefüllt. Nie ist es darum dem Benefiziaten gelungen, die Weihwasserflasche, die er stets in seiner Aktentasche bei sich führte, zum Einsatz zu bringen. Tiefe Zuneigung dagegen empfindet Sebald für den von ihm als katholischer Strafprediger erlebten Thomas Bernhard, und seine stille Achtung hat auch der kalvinistische Prediger Elias, der am Sonntag der versammelten Gemeinde mit erschütternder Wortgewalt das allen bevorstehende Strafgericht, die Farben des Fegefeuers und die Qualen der Verdammnis vor Augen führte. Strafpredigten sind angesichts des vom Dichter diagnostizierten Zustands der Menschheit angemessen, naturgemäß aber ohne heilsame Folgen.

Selysses besucht nicht Reims oder Chartres und auch nicht das Baptisterium des Markusdoms, mit Prousts Erzähler trifft er sich aber in Padua, in der Cappella degli Scrovegni, einer von Giotto ausgemalten Königin unter den Kapellen der Welt. Dabei richtet sich seine Aufmerksamkeit freilich ganz auf die obere Bildhälfte der Beweinung Christi. Die dem Charakter der Frohen Botschaft näher stehenden Bildwerke bleiben unbeachtet. Am meisten erstaunt ihn die lautlose Klage, die seit nahezu siebenhundert Jahren von den über dem unendlichen Unglück schwebenden Engeln erhoben wird. Wie ein Dröhnen war diese Klage zu hören in der Stille des Raums. Die Engel selbst aber hatten die Brauen im Schmerz so sehr zusammengezogen, daß man hätte meinen können, sie hätten die Augen verbunden. Und sind nicht, dachte ich mir, die weißen Flügel mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde das weitaus Wunderbarste von allem, was wir uns jemals haben ausdenken können? - Man vermag eine religiöse Stimmung auszumachen, die aber ganz auf den Ton der Weltklage eingeengt und, wie bei Proust, allein ästhetisch verankert ist.

Ähnlich wie Selysses auf seinen Wegen durch die Städte Dante, dem Bayernkönig Ludwig und anderen üblicherweise Verborgenen begegnet, findet sich kaum eine Gestalt in Prousts Werk, die sich nicht irgendwann und zumeist für kurze Zeit nur in einen Heiligen oder eine Heilige verwandelt. Durch Sebalds Werk ziehen die Heiligen wie entlaufene und schuldlose Sträflinge, der heilige Franz treibt mit dem Gesicht im venezianischen Sumpfwasser, die heilige Katharina geht mit ihrem Marterrädchen an ihm vorbei, der heilige Hieronymus gräbt sich eine Grube im Garten eines englischen Gutshofes, Mrs. Ashbury, von der es heißt, sie werde immer unschuldiger, heiliger noch, bleibt ihm Plafond stecken, als sie zum Himmel auffährt. Die lautlose Klage der Engel Giottos wird nicht leiser.

Freitag, 11. Oktober 2013

Heilende Hand

Gesundheitsfürsorge
Selwyn und Bereyter gehen aus dem Leben, bevor noch die Medizin Anlaß hat, eine heilende Hand nach ihnen auszustrecken. Aurach hat den rechten Augenblick verpaßt, er liegt, bevor er dem vorbeugen konnte, im Withington Hospital, einer ehemaligen Besserungsanstalt für Obdach- und Beschäftigungslose, in einem Männersaal mit weit über zwanzig Betten. Medizinisches Personal begegnet uns nicht. Seinen Zustand empfindet Aurach als schandbar und er hat den Vorsatz gefaßt, ihm möglichst bald zu entkommen auf die eine oder die andere Weise. Der Richter Farrar bringt es auf seinem morgendlichen Rundgang fertig, mit dem Feuerzeug, das er immer in der Tasche trug, seinen Schlafrock in Brand zu stecken. Seinen schweren Verbrennungen erliegt er noch am selben Tag, über Art und Umfang der ärztlichen Rettungsbemühungen werden wir nicht unterrichtet. Der Major Le Strange ist, einer Zeitungsnotiz zufolge, ohne Vorwarnung im Hallway seines Gutshauses in Henstead, Suffolk, zusammengebrochen und gestorben, jede ärztliche Hilfe kam zu spät, er hätte sie sich auch verbeten.

Als Kind war Selysses in seinem Heimatort W. schon früh mit Vertretern des ärztlichen Standes in Kontakt gekommen. Die Patienten, die die Praxis des Dr. Rambousek aufsuchten, waren nur um ein Geringes zahlreicher als die Besucher des von den Schwestern Babett und Bina betriebenen Café Alpenrose, das nie ein Gast betreten hat. Als Selysses den Dr. Rambousek aufsucht, nicht in eigener Sache, sondern in der des an einer sich nicht schließenden Wunde leidenden Engelwirts, findet er den Mediziner seinerseits tot am Schreibtisch. Die Hilfe des Kollegen Dr. Piazolo hatte er nicht mehr in Anspruch nehmen können und auch nicht wollen. Piazolo ist von weitaus robusterer Natur. Zu jeder Tages- und Abendstunde sah man ihn auf seiner Zündapp im Dorf herum oder bergauf und bergab zwischen den umliegenden Ortschaften hin und her fahren. Winters wie sommers trug der Dr. Piazolo, der in Notfällen ohne weiteres auch Veterinärgeschäfte zu übernehmen bereit war und der offenbar den Vorsatz gefaßt hatte, im Sattel zu sterben, eine Fliegerhaube mit Ohrenklappen, eine ungeheure Motorradbrille, eine lederne Montur und lederne Gamaschen. Dem verunfallten Jäger Schlag kann er nicht mehr helfen, Selysses’ Diphtheritis behandelt der Großvater nach Piazolos ärztlichen Anweisungen erfolgreich. Der Dr. Piazolo hatte einen Doppelgänger oder Schattenreiter in dem gleichfalls nicht mehr zu den Jüngsten zählenden Pfarrer Wurmser, der seine Versehgänge auch die längste Zeit schon mit dem Motorrad machte, wobei er das Versehgerät, das Salböl, das Weihwasser, das Salz, ein kleines silbernes Kruzifix sowie das Allerheiligste Sakrament in einem alten Rucksack mit sich führte, der dem des Dr. Piazolo bis aufs Haar glich, weshalb die beiden, als sie einmal beim Adlerwirt beieinandergesessen sind, auch verwechselt haben, so daß der Dr. Piazolo mit dem Versehgerät zu seinem nächsten Patienten und der Pfarrer Wurmser mit dem Arztwerkzeug zum nächsten im Erlöschen liegenden Mitglied seiner Gemeinde gekommen sein soll. – Die slapstickartige Anlage der Szene darf über den Ernst der Lage nicht hinwegtäuschen, überkommene Seelenheilkunde und neuzeitliche Körperheilkunde sind durcheinandergeraten und haben sich gegenseitig lahmgelegt, der heilige Georg mit dem Strohhut und der heilige Antonius haben ihre Plätze verlassen, das von Pisanello festgehaltene wohl austarierte Verhältnis von Alt und Neu ist zerstört. Oder bringt das Vertauschen der Rucksäcke nicht vielmehr an den Tag, daß beider Inhalt unzureichend und unangemessen ist und auch nicht hinreichend und angemessen sein kann. Möglich ist aber auch die Lesart, in der zu der fraglichen Zeit die Institutionen des Landarztes und des Dorfpfarrers noch so solide installiert waren, daß selbst der versehentliche Austausch des Arbeitsgerätes ohne nennenswerte Folgen blieb.

Zu Beginn der Ringe des Saturn treffen wir Selysses in einem Zustand gänzlicher Unbeweglichkeit im Spital, ein behandelnder Arzt ist nicht in Sichtweite. Mit literarischen Mitteln nimmt Selysses seine Heilung selbst in die Hand. Indem er sich in Kafkas Käfer verwandelt, gelingt es ihm immerhin, sich am Fenster aufzurichten und, ähnlich wie Gregor in die stille Charlottenstraße, hinauszublicken über die Stadt, die sich bis weit gegen den Horizont sich erstreckte. Gleich anschließend erfahren wir von zwei Todesfällen, in denen weder die ärztliche Kunst noch die Selbstheilungskräfte etwas auszurichten vermochten. Michael Parkinson, den seit ein paar Tagen niemand gesehen hatte, wird in seinem Bett tot aufgefunden. Die gerichtliche Untersuchung ergibt that he had died of unknown causes. Rosalind Dakyns, seine Kollegin, erliegt in der kürzesten Zeit einer ihren Körper zerstörenden Krankheit.
Der Erste Teil der Ringe verharrt dann weiterhin bei der Medizin, indem er sich dem Arzt und Prosakünstler Thomas Browne zuwendet, Arzt in der Zeit, als sich die moderne Medizin, ähnlich wie die Astronomie von der Astrologie, von der mittelalterlichen Heilkunde befreit. Browne war, wie der Dichter vermutet, anwesend bei der öffentlichen, von Rembrandt im Bild festgehaltenen Prosektur des Stadtgauners Aris Kindt. Die Leichensektion war das Kernstück der medizinischen Grundlagenforschung, und als solches wollte sie gesehen werden. Zweifellos auch handelte es sich bei der Prosektur einesteils um eine Demonstration des unerschrockenen Forschungsdrangs der neuen Wissenschaft, andernteils aber, obzwar man das sicher weit von sich gewiesen hätte, um das archaische Ritual der Zergliederung eines Menschen, um die nach wie vor zum Register der zu verhängenden Strafen gehörende Peinigung des Fleisches des Delinquenten bis über den Tod hinaus. Daß es bei der Amsterdamer anatomischen Vorlesung um mehr ging als um die gründliche Kenntnis der inneren menschlichen Organe, dafür spricht der an Rembrandts Darstellung ablesbare zeremonielle Charakter der Zerschneidung des Toten. Die unförmige Hand ist das Zeichen der über Aris Kindt hinweggegangenen Gewalt. Mit ihm, dem Opfer, und nicht mit der Gilde, die ihm den Auftrag gab, setzt der Maler sich gleich. Er allein hat nicht den starren Blick, er allein nimmt ihn wahr, den ausgelöschten, grünlichen Leib, sieht die Schatten in dem halboffenen Mund und über dem Auge des Toten. – Mit den Mitteln der Kunst erkennt Rembrandt die Medizin als Wissenschaft nicht des Lebens, sondern des Todes.

Als Austerlitz nach Verlassen des Veterinärmedizinischen Museums in Paris zusammengebrochen ist, kommt er in der Salpêtrière wieder zu sich, einem ein eigenes Universum bildenden Gebäudekomplex, in welchem die Grenzen zwischen Heil- und Strafanstalt von jeher unsicher gewesen sind, wo er in einem der oft mit vierzig Patienten und mehr belegten Männersälen lag. Die Unterbringung ähnelt der Aurachs, Foucault ist in seinem philosophischen Werk ähnlichen Eindrücken nachgegangen. Vertreter der Heilkunst lassen sich nicht blicken. Hätte nicht der Krankenpfleger Quentin Quignard im Notizbuch des Kranken die Adresse M. de V., 7 Place des Vosges gefunden, weiß man nicht, was aus ihm geworden wäre. Bei einem ihrer regelmäßigen Besuche bringt Marie aus der Bibliothek ihres Großvaters ein altes Arzneibüchlein mit, pour toutes sortes de maladies, internes et externes, invéterées et difficiles à guérir. Die Lektüre dieses Büchleins, von dem er bis zum heutigen Tag noch ganze Passagen auswendig weiß, läßt Austerlitz, ohne sonstige heilkundliche Maßnahmen, sein verlorenes Selbstgefühl und seine Erinnerungsfähigkeit wiedererlangen.

Selwyn und Bereyter haben die Fürsorge des Gesundheitswesens vermieden, Aurach will ihr entkommen, Adelwarth liefert sich ihr aus, have gone to Ithaca. Anstelle eines Heilers findet er, wohl seinem geheimen Wunsch entsprechend, seinen Henker. Die Diagnose lautete auf schwere Melancholie im Senium, verbunden mit stupuröser Katatonie, doch stand hierzu im Widerspruch die Tatsache, daß der Patient keine Anzeichen der gemeinhin mit diesem Zustand einhergehenden körperlichen Verwahrlosung zeigte. Bemerkenswert war auch, mit welcher Bereitwilligkeit er sich der Schockbehandlung unterzog, die in dieser Zeit wahrhaftig an eine Folterprozedur oder ein Martyrium heranreichte. Zum anberaumten Zeitpunkt saß er jedesmal schon auf dem Hocker vor der Türe und wartete, den Kopf an die Wand gelehnt, die Augen geschlossen, auf das, was ihm bevorstand.

Nach Rembrandts gültigen Einsichten in das Wesen der Prosektur war Gutes nicht mehr zu erhoffen. Halbgötter in Weiß, die sich auf die Stelle des toten Gottes drängen mit dem Anspruch, über den Verlust des versprochenen Ewigen Lebens hinwegzutrösten, indem sie dem begrenzten irdischen Dasein die größtmögliche Ausdehnung verleihen, sind in Sebalds Werk nicht anzutreffen. In den Krankensälen sind die Moribunden allem Anschein nach sich selbst überlassen. Besser, man geht ohne ärztliche Hilfe aus dem Leben. Rambousek gilt bei den wenigen, die seine Praxis aufsuchen, als guter Arzt, einen Einfluß auf die Gesamteinschätzung der Lage hat das nicht. Wenn Farrar auf sein Berufsleben als Richter mit einigem Befremden zurückblickt, so Abramsky auf das seine als Arzt mit schierem Entsetzen. Der Folterknecht Professor Fahnstock muß nicht ausdrücklich erwähnt werden. Die überwiegend dem Großvater obliegende Heilung des Schülers Selysses von der Diphtherie ist weithin der einzige zu vermeldende medizinische Erfolg, Piazolos gleichsam nomadenhafte Ausübung der ärztlichen Kunst im ländlichen Terrain vom Krad aus mag noch angehen. Austerlitz gesundet nicht dank der modernen Medizin, er kuriert sich durch die bloße Lektüre eines heillos veralteten Arzneibüchleins.
In dem Augenblick, als Luciana Michelotti möglicherweise seine Schulter berührt, erinnert Selysses sich an einen Besuch in einem Brillengeschäft in Manchester. Neben ihm stand eine chinesische Optikerin, die, wie ein kleines Schildchen an ihrem Berufskittel anzeigte, wunderbarerweise Susi Ahoi hieß. Wiederholt rückte sie die schwere Testbrille zurecht, und einmal rührte sie sogar, viel länger, wie ich mir einbildete, als nötig gewesen wäre, mit ihren Fingerkuppen wie mit einer heilenden Hand an seine wie so oft vor Schmerzen klopfenden Schläfen, wenn auch wahrscheinlich bloß, um mir den Kopf etwas besser auszurichten. Da die Erinnerung an sie unmittelbarer von der Limoner Wirtin abzweigt, ist die optische Fachkraft gleichsam deren Schwester, und sicher ist es auch nicht ohne Bedeutung, daß es eine Chinesin ist. Es gibt keine Hinweise, der Dichter habe der europäischen Medizin die chinesische gegenüberstellen wollen, die Suche nach einem anderen Denken als dem in Europa nicht nur in der Medizin eingeschlagenen gilt ihm aber als unerläßlich wenn wohl auch aussichtslos. Auch unser Herr, wenngleich ihm bei der Behandlung des wahnsinnigen Gadareners zweifellos ein schwerer Kunstfehler zuungunsten der zweitausend Exemplare starken Sauherde unterlaufen war, setzte für gewöhnlich ganz auf die Heilkraft der unbewaffneten Hände.

Dienstag, 1. Oktober 2013

Menschenrassen

Race de Combray

Dem mit dem Rassismusverbot noch nicht vertrauten Proust zerfällt die Menschheit in zwei Rassen, so unterschiedlich wie in der Vorzeit Cro-Magnon und Neandertaler. Auf der einen Seite haben wir la race de Combray, bestehend aus der Mutter und der Großmutter des Erzählers, mit Einschränkungen ferner dem Vater, der Tante Leonie und, in spezieller Weise, auch Françoise, und auf der anderen Seite alle anderen. Was die einen ausmacht, fehlt den jeweils anderen völlig. Der Leser wundert sich, daß diese beiden Abteilungen die gleiche Welt teilen sollen und noch mehr, daß vermittels des Mediums der französischen Sprache eine Verständigung möglich sein soll; sie besteht aber wohl auch nur zum Schein. Während des Aufenthalts in Balbec nimmt denn die Großmutter die mondäne Welt des Grand Hotels so gut wie nicht wahr, sie geht an ihr vorüber. Et depuis que la race de Combray, la race d’où sortaient des êtres absolument intacts comme ma grand-mère et ma mère semble presque éteinte, verbleibt der Erzähler in einer ihm gänzlich fremden Menschenwelt, die er, als sei er auf einem fremden Stern ausgesetzt und ohne andere Wahl und Beschäftigung, umso penibler mit dem Blick eines Humanethologen erforscht, im Hinblick auf die im Werk dominante mondäne Welt möchte man im Hinblick auf die dort vorgefundenen bizarren Formen vom Humanentomologen sprechen.
So rein und unvermischt die Rasse von Combray ist, in so viele Sphären zerfällt der Rest der Menschenwelt, Sphären die nach der Annahme des jungen Humanentomologen klar und unaufhebbar voneinander geschieden sind. Bald schon muß er aber erkennen, daß sein Forschungsansatz nicht hinreicht, daß er den moderneren eines Beobachters der zweiten Ordnung annehmen muß. Die Sphären stellen sich ganz anders da, ob sie nun von Mme Verdurin, dem Baron Charlus, Saint-Loup, der Großmutter oder Françoise wahrgenommen werden. Erst als es dem Erzähler gelingt, alle Blickwinkel nachzuvollziehen, klärt sich ihm das Bild. Erst jetzt hat er den Blick frei für die realen Übergänge zwischen den Sphären, die am leichtesten auf der Seite der Frauen zu verfolgen sind, da hier in der Regel jeder Sphärenwechsel mit einem Namenswechsel verbunden ist. So wird aus Miss Sacripant Odette de Crécy, dann Mme Swann, dann la Comtesse de Forcheville und schließlich die Maitresse des Duc de Guermantes. Beim letzten großen Empfang des Prince de Guermantes im Temps retrouvé  ist der Erzähler nach langer Abwesenheit einer Fülle solcher zum Teil unglaublicher Szenenwechsel ausgesetzt, am verstörendsten die Verwandlung von Mme Verdurin in Mme de Guermantes. In gewisser Weise werden die Aufsteiger aber um die Früchte ihres Erfolgs gebracht, da die für die Würdigung unerläßlichen Kenntnisse der Sphärenordnung beim Publikum drastisch zurückgehen. Noch verstörender als die gesellschaftlichen Bewegungen sind die bei allen zu beobachtenden biologischen Spuren, mit denen das Leben den Eintritt des Todes schon vorbereitet hat. Die Race de Combray, die Mutter und die Großmutter, ist dagegen keinerlei Veränderungen unterworfen mit der einzigen Ausnahme der des Todes, und selbst der trifft bei ihnen, bevor er eintritt, keine sichtbaren Vorbereitungen.

Wegen der prominenten Bedeutung verschiedener Formen des Erinnerns in beider Werk werden Proust und Sebald häufig in einem Satz genannt. Die Unterschiede sind aber kaum weniger auffällig als die Ähnlichkeiten, und der nicht geringste Unterschied ist das entschiedene Fehlen der Race de Combray bei Sebald. Combray ist als die Ortschaft W. vorhanden - hier die Ach und dort die Vivonne -, aber der Platz der Mutter und Großmutter ist sorgfältig herausgeschnitten. Der Großvater steht an der verlassenen Stelle, zieht aber keine bedeutenden Erzählstrecken auf sich. Mit dem Fehlen der Race de Combray rückt auch der Rest der Menschheit in ein anderes Licht.

Prousts Werk bewegt sich auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu, den der Dichter in einer sehr unaufgeregten Art kommentiert. Den Niedergang der Gesellschaft, von der er sein Leben lang umgeben war, beobachtet der Erzähler beim Empfang der Guermantes im Temps retrouvé ohne sichtbare Zeichen von Wehmut oder gar Trauer. Wenn Sebalds Werk gleichfalls um das Jahr 1913 kreist, so in einem Rückblick über zwei Generationen hinweg. Die gegenwärtige Menschengesellschaft ist es nicht wert, betrachtet zu werden, wenn es eine Barbarei ist, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, so kann es umso weniger einen poetischen Soziologen wie Proust noch geben. Die Menschen, die Selysses trifft, sind keiner gesellschaftlichen Sphäre zuzuordnen, am sogenannten gesellschaftlichen Leben nehmen sie nicht teil, ob Protagonisten oder Komparsen, es sind allesamt Emeriten wie Selwyn und Bereyter oder Eremiten unterschiedlich strenger Observanz wie Garrad und Le Strange.
Die größte und wohl nicht zufällige Nähe zu Proust erreicht Sebald in seiner, Austerlitz mitgezählt, wohl schönsten Langen Erzählung: Ambros Adelwarth. Das Erzählen beginnt mit einem Familienfest in W./Combray, sogar die Mutter wird kurz erwähnt. In Newark wird der Erzähler von der Tante Fini und dem Onkel Kasimir schon fast wie ein Sohn empfangen. Cosmo Solomon, reich, homosexuell und todesgeneigt, hat das Format eines Prousthelden. Er teilt Züge der Ähnlichkeit mit Swann, Charlus und Saint-Loup, ohne aber einem der drei zu gleichen. Zum Ende aber wird er ein Eremit nach Sebalds Maß, ein Eremit aber auch wie Proust schließlich selbst, im Haus n°102, Boulevard Haussmann. Im Deauviller Hotelzimmer, unweit Balbec, schleicht Selysses sich dann im Traum ein in Prousts Welt und lernt la race du côté de Guermantes kennen, die Welt, in der Saint-Loup, Swann, Montgomery, Fitz James, d’Erlanger, de Massa und Rotschild sich bewegen. Ganz zuletzt erscheinen die schönsten der jungen Damen, les jeunes filles en fleurs, in Spitzenkleidern, durch die die seidene Wäsche hindurchschimmerte, nilgrün, crevettenfarben oder absinthblau. In kürzester Zeit sind sie umgeben von schwarzen Männerfiguren von denen einige besonders verwegen ihre Zylinder auf Spazierstöcken in die Höhe hielten. Am Morgen dann der Blick vom Hotelfenster aus auf eine auf das geschmackloseste zusammengerichtete Person, die ein weißes Angorakaninchen an der Leine spazieren führt. Ein giftgrün livrierter Clubman hält ihm immer dann, wenn es nicht weiter will, ein Stückchen Blumenkohl vor. Proust wäre sicher von diesem, so wie er es verstanden hätte, letzten Blick auf Leben und Werk der Mme Verdurin entzückt gewesen.

Noch von einer anderen Rasse - flüchtig haben wir sie schon erblickt - ist zu sprechen, eher ein Stamm, ein tribu, la petite bande de jeunes filles en fleurs auf der Promenade von Balbec, composée d’êtres d’une autre race, Prousts wohl schönste poetische Kreation. Die Illusion einer fremden Rasse oder auch nur eines besonderen Stamms verfliegt aber schnell. Die einzelnen Mitglieder der petite bande, die, wie sich zeigt, wenig miteinander verbindet, treten hervor, Andrée, Gisèle, Rosemonde und schließlich Albertine, die, als Gefangene und als Flüchtige, titelgebend für zwei Bände der Recherche wird. Der petite bande de jeunes filles am nächsten kommt bei Sebald die Gruppe weiblicher Mitreisender, nicht weniger bezaubernd als die petite bande das junge Mädchen und die Franziskanerin im Zug nach Mailand und die transzendente Erscheinung der Winterkönigin im Zug rheinabwärts. Wir lernen die schönen Reisenden nicht näher kennen, ihren Namen erfährt weder der Erzähler noch einer von uns.